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Thema: "Das Leben der Anderen"


Wenn ein Film schon zum Kinostart in allen Medien hochgelobt wird, bildet sich auf meiner Stirn von ganz allein ein skeptisches Runzeln, wenn dieser Film dann bei der deutschen Variante des "Oskars" so überaus erfolgreich abschneidet, während andere Filme ignoriert werden, dann sollte es nicht bei einem Stirnrunzeln bleiben, dann ist es an der Zeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
So habe ich ihn mir am letzten Montag angesehen und obwohl ich mit Vorbehalten in diesen Film gegangen bin, wurden meine Erwartungen in negativer Hinsicht übertroffen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es geht mir nicht um eine Relativierung der Stasi-Tätigkeiten, aber so wie es der Film darstellt, war es nicht. Es war anders.
Und da hilft auch nicht, dass man sogar Wert darauf gelegt hat, dass die richtige Waffengattungs-Farbe auf den Schulterstücken der Uniformen zu sehen ist, und dass ein Telefon-Vermittlungs-Apparat im Film erscheint, an dem ich selbst ausgebildet wurde, wenn man gleichzeitig den Stasi-Oberstleutnant mit Oberlippenbart in Uniform zeigt, was zu DDR-Zeiten per Dienstvorschrift verboten war oder wenn ein Dienstwagen Marke Wartburg 353 mit den Rückleuchten der Version Wartburg 1.3 mit dem VW-Motor gezeigt wird, die es 1984 noch gar nicht gab.
Aber das sind nur Kleinigkeiten oder besser gesagt kleine Schlampigkeiten bei der Recherche.

Was viel bedeutsamer ist, sind die Ungenauigkeiten bei der Darstellung der Motivation der handelnden Figuren und der dargestellten DDR-Realität.

Der Film zeigt einen notgeilen Kulturminister der mal so eben in seiner Staatskarosse ohne Polizeieskorte durch das nächtliche Berlin fährt. Das wäre ja damals auch überhaupt nicht aufgefallen. *fg* Er kann auch einfach so die Stasi beauftragen, seinen Nebenbuhler aus Eifersucht zu observieren. Das geht vollkommen an der Realität vorbei. Weder konnte ein Kulturminister einfach so die Stasi für seine persönlichen Zwecke benutzen, noch konnte er sich einfach so nachts wie ein Mafia-Pate durch Ost-Berlin kutschieren lassen.
Ist es schon in Vergessenheit geraten, dass sich die DDR-Partei- und Staatsführung sich in einer Siedlung nahe dem Ort Wandlitz bei Berlin auf spießige Art selbst verbarrikadiert hatte?

Die Darstellung des angeblich linientreuen Dramatikers Georg Dreyman ist auch nicht glaubwürdig. Jemand, der, auf welchem Wege auch immer, es geschafft hatte, dass ihm zu DDR-Zeiten der "Spiegel" und die "FAZ" per geheimen Kurierdienst zugestellt wurde, konnte von staatlicher Seite niemals als "linientreu" eingestuft werden. Allein diese Tatsache hätte ihn schon in erhebliche Schwierigkeiten bringen können. Andererseits hätte die DDR-Opposition einen "linientreuen" Künstler niemals soweit in ihre damals illegalen Aktivitäten eingebunden.

Die Darstellung seiner Freundin, die sich im Interesse ihrer Karriere prostituiert, ist ebenfalls Ausdruck einer typisch westlichen Sichtweise, die "nur" in eine DDR-Kulisse projiziert wurde.

Ich hatte zu DDR-Zeiten Einblick in das Leben der damals sogenannten "Kulturschaffenden" in Berlin: Auf irgendwelchen Feiern wurde ganz bestimmt nicht DDR-Musik aus dem Radio abgespielt. Das Leben dieser Leute war weitaus mehr, als im Film dargestellt, von westlichen Werten bestimmt.
Ich habe schon erzählt, dass ich die Schulbank zusammen mit dem Sohn einer bekannten DDR-Schauspielerin gedrückt habe. Ich war da öfters zu Besuch. Es gab dort keine West-Zeitschriften, aber jede Menge an sonstigen westlichen Konsumgütern.
Andererseits haben sich die wirklich oppositionellen Künstler durch bestimmte Aktivitäten ins Fadenkreuz der Stasi gebracht. Das blendet der Film vollkommen aus. Im Film wird es so dargestellt, als ob eine Observierung allein aus einer Laune eines SED-Bonzen heraus möglich gewesen wäre. Das stimmt einfach nicht. Dazu war dieser Überwachungsapparat zu komplex.

Geradezu lächerlich ist in dem Film die Darstellung der Verwanzung der Wohnung des Dramatikers und die anschließende Überwachung auf dem Dachboden des Hauses:
Die Stasi war garantiert so schlau, dass sie nicht das Risiko einging, bei ihren illegalen Aktivitäten durch den Türspion der Nachbarin dabei beobachtet werden zu können. Der im Film gezeigte nachträgliche Erpressungsversuch mit dem Hinweis auf die Studienplatzvergabe passt zwar in das heutige Geschichtsbild, hat aber nichts mit der Realität zu tun. Ich würde das nicht sagen, wenn ich diesen Vorgang nicht selbst als Absolvent einer DDR-Abitur-Klasse erlebt hätte. Der einzige, der in meinem Fall damals nicht seinen gewünschten Studienplatz bekommen hat, war bestimmt nicht Anhänger einer Oppositionsgruppe, es war einfach eine Frage der Anzahl der Studienplätze.
Ansonsten ist die Vorstellung einer Abhörzentrale auf dem Dachboden des betreffenden Hauses einfach nur absurd. Sowas bekommt ja auch angeblich keiner der Mieter mit, es kommt auch kein Mieter mal so zwischendurch auf die Idee, auf dem unabgeschlossenen Dachboden des Hauses nach dem Rechten zu sehen.

Am Anfang des Films erlebt man eine Vorlesungssituation. Da fragt jemand: "Ist das nicht unmenschlich?" Und er bekommt prompt eine Markierung im Sitzplan. Das ist deshalb absoluter Quatsch, weil es im regiden DDR-System niemals zu dieser Frage gekommen wäre.
Ich habe als Offiziersschüler der NVA an unzähligen Vorlesungen an einer Militärhochschule teilgenommen. Ich weiß, wie das wirklich ablief. Und deshalb ist auch die Szene mit der Beifallsbekundung am Ende der Vorlesung für DDR-Verhältnissem undenkbar. Sowas kann sich nur jemand ausdenken, der die DDR niemals erlebt hat.

Und noch etwas: Es gibt in dem Film diese Kneipenszene, bei der im Hintergrund Frank Schöbel seinen Hit aus dem Jahr 1971 "Wie ein Stern" schmettert. Dieser Titel war in den 80ern sowas von "out", dass im wirklichen Leben die Kneipenbesucher den Mann hinterm Tresen wahrscheinlich gelyncht hätten, hätte er den Sender nicht gewechselt.


Zuletzt bearbeitet: 21.05.06 03:38 von zwirni


Es gibt so viele Dinge, die in diesem Film falsch dargestellt werden, ich kann sie nicht alle aufzählen.
Ich bin absolut dafür, dass dieses Thema behandelt wird, aber wenn, dann auch richtig.
Ich habe kein Interesse an Filmen, die mit der Vergangenheit so umgehen, wie es bei "Indiana Jones" geschieht.

Insofern empfinde ich es als besonders tragisch, dass dieser Film, der so weit entfernt von der Realität ist, beim Deutschen Filmpreis so groß "abräumt", während andere Filme wie "Sommer vorm Balkon" (der übrigens in den Kinos nochmal anläuft), von der hiesigen "Elite" boykottiert werden.

Der "Hype" um "Das Leben der Anderen" zeigt nichts anderes als das Bedürfnis der hierzulande gegenwärtig Herrschenden, Geschichte in ihrem Sinne und Interesse darzustellen. Ihnen fällt dabei allerdings nicht auf, dass sie ein bürgerliches Schmierenmelodram nur in eine DDR-Kulisse transferiert haben.

Links zu dem Thema:
www.stasiopfer.de
www.heise.de
www.nd-online.de
www.taz.de
www.jungewelt.de
www.jungewelt.de

Zwirni

P.S.
Der Schluss des Films ist an Zynismus nicht zu übertreffen, auch wenn er so rührselig daherkommt, dass es einem die Tränen in die Augen treibt.
Es ist ja so "ehrenhaft", eine anonyme Widmung im einem Buch zu hinterlassn, die nichts kostet, aber den Verkaufsgewinn einzustreichen.


Zuletzt bearbeitet: 21.05.06 04:35 von zwirni


zwirni
Ich hatte zu DDR-Zeiten Einblick in das Leben der damals sogenannten "Kulturschaffenden" in Berlin: Auf irgendwelchen Feiern wurde ganz bestimmt nicht DDR-Musik aus dem Radio abgespielt. Das Leben dieser Leute war weitaus mehr, als im Film dargestellt, von westlichen Werten bestimmt.


Mielke "ich liebe Euch doch alle" - haben ihm nur wenige 1989 in der Volkskammer geglaubt.

blumi


Jeder erlebt die Dinge anders. Ich glaube schon, dass der Film die Realität zeichnet, vielleicht ein bißchen überzeichnet, aber anders geht es in dem Medium Film nicht.

lisa



Es ist tatsächlich passiert. Der Film hat den "Oscar" für den besten nicht-englischsprachigen Film erhalten.
Ich denke, die Konsequenzen daraus werden nicht hilfreich für eine wirkliche Aufarbeitung dieses Themas in Deutschland sein.

Zwirni



Als ich den Film zum ersten Mal sah, dachte ich "ein toll gemachter Film mit Vorbehalt".
Der Vorbehalt bestand darin, das ich bei einem Spielfilm mit einem so großen zeitgeschichtlichen Thema, das bis in die Gegenwart wirkt - jenseits der hervorragenden Leistungen der Schauspieler - wissen will, wieviel Wahrheit in der Geschichte steckt. Die Story ist einfach zu schön um wahr zu sein, das sagt einem das sogenannte Bauchgefühl.
Man sollte ehemalige DDR-Bürger nach dem Wahrheitsgehalt fragen, bevor man sich allzu genüsslich im Fernsehsessel versenkt.

Eben gefunden bei spiegel-online, der einen ehemaligen DDR-Bürgerrechtler zitert:

"Der gravierendste Fehler des Films besteht darin, dass es einen solchen Stasi-Offizier, der unter Lebensgefahr einen Dissidenten rettet, nicht gab und im System begründet liegt, warum es ihn nie geben konnte. Steven Spielberg wäre weltweit zerpflückt worden, hätte er sich Oskar Schindler und dessen Liste ausgedacht. Roman Polanski wäre es mit dem "Pianisten" ähnlich ergangen.
Mit der DDR-Geschichte kann man offenbar losgelöst von historischer Authentizität frei und phantasievoll umgehen.
Vermutlich ist dem Erfinder die kreative Verharmlosung gar nicht bewusst."


http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,468695,00.html

"Schindlers Liste" und "Der Pianist" waren deshalb wirklich große Filme, weil sie auf authentischen Begebenheiten und Personen beruhen, daher war man zutiefst berührt und beeindruckt.
Schlimmstenfalls mag Beschönigung von historischen Fakten zugunsten des Plots noch in Filmen übers "Alte Rom" angehen - aber nicht in Filmen, die in der unmittelbaren Vergangenheit spielen, bzw. in der Gegenwart, weil immer noch Millionen Menschen leben, die wissen, wenn es so nicht gewesen sein kann.

Warum also soll ich glauben, dass die Amis und der Rest der Welt Realität und Fiktion womöglich diesmal auseinander halten können???

Es ist ein DDR-Thema. Ich hätte mir ja so gewünscht, die Regisseure wären Ossis gewesen. Es hat nicht sollen sein.

Renie



Zuletzt bearbeitet: 26.02.07 21:35 von Renie


Im von Renie zitierten spiegel.de-Artikel bezieht man sich auf einen Artikel aus welt.de, aus dem auszugsweise zitiert wird.
Ich finde, er ist es wert, vollständig gelesen zu werden. Hier ist der Link dazu.

zusätzlich: Eintrag zu Werner Schulz bei wikipedia

Zwirni


Zuletzt bearbeitet: 27.02.07 03:35 von zwirni


zwirni
So habe ich ihn mir am letzten Montag angesehen und obwohl ich mit Vorbehalten in diesen Film gegangen bin, wurden meine Erwartungen in negativer Hinsicht übertroffen.


renie
Man sollte ehemalige DDR-Bürger nach dem Wahrheitsgehalt fragen, bevor man sich allzu genüsslich im Fernsehsessel versenkt.


renie und zwirni,

ich habe den Film nicht gesehen.
Warum hat sich ein "Wessi" an so ein sensibles Thema herangewagt ? Warum die Auszeichnung ? - Ist es ggf. NUR die Leistung der Schauspieler, die bewertet wurde, ohne das Thema (als geschichtliches Dokument) auf Wahrhaftigkeit zu prüfen ?

Ich denke, die Konsequenzen daraus werden nicht hilfreich für eine wirkliche Aufarbeitung dieses Themas in Deutschland sein.

Zwirni


Waren Opfer = Täter im Stasi-Apparat ? wie sind z.B. Schulz oder Gysi (in diesem Zusammenhang) als Opposition / Anwalt von Bespitzelten einzuordnen ?

Jan Ulrich hat gestern bei Beckmann über die Medien und deren Macht bei der Meinungsbildung - ähnlich wie zwirni hier - reagiert. J.U. will sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht äußern - also wird von HEUTE (ZDF) ein Doping-Spezialist zur Wahrheitsfindung nach seinen Vermutungen (Wahrheiten ?) befragt, weil er die angeblich erdrückenden INDIZIEN genau geprüft habe, bevor ein spanisches GERICHT über die Beweiskraft der Indizien befinden konnte. Wenn es um viel Geld geht, kann man sich "viele Varianten" vorstellen !

zwirni, ich kann jetzt nachvollziehen, warum Du so misstrauisch gegenüber der Presse bist.


blumi

Zuletzt bearbeitet: 27.02.07 10:56 von blumi


Bei euch piepst's wohl!

Mit Verlaub. 18 Jahre nach Ende des MfS, nach Aufarbeitungsversuchen durch Gauck-/Birthler-Behörde, der gesetzlichen Politikmedien, durch Spiegel, Stern, ND und FAZ und taz soll jetzt ein kleines unwichtiges Spielfilmchen endlich die gesamte, lückenlose, absolute und vor allem absolut fehlerfreie Darstellung der vielgesichtigen Arbeit des MfS zeigen?

Wer solche Ansprüche an den Film stellt, sitzt nun wirklich im falschen Fernsehsessel und hat nur wenig verstanden.

Sorry, aber darüber kann ich mich nur kaputtlachen.

Merke: Die ganz wichtigen Stasi-Akten haben die unbelangten Stasi-Oberen bei sich zu Hause im Safe. Die zweitwichtigsten sind durch die Stasi noch selbst kurz vorm Einmarsch des Klassenfeindes vernichtet worden, die drittwichtigsten hat die CIA abgegriffen und nun lasst uns mal den Rest in Ruhe abarbeiten.

Schöner Gruß
IM banana

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Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


blumi:
Warum hat sich ein "Wessi" an so ein sensibles Thema herangewagt ? Warum die Auszeichnung ? - Ist es ggf. NUR die Leistung der Schauspieler, die bewertet wurde, ohne das Thema (als geschichtliches Dokument) auf Wahrhaftigkeit zu prüfen ?

Ich sehe die Frage, wie dieser Film entstanden ist, als durchaus relevant an. Vieleicht erinnert man sich noch daran, dass es nach "Sonnenallee" und "Good Bye Lenin" etliche Stimmen aus einer bestimmten politischen "Ecke" gab, denen die DDR in diesen Filmen "zu lustig" dargestellt wurde, und die wohl nicht erkannt hatten, dass bei diesen Filmen das Stilmittel der Persiflage benutzt wurde. Dass irgendwie aus dieser politischen "Ecke" nun die Fördermittel für diesen Film kamen, verwundert nicht.

Auf der anderen Seite ist die Person eines Florian Henckel von Donnersmarck schon interessant, dessen Auftreten bei den vielen Interviews in den letzten Tagen bei mir die Frage aufkommen ließ, inwieweit er das Thema wirklich ernst genommen hat. Man konnte den Eindruck gewinnen, sein Ziel wäre das Abräumen möglichst vieler Preise und nicht das Schaffen eines glaubwürdigen Filmes gewesen.

Bemerkenswert ist im Interview bei www.kino-zeit.de die Aussage von ihm: "...und hatten 'unser' Bild von der DDR, wie wir sie erzählen wollten, genau im Kopf."

Ebenso: "Ich wurde in Köln geboren, wir zogen dann nach Frankfurt am Main, und die Familie ging, als ich zwei war, nach New York. Als wir sechs Jahre später von dort nach West-Berlin zurückkehrten, war das für mich wie der Sprung von der Ersten in die Zweite Welt - die DDR war dann die Dritte. Berlin war ein Schock für meinen Bruder und mich. Und ist es, für mich zumindest, auch heute noch."
Darf man die Frage stellen, ob der Sprössling einer Adelsfamilie ein kleines Problem mit der Realität hat?

Und krass im Widerspruch zu den Äußerungen von Merkel, Thierse, Birthler & Co. steht dann folgende Aussage: "Figuren und Ereignisse sind bewusst fiktiv in der Schwebe gehalten - beispielsweise ist Hempf ein Minister ohne Ressort. Wichtig war mir immer, mich nicht in historischen Details zu verlieren - zwar eine Geschichte von echten Menschen zu erzählen, aber trotzdem, emotional gesehen, ein Königsdrama!
Wozu dann die ganze Recherche-Arbeit? (Ein Königsdrama ist es sowieso nicht geworden *fg*)

Da dieser Film eine Abschlussarbeit ist, könnte man auch auf den Gedanken kommen, dass hier ein übereifriger Student am Werk war, der alles dafür getan hat, den Erwartungen seiner "Lehrmeister" zu entsprechen. Die Recherche sollte nicht dazu dienen, dem Wesen der Dinge auf den Grund zu gehen, sondern den Film im Sinne der "Lehrmeister" überzeugend zu gestalten.

Denn die eigentliche Grundkonstruktion des Films ist ein bürgerliches Ränkespiel, wie sie einem "Ossi" zu diesem Thema garantiert nicht eingefallen wäre. Auf die unsinnige Idee, dass ein DDR-Minister die Stasi benutzt, um einen Nebenbuhler loszuwerden, kann man nur kommen, wenn man selbst in solchen Denkschablonen gefangen ist und die DDR-Realität nicht kennt. Dass dies in der öffentlichen Wahrnehmung derart kritiklos hingenommen wird, zeigt deutlich das Defizit an historischer Kenntnis und den Unwillen, die Dinge außerhalb gewohnter Kategorien zu betrachten.

Dies bedeutet letztendlich: Florian Henckel von Donnersmarck hatte gar nicht vor, einen historisch korrekten Film zu machen. Er wollte ein subjektives Bild von der DDR zeichnen, wobei er sich des Themas »Stasi« als willkommenen "Aufhänger" bediente.
Wenn man den Film losgelöst von der Realität betrachtet, die er eigentlich beschreiben will, dann ist an ihm wenig auszusetzen. Die Leistung der Schauspieler ist anerkennenswert, Dramaturgie und die anderen Aspekte eines Films sind auch überzeugend verwirklicht.
Das Problem ist einfach nur die Geschichte, die erzählt wird. Es besteht keine Einheit von Inhalt und Form: Die Form bemüht sich angestrengt um Authentizität, aber der Inhalt hat keine.

Man könnte nun diesen Film getrost einfach nur als Film eines Regisseurs betrachten, der sein Erwachsenwerden noch vor sich hat. Hier hat aber etwas für unsere Gesellschaft Exemplarisches stattgefunden: Das Wunschbild einer politisch oder gesellschaftlich vorherrschenden Sichtweise hat sich in diesem Film materialisiert. Deshalb erhält er einen derart großen Zuspruch, räumt alle Preise ab, die unter politischem Einfluss stehen. (Es wäre vielleicht interessant, die Gründe zu erfahren, weshalb der Film bei der Berlinale abgelehnt wurde.)
Nachdem er jetzt den Oscar gewonnen hat, wird es noch schwerer werden, die offensichtlichen und versteckten Fehler dieses Films öffentlich zu diskutieren. Er wird benutzt werden, um die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Man kann nur hoffen, dass er eines Tages den Menschen überdrüssig sein wird, weil er genau wie bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit zu sehr in aufdoktrinierten Vorstellungen und in Gut-und-Böse-Klischees gefangen ist.

Zwirni

P.S.: In Österreich hat man scheinbar auch ein Interesse daran, diesen "Erfolg" für sich zu verbuchen. *fg*
bei www.kath.net
bei www.oe24.at



...........die DDR-Realität nicht kennt. Dass dies in der öffentlichen Wahrnehmung derart kritiklos hingenommen wird, zeigt deutlich das Defizit an historischer Kenntnis und den Unwillen ??, die Dinge außerhalb gewohnter Kategorien zu betrachten.


dem Defizit kann ich zustimmen - ob es Unwillen ist, das muss man im Einzelnen hinterfragen. Die DDR, wie Du sie gesehen hast und heute darüber reflektierst muss zwangsweise anders sein als bei einem, der (wie ich) 1953 - 55 als 13/15-jähriger Hamburger u. Sommerferien-Gast bei den Großeltern in der DDR die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften entstehen sah. An den Bauern mit 2 Pferden in Bahlen bei Boizenburg (Nachbar meiner Großeltern), dem mein Bruder und ich bei der Ernte (wegen der Begeisterung für Pferde) geholfen haben, kann ich mich heute nach über 50 Jahren noch gut erinnern; auch an den Bürgermeistersohn, mit dem wir Fußball spielten.

blumi

Zuletzt bearbeitet: 28.02.07 13:29 von blumi


zwirni:
"Figuren und Ereignisse sind bewusst fiktiv in der Schwebe gehalten ... (F.H.v.D.)

Dies bedeutet letztendlich: Florian Henckel von Donnersmarck hatte gar nicht vor, einen historisch korrekten Film zu machen.
...

Wenn man den Film losgelöst von der Realität betrachtet, die er eigentlich beschreiben will, dann ist an ihm wenig auszusetzen.

Zwirni


Du merkst schon, wie sehr du dir selbst widersprichst? Hätte ich von dir nicht so ohne weiteres erwartet. Zumindest passiert es dir selten. *fg*

banana

P.S.: Hey Kinder! Nochmal: Der Film ist Kintopp!!! Muss man euch das wie kleinen Kindern erst beibringen, dass eine Schneewittchen-Verfilmung "nur ein Film" ist? *koppschüttel*

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Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


zwirni:
Wenn man den Film losgelöst von der Realität betrachtet, die er eigentlich beschreiben will, dann ist an ihm wenig auszusetzen.

Ok, Banana, der Einwand ist berechtigt. Meine Formulierung ist missverständlich.
Gemeint war nicht die historische korrekte Realität, sondern das vom Film gezeichnete Bild, das aufgrund der formalen Gestaltung des Films für die Realität gehalten werden kann und fatalerweise auch von vielen wird.

Das ist ja der Vorwurf, den ich F. H. v. Donnersmarck mache: Einerseits gibt er zu, dass es sich um Fiktion handelt, andererseits ist der Film von ihm aber so gestaltet, dass dem Betrachter beim Sehen des Films ständig der Eindruck vermittelt wird, es handele sich um eine Geschichte, die tatsächlich so 1984 in der DDR hätte geschehen können.
Bei einem so ernsten Thema wie die Stasi-Vergangenheit ist ein derartiges Vorgehen aber unredlich. Derjenige, der in der vom Film dargestellten Zeit nicht in der DDR gelebt hat, kann schlecht überprüfen, ob die im Film erzählte Geschichte exemplarisch für die historisch korrekte Realität stehen kann. Diese "Qualität" nimmt der Film aber allein schon durch seine formale Gestaltung für sich in Anspruch. (Und er wird im Sinne einer vermeintlich historisch korrekten Darstellung von der Politik jetzt auch instrumentalisiert.)
Dies ist der Punkt, wo aus einem Film ein Instrument zur Manipulation wird. Und deshalb ist dieser Film nicht nur einfach "Kintopp".

Bitte streiche den von mir oben zitierten Satz und ersetze ihn durch:

Wenn man den Film losgelöst von dem Bild betrachtet, das er als vermeintliche Realität ausgibt, dann ist an ihm wenig auszusetzen.


Zwirni

P.S.: Banana, hast Du den Film eigentlich gesehen?



Hat jemand vielleicht eine Ahnung, wo man den Film günstig bekommen kann? Wenn ich richtig geschaut habe, kostet er bei Amazon 49 Euro und das ist mir "dafür" eindeutig zuviel Geld.

Grüße
nieke



Wenn ich richtig geschaut habe, kostet er bei Amazon 49 Euro und das ist mir "dafür" eindeutig zuviel Geld


Anscheinend hast Du nicht richtig geschaut. Denn für 49 Euro bekommst Du eine DOPPEL-DVD.---> Das Leben der Anderen (inklusive DVD Das Ministerium für Staatssicherheit) - exclusiv bei Amazon.de

Die Einzel-DVD, die nur den Film enthält, kostet hingegen nur 17,95 Euro.



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