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Thema: Ist Deutschland pleite?


Ich gehe nur auf die Problematik "Bruttoinlandsprodukt" und seine Wachstumsraten ein, um einiges aus meiner Sicht klarzustellen. Die Frage der Verschuldung werde ich behandeln, wenn der Beitrag von Vowi erschienen ist.

(05.01.) Volkswirt:
hieraus geht hervor, daß das bip fast immer gestiegen ist. nur wenige jahre hatten einen minimalen rückgang. seit 1990 war dies aber nur einmal 1993 der fall. das bip steigert sich so gut wie immer, von 2002 auf 2004 z.b. um 105 milliarden euro. selbst politiker sind sich dessen bewußt.

(05.01) christi:
Dann ist also das BIP kein wirklicher Gradmesser hinsichtlich dessen, was im Lande läuft?
...
Nun Vowi, deswegen: je höher das BIP, desto niedriger die Verschuldung! So gesehen kann doch irgendwas nicht stimmen. Oder vertue ich mich da?

Bei vielen volkswirtschaftlichen Größen wird das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab genommen, so wie man z.B. bei der Berechnung betriebwirtschaftlicher Kennziffern von Unternehmen bestimmte Renditeangaben als Prozentgrößen im Verhältnis zum Unternehmenskapital angibt.

Allerdings wird in Deutschland mit der Angabe der Wachstumsrate des BIP in der öffentlichen Diskussion fahrlässig und falsch umgegangen:

In der Vergangenheit wurde immer wieder davon gesprochen, dass Deutschland im Vergleich mit anderen Staaten Europas die "rote Laterne" beim Wirtschaftswachstum habe. Dabei war dann oft die Wachstumsrate des BIP im Vergleich zu anderen europäischen Staaten gemeint. Aber warum wird diese Zahl eigentlich als so wichtig angesehen?

In Deutschland herrscht überwiegend die Meinung, dass sich eine Verbesserung des Wohlstandes der Bevölkerung nur bei steigenden Wachstumsraten verwirklichen lasse. Dies ist die Schlussfolgerung daraus, dass mit steigender Produktion auch steigende Umsätze der Unternehmen einhergehen. Daraus wird wiederum abgeleitet, dass einerseits damit auch steigende Einkommen der Arbeitnehmer verbunden seien und sich andererseits aufgrund höherer Einkommen und Unternehmensgewinne auch die Steuereinahmen des Staates erhöhen, der damit wiederum vermehrt Investitionen oder Transferleistungen tätigen kann. Ich behaupte, dass diese Kausalkette nicht (mehr) existiert!!! Denn sie hat als Bedingung, dass die Arbeitnehmer in Form ihrer Einkommensentwicklung an der wirtschaftlichen Entwicklung beteiligt werden und dass die Steuersätze für die Unternehmen konstant bleiben. Das ist aber nicht (mehr) der Fall:

Man kann sich auf den Internetseiten von Deutscher Bundesbank und Statistischem Bundesamt darüber informieren, dass es in den letzten Jahren einen deutlichen Unterschied zwischen der Steigerung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen einerseits und der Entwicklung der Löhne und Gehälter andererseits gibt. Während erstere reichlich gestiegen sind, konnten letztere nicht einmal mit der Inflation mithalten, was einem Reallohnverlust entspricht. Trotzdem gab es immer eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. So wird allein daran schon deutlich, dass eine Steigerung des BIPs nicht zwangsläufig mit einer Verbesserung der Situation der Mehrheit der Bevölkerung einhergehen muss. (Denn die Mehrheit in Deutschland sind nun mal Arbeitnehmer.)

Ansonsten ist die Debatte um das Wachstum in Deutschland reichlich irreführend. Deutschland ist die größte Volkswirtschaft in Europa und zum anderen die mit dem höchsten Lebensstandard (wenn ich das richtig in Erinnerung habe). Man hat mit der EU einen Binnenmarkt und mit dem Euro ein einheitliches Währungsgebiet geschaffen. Damit hat man den Aufholprozess der anderen EU/Euro-Länder beschleunigt. Wenn also Portugal oder Irland höhere Wachstumsraten haben als Deutschland, ist das nur eine notwendige Folge. Im Übrigen sind 1% Wachstum in Deutschland absolut betrachtet immer noch wesentlich mehr als vielleicht 3% woanders in Europa.

Das Gejammere um das niedrige Wachstum in Deutschland hat aber auch noch einen anderen Hintergrund: Es scheint so etwas wie einen Grundkonsens in der volkswirtschaftlichen Theorie und bei Politikern zu geben, dass man "Wohltaten für´s Volk" nur dann verteilen kann, wenn es einen volkswirtschaftlichen Zugewinn in Form ausreichender Wachstumsraten gibt. Anhand dieser Denkweise wird deutlich, dass in Deutschland ein knallharter Verteilungskampf stattfindet: Voraussetzung für diese Annahme ist nämlich, dass man davon ausgeht, dass sich die Anteile des gesamtgesellschaftlichen Wohlstandes nicht anders verteilen ließen, als es derzeit geschieht, und dass man für zusätzliche "Wohltaten fürs Volk" ein Mehr an BIP und damit an Einkommen und Steuereinnahmen braucht. (Weil dieses "Mehr" noch nicht verteilt ist und man also niemandem etwas wegnehmen muss, um es einem anderen zu geben. Gerade aber das wäre überlegenswert.)
Tatsächlich ist es doch aber so, dass in den letzten Jahren eine Umverteilung von unten nach oben in Deutschland stattgefunden hat. Die Verantwortlichen dafür sitzen in den gut bekannten Polit-Talks und tun so, als könnten sie nichts dafür und jammern über mangelhafte Wachstumsraten, um davon abzulenken, dass sie ihrer Pflicht als wirkliche Volksvertreter nicht nachkommen.

Man darf auch nicht vergessen, dass es gerade Deutschland (oder genauer die deutsche Wirtschaft) war, das (die) die Schaffung des europäischen Binnenmarktes und des einheitlichen Währungsgebietes vorangetrieben hat, denn die deutsche Wirtschaft verdient gut daran. Allerdings hat man es ihr damit auch erleichtert, Arbeitsplätze in Deutschland abzubauen und jetzt woanders billig produzieren zu können. Dadurch wurde die Teilhabe der deutschen Arbeitnehmer an der wirtschaftlichen Entwicklung in Form ihrer Einkommensentwicklung abgekoppelt. Es stimmt nicht mehr, dass es der Mehrheit der deutschen Bevölkerung dann besser geht, wenn es auch der deutschen Wirtschaft besser geht. Mit dieser Behauptung wurde in den letzten Jahren die öffentliche Meinung via "Sabine Christiansen" oder "Du bist Deutschland" erfolgreich manipuliert.

Zwirni




zwirni:
In Deutschland herrscht überwiegend die Meinung, dass sich eine Verbesserung des Wohlstandes der Bevölkerung nur bei steigenden Wachstumsraten verwirklichen lasse. Dies ist die Schlussfolgerung daraus, dass mit steigender Produktion auch steigende Umsätze der Unternehmen einhergehen. Daraus wird wiederum abgeleitet, dass einerseits damit auch steigende Einkommen der Arbeitnehmer verbunden seien und sich andererseits aufgrund höherer Einkommen und Unternehmensgewinne auch die Steuereinahmen des Staates erhöhen, der damit wiederum vermehrt Investitionen oder Transferleistungen tätigen kann.
Zwirni


Danke Zwirni für die Erläuterung! So ist dies zum Thema BIP auch meine Ansicht und es wundert mich unter diesen Umständen schon sehr, dass das BIP steigen kann, wo wir doch einen real existenten Einkommensrückgang haben auf Normalo-Ebene!



zwirni
Tatsächlich ist es doch aber so, dass in den letzten Jahren eine Umverteilung von unten nach oben in Deutschland stattgefunden hat


Es liegt daran, dass man mit Geld auf der Bank automatisch zu den Gewinnern zählt und mit Schulden bei der Bank, der Arbeitende ist, der zur Schuldentilgung einen gut bezahlten Job braucht.

Die Geldmenge wächst (wegen Zinsen) dort wo Geld ist, speziell dann, wenn die Inflation per Gesetz in Grenzen gehalten wird. Das GG schützt den Besitz; die Regierung kann also keine Umverteilung von OBEN nach UNTEN vornehmen; weil der Staat die Inflation verhindert, kann das angesparte Vermögen auch nicht schrumpfen, es sei denn man "riskiert" es ungeschickt an der Börse.

Die Gewerkschaft versucht einen größeren Teil vom Unternehmensgewinn für die Mitarbeiter zu erstreiten; trotz aller Streik-Möglichkeiten sitzt die Gewerkschaft mit uns allen "in der Schulden-Falle" des Staats - wir müssten wenigstens die Zinsen für die Staatsschulden durch Arbeit (mit Steuern als Teil des Arbeitslohns) aufbringen. Das gelingt nicht - als Hoffnung wird auf Wachstum gesetzt. Es wird aber nur dort in neue Aufgaben investiert, wo sich Investitionen mit guter Verzinsung auszahlen; wo lohnt es in der BRD ?

Trotz aller Bemühungen, Politiker schaffen es nicht, "in den Staatskassen" ohne Neuverschuldung einen ausgeglichenen Haushalt zu erstellen und gleichzeitig Arbeit mit öffentl. Investitionen und mit Dienstleistungen zu sichern.

Sind wir gezwungen uns "kaputtzusparen" ?



blumi

Zuletzt bearbeitet: 06.01.06 10:10 von blumi


(06.01.) blumi:
(06.01.) zwirni:
Tatsächlich ist es doch aber so, dass in den letzten Jahren eine Umverteilung von unten nach oben in Deutschland stattgefunden hat

Es liegt daran, dass man mit Geld auf der Bank automatisch zu den Gewinnern zählt und mit Schulden bei der Bank, der Arbeitende ist, der zur Schuldentilgung einen gut bezahlten Job braucht.

Die Geldmenge wächst (wegen Zinsen) dort wo Geld ist, speziell dann, wenn die Inflation per Gesetz in Grenzen gehalten wird. Das GG schützt den Besitz; die Regierung kann also keine Umverteilung von OBEN nach UNTEN vornehmen; weil der Staat die Inflation verhindert, kann das angesparte Vermögen auch nicht schrumpfen, es sei denn man "riskiert" es ungeschickt an der Börse.

Ich meinte nicht Umverteilung von Vermögen oder Besitz, sondern Umverteilung bei den Einkommensverhältnissen (und die lassen sich sehr wohl verändern, ohne gegen das Grundgesetz zu verstoßen): Wie ich schon versucht habe darzustellen, lässt sich das BIP in seiner Verteilung als Summe aus Einkommen aus unselbständiger Arbeit (also das der Arbeitnehmer) und der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen beschreiben. Die Frage ist, wie sich das Verhältnis zwischen diesen beiden Einkommensarten verändert: Bleibt es bei insgesamt steigendem BIP konstant, dann erhalten die Arbeitnehmer ihren Anteil entsprechend dem Grundgedanken der sozialen Marktwirtschaft und können ebenfalls vom Wirtschaftswachstum profitieren.
Ich habe mir jetzt noch nicht angesehen, wie sich dieses Verhältnis insgesamt seit Gründung der Bundesrepublik entwickelt hat, aber mir ist aufgefallen, dass es sich gerade in den letzten Jahren bei steigendem BIP sehr stark zu Ungunsten der Arbeitnehmer verändert hat. Das heißt im Klartext: Die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und durch Vermögen sind im Verhältnis stärker gestiegen als das BIP. Das über die Medien verbreitete Gejammere der Unternehmensverbände ist also nicht gerechtfertigt. (Die bekommen nur den Hals nicht voll.)
Allerdings sind diejenigen deutschen Unternehmen von dieser Entwicklung negativ betroffen, deren Kunden wiederum größtenteils inländische Arbeitnehmer sind. Dieser Fakt wurde in den Medien ursachenverdrehend dargestellt, indem behauptet wurde, dass angeblich der deutsche Verbraucher mit "Geiz ist geil" schuld an der Wirtschaftssituation wäre.

Die unterschiedlichen Entwicklungen dieser Einkommensarten wurden aber durch unsere Gesetzgeber direkt beeinflusst, man denke beipielsweise nur an die Abschaffung der Besteuerung von Gewinnen durch Verkäufe von Unternehmensanteilen. Dies geschah im Interesse der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und wurde damit begründet, dass dies auch im Interesse der Schaffung von Arbeitsplätzen sei. Tatsächlich hat man damit das Gegenteil bewirkt. Die Steuereinnahmen fielen weg und den arbeitsplatzvernichtenden "Heuschrecken" wurden die Tore weit geöffnet. Profitiert haben davon die Besitzer von Investment-Fond-Anteilen und die Verwalter dieser Fonds.
Man muss ja nun wirklich nicht denjenigen, die schon genug haben, noch mehr Geld auf Kosten anderer in den Rachen werfen. Aber genau dafür sorgt unsere Politik.

Bis jetzt wurde immer jede Regelung, die die Situation der Unternehmen verbessert hat, gerne von diesen angenommen, aber die Arbeitslosigkeit wurde nicht geringer. Ließe sich nun bei der Betrachtung der volkswirtschaftlichen Zahlen erkennen, dass sich die Einkommen aus Unternehmen und Vermögen genauso schlecht entwickelt hätten wie die Arbeitnehmereinkommen, könnte man sagen: "Gut, es ist wohl gerechtfertigt, dass man den Gürtel enger schnallen muss.", was uns jetzt schon die ganze Zeit über die Medien eingeredet wird. Aber bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass dies nicht stimmt!

Zur Inflation:
Sie kann nicht per Gesetz direkt beeinflusst werden. Auch die EZB hat weitaus weniger Macht darüber, als sie zugibt. Allerdings wären auch bei steigender Inflation nicht die Vermögenden die Verlierer sondern die vielen Kleinsparer. Wer viel Geld hat, investiert dieses gewinnbringend in Sachwerte und ist somit der Inflation nicht mehr ausgesetzt. Verlierer der Inflation sind immer die einkommensschwachen Teile der Gesellschaft, die sich mühsam etwas absparen.

Zwirni



zwirni
sondern Umverteilung bei den Einkommensverhältnissen (und die lassen sich sehr wohl verändern, ohne gegen das Grundgesetz zu verstoßen):


diese Umverteilung kann der Gesetzgeber nicht festlegen. Das machen die Tarifpartner (ohne Gesetze).Die Vorstände der GROSSEN AG-s leben mit ihrem Millionen-Gehalt nicht gesünder und länger als der Normal-Bürger; das kann unser Trost sein. Ihr Vermögen wird zu 90 % in Aktien angelegt sein; sie bekommen zwar viel - sorgen aber auch für eine gute Stimmung an der Börse und für Investitionen. Ohne Aktien wäre es mit den Investitionen sehr schlecht gestellt. Die Aktienbesitzer tragen mit ihrem Vermögen das RISIKO einer AG. Die Arbeitnehmer der AG riskieren den Job - die Aktienbesitzer der AG riskieren ihr Vermögen, wenn es in der AG schlecht läuft.

Der Arbeitnehmer sucht sich einen neuen JOB, der Aktienbesitzer ist sein Vermögen los und fängt wieder von vorn an "mit Geld verdienen und Aktien kaufen zum >Investieren".

Allerdings sind diejenigen deutschen Unternehmen von dieser Entwicklung negativ betroffen, deren Kunden wiederum größtenteils inländische Arbeitnehmer sind


Das ist die Mehrzahl der mittelständischen Unternehmen.

Die Medien berichten über alle, die zu jammern haben und sich ungerecht behandelt fühlen. Hier hat jeder seine persönliche Sicht.

blumi

Zuletzt bearbeitet: 09.01.06 10:25 von blumi


Ich war fast etwas erstaunt, als heute im Fernsehen aufgrund der Veröffentlichungen des Statistiischen Bundesamtes (allerdings) sehr kurz die unterschiedliche Entwicklung zwischen Arbeitnehmerentgelten und Einkommen aus Unternehmen und Vermögen erwähnt wurde.

http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p0170121.htm

Neben den drastisch unterschiedlichen Steigerungsraten möchte ich auf einen weiteren Aspekt bei Betrachtung der absoluten Größen hinweisen:

Das Verhältnis der Summen von Arbeitnehmerentgelt zu Unternehmens-/Vermögenseinkommen beträgt 2 : 1
Das Verhältnis der Anzahl bei den Erwerbstätigen von Arbeitnehmern zu Selbstständigen beträgt aber 8 : 1

Dieser Vergleich ist nicht sauber, da manch ein Geschäftsführer als Arbeitnehmer zählt und etliche Arbeitnehmer auch Einkommen aus Vermögen beziehen. Außerdem dürften zu den Beziehern von Unternehmens- und Vermögenseinkommen auch Kapitalgesellschaften gehören.
Die Schlussfolgerung, dass ein Selbstständiger im Durchschnitt das vierfache Einkommen eines Arbeitnehmers hat, ist aus dieser Gegenüberstellung nicht zu ziehen, aber ich wollte auf etwas anderes hinaus und bin damit bei Blumis letztem Beitrag:

(09.01.) blumi:
...diese Umverteilung kann der Gesetzgeber nicht festlegen. Das machen die Tarifpartner (ohne Gesetze).

Gut Blumi, Du meinst die Aushandlung der Tarifverträge. Das ist für mich aber nicht alles.
Sicher, wenn man nur die Einnahmen vergleicht, dann ist dabei die Ausgestaltung der Tarifverträge von grundlegender Bedeutung.

Sicherlich ist bekannt, dass das Vermögen eines Wirtschaftssubjekts, egal ob Unternehmen oder Arbeitnehmer die Differenz aus laufenden Einnahmen und Ausgaben ist. Das Vermögen oder der Besitz ist grundgesetzlich geschützt, was lediglich bedeutet, dass es nicht willkürlich weggenommen oder beschädigt werden darf. Die Umverteilung erfolgt aber über die zwangsweise Veränderung der Einnahmen und Ausgaben der Wirtschaftssubjekte und dabei hat der Gesetzgeber erheblichen Einfluss.

Interessant wird es, wenn man bedenkt, dass im Wirtschaftskreislauf die Ausgaben der einen zu den Einnahmen der anderen Witschaftssubjekte werden. Wenn dabei jedem soviel finanzieller Spielraum gelassen wird, dass seine Ausgaben nicht größer als seine Einnahmen werden, kann jedes am gesamtgesellschaftlichem Wachstum partizipieren. Die Zahlen vom Statistischen Bundesamt belegen aber genau das Gegenteil! Wenn die privaten Konsumausgaben stärker steigen als die Arbeitnehmerentgelte, bedeutet dies, dass die Arbeitnehmer gezwungen sind, auf ihre Spareinlagen zurückgreifen. (Vor einigen Wochen bestätigte ein Vertreter des OSGV (Ostdeutscher Sparkassen- und Giroverband) im "Börsen-TV" diese Entwicklung. Ein Vertreter der Deutschen Bank würde diese Entwicklung in seinem Unternehmen sicherlich nicht feststellen. Dies ist Ausdruck von Umverteilung.

Wenn man dem Normalbürger durch politische Entscheidungen erhöhte Zuzahlungen für Arzneimittel aufzwingt, obwohl der Krankenkassenbeitrag nicht geringer wird, dann werden die Ausgaben des einen und die Einnahmen des anderen Wirtschaftssubjekts erhöht (und damit das Vermögen des einen geschmälert und das des anderen vermehrt). Mir ist nicht bekannt, dass die Pharma-Konzerne über mangelnden Profit klagen.
Wenn die Landesregierungen der Erhöhung der Strompreise durch die Energieversorger genehmigen, obwohl man deren Preisgestaltung nicht nachvollziehen kann, dann ist dies auch Umverteilung durch Politik.
Wenn man die Spitzensteuersätze senkt, aber die Mehrwertsteuer erhöht, dann ist dies Umverteilung.
Und auch das mit großem Getöse propagierte neueste Investitionsprogramm der schwarz-roten Regierung (das diesen Namen nicht verdient) bevorzugt wieder die Menschen, die sowieso schon über ein mehr als ausreichendes Einkommen verfügen.

Wenn, wie anhand dieser Statistik ersichtlich (wenn man sich die Mühe macht, erkennen zu wollen, was diese Zahlen bedeuten), knapp 90% der Erwerbstätigen mit ihrer Einkommensentwicklung nicht am Wachstum des gesamten Einkommenszuwachses beteiligt werden, braucht man sich auch nicht über die Entwicklung in Deutschland zu wundern.

Es liegt nicht daran, dass, wie der Volksmund so schön sagt, der Teufel immer auf den größten Haufen sch..ßt, sondern daran, dass die Arbeitnehmer nicht entsprechend ihrer Arbeitsleistung am Wachstum des BIP beteiligt werden. Den ihnen eigentlich zustehenden Anteil an der Wertschöpfung erhalten sie sowieso nicht, das ist ein Grundprinzip des Kapitalismus. Eine Grundidee der sozialen Marktwirtschaft war aber, dass zumindest die Zuwachsraten gerecht aufgeteilt werden. Mit der sogenannten "Neuen sozialen Marktwirtschaft" wird dieses Prinzip aufgegeben. Das Resultat ist sichtbar, aber von den Ursachen dieser Entwicklung wird systematisch durch Politik und Medien abgelenkt.

(Es ist keine Neid-Diskussion, die ich hier führe. Nichts gegen ehrlich erbrachte Leistung! Aber wir leben in gegenseitigen Abhängigkeiten. Die Ausgaben des Einen sind die Einnahmen des Anderen. Gleichzeitig erfolgt dabei ein Wertschöpfungsprozess durch Arbeit.
Das bedeutet gleichzeitig, dass wenn jemand dabei mehr bevorzugt wird, als es der Wertschöpfungsprozess eigentlich zulässt, dies zu einem Nachteil für die Anderen wird. Dieser Vorgang wird durch unsere Politik nicht nur nicht verhindert sondern auch noch unterstützt.)

(09.01.) blumi:
Die Vorstände der GROSSEN AG-s leben mit ihrem Millionen-Gehalt nicht gesünder und länger als der Normal-Bürger; das kann unser Trost sein. Ihr Vermögen wird zu 90 % in Aktien angelegt sein; sie bekommen zwar viel - sorgen aber auch für eine gute Stimmung an der Börse und für Investitionen. Ohne Aktien wäre es mit den Investitionen sehr schlecht gestellt. Die Aktienbesitzer tragen mit ihrem Vermögen das RISIKO einer AG. Die Arbeitnehmer der AG riskieren den Job - die Aktienbesitzer der AG riskieren ihr Vermögen, wenn es in der AG schlecht läuft.
Der Arbeitnehmer sucht sich einen neuen JOB, der Aktienbesitzer ist sein Vermögen los und fängt wieder von vorn an "mit Geld verdienen und Aktien kaufen zum >Investieren".

Vor einiger Zeit brachte es mal jemand auf den Punkt: Also wenn da ein paar Leute in Nadelstreifen das Hundertfache des Einkommens eines normalen Arbeitnehmers erhalten und diese Leute in einem Vorstand dann die Entlassung von 1000 Leuten beschließen, warum entlassen wir dann nicht 10 Mitglieder des Vorstands (die für den Rest ihres Lebens sicher ohne Rente auskommen) und behalten die 1000 Mitarbeiter?


Zuletzt bearbeitet: 13.01.06 03:33 von zwirni


Fortsetzung:

Gestern lief in der ARD eine Reportage über die Geschehnisse bei "Grohe" (Sanitär-Armaturen-Hersteller), eines der bekanntesten Opfer der "Heuschrecken". Obwohl das Werk in den NBL eine Rendite von 20% brachte, wurde es geschlossen. Produziert wird jetzt in Fern-Ost. Ähnliches gilt für "Continental" und andere Unternehmen.

Zur Börse: Eine Investition an der Börse erfolgt nur dann, wenn Aktien oder andere Wertpapiere emittiert werden. Dies geschieht nicht gerade oft. Der Rest ist Geschacher und Spekulation beim Wertpapierhandel. Der Kurs einer Aktie ist Ausdruck der Erwartungshaltung auf zukünftige Gewinne dieses Unternehmens. Allein die Tatsache, dass Aktienkurse steigen, wenn Entlassungen bekanntgegeben werden, sollte zu denken geben. (Es ist Ausdruck der kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Denkweise, die nur Größenordnungen wie Rendite und Dividende kennt und vergisst, dass die entlassenen Arbeitnehmer von heute die fehlenden Kunden von morgen sind.)
Ansonsten haben die Leute, die ihr Vermögen professionell in Aktien anlegen, die Kurs- und Unternehmensentwicklung besser im Blick, als die Kleinaktionäre. Im Übrigen wird dies in recht großer Breite durch Aktienfonds-Verwalter gemacht. Die streichen die großen Kursgewinne ein, bevor der Kleinaktionär überhaupt einen Verkaufsauftrag abgeben kann und dann auf dem Verlust sitzen bleibt.
Oder wie war das vor einigen Jahren am sogenannten "Neuen Markt"?

(09.01.) blumi:

(09.01.) zwirni:
Allerdings sind diejenigen deutschen Unternehmen von dieser Entwicklung negativ betroffen, deren Kunden wiederum größtenteils inländische Arbeitnehmer sind

Das ist die Mehrzahl der mittelständischen Unternehmen.

Ja sicher, das ist ja das Fatale, aber man muss danach fragen, wo der Prozess anfängt. Die kleinen und mittleren Unternehmen sind auch Zulieferer für die großen. Sie werden von den Großen genauso gegeneinander ausgespielt, wie die Arbeitnehmer bei dem Kampf um die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze oder die Arbeitslosen bei der Suche nach einem Job. Die internationale Konkurrenz spielt dabei natürlich eine nicht unerhebliche Rolle. Aber dass es zu diesen Zuständen kam, ist der Politik zu verdanken, die wiederum Erfüllungsgehilfe der Großkonzerne ist. (Und damit wären wir wieder beim Thema Lobbyismus.)

Ich bin nicht gegen Protektionismus, weil er letztendlich volkswirtschaftlich schädlich ist. Das heutige Problem besteht aber darin, dass der Vorteil der großen und international operierenden Unternehmen in der Ausnutzung der drastisch unterschiedlichen Lohnniveaus auf dieser Welt besteht. Wieviel Profit macht "H & M" mit einem T-Shirt für 20 Euro, dass in Lettland hergestellt wurde, oder "Tchibo" mit der in Thailand unter unwürdigen Umständen hergestellten Kleidung, die uns so verlockend und preisgünstig im Supermarkt unter dem Label "TCM" angeboten wird?

Das ist das Prinzip der heutigen Investoren: Sie legen ihr Geld in irgendwelchen Fonds an und erwarten stattliche Renditen. (Diese Investoren befinden sich mit ihrem Vermögen irgendwo überall auf dieser Welt, bestimmen aber durch ihre Aktienmehrheiten, wer Geschäftsführer eines Unternehmens wird und welche Geschäftspolitik das jeweilige Unternehmen durchführen soll.) Um diese Renditen zu erwirtschaften, muss man Waren möglichst billig produzieren und möglichst teuer verkaufen. Da diese Renditeforderungen über denen liegen, die in Deutschland aufgrund des hohen Lohnniveaus erzielbar sind, werden Arbeitsplätze von Deutschland in Billiglohnländer ausgelagert und hiesige kleine und mittelständische Unternehmen in den Ruin getrieben.
Woran diese ganzen "Kapitalexperten" dabei nicht denken, ist der Fakt, dass sie sich damit auf lange Sicht den Ast absägen, auf dem sie selber sitzen, denn wenn in den Hochlohnländern wie Deutschland die Menschen arbeitslos werden, können die woanders billig hergestellten Produkte hier auch nicht mehr teuer verkauft werden.

Gleichzeitig fehlt den "Wirtschaftsexperten" hierzulande dieser von mir beschriebene Blickwinkel, die scheinbar das Heil darin suchen, die Wirtschaftsbedingungen der Unternehmen auf Kosten der Arbeitnehmer zu verbessern und dabei verkennen, dass zumindest die kleinen und mittleren Unternehmen global-ökonomisch gesehen im selben Boot sitzen wie die Arbeitnehmer. Aber vielleicht handelt es sich dabei auch nur um Scheinargumente. Denn wie man an den Resultaten sehen kann, wird die tatsächliche Politik letztendlich für andere gemacht!

Zwirni


Zuletzt bearbeitet: 13.01.06 03:38 von zwirni


Aktien? Börse?

Spielcasino für reiche Idioten!

Die (Spiel-)Banken gewinnen immer. Zumindest diese Umsätze sollten genauso besteuert werden wie die Umsätze beim Lotto. Und "Volkswirte", denen es qua schwedischem Trichter eingeflößt wurde, dass es dem Volk nur gut geht, wenn es der Deutschen Bank gut geht, braucht niemand außer der Deutschen Bank. Die ganzen nobelpreisbehafteten Spieltheorien taugen für interne Gesprächskreise von Spinnern aber nicht fürs wirkliche Leben. Es sind Augenauswischereien des Spätkapitalismus und Neoliberalismus, letztendlich noch wesentlich tragischer und viel gefährlicher als sämtliche Theorien des Kommunismus und Sozialismus zusammen. Von globalen gesamtwirtschaftlichen Rechnungen (Umweltfaktoren einbezogen) haben diese "Volkswirte" absolut NULL Ahnung.

banana



zwirni
Woran diese ganzen "Kapitalexperten" dabei nicht denken, ist der Fakt, dass sie sich damit auf lange Sicht den Ast absägen, auf dem sie selber sitzen, denn wenn in den Hochlohnländern wie Deutschland die Menschen arbeitslos werden, können die woanders billig hergestellten Produkte hier auch nicht mehr teuer verkauft werden.


zwirni, Deine Darstellungen hören sich alle logisch an. Auch das mit dem AST......... ich will allerdings nicht für mich (geschweige für Dich) in Anspruch nehmen , "alle Abhängigkeiten in der Gewichtung beim Umgang mit GELD" umfassend beurteilen zu können.

Ich befürchte, wir befinden uns in einer Falle (der Staatsschulden), aus der die von den internationalen Geldgeschäften abhängigen Staaten nicht "ohne Schaden zu nehmen" ausbrechen können.

Mancher nennt Auf- und Abschwung "psychologisch bedingt" und andere verweisen darauf, dass es in der Menschheitsgeschichte immer Gewinner und Verlierer gegeben hat. Es trösten uns die Religionen - mit den Verheißungen nach dem Leben.

Zwirni, vielen Dank für Deine Beiträge - ich befürchte unsere Spielräume in Politik und Wirtschaft sind zu gering, so daß die von Dir/mir gewünschte FAIRNIS in der WELT ein unerreichbares Ziel bleibt, weil Fairnis u.a. zu komplex ist.

Ich vergleiche die Komplexität der Fairnis z.B. mit der Relativitätstheorie v. Einstein : wer kann sich etwas unter dem gekrümmten Raum und den schwarzen Löchern......... vorstellen ? Ohne schwarze Löcher, die alles in sich "verschlucken", können (wenn ich Einstein richtig verstehe) keine neuen Galaxien entstehen.... jeder explodierende Stern hinterläßt ein schwarzes Loch........

Galaxien entstehen und sterben - so wie wir Menschen und die Organisationen, die sich Menschen im Zusammenleben geschaffen haben - alles in der Welt bekommt seine zeitlich begrenzte Chance, die man annimmt oder ausschlägt und davon hängen andere ab....

banana
Aktien? Börse?

Spielcasino für reiche Idioten!

Die (Spiel-)Banken gewinnen immer


sonst würde man keine bauen -

blumi

Zuletzt bearbeitet: 13.01.06 10:35 von blumi


Der angekündigte Artikel befindet sich nun im redaktionellen Teil:-)



Volkswirt:
Sowohl Staat als auch Unternehmen machen jährlich Schulden (Anleihen und Kredite); diese kummulieren zu einer Gesamtverschuldung die bezogen auf das BIP die sog. Verschuldungsquote ergibt. Diese betrug bei nichtfinanziellen Unternehmen (keine Banken, Versicherungen u.ä.) im Jahre 2002 88,5% (Sachverständigenrat Jahresgutachten 2004/05), also nominal 1898,3427 Milliarden Euro. Dagegen war die Verschuldungsquote aller öffentlichen Haushalte im Jahr 2002 60,9% (Statistisches Bundesamt), also nominal 1306,31718 Milliarden Euro. Gemeinsam haben also 2002 Staat und Unternehmen eine Gesamtverschuldung von nominal 3204,65988 Milliarden Euro gehabt oder das 1,494fache des damaligen Bruttoinlandsprodukt.

Die Frage der Pleite unseres Landes wird auch demnächst in einem Artikel im redaktionellen Teil des Newsatelier näher betrachtet.


Der Artikel zu diesem Thema ist im redaktionellen Teil unter dem Titel
"Wie pleite ist Deutschland? - Eine Deutschlandbilanz" zu lesen



Ich darf aus dem Text zitieren:

"Der deutsche Staat besteht aus dem Bund, den Ländern und den Städten und Gemeinden."

Genau an diesem Ansatz ist die Menschenfeindlichkeit der neoliberalistischen, spätkapitalistischen sogenannten Volkswirte deutlich erkennbar. Sie sollten sich Staatswirte nennen. Die Bezeichnung Volkswirt ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen!

Ein Staat besteht vor allem aus den Menschen, die in seinem geographischen Gebiet leben. Das ist die zu betrachtende Priorität! Sowohl Politiker alsauch deren Lakaien verwechseln das leider viel zu oft.

just my 2 cents

banana

zum edit: nur einen Röchtschröbfühler entförnt
Den im Wort "kummulieren", wie der Autor VS es schrieb, konnte ich leider nicht entfernen.



Zuletzt bearbeitet: 21.01.06 00:53 von banana


Volkswirt Artikel zu diesem Thema
Ein Staat, dieser Staat, unser Staat kann unter den gegebenen Umständen nicht pleite, zahlungsunfähig oder bankrott gehen. Dies ist schlechterdings nicht möglich. Gleichwohl sind aufgrund der ökonomischen konkaven Wachstumskurve wir alle auch der Staat angehalten, sparsam hauszuhalten.


Der Staat BRD kann mehr Schuld-Zinsen und andere gesetzliche Verbindlichkeiten / Jahr haben - als mit Steuern aufzubringen ist, weil die vermögenden Bürger im Staat zu viel sparen und deshalb das Wirtschafts-Wachstum ausbleibt.

Wie nennt man das ?

Wie nennt man den Sachverhalt, wenn Staatsbedienstete in der Haushaltsführung Fehler machen und unbewußt gegen die Gesetze (Verfassung) "der sparsamen Haushaltsführung" verstoßen, weil man das Kaufverhalten im Staat falsch eingeschätzt hat ?

Wer gehört im 2. Fall auf die Anklagebank ?

blumi

Zuletzt bearbeitet: 21.01.06 20:37 von blumi


die einnahmen des staates betragen insgesamt jährlich ca. 950-1.000 milliarden euro. die tendenz hierbei zuzulegen oder abzunehmen ist von der politik bestimmt. die schuldenlast ist insgesamt sicherlich keine 100 milliarden mit zins und tilgung. auch mit den anderen gesetzlichen verbindlichkeiten wird es nicht weit darüber hinaus gehen. größer fallen die leistungen des staates gegenüber seinen bürgern aus, zu denen der staat verpflichtet ist. das mit dem wirtschaftswachstum sollten wir alle schnellstens vergessen, das ist eine scheindiskussion wie der artikel auch zeigt.

der zweite fall ist nicht dem bediensteten anzulasten, solange der nachweisen kann, daß seine erwartungen begründet waren. welche argumente er dafür vorzubringen hat, hängt von dem ab, der die schuldfrage klärt. wer unter anwendung aller methoden von höheren einnahmen ausgehen konnte und daraufhin kosten verursacht hat, die ex post nicht mehr passend sind, kann dafür nicht zur rechenschaft gezogen werden.

vowi



Volkswirt:
das mit dem wirtschaftswachstum sollten wir alle schnellstens vergessen, das ist eine scheindiskussion wie der artikel auch zeigt.
vowi


Sich selbst als Beweis zu zitieren bedarf schon einiger Chuzpe!

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