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Thema: M. GARTENSCHLÄGER: Erschossen um Mitternacht |
Erschossen um Mitternacht
FREYA KLIERS BUCH ÜBER MICHAEL GARTENSCHLÄGER
Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre in der Bonner Republik, dann hätte Michael Gartenschläger, nachdem er am 30. März und 23. April 1976 zwei Splitterminen an der innerdeutschen Grenze abgebaut und der Öffentlichkeit vorgeführt hatte, für seine mutige Tat mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden müssen.
Aber mit rechten Dingen ging es, wenn man humanitäre Kriterien anwendet, offensichtlich schon seit Jahren nicht mehr zu in der westdeutschen Beschwichtigungspolitik gegenüber dem SED-Unrechtsstaat, der, um seine Machtpositionen abzusichern, auch vor Mord nicht zurückschreckte und allein an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 kaltblütig und rücksichtslos 136 Flüchtlinge umbringen ließ.
Einer dieser Erschossenen, der nicht in Berlin, sondern in der Nacht des 30. April 1976 an der innerdeutschen Grenze bei Bröthen im Landkreis Lauenburg ermordet wurde, war der aus Strausberg bei Berlin stammende Autoschlosser Michael Gartenschläger, der 1961, im Alter von nur 17 Jahren, zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt und 1971, inzwischen 27 Jahre alt, gegen 40.000 Westmark freigekauft wurde. Das Buch über Michael Gartenschläger, das die 1950 in Dresden geborene und heute in Berlin lebende Autorin Freya Klier, die selbst zweimal inhaftiert war, zum 48. Jahrestag des Berliner Mauerbaus veröffentlicht hat, ist die bisher eindringlichste und gründlichste Aufarbeitung dieses ungewöhnlichen Lebenswegs, der schließlich im nächtlichen Kugelhagel endete.
Hier wird, wie schon in den beiden vorangegangenen Büchern über Pfarrer Oskar Brüsewitz 2006, der sich am 22. August 1976 auf dem Marktplatz von Zeitz verbrannte, und über den Jenaer Arbeiter Matthias Domaschk 2007, der im Untersuchungsgefängnis der „Staatssicherheit“ in Gera am 12. April 1981 unter ungeklärten Umständen verstarb, die Biografie so überzeugend mit der Zeitgeschichte verschränkt, dass dem Leser mit der Wucht einer griechischen Tragödie vor Augen geführt wird, dass der gewaltsame Tod schier unausweichlich war.
So wird die Beschreibung von Kindheit und Jugend in Strausberg, die am 19. August 1961 abrupt endete, der zehnjährigen Zuchthaushaft und der fünf Hamburger Jahre 1971/76 immer wieder durch acht eingeschobene Kapitel über „Die innerdeutsche Grenze“ unterbrochen, wo der heutige Leser, der mit den inhumanen Praktiken des 1989 kollabierten SED-Staates nicht mehr vertraut ist, erfährt, wie diese unselige „Staatsgrenze West“ durch Stacheldraht, Wassergräben, Todesstreifen, Spürhunde, Aussiedlung Tausender Grenzanwohner, die als „politisch unzuverlässig“ galten, und schließlich durch die Installierung von 60.000 Splitterminen („SM-70“) zwischen Hof und Lübeck, deren Existenz die DDR-Führung vehement bestritt, immer undurchdringlicher und unüberwindbarer gemacht wurde. Der Lyriker Bernd Jentzsch (1940) hat diesen Vorgang, ein in tausend Jahren gewachsenes Volk mit Gewalt zu teilen, in seinem Gedicht „Ein Wiesenstück“ (1978) bitter beklagt.
Der am 13. Januar 1944 geborene Michael Gartenschläger und seine sechs Jahre ältere Schwester Christa wuchsen in Strausberg, wo seit 1956 das DDR-Ministerium für „Nationale Verteidigung“ seinen Sitz hatte, auf wie andere DDR-Jugendliche auch. Die Eltern, die eine Gastwirtschaft betrieben, wollten ihrem Sohn den Berufsweg nicht verbauen und ließen ihn 1958 an der staatlich erwünschten Jugendweihe teilnehmen, die von der Evangelischen Kirche angebotene Konfirmation wurde im Jahr darauf nachgeholt. Schlosserlehrling Michael und seine vier Freunde, die sich die „furchtlosen Fünf“ nannten, hörten gemeinsam Westmusik, schwärmten für den Westberliner Sänger Ted Herold, trugen „Nietenhosen“, wie die heiß begehrten Jeans DDR-offiziell bezeichnet wurden, um ihnen den amerikanischen Beigeschmack zu nehmen, und fuhren oft gemeinsam nach Westberlin, um einzukaufen und ins Kino zu gehen.
Das alles war nicht verboten, aber unerwünscht und für ein Leben im „Arbeiter- und Bauernstaat“ nicht gerade förderlich. Gerd Resag, der Ärger mit seinen Eltern hatte, floh 1960 sogar nach Westberlin und ging für drei Tage ins Lager Marienfelde, von wo ihn sein entsetzter Vater zurückholte nach Strausberg. Die „Erweiterte Oberschule“ dort durfte er nicht mehr besuchen, sondern wurde strafversetzt ins Internat „Karl Marx“ auf den Seelower Höhen an der Oder, in eine „politische Vorzeigeschule“. Dieser Schule wurde er schließlich auch verwiesen mit dem Vermerk, nirgendwo mehr eine DDR-Oberschule besuchen zu dürfen.
Hier glitt der jugendliche Widerstand gegen Staat und Eltern, wie er überall vorkommt, hinüber ins Politische. Denn nach dem Bau der Berliner Mauer vom 13. August 1961 wurden die fünf jungen Strausberger aktiv. Am 14./15. und 18. August schrieben sie antikommunistische Losungen an Häuserwände, am 16. August zündeten sie bei Wilkendorf, wo das Verteidigungsministerium sein Gästehaus hatte, eine mit Heu gefüllte Feldscheune der LPG „Einheit“ an, was einen Schaden von 50.000 DDR-Mark ausmachte, am 19. August wurden sie schließlich verhaftet. Der Schauprozess vor dem Bezirksgericht Frankfurt/Oder gegen die fünf „Staatsverbrecher“, wie die „Deutsche Lehrerzeitung“ vom 19. September 1961 schrieb, wurde am 13. September eröffnet, im „Kultursaal“ der „Nationalen Volksarmee“ in Strausberg.
Dass der Bezirksstaatsanwalt am 14. September vor 120 Zuhörern für die Hauptangeklagten Michael Gartenschläger und Gerd Resag die Todesstrafe fordern würde, war nicht vorherzusehen. Nur weil die Angeklagten noch minderjährig waren, wurde sie am 15. September bei der Urteilsverkündung in lebenslange Haft umgewandelt.
Diese Todesstrafe aber wurde schließlich doch noch vollstreckt, anderthalb Jahrzehnte später, in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1976. Die vier Todesschützen einer 29köpfigen Einsatzgruppe aus Erich Mielkes „Ministerium für Staatssicherheit“, die am 24. April gegründet worden war, operierten schon seit Tagen vor dem Grenzzaun, also bereits auf westdeutschem Gebiet. Sie waren durch einen Denunzianten aus Michaels Freundeskreis informiert worden, dass er irgendwann im Grenzgebiet auftauchen wollte. Er hatte eigentlich geplant, an einem anderen Grenzabschnitt, 80 Kilometer entfernt, eine dritte Splittermine abzubauen, wollte jetzt nur sein im Wald verstecktes Werkzeug und die Leiter abholen. Dabei kam ihm der tollkühne Gedanke, eine weitere Mine zur Explosion zu bringen, um „öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken“; da wurde er ohne Anruf und Warnschuss niedergestreckt.
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Sein von 120 Schüssen durchsiebter Körper wurde am 10. Mai 1976 als „unbekannte Wasserleiche“ auf dem Schweriner Waldfriedhof beigesetzt, die vier Todesschützen wurden nach erfülltem Mordauftrag mit dem 1966 gestifteten „Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland“ in Silber ausgezeichnet.
Der Mord blieb auch nach der Revolution vom 9. November 1989 ungesühnt. Eine juristische Aufarbeitung gab es nur ansatzweise: MfS-Oberstleutnant Wolfgang Singer, unter dessen Befehl die Todesschützen gestanden hatten, wurde 1999 vom Landgericht Schwerin, wo Michael Gartenschlägers Tochter Christa Köckeritz als Nebenklägerin auftrat, schuldig gesprochen, blieb aber straffrei, da inzwischen die Verjährung eingetreten war; MfS-Oberst Helmut Heckel, der den Mordbefehl erteilt hatte, und MfS-Generalleutnant Karl Kleinjung (1912-2003) wurden freigesprochen, auch im Berufungsverfahren 2003, das der Staatsanwalt erwirkt hatte. So war auch hier, wie in vielen anderen Fällen, die deutsche Justiz von „beschämender Nachsicht.“ Und auch der 2006 von Freunden eingebrachte Antrag, in Strausberg eine Straße nach Michael Gartenschläger zu benennen, wurde von der Stadtverordnetenversammlung abgeschmettert!
Freya Klier: „Michael Gartenschläger. Kampf gegen Mauer und Stacheldraht“
Bürgerbüro Berlin 2009, 160 Seiten, Euro 12.50
Zuletzt bearbeitet: 16.08.2011 19:58 von Administrator
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Das Feature am Montag, 3. Oktober 2011 von 11.05 bis 12 Uhr
NDR Info
Auch über Internet zu empfangen, vielleicht findet Ihr Zeit und Raum dafür...
Zur Vermeidung weiterer Provokationen
Die kurze Lebensgeschichte des Michael Gartenschläger
Feature von Roman Grafe
Produktion: SWR/SR 2006
Als Helfer ermöglichte Michael Gartenschläger 31 Menschen die Flucht aus der DDR.
Strausberg bei Berlin im August 1961: Der 17-jährige Lehrling Michael Gartenschläger protestiert mit vier Freunden gegen den Mauerbau. "Macht das Tor auf!" und "Freie Wahlen!" pinseln sie an Garagen und Einfahrten. Die "konterrevolutionäre Terrorbande" wird festgenommen. Michael Gartenschläger wird zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt.
Nach zehn Jahren Haft in der DDR wird er 1971 von der Bundesrepublik freigekauft. Er zieht nach Hamburg, betätigt sich als Fluchthelfer und holt 31 Menschen aus der DDR.
Ein Holzkreuz erinnert an der innerdeutschen Grenze bei Gudow an Michael Gartenschläger.
Im Frühjahr 1976 demontiert Gartenschläger an der DDR-Grenze zwei Selbstschussapparate. Der "Spiegel" veröffentlicht die Funktionsweise der "Todesautomaten", deren Existenz die DDR bis dahin immer geleugnet hatte. Als sich Gartenschläger am 30. April 1976 erneut dem DDR-Grenzzaun nähert, wird er von einem Stasi-Kommando erschossen. Die Todesschützen werden nach dem Fall der Mauer freigesprochen. Eine deutsch-deutsche Tragödie.
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Zur Vermeidung weiterer Provokationen
wird der eine erschossen, der andere lebenslang in die Psychiatrie eingewiesen.
An der "Grenze", am Stacheldraht, war das Erschießen eine Option, vor Gericht die Einweisung in die Psychiatrie!
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22.3.2012
ERINNERUNGEN AN EINEN DDR-KRITIKER
Michael GARTENSCHLÄGER hat in den 1970er Jahren in Stormarn gelebt. Das Reinbeker Krankenhaus würdigt den Kämpfer gegen das Unrecht mit einer Ausstellung.
©LN
Michael GARTENSCHLÄGER an der Grenzsäule 231 bei Bröthen/
Büchen am großen Grenzknick am Bergholzer Forst im Februar 1976
Reinbek – Es war der schwerste Grenzzwischenfall im Kreis Herzogtum Lauenburg während der 40-jährigen deutschen Teilung: In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1976 wurde am Grenzpfahl 231 zwischen Fortkrug und Bröthen im Bergholzer Forst der 32-jährige Michael GARTENSCHLÄGER von einem vierköpfigen Sondereinsatzkommando der DDR- Staatssicherheit erschossen.
Was genau in dieser Nacht an der innerdeutschen Grenze geschah, zeigt vom 24. März bis 28. Mai eine Ausstellung der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn im Foyer des Krankenhauses Reinbek St. Adolf-Stift. Sie wird ergänzt um Exponate von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur („Die Mauer“), aus der Priesterkate Büchen und um zeitgeschichtliche Schrift- und Fotodokumente aus dem Privatarchiv des kaufmännischen Direktors des Krankenhauses, Lothar OBST. Der Titel lautet „Michael Gartenschläger – Leben und Sterben zwischen Deutschland und Deutschland“.
GARTENSCHLÄGER wuchs in der Nähe von Berlin auf. Ende der 1950er Jahre begeisterte er sich für die Rock’n’Roll-Musik und gründete mit vier anderen Jugendlichen einen „Ted-Herold-Fan-Club“, der von der Volkspolizei verboten und aufgelöst wurde. Beim Bau der Berliner Mauer 1961 protestierten die Jugendlichen, zündeten eine Feldscheune außerhalb der Stadt an und malten politische Parolen auf Häuserwände und Garagentore in Strausberg. Die DDR-Führung war alarmiert, war doch Strausberg damals Sitz des Verteidigungsministeriums mit einer der größten NVA-Garnisonen. Gerade einmal 17-jährig, wurde GARTENSCHLÄGER wegen konterrevolutionärer Umtriebe zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Nach zehnjähriger Haft kaufte ihn die Bundesregierung im Sommer 1971 frei.
Nach einem ersten Aufenthalt in Hamburg kam GARTENSCHLÄGER im Oktober 1971 zunächst in das Haus Billetal nach Reinbek und nahm sich später eine Ein-Zimmer-Wohnung in Lohbrügge. Ab 1973 pachtete er eine Tankstelle in Bergedorf. GARTENSCHLÄGER ließ sich im Herbst 1975 im Barsbütteler Ortsteil Willinghusen nieder.
Als Fluchthelfer bahnte er 30 Freunden in der DDR den Weg in die westliche Freiheit. Der Unrechtscharakter der SED-Diktatur ließ GARTENSCHLÄGER nicht mehr los. Die DDR perfektionierte Anfang der 1970er Jahre die Grenzsicherungsanlagen an der innerdeutschen Demarkationslinie. Die Installation neuer Selbstschussanlagen, der so genannten Splittermine SM-70, belastete das Verhältnis der beiden Staaten in Deutschland und schadete erheblich dem internationalen Ansehen der DDR. Die wiederum leugnete schlichtweg die Existenz der trichterförmigen Selbstschussautomaten, und der Bundesgrenzschutz hatte keine Vorstellung von der Funktionalität der Todesautomaten.
So kam GARTENSCHLÄGER auf die Idee, am 30. März 1976 am Grenzpfahl 231 zwischen dem westdeutschen Bröthen und dem ostdeutschen Wendisch Lieps die Splittermine abzubauen und das Gerät dem „Spiegel“ zu übergeben, der weltweit erstmals über die Selbstschussgeräte an der innerdeutschen Grenze berichtete. Das SED-Regime geriet in helle Aufregung, im Westen wurden gegen GARTENSCHLÄGER Vorermittlungen „wegen Diebstahls“ eingeleitet; das Amtsgericht Reinbek erließ einen Durchsuchungsbeschluss für GARTENSCHLÄGERs Wohnung. Nachdem er eine weitere Anlage abgebaut hatte, befahl Stasi-Chef Erich MIELKE die „Festnahme oder Liquidierung der Täter“.
GARTENSCHLÄGER wurde von neun Kugeln getroffen, sein Freund Lothar LIENICKE entkam und gab den Vorfall dem BGS zu Protokoll. GARTENSCHLÄGER wurde als „unbekannte Wasserleiche“ aus der Elbe unter strengster Geheimhaltung auf dem Schweriner Waldfriedhof verscharrt. Seine Schwester erfuhr erst 14 Jahre später – 1990 nach Maueröffnung – von dem Grab ihres Bruders. mc
Quelle
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► DIE AUSSTELLUNG
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