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Thema: JWH TORGAU: "Einzelhaft als Begrüßung"


„Mitteldeutsche Zeitung“ v. 24.11.2008

EINZELHAFT ALS BEGRÜßUNG

«Aufsässige Jugendliche» sollten im Jugendwerkhof Torgau zu angepassten Bürgern geformt werden


Von Caroline BERTHOT

TORGAU/MZ. Ein sanierter Altbau im Herzen von Torgau. Die Blumenkästen vor den Fenstern sind herbstlich dekoriert. Von den Balkonen geht der Blick zur Elbe. Näherte man sich dem selben Bau vor 20 Jahren, bot sich ein völlig anderer Anblick. Vergitterte Fenster, mit Stacheldraht versehene Betonmauern, Suchscheinwerfer - dem Anschein nach ein Gefängnis. Doch in dem streng gesicherten Gebäude saßen keine Kriminellen, sondern Jugendliche. Im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, einer Einrichtung der DDR-Jugendhilfe, sollten sie auf eine Umerziehung vorbereitet werden.

Rene KRETSCHMANN war einer von ihnen. Als 16-Jähriger kam der Leipziger wegen Schulschwänzens und "Renitenz" in einen Jugendwerkhof in Mecklenburg-Vorpommern. Immer wieder lief er weg. Um ihm das auszutreiben, wurde er nach Torgau geschickt. Am 27. Januar 1988 sah KRETSCHMANN den Geschlossenen Jugendwerkhof zum ersten Mal: "Das war ein Knast. Ich dachte, die haben sich geirrt, die bringen mich an den falschen Ort." Sie hatten sich nicht geirrt. Es wurde eine Sonderakte angelegt, die jede Narbe, jedes Muttermal verzeichnete. Dann ging es in den so genannten Zugangsarrest. Drei Tage verbrachte KRETSCHMANN in einer kargen Zelle, in der es nur eine Holzpritsche und einen Eimer für die Notdurft gab.

Diese drei Tage Einzelarrest erwarteten jeden Jugendlichen, der nach Torgau kam. Das gehörte zum Programm ebenso wie das Scheren der Haare. "Der Wille der Jugendlichen sollte gebrochen werden", sagt Juliane THIEME, Mitarbeiterin der Erinnerungs- und Begegnungsstätte im ehemaligen Jugendwerkhof Torgau. "Auf Biegen und Brechen" heißt die Ausstellung, die dort über den einzigen geschlossenen Jugendwerkhof der DDR aufklärt. Bis zu 60 Jugendliche waren in Torgau gleichzeitig untergebracht, zumeist waren zwei Drittel von ihnen Jungen. Während seines Bestehens zwischen 1964 und 1989 wurden mehr als 4000 Jugendliche dort eingewiesen.

Nach Torgau kamen Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, die in anderen Einrichtungen - zumeist offene Jugendwerkhöfe, aber auch Kinderheime und Durchgangsheime - negativ aufgefallen waren. "Die Aufarbeitung ist enorm wichtig, denn kaum jemand weiß, was hier geschehen ist", sagt Juliane THIEME mit Blick auf ein Stück DDR-Geschichte, zu dem es kaum Forschung gibt. Hinzu komme, dass von der Ausstattung des Jugendwerkhofes in Torgau nur Einzelstücke erhalten sind. Der Umbau zum Wohnhaus in den 90er Jahren zerstörte die Authentizität des Ortes, der einst für sich sprach.

Umso wichtiger sind Betroffene, die von ihrer Zeit im Werkhof berichten können. Sie galten als "aufsässige Jugendliche" - dazu zählten die Behörden Schulschwänzer, Punks und "Gammler". Drei bis sechs Monate blieben die Jungen und Mädchen - manche mehrmals. Sie wurden darauf vorbereitet, sich den "sozialistischen Lebensnormen" unterzuordnen. Erreicht werden sollte das mit Arbeit und Sport, es herrschten Drill und militärischer Umgangston.

Das übernahmen auch die Jugendlichen selbst. Zu zehnt oder zwölft in einer Gruppe erledigten sie alles zusammen. Alles erfolgte im Kollektiv - auch Belobigungen und Bestrafungen. Bester Raum, schlechtester Raum war auf einer Tafel im Flur zu lesen. "Der Gruppendruck wurde bewusst erzeugt", sagt Thieme. Rene KRETSCHMANN weiß noch gut, wie das damals geregelt wurde: "Da hieß es abends im Schlafraum Selbsterziehung - also Prügel." Den Druck bekam er auch zu spüren, als er verbotenerweise Kontakt zu einem der Mädchen im Werkhof aufnahm. Ein Mitinsasse verriet ihn. Drei Wochen verbrachte er daraufhin in der Arrestzelle. Kein Kontakt zur Außenwelt, kein Besuch der Eltern.

KRETSCHMANN war verzweifelt, hatte Selbstmordgedanken. Er aß einen halben Eimer Bohnerwachs. So wie er versuchten mehrere Jugendliche, sich das Leben zu nehmen - nicht alle wurden gerettet. Eingeritztes auf den Holzpritschen zeigte die Verzweiflung. "Ich bin als Mensch geboren, ich will als Mensch hier raus!"

Das wollte auch KRETSCHMANN. Als er rebellierte - er wehrte sich gegen die Schläge eines Erziehers - kam er wieder in Arrest, diesmal in den Fuchsbau. Ein Geräteschuppen im Keller, gerade mal hoch genug, um zu sitzen oder zu knien, völlige Dunkelheit, kein Geräusch dringt durch die Wände. 24 Stunden verharrte er dort. "Heftig" ist die Bezeichnung, die der 38-Jährige heute dafür wählt.

Trotzdem sagt er: "Ich hätte es wieder riskiert, ich hätte mich wieder gewehrt. Mich haben die dort nicht gebrochen." Nach vier Monaten konnte Rene KRETSCHMANN Torgau verlassen. Mit den Erinnerungen kann er heute leben, vergessen kann er nicht. "Das ist eine Zeit meines Lebens, die ich nicht ausradieren kann."

Jugendwerkhof: Betroffene haben Anspruch auf Rehabilitierung

Der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau war eine Einrichtung der DDR-Jugendhilfe, die dem Ministerium für Volksbildung unterstand. Wer nach Torgau kam, entschieden Betreuer und Direktoren der einweisenden Heime, das Ministerium hatte nur noch zuzustimmen. Der Aufenthalt war somit Freiheitsentzug ohne Gerichtsprozess und ohne Urteil - was gegen die Menschenrechte verstößt. Deshalb können sich Betroffene rehabilitieren lassen und haben ab einem Aufenthalt von sechs Monaten auch Anspruch auf die SED-Opferrente. Die Rehabilitierung kann auch über die Begegnungsstätte in Torgau laufen.

*) Mitteldeutsche Zeitung



ALPTRAUM "JUGENDWERKHOF" TORGAU

Wer als Jugendlicher zu DDR-Zeiten dem System nicht genug angepasst war, wurde in sogenannte "Jugendwerkhöfe" geschickt. Mittels harter Strafen und brutaler Erziehungsmethoden sollten die verhaltensauffälligen Kinder in diesen speziellen Heimen wieder auf sozialistischen Kurs gebracht werden.

Kerstin KUZIA wurde 1984 selbst Opfer der staatlichen Erziehungsgewalt im "Jugendwerkhof" Torgau. Noch heute leidet die 42-Jährige unter den seelischen Folgen ihres Heimaufenthalts. Die Zeitzeugin kehrt immer wieder zum Ort des Geschehens nach Torgau zurück und versucht so mit Vorträgen, Führungen und Gesprächen, das Erlebte aufzuarbeiten.

TV-TIPP
morgen, 15.11.2009, 18.00 Uhr im ZDF: „Mona Lisa“





"Torgauer Zeitung" v. 3.4.2010

MISSBRAUCH AUCH IM JUGENDWERKHOF TORGAU

Torgau (TZ). Sexueller Missbrauch von Jugendlichen, die im ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingesperrt waren, scheint an der Tagesordnung gewesen zu sein. Darauf zumindest deuten die bisherigen Erkenntnisse hin, die am Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz in der heutigen Erinnerungs- und Begegnungsstätte abgehalten wurde.


Nach einem auch in der Torgauer Zeitung veröffentlichten Aufruf durch die „Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ hatten sich bis zum Donnerstagnachmittag 28 ehemalige Insassen gemeldet, Tendenz steigend. Das erklärte die Leiterin der Initiativgruppe, Gabriele BEYLER, vor Vertretern von Presse und Fernsehsendern. „Es ist kaum zu verkraften, was wir zu hören bekommen“, stellte sie sichtlich erschüttert fest. Immer mehr Betroffene fänden jetzt den Mut, sich zu offenbaren. „Und genau das haben wir gewollt. Die Opfer müssen ihr Trauma überwinden und brauchen dazu unsere Unterstützung“, meinte der CDU-Bundestagabgeordnete Manfred KOLBE, der von Beginn an Mitglied der Initiativgruppe ist.

Man habe solch schreckliche Geschehnisse vermutet, habe sie jedoch in keinerlei Akten bestätigt gefunden, machten BEYLER und KOLBE deutlich. Deshalb seien sie froh, dass nun die Betroffenen selbst zur Aufklärung beitrugen. Namen und Daten wurden nicht genannt. „An den jetzt geplanten runden Tisch zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen und bundesdeutschen Heimen gehören auch Vertreter aus Torgau. Schließlich gibt es keine Opfer 1. und 2. Klasse“, lautete die Position von Manfred KOLBE. Als Zeitzeuge und Vorstandsmitglied forderte Ralf WEBER eine gesamtdeutsche und systemunabhängige Aufarbeitung der Geschehnisse.

*) Torgauer Zeitung

sowie
ARD Tagesschau

und
MDR



5.4.2010

HUNDERTE OPFER KLAGEN ÜBER DDR-HEIM-MISSHANDLUNG

Torgau (dpa) - Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Heimen in der DDR durch Prügel, Einzelhaft oder sexuelle Übergriffe misshandelt wurden, geht in die Hunderte. Allein seit Beginn der Aufarbeitung Ende der neunziger Jahre «haben wir Kontakte zu 500 ehemaligen Heimbewohnern, die über Leiden und verschiedene Misshandlungen berichteten».

Dies sagte am Montag die Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Gabriele BEYLER, der dpa. Diese Zahl beziehe sich auf Opfer quer durch die DDR. Seit den jüngsten Berichten über sexuelle Übergriffe in Kirchen und in DDR-Heimen würden sich täglich weitere Heim-Opfer melden.

Quelle
______

Siehe auch
http://www.bild.de/regional/leipzig/leipzig-regional/hunderte-opfer-klagen-ueber-ddrheimmisshandlung-12084362.bild.html


Zuletzt bearbeitet: 18.07.2013 20:29 von Administrator


MDR, 4.4.2010

Arbeitsgruppe angekündigt

THÜRINGEN WILL AUCH MISSBRAUCH IN HEIMEN AUFKLÄREN


Thüringen will Fälle von Kindesmissbrauch in DDR-Heimen und Jugendwerkhöfen aufklären. Am Mittwoch nach Ostern werde sich eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Sozialministerin Heike TAUBERT (SPD) erstmals treffen, kündigte der Sprecher des Ministeriums, Uwe BÜCHNER, an. Zur Zahl möglicher Missbrauchsfälle könnten bisher keine Angaben gemacht werden, sagte BÜCHNER weiter. Die Untersuchung stehe noch am Anfang. Erste Gespräche mit Betroffenen hätten jedoch gezeigt, dass in solchen Heimen physische und psychische Gewalt ausgeübt wurde. In einzelnen Fällen soll es auch sexuelle Übergriffe gegeben haben.

TAUBERT will aufklären

TAUBERT hatte erklärt, sie wolle eine sachliche und schonungslose Aufarbeitung von Missbrauchsfällen der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart. Sie kündigte an, dass ein Ansprechpartner benannt werden solle, an den sich von Missbrauch und Gewalt betroffene Menschen wenden können.

Bei dem Treffen im Sozialministerium sollen Vertreter des Landesjugendamts erste Recherche-Ergebnisse unter anderem zur Zahl der DDR-Kinderheime und möglicherweise noch vorhandenen Akten in Thüringen vorlegen. Nach einer ersten, noch unvollständigen Übersicht gab es DDR-Jugendwerkhöfe unter anderem in Bad Köstritz, in Gebesee bei Erfurt und in Friedrichswerth im heutigen Kreis Gotha.

Seit einigen Tagen wird eine öffentliche Debatte über Fälle sexuellem Missbrauchs in DDR-Kinderheimen geführt. Es gebe in Stasi-Unterlagen Hinweise darauf, sagte die Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof im sächsischen Torgau, Gabriele BEYLER.

Der Thüringer Sprecher von Unrechtsopfern aus DDR-Kinderheimen, Manfred MAY, hatte Mitte März berichtet, dass er bisher mit 160 ehemaligen Heim-Kindern Kontakt hatte. Er habe 14 von ihnen empfohlen, einen Antrag auf Rehabilitierung zu stellen. Bei ihnen sei anzunehmen, dass sie aus politischen Gründen in ein Heim oder einen Jugendwerkhof eingewiesen worden waren.

Runder Tisch verabredet

Ministerpräsidentin Christine LIEBERKNECHT (CDU) hatte einen Runden Tisch zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen angekündigt. Er soll im Mai erstmals tagen - mit Vertretern von Verbänden, Jugendämtern, der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, aber auch mit Vertretern von Kommunen und Kirchen. Er soll bekannt gewordene Fälle von Kindesmissbrauch aufarbeiten und Strategien für die künftige Vorsorge dagegen entwickeln.

Die DDR-Kinderheime

In der DDR gab es bis 1989 noch 474 staatliche Heime: "Normalkinderheime", "Durchgangsheime" und "Spezialheime". Letztere galten als die schlimmsten. In "Spezialheime", zu denen auch der geschlossene Jugendwerkhof im sächsischen Torgau zählte, wurden vor allem Kinder und Jugendliche eingewiesen, die dem Ideal der sozialistischen Jugend nicht entsprachen und sich in das System nicht einordnen wollten, auch notorische Schulschwänzer.

Die Heime sollten "schwererziehbare" Kinder und Jugendliche zu "sozialistischen Persönlichkeiten" machen - durch strenge Disziplin und Zwang in das Kollektiv. Nach den Angaben der Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V. gab es 38 "Spezialkinderheime" und 32 Jugendwerkhöfe. Nach Torgau kam, wer als besonders renitent galt. Der Auftrag: Die Beseitigung "individualistischer Gerichtetheit". Gleich bei der Einweisung gab es zunächst drei Tage Einzelarrest. Persönliche Gegenstände durften nicht mitgenommen werden, die Haare wurden geschoren.

In Torgau mussten mehr als 4.000 Teenager zwischen 1964 und 1989 massive Demütigungen, körperliche und psychische Gewalt ertragen, ohne dass für ihre Einweisung ein Gerichtsurteil nötig war. Nach Angaben der Gedenkstätte lebten zur Wende rund 30.000 Kinder und Jugendliche in staatlichen Heimen.


*) MDR



„Ministerpräsidentin Christine LIEBERKNECHT (CDU) hatte einen Runden Tisch zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen angekündigt.“


Das ist gewiß ein guter Anfang!

Bei dieser Gelegenheit könnte die Ministerpräsidentin angeben, wie viele Erzieherinnen und Erzieher aus Jugendwerkhöfen während ihrer Zeit als Kultusministerin und danach in die Schulen des Freistaats eingegliedert worden sind und heute dort als „Fachlehrer“ unterrichten.

Mindestens drei dieser Kollegen sind bzw. waren im Schulamtsbereich Erfurt tätig. Ihnen wurde der Einstieg in den staatlichen Bildungssektor leicht gemacht; vergleichsweise wesentlich leichter als jenen Lehrern, die aus politischen Gründen vor dem Mauerfall geschaßt worden waren. Die jeweiligen Fortbildungsprogramme liefen automatisch.

Laut Auskunft des ehemaligen Abteilungsleiters der Erfurter Berufsschule „Rudolf Diesel“ war einer der Kollegen - heute längst verbeamtet! - sogar Parteisekretär im Jugendwerkhof Gebesee.


Zuletzt bearbeitet: 07.04.2010 06:21 von Administrator


MVticker, 15.4.2010

Unrecht in DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen muss aufgearbeitet werden

Schwerin/MVticker. Der rechtspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Dr. Armin JÄGER, kündigte nach der gestrigen Sitzung des Europa- und Rechtsausschusses an, dass sich der Ausschuss mit der Aufarbeitung des Unrechts in DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen im Rahmen einer öffentlichen Anhörung befassen wird.

„Während der DDR-Zeit ist in den Kinderheimen und Jugendwerkhöfen großes Unrecht geschehen. Die Betroffenen leiden oft bis heute unter den Folgen dieser Zeit, sie sind psychisch krank und fühlen sich stigmatisiert. Viele haben auch bis heute keinen Antrag auf Rehabilitierung gestellt, obwohl dies möglich ist. Ein solcher Antrag ist immer ein erster Schritt, um danach einen Entschädigungsanspruch geltend machen zu können“, betont Dr. Armin JÄGER.

Für dieses dunkle Kapitel der DDR-Zeit besteht nach Einschätzung von Dr. JÄGER erheblicher Aufklärungsbedarf.

„Wir werden aufarbeiten, wie den Betroffenen besser geholfen werden kann, ihre oft traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und insbesondere eine Entschädigung geltend machen zu können“, so Dr. JÄGER abschließend.

*) MVticker



Meine Nachforschungen ergaben, dass der Jugendwerkhof Torgau etwa 1962/63 eingerichtet wurde.
Nun erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass er als Nachfolgeeinrichtung des berüchtigen, wohl sogar schlimmsten, JWH Römhild, der auf Grund von westberliner Presseveröffentlichungen wegen der dort herrschenden Zustände "verlegt" werden musste, entstand.
Betonung liegt auf "verlegt". Nicht etwa "geschlossen".
Warum wollen oder können sich die Verfasser zum Thema TORGAU nicht an die Existenz des JWH's Römhild erinnern?

Klaus, Kapstadt



Sehr bezeichnend und aufschlussreich. Keine Wortmeldungen, keine Kommentare.

Klaus, kapstadt



Hallo Klaus,

Das Thema wird wohl registriert, ich beschäftige mich auch damit, möchte aber deshalb nicht wieder eine Endlosdiskussion auslösen, die mit total veränderten Geschehnissen vermischt wird. Nur soviel, das Thema Torgau muß weiter aufgearbeitet werden, Deine eingestellten Grundkenntnisse sind hierbei schon sehr wichtig.In Niedersachsen werden wir auch ein Museum gegen den Kommunismus in den nächsten Jahren aufbauen, das Netzwerk kümmert sich darum. Und das Thema Torgau wird hier auch sicher seinen Platz finden.

Was die Hilfe für die Insassen von Torgau betrifft, können diese sich an alle Beratungestellen wenden, ob nun die VOS,UOKG, andere Selbsthilfegruppen oder einzelne ehrenamtliche Beratungsstellen, alle sind derer Ansprechpartner.Wie ich weiß, haben sie auch ihre eigene Homepage.

Im Moment bin ich dabei ein neues Merkblatt zu entwickeln, dass sich intensiver mit der Materie von den Inhalten aller Reha-Gesetze beschäftigt. Auf meiner Homepage wird es in einer Woche eingestellt.

Einen schönen Tag wünscht
Bruni
www.sed-opfer-hilfe.de
Mitglied des niedersächsischen Netzwerkes für SED-Verfolgte in Hannover




Kerstin Kuzia sagt:
„ZIEL WAR ES, MEINEN WILLEN ZU BRECHEN“

Jugendwerkhof: Sehr dramatisch



Buchvorstellung: Kerstin Kuzia mit Schriftstellerin Grit Poppe (rechts) in der Frankfurter Gedenkstätte für Stasi-Opfer ©Hartmut Kelm

Frankfurt/Oder (kel). „Ziel war es, meinen Willen zu brechen“, das sagt Kerstin Kuzia über ihre Zeit in Jugendwerkhöfen der DDR.

Ihre Mutter schob sie ab. Gab sie zur Adoption frei. Danach landete Kerstin mit 15 im Jugendwerkhof. Zuerst im offenen bei Hummelshain mit regelmäßigem Ausgang. Und dann im geschlossenen bei Torgau unter Gefängnisbedingungen. Dorthin wurde sie überführt, weil sie angeblich zur Massenflucht aufgerufen hätte. Und in Torgau war „die schlimmste Zeit meines Lebens“. Ständige Kontrolle und Beobachtung. Es wurde geschunden und geschlagen. Erzieher quälten Jugendliche. Jugendliche quälten Jugendliche. Es gab mehrere Selbstmorde. „Torgau werde ich nie wieder los“, gesteht Kerstin. Der ehemalige Jugendwerkhoferzieher Nils Krausemann bestätigt Frau Kuzias dramatische Ausführungen. Jugendwerkhöfe waren Erziehungslager für Jugendliche, die nicht in die heile sozialistische Welt passten. Und wer besonders schwierig war, landete in Torgau. In seinem offenen Jugendwerkhof bei Berlin waren die Bedingungen besser. „Ich habe keine Schuldgefühle“, sagt der heutige Leiter des Frankfurter Jugendclubs „Nordstern“. Krausemann versuchte damals, das Leben der Insassen „menschenwürdiger zu gestalten“. Durch gemeinsame Fahrten nach Berlin sollten die Jugendlichen auf das spätere Leben vorbereitet werden. Aber die von Margot Honecker vorgegebenen sozialistischen Erziehungsprinzipien durfte er nicht verletzen. Kerstin Kuzia war nach Torgau ein gebrochener Mensch. Die einfachsten Dinge des Alltags konnte sie nicht mehr bewältigen. Dies wirkt bis heute nach. Kerstins Geschichte bildet die Grundlage des Romans „Weggesperrt“ von Grit Poppe und das Ballett „Schocktherapie“ von Golde Grunske.

Dazu würde mich interessieren, wie das Zeitzeugengespräch zwischen Frau Kuzia und dem ehemaligen Jugendwerkhoferzieher war. Ich stelle mir diese Situation unmöglich vor. ©Karsten Zühlke

Ja es war schwer, in dem Zeitzeugengespräch auf einmal zu hören
"ICH BIN EHEMALIGER ERZIEHER AUS DEM JUGENDWERKHOF FREIREUTH!"
Dieser Satz hallt erstmal unwahrscheinlich im Kopf, wenn man ihn unerwartet und dann noch vor Publikum zu hören bekommt. Jeder starrt einen an und wartet darauf, was für eine Reaktion jetzt kommt.

Diese Sekunden sind fast unerträglich, da man Augenblicklich in die damalige Situation zurück katapultiert wird, ob man will oder nicht. Das heißt dann erstmal sammeln und versuchen ruhig zu bleiben. Ist mir auch gelungen zumindest nach dem ersten Schreck. Und alle haben nun erst einmal ganz gespannt seiner Sichtweise auf die Dinge gelauscht.

In vielem hat er mir Recht gegeben, und ich stellte ihm dann eine einzige Frage: "Warum haben sie den Jugendlichen, nachdem sie aus Torgau zurück kamen, nicht geholfen, indem Sie ihnen Aufmerksamkeit oder besondere Zuwendung schenkten??? Die Antwort ist er mir leider bis heute schuldig geblieben.

Ich selbst kann Ihn nicht beurteilen oder verurteilen denn ich kenne Ihn nicht aus seiner Erzieher Zeit. Doch habe ich ihm unmissverständlich und etwas aufgeregt klar gemacht, selbst wenn sie alle nicht gewusst haben was in Torgau abläuft weil alle die dort Jugendliche hingebracht haben, so auch er, nur bis zum Besucherzimmer gekommen sind, so hat aber jeder mitbekommen, wie erschreckend verändert die Jugendlichen zurück kamen. Und da kann mir kein Erzieher erzählen das er nichts wusste. Denn das war ja das, was uns in Angst und Schrecken versetzte, wenn nur die Androhung " Torgau " ausgesprochen wurde. Wir wussten auch nichts, aber wir haben gesehen wie die anderen Jugendlichen zurück kamen und wie erschreckend sie auf uns wirkten. Deshalb war für jeden nur schon das Wort TORGAU allein ein Schreckgespenst. Und spätestens dann hätte er im Rahmen seiner Möglichkeiten den Jugendlichen mal in den Arm nehmen können oder ihm besondere Zeit widmen können. Das wäre jedenfalls machbar gewesen.

Bei mir gab es auch eine Erzieherin die nach Torgau öfter mal zu mir kam und mich leise fragte wie es mir geht. Nur sowas hat er nicht getan. Und von daher war es für mich ein schweres und Spannungsgeladenes Gespräch.

Kerstin Kuzia


Zuletzt bearbeitet: 03.05.2017 22:10 von Administrator


RP online, 4.11.2010

Zeitzeugin besucht Schule

EIN OPFER DES SED-REGIMES


Von Denisa RICHTERS

Düsseldorf (RP) Kerstin KUZIA ist erst 43 – und Frührentnerin. Sie leidet unter Spätfolgen ihres Aufenthalts in dem "Jugendwerkhof Torgau", einer gefürchteten Disziplinierungsanstalt der DDR. Vor Schülern schilderte sie ihr Schicksal.

Carolina (15) und Samantha (17) liegen sich mit Kerstin KUZIA in den Armen. Dabei haben die beiden Mädchen die 43-jährige Berlinerin vor nicht einmal eineinhalb Stunden zum ersten Mal gesehen. Warum sie so emotional reagieren? "Sie hat mich mit ihrer Geschichte zutiefst berührt, ich hatte Gänsehaut", sagt Carolina.

KUZIA hat den Schülern der Klasse 10 b der Katholischen Hauptschule St. Benedikt von ihrer Kindheit in der DDR erzählt, die sie seit ihrem sechsten Lebensjahr in Heimen verbracht hatte. "Wer kritische Fragen stellte, kippelte, Betten nässte oder an Fingernägeln kaute, wurde als schwer erziehbar eingestuft." Mit sozialistischer Einheitserziehung "hat man dann versucht, uns zu erdrücken". Die Ideen dafür entwickelte Margot HONECKER, Ministerin für Volksbildung und Frau des Staatsratsvorsitzenden der DDR.

Vorwurf Massenausbruch

Wer auch in den Spezialkinderheimen als "Rebell" auffiel, kam nach Torgau, in den einzigen geschlossenen Jugendwerkhof der DDR. Eine Einrichtung, in der Jugendliche nach offizieller Darstellung eine Ausbildung machen sollten. Wer aber in die Augen jener blickte, die von dort zurückkehrten, wusste: In Torgau wurden Menschen gebrochen, dort war die Hölle. KUZIA brachte als 16-Jährige der Vorwurf, Organisatorin eines Massenausbruchs zu sein, nach Torgau. Dabei hatte das verzweifelte Mädchen nur im Zorn gedroht abzuhauen, ohne es ernsthaft zu wollen.

An den Spätfolgen dieses Aufenthalts leidet KUZIA bis heute: Wenn sie an das Quietschen des sich hinter ihr schließenden Tors des Baus, der zuvor ein Gefängnis gewesen war, denkt, treten ihr Tränen in die Augen. Sie erzählt von der Ungewissheit in dem vergitterten "Empfangsraum", in dem sie stundenlang alleine stand; von dem dreitägigen Einweisungs-Arrest, der nichts anderes war als eine "Schocktherapie"; davon, wie ihr die Haare geschoren wurden, wie sie sich vor männlichen Erziehern nackt ausziehen und mit erhobenen Armen ausharren musste (Jungs wurden Erzieherinnen zugeteilt).

KUZIA erzählt von den Tagen, die nur manchmal mit Frühstück, aber immer mit erschöpfendem Sport im Hof begannen und nach acht Stunden harter Arbeit auch damit endeten. Bei nicht konformem Verhalten eines Einzelnen gab's Extra-Strafen für die gesamte Gruppe. Sie musste dann zum Beispiel in der Hocke das Treppenhaus hinauf und wieder hinunter gehen – und das 30-mal. Auch auf Toilette durfte man nur in Fünfergruppen, ohne Trennwand. Wer außerplanmäßig musste, durfte nicht. "In die Hose zu machen, war Beschädigen von Volkseigentum. Darauf stand wiederum Strafe", erklärt KUZIA. Die Schüler sind fassungslos.

Außer Treppensteigen im Entengang und dem "Torgauer Dreier" (je 150 Kniebeugen, Liegestützen, Strecksprünge ohne Pause) gab es als Strafe zwei Tage in der lichtlosen, feuchten "Dunkelzelle" für Mädchen, für Jungs im "Fuchsbau", 0,6 Meter breit und 1,20 hoch.

"Das ist voll schlimm so zu leben", sagt Alice (16) im Anschluss. "Es ist schlimm, wie Kinder in ihrem Willen gebrochen und psychisch missbraucht wurden", fasst es Alexander (16) zusammen.

Zur Person
Kerstin KUZIA (43) lebt in Berlin, in der DDR arbeitete sie in einer Großküche, nach der Wende bei Arbeitsamt und Post; sie frühverrentet. Nach Düsseldorf kam sie auf Einladung der CDU-Bundestagsabgeordneten Beatrix PHILIPP. Das Buch „Weggesperrt“ von Grit POPPE spiegelt ihr Schicksal.



Zuletzt bearbeitet: 03.05.2017 22:21 von Administrator


Ich möchte schreien, vor Wut!

Woher nehmen die Verfasser nur ihre Weisheiten?

Der schlimmste Jugendwerkhof war Römhild. Wir waren "eingeschlossen" und nur zu den Arbeitseinstätzen kamen wir raus. Erst als die nachweislich (siehe mein Bericht und dazugehörige Dokumente in diesem Forum) unhaltbaren, ja verbrecherischen Zustände dort Pressethema in Westberlin wurden, verlegte man die Einrichtung nach Torgau.

Wer die Existenz dieser Einrichtung nicht kennt oder deren Existenz verleugnet, ist entweder ignorant
oder hat seine Hausaufgaben nicht gründlich erledigt.
In jedem Falle aber inkompetent

sagt
Klaus Knopf, Kapstadt


Zuletzt bearbeitet: 08.11.2010 13:23 von Administrator


DDR-Heime
Missbrauch hinter Gittern

20 Jahre nach der Einheit leiden Opfer von sexuellem Missbrauch in DDR-Heimen noch immer. Fast 100 Betroffene haben sich schon gemeldet. Familienministerin Schröder suchte in einer Gedenkstätte das Gespräch.
Die Palette der Übergriffe reiche von sexueller Nötigung bis hin zu Vergewaltigung, sagte Gabriele Beyler, Vorsitzende der Initiativgruppe Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau. Beyler empfing am Montag Familienministerin Kristina Schröder (CDU) und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) in der Gedenkstätte in Nordsachsen. Beide informierten sich dort über das System der DDR-Erziehungsanstalten und sprachen mit Opfern.

Sie habe „erschütternde Eindrücke“ gewonnen, „wie hier mit jungen Menschen umgegangen wurde“, sagte Leutheusser-Schnarrenberger nach einem Rundgang durch die Gedenkstätte. In Torgau befand sich der einzige Geschlossene Jugendwerkhof der DDR. Er glich einem Gefängnis mit Arrestzellen und Einheitskleidung. Kinder und Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren sollten hier zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden. Exakt 4046 Jugendliche wurden in dem Heim bis zu seiner Auflösung 1989 eingesperrt.

„Auch ein Thema für heute“
„Heute gibt es Torgau und die DDR zum Glück nicht mehr“, sagte Familienministerin Schröder. „Wenn es aber sexuellen Missbrauch gegeben hat, ist es auch ein Thema für heute.“ Schröder und Leutheusser-Schnarrenberger leiten den Runden Tisch der Bundesregierung zu sexuellem Missbrauch in privaten und öffentlichen Einrichtungen. Er war im April eingesetzt worden, nachdem seit Anfang des Jahres bundesweit immer mehr Missbrauchskandale in kirchlichen Einrichtungen, Heimen und Schulen ans Licht kamen.
Nach Angaben von Gedenkstätten-Leiterin Beyler haben sich bislang 93 DDR-Missbrauchsopfer gemeldet, darunter mehr Männer als Frauen. Sexuellen Missbrauch gab es demnach nicht nur in Jugendwerkhöfen, sondern auch in „normalen“ DDR-Kinderheimen. „Unser Anliegen ist es, Hilfe und Unterstützung für die Betroffenen in Form von Therapien zu bekommen“, sagte Beyler. Das Thema müsse auch wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Bislang laufe die Betreuung der Opfer auf ehrenamtlicher Basis.




Coburg, 28. August 2011
Tel. 09561/…
joerg.bilke@gmx.de

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LESERBRIEF

zu: Sonja SchälerHärtere Bandagen“ (Freies Wort, 23. August 2011)

Dem Leserbrief Sonja Schälers vom 23. August „Härtere Bandagen“ muss entschieden widersprochen werden! Ich bin nicht im „Jugendwerkhof Torgau“ gewesen, wohl aber im Zuchthaus Torgau, wo ich einige Jugendliche aus dem Werkhof traf, die dort „pädagogisch behandelt“ worden waren und später, inzwischen verurteilt, ins Zuchthaus Torgau eingeliefert wurden, wo sie uns politisch Verurteilten erzählten, was ihnen im Werkhof widerfahren war. Das wiederzugeben, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren!

Die Werkhöfe und auch die Zwangsadoptionen von DDR-Kindern, die es tausendfach gegeben hat, unterstanden der Ministerin Margot Honecker, die für ihre Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen wurde, sondern im Sommer 1992 über Moskau nach Chile flüchten konnte, wo sie, mit einer deutschen Rente ausgestattet, gemütlich ihren Lebensabend verbringt und gelegentlich zu Klassenkampfauftritten nach Kuba fliegt.

Ich habe vor 1989 in Gesprächen mit DDR-Bürgern erlebt, dass sie nicht wussten, in welchem Staat sie lebten und meine Erlebnisse in DDR-Zuchthäusern bestritten. Über westdeutsche Hörfunk- und Fernsehsender konnte man aber, wenn man nicht gerade in Dresden und Greifswald lebte, auch damals schon eine Menge erfahren. Es ist doch auffällig, dass einer der Vorgängerinnen Margot Honeckers als Ministerin für Volksbildung 1952/54 Genossin Elisabeth Zaisser war, die Frau des Staatssicherheitsministers Wilhelm Zaisser.

Heutzutage aber, wo man jederzeit über Zeitungen, Bücher, Archive, Fernsehen Zugang zu allen Informationen über DDR-Verbrechen hat, Unkenntnis vorzuschieben, ist dreist! Sowohl in den Jugendwerkhöfen wie in den Gefängnissen wurden Menschen, die nicht gefügig waren und sich nicht einordneten, gebrochen. Darüber gibt es Augenzeugenberichte, weshalb man das nicht diskutieren muss.

Ich lese gerade das Buch Katrin Behrs aus Gera Entrissen (2011), das erste Buch einer Betroffenen über Zwangsadoptionen, von denen es Tausende gegeben hat. Da wurden auf Anordnung Margot Honeckers Frauen wegen geringfügiger Vergehen die Kinder weggenommen und SED-treuen Familien zur Erziehung übergeben. Irgendwie erinnert mich das an die Jahre vor 1945!

Dr. Jörg Bernhard Bilke,
96450 Coburg

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