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Thema: Die Logik der neuen Rechtschreibung


Die Kultusministerkonferenz änderte mit der Rechtschreibreform die Schreibweise von "Quentchen" in "Quäntchen".
Das ist zunächst nicht wirklich etwas Besonderes.

Die Begründung dieser Änderung ist allerdings eine Meisterleistung in paradoxer Logik:

Zitat aus dem Newsletter der Duden-Sprachberatung:


Quäntchen

Nicht nur im Sport kann das viel zitierte Quäntchen Glück
manchmal über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. "Quäntchen"
wird in der Bedeutung "kleine Menge, ein bisschen" verwendet
und ist eine Verkleinerungsform zu "Quent", dem Namen eines
früheren deutschen Handelsgewichts. "Quent" geht auf das
mittellateinische "quentinus" zurück, den vierten Teil eines
Lots.
Trotzdem wird "Quäntchen" in neuer Rechtschreibung nicht mit
"e", sondern mit "ä" geschrieben, da der sprachhistorische
Hintergrund nicht allgemein bekannt ist und das Wort deshalb
mit "Quantum" in Verbindung gebracht wird.


Wie war das? "Quentchen" kommt von "Quent", und das wiederum kommt von "quentinus" - und deshalb schreibt man in neuer Rechtschreibung "Quäntchen" mit "ä"...?!§$%&????

Begründung: Die Allgemeinheit denkt fälschlicherweise, das Wort käme von "Quantum".......

Wie kann man Leute, die sich so etwas ausdenken, über unsere Sprache entscheiden lassen?



Die ganze Truppe, die sich monatlich zur Kultusministerkonferenz trifft, hat in den letzten Jahren nichts Positives fertiggebracht. Denen fehlt das "Quantum" Übereinstimmung und da sie immer mit voller Übereinstimmung etwas verabschieden wollen, geht dies nur über den kleinsten Nenner. Aber mit der Rechtschreibreform haben sie alle es nur abgenickt, haben es den sogenannten Fachleuten überlassen und waren somit verlassen. Es war handwerklicher Pfusch auf höherer Beamtenebene, in der Wirtschaft wären diese Leute wegen Unbrauchbarkeit entlassen worden. Egal welche Partei wo regiert, diese Ebene wird immer machen, was sie wollen. Schily hat lange bebraucht, bis der Laden (Innenministerium) das macht, was er will, ist sich aber nie sicher, ob da nicht wieder ein Stolperstein kommt. Wenn ich hier an das neue Waffenrecht denke, Beamtenwillkür pur.
Ähnlich sind die Kultusminister/in die lange an dieser Reform festhalten, bzw. diese noch verfeinern wollen, siehe "Quentchen" oder auch mit "ä" geschrieben.



Eins hat die sog. Rechtschreibreform jedenfalls bewirkt: eine riesengroße Verwirrung. So viel falsch Geschriebenes (falsch nach alter und neuer Rechtschreibung) hat es noch nie gegeben.

Beispiel gefällig?

Der "Spiegel" interpretiert auf seiner Kulturseite Shakespeares "Measure for Measure" als altbayerische Säuferkomödie:

Zitat aus Spiegel-online, 'Heute in den Feuilletons' vom 4.6.2004:
Eine einsame Besprechung gilt Simon McBurneys Inszenierung von Shakespeares "Mass für Mass" am Royal National Theatre in London.
(Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,302526,00.html)


*seufz*





Ein weiteres Beispiel der selben Kategorie:

In einigen Beiträgen hier im Forum wird gerade die Schreibweise des Wortes "Platitüde" angesprochen.

Dieses Wort soll nach neuer Rechtschreibung "Plattitüde" geschrieben werden.

Es dreht sich einem geradezu der sprachgefühlsmäßige Magen um, wenn man diese Schreibweise betrachtet.
"Platitüde" kommt vom französischen "plat" (flach, eben) und nicht etwa vom deutschen "platt".
Aber das machte den Reformern nichts aus. "Platitüde" hört sich nach "platt" an, und deshalb schreibt man es auch so.
Originellerweise wird dann z.B. in der wikipedia-Erläuterung noch hinzugefügt: "Als Plattitüde bezeichnet man auch Plattheit, Seichtheit." Prima, damit kann man es etymologisch sogar erklären...

Aber was soll man von sogenannten Reformern erwarten, die "Quäntchen" statt "Quentchen" einführen, obwohl das Wort von "Quent" kommt, und dafür als Begründung liefern, der sprachhistorische Hintergrund sei nicht allgemein bekannt?

Wer so denkt, hält auch die Allgemeinheit für so dumm, hinter "Platitüde" nichts anderes als eine Ableitung von "Plattheit" zu vermuten.

Mit kopfschüttelnden Grüßen
Walter






Zuletzt bearbeitet: 05.02.07 19:08 von banana


hmmmm...???

Also daran kann ich jetzt nichts finden. Pla(t)titüde ist ein eingedeutsches Wort aus dem französischen "platitude".

Es heißt nichts anderes als Plattheit. Das Doppel-t ist wohl aufgrund der allgemeinen Regel entstanden, dass nach kurzen Vokalen zwei Konsonaten folgen. Sonst würde es streng genommen "Plaaatitüde" ausgesprochen werden müssen.

Zumindest heißt es nicht platetüde. Darüber herrscht wohl Einigkeit. Das würde dann irgendwie den franz. Stamm haben "plat etudes" = platte (dumme) Sachen lernen.

banana



Viel schlimmer ist das Wort aufwändig!
Es stammt lt. der selbsternannten Gelehrten von dem Aufwand ab, was völliger Unsinn ist. Aufwenden beschreibt eine Tätigkeit und daher ist das Verb wortbestimmend, das Substantiv folgt erst später. Es hat etwas mit wendig sein zu tun. Oder heißt es jetzt auch "auswändig" lernen und als die "Wände" kam fielen die Wände (ähäm, die Mauer).

banana



Soll man darauf jetzt vor weinen lachen oder vor lachen weinen ?

Rettet eure Mäuse - Esst mehr Katzen!


löl

Schiesse immer auf den Mond.. sollte das daneben gehen...landest du immer noch in den Sternen.. *Sprichwort aus Amerika*


Als ausgesprochene Befürworterin der neuen deutschen Rechtschreibung (die ja nun beileibe so neu auch nicht mehr ist…), muss ich hier doch auch mal meinen Senf dazu geben.

Sicher ist die Kritik, die hier teils geübt wird, berechtigt. Aber: Tatsache ist auch, dass sich Sprache IMMER verändert, sei es durch einen falschen Gebrauch, der dann irgendwann nicht mehr auszumerzen ist und somit bewirkt, dass Worte oder Wortverbindungen als richtige Schreibweise in den Duden aufgenommen werden, oder halt durch sonstige Einflüsse, die eben Veränderungen bewirken. Mein Lieblingsbeispiel in diesem Zusammenhang ist folgendes: Nach wie vor heißt es "DIE" Klientel, jedoch setzt es sich zunehmend durch, "DAS" Klientel zu sagen, was schlicht falsch ist. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis diese Schreibweise als die richtige anerkannt wird. Sei´s drum, damit mussten auch schon unsere Väter und Großväter leben, für mich also kein Grund zur Aufregung.

Auch die derzeitige Begründung, die Umlautschreibung nach dem Stammprinzip zu gestalten regt mich nicht sonderlich auf, denn die Frage ist doch, wie weit wir hinsichtlich der einstmaligen Gebrauchsweise dieser Wörter zeitlich zurück gehen wollen? Insofern finde es unter dem Aspekt der Vereinfachung (und das war ja mit der Reform beabsichtigt) durchaus ok, wenn Quäntchen von Quantum und Stängel auf Stange abgeleitet werden soll. Seltsam und somit auch kritisch zu betrachten sind in meinen Augen die merkwürdigen Ausnahmen, die dann gemacht werden. So sind z.B. nach der neuen deutschen Rechtschreibung bei den Worten Schänke (Schenke) und aufwändig (aufwendig) beide Schreibweisen richtig. Entweder ist dies kurios oder man wollte damit in der Tat den einstigen Wortbedeutungen Ihre Existenz nicht komplett absprechen und fand diesen Kompromiss.

Was mich jedoch in der Tat in den letzten Jahren mehr und mehr aufregt, sind viele Diskutanten, die in der Frage der neuen Rechtschreibung zwar gerne Ihre Meinung kundtun/kundtaten, jedoch oftmals ohne überhaupt eine einzige der neuen Regeln zu kennen, geschweige denn, sich die Mühe gemacht zu haben, sich überhaupt einmal damit zu befassen, WAS sich denn hier nun eigentlich verändert hatte.

Wer dies getan hat, wird zu der Erkenntnis gelangen, dass es sich bei den rund 80 "neuen" Regeln überwiegend um "Kann-Regeln" handelt, die es insbesondere ausländischen "Lernern" erleichtern sollen, unsere schöne Sprache zu lernen. Dass dabei merkwürdig aussehende Worte, wie Majonäse, Schammpannjer oder Schikoree herauskommen können, tja, damit müssen wir wohl leben. ABER: Wir müssen es nicht so schreiben, denn wir dürfen bei der Integration von Fremdwörtern durchaus die ursprüngliche fremdsprachliche Schreibweise beibehalten. Auch hier wurde sich vielerorts aufgeregt und dies, wie ich finde, unverständlicherweise. So ist es doch schon seit Urzeiten völlig normal, zu sagen, dass man einen Kaffee trinkt, anstelle eines Cafés oder dass man ein Blumenbukett bestellt, anstelle eines Bouquets, auch Etikett und Likör haben die einstmalige französische Schreibweise in unserem Sprachgebrauch völlig abgelöst und niemand regt sich drüber auf.

Auch die neue Regelung, dass bei der Zusammensetzung von Hauptworten alle Buchstaben erhalten bleiben, finde ich ausgesprochen prima und vor allem logisch. Mir hat es sich nie erschlossen, warum ich Schneeeule damals nur mit zwei e schreiben durfte, die Betttruhe jedoch schon immer alle ihre Buchstaben behalten durfte. Die damalige Erklärung, dass der dritte Vokal nicht geschrieben werden dürfe, weil ein weiterer folgt, fand ich lächerlich und nicht nachvollziehbar.

Also, ich empfehle JEDEM, sich erstmal dahingehend schlau zu machen, WAS überhaupt jetzt neu ist, anstelle gleich drauflos zu schimpfen und NUR zu kritisieren. Für mich ist diese Reform keineswegs optimal, dafür gibt’s einfach noch zuviel Kompromisse, bzw. Ausnahmen, die sich nicht vernünftig erklären und nachvollziehen lassen (siehe gerade abgeschlossene Nachbesserung in Sachen Getrennt- und Zusammenschreibung) aber insgesamt finde ich, dass hier deutlich ein Schritt in die richtige Richtung getan wurde.

Viele Grüße
nieke



Zuletzt bearbeitet: 07.02.07 22:23 von nieke


hmm wenn schon dann majoneeeese und ketschab zu pommfritz bitte ...
und wieder mal wurde bei der neuen Rechtschreibung auf Süddeutschland keine Rücksicht genommen ... kann man mal so grob sagen. Ich weiss ja nicht wo Worte wie Majonäseee oder Ketschupp (vielleicht von zermahlenen Fischschuppen ? ) gesagt werden ...

und das mit den kann-regeln ist sowieso so ne sache.... prüf mal bei einem Bewerbungsschreiben, ob derjenige nur ne unbekannte Regel angewandt hat oder ob was falsch ist. Wenn man eine kann-Regel hat muss man sich also dafür immer 2 Einzelregeln merken. Im praktischen Leben siehts doch so aus, dass die meisten froh sind, wenn sie selber was korrektes hinschreiben können.
Trifft so jemand jedoch auf so seltsam angewandte neue "Kann-Regelungen" beim Lesen, wird derjenige verunsichert ob die eigene Gewohnheit nun falsch ist oder nicht oder beides richtig oder das andere falsch. Und um das zu schreiben hätte ich nicht eine Regel der neuen Rechtschreibung anzuschauen brauchen.

Naja Quäntchen kommt für mich von Quantenphysik ... Quanten sind klein und Quäntchen sind wohl ne besonders kleine Form der Quanten. (Die im Duden haben sowieso manchmal keine Ahnung ...
ist Schemmiiii eigentlich mittlerweile auch im Duden zu finden ? schemische Prozesse sieht auch witzig aus ... ich persönlich würde die Rechtschreibung wohl auch keemisch auflösen oder so)

Rettet eure Mäuse - Esst mehr Katzen!


nieke:
... Aber: Tatsache ist auch, dass sich Sprache IMMER verändert ...


Eben! Wenn Sprache sich verändert, haben bislang die Sprachbeobachter des Dudens dies durchaus aufgenommen und dann auch dokumentiert und festgeschrieben.

Hier geht es aber darum, dass mehr oder weniger Sprach(un)kundige Staatssekretäre die Sprache von oben verändert haben/verändern wollen. Zum Glück lässt sich Sprache nicht gewaltsam verändern.

banana

_____________________________________________
Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


banana

Hier geht es aber darum, dass mehr oder weniger Sprach(un)kundige Staatssekretäre die Sprache von oben verändert haben/verändern wollen. Zum Glück lässt sich Sprache nicht gewaltsam verändern.


Hm, ich kenne weder die "Duden-Beobachter", noch die vermeintlich Sprachunkundigen, die Deiner Meinung nach die Sprache verändert haben wollen. Mich interessiert eigentlich nur, was am Ende bei der Veränderung heraus kommt. Naja und dass ich diese nicht so schlecht finde, wie sie oftmals gemacht wird, hatte ich ja oben beschrieben.

Und davon, dass Sprache sich nicht gewaltsam verändern ließe, bin ich nicht überzeugt.

nieke



nieke:
Und davon, dass Sprache sich nicht gewaltsam verändern ließe, bin ich nicht überzeugt.


Da gibt es genügend Beispiele aus der Nazizeit, in der man genau das versucht hat.

Die Worte "Guglhupf"(=Napfkuchen) und "Regisseur"(=Spielleiter) waren verboten.

banana

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Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


banana:
nieke:
Und davon, dass Sprache sich nicht gewaltsam verändern ließe, bin ich nicht überzeugt.


Da gibt es genügend Beispiele aus der Nazizeit, in der man genau das versucht hat.

Die Worte "Guglhupf"(=Napfkuchen) und "Regisseur"(=Spielleiter) waren verboten.



Nun, mit Deinen Beispielen hast Du sicher Recht. Aber ich meinte eher Folgendes:

Ich arbeite sehr oft in München und habe dort u.a. mit einigen jungen Kollegen (Anfang bis Mitte 20) zu tun, die ein glasklares und astreines Hochdeutsch sprechen. Allesamt sind gebürtige und waschechte Münchner. Auf meine Nachfrage hin, warum sie keinerlei Dialekt sprechen, bekam ich zur Antwort, dass ihnen dies quasi in der Schule ausgetrieben worden sei. Logisch, dass somit natürlich auch typische mundartliche Begriffe oder Ausdrücke nach und nach verschwinden und es nicht danach aussieht, dass sie wiederkehren würden. Für mich ist dies durchaus eine Art gewaltsamer Form, durch die die Sprache verändert wird.

nieke


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