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Thema: Alexander I. Solschenizyn †


Typisch für ein gegen das eigene Volk gerichtetes System ist es, Kriminelle zu schonen, aber politische Gegner als Kriminelle zu behandeln.

Alexander I. Solschenizyn

    © hesikamiscellaneous
    Alexander Issajewitsch Solschenizyn

► Die Biographie

► Übersichtskarte GULag



Zuletzt bearbeitet: 06.11.2015 22:20 von Administrator


Solschenizyn gestorben!?
Er hat dem System des kommunistischen Terrors die Maske vom Gesicht gerissen.
Aber auch kleine aufblitzende Sentenzen formuliert:
"Die Ideologie! Sie ist es, die der bösen Tat die gesuchte Rechtferigung und dem Bösewicht die nötige zähe Härte gibt."
Und wieder ganz nah an der Ursache: "Und kaum einer erfuhr kaum etwas über die Geheimnisse des Archipels (GULAG/gpl). Die Arbeitsteilung war geblieben: Gefängniswagen in der Nacht, Demonstrationen am Tag."
Eine Anspielung an die Marx´sche Utopie einer zukünftigen von Arbeitsteilung und Entfremdung freien Welt und der Realität dieser Gutmenschen.
Aber leider wabern nach wie vor marxistische Vorstellungen durch die Ideenwelten.
Doch eine mathematische Theorie der Arbeitsteilung wird gescheut, wie weiland der Teufel das Weihwasser.
Warum nur?




Er war einer von uns!

ZUM TOD ALEXANDER SOLSCHENIZYNS


Im Zuchthaus Waldheim in Sachsen, wo ich die Jahre 1962/64 verbrachte, wussten wir nichts von Alexander Solschenizyn (1919-2008), dem russischen Schriftsteller, der acht Jahre in Arbeitslagern verbracht hatte. Aber wir wussten von Fjodor Dostojewskis (1821-1881) Buch „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ (1860/62) über seine vier Jahre in sibirischen Lagern. Dieses Buch stand in der Waldheimer Zuchthausbücherei, als Anklage sozusagen gegen die Greueltaten des Zarismus. Und wir wussten von des Leipziger Kommunisten und Buchenwald-Häftlings Bruno Apitz (1900-1979) Roman „Nackt untere Wölfen“ (1958), der auch in der Zuchthausbücherei stand als Zeugnis nationalsozialistischer Verbrechen in den Konzentrationslagern. Beide Bücher waren bei uns Gefangenen außerordentlich beliebt wegen der hier vorgeführten Praxis der Menschenverachtung, die auch wir tagtäglich erlebten. Es gab lange Wartelisten für beide Bücher, die nur durch Bestechung mit Zigaretten zu verkürzen waren. Im Sommer 1963 aber wurden beide Bücher durch den „Kulturhauptmann“ der „Volkspolizei“ konfisziert, weil die lesenden Gefangenen, so erklärte er, Missbrauch damit trieben, denn sie hätten an den Rand mancher Seiten geschrieben:; „Siehe Waldheim!“ oder „Wie bei uns!“

Alexander Solschenizyns ersten Roman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ (1962), der ihn berühmt gemacht hatte, las ich im Sommer 1965, ein Jahr nach meiner Entlassung. Ich saß im Kurpark von Bad Mergentheim, wo ich meine vier Wochen Genesungskur, die mir nach dem Häftlingshilfegesetz zustanden, verbrachte und las. Es war die niederdrückende Geschichte eines russischen Bauern, der im Zweiten Weltkrieg aus deutscher Gefangenschaft hatte entkommen können und nun für zehn Jahre im Lager saß: Iwan Denissowitsch Suchow, Häftlingsnummer S-854, völlig schuldlos verhaftet wie Zehntausende anderer Häftlinge auch und täglich ums Überleben kämpfend!

Alexander Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 geboren, studierte Mathematik und wurde 1941 Physiklehrer. Am 18. Oktober 1941 zur „Roten Armee“ eingezogen, wurde er als Hauptmann im Februar 1945 im besetzten Ostpreußen verhaftet. Wegen kritischer Äußerungen an Stalins Kriegsführung, die er seinem Schwager in Briefen übermittelt hatte, wurde er zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Bis 1950 arbeitete er dann mit anderen Gefangenen, die wissenschaftlich ausgebildet waren, an Geheimprojekten in einem Speziallager, wo er den Germanisten und späteren Schriftsteller Lew Kopelew (1912-1997) kennen lernte, und dann bis 1953 in einem Sonderlager in Kasachstan. 1956 wurde er rehabilitiert.

Die von der obersten Staatsführung in Moskau befürwortete Veröffentlichung des „Iwan Denissowitsch“ führte 1963 zur Aufnahme des Autors in den Schriftstellerverband, aus dem er 1969 wieder ausgeschlossen wurde, wegen der 1968 erschienenen Romane „Krebsstation“ und „Der erste Kreis der Hölle“. Zu Entgegennahme des Nobelpreises für Literatur am 10. Dezember 1970 wagte er nicht, nach Stockholm auszureisen, weil er befürchten musste, ausgebürgert zu werden. Verhaftung und Ausbürgerung erfolgten am 13. Februar 1974, nach einigen Tagen Aufenthalt bei Heinrich Böll in der Eifel reiste er in die Schweiz aus und emigrierte von dort 1975 nach Vermont an der amerikanischen Ostküste.

Seine dreibändige Dokumentation „Archipel Gulag“, die ihn weltweit bekannt machte, erschien in den Jahren 1973,1974 und 1976, freilich nur außerhalb der kommunistischen Staaten. Es ist ein gewaltiges Werk über die systematische Verfolgung Andersdenkender in der Sowjetunion 1918 bis 1956, wozu dem Autor, der aus Vorsicht an abgelegen Orten schrieb, 200 Zeugenberichte vorlagen. Man kann dieses Buch nicht wie einen Roman lesen; hier werden Schicksale von Menschen beschrieben, denen von der Staatsführung das Recht zu leben abgesprochen worden war. Auch in anderen Büchern wie „Die Eiche und das Kalb“ (1975) hat Alexander Solschenizyn politische Verfolgung aufgearbeitet.

Weil seine im SED-Staat verbotenen Bücher heimlich eingeführt, verbreitet und gelesen wurden, wodurch sein Ruhm bei der intellektuellen Opposition wuchs, fühlte sich DDR-Autor Harry Thürk (1927-2005) berufen, 1978 einen Kolportageroman „Der Gaukler“ zu veröffentlichen, worin er seinen so erfolgreichen Kollegen politisch niederzumachen suchte.

Wir aber, lieber Sascha Issajewitsch, verneigen uns in Ehrfurcht, vor Ihrem Lebenswerk!

Jörg Bernhard Bilke



Danke, Jörg! Man merkt, daß Du noch voll in der Materie steckst …

Mit SOLSCHENIZYN verbinden mich vor allem zwei Erlebnisse:

- Der spannende ARD-Zweiteiler „Krebsstation“ von Heinz SCHIRK, der Anfang der 70-er Jahre lief. An Martin BENRATH und Vera TSCHECHOWA in den Hauptrollen kann ich mich noch gut erinnern. Letztere hatte schon als junges Mädchen im „Arzt von Stalingrad“ mitgewirkt.

- Und „Archipel GULag“!
Das Werk erhielt ich Ende 1983 in einem Schuhkarton, randvoll gefüllt mit Photografien, ausgerechnet vom späteren Ilmenauer Kreispsychiater Dr. K. Jedes der Fotos entsprach einer Doppelseite des Buches. Bedeutungsvoll erklärte mir K., daß ich den Karton samt Inhalt ja nicht weiter verleihen dürfe und gab mir genau eine Woche Zeit, es zu lesen.

K. hatte ich schon in den 70-er Jahren vor allem im Schachclub kennengelernt. Mit Abstand der beste Spieler des Bezirkes Suhl (Elo 2310) qualifizierte er sich regelmäßig für die Endrunde der DDR-Meisterschaft. Unmittelbar nach dem schmachvollen Zusammenbruch des SED-Regimes nahm er sich - für alle unfaßbar! - das Leben. Ob das Suizid-Motiv die Angst vor dem Bekanntwerden als IM gewesen ist, blieb bis heute ungeklärt.



Auch bei mir war es der ARD- Zweiteiler „Krebsstation“, der mich tief beeindruckte. Wer so beschreiben kann, ist ein ganz Großer, war schon damals mein Eindruck.
Mit dem Machwerk "Der Gaukler" von Harry Thürk haben wir wieder eine Querverbindung zu intellektuellen Prostitution in der ehemaligen DDR.





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