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Thema: Marktsackpfeife - ein Primitivinstrument?


Ich grüße alle Spielleut!

Tja, eigentlich dachte ich nach so vielen Jahren der Existenz der Marktmusikszene, dass jegliche Vorwürfe der Marktsackpfeife (MSP) gegenüber sich erübrigt haben. Leider hat mich die gegewärtige Marktsaison eines besseren belehrt. Besonders die GHB-Spieler und Mittelalternativ-Bands welche sich auf Saiteninstrumente spezialaisert haben haben größtenteils eine recht primitive Vorstellung von der MSP. Eine hinreichend bekannte Mittelalternativ/Folk-Formation, welche Laute und Drehleier favorisiert, hat einmal im Gespräch mit meiner Wenigkeit die Musik auf der MSP schlicht als "Lärm" und "notwendiges Übel" bezeichnet. Was zeigt, dass die Meinungen der Menschen über MSP vor allem anhand persönlicher Eindrücke diverser Darbietungen entstehen und nicht anhand von direkter persönlicher Kenntnis des Instrumentes.

Die MSP ist ein absolut vollwertiges Musikinstrument wie jede traditionelle Sackpfeife! Im folgenden werde ich erklären warum.

1). CHROMATIK
Ich besitze eine MSP von Jürgen Ross und eine Rauschpfeife von Jens Güntzel, diese sind mehr oder weniger repräsentativ für das typische a-dorische Marktinstrument an sich. Durch Gabelgriffe lassen sich auf beiden Instrus folgende Halbtöne sauber(!!) greifen: es", f", gis". Beide haben keinen cis-Griff, ein cis" lässt sich aber relativ sauber erzeugen wenn man den rechten Ziegefinger auf den rechten Mittelfinger legt und diese beiden 20-30 Grad schräg stellt so dass das c-Loch nur halb gedeckt ist. Mit vortschreitender Übung gelingt dieser immer besser und sauberer. Den cis-Halbdeckungsgriff inklusive haben wir die folgende Skala:
g' _ a' _ h' ^ c" ^ cis" ^ d" ^ es" ^ e" ^ f" ^ fis" ^ g" ^ gis" ^ a"
Die Güntzel-Rausche kann durch einen klassischen Blockflöten-Gabelgriff auch ein ais' bzw. b' erzeugen, dieses ist aber bei mir ~15 cent zu hoch, deswegen wird dieses b' hier nicht aufgenommen. Alle andere Töne sind gemäß der reinen Stimmung entweder komplett sauber oder vertretbar sauber - vertretbar für mich ist Maximalabweichung von 4-6 cent auf dem Stimmgerät.

2). GRUNDTONARTEN
Zuerst muss man sagen dass ein Umstimmen des Borduns von A runter auf G normalerweise überhaupt keine Kunst ist und manche MSP haben sogar ein G-Stöpsel am Bordun um zwischen den beiden Tonarten zu wechseln. Dabei muss man beachten dass eine rein auf A gestimmte Tonskala auf G umgestimmt werden muss, sonst drohen einem richtig schräge Töne. Wenn man die o.e. MSP-Tonskala auf A und G stimmt und miteinander vergleicht:
- g' und a' sind quasi identisch bei beiden Grundtonarten, keine extra Abweichung.
- h' ist bei A +4 cent, bei G -13, das heißt abkleben!
- c" bei A ist +16, bei G -2, abkleben!
- cis" bei A -14, bei G -9, vertretbar.
- d" bei A -2, bei G +3, vertetbar.
- e" bei A +2, bei G -15, abkleben!
- es" bei A -10, bei G +15, passt komplett nicht. Aber soweit nicht schlimm da es' bei keiner kompletten verfügbaren Tonleiter auftaucht, dieser Ton ist einer der überflüssigsten beim Marktsack.
- f" bei A +14, bei G +18, vertretbar.
- fis" bei A -16, bei G -11, vertretbar.
- gis" bei A -12, bei G +8; hier haben wir wieder einen Gabelgriff-Ton welcher beim G-Bordun nicht passt und nicht gerichtet werden kann (bloß nicht bohren!!!!!) Man kann allerdings verschiedene mögliche gis-Gabelgriffe ausprobieren, da besteht meist noch Potential. Hiermit haben wir eine Spielpfeife hier welche hinreichend rein in A und in G gespeilt werden kann wobei nur drei Töne abgeklebt, oder anderweitig reversibel gesenkt werden müssen. Die reine A-Tonskala wird überklebt und wenn wieder Tonwechsel in A ansteht, werden die Tapes einfach abgezogen und der Bordun hochgestimmt.

3). MUSIKALISCHE MÖGLICHKEITEN
Beim A-Bordun ergeben sich folgende Tonarten welche auf der MSP gespielt werden können:
ACDEG (pentatonisch)
A-Dur
A-Moll
a-Dorisch
a-Mixolydisch
Daneben sind Teile von D-Dur, d-Moll und e-Moll vorhanden und mit dem A-Bordun kompatibel. Selbstverständlich können D-Melodien auch ins A transponiert werden (Bsp. trad. "Und in den Schneegebirge"), was die Anzahl der spielbaren Stücke noch erhöht.
Für das G-Bordun haben wir folgendes zur Verfügung:
GAHDE (pentatonisch)
CDEGA (pentatonisch)
G-Dur
g-Mixolydisch
Daneben sind Teile von C-Dur, c-Dorisch, C-Moll (bei sauberem gis' und es') und c-Mixolydisch vorhanden. Auch hier können C-Stücke in G transponiert werden.
Das heißt am Ende haben wir 9 vollständige Tonarten welche der Marktsack beherrscht, inklusive Pentatonik. Selbst wenn wir cis' überhaupt nicht zur Verfügung haben und Pentatonik ignorieren, bleiben da immer noch 4 Tonarten - mehr als genug für klassisches europäisches Volksliedgut.

Natürlich gibt es Sackpfeifen mit 1,5 Oktaven Tonumfang, vollchromatisch und mit umstimmbaren Bordunen, Beispiele dafür sind spanische Gaita und Schäferpfeifen. Die Marktsackpfeife allerdings hat dem gegenüber die Stärke dass hier mit nur 9 Standardtönen und 3 bis 4 Gabelgriff-Halbtönen eine beachtliche musikalische Breite abgedeckt werden kann. Neun Tonarten + transponierte Stücke in D und C, auch F-Dur kann in G gespielt werden wenn die Melodie sich innerhalb der C-Oktave befindet - es kann dann ins g-Mixolydische transponiert werden. Stücke aus Frankreich, Galizien, Schottland, Deutschland, Österreich, Russland, Balkan, da geht eine Menge.

Verglichen mit traditionellen Sackpfeifen, welche bis heute alle als vollwertige emanzipierte Musikinstrumente betrachtet werden, braucht sich die MSP also überhaupt nicht zu verstecken. Es ist gerade zu ironisch dass öfters die Meinung auftaucht dass die MSP ein "primitiver Abklatsch der Great Highland Bagpipe" sei - betrachtet man jedoch die GHB und die dazugehörige Piobaireachd, stellt man fest dass hier quasi nur mit 9 Tönen in einer einzigen Tonart gespielt wird (liegend irgendwo zwischen a-Mixolydisch und A-Dur), welche mit anderen Instrumenten nur sehr bedingt kompatibel ist. Halbtöne werden so gut wie gar nicht gebraucht. Verschiedene osteuropäische Böcke, Säckpipa und diverse Gaida aus balkanischen Ländern haben i.d.R. ebenfalls auch nur eine traditionelle Tonart und 9 Töne und oft denselben Grad an Chromatik. Dennoch macht den GHB's und den Böcken zu Recht keiner die Bezeichnung "Musikinstrument" streitig, auch wenn ein Böhmischer Bock nur eine diatonische Tonleiter von c' bis d' besitzt. Design, Spieltechnik und Tradition sind genauso wichtig, nicht nur der Tonumfang und Vollchromatik.

Am Ende lässt sich sagen dass eine Be- und Verurteilung der Marktsackpfeife leider zu sehr von der in Deutschland herrschenden Darbietungskultur beeinflusst wird. Welche aber per se nichts mit technischen und musikalischen Möglichkeiten der MSP zu tun hat.


Zuletzt bearbeitet: 24.04.14 12:54 von Vargan


nun ja ...

mit der Aussage "Lärm" hast du doch schon eine sinnvolle Antwort, die deine musikwissenschaftliche Betrachtung des Instrumentes ad Absurdum setzt...

Die Marktsackpfeife ist schön und gut, jedoch schränkt sie viele Bands in einer Hinsicht ein, die du völlig außer Acht gelassen hast.

Die Lautstärke ist in dem Fall einfach das größte Übel. Viele andere Instrumente gehen neben einer Marktsackpfeife schlicht und einfach unter... Auch mit dem Singen ist es für die meisten (wenn nicht gerade Startenor) neben einer MSP einfach nicht weit her.

Langer Rede kurzer Sinn... für Musiker die nicht nur Dudelsack, Davul und Rausche im Angebot haben und auch ruhige Nummern spielen wollen macht die MSP einfach keinen Sinn.

Natürlich gibt es Ausnahmen, die dann für ein zwei Nummern den Krachdudel auspacken... aber für mehr reichst meistens dann doch nicht.

mfg Brok


Zuletzt bearbeitet: 24.04.14 22:07 von Brok


""Die Lautstärke ist in dem Fall einfach das größte Übel""
Nun, Lautstärke sagt erstmals prinzipiell nichts über die musikalischen Fähigkeiten der Pfeife, um welche es in Beitrag geht. Lautstärke ist bei den Marktsäcken nur ein Problem wenn man die eigenen Prioritäten falsch setzt. Will eine MA-Band richtig laut sein, muss sie auf viel leisere Instrmente verzichten, logisch. Wollen sie aber ein Ensemble mit MSP - die Lautstärke der Marktsäcke hängt zum größten Teil von den Rohrblättern ab, man kontaktiere den Instrumentebauer und bestelle entsprechende Reeds. Ich z.B. habe mehrere Blätter parat und spiele zur Zeit in einer Lautstärke irgendwo im Bereich einer lauten Schäferpfeife, d.h. viel leiser als ein typischer Marktsack, dafür ist der Ton umso saftiger und die Spieltechniken kommen besser zur Geltung. Natürlich habe ich auch ein hartes Blatt welches ohrenbetäubende Lautstärke erzeugt, falls ich es irgendwann mal brauche.

Es hängt also von den Prioritäten der Band ab, sowie dem persönlichen Vermögen das Instrument zu spielen, zu warten und mit dem Erbauer des sackes zu kommunizieren.



nun ja warum fürs Ensemblespiel mit dem Marktsack groß rumscheissen und mit den Rohblättern rumbasteln, wenn es doch viele leisere Dudelsackarten gibt, die man einfach nur zur Hand nimmt und spielt ?

Außerdem ist die Lautstärke beim Marktsack doch Bauartbedingt durch den steilen Konus nach unten hin begrenzt ...

aber ich sehe da nun ein ganz anderes Problem...

du solltest damit klar kommen, dass der Marktsack eben doch nicht für jeden die Patentlösung ist... zumal es auch mittlerweile viele Bands gibt, die sich eine gewisse historical correctness zur Aufgabe machen und da ist die 1980er Tröte einfach fehl am Platz.

Auch gehört es bei einer Formation zum guten Ton, zusammen zu spielen. Soll heissen, jedes Instrument sollte sich ausgewogen in das Ensemble einfügen... nun ein Marksack ist nicht gerade dazu prädestiniert verhalten zu sein.

Mir persönlich ist übrigens auch ein lauter Franzose schon zu laut.

mfg brok



""warum ...fürs Ensemblespiel... mit den Rohblättern rumbasteln""
Das sollte man gewiss nicht tun,sondern die Herstellung und Einstellung der Blätter dem Instrumentenbauer überlassen.

""gewisse historical correctness... 1980er Tröte einfach fehl am Platz""
Genauso wie alle anderen modernen Dudelsäcke, eigentlich. Was wir haben ist eine einzige archäologisch ausgegrabene Dudelsack-Spielpfeife aus dem Spätmittelalter (man gugle "Rostocker Spielpfeife") - und die hat mit modernen Hümmelchen und Schäferpfeifen herzlich wenig gemeinsam.

""wenn es doch viele leisere Dudelsackarten gibt""
Die Frage ist ob die Lautstärke allein über den Einsatz in einem Ensemble entscheidet. Schottisch-irische Tunes werden wohl kaum auf dem Böhmischen Bock zu bewältigen sein, und der ist wunderbar leise. Dasselbe gilt für die Säckpipa.

""jedes Instrument sollte sich ausgewogen in das Ensemble einfügen... nun ein Marksack ist nicht gerade dazu prädestiniert verhalten zu sein.""
Hier ist ein Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=j6z0RvHK-6c&t=1m15s
Zwar ist der Marktsack von FIscher dominant im Klang, er vermag jedoch weder die Gitarre zu übertönen noch das Ensemble zu "überrennen". Sehr ausgewogene Darbierung.

""Mir persönlich ist übrigens auch ein lauter Franzose schon zu laut""
Da bleiben nur noch die leisesten Böcken übrig oder ein Duduk. Aber ich glaube nicht dass die Mehrheit der Sackpfeifen-Fans das Instrument kauft und spielen lernt nur um die Stille genießen zu können.



dry bringt ja doch nichts hier weiter zu schreiben...

wozu Fragen stellen, wenn man auf jede Antwort sowieso nur Inakzeptanz zeigt...

mfg



Inakzeptanz?
Wir führen hier eine gepflegte Diskussion und tauschen Argumente aus. Ihr Argument war die unangemessene Lautstärke. Meine Antwort war dass die Lautstärke des Marktsackes relativ zu den verwendeten Blättern ist, und auch wenn zu laut, kein Kriterium für die "Primitivität" ist (siehe GHB, sehr laut und ist weltweit ein gefeiertes Musikinstrument). Insofern verstehe ich gar nicht wieso mir Inakzeptanz vorgeweorfen wird.



Noch ein Beispiel.
Matthias Branschke baut Schäferpfeifen welche für ihre Qualität und ihren moderaten Luftverbrauch bekannt sind, aber auch für ihren knackigen lauten Sound. Hier ist ein Video featuring Mattis himself wo er eines seiner Instrus spielt:
https://www.youtube.com/watch?v=kNoSFaK8ExY
Der Klang ist reichlich schrill und durchdringend, passt aber klanglich sehr gut in das Ensemble. Ich habe ein Paar Jahre lang eine Vioine und einen übenden Studenten erdulden müssen und weiß dass eine Violine nicht gerade leise ist.

Und noch etwas, diesmal ein Marktsack von Klaus Stecker, mit Schottenreeds bestückt, in Händen eines der besten Marktsackspieler Deutschlands:
https://www.youtube.com/watch?v=ya_g8BkuBlE
Und wieder vermag der Marktsack weder die Nyckelharpa noch die Trommel komplett zu übertönen. Spieltechnisch lässt sich dem Instrument ziemlich viel entlocken, da braucht man sich als Marktsacker selbst neben einem Schottenpiper nicht zu schämen.



Dem Marktsack seine Lautstärke vorzuwerfen ist absurt. Denn genau dafür wurde er gebaut. Wenn ich auf dem Markt die Aufmerksamkeit der Massen haben will, muss ich laut sein. Das weiß ich aus leidvoller Erfahrung. Ich kann mit meiner Schäferpfeife noch so schön spielen, oder noch so schöne Lieder zur Laute singen, das interessiert nur wenige. Erst wenn ich mit einer Anlage auf der Bühne stehe, bleiben viele stehen.
Der schlechte Ruf des Marksacks kommt meines Erachtens von den vielen schlechten Spielern die gepaart mit Trommlern, die einer Davul nur primitive Rhythmen entlocken können immer wieder die gleichen Stücke zum Besten geben. Inzwischen gibt es aber auch einige sehr gute und wenn die dann auch noch auf einen versierten Perkussionisten treffen entsteht wirklich gute Musik.
Dem Marktsack geht es da nicht besser wie der Blockflöte. Die meisten Leute kennen nur die Anfänger und haben die begnadeten Spieler noch nie gehört.



Spannende Diskussion! Weiter so ;-)

Kleine Anmerkung von mir: Varius Coloribus verstärken ihre Nyckelharpa auf der Bühne - würden sie das nicht machen, wäre bei ihrer Instrumentierung nichts davon zu hören!

Die meisten Marktsäcke kann man meiner Meinung nach eben nur mit einer Davul paaren - will man rein akustisch spielen. Alle Saiteninstrumente oder leisere Bläser werden sonst zu Statisten der zweiten Reihe...



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