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Thema: Suche Infos über Fideln


Ich stecke gerade bis über beide Ohren in Arbeit, muß Programme zusammenstellen, üben, zwei Artikel schreiben etc. - von daher nehme ich jede Gelegenheit gerne wahr, mich davon abzulenken. Hier also ein paar Gedanken und Informationen zum Thema:
Zum ersten Beitrag: Von einer solchen Fidel wie der dort bei ebay angebotenen möchte ich dringend abraten. Diese "Kastenfidel" ist, so wie sie dort abgebildet wurde, eine Erfindung der Walldorfschulen-Bewegung und gehört in die Sphären des Orff-Instrumentariums. Sie stellt keinen Rekonstruktionsversuch historischer Streichinstrumente dar - wurde allenfalls lose davon inspiriert. Diese Instrumente sind außerdem nicht aufwendig gebaut und klingen schlecht; haben mit der mittelalterlichen Fidel sonst nicht viel gemein - und müßten im Verkauf eigentlich noch billiger sein - dieses halte ich schon für zu teuer.
Apropos Preis: Um eine vernünftige Fidel anzuschaffen muß man schon recht viel hinlegen, da stimme ich Martin zu. Denn die heutigen Bauer, die eine Erfahrung gesammelt und sich ein Klang- und Baukonzept für mittelalterliche Fideln erstellt haben, verlangen auch ihren Preis. Dafür weiß man was man bekommen wird. Dennoch gibt es die ein oder andere Ausnahme, die mit i.d.R. im Ausland finden wird. Ich habe z.B. ein paar Fideln eines Estnischen Fidelbauers in der Hand gehabt, die auch aus einem Stück gebaut wurden, die nicht schlecht klangen und sogar in der genannten Preissparte von 500-600 EUR lagen. Da muß man aber eben seine Adressen kennen und dann das nehmen was kommt - auf Wunsch bauen lassen is nich.
Was bei Wikipedia unter "Fidel" steht ist nicht besonders dolle. Es ist nicht direkt falsch, aber die Exklusivität der Behauptungen stimmt so eben auch nicht. Es gibt z.B. auch Fidelabbildungen mit 3 Saiten. Und wie die Stimmung aussah ist praktisch undokumentiert. Quinten und Quarten sind einfach das Plausibelste - das ist aber nicht bewiesen.
Die einzigen Fidelstimmungen, die überliefert sind, stammen von Hieronymus de Moravia: dort sagt er, die Fidel habe 5 Saiten und würde je nach Gebrauch anders gestimmt:

dGgd'd'
dGgd'g'
GGdc'c'

So, das hilft uns auch nicht viel weiter - man sieht nur, daß Quinten und Quarten wohl üblich waren, denn aus der Beschreibung ist unklar, ob von oben nach unten oder von unten nach oben beschrieben wurde. Auch könnte es sein, daß die einzelnen Saiten zu Chören gruppiert wurden, z.B. G und Oktavsaite g. etc. Das kann man alles nicht ablesen. Es haben schon einige Leute mit diesen Stimmungen probiert - sie sind spielbar. Nur für welches Repertoire wurden sie angewandt: wahrscheinlich zur Begleitung von Einstimmigkeit, aber auch das ist unsicher...
Das hier also nur am Rande. Was die Bordunsaiten angeht, so stimmt die Aussage in Wikipedia nur z.T.: es gibt Fideln mit ein bis 2 Bordunsaiten, die neben dem Griffbrett herlaufen, aber bei weitem nicht jede Abbildung enthält sie. Die allermeisten haben keine Extrasaiten.
Was die Bautechnik der Fidel aus einem Stück angeht: Alle Indizien, die bis heute überliefert sind, weisen auf diese Technik hin. Es gibt keinen Beweis, daß alle Fideln (oder auch andere Instrumente) im Mittelalter immer aus einem Stück ausgehölt wurden, aber die Indizien deuten das an: alle Fragmente von Fideln, Lauten und Quinternen, die bis heute aus dieser Zeit erhalten sind, entstammen einem Instrument, dessen Korpus aus einem Stück geschnitzt wurde (gut, das sind nicht viele, aber immerhin). Alle Abbildungen, die genau genug sind, daß man Urteile über die Konstruktion in diesem Aspekt fällen kann (das sind nur ein paar sehr genaue Bilder und Intarsien aus dem 15. Jh.), weisen ebenfalls in diese Richtung (mit Ausnahme der Laute, die wohl aus Spänen hergestellt wurde).
Das Argument Holzverschwendung zieht nicht so wirklich, denn die Rarheit von gutem Holz ist heute eine ganz andere als damals (- die Saz wird heute sogar trotzdem noch immer so hergestellt.) Ferner ist ein Instrument in Zargenbauweise nicht hochwertiger als eines, das aus einem Stück gearbeitet wurde. Die Zargenbauweise erfordert andere handwerkliche Fertigkeiten, ist aber nicht per se auf einem "höheren" Stand als die Bauweise aus einem Stück. Natürlich war es für einen Bauern einfacher, ein Instrument aus einem Stück herauszuschnitzen, als Zargen zu biegen. Aber andersherum kann die Bauweise aus einem Stück in genauso große (oder gar größere) Finessen getrieben werden, wie die Zargenbauweise. Richard Earle z.B. modelliert seine Instrumente geradezu bildhauerisch aus einem Stück heraus - und es ist schon eine große Kunst, das Material so dünn zu arbeiten, die Seiten nach innen zu wölben etc. und so, daß am Ende nichts reißt.
Viel schwerer als die Raffiniertheit der Technik wiegt hier wohl die Macht der Gewohnheit - wenn ein Instrument traditionell mit einer gewissen Technik gebaut wurde, dann wurde das meistens weiter so gehandhabt, egal ob es anders leichter oder einfacher gewesen wäre. Die Laute hat auch immer den Knickhals, und die Quinterne den sichelförmigen Kopf mit geschnitztem Tierkopf am Ende - das sind einfach Merkmale der Instrumente. Ebenso könnte die Am-Stück-Bauweise schlicht Merkmal des Instrumentes sein.
Und was eigentlich am stärksten wiegt: die Klangprojektion ist eine ganz andere bei Instrumenten, die aus Einzelteilen zusammengeleimt sind gegenüber denen, die aus einem Stück gefertigt wurden. Es ist keineswegs nur eine Frage der Bautechnik, sondern ganz klar auch eine des resultierenden Klanges. Bei den aus einem Stück gefertigten Instrumentes ist der Klang wesentlich direkter, nasaler, etwas enger und wird direkt nach vorne aus dem Instrument projiziert. Die aufgebauten Instrumenten hingegen haben einen runderen, wärmeren Klang, der aber tendenziell ungerichteter ist und zum "Wummern" und "Bellen" neigt. Das kommt daher, daß bei den geleimten Streichinstrumenten praktisch alle Wände mitresonieren, während bei den aus einem Stück gefertigten fast nur die Decke voll resoniert, während z.B. die Rückwand eher reflektiert. Dadurch wirkt die Fidel zwar dünner, trägt aber im Raum deutlich weiter.
Es ist also auch eine Frage des Klangideals.
Was die Formen angeht, so gibt es fast alles - die "Kastenform" ist aber wesentlich seltener als ovale oder "gitarrenähnliche" Formen.

So und jetzt muß ich zurück an die Arbeit.



Der Marc hat mir mal wieder die Antwort sehr umfangreich abgenommen. :)
Ich möchte hinzufügen, das es _keinesfalls_ einfacher ist, ein Instrument aus einem Stück zu bauen. Zitat eines befreundeten Fidelbauers: "In der Zeit, in der ich eine Fidel (aus einem Stück) baue, baue ich 3 Geigen"



Ich stimme Martin zu. Es kommt aber eben drauf an, wieviel Anspruch drin steckt. Ich bleibe dabei, daß es für einen einfachen Bauern, jemanden, der mit Instrumentenbau sonst nichts zutun hat, näher liegt, ein schlichtes Instrument aus einem Stück zu schnitzen, als Zargen zu biegen - aber das ist Haarspalterei. Wir sind uns ja einig.
Ich nehme mal an, daß ich den von Dir genannten Instrumentenbauer ganz gut kenne?



hm. für den Bauern ... ja. Vorausgesetzt, das ein Bauer jemals Zeit hatte so ein kompliziertes instrument zu bauen. Zarge hin oder aus einem Stück her.

Du nimmst richtig an. :)



Nun ja: seine Löffel und Schalen hat er auch selber geschnitzt, da ist der Weg zu einer Fidel nicht mehr weit. Und die Abende im Winter waren lang...
NB: auch die Rebec ist geschnitzt und nicht aus Spänen geleimt, die Talharpa und das Salterio (=Tambourin de Bearn) ebenfalls. Und, by the way als Anregung für die Heimwerker: versucht doch mal, aus einem Hartholzblock einen gleichmäßig 2mm dicken Span komplett per Hand zu fertigen. Das kostet ganz schön Zeit und Schweiß...



Hallo Marc, vielen, vielen Dank erstmal für die Mühe, das ist wirklich toll. Hatte mir extra noch eine CD-Rom aus er Bücherei ausgeliehen - Burg, Ritter, Spielmann, aber habe gesehen das die Texte darauf zum Thema Musik ja auch von dir stammen.

Ich habe jetzt auch mal meine kleine Sammlung des Instrumentenbau Reports hervorgeholt und mal geschaut was ich dort noch so über Fideln finde, in Ausgabe 20 (die ich leider nicht habe) gibt es wohl einen Bauplan für eine Fidel wo das Rückteil ebenfalls aus einem Stück gebaut wurde. In Ausgabe 30 zeigt aber jemand seine Fidel die er danach gebaut hat. Aber das bringt mich wohl auch kaum weiter.

Ansonsten habe ich entdeckt das es wohl auch in Hamburg einen Early Music Shop gibt, und überlege deshalb mal dahin zu gehen, alleine nur um vielleicht einmal eien Fidel in der Hand zu halten und Vergleiche zu haben. Aber die haben wohl auch nur die Zargen Instrumente?

In einer Seitenstraße hier in Bremen habe ich mal ein verstaubtes Schaufenster entdeckt, wo etwas steht über historische Streichinstrumente und jemand der sie baut und eine alte verblichene Telefonnummer + dicker Staubschicht. Vielleicht sollte ich dort einfach mal anrufen und nachfragen. Sonst gibt es hier nur Geigenbauer.

Ansonsten bin ich jetzt ja doch irgendwie in der Zwickmühle, einerseits ist ein Zargen-Instrument nicht korrekt und klingt anders, andererseits ist es billiger...und eine richtige Fidel werde ich mir vorerst nicht leisten können. Und als Leihinstrumente gibt es sie nicht, nur Geigen werden einem da fast nachgeschmissen.



Wie man sich letztendlich entscheidet - das muß jeder selbst wissen. Ich verdamme "aufgebaute" Instrumente nicht generell - ich habe auch schon gute Fideln mit Zargen gesehen. Mir ist es erstmal wichtig, daß die Quellenlage bekannt ist und daß man dann auf dieser Grundlage seine Entscheidung trifft. Finanzielle Gründe können ebenso ausschlaggebend sein. (Selbst mein eigenes Instrumentarium ist nicht immer und nicht in allen Details perfekt in dieser Hinsicht - aber Schritt für Schritt kann man ja seine Erfahrungen aufbauen und an den Sachen arbeiten - irgendwann ersetzt man mal ein Instrument durch ein besseres etc.)
Also: nicht verzagen.



Ich hab eben wirklich:

Also: nicht verzaRgen gelesen...
Soweit ist es schon.

Da ich eben nichts zu tun habe, werde ich wohl mal in die Musikhochschule fahren und dort einen Aushang machen, ob jemand eine Fidel besitzt und ich sie vielleicht mal ausprobieren darf. Mein Problem ist ja auch nach wie vor, das ich noch nie eine in der Hand hatte, nur Geigen.



*lol* nicht verzaRgen - der ist gut! :)
Meine Meinung: lieber eine Zargen-Fidel, als eine Geige, wenns mit dem Geld nicht so stimmt. Aber auch da gibt es große Unterschiede. Ich habe schon Geigenbauer gesehen, die "Fideln" bauten - da hat es mir fast die Schuhe ausgezogen. Ganz vernünftig sind noch die Dingers von Martin Gust. Die EMS-Teile würde ich nicht anfassen.



Ich habe jetzt auch mal etwas im Internet geschaut da ich eigentlich überhaupt keien Instrumentenbauer so kenne, es gibt ja doch einige Fiedelbauer, viele allerdings im Ausland, England vor allem habe ich das Gefühl.

habe diese Linkliste: http://earlymusichicago.org/businesses_strings.htm gefunden, und noch andere.

Die, die mir bisher am ebsten gefällt ist die hier: http://www.owenmorse-brown.com/waisted%20vielle.htm
Aber die liegt ganz sicher weit über meinem Budget...

Die hier gefällt mir auch: http://www.gaita.co.uk/fiddle.html

Hier bei den Adresse stehen ja leider nur drei die auch Fideln bauen.

http://www.magus-harps.de/ ist die Seiten von Martin Gust, wenn ich richtig sehe.
Oh, ausserdem sehe ich gerade, der wohnt ja nicht weit weg von mir. Dann sollte ich wohl ihm mal eien Email schreiben, auch wenn er eher Harfen zu bauen scheint.

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