HOME
Seiten: 1 2 Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: "Die Flucht" Historiendrama???


1.Teil
Die Filmbeschreibung des 2-teilers für die ARD sprach von einem Historiendrama und das es im Januar 1945, beim Rückzug der Deutschen aus Ostpreußen nicht unbedingt friedvoll zugehen würde, war sicher klar. Ich rede bewusst von Rückzug, denn die Russen wollte gerne die Zivilbevölkerung übernehmen, um diese dann in Arbeitslagern einzusetzen. Die Vertreibung erfolgte später, nach dem verlorenen Krieg und war nicht minder für die Flüchtlinge schrecklich.
Insgesamt waren mehr als 12 Millionen Deutsche in den Gebieten, die ihre Heimat verlieren würden, davon überlebten ca. 3.5 Mio. diese Tragödie nicht.
Doch nun zum Film, der am Freitag komplett auf ARTE gezeigt wurde. Es gab viele Vorschußlorbeeren und so konnte man gespannt sein, was da kommen sollte. Man sprach von einer Aufarbeitung der Geschichte, große Schauspielkunst und eine neue Heldin in der Figur der Gräfin von Mahlenberg, gespielt von Maria Furtwängler, die alle Bediensteten ihres Landgutes in den Westen (in diesem Fall Bayern) führen sollte.
Die letzten Tage las ich im Internet, wer hinter der ganzen Produktion steht und stellte fest, dass es wieder eine „teamWorx“ Produktion ist, die ja auch den Zweiteiler „Dresden“ produziert haben, über diesen Film habe ich damals meine Anmerkungen gemacht.
Also war ich noch mehr gespannt, was sich abspielen würde, wieder so was wie bei „Dresden“? Hier gleich der Link dazu: http://f3.webmart.de/f.cfm?id=1378521&r=threadview&t=2745547#16141591
Die Beschreibung in der Fernsehzeitung habe ich nicht gelesen, ich wollte es voll auf mich wirken lassen, dieses Historiendrama.
Fazit: Der Unterschied zwischen Theorie und Wirklichkeit war sehr groß. Man hat da eine Story geschrieben, die alle Merkmale haben soll: „Es ist die „Stunde der Frauen“, Kriegsgefangene (Franzosen, Polen, Russen), Zwangsarbeiter, SS-Typen, ein besonders fanatischer HJ-Zögling, der nicht einmal nach der Flucht das Geschehen kapiert hatte, ein etwas kriegsmüder Wehrmachtsleutnant, sein Bruder und Oberst als Militärrichter und ein menschenverachtender NS-Gau-Leiter. Es gibt dann noch Deserteure, die tot an Bäumen hängen oder kurz vor Kriegsende noch erschossen wurden.
Das alles sollte in einem Film umgesetzt werden, wobei der 1. Teil nur das Leben in Ostpreußen zeigte, wie die Adligen gelebt haben , wie ihre Angestellten und Zwangsarbeiter, die natürlich zuwenig zum Essen bekommen haben, aber die Vorräte im Landgut voll waren, dank des guten Sommers 44.
Die Vorbereitung der Hochzeit der Gräfin mit dem Oberst und Militärrichter Heinrich von Gernstorff und der Polterabend, der zu einem Selbstmord des Bruders und Leutnants des Bräutigam führte, weil dieser ihn als Deserteur „melden“ wollte, münden dann in die im 2. Teil angetretene Flucht.
Dem Grafen und Gutsbesitzer war klar, das der Krieg verloren gehen würde, doch der Treck aus seinem Gut hinaus beginnt und auf der anderen Seite fahren russische T 34 Panzer auf, der Graf erschießt die Hunde und sich und der Butler wird natürlich von den hereinstürzenden Russen getötet. Das Klischee der „Bösen Russen“, wird bedient und taucht später noch einmal auf.
Wehrmachtssoldaten sieht man kaum, irgendwo soll die Front sein und der Oberst und Wehrmachtsrichter ist eigentlich bis zum Ende in Bayern immer präsent (man fragt sich, wo ist eigentlich dessen Einheit) doch am Schluss in Bayern lässt dieser komische Oberst noch 3 Soldaten erschießen, die der fanatische HJ-Pimpf ihm gemeldet hat. Die noch Braut und Gräfin macht ihm zwar Vorwürfe, doch diese Szene kommt nicht glaubwürdig herüber.
(Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein, es wurden so gut wie keine dieser NS-Richter nach dem Krieg verurteilt, nein fast alle machten Karriere, sogar Filbinger als MP von Baden-Württemberg).
Nach dem Film auf ARTE sprachen wir im Chat wir über diesen Film und ich sagte, ich hatte so mittendrin, als die Flucht übers Haff begann, die Vorstellung als sei es ein Wagentreck, so wie im wilden Westen und alle wollen ins gelobte Land, also Kalifornien und die bösen , wilden Indianer werden von den russischen Soldaten ausgeübt. Die Geschichte damals und die Umsetzung in die Flucht 1945 waren beliebig, also austauschbar.
Heute habe ich dazu bei SPIEGELONLINE gelesen und der Redakteur hatte auch diese Verbindung Indianer/Rotarmisten ähnlich gesehen.
Das alles macht diesen Film zu einem Fernsehfilm in 2 Teilen, der zufällig im 2. Weltkrieg spielt, von wegen Geschichtsaufarbeitung und ein sich Befassen mit dieser so dunklen Geschichte der Deutschen, es wurden da nur feststehende Klischees abgehakt, mal mehr oder weniger gut gelungen.
Eines kommt aber gut rüber, was der Graf noch auf seinem Landgut zu seiner Tochter gesagt hat, es sei die „Stunde der Frauen“, denn diese haben zusammen mit wenigen alten Männer, die Last der Flucht zu tragen gehabt und wenn die Front den Treck überholte, wurden die Frauen vergewaltigt, bzw. von den Panzern überrollt. Dies wird in einer Episode auch gezeigt und die Gräfin wird Augenzeuge. Der Vorgesetzte der russischen Soldaten erschießt dann einen der Vergewaltiger, doch das was sicher nur ein guter Russe und sollte den Eindruck der bösen Russen mildern.
Was mich im Film „ Dresden“ schon sehr genervt hat, war die Liebesgeschichte, die nebenbei ablief. Diese Mischung muss es wohl diesmal auch sein, der französische Kriegsgefangene und Landarbeiter gilt schon auf dem Landgut sozusagen als Chef der Arbeiter und mit seiner „Comtesse“, also der Gräfin hat er Differenzen und er glaubte sie beginne Verrat an ihm und einer Zusage, als es um die Flucht ging. Also floh er mit allen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern (zufällig hatte sich die kleine Tochter der Gräfin in einem Handwagen versteckt), wurde aber in der Nacht von einer Streife der Feldgendarmerie entdeckt und alle durften dann wegrennen und wurden auf der Flucht erschossen, naja bis auf den Franzosen, der dann das kleine Mädchen, die sich versteckt hatte, wieder auf ein nahes Gut bringt und dort auch den eigentlichen Treck seines Landgutes trifft.
Jetzt hat der Franzose natürlich gute Karten, kümmert sich um den Treck und Gräfin bis dann der Oberst und Wehrmachtsrichter wieder auftaucht, doch wie bereits geschrieben, wie kann er sich nur beim Treck aufhalten?
Was noch herüberkommt ist die Anweisung an den Gauleiter von Ostpreußen, keine Flucht der Zivilbevölkerung zuzulassen, ob es wirklich Hitler war, dieses zu veranlassen, sei dahingestellt, denn menschlich war es ein Riesenfehler und militärisch gesehen, verstopften die Trecks alle Straßen und machten die Wehrmacht unbeweglich.
Doch als die Gräfin mit dem Gauleiter über eine Flucht sprach, war es fast schon zu spät.


Zuletzt bearbeitet: 04.03.07 22:40 von Administrator


2. Teil

Geschichte:
Der Antritt der 250 russischer Divisionen begann ja am 12.1.45 mit dem letzten Sturm auf das Deutsche Reich, beide Seiten, also Russen und Deutsche sollten bis zum 8.5.45 noch Millionenverluste hinnehmen müssen.
Doch die Flüchtlinge waren schon ab den ersten Tagen des Januars unterwegs, die Parteigrößen, kein Bürgermeister konnte sie mehr zurückhalten. Die Darstellung im Film muss man wohl als überspitzt dargestellt sehen, um den Druck der Partei usw. hervorzuheben.
In diesen ersten Januartage waren die Straßen nicht verstopft, die rückweichende deutsche Armee war noch an der Front und so leerten sich ganze Dörfer und die Trecks zogen in einer endlosen Kolonne nach Westen, also Westpreußen. Die Anlaufstellen waren Elbing, Danzig, Gotenhafen und Pillau. Trotz Verlust von über 100 Schiffen und ca. 40 000 Passagieren, sollte es die Kriegsmarine schaffen, rund 2.5 Mio. Flüchtlinge bis zum Kriegsende nach Deutschland und Dänemark zu evakuieren
Von der Offensive der Russen war Hitler informiert, wollte aber dort keine eigene Truppen mehr hinschicken, die hätten wohl auch nur einige Tage länger ausgehalten, doch für die Zivilbevölkerung wären die Verluste geringer gewesen. Nach 10 Tagen fährt keine Eisenbahn mehr in Richtung Reich, die Front hat Elbing erreicht. Die schmale Landbrücke der frischen Nehrung bleibt noch offen. Direkter Beschuss durch Artillerie und Panzer, sowie eine russische Luftüberlegenheit machen auch diesen Weg verlustreich. Vereiste Straßen, Schneestürme, kaum Nahrung (insbesondere keine Milch für die Kleinkinder), die Situation ist katastrophal, Not und Verzweiflung beherrscht die Szene. Tagesetappen von nur 5 Kilometern sind normal.

Film: Dies alles kommt in diesem Film zu kurz, stattdessen den ganzen 1. Teil eine Darstellung einer Welt, die dann später als Junkerwelt in der DDR bezeichnet wird.
Wie oben auch geschrieben, die Wehrmacht trat nicht in Erscheinung, doch diese kämpfte damals schon lange nicht mehr für „Führer und Vaterland“ oder einige Bonzen, die noch ihre Pfründe in Sicherheit bringen wollten, sie kämpften besonders für einen Zeitgewinn für die Flüchtlinge, der ja leichtfertig, vielleicht auch verbrecherisch , verspielt wurde.
Der Film als solcher hat wohl 10 Mio. Euros gekostet, um die Flucht der Bevölkerung bewusst zu machen, doch dieses Bewusstsein war immer da, niemand braucht da meinen, das große Geld damit zu verdienen. Es laufen gerade viele Dokumentationen in den öffentlich rechtlichen Programmen, die anzusehen dient besser dem Aufarbeiten der Flucht und vermitteln auch geschichtliche Kenntnisse.
Also warten wir weiter auf einen Film der die Flucht und die spätere Vertreibung darstellt, es müssen ja nicht 10 Klischees in einem Film bedient werden.





Ach sarek,

hätteste jetzt mit deiner Kritik nicht warten können, bis der Film in der ARD heute und morgen durchgelaufen ist?
Damit man sich den Film unvoreingenommen ansehen kann?

Ok, ich gebs zu, ich hab nach ein paar Zeilen mit dem Lesen deines Beitrags aufgehört und les es Mitte nächster Woche mal fertig, nachdem ich den Film angeschaut hab.

Renie


-------------------------------------------------
Hartnäckigkeit ist die Seele der Recherche


Was mich an diesem "Historiendrama" gestört hat, war, dass es aus der Sicht einer Adelsfamilie erzählt wird. Die "tapfere" Gräfin wird zur Führerin der ihr Anvertrauten und Ergebenen. Darf man fragen, welche Moralvorstellungen da verpackt in ein die Deutschen immer noch bewegendes Thema unterschwellig mitpropagiert werden? Gehe ich zu weit, wenn mich das Ganze auch ein wenig an solche unsäglichen ARD-Produktionen wie "Die Bräute-Schule" erinnert, in der die 50er Jahre nachgestellt werden, oder an die, in der das Leben auf einem Gutshaus in den 20er Jahren nachgestellt wurde?

Unabhängig davon, ob die tatsächliche Geschichte der v. Dönhoffs sich wirklich so abspielte, ich habe den Eindruck, diese Produktion hatte auch das Ziel, bestimmte Personenkreise in einem "besseren Licht" erscheinen zu lassen. Oder wollen wir wirklich noch einmal genauer untersuchen, aus welchen Kreisen der deutschen Gesellschaft die Nazis besonders eifrig unterstützt wurden?

Es hat dann wirklich schon so ein "Geschmäckle", wenn in dieser Produktion eine Maria Furtwängler die Hauptrolle spielt.


(rechts anklicken > Link in neuem Fenster öffnen)

Bild aus: Heinz Bergschicker: "Deutsche Chronik 1933-1945 - Ein Zeitbild der faschistischen Diktatur", Verlag der Nation, (Ost-)Berlin, 1981, S. 74

Zwirni


Zuletzt bearbeitet: 06.03.07 05:22 von zwirni


Ein grottenschlecht verfilmter Groschenroman, dem man keine weitere Aufmerksamkeit widmen sollte. Die nachfolgende "Dokumentation" war ebenfalls aus der untersten Schublade hervor gezaubert. Alles verplemperte Zeit.

banana

_____________________________________________
Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


Warum stellt man bei so einem Film nicht einfache Leute dar ?




Weil dann die Zielgruppe der Arzt-, Liebes- und Adligengroschenroman-Leserinnen verfehlt würde und die Einschaltquoten den Bach runtergehen würden.

_____________________________________________
Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken


zwirni
Oder wollen wir wirklich noch einmal genauer untersuchen, aus welchen Kreisen der deutschen Gesellschaft die Nazis besonders eifrig unterstützt wurden?


Du hast RECHT - unsere Generation kann darüber nachdenken; aber heisst das "man können diesen KREISEN der Gesellschaft auch heute nicht vertrauen ?"

blumi


mir hat dieser ach so beworbene film nicht gefallen:-( bin froh, den hinter mir zu haben.

schade eigentlich

vowi



Ehrlich gesagt, verstehe ich euer Problem nicht so ganz.
Es gibt doch einen Ausschaltknopf, den man betätigen kann, wenn das angebotene Programm nicht gefällt.
Niemand muss sich etwas angucken, was ihm nicht passt.

Im Übrigen: Ich habe mir den Film erst gar nicht angesehen, weil ich mir nämlich schon gedacht habe, dass der mir nicht gefallen würde. Hab statt dessen DVD geguckt. War wohl die richtige Entscheidung meinerseits.

*******************************************************

Dieser Beitrag besteht aus 100% recycelten Elektronen!




Stimmt Esra, es gibt so einen Knopf, doch das stand für mich nicht zur Diskussion, diesen Film nicht anzusehen.
Ich hatte bereits den Film "Dresden" angesehen und hier auch im Forum beurteilt.
Die Produktionsfirma von "Dresden" hatte ja auch für dieses Machwerk, mit Null historischen Hintergrund, Staatsgelder kassiert und war sogar schon für Preise nominiert. Wenn man sich nun auch "Die Flucht" ansieht und auch von allen möglichen Gründen, wie Aufarbeitung, Geschichtsbewältigung, historischer Schuld gesprochen wird, was dieser Film alles sein soll, ist es mehr eine Vera...... der Zuschauer. Es war eine Verfilmung eines Groschenromanes, wie banana es deutlich gesagt hat.

Wie Zwirni in den Beiträgen "Das Leben der Anderen" gesagt hat, man soll die Inhalte nicht als 1:1 Wahrheit übernehmen und erkennen das es ein Film war, nicht mehr und nicht weniger.

Ich hatte beim Titel hier auch hinter "Historiendrama" drei Fragezeichen gemacht und sage dazu, es war ein Film der in der Vergangenheit spielte(keine Ahnung wo im Film das Drama war, die Gräfin mit fast allen Flüchtlingen sind ja durchgekommen).
Die Realität Anfang 1945 war aber eine Andere.
30 Minuten "Flucht" waren im Film dafür vorgesehen, die Produktionsfirma setzte da mehr auf die Dekadenz oder auch Heldenmut der damaligen adligen Kaste.
Klar Esra, die Entscheidung eine DVD zu sehen, war sicher Besser. Ich hoffe nur, du hast dich nicht durch meinen Artikel in deiner Meinung beeinflussen lassen, den Film nicht zu sehen.
Renie wollte aus diesem Grunde den Artikel nicht weiterlesen, um den Film unvoreingenommen anzusehen. Vielleicht gibt es dazu bald ihre Meinung.




Ähm ... meine Meinung...

Sarek, leider ist mir am Sonntag was dazwischen gekommen, sodass ich keine Zeit hatte, den Film zu sehen.
Ich hab also keine Meinung und nach dem Thread jetzt immer weniger Lust den Film anzusehen.
Das macht aber überhaupt nichts.

Bestenfalls also können einem solche Filme Impulse vermitteln, den Dingen mal auf den Grund zu gehen, oder es wenigstens zu versuchen. (Werd mir demnächst die Themen in der TV-Zeitschrift anschauen, entscheiden ob mich das interessiert und einige gescheite Sachbücher dazu lesen).

Übrigens, der nächste Schmachtschinken in historischer Kulisse ist bereits in der Mache.

Viele Grüße von Renie
... verschwindet wieder im Bücherregal

-------------------------------------------------
Hartnäckigkeit ist die Seele der Recherche


Ich habe mit meiner Mutter über diesen Film gesprochen. Sie begrüßte zwar, dass das Thema im Rahmen eines Filmes behandelt wurde, meinte aber, dass eine Darstellung der Geschehnisse, so wie sie sie erlebt hat, so gut wie unmöglich oder aber zu schockierend für den Fernsehzuschauer sei.
Ich halte allerdings einen »Schock« durch Wahrhaftigkeit für weitaus besser im Sinne der Geschichtsbetrachtung als ein verklärendes Bild von Begebenheiten, die, wenn sie überhaupt so passiert sind, eher Ausnahme als Regel waren.

Nach den Erinnerungen meiner Mutter begann das wirkliche Drama schon in dem Moment, als es hieß, die Bewohner ihres Dorfes müssten nun fliehen. Nicht jede Familie hatte die Möglichkeiten, aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln nun auf den beschwerlichen Weg zu gehen. Also musste geklärt werden, wer wen und was mitnimmt. Es wäre illusorisch anzunehmen, dass in diesem existenzgefährdeten Moment nun Mitmenschlichkeit die oberste Maxime des Handelns der Beteiligten war. Meine Mutter konnte davon berichten, dass bei der Frage, wer wird von wem mitgenommen, natürlich auch die persönlichen Beziehungen eine Rolle spielten und manche "Mitfahrgelegenheit" erkauft werden musste.
Im Film verläuft der Treck abgesehen von dem Beschuss durch feindliche Flugzeuge relativ friedlich. Meine Mutter hat das anders in Erinnerung. Es gab auf dem Weg genügend schreckliche Erlebnisse. Sie erzählte von menschlichen Überresten, die in den Bäumen hingen, von unzähligen Leichen entlang des Weges. Sie verlor auf dem Weg auch ihre Schwester durch eine Mine.
Es gab bei diesem Treck Schrecken und Chaos. Ich vermute, es wird eine Atmosphäre von "Rette sich wer kann!" vorgeherrscht haben. Meine Mutter berichtete auch, dass sich während des Trecks Szenen abspielten, bei denen z.B. Leute, die noch per Pferdefuhrwerk unterwegs waren, andere, die irgendwie liegengeblieben waren und darum bettelten, mitgenommen zu werden, mit ihren Peitschen vertrieben. Es war wohl kein disziplinierter Treck einer "solidarischen Volksgemeinschaft", wie der Film glauben machen will. Und es wäre fatal, wenn man diesen Film als exemplarisch ansehen würde, denn meinen Eltern ist nie ein Fall bekannt geworden, in dem ein Vertreter einer Adelsfamilie die Führung und Verantwortung so übernommen hat, wie es der Film zeigt. Andererseits sind ihnen aber Fälle bekannt, bei denen sich einzelne Familien, die über die notwendigen Möglichkeiten verfügten, schon vor 1945 in Richtung Westen absetzten.

Im Film gibt es einen zeitlichen und örtlichen Sprung: Auf einmal befindet sich der Treck in Bayern. Die ganze Geschichte dazwischen wird ausgeblendet und nur kurz durch Audiokommentar aus dem »Off« erklärt, dabei wäre gerade das interessant gewesen. Denn die Flüchtlinge waren keineswegs willkommen. Diese Ablehnung war auch noch nach Jahrzehnten in der DDR zu spüren, wie meine Mutter erzählte: Da wurde von den Einheimischen die Erinnerung an diese Geschehnisse auch schon mal mit den Worten: "Achja, die ollen Flüchtlinge..." kommentiert. Meine Mutter und ihr Bruder mussten sich damals als Kinder auch zeitweilig allein durchkämpfen - ohne Dach über dem Kopf, ohne Verpflegung. (Der ältere Bruder meiner Mutter musste damals zwangsläufig die Nahrung stehlen, damit sie nicht verhungerten.)
Im Film verläuft die eigentliche Flucht viel zu geordnet, wenn sie denn gezeigt wird. Stattdessen verliert man sich in einer unglaubwürdigen Liebesgeschichte und in den familiären Befindlichkeiten einer nicht repräsentativen Minderheit.

Meine Mutter hat auch noch etwas erzählt, was ich bemerkenswert finde: Nachdem die Familie in der Gegend von Pasewalk erst einmal ein Quartier gefunden hatte und der Krieg beendet war, wollten sie auf ihren Hof in Hinterpommern zurückkehren. Dort waren aber mittlerweile ebenfalls vertriebene Polen. Sie erzählte, dass die Situation dort derart eskalierte, dass die Polen meine Großmutter an die Wand stellen und erschießen wollten. Verhindert wurde das von den Russen als Besatzungsmacht.
________________

Der Film erinnert in der Perspektive seiner Erzählweise an die sogenannten »Telenovelas«, die im Nachmittagsprogramm zu "bewundern" sind und in denen ein unerträgliches Obrigkeitsdenken propagiert wird. Die Kritik am Nazi-Regime, das für diesen Krieg verantwortlich war, kommt in diesem Film wie etwas auswendig Gelerntes aber nicht Verinnerlichtes daher. Man hat mit dem Wehrmachts-Oberst und Militärrichter, der dann plötzlich seine Uniform auszieht, zwar einen Versuch unternommen, eine Anspielung auf die spätere Geschichte in der Bundesrepublik zu platzieren, aber in Betracht der zuvor ausgiebig ausgewalzten Story der Adelsfamilie erscheint dies wie ein halbherziger Versuch des Bemühens um »Political Correctness«.

Man kann nun wie Esra sagen, dass man sich doch so etwas nicht anschauen muss, schließlich hat das TV-Gerät einen Ausschalter. Das mag wohl so sein, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir hier aktuell einen Versuch der Geschichtsumschreibung erleben können: Noch drei TV-Produktionen dieser Art in den nächsten Jahren und es ist nicht mehr weit, dass die Bevölkerung glaubt, der deutsche Adel hätte zu 50% aus Widerstandskämpfern gegen das Nazi-Regime bestanden (überspitzt ausgedrückt). Hier wird Verharmlosung betrieben und das tatsächliche Schicksal der Mehrheit der Bevölkerung wird ausgeblendet. Insofern war zumindest der vor einiger Zeit gesendete Film "Nicht alle waren Mörder" eine wohltuende Ausnahme.

Zwirni



Danke, Zwirni, für Deinen wertvollen, zeitgeschichtlichen Beitrag, von einer Zeitzeugin, die wirklich dabei war und es Dir erzählt hat. Eine solche Tragödie, kann man nicht im Fernsehen darstellen.
Gruß Sippi



Hallo zwirni,

danke für Deinen Beitrag. Meine Mutter erzählt ähnliche Geschichten von der damaligen Flucht mit ihren Eltern und 4 ihrer Geschwistern. Sie flüchteten damals, nur mit ihrer Kleidung am Leibe im Winter 1944/45, allerdings aus Oberschlesien über die damalige Tschechoslowakei und Österreich, bis die Flucht schließlich im Ruhrgebiet ihr Ende fand.

Die Verhältnisse und Umstände während dieser Flucht müssen absolut brutal und für uns nicht vorstellbar gewesen sein. Marodierende Gruppen von desertierten Wehrmachtssoldaten und russische Truppen sorgten für ständiges, extremes Leid und Angst. Hunger und der Rekordwinter 1944/45 kamen noch hinzu. Meine Großeltern waren übrigens beide glühende Hitlerverehrer und stramme Parteimitglieder. Bis zu ihrem Tode im Jahre 1972 hielt diese Hitlerverehrung bei meiner Großmutter an. Sie war nach dem Krieg treue CDU-Wählerin. Warum wohl? In der CDU waren die meisten Nazis untertaucht, was eine Erklärung wäre.

banana



_____________________________________________
Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die klar, einleuchtend und plausibel ist - und falsch. - Henry Mencken
Seiten: 1 2 Zurück zur Übersicht


HOME