Stummfilm-Forum von

Seiten: Anfang ... 3 4 5 6 7 ... Ende Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Metropolis Schlüsselszenen wiederentdeckt


Dazu noch den Ursprung dieser frohen Kunde, nämlich die offizielle Pressemitteilung vom 29.10.09 (verlinkt):Restaurierte Originalfassung von Fritz Langs Metropolis feiert Premiere bei der Berlinale 2010

Die gibt es auch als 56KB kleines PDF hier:
http://www.berlinale.de/media/pdf_word/pm/60_berlinale/12_PM_Metropolis_29_10_09.pdf

Titorelli: Ich werde demnächst gerne ausführlich darüber berichten.

Sei so gut! Sechs Wochen sind seither ins Land gegangen ohne Fortsetzung; oder hast Du sie anderswo gepflanzt?



sorry, bin etwas im Stress aber machs gleich fertig ...

-------------------------------
"Du musst Caligari werden - -!"


Also liebe Freunde und Hoffenden bei der Suche nach einem von vielen Heiligen Grälen der Filmgeschichte. Hier nun so ausführlich wie nötig die Bestandsaufnahme eines langjährigen Fritz Lang und Metropolis-Enthusiasten. Ich habe wie gesgat die Argentinische Fassung ausgiebig begutachten können und ebenso ausgiebig mit der mir vorliegenden Klavierdirektionstimme verglichen. Alle folgenden Längenangaben beziehen sich übrigens auf 25 Bilder je Sekunde.
Wie schon angedeutet ist die Argentinische Fassung selbst nur ein Fragment und unterlag selbst auch einigen offensichtlichen Kürzungen. So fehlen grob geschätzt dort schon mal die hälfte aller Zwischentitel, jedoch entsprechen jene, die erhalten sind, ziemlech genau den deutschen originalen, wenn auch viele (damals) graphisch neu gestaltet wurden. Interessanterweise haben sich aber auch sehr viele Titel erhalten, die graphisch genau den erhaltenen deutschen entsprechen (z.B. alle Titel der Babel-Sequenz). Darunter einige Tricktitel: die beiden bewegten Titel "Tief unter der Erde lag die Stadt der Arbeiter" sowie "So tief die Stadt der Arbeiter ...". Sehr beeindruckend ist der erhaltene Spanische Titel "Wahrlich, ich sage euch, nahe sind die Tage, von denen die Apokalypse spricht" - die Buchstaben flackern prophetisch, wie stark glimmende Glut. Darüberhinaus haben sich ebenso einige Inserts auf spanisch erhalten (u.a. der Zettel "Josaphat, 99. Block, Haus 7, 7. Stock" oder "C. A. Rotwang bittet Herrn Joh Fredersen heute Abend sein Gast zu sein" oder "Groß ist die Welt und Ihr Schöpfer, und Groß ist der Mensch", darüber hinaus das Bibelblatt mit der Hure Babylon, die Inschrift auf dem Hel-Denkmal und ein Brief von Rotwang an Fredersen), die den deutschen gestalterisch exakt entsprechen. Das heißt, dass sämtliche Titel und Inserts 1926/27 in allen wichtigen Exportsprachen hergestellt wurden.
Auch ist die argentinische Kopie fast durchweg von einer Vielzahl von Bildsprüngen durchsetzt, oft auch zwischen Einstellungen, wodurch Anschlüsse unglücklich sind und der fragmentarische Charakter unterstrichen wird. Das größte Defizit der Fassung ist allerdings die bei der Umkopierheuung in den 1960er Jahren entstandene "Beschneidung" des Bildfensters, wie man es von alten VHS-Kassetten etc kennt, wenn das komplette Stummfilmbild auf Tonfilm-Format kopiert wurde. Es fehlt praktisch oben, unten, rechts und links immer ein ganzes Stück vom Bildinhalt, so ist das Denkmal der Hel oben angeschnitten, andere Figuren am Bildrand verschwinden fast (z.b. Fredersen in einer Einstellung, wenn Rotwang triumphierend mit seiner Stahlhand wedelt. Besonders bei Zwischentiteln macht sich dieser Nebeneffekt bemerkbar. Nun ja, aber abgesehen von allen anderen Gebrauchsspuren hat das argentinische Material hin und wieder eine erstaunliche gute photographisch Qualität.

Aber nun zum Film und den neuen alten Szenen und dem, was revidiert werden muss. Alle bisherigen Lücken, die ich laut Partitur nun für komplett erkläre, sind durch das Wort „komplett“ gekennzeichnet, die anderen mit „Lückenhaft“

- Der Zeremonienmeister. Der Beginn der Gartensequenz ist sehr Lückenhaft, es kommen jedoch zwei Einstellungen des Zeremonienmeisters hinzu. Einmal, wie er die Mädchen heranwinkt, dann eine Einstellung inmitten der Mädchen, sprechend, wahrscheinlich gehört diese vor den Titel "Wer meine Damen hat heute die Vorzug ...". (Verglichen mit der Partitur passt jedoch der komplette Szene an der Grotte in keiner Fassung zur den Stichworten der Musik, selbst die Musikeinspielung der Studienfassung ist stark gekürzt, entspricht aber wahrscheinlich einer von Huppertz umgearbeiteten Version, die in dem mir vorliegenden Klavierauszug [noch] nicht berücksichtigt wurde. Somit ist es für mich schwer zu sagen, wie die Szene aussehen müsste). lückenhaft

- Das Lippenschminken. Nach einem längeren Filmriss setzt die Gartenszene wieder ein, wenn der Zeremonienmeister seinen Schminkstift zückt und das Mädchen schminkt und Pudert. Er pudert sie so stark, dass eine plötzliche Staubwolke das Bild praktisch kurz in Nebel hüllt - eine der wenigen komischen Szenen im Film. Danach folgt die bekannte Totale, wenn Freder ins Bild läuft. In der 2001er Fassung ist die Staubwolke hier noch leicht zu sehen.

- Wenn Maria in der Tür erschienen ist, kommen noch einige kleine Einstellungen dazu, mindestens eine: wenn einige Mädchen zu Freder ins Bild kommen, bevor dieser in einer Näheren Einstellung die hand schlichtend-beruhigend senkt. Diese Gehste bekommt dadurch mehr Bedeutung.

Die Gartenszene scheint mir trotz alledem nicht komplett.

- Die erste längere Lücke, die nun geschlossen wird: Freder bei seinem Vater nach dem Titel „Wo sie hingehören!“: Freder wendet sich an seinen Vater und fragt noch mal „Wo sie hingehören?“ dann folgt das bekannte Bild, wie der Fahrstuhl in die Tiefe fährt. Danach kommt hinzu, wie Fredersen nickt, kalt bleibt, während Freder leicht schwankt, die Hände an den Kopf fasst, die Doppeluhr aus dem Prolog an der Wand sieht, Fredesen sich hart und kaltherzig von seinem Sohn abwendet. komplett

- Eine Einstellung, wenn Josaphat nach seiner Entlassung die Treppe hinuntergeht. Der Raum wir einprägsamer definiert. komplett

- Eine Einstellung, wie Freder Jospaphats Adresse aufschreibt, danach der Titel „Gehen sie heim Josaphat und warten sie auch mich …“ komplett

- Jetzt wird es einschneidender: Der Schmale beobachtet Freders Wagen. Er steht an einem belebten Zeitungsstand, mit einer flackernden Leuchtreklame. komplett

Fortsetzung folgt …


-------------------------------
"Du musst Caligari werden - -!"


Titorelli:
Fortsetzung folgt …


Hoffentlich bald! Das ist enorm spannend. Vielen Dank für die Mühe.

Weiß irgend jemand, wie man an Karten für die Premiere in der Alten Oper Frankfurt am 12. Februar kommt? Meine Internetsuche war bisher ergebnislos.

______________________________________________
"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Das ist sehr spannend und ersetzt mir schon mal den Teaser... Herzlichen Dank!!

_______________________________________________
http://gimlihospital.wordpress.com/


Fortsetzung:

- Georgys Fahrt zum Yoshiwara, jene von Roland Schacht nach Kürzungen schmerzlich vermisste Szene, nachdem Georgy seine MAschine verlässt: zunächst fehlt eine Einstellung des Schmalen (Filmriss). Georgy steigt in den Wagen, zeigt dem Chauffeur den Zettel, der Schmale schreibt auf den Zeitungsrand. Nun eine Lücke (Kürzung?) – In der Partitur finden sich die Stichworte „Autoinneres“, „Licht an“ und „Georgy reckt sich“. Danach folgt die Einstellung von Freders Zettel, der in der 2001er Fassung in die vorige Maschinen-Szene montiert ist, wenn Freder diesen Georgy gibt. Dieses englische Insert war bisher die einzige erhaltene Einstellung aus der Autofahrt-Szene (!) und überlebte anscheinend aufgrund eines Montagefehlers bzw. einer Verwechlung ähnlicher Inserts: wer die Einstellung des Zettels genau betrachtet, stellt fest, das Georgy hier (im Auto) sitzt und das flackernde Licht von den vorbeigleitenden Straßenlichtern kommt.
Nun sehen wir Georgy im Wagen sitzen, den Zettel einstecken, Geld aus der Tasche ziehen, die Handbremse wird gezogen, ein Ruck geht durch Georgy, der das Geld an sich drückt, zum Fenster rausblickt, eine junge Frau (aus den Ewigen Gärten - Margarete Lanner) im Nebenwagen sieht, sie anstarrt. Lücke (Zensur?): Es fehlt eine Einstellung, wie (laut Drehbuch) der Frau der Mantel von den Schultern gleitet, sie sich eine Zigarette anzündet. Dann sehen wir wieder Georgy, sichtlich geblendet. Die Fahrt geht weiter, wieder die Handbremse, wieder ein Ruck, Georgy blickt verheißungsvoll auf das Geld. Nun wirft jemand Flugblätter von einem Eisenträger, Zettel fliegen zu Georgy hinein „Yoshiwara“. Nun ein Gewirbel von Zetteln, Georgy reist die Arme hoch, es wird surrealistisch übertrieben, es folgt eine eindrucksvolle Tricksequenz: Zettel, Luftballons, die sich überblenden in drei lächelnde Frauen verschiedenster Nationalitäten, wohl Prostituierte, dann Küsse, Paare, Roulette, hin und her rasende Klaviertasten teilen das Bild, ein Geiger (Huppertz himself?), das alles in Mehrfachbelichtungen. Dann in der Bildmitte eine Tänzerin, in den Ecken Küssende Paare und ein Roulette. Bildsprung (Zensur?), ansatzweise ist noch zu erkennen, wie ihr das Kleid von der Schulter rutsch und sie darunter nackt ist (Stichwort in der Partitur: „Nackte Frau“). Das Bild setzt wieder ein bei einer Lochblende, die wieder zu Georgy führt. Dieser, sichtlich verwirrt und innerlich erregt, zeigt dem Chauffeur den Yoshiwara-Zettel, dieser wendet das Steuerrad. Es scheint hier noch eine Einstellung des Chauffeurs zu fehlen.
Frau Wilkening erzählte mir, dass es zwar in Argentinien damals keine Zensur gab, trotzdem scheinen alle hier fehlenden Einstellungen offenstichtliche Zensureingriffe zu sein, wobei im weiteren Filmverlauf nichts dergleichen gekürzt ist. Vielleicht hat sich ein Filmvorführer hier seine Lieblingseinstellungen für die Privatsammlung herausgeschnitten Lückenhaft.

Fortsetzung folgt ...

-------------------------------
"Du musst Caligari werden - -!"

Zuletzt bearbeitet: 01.11.09 18:00 von Titorelli


Herzlichen Dank an Titorelli für diese geniale Analyse!!
Es ist auch für mich einer der Heiligen Gräle



Titorelli:

...ein Geiger (Huppertz himself?)...


Ja! Er ist Huppertz. Und noch wieder in "Spione"...

________
»Für mich bestand die Schwierigkeit, mit einer uralten Sage eine uralte Musik zu verbinden«
- Gottfried Huppertz


FiMuMu:
Ja! Er ist Huppertz


So? Ich habs vermutet ... woher weißt du das? Hast du die argentinische Fassung auch sehen können? Oder steht das irgendwo beschrieben?

... Die Rotwang-Szene werd ich morgen beschreiben ...

-------------------------------
"Du musst Caligari werden - -!"


Fortsetzung:

- Fredersen bei Rotwang. Nachdem wir Rotwang kennen gelernt haben, sehen wir folgendes: In einer einzigen langen Einstellung (total): Fredersen von hinten, vor einem riesigen Vorhang, rechts und Links am Bildrand jeweils eine lange Vorhangschnur mit einer dicken Kordel. Fredersen geht auf die linke zu, zieht leicht daran. Langsam öffnet sich der Vorhang nach beiden Seiten, dahinter wird sichtbar, in voller Größe, etwa dreimal so groß wie Fredersen: das Denkmal der Hel. Ich bezweifle, dass, wie in der Doku auf der DVD beschrieben, der Kopf des Denkmals ein eingespiegeltes Modell war, da der Bild-Bereich, in dem sich der Vorhang bewegt, sich mit dem Kopf und Fredersen überschneidet. Wie dem auch sei, Fredersen, obwohl nur von hinten sichtbar, geht sichtlich innerlich bewegt langsam auf das Denkmal zu. Fast Nahaufnahme, Fredersen im Profil (Musik: Adagio, piano, Thema der Hel), den Blick nach oben gerichtet. Seine Hand greift tief in den Vorhangstoff. Eine schauspielerische Glanzleistung Alfred Abels - haben wir Fredersen bisher als kalten, harten Monopolisten kennen gelernt, offenbart sich hier in wenigen, ganz und gar nicht expressionistischen, zurückhaltenden Gehsichtsregungen ein wahres Gemälde von Gefühlsausdruck. Fredersen senkt den Blick unter tiefen Schmerz, atmet tief durch, zieht die Schultern an, hebt den Blick wieder. Es folgt die Inschrift auf dem Sockel. Dann wieder Fredersen, der den Blick unter starken innerlichen Zwang wieder zum Kopf hebt. Rotwang betritt forsch den Raum, stockt, sieht, wie Fredersen auf das Denkmal zu geht, Rotwang reagiert blitzschnell, rennt los, reißt den Vorhang zu, der von beiden Seiten zufliegt, wie durch den bloßen Willen Rotwangs. Dieser Schreit Fredersen an, weißt ihn fort, greift sich ans Herz und fährt wieder mit der Hand auf Fredersen los. Es folgen zwei bekannte Bilder: Fredersen links von hinten, Rotwang vor ihm wild redend und Gestikulierend. Dann Fredersen nah im Profil, sehr sanft, davor Rotwangs fuchtelnde Hand. Fredersen spricht „Ein Hirn wie das deine müsste vergessen können“ Nun fehlt folgendes (Filmriss): laut Drehbuch in etwa: Ein Grausiges Gelächter erschüttert Rotwangs Brust (Musik: wieder das Hel-Thame, diesmal Andante und forte). Ohne laut zu werden, als fiele sein Gesicht in eine ewige, folternde Dunkelheit, in der nur noch die Augen flackern, als sähen diese nur noch eine unentrinnbare Erinnerung, raunt Rotwang: „Ich habe ein einziges mal im Leben etwas vergessen, das Hel ein Weib war, und du ein Mann!“ Es folgt die bekannte Nahaufnahme von Fredersen (diese ist in der 2001er Fassung zwischen die ergänzenden Texte Montoiert, wenn Fredersen das Denkmal erblickt), frontal, wie ein plötzlicher innerlicher Schauer über sein Gesicht fährt. Doch die argentinische Fassung zeigt mehr: Er wendet den Kopf langsam ab, zur Seite, spricht sehr sanft und gequält „Lass die Tote ruhen, sie ist dir wie mir gestorben.“ Nun wieder zwei bekannte Bilder: Rotwang, frontal, Augen und Mund triumphierend aufgerissen, er weicht nach hinten, ruft ‚nein - - - nein!!!’, fuchtelt mit der Hand vor die Kamera; dann beider von der Seite, Rotwang fuchtelnd, greift sich an die Brust, spricht „Mir ist Sie nicht gestorben, Joh Fredersen, mir lebt sie!“ Bekannt: Fredersen wendet sich Rotwangs Stahlhand zu, doch die argentinische Fassung zeigt wiederum mehr: Rotwang hebt grinsend den Blick, (hier leider ein heftiger Bildsprung), plötzlich reist er die Stahlhand triumphierend in die Höhe (so wie nachher vor dem Maschinenmenschen bei dem Titel „Nun … lohnt es sich nicht eine Hand zu verlieren …“) demonstriert ihre Beweglichkeit, weißt nach oben (zum Labor?), spricht „Glaubst du, der Verlusst einer Hand sei zu hoher Preis für die Wiedererschaffung der Hel?“ Fredersen fast Rotwang erschrocken an den Arm (dieses kurze Fragment sieht man auch in der Fassung des MoMA bzw. der 90-min-Fassung von Atlas-Video), den Rest kenne wir: Rotwang plötzlich ganz ruhig „Willst du sie sehen“ und so weiter … Leider sind die in der 2001er Fassung erhaltenen Einstellungen dieser Szene um viele kleine Details beraubt. Ob man diese in der neuen Restaurierung berücksichtigen wird, halte ich für fragwürdig, da man eine Menge Bildsprünge in Kauf nehmen müsste, wenn man die entsprechenden Einstellungsfragmente ergänzen würde … Lückenhaft

Fortsetzung folgt, es gibt noch mehr von Fredersen und Rotwang!


-------------------------------
"Du musst Caligari werden - -!"

Zuletzt bearbeitet: 03.11.09 10:34 von Titorelli


Titorelli:
FiMuMu:
Ja! Er ist Huppertz

woher weißt du das? Hast du die argentinische Fassung auch sehen können?


I wish!
Aber nein, ich habe das nur 2008 in "Zeit Magazine" gesehen...



Auch von mir vielen Dank für die ausführlichen und informativen Schilderungen, TOPP!!!!



Fortsetzung:

- Rotwang und Fredersen oder "das männliches Melodram" (so Anke Wilkening).
Nachdem Rotwang Fredersen den Maschinenmensch vorgestellt hat, endete die Szene bisher folgendermaßen: Rotwang spricht "Noch 24 Stunden Arbei, und kein Mensch, Joh Fredersen, wird den Maschinen-Menschen von einem Erdgeborenen unterscheiden können --!" Rotwang endet triumphierend mit dem Finger auf Fredersens Brust, der (Nachaufnahme) die Hände an den Kopf fasst, zu Rotwang und dann zum Maschinenmenschen hinauf blickt. Dann der Kopf des Maschinenmenschen und Abblende. Tasächlich fehlten bisher hier zwei Einstellungen, die uns die argentinische Fassung liefert: zunächst erweist sich die Abblende als eine nachträgliuche Bearbeitung. Es folgt wieder Fredersen in Nahaufnahme, der sichtlich verwirrt und entsetzt wie gleichermaßen fasziniert zu Rotwang blickt, die Hände sinken lässt, und (beide total) - eine entscheidende Einstellung meines Erachtens - den Maschinenmenschen (wie einst das Denkmal der Hel) berühren zu wollen scheint, und Rotwang sich (abermals) dazwischen stellt, die Arme verteidigend ausbreitet und nun spricht "Mein ist die Frau, Joh Fredersen. Dir bleibt der Sohn der Hel!"
Es folgt die bekannte Einstellung von Freder an der Maschine.
Die zwei Einstellungen verschärfen die Darstellung des konflikts zwischen Rotwang und Fredersen nochmal entscheidend. komplett

- Danach schließt sich eine Lücke, über die man sich vor der DVD-Studienfassung offenbar nicht bewusst war. Sehr Eindrucksvoll: Rotwang, regungslos, wie ein lauerndes, böses Tier auf Fredersen starrend, hält den Vorhang fest verschlossen, Fredersen mit dem Rücken zu ihm, sehr konzentriert nachdenklich. Nah: Rotwang, unglaublich böse und verachtend auf Fredersen starrend. Nah: Fredersen von hinten, sichtlich tiefen Schmerz verarbeitend. Wieder Rotwang, hebt langsam den kopf, und vergräbt die Hände in den Manteltaschen, das Verachtende in seinem Blick bleibt. Er fragt: "Und was führt dich zu mir, Joh Fredersen?" (Die folgende Einstellung von Fredersen unterliegt leider einigen heftigen Bildstrich-Rutschern, ich hoffe man kann diese technisch beheben): Fredersen drückt mit einer inneren Verzweiflung, wohl über das gerade und einst erlebte, eine Hand an den Kopf, lässt dann wieder ab. Nun folgen die bekannten Bilder: Total: Rotwang hinten am Vorhang, Fredersen geht zu ihm, dann näher "Ich brauche deinen Rat ..." Fredersen holt die Pläne aus den Taschen etc. ... komplett
Diese Szene gehört, obwohl recht kurz, zu dem meiner Meinung nach eindringlichsten wiederentdeckten Passagen, sie bleibt lange im Gedächtnis Haften, selten wurden die Rivalität und - viel entscheidender - die beiden Figuren im Film besser charakteriert, als durch diese paar Einstellungen.

Ansonsten kommen im Auftakt nur noch ein paar Einstellungen hinzu, jeweils Fredersen und Rotwang in dem Mauerdurchblick oberhalb der Krypta betreffend. Die Position einiger Einstellungen muss jedoch korrigiert werden. Ich versuche die tatsächliche und logische Einstellungsfolge wie folgt zu rekonstruieren, soweit es mir mit meinen Möglichkeiten möglich ist:

- Die Krypta von oben, die ersten Arbeiter beginnen, sich zu bewegen und sich zu entfernen
- NEU: Hinter dem Mauerdurchblick von innen (ähnlich der ähnlichen bekannten Einstellungen), Fredersen, gerade noch durch den Mauerblick schauend, wendet sich zurück, drückt sich nachdenkend an die Wand
- Rotwang, der ebenfalls gerade hinausgeschaut hat, wendet sich erwartungsvoll zu Fredersen (nach links)
- dann von außen, Rotwang bemerkt (dass nur noch Freder unten sitzt) und versperrt Fredersen die Sicht aus auf die Krypta
- Freder von oben, der letzte Arbeiter geht
Freder näher, sieht:
- Marie, nach rechts am Altar vorbei gehend
- NEU: eine ganz kurze Einstellung (Filmriss) von Rotwang im Mauerdurchblick (von innen, wie er so steht, das Fredersen das Geschehen nicht beobachten kann)

- Nachdem Maria Freder keküsst hat und die Haare gestreichelt hat:
- NEU: kurz: Rotwang im Mauerdurchblick von außen gesehen,
- Fredersen, lässt die Hand von der Mauer ab, vergräbt die Hände in den Hosentaschen und spricht "Rotwang, gib dem Maschinenmenschen das Gesicht dieses Weibes ..."

Weitere Montagekorrektur:
- Nach dem Titel "ich will Zwietracht sähen..." folgt nur eine Einstellung von Freder und Maria, total, beide vor dem Altar, aufstehend
- die andere Einstellung, halbtotal, Maria von hinten, Freder ihre Hönde haltend, sie nach links (in den Gang) weisend, folgt erst nach dem Tital "Du Narr! Nun sollst du ..." Nun erklärt sich, warum Freder in der folgenden zwei Einstellung beängstigt in jene Richtung schaut.

Nun ja, das sind kleinigkeiten, decken aber Fritz Lags akribische Sorge ums kleinste Detail, um die wohldurchdachte Film-Komposition auf!

Als nächstes das Zwischenspiel ... das wird dann etwas länger

-------------------------------
"Du musst Caligari werden - -!"


Titorelli, für diese Mammutaufgabe habe ich dich gerade dem Caligari-Komitee für den deutschen Stummfilmorden vorgeschlagen. Nochmals vielen Dank für die Mühe!

______________________________________________
"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Auch von mir besten Dank für die detaillierte Analyse!!

Seiten: Anfang ... 3 4 5 6 7 ... Ende Zurück zur Übersicht