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Thema: M. GARTENSCHLÄGER: Erschossen um Mitternacht


Erschossen um Mitternacht

FREYA KLIERS BUCH ÜBER MICHAEL GARTENSCHLÄGER

Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre in der Bonner Republik, dann hätte Michael Gartenschläger, nachdem er am 30. März und 23. April 1976 zwei Splitterminen an der innerdeutschen Grenze abgebaut und der Öffentlichkeit vorgeführt hatte, für seine mutige Tat mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden müssen.


Aber mit rechten Dingen ging es, wenn man humanitäre Kriterien anwendet, offensichtlich schon seit Jahren nicht mehr zu in der westdeutschen Beschwichtigungspolitik gegenüber dem SED-Unrechtsstaat, der, um seine Machtpositionen abzusichern, auch vor Mord nicht zurückschreckte und allein an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 kaltblütig und rücksichtslos 136 Flüchtlinge umbringen ließ.

Einer dieser Erschossenen, der nicht in Berlin, sondern in der Nacht des 30. April 1976 an der innerdeutschen Grenze bei Bröthen im Landkreis Lauenburg ermordet wurde, war der aus Strausberg bei Berlin stammende Autoschlosser Michael Gartenschläger, der 1961, im Alter von nur 17 Jahren, zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt und 1971, inzwischen 27 Jahre alt, gegen 40.000 Westmark freigekauft wurde. Das Buch über Michael Gartenschläger, das die 1950 in Dresden geborene und heute in Berlin lebende Autorin Freya Klier, die selbst zweimal inhaftiert war, zum 48. Jahrestag des Berliner Mauerbaus veröffentlicht hat, ist die bisher eindringlichste und gründlichste Aufarbeitung dieses ungewöhnlichen Lebenswegs, der schließlich im nächtlichen Kugelhagel endete.

Hier wird, wie schon in den beiden vorangegangenen Büchern über Pfarrer Oskar Brüsewitz 2006, der sich am 22. August 1976 auf dem Marktplatz von Zeitz verbrannte, und über den Jenaer Arbeiter Matthias Domaschk 2007, der im Untersuchungsgefängnis der „Staatssicherheit“ in Gera am 12. April 1981 unter ungeklärten Umständen verstarb, die Biografie so überzeugend mit der Zeitgeschichte verschränkt, dass dem Leser mit der Wucht einer griechischen Tragödie vor Augen geführt wird, dass der gewaltsame Tod schier unausweichlich war.

So wird die Beschreibung von Kindheit und Jugend in Strausberg, die am 19. August 1961 abrupt endete, der zehnjährigen Zuchthaushaft und der fünf Hamburger Jahre 1971/76 immer wieder durch acht eingeschobene Kapitel über „Die innerdeutsche Grenze“ unterbrochen, wo der heutige Leser, der mit den inhumanen Praktiken des 1989 kollabierten SED-Staates nicht mehr vertraut ist, erfährt, wie diese unselige „Staatsgrenze West“ durch Stacheldraht, Wassergräben, Todesstreifen, Spürhunde, Aussiedlung Tausender Grenzanwohner, die als „politisch unzuverlässig“ galten, und schließlich durch die Installierung von 60.000 Splitterminen („SM-70“) zwischen Hof und Lübeck, deren Existenz die DDR-Führung vehement bestritt, immer undurchdringlicher und unüberwindbarer gemacht wurde. Der Lyriker Bernd Jentzsch (1940) hat diesen Vorgang, ein in tausend Jahren gewachsenes Volk mit Gewalt zu teilen, in seinem Gedicht „Ein Wiesenstück“ (1978) bitter beklagt.

Der am 13. Januar 1944 geborene Michael Gartenschläger und seine sechs Jahre ältere Schwester Christa wuchsen in Strausberg, wo seit 1956 das DDR-Ministerium für „Nationale Verteidigung“ seinen Sitz hatte, auf wie andere DDR-Jugendliche auch. Die Eltern, die eine Gastwirtschaft betrieben, wollten ihrem Sohn den Berufsweg nicht verbauen und ließen ihn 1958 an der staatlich erwünschten Jugendweihe teilnehmen, die von der Evangelischen Kirche angebotene Konfirmation wurde im Jahr darauf nachgeholt. Schlosserlehrling Michael und seine vier Freunde, die sich die „furchtlosen Fünf“ nannten, hörten gemeinsam Westmusik, schwärmten für den Westberliner Sänger Ted Herold, trugen „Nietenhosen“, wie die heiß begehrten Jeans DDR-offiziell bezeichnet wurden, um ihnen den amerikanischen Beigeschmack zu nehmen, und fuhren oft gemeinsam nach Westberlin, um einzukaufen und ins Kino zu gehen.

Das alles war nicht verboten, aber unerwünscht und für ein Leben im „Arbeiter- und Bauernstaat“ nicht gerade förderlich. Gerd Resag, der Ärger mit seinen Eltern hatte, floh 1960 sogar nach Westberlin und ging für drei Tage ins Lager Marienfelde, von wo ihn sein entsetzter Vater zurückholte nach Strausberg. Die „Erweiterte Oberschule“ dort durfte er nicht mehr besuchen, sondern wurde strafversetzt ins Internat „Karl Marx“ auf den Seelower Höhen an der Oder, in eine „politische Vorzeigeschule“. Dieser Schule wurde er schließlich auch verwiesen mit dem Vermerk, nirgendwo mehr eine DDR-Oberschule besuchen zu dürfen.

Hier glitt der jugendliche Widerstand gegen Staat und Eltern, wie er überall vorkommt, hinüber ins Politische. Denn nach dem Bau der Berliner Mauer vom 13. August 1961 wurden die fünf jungen Strausberger aktiv. Am 14./15. und 18. August schrieben sie antikommunistische Losungen an Häuserwände, am 16. August zündeten sie bei Wilkendorf, wo das Verteidigungsministerium sein Gästehaus hatte, eine mit Heu gefüllte Feldscheune der LPG „Einheit“ an, was einen Schaden von 50.000 DDR-Mark ausmachte, am 19. August wurden sie schließlich verhaftet. Der Schauprozess vor dem Bezirksgericht Frankfurt/Oder gegen die fünf „Staatsverbrecher“, wie die „Deutsche Lehrerzeitung“ vom 19. September 1961 schrieb, wurde am 13. September eröffnet, im „Kultursaal“ der „Nationalen Volksarmee“ in Strausberg.

Dass der Bezirksstaatsanwalt am 14. September vor 120 Zuhörern für die Hauptangeklagten Michael Gartenschläger und Gerd Resag die Todesstrafe fordern würde, war nicht vorherzusehen. Nur weil die Angeklagten noch minderjährig waren, wurde sie am 15. September bei der Urteilsverkündung in lebenslange Haft umgewandelt.
Diese Todesstrafe aber wurde schließlich doch noch vollstreckt, anderthalb Jahrzehnte später, in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1976. Die vier Todesschützen einer 29köpfigen Einsatzgruppe aus Erich Mielkes „Ministerium für Staatssicherheit“, die am 24. April gegründet worden war, operierten schon seit Tagen vor dem Grenzzaun, also bereits auf westdeutschem Gebiet. Sie waren durch einen Denunzianten aus Michaels Freundeskreis informiert worden, dass er irgendwann im Grenzgebiet auftauchen wollte. Er hatte eigentlich geplant, an einem anderen Grenzabschnitt, 80 Kilometer entfernt, eine dritte Splittermine abzubauen, wollte jetzt nur sein im Wald verstecktes Werkzeug und die Leiter abholen. Dabei kam ihm der tollkühne Gedanke, eine weitere Mine zur Explosion zu bringen, um „öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken“; da wurde er ohne Anruf und Warnschuss niedergestreckt.



Sein von 120 Schüssen durchsiebter Körper wurde am 10. Mai 1976 als „unbekannte Wasserleiche“ auf dem Schweriner Waldfriedhof beigesetzt, die vier Todesschützen wurden nach erfülltem Mordauftrag mit dem 1966 gestifteten „Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland“ in Silber ausgezeichnet.

Der Mord blieb auch nach der Revolution vom 9. November 1989 ungesühnt. Eine juristische Aufarbeitung gab es nur ansatzweise: MfS-Oberstleutnant Wolfgang Singer, unter dessen Befehl die Todesschützen gestanden hatten, wurde 1999 vom Landgericht Schwerin, wo Michael Gartenschlägers Tochter Christa Köckeritz als Nebenklägerin auftrat, schuldig gesprochen, blieb aber straffrei, da inzwischen die Verjährung eingetreten war; MfS-Oberst Helmut Heckel, der den Mordbefehl erteilt hatte, und MfS-Generalleutnant Karl Kleinjung (1912-2003) wurden freigesprochen, auch im Berufungsverfahren 2003, das der Staatsanwalt erwirkt hatte. So war auch hier, wie in vielen anderen Fällen, die deutsche Justiz von „beschämender Nachsicht.“ Und auch der 2006 von Freunden eingebrachte Antrag, in Strausberg eine Straße nach Michael Gartenschläger zu benennen, wurde von der Stadtverordnetenversammlung abgeschmettert!

Freya Klier: „Michael Gartenschläger. Kampf gegen Mauer und Stacheldraht“
Bürgerbüro Berlin 2009, 160 Seiten, Euro 12.50



Zuletzt bearbeitet: 16.08.2011 19:58 von Administrator


Das Feature am Montag, 3. Oktober 2011 von 11.05 bis 12 Uhr

NDR Info

Auch über Internet zu empfangen, vielleicht findet Ihr Zeit und Raum dafür...

Zur Vermeidung weiterer Provokationen
Die kurze Lebensgeschichte des Michael Gartenschläger

Feature von Roman Grafe
Produktion: SWR/SR 2006

Als Helfer ermöglichte Michael Gartenschläger 31 Menschen die Flucht aus der DDR.
Strausberg bei Berlin im August 1961: Der 17-jährige Lehrling Michael Gartenschläger protestiert mit vier Freunden gegen den Mauerbau. "Macht das Tor auf!" und "Freie Wahlen!" pinseln sie an Garagen und Einfahrten. Die "konterrevolutionäre Terrorbande" wird festgenommen. Michael Gartenschläger wird zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt.
Nach zehn Jahren Haft in der DDR wird er 1971 von der Bundesrepublik freigekauft. Er zieht nach Hamburg, betätigt sich als Fluchthelfer und holt 31 Menschen aus der DDR.

Ein Holzkreuz erinnert an der innerdeutschen Grenze bei Gudow an Michael Gartenschläger.
Im Frühjahr 1976 demontiert Gartenschläger an der DDR-Grenze zwei Selbstschussapparate. Der "Spiegel" veröffentlicht die Funktionsweise der "Todesautomaten", deren Existenz die DDR bis dahin immer geleugnet hatte. Als sich Gartenschläger am 30. April 1976 erneut dem DDR-Grenzzaun nähert, wird er von einem Stasi-Kommando erschossen. Die Todesschützen werden nach dem Fall der Mauer freigesprochen. Eine deutsch-deutsche Tragödie.



Zur Vermeidung weiterer Provokationen


wird der eine erschossen, der andere lebenslang in die Psychiatrie eingewiesen.

An der "Grenze", am Stacheldraht, war das Erschießen eine Option, vor Gericht die Einweisung in die Psychiatrie!





22.3.2012

ERINNERUNGEN AN EINEN DDR-KRITIKER

Michael GARTENSCHLÄGER hat in den 1970er Jahren in Stormarn gelebt. Das Reinbeker Krankenhaus würdigt den Kämpfer gegen das Unrecht mit einer Ausstellung.


©LN
Michael GARTENSCHLÄGER an der Grenzsäule 231 bei Bröthen/
Büchen am großen Grenzknick am Bergholzer Forst im Februar 1976


Reinbek – Es war der schwerste Grenzzwischenfall im Kreis Herzogtum Lauenburg während der 40-jährigen deutschen Teilung: In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1976 wurde am Grenzpfahl 231 zwischen Fortkrug und Bröthen im Bergholzer Forst der 32-jährige Michael GARTENSCHLÄGER von einem vierköpfigen Sondereinsatzkommando der DDR- Staatssicherheit erschossen.

Was genau in dieser Nacht an der innerdeutschen Grenze geschah, zeigt vom 24. März bis 28. Mai eine Ausstellung der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn im Foyer des Krankenhauses Reinbek St. Adolf-Stift. Sie wird ergänzt um Exponate von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur („Die Mauer“), aus der Priesterkate Büchen und um zeitgeschichtliche Schrift- und Fotodokumente aus dem Privatarchiv des kaufmännischen Direktors des Krankenhauses, Lothar OBST. Der Titel lautet „Michael Gartenschläger – Leben und Sterben zwischen Deutschland und Deutschland“.

GARTENSCHLÄGER wuchs in der Nähe von Berlin auf. Ende der 1950er Jahre begeisterte er sich für die Rock’n’Roll-Musik und gründete mit vier anderen Jugendlichen einen „Ted-Herold-Fan-Club“, der von der Volkspolizei verboten und aufgelöst wurde. Beim Bau der Berliner Mauer 1961 protestierten die Jugendlichen, zündeten eine Feldscheune außerhalb der Stadt an und malten politische Parolen auf Häuserwände und Garagentore in Strausberg. Die DDR-Führung war alarmiert, war doch Strausberg damals Sitz des Verteidigungsministeriums mit einer der größten NVA-Garnisonen. Gerade einmal 17-jährig, wurde GARTENSCHLÄGER wegen konterrevolutionärer Umtriebe zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Nach zehnjähriger Haft kaufte ihn die Bundesregierung im Sommer 1971 frei.

Nach einem ersten Aufenthalt in Hamburg kam GARTENSCHLÄGER im Oktober 1971 zunächst in das Haus Billetal nach Reinbek und nahm sich später eine Ein-Zimmer-Wohnung in Lohbrügge. Ab 1973 pachtete er eine Tankstelle in Bergedorf. GARTENSCHLÄGER ließ sich im Herbst 1975 im Barsbütteler Ortsteil Willinghusen nieder.

Als Fluchthelfer bahnte er 30 Freunden in der DDR den Weg in die westliche Freiheit. Der Unrechtscharakter der SED-Diktatur ließ GARTENSCHLÄGER nicht mehr los. Die DDR perfektionierte Anfang der 1970er Jahre die Grenzsicherungsanlagen an der innerdeutschen Demarkationslinie. Die Installation neuer Selbstschussanlagen, der so genannten Splittermine SM-70, belastete das Verhältnis der beiden Staaten in Deutschland und schadete erheblich dem internationalen Ansehen der DDR. Die wiederum leugnete schlichtweg die Existenz der trichterförmigen Selbstschussautomaten, und der Bundesgrenzschutz hatte keine Vorstellung von der Funktionalität der Todesautomaten.

So kam GARTENSCHLÄGER auf die Idee, am 30. März 1976 am Grenzpfahl 231 zwischen dem westdeutschen Bröthen und dem ostdeutschen Wendisch Lieps die Splittermine abzubauen und das Gerät dem „Spiegel“ zu übergeben, der weltweit erstmals über die Selbstschussgeräte an der innerdeutschen Grenze berichtete. Das SED-Regime geriet in helle Aufregung, im Westen wurden gegen GARTENSCHLÄGER Vorermittlungen „wegen Diebstahls“ eingeleitet; das Amtsgericht Reinbek erließ einen Durchsuchungsbeschluss für GARTENSCHLÄGERs Wohnung. Nachdem er eine weitere Anlage abgebaut hatte, befahl Stasi-Chef Erich MIELKE die „Festnahme oder Liquidierung der Täter“.

GARTENSCHLÄGER wurde von neun Kugeln getroffen, sein Freund Lothar LIENICKE entkam und gab den Vorfall dem BGS zu Protokoll. GARTENSCHLÄGER wurde als „unbekannte Wasserleiche“ aus der Elbe unter strengster Geheimhaltung auf dem Schweriner Waldfriedhof verscharrt. Seine Schwester erfuhr erst 14 Jahre später – 1990 nach Maueröffnung – von dem Grab ihres Bruders. mc

Quelle
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► DIE AUSSTELLUNG



7.11.2015

Treffen politischer Gefangener der DDR-Zeit

WIEDERSEHEN MIT DER HÖLLE VON BRANDENBURG

Brandenburg/H. Die kleine Gruppe älterer Männer, die am Sonntag aus verschiedenen deutschen Städten nach Brandenburg kommt, verbindet alles andere als gute Erinnerungen mit der Stadt.
Brandenburg, das war richtig die Hölle, sagt Michael Stehr (67), der bei Hamburg lebt. Die Hölle erlebte er im Jahr 1977 als politischer Häftling der Strafanstalt Brandenburg.

Auch wenn Michael Stehr das Glück hatte, nur zehn Monate hinter Brandenburger Zuchthausmauern zu verbringen und dann in den Westen abgeschoben zu werden, hat sich die Zeit tief eingebrannt in das Leben des Mannes, der zu der am 17. Juni 2015 gegründeten „Interessengemeinschaft Brandenburger Häftlinge SBZ/DDR“ gehört.

„Ich habe mitunter heute noch Alpträume, die Geräusche von Schloss und Riegel verfolgen mich dann in den Schlaf“, sagt Michael Stehr, der wegen Arbeitsverweigerung einmal von Anstaltsleiter Fritz Ackermann (1921-2014) „zusammengeschissen“ wurde. Diesen „vierschrötigen eiskalten Kerl, Typ Mielke“ hat er noch heute vor Augen. „Vor dem hatten alle Angst.“

Stasi-Knast, Lager X, Zuchthaus Cottbus, Zuchthaus Brandenburg

Das Stadtgericht Berlin hatte den gebürtigen Berliner Michael Stehr im September 1976 wegen staatsfeindlichen Menschenhandels und schwerer Beihilfe zur Republikflucht zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Stasi-Knast, dem Lager X in Hohenschönhausen und dem Zuchthaus in Cottbus lernte er im März 1977 die Strafanstalt auf dem Görden kennen.

Der Unterschied: Von nun an teilt er die Zelle mit 14 Schwerverbrechern, darunter sieben Mördern, einige Vergewaltiger und Brandstifter. „Ich war damals kräftig und konnte mich in dem Haifischbecken durchsetzen“, erinnert sich der Wahlhamburger. Die Bedingungen im Brandenburger Knast seien schlimm gewesen, doch Folter und physische Misshandlungen habe er persönlich nicht erlebt.

Anders lag der Fall bei Manfred Springer (70). Der Heizungsinstallateurlehrling aus Magdeburg war mit Freunden am 25. April 1963 auf der Autobahn in Möser bei Burg dabei erwischt worden, als sie ihre Flucht vorbereiten wollten. Der 18-Jährige galt den Ermittlern als Rädelsführer, in einem Schauprozess wurde der junge Mann zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wegen „staatsgefährdender Gewaltakte“.
Springers Eltern, gestandene Sozialdemokraten, erfahren von der Entlassung in den Westen ©Archiv Springer

Die Angst ist geblieben

Fast ein halbes Jahrhundert liegt die Haftzeit des Hamburgers zurück, doch die Angst ist geblieben. Schon in der Stasi-U-Haft in Magdeburg erlebte er seine Hölle. Schlafentzug, Schikane, Demütigungen, Misshandlungen, auch sexueller Art. Als er sich nach Monaten der Gefangenschaft erstmals im Spiegel des Vernehmungszimmer sieht, erschrickt er: Er erkennt sich selbst nicht wieder, sieht im Spiegelglas eine Art Gespenst.

Manfred Springer landet nach seiner Verurteilung am 9. August 1963 durch das Bezirksgericht Magdeburg sowie mehreren Haftstationen landete er im Mai/Juni 1965 hinter den Brandenburger Gefängnismauern, hinter denen er lange 19 Monate blieb. Als jüngster unter seinen Mitgefangenen erlebte er seelische und physische Misshandlungen und sexuelle Gewalt.

Weil Springer im Knast die „sogenannte DDR-Staatsangehörigkeit und die Arbeit niederlegte, kam er in Isolierhaft (15 Monate), auf die Aushungerungsstation. Den Arzt zu sehen, wurde ihm ein Jahr lang verwehrt.

Weihnachten 1966 im Hungerstreik

Springer: „Mein Zahnfleisch war derart zurückgegangen, dass ich befürchtete, als 22-Jähriger ohne Zähne entlassen zu werden.“ Am 26. Dezember 1966 trat er in den Hungerstreik und begründete der Haftleitung diese Aktion. Das Schriftstück aus Zelle 23 fand sich später in seinen Stasiopfer-Unterlagen.

Der 70 Jahre alte Hamburger trägt auch fast 50 Jahre später an den Spätfolgen. Er hat Nervenzusammenbrüche erlitten, leidet an Verfolgungswahn, Platzangst und Panikattacken.

Der Mann, den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel im 230-er Mercedes am 3. Februar 1967 im Schritttempo nach Westberlin, Ecke Kudamm/Schlüterstraße fährt, beginnt ein neues Leben in Hamburg. Krank ist er geblieben, seine Zeit als politischer Häftling wurde mit 14 .000 Euro einmalig abgegolten.

Verständnis für alle Opfer

Als Mitglied der Interessengemeinschaft kehren Manfred Springer und einige seiner Leidensgenossen am Montag an den Höllenort von damals zurück. Vor der heutigen Justizvollzugsanstalt werden sie Kränze niederlegen.

Stellvertretend für alle gedenken sie vor allem Michael Gartenschläger ((1944-1976), der zehn Jahre in der Strafanstalt Brandenburg abgesessen hat und sich nach seinem Freikauf als Fluchthelfer betätigt, bis einen Stasi-Trupp ihn am 1. Mai 1976 an der Demarkationslinie erschießt. Gartenschläger hatte wieder einmal versucht, eine Selbstschussanlage an der DDR-Grenze zu demontieren.

Manfred Springer fordert Verständnis für alle Opfer. An eine lückenlos Aufdeckung der Machenschaften glaubt er nicht mehr, tut aber alles um Zeithistoriker in ihrer Forschungsarbeit zu unterstützen. So ist auch ein Gespräch mit Sylvia de Pasquale vorgesehen, die die Gedenkstätte Brandenburg leitet.

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Zuletzt bearbeitet: 16.11.2015 11:30 von Administrator


Sogar „Neues Deutschland“ berichtete unlängst über das Schicksal Michael GARTENSCHLÄGERs, wenn auch mit zynischen Zwischentönen ...











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Tödliche Beute

Vor 40 Jahren begann Michael Gartenschläger, die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze zu demontieren. Bis man ihn erschoss.


Von Ulli Kulke

Schwarzer Mantel, schwarz geschminktes Gesicht, so schlich sich Michael Gartenschläger in den frühen Morgenstunden des 30. März 1976 in Richtung DDR-Grenze. Vom Westen her, bei der Gemeinde Bröthen in Schleswig-Holstein. Er verschüttete Pfeffer gegen Ost-Spürhunde und verteilte Zweige gegen neugierige West-Grenzer über die Wege, damit sie sich durch lautes Knacksen verraten und ihm nicht in die Quere kommen. Und er hatte eine Leiter in der Hand. Im Schutz von Dunkelheit und Gebüsch ging er weiter bis an den hohen Zaun, der schon 50 Meter weit auf DDR-Gebiet lag.

Dort, am Gitter, fand er, was er gesucht hatte, auf östlicher Seite anmontiert: eine Selbstschussanlage, trichterförmig. Verbunden mit einem Draht, den jeder berühren musste, der von drüben versuchte, über den Zaun zu klettern – und schon würde er beschossen, mit einer tödlichen Ladung aus 90 scharfkantigen Stahlwürfeln. Gartenschläger stieg auf die Leiter, knipste die Kabel durch, schraubte in aller Ruhe die Halterungen ab und hob das Gerät, samt Gestänge fünf Kilo schwer, herüber, unbehelligt von Grenzern aus Ost wie West. Am nächsten Tag brachte er die Trophäe zur Redaktion des "Spiegels", die ihm dafür 12.000 Mark zahlte und daraus eine große "Story" machte.

60.000 solcher Anlagen, Typ "SM-70", waren damals an den unübersichtlichen Abschnitten der innerdeutschen Grenze montiert. Die DDR-Regierung bestritt ihre Existenz hartnäckig. Bis zu Gartenschlägers Coup, danach ging es nicht mehr, das Regime war bloßgestellt. Und sann von dem Moment an auf Rache.

Ein halbes Jahr zuvor hatte Gartenschläger ebenfalls im "Spiegel" über die Geheimapparate gelesen: "Obwohl der SM-70-Automat seit 1971 verwendet wird, weiß der Bundesgrenzschutz bis heute nicht, wie er funktioniert". Man hatte keine Ahnung, "wie er etwa von einem Flüchtling gefahrlos entschärft werden könnte". Das habe ihn zu seiner Tat veranlasst. "Wenn die so 'n Ding brauchen und nicht haben, wirst du denen eben so 'n Ding besorgen", sagte er dem "Spiegel", der "das Ding" anschließend akribisch untersuchen ließ. Nun war nicht nur der Bundesgrenzschutz im Bilde, auch die Öffentlichkeit. Ein weiteres Bauteil der Todesmaschinerie der DDR war offenbart. Eines mit denkwürdiger Vergangenheit: Das Prinzip der Selbstschussanlage hatten einst SS-Ingenieure für KZ-Zäune entwickelt.

Der Automat vom 30. März war nicht der einzige, mit dem Gartenschläger die DDR-Organe foppte. Zwei Nächte zuvor hatte er bei einem anderen in der Nähe mit einem Stab die Zündung ausgelöst und so eine Ladung Eisenwürfel den "antifaschistischen Schutzwall" entlanggeschossen. Ebenfalls im selben Grenzabschnitt baute er dann am 23. April ein weiteres Gerät ab. Die "Arbeitsgemeinschaft 13. August", damals schon Betreiber des Mauermuseums am Berliner Checkpoint Charlie, hatte ihm dafür 3000 Mark in Aussicht gestellt. Dort steht es noch heute.

Gartenschläger hatte es nicht mal nötig, für seine Coups den Ort zu wechseln. Stets schlug er im selben Abschnitt zu – umso beschämender für den Staatssicherheitsdienst, der das Grenzregime unterhielt. So sollte es sein. Der 32-Jährige hatte mit den DDR-Organen noch eine Rechnung offen.

Der in Strausberg bei Ost-Berlin geborene Gartenschläger lernte früh die finsterste Seite des SED-Staates kennen. Als er nach dem Mauerbau 1961 mit Freunden Protestparolen an Wände malte und eine Scheune anzündete, wurde er mit 17 Jahren zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Gartenschläger erging es übel in der Haft, aber er ließ sich nicht unterkriegen. Einmal kletterte er auf einen hohen Schornstein, aus Protest. Zweimal wäre ihm fast die Flucht aus dem Knast geglückt. Ob er in der DDR weit gekommen wäre? Nach zehn Jahren, 1971, kaufte ihn die Bundesregierung frei, für 40.000 D-Mark.

In der Bundesrepublik schlug er sich als Tankstellenpächter durch. Als er nach ein paar Jahren wieder die Transitwege nach Berlin benutzen durfte, betätigte er sich nebenbei als Fluchthelfer, aus Ostdeutschland, aus Rumänien, selbst aus Libyen. Insgesamt 31 DDR-Bürgern half er in den Westen.

Jetzt aber, 1976, ging es ihm nicht nur darum, Menschen durch die Grenze zu bringen, jetzt wollte er die Grenze selbst schwächen. Einen Monat nach seinem ersten Schlag, in der Nacht zum 1. Mai 1976, fuhr er erneut mit seinem BMW zu jenem rechtwinkligen Grenzknick bei Bröthen. Er wolle nur die Leiter abholen, hatte er Bekannten zuvor anvertraut. Stimmte das, oder ging es doch um eine weitere SM-70? War es eine falsche Fährte? Er fühlte sich von der Stasi beschattet. Wieder betrat er DDR-Gebiet, wieder ging er zum Zaun.

Was Gartenschläger in dem Moment nicht wusste: Vier Tage vorher, am Morgen des 26. April 1976, war vom Bundesgrenzschutz-Kommando Schwarzenbek in Schleswig-Holstein ein Funkspruch an Kollegen gegangen, die an der Grenze Streife fuhren. Sie sollten auf den Fahrer eines BMW achten. "Falls dieser Mann DDR-Gebiet betritt, rufen sie uns über Funk an. Nicht in Gewahrsam nehmen, bloß die SM-70, die er wahrscheinlich holt, abnehmen, festhalten, bis jemand rauskommt." So ist der Funkspruch protokolliert. Von der Stasi.

Die Anweisung an die West-Grenzer hatte die Funkaufklärung auf östlicher Seite mitgeschnitten. Ihr Inhalt ging kurz darauf nach Berlin, an Stasi-General Karl Kleinjung. Sein sofortiger Befehl: Jener BMW-Fahrer solle "verhaftet bzw. vernichtet" werden. Die Bundesbeamten hatten Gartenschläger davon abhalten wollen, sich in tödliche Gefahr zu begeben. Richtig gefährlich wurde es für ihn allerdings erst durch ihren Funkspruch.

Am 26. April wurde er nicht mehr gesehen, weder von West- noch von Ost-Grenzern. Doch die Stasi blieb auf der Lauer, auch am 1. Mai noch, als Gartenschläger erneut über die Grenze kam.

Das weitere Geschehen ist umstritten. Seine beiden Begleiter, die er auf West-Gebiet zurückließ, sagten später, er sei kurz darauf ohne Anruf und ohne selbst einen Schuss abgegeben zu haben, von Salven aus Maschinenpistolen der DDR-Grenzer zunächst niedergestreckt und, nach kurzer Feuerpause, am Boden liegend getötet worden.





Im Jahr 2000 kam es zum Prozess gegen die Schützen. Ihre Version: Gartenschläger habe aus einer Pistole zuerst geschossen, sie hätten ihn dann angerufen und darauf erst die tödlichen Schüsse abgegeben. Ihre Aussage konnte nicht widerlegt werden, das Gericht erkannte auf Notwehr. Freispruch.

Einen Monat nach Gartenschlägers Tod hatte irgendjemand eine Hommage an ihn vollbracht und die nächste SM-70 geklaut. In der Zeit auch stellte sich ein Freund Gartenschlägers der Polizei und offenbarte sich als inoffizieller Stasi-Mitarbeiter. Auch er gehörte zu den einst verurteilten von Strausberg, auch er war aus dem DDR-Knast freigekauft worden. Und auch er war später wieder über die Transitstrecken gefahren, geriet dort aber in die Fänge der Stasi, die ihn fortan als Agenten an der Angel hatte. Jetzt, so sagte er der Polizei, fühle er sich von den anderen Freunden Gartenschlägers bedroht, die seine Stasi-Mitarbeit geahnt hatten und ihn verdächtigten, den DDR-Behörden vor dem 1. Mai den Tipp gegeben zu haben. Das stritt er vehement ab.

Dass es vor allem der abgehörte Funkspruch war, der die Stasi alarmiert hatte, kam erst nach der Wende heraus.

© welt.de
Artikel vom 27.03.2016 / Ausgabe 13 / Seite 28





Klaus_Plaetzsch:


Tödliche Beute


DANKE! Wir dürfen die Toten der Mauer nie vergessen. Sie wurden zu Blutzeugen der zweiten deutschen Diktatur.



Heute jährt sich zum 41. Mal der hinterhältige Mord an
Michael GARTENSCHLÄGER

Während seine Mörder dank der Bundesregierung Monat für Monat hohe Renten beziehen, werden deren Opfer von MERKEL, NAHLES & Co. um Teile ihrer Altersbezüge schamlos betrogen!



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