FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
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Autor
Thema: Maria Nooke, Regimekritikerin


Rezension zu:
"Für Umweltverantwortung und Demokratisierung" -
Der Ökumenische Friedenskreis der Region Forst


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...Maria Nookes Buch über den "Ökumenischen Friedenskreis der Region Forst" stellt eine wichtige regionalgeschichtliche Untersuchung zur Geschichte von Opposition und Widerstand in den achtziger Jahren dar.
...
Sie taucht zwar selbst einige Male im Text und in den Fußnoten als zeithistorische Person auf, aber dass eine zentrale Figur in ihrem Buch, Günter Nooke, die zudem einen eigenen Abschnitt erhält, ihr Ehemann war und ist, kommt - gelinde gesagt - zu wenig heraus.

... Es gibt eine Passage in diesem Buch, die dieses Dilemma geradezu eindringlich vor Augen führt. 1975 kam es in der Region Forst zu einem spektakulären Vorfall, der die Menschen auch noch nach 1990 bewegte und aufwühlte. Ein wegen "Republikflucht" und "staatsfeindlicher Hetze" zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilter Mann floh aus dem Cottbuser Gefängnis, um über die polnische Ostsee in die Bundesrepublik zu flüchten. Auf seiner Flucht suchte er in einem Pfarrhaus Schutz und Hilfe. Entgegen innerkirchlichen Vereinbarungen informierten schließlich nach langen Debatten zwei Pfarrer die Polizei, die ihn festnahm. Der Mann erhielt zehn weitere Monate Gefängnis. Einer der daran beteiligten Pfarrer Georg Herche, ... ist der Vater der Autorin, was der Leser aber nicht erfährt. Das ist umso bedenklicher, da Nooke das Vorgehen, die Polizei einzuschalten, mit "christlich-ethischen Gründen" verteidigt und völlig übertrieben von einer Medienkampagne gegen die beteiligten Pfarrer spricht.



Dr. Hans-Wilhelm Pietz, Regionalbischof in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg schreibt im Vorwort zu dem Buch, es

"...unterscheidet sich der Weg der Forster Gruppe von vielen Initiativen, bei denen sich die Kritik am DDR-Regime mit einem Ausreisebegehren verband.
Als Begleiter des bin ich dankbar für diese Studie ..."


In der ersten Diskussionsrunde der "Berliner Gespräche" der CDU stand die ehemalige DDR-Regimekritikerin Maria Nooke übrigens Rede und Antwort zu den Fragen:

Wie lebte man als Regimekritiker in der DDR?
Mit wem sprach man offen?
Wie schützte man sich als Regimekritiker davor, dass das Regime irgendetwas von der Regimekritik mitbekam ?


Aber dazu schrieb ich ja schon hier.

Bodo Walther





Daß die Autorin ihren Vater nicht als ihren Vater nennt, finde ich schäbig. Was sind denn das für "christlich-ethische Gründe", die ihn zum Verrat trieben?



Koch, Dr. Dietrich schrieb: 07.07.09 11:55

Was sind denn das für "christlich-ethische Gründe", die ... zum Verrat trieben?

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Maria Nooke schreibt:

"...1977 kamen drei Pfarrer dadurch in Verruf, dass durch westliche Medienberichterstattung bekannt wurde...
Ihnen wurde Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit vorgeworfen ...
Der aus dem Gefängnis in Cottbus geflüchtete Strafgefangene Wolfgang Defort hatte .. im Pfarrhaus Forst-Eulo um Fluchthilfe gebeten. ... Sein Ziel war es, sich nach Polen abzusetzen, um von dort nach dem Westen zu fliehen.
Angesichts der ... Befürchtung, dass Defort sich bei einer Fortsetzung der Aktion an Leib und Leben gefährden würde, entschlossen sich ... die Pfarrer, aus christlich-ethischen Gründen, die Polizei über den Aufenthalt zu informieren. Er wurde daraufhin im Pfarrhaus Forst-Eulo festgenommen."


Das ganze finden Sie in der Ausgabe bei google-books

auf Seite 82
und
auf Seite 83

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P.S.:

Lieber Herr Koch,

1982 wurde ich aus der ersten Haft nicht in den Westen entlassen, sondern wieder nach Weißenfels. Die Hintergründe hat jemand in einem Buch so beschrieben.

Die anschließende Bearbeitung durch die Stasi damals im "Operativen Vorgang Gärtner" in Weißenfels war schon anstrengend.

Wirklich ätzend waren allerdings damals die Vorhaltungen meiner Brüder in Christo ( einige sind heute ehemalige DDR_Oppositinelle).
Die mir vorhielten, dass ich wieder in Haft kommen würde, wenn ich nicht endlich einlenken würde und bereuen (was ja richtig war).

Die in tiefster christlich-ethischer Verantwortung mir hier Einhalt zu gebieten versuchten, um nicht weiter zusehen zu müssen, wie weiteres Unrecht seinen Lauf nimmt .... (was natürlich Schwachfug war, ... solche Typen hätten sicher auch Johannes den Täufer am liebsten eingesperrt um ihn aus tiefster christlich-ethischer Verantwortung vor weiteren unbedachten Reden gegen den König abzuhalten, um ihn damit vor der Enthauptung zu schützen).

Ihr

Bodo Walther





Lieber Herr Walther, Ihren Beitrag habe ich einschließlich aller Anlagen genau gelesen. Ihre daraus sprechende Bitterkeit kann ich sehr gut verstehen. Vielen Dank!
Ihr Dietrich koch



Lieber Herr Koch,

nein, Bitterkeit ist das nicht. Vielleicht Zynismus.

Ich bin ganz gut bei allem gefahren. Aufrecht gehen zahlt sich letztendlich immer aus.

Dass der Mensch von Gott als ein soziales Wesen geschaffen ist, hat nur eben mehrere Seiten. Das Bedürfnis, mit dem Anderen eins zu sein, ist zum einen die Lebensversicherung der Gattung Mensch. Soziales Verhalten sichert das Überleben der Gruppe.
Zum anderen erregt es Abwehrreaktionen, ja sogar Aggressionen gegen offen anderas agierende Sonderlinge. Die sich überhaupt keine Mühe geben, das zu reden, was alle reden, das zu tun, was alle tun.

Jeder, der in der DDR offen sagte: Ich will in dieser DDR-Ordnung nicht leben, ich will unter dem Grundgesetz leben (Und im Gegensatz zu den heute so genannten Regimekritikern versuchten wir ja gar nicht, uns die Maske eines treuen DDR-Staatsbürgers überzuziehen und uns zu verstecken.) ...
Jeder Ausreiseantragsteller hat das erlebt: Ganz allein zu stehen.
Es hatte weder damals noch heute Sinn, auf die Vorwürfe dieser ober zitierten Mitmenschen einzugehen.
Der Vorwurf speiste sich ja immer aus derselben Quelle: Sie unterschieden sich in Ihrem offenen Reden schreiend schrill von Ihren Mitmenschen.
Ihr Reden und Tun hatte sich vom Reden ihrer Mitmenschen
weit ...
weit ...
meilenweit...
entfernt.
Was Sie getan, was Sie geredet hatten, hatte dabei
nie...
nie...
gar überhaupt nie...
eine Rolle gespielt.

Ihr

Bodo Walther

P.S.: Fairerweise muss ich mich korrigieren: Nicht alle meiner Brüder in Christo waren wie oben geschildert. Es gab einige wenige andere.
Und ich tue ihnen eigentlich Unrecht. Denn nur ihrer sollte man sich erinnern.
Die anderen einfach vergessen.





Koch, Dr. Dietrich:
Daß die Autorin ihren Vater nicht als ihren Vater nennt, finde ich schäbig. Was sind denn das für "christlich-ethische Gründe", die ihn zum Verrat trieben?


Lieber Dr. Koch,

das mit dem "Verrat" ist so ne Sache. Es ist ja alles viel kolmplizierter um Georg Herche. Zum Beispiel erzählt Maria Nookes Vater öffentlich ( "So war das damals, Gemeinschaft Crew 1944", Hrsg. Walther Günther, Georg Herche, Altdöbern, Das Ende von T 9, S. 59 – 64, hier S. 63-64 ).
Er, Marias Vater, sei als Angehöriger der Kriegsmarine in der 2.April-Dekade des letzten Kriegsjahres 1945 bei einem Desertationsversuch von der Kieler Förde bis nach Gadebusch gekommen. Dort sei er einem Bataillon „der Division >>Feldherrnhalle<<, die sich im Wiederaufbau befand“, zugeteilt worden.

Maria Nookes Vater wörtlich:

„Der Bataillons-Kommandeur, ein im I. Weltkrieg hoch dekorierter Major, die übrigen Offiziere und der Spieß vernahmen mich und entschieden, mich nicht der Militärgerichtsbarkeit zu übergeben, sondern in ihre Einheit einzugliedern....Am 5.Mai wurde unsere Scharfschützengruppe in Marsch gesetzt. ... In der Nacht löste sich die Einheit auf.
Ich marschierte am 6.Mai morgens mit zwei kostbaren Scharfschützengewehren quer über dem Rucksack weiter und fand nördlich des K.W.-Kanals (Kaiser Wilhelm-Kanal?) eine noch intakte Einheit, die mich übernahm. Es war das Polizeibataillon „Steiermark“, Begleitbataillon von Heinrich Himmler. "


QUELLE


Die geschilderten Fakten, lieber Dr. Koch könnte man sicher wiedergeben mit dem Satz, dass nicht nur der vormaligen NVA-Feldwebel und nachmalige Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, nicht nur Günter Nooke noch im August 1990 gegen den Beitritt des sozialistischen Vaterlandes DDR in die alte Bundesrepublik auftrat.
Sondern dass schon sein Schwiegervater, Georg Herrche noch 48 Stunden vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands ....

Könnte man.
Die Wahrheit ist aber doch komplizierter ...

meint

Bodo Walther



Zuletzt bearbeitet: 10.07.2010 19:20 von BoWa


Das ist nicht uninteressant, Herr Walther.
Wie finden Sie sowas immer wieder?

Ihr K. Amarell


Zuletzt bearbeitet: 22.05.2013 16:36 von Administrator


Es gab nicht nur diese aus "christlich-ethischen Beweggründen" handelnden Geistlichen. Ich denke da nur an die inzwischen verstorbene Frau Pastorin Ilse Lüderitz aus Weimar. Sie hat es fertig gebracht, mich 1977 während meiner Haft zu besuchen. Wie sie zu der Besuchserlaubnis gekommen wäre, fragte ich sie später und sie antwortete: "Mit Gottvertrauen". Sie war es, die mir 1979 den Rechtsanwalt Schnur (damals ahnte ja keiner, dass er IM war - eigentlich kannten wir diesen Begriff zur damaligern Zeit auch nicht)vermittelte.
Sie sandte mir nach dem Sturz des SED_Regimes ihre Stasi-Akte zu und bedankte sich, dass ich keine Angaben zu ihrer Person gemacht habe.
Sie war eine mutige Frau und eine Seelsorgerin, von der man auch heute noch sehr viel lernen kann.
Als ich sie einmal fragte, warum sie das alles für mich getan habe, lächelte sie und gab mir nur Matthäus 25, 34-40 (34. Da wird denn der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherberget. 36. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir kommen. 37. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: HErr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeiset, oder durstig und haben dich getränket? 38. Wann haben wir dich einen Gast gesehen und beherberget, oder nackend und haben dich bekleidet? 39. Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir kommen? 40. Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.) zur Antwort und sie sagte, dass sie dieses ihrem Ordinationsgelübde schuldig gewesen sei.

Ich richte nicht, aber wie sagte schon Jesus: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Matthias Katze



kirama:
Das ist nicht uninteressant, Herr Walther. Wie finden Sie sowas immer wieder?

Ihr K. Amarell


Lieber Herr Amarell,

das findet man mit dieser Maschine.

Wobei Georg Herche sicher eine eher tragische Figur ist. In den 1950ern war er in Haft unter dem Vorwurf, mit der "Jungen Gemeinde" in der DDR eine BRD-Agentenorganisation zu führen. Das war sozuzagen das Spiegelbild und Retourkutsche zum zeitgleichen Verbot der FDJ im Westteil Deutschlands und der Inhaftierung von Jupp Angenfort.



Hier mal noch Gerhard Besier zum Thema.

Witzig ist übrigens Maria Nookes Schilderung, die "Forster Gruppe" sei in den Traditionen der Bekennenden Kirche gestanden.

Georg Herche, der Spiritus Rector der Gruppe und bekennende Kirche.




Zuletzt bearbeitet: 10.03.2014 18:32 von Administrator


Maria Nooke, die ja ihren Doktor pol. erhielt für eine Arbeit, in der sie ein innerkirchliches Radler- und Christenlehre-Duo ohne Kaffee und Kekse in eine Oppositionsgruppe umdichtete, ....



.... mit sich selbst, der Gemeindekatechetin als Anführer und dem Günter, der ab und an vorbeikam, wenn es in seiner DDR-Dienststelle niemand sah ...

... also Maria Nooke war ja nun in dieser "Oppositionsgruppe". Und weil diese Gruppe ja sogar mit einem Standardwerk wissenschaftlich zu Ehren kam ... also geschrieben von Frau Doktor Maria Nooke. ...

... also deswegen soll se jetzt das SED-Unrecht



in Brandenburg aufarbeiten
.

Radio Berlin-Brandenburg berichtet:

"Linken-Fraktionschef Ralf Christoffers ..." (Also das ist der, der seine fachgebundene Hochschulreife an der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ der FDJ erwarb und der von 1983 bis 1986 an der Parteihochschule der SED "Gesellschaftswissenschaften" studierte und dann

bis 1990 als Dozent für Philosophie an der INTERNATIONALEN Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ (Anm.) arbeitete ...
).
Also Ralf Christoffers ...

"dankte der scheidenden Beauftragten Poppe, die ihr Amt im August aufgeben will, für ihre Arbeit. Man habe vielleicht nicht immer gleiche Auffassungen gehabt, aber es habe einen gemeinsamen Grundsatz gegeben: >>Da wo Unrecht geschehen ist, ist Unrecht auch wiedergutzumachen.<<


Nun wird se also aufarbeiten. Für B 3 (Be Drei)



schrieb ich ja schon ei ei ei.

________________________________

Anmerkung: "INTERNATIONALE Jugendhochschule >>Wilhelm Pieck<<"

Ja, das war noch schön in der DDR, als der Internationalismus noch so gepflegt wurde



und der Osten Deutschlands noch so WELTOFFEN war.




Zuletzt bearbeitet: 27.04.2017 14:52 von BoWa


Maria Nooke, die ja ihren Doktor pol. erhielt für eine Arbeit, in der sie ein innerkirchliches Radler- und Christenlehre-Duo ohne Kaffee und Kekse in eine Oppositionsgruppe umdichtete...


Na da war doch 1988 schon einiges mehr zivilgesellschaftliches Engagement von Bodo Grützner, Günter und Maria Nooke sowie Michael Moogk. Vom MfS Cottbus wurden schon am 3. Februar 1988 Maßnahmen festgelegt, die das Ziel hatten: »Die Herstellung weiterer Ausgaben des Heftes ›AUFBRUCH‹ zu unterbinden, den Prozeß der innerkirchlichen Auseinandersetzung in Gang zu setzen und das Verhältnis Staat, Kirche im Bereich Forst zu beruhigen.«
So kam es zwei Jahre vorm Mauerfall zu der Gründung des »Ökumenischen Friedenskreises der Region Forst«. - Den aus dem Gefängnis in Cottbus unter Sprela-Schüttgut geflüchteten pol. Gefangenen und DDR-Kripobeamten Wolfgang Defort kann man auch noch direkt fragen, in seiner Westberliner Kneipe. Quelle:
http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2000-2003/heft-32/03206-nooke/ (Horch&Guck Heft 32/2000)



Günter Nooke, der wackere Sachgebietsleiter in der DDR-Arbeitshygiene-Inspektion zu Cottbus kümmerte sich schon in den 1980ern sehr intensiv um Deine Arbeits- und Hygiene-Bedingungen in der Cottbuser Justizvollzugseinrichtung.

Deshalb ist er ja auch Angela Merkels Menschenrechtsbeauftragter und später persönlicher Afrika-Beauftragter geworden. Während Du hingegen ....


Zuletzt bearbeitet: 28.04.2017 07:47 von BoWa


... Während Du hingegen nicht einmal die Gelegenheit haben wirst, Dich auf den Posten eines Brandenburger Vergangenheitsdeuters auch nur zu bewerben.

Weil der Landtag darauf verzichten wird, die Planstelle öffentlich auszuschreiben.

Weil Du ja so ein HELD ....

... so ein HELD nicht warst. Sondern ein "Opfer der Stasi-Willkür".

Weil es ja nach Ansicht der Nookes und Nookes nicht folgerichtig aus ihrem Verhalten in der Diktatur gewesen sei, dass Du in Cottbus in einer Zelle eingesessen bist und Günter Nooke in Cottbus im DDR - Staatsdienst gestanden.

Sondern, ja eben:

"DIE REINE WILLKÜR"


Zuletzt bearbeitet: 28.04.2017 17:46 von BoWa
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