FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
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Thema: JWH TORGAU: "Einzelhaft als Begrüßung"


Als Nachtrag der Leserbrief aus dem „Freien Wort“ vom 23.8.2011


Leser-Meinung
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HÄRTERE BANDAGEN

Zur Debatte um die Darstellung der DDR-Vergangenheit im Schulunterricht:


Mauerbau, Todesstreifen und Selbstschussanlagen waren ohne Zweifel menschenunwürdige Maßnahmen der DDR. Dennoch wusste jeder Bürger, der diesen Grenzschutz ignorierte, dass er es mit seinem Leben bezahlen könnte.

Nun sollen aber gerade darüber die Schüler im Unterricht „anschaulich“ mit Hilfe der „Grenzmuseen“ aufgeklärt werden. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, wenn es nicht bei dieser einseitigen Darlegung des Lebens in der DDR bliebe!

Der neueste Aufruf, für „DDR-Heimkinder“ ein Forschungsprojekt in dem einzigen (!!) „Geschlossenen Jugendwerkhof“ der DDR in Torgau zu starten, ist ein Hohn für alle Pädagogen, die mit Herz und Verstand, die mit Liebe, Verständnis und Vertrauen zu den Millionen anderen Kindern in der DDR ihren Beruf ausübten. Kinder und Jugendliche, die in einen Jugendwerkhof eingewiesen wurden, zeigten äußerst unpassendes, oft schon kriminelles, selten „staatsfeindliches“ Verhalten, das auch nach vielen Aussprachen zu keinem positiven Ergebnis führte, sondern die gemeinsame Erziehung in der Klassengemeinschaft und das Leben in ihrem Umfeld gefährdeten. Solche Maßnahmen der Jugendhilfe trugen u. a. auch dazu bei, dass mörderische Anschläge auf Schüler und Lehrer, wie sie heute mehrfach in der BRD passierten, verhindert wurden.

Dass die Erziehung im Jugendwerkhof mit härteren Bandagen und sehr streng gehalten werden musste (was nicht mit sadistischen Methoden gleich zu setzen ist) und die Ausbildung zu einem Beruf oder Teilberuf erzwungen werden musste, um bei Volljährigkeit ins öffentliche Leben entlassen zu werden, ist eigentlich verständlich.

Sonja Schäler, Meiningen





Nach sieben Jahren verschiedener Kinderheime in der DDR kommt mir das Kotzen, wenn ich solche Leserbriefe lese. Hat Frau Schäler aus Meiningen überhaupt eine Vorstellung davon, mit welchen Mitteln man in den Heimen um die Schaffung des "sozialistischen Mustermenschen" gerungen hat? Getreu der von Honecker auf dem VIII. SED-Parteitag ausgegebenen Richtlinie, dass der DDR-deutsche Homo novus "eines der edelsten Ziele und eine der größten Errungenschaften der sozialistischen Gesellschaft" ist.

Hat sie jemals eines dieser Heime von innen gesehen? Hat sie jemals ein Kind erlebt, das plötzlich in die völlig fremde Welt der Heime kam, weil es z.B. mit den Eltern an der Grenze festgenommen wurde. Die standen als Neue in unserer Hackordnung ganz unten und natürlich waren ihre Eltern daran schuld, nicht etwa der Staat, der seine Bürger einsperrte und drangsalierte, wenn sie nur den Wunsch hatten, ihre Kinder außerhalb der sozialistischen Gesellschaft und in Freiheit aufzuziehen.

Jene Pädagogen, "die mit Herz und Verstand, die mit Liebe, Verständnis und Vertrauen zu den Millionen anderen Kindern in der DDR ihren Beruf ausübten", wie sie schreibt, akzeptierten damit eben auch den Umgang mit uns. Und sie belogen tagtäglich diese Millionen anderer Kinder über die wahren Verhältnisse in der DDR. Kritiklos sollte der Homo novus sein, kritiklos und folgsam. Wer es nicht war, wessen Eltern kein Garant für eine sozialistische Erziehung waren, der kam in die Heime, um mögliche "mörderische Anschläge auf Schüler und Lehrer, wie sie heute mehrfach in der BRD passierten" zu verhindern.

Wie einfach kann doch die Welt sein, sogar noch 22 Jahre nach dem Mauerfall!




2.12.2011

ENTSCHÄDIGUNG FÜR DDR-HEIMKINDER IN ARBEIT

Interessensvertretung will den Menschen helfen, die in DDR-Heimen gelitten haben. Nach Opfern von Prügel-Kinderheimen im Westen sollen nun auch jenen Menschen entschädigt werden, die in DDR-Heimen misshandelt wurden.



Besuch der Gedenkstätte: Heidemarie Puls (r.) führt Bundesministerinnen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Kristina Schröder (CDU) durch den einstigen Jugendwerkhof Torgau. Im Portraitraum hängen Fotos der ehemaligen Insassen, auch ein Bild Heidemarie Puls ist dabei. ©dpa

Der Zwischenstand

Heidemarie PULS kam mit zwölf Jahren ins Kinderheim. Sie war sogar einige Monate im berüchtigten "Jugendwerkhof" Torgau, in dem Problem-Jugendliche gefängnisartig untergebracht waren. Die Kinder wurden dort geprügelt, es gab drakonische Strafen. "Es war die Hölle", sagt Heidemarie PULS. Jetzt gründete sie eine Interessensvertretung für ehemalige Heimkinder, die auf die Schicksale jener rund 120.000 Menschen hinweisen will, die in DDR-Kinderheimen aufwuchsen.

Späte Hilfe

Außerdem will sie denjenigen unter ihnen, die bis heute psychisch unter den Folgen leiden, helfen, an eine finanzielle Entschädigung zu kommen. Denn bald soll es, ähnlich wie 2010 schon für West-Heimkinder vereinbart, finanzielle Entschädigung für Opfer "schwarzer Pädagogik" geben. Wer zwischen 1949 und 1975 in westdeutschen Kinderheimen aufwuchs und bis heute psychisch an den Folgen leidet, hat Anspruch auf Entschädigung. 120 Millionen Euro stellte der "Arbeitskreis Heimerziehung" dafür 2010 in Aussicht. Ein erheblicher Teil davon wird von der katholischen und evangelischen Kirche bezahlt, die Träger vieler solcher Kinderheime waren.

Die genauen Kriterien, nach denen nun auch DDR-Heimkinder eine Entschädigung beanspruchen können, werden derzeit unter Beteiligung der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und von Experten der Sozialministerien erarbeitet.

Beratung

Ab Mitte 2012 sollen Betroffene dann Anträge stellen können. Die Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (in Brandenburg "für die Aufarbeitung der SED-Diktatur") bieten aber jetzt schon Beratung an:


Entschädigung für DDR-Heimkinder

ZUSTÄNDIGE LANDGERICHTE

Berlin

Landgericht Berlin, Turmstr. 91, 10548 Berlin (030/90140)

Brandenburg
Landgericht Potsdam Jägerallee 10-12, 14469 Potsdam (0331/20170); Landgericht Frankfurt (Oder) Müllroser Chaussee 55, 15236 Frankfurt/O. (0335/3660); Landgericht Cottbus Gerichtsstr. 3-4, 03046 Cottbus (0355/63710).

Sachsen-Anhalt
Landgericht Halle Hansering 13, 06108 Halle, (0345/2200); Landgericht Magdeburg Halberstädter Str. 8, 39112 Magdeburg (0391/6060)

Mecklenburg-Vorpommern
Landgericht Neubrandenburg Friedrich-Engels-Ring 15-18, 17033 Neubrandenburg (0395/54440); Landgericht Rostock August-Bebel-Str. 15-20, 18055 Rostock (0381/2410); Landgericht Schwerin, Demmlerplatz 1-2, 19053 Schwerin (0385/74150)

Thüringen
Landgericht Erfurt, Domplatz 37, 99084 Erfurt (0361/37900); Landgericht Gera, Rudolf-Diener-Straße 2, 07545 Gera (0365/8340); Landgericht Meiningen, Lindenallee 15, 98617 Meiningen (03693/5090)

Sachsen
Landgericht Chemnitz, Hohe Straße 19/23, 09221 Chemnitz, (0371/4530); Landgericht Dresden, Lothringer Str. 1, 01069 Dresden (0351/4460); Landgericht Leipzig, Harkortstr. 9, 04107 Leipzig (0341/21410)




Zuletzt bearbeitet: 03.05.2017 21:17 von Administrator



FAS 21.04.2012 · In der DDR baute Eberhard Mannschatz den Jugendwerkhof Torgau auf. Dort wurden Menschen gedrillt und gefoltert. Für sein Lebenswerk will er Anerkennung.

"...

„Das Herz dieses großen Menschen schlägt nicht mehr“

Mannschatz war 24 Jahre alt, als er 1951 Abteilungsleiter für Jugendhilfe im Ministerium für Volksbildung wurde. Der Parteisoldat verfasste nach dem Tod von Josef Stalin 1953 einen Brief an den Rat des Bezirks Leipzig: „Das Herz dieses großen Menschen schlägt nicht mehr . . . Erfüllen wir sein Vermächtnis, indem wir diesen Kampf zum siegreichen Ende führen. Wir Pädagogen haben in dieser Kampffront einen wichtigen Abschnitt besetzt.“ Am fünften Tage jedes Monats soll es in staatlichen Heimen Vollversammlungen geben, in denen Rechenschaft über den Stand der Erfüllung des Kampfprogramms abgelegt werde. „Denkt daran, dass die Menschen, die wir erziehen, das Vermächtnis Stalins im Herzen tragen.“

Die Heimkinder waren mehr an Freiheit als an Stalin interessiert und liefen oft davon. Einige begingen kleine Diebstähle. Das schlug sich in der Kriminalitätsstatistik nieder, und das Justizministerium beschloss, dass man die Ausreißer wegsperren müsse. In einen geschlossenen Jugendwerkhof.
Der Plan landete auf dem Tisch von Abteilungsleiter Mannschatz. Der sah die Aufgabe der Jugendwerkhöfe darin, „die Besonderheiten in der Persönlichkeitsentwicklung zu überwinden, die Eigenheiten im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu beseitigen und damit die Voraussetzungen für eine normale Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen“.

Mannschatz sagt, er habe versucht, eine geschlossene Einrichtung zu verhindern. Davon zeugen Briefe. Doch schließlich beugte er sich den Anweisungen. Man fand ein altes Gefängnis in der sächsischen Kleinstadt Torgau: zwei Meter hohe Mauern, mit Stacheldraht und Glasscherben, Dunkelzellen im Keller.

Ein Mal nur sei er in Torgau gewesen, sagt Mannschatz. Er sprach mit Erziehern. Viele von ihnen hatten keinerlei Ausbildung, der Personalmangel in den DDR-Heimen war groß. Jeder, der es wollte, wurde eingestellt. Auch der Heimleiter in Torgau begann als unausgebildeter Erzieher. Mannschatz sprach bei seinem Besuch auch mit den Jugendlichen, 14 bis 18 Jahre alt. Aber die wussten ganz genau, was sie sagen durften. Ministerin Honecker fragte einmal eine Insassin in Torgau nach ihrem Befinden. Als die darauf mit „Geht so“ antwortete, bekam sie drei Tage Einzelarrest.

Endstation für Heimkinder

Das Personal konnte tun, was es wollte. Der Heimleiter und ein Wächter vergingen sich regelmäßig an den Mädchen, die Jugendlichen wurden zusammengeschlagen und tagelang eingesperrt. Neben den Dunkelzellen gab es ein feuchtes Loch, Fuchsbau genannt. Der war so klein, dass man darin nur liegen konnte. Die Jugendlichen litten. Einer erhängte sich am Fenster, ein anderer setzte das Zimmer in Brand und starb dabei. Sie schluckten Nägel, Nadeln oder Schmierfett, nur um ein paar Tage raus ins Krankenhaus zu kommen. Viertausend junge Menschen waren von der Eröffnung des Jugendwerkhofs 1964 bis zum Mauerfall in Torgau, die meisten von ihnen für sechs Monate.

Die DDR war klein, man konnte alles erfahren. Und Torgau war schon damals ein Schreckenswort, eine Drohung. Die Endstation für Heimkinder. Das war Mannschatz völlig klar. Da habe ein „recht straffes“ Regiment geherrscht, räumt er ein. Und kommt dann schnell ins Allgemeine. Dass es „hüben wie drüben Schlechtes“ gegeben habe. Dass es heute noch geschlossene Unterbringung gebe.

„Die Lobby ist am Wirken“

Er hat vor einigen Jahren einen Aufsatz geschrieben, mit dem Titel „Jugendwerkhof-Keule“. Es habe ihn nach der Wende erstaunt, heißt es darin, „dass die Jugendhilfe als Top-Thema der Kritik gleich nach der Stasi, den Schüssen an der Mauer und angeblichen Rechtsbeugungen auftauchte“. Damit sollten Gefühle geweckt werden. Die Zustände in Torgau würden „so greulich dargestellt“, dass der Begriff zum „Synonym für angeblichen Unrechtscharakter des Umgangs mit jungen Menschen in der DDR geworden ist“.

Hintergedanke dieser „Verleumdungskampagne“ sei es, die „politisch-gesellschaftliche Verfasstheit der BRD zu glorifizieren“ und den ehemaligen politischen Gegner abzuqualifizieren. Mannschatz schreibt, dass es den ehemaligen Insassen von Torgau gelang, ein Gerichtsurteil herbeizuführen, das einigen von ihnen eine monatliche Entschädigung zusicherte. „Wen wundert es, wenn Betroffenen, die in Jugendwerkhöfen (außerhalb von Torgau) gelebt haben, der Mund wässrig gemacht worden ist. Auch sie (oder einige von ihnen) wollen Geld sehen. Die Lobby ist am Wirken.“




Klaus_Plaetzsch:
FAS 21.04.2012 · In der DDR baute Eberhard Mannschatz den Jugendwerkhof Torgau auf. Dort wurden Menschen gedrillt und gefoltert...


In Hamburg an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie am "Rauhen Haus" kann man die Aufsätze von Eberhard Mannschatz, dem Erfinder der DDR-Jugendwerkhöfe jetzt auch studieren.



Wobei ich denke: Der alte Johann Heinrich Wichern (oben mal ein Bild aus seinem "Knabenarbeitssaal" im "Rauhen Haus") hätte an einem DDR-JugendWERKhof seine helle Freude gehabt.

meint ja schon hier

der

BoWa


Zuletzt bearbeitet: 08.05.2012 23:50 von Administrator




Rauhes Haus

.....Die kirchliche Einrichtung hat sich mit ihrer Sozial- und Bildungsarbeit viel Reputation erworben. Doch jetzt gibt es großen Ärger. Unionsfraktionschef Volker Kauder empört sich darüber, wie in Hamburg das SED-Unrechtsregime verharmlost wird. Der CDU-Politiker hat deshalb Bischof Gerhard Ulrich, dem Vorsitzenden der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, einen wütenden Brief geschickt. Jetzt ist auch der oberste Kirchenmann im Norden alarmiert. ...

alles






5.7.2012

Gewalt in der DDR

DIE KINDER VON TORGAU


Von Renate OSCHLIES

Torgau – In dem sächsischen Jugendwerkhof wurden zu DDR-Zeiten Tausende Jugendliche gequält. Der Mann, unter dessen Ägide diese Anstalt errichtet wurde, heißt Eberhard MANNSCHATZ. In einem Lehrbuch einer Hamburger Hochschule verharmlost er noch heute die Verbrechen von damals.

Die Stahltore schlossen sich krachend hinter dem Barkas-Bus, der Heidemarie BURKART an einem Märztag im Jahre 1974 nach Torgau brachte. Sie sieht die sechs Meter hohen Mauern, die Wachtürme, den Stacheldraht und die Hunde. Als sie das Gebäude mit den kleinen, vergitterten Fenstern betritt, fühlt sie sich wie gelähmt.

Sie sucht eine Toilette, findet keine, klopft an einer Tür. Keine Antwort. Als sie die Tür behutsam einen Spalt öffnet, wird sie ihr an den Kopf geschlagen. Ein Erzieher stürzt auf den Flur und schreit: „An die Wand, umdrehen, Jugendliche BURKART.“ Sie müsse dringend zur Toilette, wendet das 15-jährige Mädchen ein.

Da fühlt sie im Rücken einen Schlag, sie fällt zu Boden, der Erzieher prügelt mit einem Stock auf sie ein, je lauter sie „Aufhören!“ ruft, desto stärker schlägt er zu. Heidemarie krümmt sich am Boden, sucht Kopf und Bauch zu schützen. Sie bleibt liegen, ihre Hose ist nass.

Sie wird in die Zuführungszelle für Neuankömmlinge gebracht. Ein abgedunkelter, winziger Raum, in dem ein Hocker und ein nach Chlor stinkender Kübel für die Notdurft stehen. „Ich fühlte mich elend und dreckig“, erinnert sie sich, „hier war ich ein Nichts, das war mir nun klar.“

Gewalt als Konzept

Es folgten die Aufnahmemaßnahmen: Duschen und Desinfizieren. Ihr Haar wird zur Glatze geschoren, sie erhält Anstaltskleidung, lernt, dass Häftlinge sich hier ausschließlich im Laufschritt zu bewegen haben. Sie erhält die Hausordnung mit der Anweisung, sie auswendig zu lernen. Erschöpft schläft sie auf dem Zellenfußboden ein. Das ist verboten. Erst am Abend wird eine Holzpritsche in die Zelle geschoben, das Liegen ist nur zur Nachtruhe erlaubt.

Gewalt und die Verweigerung jeder menschenwürdigen Behandlung gehörten in Torgau zum Konzept: Mit einer sogenannten „Explosions- oder Schocktherapie“ sollten die Jugendlichen von Anfang an gebrochen werden. Die Methode funktionierte fast immer. Drei Tage bleiben die Neuankömmlinge in diesem Einzelarrest.

Der langjährige Direktor Horst KRETSCHMAR schreibt in seiner Diplomarbeit, durch eine völlig andere Lebensform solle eine „explosive Veränderung“ des Verhaltens der Jugendlichen im Umerziehungsprozess ausgelöst werden. „In der Regel benötigen wir drei Tage, um die Jugendlichen auf unsere Forderungen einzustimmen.“

Eiserne Disziplin, militärisch-sportlicher Drill, ein ausgeklügeltes System aus Kontrollen, Denunziationen und strengsten Bestrafungen bei jeder noch so kleinen vermeintlichen Verfehlung tun ihre Wirkung: Kaum einer begehrt hier noch auf.

Stefan LAUTER wird 1985 in Torgau eingeliefert. Man lässt ihn im Flur stehen. Als er nach Stunden einen Erzieher fragt, wie es denn nun mit ihm weitergehe, schlägt der ihm blitzartig die Faust, die ein kiloschweres Schlüsselbund umfasst, ins Gesicht: „Du hast hier nichts zu fragen, hier fragen wir.“

Offene Wunden

Nun sind sie wieder hier, lange erwachsen, die alten Wunden nicht verheilt: Stefan LAUTER und Heidemarie BURKART, die inzwischen PULS heißt. Sie sind nach Torgau gekommen, um am Ort ihrer größten Qualen ein paar Sachen richtigzustellen.

Denn vor einigen Wochen wurde bekannt, dass der Erfinder des Jugendwerkhofs in Torgau, Eberhard MANNSCHATZ, in einem Lehrbuch der renommierten Hamburger Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie ein ganzes Kapitel von 40 Seiten füllt – zum „Rückblick auf die Soziale Arbeit in der DDR“.

MANNSCHATZ war im DDR-Volksbildungsministerium für die Heimerziehung verantwortlich. Bis 1977 war er ein enger Mitarbeiter von Ministerin HONECKER, danach Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Und dieser Mann darf nun in dem Lehrbuch zum „Grundkurs Soziale Arbeit“ die rigide DDR-Heimerziehung verharmlosen. Sogenannte „Zwangsadoptionen“ seien nur von den Medien erfunden, eine „PR-Terminologie“; ebenso die „angeblich rigiden Erziehungsmethoden in den Heimen“. Im Grunde habe man in Ost und West auf gemeinsamen sozialpädagogisch-ethischen Grundlagen gearbeitet.

MANNSCHATZ, einst Margot HONECKERs rechte Hand, formuliert weiter: „Es ging darum, einen jungen Menschen, der der Hilfe bedarf, nie und in keiner Lage alleinzulassen“. Er spricht von der „allumfassenden Fürsorge“, „keiner sollte ins Abseits geraten“. In seinen Planungen im DDR-Ministerium las sich das damals ganz anders, die stehen aber nicht im Hamburger Lehrbuch: „Das Ziel der Umerziehung besteht darin, die Besonderheiten in der Persönlichkeitsentwicklung zu überwinden, die Eigenheiten im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu beseitigen und damit die Voraussetzung für eine normale Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen.“

Verlogen und brutal

Eine Studentin der Hamburger Hochschule hatte das MANNSCHATZ-Kapitel Ende vergangenen Jahres entdeckt, als sie dort ein berufsbegleitendes Studium begann. Als Oppositionelle wurde Evelyn ZUPKE in der DDR an keiner Uni zugelassen. Heute arbeitet die 50-Jährige als Sozialarbeiterin in Hamburg.

Sie war schockiert, als sie sah, dass diese verlogene Darstellung eines Mannes, der dazu beitrug, so vielen Kindern unendliches Leid anzutun, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR in einem deutschen Hochschullehrbuch steht – unkommentiert, als geschichtliche Wahrheit, in vierter Auflage. Dabei ist die Rolle von MANNSCHATZ bei der Ausrichtung des Heimsystems seit Anfang der Neunzigerjahre im Rahmen der DDR-Aufarbeitung bekannt, selbst der Bundestag befasste sich damit.

Evelyn ZUPKE wendet sich an den Kursleiter Timm Kunstreich und an Direktor Andreas THEURICH. Die Hochschule dankt für die „kritischen Anmerkungen“ und bietet ein Seminar an, um die unterschiedlichen Positionen mal zu debattieren. In keinem Fall aber werde man das Fachbuch zurückziehen oder die Freiheit der Wissenschaft zensieren, teilt man ihr mit.

Die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Hochschule seit 1995 und die Publikation seines Aufsatzes in dem Hamburger Lehrbuch öffnen Eberhard MANNSCHATZ das Tor zur westdeutschen Wissenschaftswelt. Er veröffentlicht seitdem auch Schriften in anderen Verlagen. Darauf weist ZUPKE hin.

Aber die Kirchenleitung und Politiker antworten ausweichend auf ihre Beschwerde.



Öffentlich wird die Sache, als Lutz RATHENOW, der Stasi-Beauftragte in Sachsen, die Hochschule in einem offenen Brief auffordert, einem Hauptverantwortlichen für das unmenschliche DDR-Heimerziehungssystem keine Plattform mehr zu bieten. Es sei nicht hinzunehmen, „dass jemand wie MANNSCHATZ als Kronzeuge gelungener Sozialarbeit in der DDR herangezogen wird“, schreibt RATHENOW. Er lädt die Hochschule nach Torgau ein.

In Hamburg zieht man keine Konsequenzen. Der Bundestag wird aufmerksam. CDU-Fraktionschef Volker KAUDER beschwert sich, beim zuständigen Bischof, der schaltet sich ein. Nun will die Hochschule doch Rathenows Einladung folgen.

An einem sonnigen Spätjunitag treffen sie sich also in Torgau – die Hamburger, die früheren Häftlinge Stefan LAUTER und Heidemarie BURKART, Lutz RATHENOW und Evelyn ZUPKE. Neugierig und abwartend belauern sie sich. Die Hamburger Professoren wirken angespannt, sie fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Und die, die wissen, was hinter diesen Mauern geschah, können nicht verstehen, wie man sich hinter jemanden wie MANNSCHATZ stellen kann.

Beschauliche Idylle

Die neue Fassade des alten Jugendgefängnisses strahlt heute in sattem Gelb. Der Bau von damals ist von außen kaum wiederzuerkennen. Wachtürme, Stacheldraht, Stahltore und Sturmbahn wurden am Ende der DDR rasch entfernt. Den Rest besorgte ein privater Investor, der eine ländliche Wohnanlage daraus machte.

Holzbalkone im Biedermeierstil und Geranientöpfe gibt es jetzt. Die Leute, die heute hier wohnen, genießen die beschauliche Idylle. Die Treuhand verkaufte das Gelände 1996, die Pläne eines Vereins, eine Gedenkstätte einzurichten, scheiterten. Nur im Verwaltungsgebäude wurden der Erinnerungsstätte Räume zur Verfügung gestellt.

Wer diese Räume betritt, spürt sofort die Kälte, die einst hier geherrscht haben muss. Der Eintritt in diese Vergangenheit verfehlt seine Wirkung auch bei den Besuchern aus Hamburg nicht. Mit sichtbar wachsender Beklemmung gehen der Hochschuldirektor Andreas THEURICH und seine Kollegen durch die schmalen, grau gestrichenen Räume.

Ein Raum ist bis zur Decke mit privaten Porträts früherer Insassen tapeziert: Ein Junge, den Kopf schräg über ein Heft gebeugt, bei den Hausaufgaben; einer, der so kindlich-schmächtig wirkt in seinem Jugendweiheanzug; Mädchen mit langen Locken. Zu hören als Tondokument sind ihre erschütternden Berichte darüber, was Torgau mit ihnen machte.

Vergewaltigung und Suizid

So geht die Gruppe von Raum zu Raum. Anstaltsfotos, hier ein Kassiber, da ein beschlagnahmtes Schmuckkettchen, eine Auswahl von Akten, die über jeden der mehr als 4.000 Jugendlichen, die hier bis 1989 eingewiesen wurden, angelegt wurden. Juliane THIEME, Mitarbeiterin der Gedenkstätte, berichtet über die alltäglichen Quälereien, die „Kollektiverziehung“ – die Strafe für eine Verfehlung des einzelnen wurde stets über die ganze Gruppe verhängt, wofür die Gruppe sich später mit neuen Quälereien rächte. Sie spricht von der Hackordnung, von Vergewaltigungen, von Suiziden. Von Strafen wie im Entengang in der Hocke treppauf, treppab gehen zu müssen, von kollektiven Toilettengängen nur zu bestimmten Zeiten.

Als einzige Originalräume sind im Keller eines anderen Traktes drei Arrestzellen erhalten. Die Zellen, wenige Quadratmeter groß, verdunkelt, eine Holzpritsche. An ihrer Unterseite Hilferufe und Graffiti. „Ich bin als Mensch geboren, ich will als Mensch hier raus“, hat ein Jugendlicher in seiner Verzweiflung geschrieben.

„Das ist ja unglaublich, so etwas habe ich noch nicht gesehen“, sagt Matthias NAUERTH, Prorektor der Hochschule. Der Dozent Michael LINDENBERG lehnt minutenlang betroffen an einer Wand. Daneben der „Fuchsbau“, ein etwa ein Meter hoher Kellerverschlag, ohne Luftzufuhr und Licht. Auch hier wurden Jugendliche zur Strafe eingesperrt.

Martyrium zwischen Psychiatrie und Heimen

Noch unter dem Eindruck dieser Führung sitzen später alle am Tisch zum Gespräch. Erst hier spricht Ralf WEBER, der seine gesamte Kindheit, 14 Jahre, in Heimen und Jugendwerkhöfen verbrachte, zuletzt in Torgau. Er geriet als Sechsjähriger ins Räderwerk der DDR-Heimerziehung. Er galt als zappelig, unaufmerksam – hyperaktiv, würde man heute sagen. Ein Martyrium zwischen Psychiatrie und Heimen begann, mal wurde er als hochbegabt eingestuft, mal als verhaltensgestört. Ralf WEBER bedankt sich als erstes bei den Hochschulvertretern dafür, „dass jetzt ein Dialog möglich ist.“

Die bekunden der Reihe nach ihre Betroffenheit und versichern unisono: Man betreibe an der Hochschule in Hamburg keine repressive Pädagogik. Man glaubt ihnen, dass sie so etwas wie hier wirklich noch nie gesehen haben. Prorektor NAUERTH spricht von einem blinden Fleck in der Sozialpädagogik der Siebzigerjahre, die die Situation in der DDR nie im Blick hatte. Hochschullehrer LINDENBERG bedankt sich sogar bei Evelyn ZUPKE, die Sache um MANNSCHATZ öffentlich gemacht zu haben.

Selbst Timm KUNSTREICH, der MANNSCHATZ kommentarlos ins Lehrbuch brachte, sagt zu WEBER: „Was Ihnen passiert ist, das sind Menschenrechtsverletzungen. Wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nicht wieder geschehen kann.“ Und dann hält er eine Eloge auf MANNSCHATZ, der ja Schlimmeres immer nur verhindert habe.

„Ich bin 68er, und ich bin stolz darauf“, sagt er. Wie mancher Weggefährte von damals scheint er die Weltsicht jener Jahre als erstarrte Ideologie mit sich zu tragen. Der Mann mit den in der Mitte gescheitelten, ergrauten längeren Haaren sieht in die Runde und spricht Evelyn ZUPKE an. Beleidigt nennt er ihr Handeln Denunziation.

Distanz zur Beschönigung

Rektor THEURICH sucht zu entschärfen. Im November werde die Hochschule eine Fachtagung zur DDR-Heimerziehung veranstalten, auch eine Wanderausstellung der Torgauer Gedenkstätte sei willkommen. Selbstverständlich distanziere man sich von einer Beschönigung der DDR-Zustände, aber man könne nun mal kein Buch einfach vom Markt nehmen oder die Hochschullehre zensieren. Damit meint er eine Kommentierung des MANNSCHATZ-Textes, die er auch nicht versprechen will.

Evelyn ZUPKE fragt: „Was machen Sie denn jetzt mit dem MANNSCHATZ-Kapitel in Ihrem Buch?“ KUNSTREICH, der stolze 68er, zischt: „Das sag ich nicht.“

Heidemarie PULS, die bis heute an den Folgen ihrer viermonatigen Haft in Torgau leidet und ein Buch darüber schrieb, hat die Debatte wortlos verfolgt. „Ich hoffe, dass die wirklich wissen wollen, was hier passiert ist“, sagt sie. Da sind die Hamburger längst auf dem Heimweg.

Quelle




Der Rektor der Hamburger Evangelischen Hochschule, Andreas Theurich, informiert sich mit Kollegen im Museum der Gedenkstätte Torgau über Heim-Erziehungsmethoden in der DDR ©Paulus Ponizak
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9.7.2013

1200 THÜRINGER MELDETEN SICH ALS OPFER VON DDR-KINDERHEIMEN

Erfurt. Ein Jahr nach Einrichtung des Fonds
"Heimerziehung in der DDR" haben sich in Thüringen 1200 Betroffene gemeldet und registrieren lassen. "Dabei geht es den Menschen zunächst um erste Informationen zu den Leistungen des Fonds und darum, wie sie diese erhalten können", sagte Christine KASCHOLKE, Referentin beim Thüringer Sozialministerium, unserer Zeitung. Bislang wurden in Thüringen rund 400 Personen länger beraten.

Von Hanno MÜLLER

Bei den Antragstellern handele es sich um Menschen, die in DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen einen Teil ihres Lebens verbrachten und bis heute unter den Folgeschäden leiden, erläuterte KASCHOLKE. Für viele sei es das erste Mal, dass sie sich mit diesem Teil ihrer Vergangenheit stellen. "Sie müssen sehr sensibel begleitet werden, um ihnen die Möglichkeiten des Fonds zugänglich machen zu können", sagte KASCHOLKE.

Der Heimerziehung-Fonds war im Juli 2012 gestartet worden. Der Bund, die ostdeutschen Bundesländer und Berlin wollen ihn mit 40 Millionen Euro ausstatten. 7,5 Millionen wurden bereits eingezahlt.

Die Antragsfrist für den Fonds läuft noch bis 2016. Umgesetzt werden damit Forderungen des Runden Tisches Heimerziehung.

Zwang und Gewalt als alltägliche Erfahrung

"In der DDR haben viele Kinder und Jugendliche schweres Leid und Unrecht in Heimen nach Einweisung durch die Jugendhilfe erfahren", heißt es in einer Bilanz des Bundestages. Danach wurden für viele Heimkinder Zwang und Gewalt zur alltäglichen Erfahrung. Den Betroffenen seien schulische und berufliche Bildungsmöglichkeiten verweigert und Lebenschancen verbaut worden. Da Ansprüche verjährt oder schwer beweisbar seien, leiste der Fonds einen wichtigen Beitrag für den Rechtsfrieden.


Auch der Jugendwerkhof Gebesee (Landkreis Sömmerda) war vergittert

In allen Bundesländern wurden Beratungsstellen eingerichtet. "Der Fonds reagiert ausdrücklich auf Schädigungen und Beeinträchtigungen im Leben", sagt der Leiter der Erfurter Beratungsstelle, Manfred MAY. "Die Möglichkeit, Hilfe zu bekommen, ist eine Art Türöffner. Dem folgt die Suche nach jemandem, der die eigene Geschichte anhört und glaubt, ohne dass man dick auftragen muss. Das ist eine ungeheure Entlastung."

Die Gesellschaft, so MAY weiter, sollte die Erinnerungen als lehrreiche Mitteilung über entgangene Kindheit und Jugend betrachten. Ehemalige Heimkinder sollte man bei allen Entscheidungen, die Jugendliche betreffen, einbeziehen.

Nach Angaben von Charlotte Cary von JAGOW, Sprecherin beim Bundesgesundheitsministerium, steigt die Zahl der Nachfragen nach Hilfen aus dem Fonds stetig. Derzeit sei nicht abzusehen, wie viele Betroffene es am Ende geben werde.

"In den Anlaufstellen werden viele Gespräche geführt, die nicht zu einer Leistung aus dem Fonds selbst, wohl aber zu besseren Zugängen in gesetzliche Hilfesysteme oder zu den Heimakten führen", sagte von JAGOW.

Quelle



woma:

1200 THÜRINGER MELDETEN SICH ALS OPFER VON DDR-KINDERHEIMEN


Zitat: "Sowohl in den Jugendwerkhöfen wie in den Gefängnissen wurden Menschen, die nicht gefügig waren und sich nicht einordneten, gebrochen. Darüber gibt es Augenzeugenberichte, weshalb man das nicht diskutieren muss." Dr. Bilke

Es kann nicht oft genug wiederholt werden: "Jugendwerkhöfe" gab es nicht nur in der DDR, junge Menschen wurden nicht nur in der DDR systematisch
gebrochen. Ich warne davor, dieses Kapitel allein und ausschließlich DDR-bezogen zu sehen. Ein Bärendienst für die Aufarbeitung!

Die Praxis der kriminellen Behandlung von Kindern und Jugendlichen war ein gesamtdeutsches Erbe und unterschied sich in beiden deutschen Teil-Staaten nur marginal. Ich selbst habe in einer Einrichtung des auch hier teilweise (und zu Recht) kritisch angeführten Rauhen Hauses in Hamburg im Alter von 14 Jahren bis zu
16 Stunden am Tag schwere Stall- und Feldarbeit leisten müssen. Die monatliche Entlohnung, die sich das Rauhe Haus auch von der Jugendfürsorge erstatten ließ, betrug 5 DM. Davon mußten wir uns Zahpasta und Seife selbst kaufen. In der Rentenkasse sind diese Ausbeutungszeiten natürlich nicht erfasst; an den Folgen eines schweren Unfalls leide ich noch heute.

Noch einmal bestimmten Leuten ins Stammbuch: Dieses Geschehen fand in der (alten) Bundesrepublik Deutschland statt und nicht - wie man gerne meinen möchte - in der DDR. Das mildert die Verbrechen der DDR keineswegs. Es wirft aber auch kein gutes Licht auf den Rechtsstaat, als der ja die alte BRD - im Übrigen nicht zu Unrecht - firmieren durfte.




Nach sieben Jahren verschiedener Kinderheime in der DDR kommt mir das Kotzen, wenn ich solche Leserbriefe lese.

Hier kann ich ALA nicht widersprechen. Ich habe das bisher noch niemals erwähnt und auch nirgendwo geltend gemacht : 1959 unternahm ich von Halle aus einen leider mißglückten Versuch , nach Westberlin zu gelangen . Die TRAPO nahm mich in Berlin-Schönefeld fest und steckte mich in Königswusterhausen in einen Werkhof. Eine Woche später kam ich nach Halle-Goldberg . Dort wurde ich als 15 jähriger " Berlin-Fahrer " nach 3 Wochen entlassen. Es waren also insgesamt nur 4 Wochen , sie reichten aber aus um einen spürbaren Einblick in diesen Betrieb zu bekommen.
In Halle-Goldberg wurde beim geringsten Anlass sofort geschlagen .



15. 5. 14

Eine rebellische Jugend in der DDR - Aus dem System gefallen

von Matthias Schlegel

"Bei Anwendung eines Schlagstocks ist dieser nur aus dem Handgelenk zu schlagen und nicht mit gestrecktem Arm. Dabei ist der Schlag nur in die Weichteile des Gegners zu schlagen. Alle anderen Stellen des Körpers sind zu vermeiden, da sonst größere körperliche Schäden entstehen können.“

In jedem Jahr wurden dem Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau vom Ministerium für Volksbildung 25 neue Schlagstöcke bewilligt. Im System der Heimerziehung in der DDR stand Torgau ganz oben – oder ganz unten, je nach Perspektive. Es war die Endstation für unangepasste, aufsässige Jugendliche, die diszipliniert, umerzogen werden sollten. 14- bis 18-jährige Jungen und Mädchen, die aus anderen Heimen ausgebüxt und wieder eingefangen worden waren. Die sich der sozialistischen Bildung und Erziehung in der DDR entzogen, Widerspruchsgeist zeigten und sich den gesellschaftlichen Normen verweigerten. Vor 50 Jahren, am 1. Mai 1964, wurde die Umerziehungsanstalt in Torgau eröffnet.

Sonja Plog kam als 16-Jährige nach Torgau. „Ein Geruch nach Chlor und Kacke. Meine Kehle schrie nach Luft … Mit beiden Fäusten hämmerte ich gegen die Tür. Es musste mich doch jemand hören … ,Ich werde Dir helfen! So eine Schweinerei hier zu veranstalten! … Da! Hast’n Grund zu heulen!‘ Wie ein Kind, das seine Puppe wütend fortschleudert, so flog ich gegen die Pritsche … Ich bin noch ein Kind, 1,53 Meter, 46 Kilo, seit zwei Monaten 16 Jahre alt, zerbrechlich wie dünnes Glas.“ Es ist ein Buch, dessen Sätze wie Peitschen knallen. Das einen frösteln und das allgegenwärtige „Es- war-nicht-alles-schlecht“ wie Hohn klingen lässt. Es war so vieles noch viel schlechter. Unvorstellbar schlimm.

In diesem erzählt die Journalistin Silke Kettelhake die Geschichte der heute 62-jährigen Sonja Rachow. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das – von der alleinerziehenden Mutter nicht geliebt und deshalb überstreng erzogen und zugleich vernachlässigt – aus der kleinen, kaputten Familienwelt in Rostock ausbricht; das in der Schule rebelliert, Autoritäten nicht anerkennt, sich als Pubertierende zu den langhaarigen „Gammlern“ hingezogen fühlt, die sich am Brunnen nahe dem Kaufhaus treffen. Sie sind den „Staatsorganen“ ein Dorn im Auge: negativ, dekadent, aufsässig. Wer der Volkspolizei in diesen Kreisen einmal auffällt, gerät unweigerlich hinein in den Strudel der „Maßnahmen“: Vorladung, Zuführung, Heimeinweisung.

So wird auch an Sonja exerziert, was der Staat unter „Umerziehung“ versteht und was nichts anderes ist als der Versuch, einen Willen zu brechen. Das Buch gibt dabei in den Alltagsschilderungen mehr über die DDR preis als eine ganze Enzyklopädie – mit rigoroser Offenheit, außergewöhnlich präzise und detailliert.

Im Jugendwerkhof werden Sonja die Haare geschoren. Wenn die Gruppe die Arbeitsnormen nicht schafft, werden alle bestraft – und die Gruppe rächt sich an den Schwächsten. Man muss stark sein, um zu überleben. Wer aufmuckt, wird mit Strafsport brutal körperlich gezüchtigt. Schläge mit dem Schlüsselbund sind an der Tagesordnung. Mehr als 4000 Jugendliche haben in den 20 Jahren des Bestehens die Hölle des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau durchlitten.

Als im August 1968 in Prag sowjetische Panzer einfahren, stirbt für Sonja in Torgau jede Hoffnung. Am Brunnen in Rostock hatten sie wenige Monate zuvor noch Zuversicht geschöpft aus dem, was sich in Prag tat. Sie wird in den Jugendwerkhof in Crimmitschau überstellt. Zur Arbeit geht es täglich in die Großwäscherei im benachbarten Glauchau: „Die Haut an den Händen bis hoch unter die Arme juckte und löste sich ab. Von der feuchten, chemievergifteten Luft der Imprägniermittel und Spülbäder holte ich mir ein bleibendes Asthmakeuchen.“

Als Sonja mit 18 Jahren das Heim verlässt, ist sie physisch und psychisch angeschlagen, eine bessere Staatsbürgerin hat Margot Honeckers Jugendhilfesystem aber nicht aus ihr gemacht. An ein geregeltes Arbeitsleben mag sie sich nicht gewöhnen. Aber weil sie nun volljährig ist, droht ihr mit der Anwendung des Paragrafen 249 der „richtige“ Knast: wegen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten“. Sie wird von der Straße weg verhaftet und im stickigen Gefängniszug in die Vollzugsanstalt „Roter Ochse“ in Halle transportiert.

Nach der Entlassung bleibt der Makel an ihr hängen. Statt eines Personalausweises erhält sie einen sogenannten PM 12, einen vorläufigen Personalausweis. „Mit dem PM 12 warst du gebrandmarkt.“ Ihn erhielten ehemalige Häftlinge oder Ausreisewillige, also politisch Unzuverlässige. Gleichwohl gelingt es ihr, eine Art „normales Leben“ zu führen: Sie heiratet, zieht zwei Kinder groß. Im Frühjahr 1989 kommt sie über einen Pfarrer in Kontakt mit oppositionellen Kreisen. Sie trennt sich von ihrem Mann, wird mit zwei anderen zu den ersten Kontaktpersonen des Neuen Forums außerhalb Rostocks im Norden. „Das erste Mal im Leben frei atmen, das erste Mal im Leben Menschen, die denken wie ich. Das hat mich so verdammt hingerissen, wie eine neue Liebe.“

Am 9. November ist die Mauer offen. Dass am selben Tag Horst Kretzschmar, der langjährige Direktor des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau, an Leberzirrhose stirbt, erfährt sie erst Jahre später. Am 16. November 1989 meldet Sonja, inzwischen verheiratete Rachow, beim Volkspolizei-Kreisamt die erste Demonstration in ihrem Wohnort Neubukow an. Und sie hält von der Kanzel der Stadtkirche ihre erste Rede, wird als Ansprechpartnerin des Neuen Forums mit tausenderlei Problemen konfrontiert. Gemeinsam mit anderen hebt sie das Waffenlager der KoKo in Kavelstorf bei Rostock aus.

Als eine der mecklenburgischen Sprecherinnen vertritt Sonja Rachow das Land im Bundeskoordinierungsrat des Neuen Forums – und ist nach der ersten Wahl „völlig desillusioniert“; sie bleibt dennoch vier Jahre Fraktionsvorsitzende. „Ich merkte, dass ich nicht politikfähig bin, ich wollte keine faulen Kompromisse.“ Schließlich legt sie alle Ämter nieder, zum Ärger Bärbel Bohleys: „Jetzt schmeißt du uns hier alles vor die Füße.“ Was Sonja Rachow aus dieser Zeit berichtet, gehört zu den anschaulichsten Schilderungen der friedlichen Revolution.

2004 erklärt das Landgericht Rostock die Heimerziehung Sonjas für rechtsstaatswidrig und rehabilitiert sie. Sie lebt heute mit ihrem aus Braunschweig stammenden Mann in der Schweriner Altstadt.







UTE LEPKE

Ohne Urteil weggeschlossen ● Akten verschwunden ● von Entschädigung und Opferrente ausgeschlossen




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