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Thema: "Das Leben der Anderen"


zwirni:
zwirni:
Wenn man den Film losgelöst von der Realität betrachtet, die er eigentlich beschreiben will, dann ist an ihm wenig auszusetzen.

Ok, Banana, der Einwand ist berechtigt. Meine Formulierung ist missverständlich.
Gemeint war nicht die historische korrekte Realität, sondern das vom Film gezeichnete Bild, das aufgrund der formalen Gestaltung des Films für die Realität gehalten werden kann und fatalerweise auch von vielen wird.

Das ist ja der Vorwurf, den ich F. H. v. Donnersmarck mache: Einerseits gibt er zu, dass es sich um Fiktion handelt, andererseits ist der Film von ihm aber so gestaltet, dass dem Betrachter beim Sehen des Films ständig der Eindruck vermittelt wird, es handele sich um eine Geschichte, die tatsächlich so 1984 in der DDR hätte geschehen können.
Bei einem so ernsten Thema wie die Stasi-Vergangenheit ist ein derartiges Vorgehen aber unredlich. Derjenige, der in der vom Film dargestellten Zeit nicht in der DDR gelebt hat, kann schlecht überprüfen, ob die im Film erzählte Geschichte exemplarisch für die historisch korrekte Realität stehen kann. Diese "Qualität" nimmt der Film aber allein schon durch seine formale Gestaltung für sich in Anspruch. (Und er wird im Sinne einer vermeintlich historisch korrekten Darstellung von der Politik jetzt auch instrumentalisiert.)
Dies ist der Punkt, wo aus einem Film ein Instrument zur Manipulation wird. Und deshalb ist dieser Film nicht nur einfach "Kintopp".

Bitte streiche den von mir oben zitierten Satz und ersetze ihn durch:

Wenn man den Film losgelöst von dem Bild betrachtet, das er als vermeintliche Realität ausgibt, dann ist an ihm wenig auszusetzen.


Zwirni

P.S.: Banana, hast Du den Film eigentlich gesehen?


Hallo zwirni,

erstmal möchte ich Dein Postscriptum eingehen. Nein, ich habe den Film bislang "zum Glück" noch nicht gesehen, hätte er doch mein gesamtes Wissen über die Stasi verändert und mein Bild davon verzerrt.

Glaubst Du wirklich, dass die Menschen soooo blöd sind, einen Spielfilm für Realität zu halten. Natürlich muss ein gut gemachter Spielfilm den Zuschauer in die Handlung herein ziehen und ihn für die Dauer des Films in eine fremde Realität entführen. Sonst ist der Film schlecht und macht keinen Spaß. Aber nach Verlassen des Kinos weiß wohl jeder, dass er soeben Fiktion gesehen hat und nicht das real life. Wer's trotzdem glaubt, glaubt auch jeden Scheiß, den die Blöd-Zeitung so rumschmiert! Nach allem, was ich von dem Film gehört habe, erfüllt "DLDA" die Anforderungen an einen gut gemachten Spielfilm perfekt. Wunderbar!!! Find ich gut. Vermutlich hätte er im anderen Falle auch nicht diese ganzen Preise abgeräumt. Glückwunsch von mir an die Beteiligten!

Als Wessi bin ich ganz sicher ein extremer Ausnahmefall, was mein Wissen über die Stasi angeht, dieses Wissen ist vermutlich auch erheblich größer als das des Großteils der DDR-Bürger. Es beruht auf jahrelanger, persönlicher Erfahrung mit der Stasi, unzähliger Aufenthalte in der DDR und glaubhafter Berichte aus 1. Hand. Um irrigen Vermutungen vorzubeugen, ich war kein IM!

Aber eigentlich ist das auch egal. Ich werde mir den Film demnächst sicher einmal ansehen.

banana

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Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


@ esra: Danke für den Hinweis! 17,95 ist akzeptabel, das gebe ich aus.

@ banana:

banana schrieb:
Nein, ich habe den Film bislang "zum Glück" noch nicht gesehen, hätte er doch mein gesamtes Wissen über die Stasi verändert und mein Bild davon verzerrt. Aber eigentlich ist das auch egal. Ich werde mir den Film demnächst sicher einmal ansehen.


Hä? Was denn nun? Befürchtest Du nicht, dass Deine Absicht, den Film doch noch zu schauen, Dein gesamtes Wissen bzw. Dein "Bild" über die Stasi nachträglich nicht noch verzerren könnte?

Ich kapiere diese beiden Aussagen irgendwie nicht.


Zuletzt bearbeitet: 01.03.07 22:13 von nieke


Tja nieke,

gehörst halt zu denen, bei denen man den Ironiemodus extra kennzeichnen muss. Kann ich nicht dafür.


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Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


banana:
Glaubst Du wirklich, dass die Menschen soooo blöd sind, einen Spielfilm für Realität zu halten. ... Aber nach Verlassen des Kinos weiß wohl jeder, dass er soeben Fiktion gesehen hat und nicht das real life.

Bei diesem Film scheiden sich da wohl die Geister. Sehr deutlich wird das, wenn man die unterschiedlichen Meinungen der Leser bei kino-zeit.de zu diesem Film liest.

Aus diesen Meinungen habe ich eine herausgegriffen, an der deutlich wird, was ich meine:

Von: Gast am 23.03.2006
Unbedingt sehenswert! Ein genialer Film, der einen lange beschäftigt, der einem deutlich macht wie das Leben in der DDR wirklich war - das der Staat bis ins kleinste Detail am Leben teil nahm, dass die Gier eines Offiziers ausreichen konnte um ein Leben zu zerstören. Es ist beklemmend zu sehen wie schnell man selbst seine Familie hätte in Schwierigkeiten bringen können (siehe die Szene mit dem Kind im Lift)[1]. Wer sich bei diesem Film an Recherchefehlern aufhält (sicherlich hätte sich in Realität ein hoher Offizier nicht selbst auf den Dachboden gesetzt)[2] hat die Aussage nicht verstanden.

Zu 1.) Es könnte durchaus mal passiert sein, dass ein kleiner Junge gegenüber einem Stasi-Offizier in Zivil ganz unbedarft ausgeplappert hat, dass die Stasi andere Leute ausspioniert und einsperrt. Aber die MfS-Mitarbeiter wussten, dass sie bei der Mehrheit der Bevölkerung unbeliebt waren und wie man über sie redete. Im Film wird hier der Eindruck vermittelt (und wie man an dieser Leser-Meinung erkennen kann, auch erfolgreich), dass allein schon eine derartige Begegnung für Repressalien ausgereicht haben könnte. Dann hätte die Stasi aber konsequenterweise auch die Mehrheit der Bevölkerung verhaften müssen.
So war das eben nicht. Es musste schon ein etwas triftigerer Grund bzw. eine bestimmte Kombination von gesellschaftlicher Stellung und Handlung einer bestimmten Person vorliegen, um in das Visier des MfS zu geraten. (Ich rede jetzt von den 80er Jahren in der DDR.)
Der Film blendet weitgehend aus, dass die Stasi ideologisch motiviert agiert hat. Es wird der Eindruck vermittelt, die Stasi wäre ein Willkür-Apparat gewesen, der wahllos und zufällig zugeschlagen hätte, es steckte aber eine Systematik dahinter. Wenn man einen Beitrag zur geschichtlichen Aufarbeitung leisten will, muss man diese Systematik zeigen. Das macht der Film aber nicht.

Zu 2.) Diese Bemerkung zeigt genau, was ich meine: Die Kulisse ist so authentisch gestaltet, dass ihre Absurdität nicht mehr auffällt. Es wird zwar bezweifelt, dass sich der Stasi-Offizier selbst auf den Dachboden gesetzt hat (obwohl das aufgrund der Strukturen gar nicht so abwegig gewesen wäre, weil man damals als Hauptmann eher ein kleines Licht war), aber es wird akzeptiert, dass eine Abhörzentrale für eine geheime Observierung auf dem frei zugänglichen Dachboden des Hauses eingerichtet war, in dem das Abhöropfer selbst wohnte.
Da dieser Ort im Film aber eine so zentrale Rolle spielt, hängt an seiner Glaubwürdigkeit auch die Glaubwürdigkeit der gesamten Geschichte. Diese Konstruktion im Film hat nichts mehr mit künstlerischer Freiheit zu tun. Es ist auch keine Überspitzung oder Abstraktion, weil solche zwar etwas Reales überzeichnen oder auf das Wesentliche reduzieren sollen, aber dieser künstlerische Vorgang darf die Funktion des Dargestellten für die Aussage des Gesamtwerkes nicht in Frage stellen. Aber diesen Fehler hat F. H. v. Donnersmarck hier begangen:
Er braucht die "geheime" Abhörzentrale in unmittlebarer Nähe der Observierten auf dem Dachboden des Hauses, um das entstehende Mitgefühl des Stasi-Offiziers zu seinen Observierungsopfern darzustellen. Diese Nähe geht im Film so weit, dass der Offizier die Umrisse der abgehörten Wohnung direkt unter ihm mit Kreide auf die Dielen des Dachbodens zeichnet. Er schleicht sich auch in Abwesenheit der Abgehörten in deren Wohnung, um nun endlich den Genuss von Literatur zu kommen. (So, als hätte er zuvor noch nie ein Buch gelesen.) Nur mit dieser Nähe funktioniert die Story, dass aus dem kalten Stasi-Offizier ein mitfühlender Mensch wird. Aber diese Nähe macht den Vorgang einer geheimen Observierung, der zur "Menschwerdung" dieses Stasi-Offiziers führt, eigentlich unmöglich, weil eine "geheime" Abhörzentrale auf dem frei zugänglichen Dachboden eines Hauses nun einmal nicht geheim sein kann.
So führt sich dieses wesentliche Element des Filmes selbst ad absurdum und stellt damit die Gesamtaussage des Filmes in Frage.

banana:
Wer's trotzdem glaubt, glaubt auch jeden Scheiß, den die Blöd-Zeitung so rumschmiert!

Genau! Deshalb ist die Bild-Zeitung auch das auflagenstärkste Blatt in Deutschland. Wie heißt es so schön: "Bild dir deine Meinung!" *fg*

Zwirni


Zuletzt bearbeitet: 02.03.07 06:34 von zwirni


was lernen wir daraus ?
dem OSKAR-Preisträger und der BILD-zeitung wird mehr geglaubt (wenn es um die Darstellung von Wahrheiten/Wahrhaftigkeit geht) als mancher sich hier vorstellen kann.

blumi


Den Oskar-Preisträger lass ich hier mal außen vor. Meine Meinung dazu habe ich geäußert.

Ansonsten wäre ich froh, wenn der Durchschnitts-IQ in D um 10 oder 20 Punkte höher liegen würde. Schön wäre es allein schon, wenn das bei unseren Politikern der Fall wäre. Ich vermisse Leute wie Helmut Schmidt, Heiner Geißler, Egon Bahr, Herbert Wehner und sogar FJS nebst einigen anderen schon sehr. Einer der wenigen, die diesen Leuten intellektuell heutzutage das Wasser reichen kann ist Gregor Gysi. (Alle Vorgenannten übrigens mit Sicherheit auch Bild-Leser *sfg*.)

banana

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Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


banana:
Den Oskar-Preisträger lass ich hier mal außen vor. Meine Meinung dazu habe ich geäußert.

Ansonsten wäre ich froh, wenn der Durchschnitts-IQ in D um 10 oder 20 Punkte höher liegen würde. Schön wäre es allein schon, wenn das bei unseren Politikern der Fall wäre. Ich vermisse Leute wie Helmut Schmidt, Heiner Geißler, Egon Bahr, Herbert Wehner und sogar FJS nebst einigen anderen schon sehr. Einer der wenigen, die diesen Leuten intellektuell heutzutage das Wasser reichen kann ist Gregor Gysi. (Alle Vorgenannten übrigens mit Sicherheit auch Bild-Leser *sfg*.)

banana


BILD hat es geschafft, von Vielen gelesen zu werden. Also waren auch Politiker gezwungen BILD zu lesen, um zu wissen, wie öffentlich argumentiert wurde. Deine Politikerauswahl, die ich auch sehr hoch einschätze, hat die BILD-Meinung nicht 1:1 übernommen. Der 20 Punkte höhere IQ ist wünschenswert, aber ich weiss nicht wie man den höheren IQ generieren kann.

Ein Beispiel für "Schwäche" ist z.Zt. auch die SPD in HH (Heimat v. Schmidt), wo sich nicht einmal Foscherau neu politisch aktivieren läßt.

blumi


Habe soeben einen sehr interessanten Artikel entdeckt. Für diejenigen, die sich ernsthaft und differenziert mit dem Thema auseinandersetzen möchten:

Der Journalist David Salomon beschreibt unter anderem die Ästhetisierung der Politik zum Zwecke der Geschichtsverfälschung in Dramen wie "Die Flucht" und "Das Leben der Anderen" ...
http://www.jungewelt.de/2007/03-31/016.php

Renie

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