FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
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Thema: XING-HU KUO † Aufschrei gegen Lügen und Vergessen


Liebe Kameraden,

In der Annahme, dass es viele interessieren könnte, hier ein Auszug aus meinem Buch von 1985 und eingescannt ein paar bemerkenswerte Dokumente.
Der "Haftarzt" wurde nach der Wende DRK Kreisdirektor Dresden und als ich ihn zur Befragung besucht hatte, schickte er mir diese "Bescheinigung". Er war also auch ein "Verkappter Gegner".
Der Gefangenenarzt "Pille" Dr. Schuch, schickte mir nach einem Telefongespräch mit ihm, seine Bescheinigung. Über ihn wurde ja nach der Wende in der Presse ausführlich berichtet. Auch waren mehrere Strafanzeigen gegen ihn erfolgt, deren Ausgang mir unbekannt ist.
Die Motivlage ist wohl eindeutig, - kurz nach der Wende! Besonders nachdem ich dem MDR ein Interview gegeben hatte, im Fernsehen aufgetreten war und "Bobby" angezeigt hatte, was dann zu dessen Verurteilung mit Bewährung zu zwei Jahren Haft führte.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus W. Knopf
Ex Strafgefangener 208 – 1961~1965 (Freikauf)

Der folgende Bericht ist ein Auszug aus meinem Buch. – Siehe Deckblatt


BERICHT BAUTZEN-II

Teil 1

Während der Haftzeit waren alle mir bekannten Gefangenen zur Verrichtung von Zwangsarbeiten gezwungen. Arbeitsverweigerung, jedoch auch das Nichterfüllen der geforderten , unmenschlich hohen Arbeitsnormen, führte mindestens zur Einschränkung von sogenannten Vergünstigungen wie Bezug (zensierter) Zeitungen, Erlaubnis von Angehörigen (ein bis vier Mal pro Jahr) ein Lebensmittelpaket empfangen zu dürfen, bis hin zu drakonischen Hausstrafen, wie Einkaufsverbot für zusätzliche Lebensmittel, deren Erwerb, wegen der katastrophalen Ernährungssituation in der Anstalt, zum Überleben unabdingbar waren und Arrest oder verschärften Arrest (im Tigerkäfig), bis zu 3 X 21 Tagen.

Verantwortlich für die Erfüllung der Arbeitsnormen, in den Gruppenarbeitsräumen, waren sogenannte Brigadiere, ehemalige Mitarbeiter des Staats- oder Parteiapparates, verurteilt wegen der verschiedensten kriminellen Delikte, ansonsten aber hundertprozentig linientreu. Ich wurde zur Zwangsarbeit am Fließband eingeteilt.

Der Arbeitsraum befand sich im Keller der Haftanstalt. Gefertigt wurden elektrische Schaltgeräte (Schütze) für das VEB Elektro- Schaltgerätewerk Oppach. Die Arbeitsplätze am Fließband waren derart organisiert, dass die jüngsten Gefangenen und damit jene, in der Lage am schnellsten zu arbeiten, am Bandanfang, und ältere und alte Gefangene, in der Mitte und am Ende des Bandes eingesetzt wurden. Dies diente dem Zweck, insbesondere die älteren und alten Gefangenen zwingen zu wollen, dass von den jüngeren, leistungsfähigeren Gefangenen vorgelegte Arbeitstempo mitzuhalten. Was am Bandanfang aufgelegt wurde, gelangte ja mittels des Fließbandes zu den nachfolgenden Arbeitsplätzen.

Wie heute, nach dem Zerfall des SED-Terrorsystems beweisbar, waren die von der Anstalts-Arbeitsverwaltung geforderten Arbeitsleistungen der Gefangenen bis zu dreihundert Prozent höher angesetzt als für normale Mitarbeiter des Stammbetriebes. Trotz dieser unmenschlich hohen Arbeitsnorm für Gefangene waren diese in die niedrigsten Lohngruppen, entsprechend den damaligen Tarifbestimmungen der ehem. DDR, eingestuft. Vom kärglichen Nettolohn, bei “guter Führung” , erhielten die aus politischen Gründen Verurteilten, entsprechend den STRAFVOLLZUGSARTEN, festgelegt im damaligem “Strafvollzugs- und Wiedereingliederungsgesetz der DDR“ nur fünf Prozent des Nettolohnes gutgeschrieben, zur Verwendung für den Einkauf von dringend benötigten Dingen des täglichen Bedarfes, wie z.B. Seife, Briefpapier und zusätzlichen Lebensmitteln. Ich erhielt während meiner Haftzeit im Monat zwischen dreizehn und neunzehn Mark.

Der Arbeitsablauf: Am Bandanfang wurden Kartons mit Einzelteilen, hier Gehäuseschalen aus Plastik, bereitgestellt. Diese wurden am ersten Arbeitsplatz sortiert und in der erforderlichen Weise, immer ein linkes und ein rechtes Gehäuseteil, auf das Fließband gelegt, wobei diese zuvor auf mögliche Beschädigungen zu prüfen waren. Dieser Arbeitsplatz war der angenehmste des ganzen Fließbandes, mit den geringsten Anforderungen, und wurde nur an Spitzel oder sonstige Stützen der Anstalt vergeben. Zumeist junge Gefangene, ehemalige Angehörige des Wachbataillons der Stasi zum Beispiel, welche wegen krimineller Delikte zu kürzeren Haftstrafen verurteilt worden waren. Im Bemühen sich besonders positiv im Sinne des Regimes zu profilieren, lieferte der Inhaber dieses ersten Arbeitsplatzes am Fließband viel mehr Gehäuseteile an die nachfolgenden Arbeitsplätze als diese verarbeiten konnten. Bereits an den ersten folgenden Arbeitsplätzen des Bandes entstanden deshalb die ersten Materialstaus. Hier mussten die angelieferten Gehäusehälften mit beiden Händen zugleich vom Band genommen werden, um sie, wiederum mit beiden Händen in eine Haltevorrichturig einzubringen, welche mit beiden Füßen geöffnet, nach dem Einbringen geschlossen und nach der Bearbeitung, Schrauben und Kontakte einsetzen und mittels Elektroschrauber fixieren, wieder geöffnet werden musste. Dann, wiederum beidhändig, wurden die beiden Gehäuseteile aus der Vorrichtung genommen und zurück auf das Band gelegt. Zu Beginn des Jahres 1962 bewegte sich das Transportband, gesteuert von einem Zeitgeber, in Intervallen vorwärts. Dass hieß: Das Band stoppte und bewegte sich abwechselnd im Rhythmus des Arbeitsablaufes und die angelieferten Teile verhielten in deren Fortbewegung am jeweiligen Arbeitsplatz für den entsprechenden Arbeitstakt.




Zuletzt bearbeitet: 17.10.2009 17:20 von Administrator


Etwa nach zwei bis drei Monaten, nachdem ein anderer „Brigadier”, die Produktion übernommen hatte, wurde der Taktgeber aus dem Bandantrieb ausgebaut und des Band lief nun kontinuierlich, mit dem Ergebnis, dass angelieferte Teile nicht mehr am entsprechenden Arbeitsplatz verhielten, sondern sich weiterbewegten, wenn der Gefangene diese nicht rechtzeitig zur Bearbeitung vom Band nahm.

Nun oblag es einzig und allein dem Gefangen an Platz 1, das Arbeitstempo zu bestimmen. Betrugen vorher die Abstände zwischen den einzelnen, angelieferten Teilen etwa achtzig Zentimeter, so konnte er nun diese Abstände, durch schnelleres Auflegen der Gehäuseteile, bis auf etwa zwanzig Zentimeter verkürzen, was einer Vervierfachung der Arbeitsleistungen an den nachfolgenden Arbeitsplätzen bewirkt hätte, wenn dies menschlich möglich gewesen wäre. In der Praxis wurde auf diese Weise eine Produktionssteigerung von ca. 200 % erreicht. Gleichzeitig erhöhten sich natürlich, besonders bei Ausfall oder Beschädigungen von Arbeitsvorrichtungen und Werkzeugen oder aus menschlich bedingten Gründen, die Materialstaus an den nachfolgenden Arbeitsplätzen. Besondere Probleme ergaben sich daraus, dass, je weiter die Montage der Produkte fortgeschritten war, d.h. in Richtung des Endes des Fließbandes, wegen des zunehmenden, zum Teil sehr hohen Alters der Gefangenen (bis über 70 .Jahre), welche an diesen Plätzen arbeiten mussten, die Anzahl der ihnen zugelieferten Teile oft nicht mehr zu bewältigen war. Dies hatte zur Folge, dass das Band abgeschaltet werden musste, oder dass ein Teil der angelieferten Teile vom Band genommen und in Kisten zwischengelagert wurden. Diese zwischengelagerten Teile mussten dann mittels angeordneter “freiwilliger” Sonderschichten, ohne Bezahlung, auch in Nachtschichten und an Sonn- und Feiertagen, aufgearbeitet werden.

Auch wegen meiner Jugend, mehr jedoch, weil ich bereits als Kind von meinem Vater gelernt hatte beidhändig arbeiten, ja sogar schreiben zu können, eine Fertigkeit welche ich seither immer gepflegt und verbessert hatte, fiel es mir anfänglich nicht all zu schwer, mein Arbeitspensum zu erfüllen. Die Verantwortlichen, Bewacher „Säbelbein” und der Brigadier Rudi (5460), erkannten dies sehr schnell. Ich wurde als sogenannter Springer eingesetzt und musste bei Bedarf meinen Arbeitsplatz verlassen, um an anderen Arbeitsplätzen einzuspringen, an welchen sich Material gestaut hatte.

Der normalerweise dort beschäftigte Gefangene wurde inzwischen an anderen Plätzen, z.B. für Verpackungsarbeiten, herangezogen. Die an meinem Arbeitsplatz angelieferten Teile wurden während dieser Zeit auf einem Beistelltisch neben meinem Arbeitsplatz gelagert. Dann, nachdem ich den Stau aufgearbeitet hatte, übernahm ich wieder meinen normalen Arbeitsplatz und der normalerweise dort arbeitende Kamerad den seinen. Die zwischengelagerten Teile musste ich dann neben den im Arbeitstakt ankommenden Teilen zusätzlich aufarbeiten. So ging dies in ständigem Rhythmus während des ganzen Arbeitstages.

Ich beklagte mich nicht, weil ich so eine Möglichkeit sah, vor allem meinen älteren Mitgefangenen helfen zu können. Dann jedoch wurden je einer der beiden Arbeitsplätze 2 und 4 “eingespart”. Von mir verlangte man nun, die anfallenden Arbeiten an diesen beiden Plätzen mit zu bewältigen. Dies bedeutete: Am Anfang der Schicht arbeitete ich an Platz 4 und nach etwa einer Stunde schrie der Brigadier: “208, schrauben!“ Ich wechselte zu Platz 2 und wiederum nach etwa einer Stunde schrie er: “208, Gehäuse!“ und ich wechselte zurück an Platz 4. So ging es immer hin und her während der ganzen Arbeitsschicht - über viele Monate.

Die Anrede mit Nummern war während der ganzen Haftzeit strikt vorgeschrieben. Wir durften uns, bei Strafandrohung, nicht mit Namen ansprechen oder auch nur unsere Namen nennen. Ich war vier Jahre lang die Nummer 208. Für mich wurde diese ständige Doppelbelastung nach und nach zu viel. Erste gesundheitliche Störungen traten auf.

Ich versuchte, mich gegen die geforderte, zusätzliche und selbst für DDR-Verhältnisse ungesetzliche Ausbeutung durch doppelte Zwangsarbeit zur Wehr zu setzen. Zuerst mittels (erfolgloser) Proteste, dann mit Verweigerung der Übernahme des zweiten Arbeitsplatzes. Dies führte zu immer drastischeren Hausstrafen. Zuerst zu Rauchverbot, dann Einkaufsverbot und Sprechverbot. Letzteres hieß, dass ich mit keinem und keiner mit mir sprechen durfte. Die meisten Mitgefangenen hielten sich an dieses Verbot aus Angst vor Spitzeln und Bestrafung. Zuletzt dann wurden mir Arrest und sogar ein ‘Verfahren wegen Sabotage” angedroht.

Ich erlitt erste Schwächeanfälle, Kreislaufstörungen, Gewichtsverlust und immer stärker werdende Rückenschmerzen. Ich konnte nicht mehr weiterarbeiten. Die Folge: Arrest im „Tigerkäfig“. Danach zurück ans Fließband. Nach wenigen Wochen dann der totale Zusammenbruch. Statt Krankenstation wieder „Tigerkäfig“, Schläge, Fußtritte von „Bobby“ und Kalfaktoren.

Ich war physisch und psychisch zum Krüppel geworden. Davon habe ich mich nie wieder erholt.



Zuletzt bearbeitet: 21.09.2009 08:35 von Administrator


Auf Bitten unseres Freundes Klaus KNOPF, der in Kapstadt (Südafrika) lebt, hier einige Dokumente, die seinen Text ergänzen sollen:








Zuletzt bearbeitet: 10.10.2009 20:38 von Administrator


Die ärztliche Bestätigung






"Aus einem freundlichen, aufgeschlossenen Kameraden, immer aufgelegt zu einem Scherz und immer freundlich, trotz seiner Schmerzen, war ein physisches und psychisches Wrack geworden."






Stasi-Häftlinge am Fließband des VEB Schaltgerätewerk Oppach:
"Die Arbeitsnorm lag um ca. 250 % über der Norm der Arbeiter im Werk."

Applikation: Klaus KNOPF (Kapstadt)



AUSZUG aus HAFTBERICHT

Anfang des Jahres 1964 war mein Gesundheitszustand so schlecht geworden, dass ich immer öfter Schwächeanfälle erlitt, oft ohnmächtig wurde und nicht mehr aufstehen oder laufen konnte. Ich erlitt einen dramatischen Zusammenbruch im Arbeitsraum. Mitgefangene, aus Sorge um mich, riefen einen Wärter zuhilfe. Dieser verlangte von mir weiterzuarbeiten und drohte mir mit Konsequenzen. Ich lehnte ab und bestand auf Überstellung zu einem Arzt und medizinischer Versorgung. Der Wärter schrie etwas von Arbeitsverweigerung und Widerstand. Dann rief er die Wärter “Säbelbein”, „Tarzan“ und “Bobby”. Mir wurden die Hände auf dem Rücken gefesselt. „Bobby“, der gefürchtetste Schläger, riss meine Arme auf dem Rücken so hoch, dass ich mit dem Gesicht auf die Metallstufen der Treppe aufschlug, als er mich die Treppe hinaufschleifte. Auf diesem Weg schlugen er und ein paar Kalfaktoren immer wieder auf mich ein und brachten mich in den „Tigerkäfig“. Dort wurde ich mit Handschellen gefesselt, dass meine Hände hinter dem Rücken mit den Fussgelenken zusammengeschlossen waren. Ich bin derart geschlagen und getreten worden, dass ich meine Umwelt nur noch bedingt wahrnahm. In der Arrestzelle gefesselt wie beschrieben, wurde ich mit den Kalfaktoren allein gelassen und die Aussentür wurde von „Bobby“ verschlossen.

Was nun folgte ist mit meinem Wortschatz nicht ausreichend zu beschreiben. Ich wurde systematisch auf die perverseste Art und Weise zusammengeschlagen. Man schlug mich mit Fäusten und trat mich mit Stiefeln. Man spielte “Fangball” mit mir (damals wog ich noch etwa 40 kg) und schleuderte mich, gefesselt wie ich war, von einer Ecke in die andere, von einem Kalfaktor zum anderen. - Eine sadistische Orgie von brutaler Gewalt. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein.

Als ich auf die beschriebene Art noch immer gefesselt wieder zu mir kam, lag ich in durch die Fesselung verusachter Körperhaltung gekrümmt auf dem Betonboden der Zelle und war allein. Hereinkamen „Bobby“, der Kalfaktor „Rotkopf“ und „Pille“ der Gefangenenarzt. Ich stellte mich einfach „tot“ aus Angst vor neuen Schlägen. “Bobby“ trat mir mehrmals mit seinen Stiefeln in die Seite, ins Gesicht, an den Kopf und Weichteile und schrie: „Aufstehen 208! Aufstehen, habe ich gesagt." Nun, das konnte ich sowieso nicht wegen der Fesseln. Ich blieb einfach liegen. Und wieder: „Aufstehen, Sie Schwein!". Dann wurde ich hochgerissen. Vor Schmerzen, aber wohl mehr noch aus Angst wurde ich wieder ohnmächtig.

Als ich das Bewusstsein wiedererlangt hatte hörte ich „Bobby“, wohl zu „Pille“ gewandt, sagen: „Was ist mit dem?“ „Der wird uns doch hoffentlich nicht abkratzen." „Pille“ darauf: „Keine Sorge, der ist ja noch jung." „Werden wir gleich haben." Zum Kalfaktor gewandt dann: „Bring mal einen Eimer Wasser". Das Wasser wurde gebracht und einer leerte den Eimer kalten Wassers über mir aus. Als ich nach Luft schnappte und versuchte, mich wegzudrehen, „na, sehen Sie", sagte „Pille", „er ist schon wieder da." „Alles nur Theater; kein Grund zur Aufregung."

„Bobby" drehte mich mit seinem Fuss in Seitenlage und löste die Handschellen an Händen und Füssen und fesselte meine Hände wieder, diesmal vor dem Bauch. Dann schrie er wieder: „Los aufstehen!" Ich hatte fürchterliche Schmerzen, blutete aus Mund und Nase, mein linkes Bein war völlig gefühllos und in der linken Seite, mehr jedoch im Rücken schier unerträgliche Schmerzen. Das rechte Auge war total zugeschwollen. Dann zogen „Bobby" und „Rotkopf“ mich hoch. Ein irrsinniger Schmerz, wie ein Messerstich, entstand im Rücken. Der ganze Raum schien sich um mich zu drehen und ich verlor erneut das Bewusstsein.

Später, ich weiss nicht wie viel Zeit inzwischen vergangen war als ich das Bewustsein zurückerlangte, war ich ungefesselt und lag, in mit Blut vermischtem Wasser, auf dem Betonboden und fror erbärmlich. lch verspürte noch immer sehr starke Schmerzen am ganzen Körper. Besonders in der linken Seite und im Rücken. Ich konnte mein rechtes Bein wieder fühlen, jedoch schien es irgendwie „taub" zu sein. Viele Versuche aufzustehen scheiterten an den Schmerzen im Rücken. Jeder Bewegung folgte ein Schmerz im Rücken wie von einem Messerstich. So blieb ich vorerst einfach liegen.

Ich bemerkte, dass ich häufig durch das Guckloch (Spion) in der äusseren Zellentür beobachtet wurde. Irgendwie gelang es mir mich zur Käfigwand zu schieben und auf dem Rücken liegend, den Kopf gegen das Gitter zu lehnen. Ich konnte mein Wasser nicht mehr halten. Noch immer auf dem Rücken liegend öffnete ich die Hose und schlug mein Wasser ab. Der Urin war rot von Blut und die Schmerzen in der linken Seite wurden stärker. Wegen der Schmerzen im Rücken konnte ich mich nicht viel bewegen. So blieb ich einfach liegen und muss später dann wohl eingeschlafen sein.

Als ich erwachte, war es Morgen. Bei ersten Bewegungsversuchen waren die Schmerzen im Rückeri nicht mehr so spontan und schneidend. Eher war es ein dauernder, dumpfer Schmerz. Mit grosser Vorsicht konnte ich meine Beine bewegen, jedoch unter Schmerzen. Nach einiger Zeit wurde die äussere Zellentür geöffnet und ein Wärter an dessen Spitznamen ich mich nicht mehr erinnere, erklärte mir, dass ich wegen Arbeitsverweigerung und Störung des Arbeitsfriedens, in Verbindung mit Widerstand gegen Bedienstete, zu einundzwanzig Tagen verschärften Arrestes bestraft wurde.

Dann kam ein Kalfaktor. Dieser brachte Schrubber und einen Eimer. Mit den Worten: “Ein Saustall ist das hier, machen Sie mal sauber, das stinkt hier ja wie im Judenpuff“ schloss er das Zwischengitter (Tigerkäfig) auf und der Schrubber und der Eimer wurden hereingestossen. Danach wurden Gitter und Tür wieder verschlossen. Keine Erinnerung wie lange ich brauchte, von Schmerzen bei jeder Bewegung gepeinigt, bis ich meine nasse Kleidung ausgezogen hatte, um diese über dem Eimer auswringen zu können. Anschliessend trocknete ich den Arrestraum so gut wie möglich. Den Rest des verbliebenen Tages wurde ich mehrmals, so etwa aller 30 Minuten, durch den Spion beobachtet. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen.

Am Abend wurden dann Eimer, Lappen und Schrubber aus der Zelle entfernt. Bis spät in die Nacht hinein konnte ich nicht einschlafen. Ich hatte Schmerzen und fror sehr stark als Folge der noch immer feuchten Kleidung und der niedrigen Temperatur. Das Fenster der Arrestzelle war vergittert, jedoch fehlte das Fensterglas. Im Arrestraum gab es keine Einrichtungsgegenstände. - Kein Bett, kein Tisch, keine Sitzgelegenheit. Etwa einmal jede Stunde ging das Licht an und jemand beobachtete mich durch den Spion.



Zuletzt bearbeitet: 13.10.2009 00:35 von Administrator


Am nächsten Morgen wurde die Zelle geöffnet und ein Kalfaktor brachte eine Scheibe trockenes Brot und einen Blechbecher mit einem heissen Getränk, welches Kaffee genannt wurde. Im Zwischengitter (Tigerkäfig) befand sich eine kleine Öffnung und als der Kalfaktor den Becher durch diese Öffnung reichte, liess er den Becher fallen und verschüttete damit das Getränk. Er warf die Scheibe Brot auf den Boden und schrie: “Herr Wachtmeister, der hat den Kaffee ausgeschüttet.“ Der Wachtmeister schaute herein und sagte: “Na, 208, erst Arbeitsverweigerung und nun Hungerstreik. Das Eine sage ich Ihnen, wir können Sie vielleicht nicht hinbiegen, aber eines verspreche ich Ihnen, wir werden Sie zerbrechen.“ Dann wurde die Zellentür zugeschlagen.

Unter grossen Schmerzen als Folge der Mund - und Gesichtsverletzungen, ass ich die Scheibe Brot. Das Brot essen, so wie es normalerweise gegessen wird, so isst man es nicht im Hungerknast. Jeden Bissen mindestens einhundertmal durchkauen und immer wieder durch den Speichel ziehen. So hat man länger was davon und alle Nährstoffe werden richtig verdaut.

Später dann, nach einigen Stunden, rief ich nach dem Wachtmeister. Es dauerte eine ganze Weile bis die Zellentür geöffnet wurde. lch bat um trockene, saubere Kleidung. Die Antwort: “Kleidertausch ist Freitag.” Es war Dienstag. Am Abend erhielt ich wieder eine Scheibe Brot, diesmal mit Magarine dünn bestrichen und einen Becher des schon erwähnten Getränkes. So ging es einundzwanzig Tage. Morgens eine Scheibe trockenen Brotes und Getränk, abends eine Scheibe Brot mit Magarine und ein Getränk. Aller drei Tage, mittags eine Wassersuppe mit Fettflecken.

Am einundzwanzigsten Tag wurde die Zelle aufgeschlossen. Es war wieder “Bobby”. Er fragte mich: “208, sind Sie bereit die Arbeit wieder aufzunehmen?“ Ich bejahte. Dann er: “Na sehen Sie, warum nicht gleich so.“ „Sie sind also gesund und arbeitsfähig.“ Ich erwiderte: „Nein, aber verrecken kann ich auch bei der Arbeit.“ - Ich hatte noch immer starke Schmerzen, vor allem im Rücken und in der linken Nierengegend und konnte nicht aufrecht, sondern nur gebückt stehen und bei schnellen Bewegungen wurde mir schwarz vor den Augen.

Später am Vormittag wurden die Zellen- und Käfigtür geöffnet und “Bobby” schrie: “208 raustreten zum Arztbesuch!“ Mühsam und schmerzgebeugt verliess ich die Arrestzelle. “Bobby” stiess mich mit seinem Gummiknüppel immer wieder in den Rücken und schrie: “Los, los, nicht so müde, laufen Sie gerade, los, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.” Und immer wieder stiess und schubste er mich vor sich her. Mühsam zog ich mich am Treppengeländer hinauf in das Stockwerk der Ambulanz.

Im Ambulanzzimmer waren der Sanitatsoffizier “Pillenpaul”, Dr. „Pille“ (Schuch) und ein Kalfaktor. Dr. “Pille” fragte mich, wie ich mich fühlte. Wahrheitsgemäss schilderte ich ihm meine Schmerzen im Rücken und in der linken Seite. Er fragte mich, wo es mehr schmerzte, im Rücken oder in der Seite. „Im Rücken“, antwortete ich. Er dann: “Ziehen Sie sich aus.” “Oberkörper freimachen.” Als Folge der Schmerzen hatte ich grösste Schwienigkeiten mich auszuziehen. Alle schrien auf mich ein: “Los, los, Beeilung, Sie sind doch jung, stellen Sie sich nicht so an,” und Dr. “Pille“ ergänzte: “Ich werde Ihnen gleich zeigen, was Ihnen fehlt.”

Nachdem ich mich ausgezogen hatte, verlangte er, ich solle Rumpfbeugen machen. Das konnte ich nicht. Dann musste ich mich auf eine Pritsche legen. Als dies nicht schnell genug ging, stiess mich der Kalfaktor in den Rücken, sodass ich auf die Pritsche fiel. Erst musste ich auf dem Rücken liegen. Dr. „Pille“ hob meine Beine an und dann sagte er zu dem Kalfaktor, er möge die Füsse festhalten. So geschah es. Dr. „Pille“ fasste mich mit beiden Händen links und rechts am Körper und verschob den Lendenbereich in beide Richtungen. Ich schrie vor Schmerzen laut auf. Er brüllte ich solle das Theater lassen. Dann: „Ich habe schon andere Arbeitsscheue kuriert.“ Dann musste ich mich umdrehen in Bauchlage. Bevor ich wusste, wie mir geschah, wurden von Pillenpaul meine Beine festgehalten und von dem Kalfaktor meine Arme. Dr. „Pille“ nahm eine Spritze. Eine sehr, sehr grosse Glas/Metall-Spritze und zog aus einer Ampulle eine Flüssigkeit auf und danach aus einer zweiten, grösseren Ampulle eine weiss/blaue Flüssigkeit.

Während dieses Vorgangs schaute er mich des öfteren an und grinste sardonisch. Ich bekam fürchterliche Angst, versuchte mich zu wehren und schrie, dass ich keine Spritze wollte und lasst mich los! Dr. „Pille“ erwiderte: “Wenn Sie krank sind, muss ich Sie behandeln, dazu dient die Injektion.” Wieder versuchte mich loszureissen - vergebens. Plötzlich verspürte ich einen ungeheuren Schmerz. Erst im Rücken und dann ausstrahlend in die Hoden. Um das Mass des Schmerzes zu beschreiben, fehlen mir die Worte. Ich wurde ohnmächtig. Diesmal wohl eher als Folge von Hyperventilation.

Als ich aufwachte, spürte ich Schläge ins Gesicht. Links und rechts auf die Wangen. Dr.“Pille“, über mich gebeugt, schlug mir immer wieder links und rechts auf die Wangen. Als er merkte, dass ich aufgewacht war hörte ich ihn sagen: „Na, da sind wir ja wieder.“ „Wie fühlen Sie sich?“ Ausser einem Taubheitsgefühl in den Fingern, Oberschenkeln und Füssen, sowie um die Kinnpartie, verspürte ich keine Beschwerden. Einen trockenen Mund hatte ich und meine Lippen waren irgendwie gefühllos. Ich wollte antworten, konnte aber keine klaren Worte artikulieren.

Dr. „Pille“ forderte ich sollte aufzustehen. Ich stand auf. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine Beine mich nicht tragen konnten. Der Kalfaktor stützte mich. Dann führte er mich ein paar Schritte hin und her. Ich durfte mich wieder hinsetzen. Danach sagte Dr. „Pille“: „Na sehen Sie, habe ich doch gleich gesagt, alles nur Einbildung. Aber wenn Sie noch einmal Rückenschmerzen haben sollten, brauchen Sie es nur zu sagen. Von diesen Spritzen habe ich noch mehr. Sogar noch bessere, falls diese nicht geholfen haben. Und nun raus hier.”

Mit Unterstützung des Kalfaktors wurde ich in die Zelle zurückgebracht, in welcher ich vor dem Arrest war.



Zuletzt bearbeitet: 13.10.2009 09:20 von Administrator


EHRHARD GÖHL über den Mitgefangenen Nr. 208





Am nächsten Morgen wurde ich von „Pillenpaul" aufgefordert, mich unten am Gitter, Eingang zum Zellentrakt, zu melden. So tat ich und Wärter „Glubschauge" brachte mich zu Leutnant (Oberleutnant?) "Seele", dem stellvertretenden Anstaltsleiter.

Zu Beginn des folgenden Gespräches mit diesem konnte ich trotz allen Bemühens nicht erkennen, welchem Zweck das Gespräch diente. Fragen, wie etwa: „Wie lange sind Sie nun schon hier?”, „Bereuen Sie Ihre Taten?” „Haben Sie sich schon Gedanken über Ihre Zukunft gemacht?" und noch mehr solcher, wie ich meinte, Belanglosigkeiten. Auch fragte er mich: „Sie haben einen Antrag gestellt, einen Teil des von Ihnen eingebrachten Geldes zum Kauf von Büchern verwenden zu dürfen." „Von welchem Geld reden Sie da?" „Bei Ihren Effekten ist kein Geld vermerkt." (Ich hatte bei meiner Verhaftung etwa 2.100 Mark in bar bei mir gehabt). Den von ihm benannten Antrag hatte ich bereits vor über einem Jahr gestellt. Es kam des Geldes wegen zu einer Diskussion, welche aber dann von ihm abgebrochen wurde.

Dann aber wurde es richtig interessant: “208, wären Sie bereit, sich schriftlich von Ihren Verbrechen zu distanzieren und Ihre Pläne für Ihre Zukunft darzulegen?” Ich erwiderte, dass ich ein solches Ansinnen ablehnen würde und mich nicht als Verbrecher, sondern als Opfer betrachtete. Das einzige mir bekannte Verbrechen hatte man gegen mich begangen. Nun, er hatte seinen Spitznamen "Seele” offensichtlich nicht umsonst bekommen. Weder geriet er in Zorn, noch zeigte er irgendeine andere Unmutsreaktion. Stattdessen führte er die Unterhaltung in ruhigem Tone weiter. Ich jedoch fragte mich, innerlich immer nervöser werdend, was er eigentlich bezweckte, mit dieser Art des Gespräches. Vorerst kam ich zu keinem Ergebnis, mit Ausnahme, dass, wie immer, von seiten der Stasi nichts Gutes zu erwarten sei. Ich hatte inzwischen auch meine Erfahrungen mit Spitzeln, welche häufiger zu mir in die Zelle verlegt worden waren und auch mit solchen, die versucht hatten mich bei der Arbeit oder beim Rundgang im Hof zu provozieren.

Dann fragte er ganz direkt, was ich tun würde, wenn ich in den nächsten Tagen entlassen würde. Ich hielt dies für einen Köder, geeignet, in mir Hoffnung auf baldige Entlassung zu wecken, um mich, wie viele andere vor mir, als Spitzel anwerben zu können. lch antwortete ihm, dass ich darüber noch nicht nachgedacht hätte, weil bis dahin noch mindestens vier Jahre vor mir lagen.

Ja, ich wusste um die Tricks der Stasi. - Zuckerbrot und Peitsche. Das hatte schon bei so manchen gewirkt!



Zuletzt bearbeitet: 13.10.2009 22:42 von Administrator


Es war ein Seitenflügel der Haftanstalt mit ausschliesslich Einzelzellen. In eine solche Zelle wurde ich eingeschlossen. Darin befanden sich bereits alle meine Sachen aus der vorherigen Zelle. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sollte ich wirklich entlassen werden, oder war das alles ein Spiel dessen Regeln ich nicht durchschaute. Euphorie wechselte mit Depression.

Beim „Mittagessenfassen” endeckte ich, dass an meiner Zellentür ein rotes Schild angebracht worden war. - Strenge Einzelhaft! Kein Kontakt zu anderen Gefangenen! Jetzt glaubte ich zu wissen: Die wollen Dich fertigmachen! Entlassung, dass ich nicht lache! Wie hatte man mir im Arrest gesagt: „208, wenn wir Sie nicht hinbiegen können dann werden wir Sie zerbrechen.“ Das war’s!

Zweifel kamen auf. Hatte ich mich bei „Seele“ zu weit vorgewagt? Hätte ich besser Manches nicht sagen sollen? Wenn Du hier verreckst, keiner wird es merken. So verging der Tag und eine sehr, sehr lange Nacht des Grübelns, der Hoffnung und noch grösserer Angst.

Am nächsten Morgen kam ein Kalfaktor und brachte Kartons mit Arbeitsmaterial und Werkzeugen. Später kam der „Oberbrigadier“ und erklärte mir die neue, von mir zu verrichtende Zwangsarbeit: Zusammenfügen und Löten von Teilen einer elektrischen Regelvorrichtung. Nun glaubte ich es zu wissen. Ich war zu Isolierhaft verdammt und Zwangsarbeit. Wieso sonst die Einweisung in eine neue Tätigkeit? Doch
Zweifel, eine schwache Hoffnung, blieben. Auch ein Ertrinkender hält sich an einem Strohhalm fest.

Dann abends, nach dem Kommando „Nachtruhe!“ die ersten fragenden Klopfzeichen an der Wand. Eine Provokation oder wirklich ein ehrlicher Versuch? Für verbotene Kommunikation, etwa Klopfzeichen, oder, nach dem Herausdrücken des Wassers aus dem Toilettenabfluss, miteinander sprechen, erhielt man sehr harte Strafen. Egal, ich versuchte es. Erste Fragen: Name? Welches Strafmass? Woher? Wie lange noch? Dann wieder Ruhe.

Spät in der Nacht: Klopf klopf, Pause, klopf klopf. So begann jeder Anruf. lch wartete. Klopf klopf, Pause, klopf, klopf ... lch antwortete im gleichen Rhytmus. Dann: Gute Nacht und Kopf hoch. Das Eis war gebrochen. Ich klopfte: ditdit dah ditdit (Fragezeichen im Morsealphabet). Zurück kam: Ditdahdit: Morsezeichen „R“, in den Funkersprache das Zeichen für „verstanden“. Abwarten. Dann er: „qsy loo“ ... (Frequenzwechsel zur Toilette??) In Klartext: „Wollen wir durch die Toilette sprechen?“ lch gab „R“.

Mittels eines zusammengepressten Papierknäuels aus einer Zeitung und eines kurzen, aber kräftigen Stosses in das Toilettenabflussrohr wurde das Wasser schnell daraus verdrängt. Wir sprachen miteinander, Kopf tief in der Toilette, dabei aber mit einem Auge immer das Guckloch in der Zellentür (Spion) beobachtend und zugleich auch auf Geräusche vom Flur achtend. Es war eine lange Unterhaltung, immer wieder unterbrochen, wenn ein Geräusch vom Flur zu hören war.

Später organisierten wir das besser. Ich erzählte ihm von meinem Gespräch mit „Seele“. Er hatte die gleiche Erfahrung gemacht, sass aber nun schon zwei Monate in der Isolierzelle. Er war Franzose. Ich lernte viel von ihm. Viel später erzählte er mir, er stamme aus dem Elsass und arbeitete früher für das Deuxiemme Bureau, den Französischen Nachrichtendienst. Wir bekamen uns nie zu sehen.

Die einzigen Menschen, welche ich sah, waren Wärter, den Brigadier und den Kalfaktor. Selbst während der Freistunde, dreissig Minuten Rundgang im Hof, war ich allein in einem kleinen, ummauerten Dreieck von etwa zwei Meter Grundfläche und ca. drei Metern Seitenlänge. Darüber ein Tarnnetz. Sprechen war strengstens verboten. Sowohl im Hof als auch auf dem Weg zum Hof und zurück in die Zelle. Die Arbeit war viel leichter als jene, zu welcher ich im Keller gezwungen worden war. Jedoch bereitete mir mein Rücken grosse Probleme. lch konnte nicht lange sitzen und musste die Arbeit immer wieder unterbrechen, um etwas zu laufen oder mich hinzulegen. Erstaunlicherweise nahm niemand daran Anstoss, dass ich mich tagsüber auf das Bett legte, mit Ausnahme von „Bobby“. Aber selbst er gab nach einiger Zeit auf. Meine Arbeitsleistungen waren minimal. Niemand beschwerte sich, doch sank mein monatliches Einkaufskontigent mitunter unter vier Mark.

Die Zeit schleppte sich dahin und nichts geschah. Nur eintönige Arbeit und ständiges grübeln, hoffen und wünschen. Gebetet habe ich damals noch nicht. Nachts dann lange Gespräche mit „meinem“ Franzosen. Er war ein Meister beim Morsen. Anfangs viel besser als ich, obwohl ich auch nicht gerade schlecht war.

Die Summe der Gerüchte häufte sich. Auch der Ton des Wachpersonals wurde etwas moderater und sogar das Essen wurde besser. Für einen auf Freiheit hoffenden Gefangenen alles „gute“ Zeichen. Einmal Hoffnung, einmal Depression. Und die Zeit verging. Mehr Gerüchte... und über Kanäle, die nur Gefangenen zugänglich sind, Gerüchte darüber gehört, die irgendwie mit einer bevorstehenden Entlassung politischer Häftlinge zu tun hatten, ohne Genaueres erfahren zu können. Das Gespräch mit „Seele“ gab diesen Hoffnungen neue Nahrung. Wenn man nur etwas Genaueres erfahren könnte!

Eine Idee wurde geboren. Zu den Einzelteilen der mir zugeteilten Zellenarbeit gehörten auch kleine Germaniumdioden und Kondensatoren als Bestandteile des Endproduktes. Als Fachmann für Elektronik und Nachrichtentechnik von berufswegen, und nach langer Diskussion mit meinem Nachbarn, beschloss ich, ein kleines, illegales Radioempfangsgerät zu bauen: einen Detektorempfänger. In mühevoller Kleinarbeit und Dank der Werkzeuge, erforderlich für meine Zellenarbeit (natürlich wurden Arbeitsmaterial und Werkeuge abends aus der Zelle entfernt), entstanden ein magnetischer Ohrhörer aus einer Hautkremdose mit einer eingebauten Spule von einem zum Arbeitsmaterial gehörenden kleinen Relais, eine Diode und ein weiterer Kondensator bildeten den Empfänger. Ein kleiner Rollkondensator, verbunden mit der Phase der Steckdose diente als Antenne.

Viel Neues erfuhren wir nicht. Das Gerät konnte oft nur den Ortssender empfangen, und abends, bei besseren Ausbreitungsbedingungen der Mittelwellen, waren westliche Stationen oft von Störsendern überlagert.



Zuletzt bearbeitet: 16.10.2009 11:53 von Administrator


Eines Tages wurde meine Zelle gründlich durchsucht. Dabei wurde das kleine Gerät gefunden. Mein Pech. Wieder war es „Bobby“. Er hatte mich bis dahin weitgehendst in Ruhe gelassen, abgesehen von seinen kleinen, täglichen Schikanen. Er geriet furchtbar in Wut. Er brüllte und schrie. Dann zerrte er mich aus der Zelle und, ja ich meine es wörtlich, schleifte mich in eine Arrestzelle auf dem gleichen Flur. Auch andere Wärter waren plötzlich da. Ich befürchtete das Schlimmste. Aber ausser ein paar weiteren Stössen geschah mir nichts weiter.

Am nächsten Morgen wurde ich „Onkel“, dem Verbindungsoffizier der Stasi in Bautzen II, vorgeführt. Erst war er allein und später kamen andere Leute, natürlich Stasileute in Zivilkleidung, hinzu. Es kam zu einen der üblichen Stasiverhöre: stundenlang immer das Gleiche. Man wollte wissen, woher ich das „Agentenradio“ habe, wie viele Mitglieder unsere Verschwörergruppe hatte und wer die Mitglieder seien, ob Bedienstete mit dazugehörten usw.

Wahrheitsgemäss erklärte ich, dass ich das kleine Gerät selbst gebaut hätte, aus Arbeitsmaterial. Man glaubte mir nicht. Das Verhör zog sich die ganze Nacht hin. Dann wurde ich in eine andere Arrestzelle gebracht. Soweit ich mich erinnere, befand diese sich im Keller, ganz hinten, hinter den Duschen und einer Stahltür. Diese war eingerichtet wie in einem Irrenhaus: alle Wãnde und Fussböden gepolstert. Ich wurde hineingestossen und die Tür wurde verschlossen.

Nachts, ich war eingeschlafen, wurde die Tür aufgerissen. Ich hatte nicht einmal gehört, dass aufgeschlossen worden war. Herein kamen Gestalten, die ich nicht erkennen konnte, da der Raum finster war und ich die Gestalten nur schemenhaft im trüben Licht der Gangbeleuchtung erkennen konnte. Ich wurde hochgerissen, bekam einen Schlag in den Bauch, etwas wurde mir in den Mund gestopft und dann, fast lautlos, wurde ich brutal verprügelt. Niemand sprach und ich konnte nicht schreien, weil ich so etwas wie einen Gummiball im Mund hatte. Nach einer Weile liessen die Gestalten von mir ab und verschwanden.

Ich hatte alles Zeitgefühl verloren, als ich wieder zur Vernehmung gebracht wurde. Wieder die gleichen Fragen wie vorher. Wieder die gleichen Antworten. Dann kam Dr. Schuch. Mir wurde erklärt, dass man mich wenigstens noch so lange benötigte, bis ich die Wahrheit gesagt hätte. Ich würde nun eine Spritze gegen Wundstarrkrampf erhalten und die Verletzung am Auge würde genäht werden. Mit der Verletzung war die aufgeplatzte Augenbraue am rechten Auge gemeint.
Bevor ich reagieren konnte hielten mich zwei Leute von hinten fest. Dr. Schuch legte mir einen Knebelschlauch um den linken Arm und injizierte mir den Inhalt einer vorbereiteten Spritze in die linke Armvene. Komische Starrkrampfprophylaxe! Kurz darauf verlor ich das Bewustsein.

Ich wachte in einer Arrestzelle auf; wieder in einer anderen. Ebenfalls Tigerkäfig. Jedoch erhielt ich in der Folge regelmässig normales Essen. Ich weiss nicht wie ich in die Arrestzelle gekommen bin. Vom Moment der mir durch Dr. Schuch verabreichten Injektion, bis zum Erwachen in dieser Zelle, fehlt mir jegliche Erinnerung.

Ich verblieb in Isolierhaft bis Anfang Juni 1965. Allerdings erfuhr ich ab etwa Januar/Februar 1965 regelmässige Untersuchungen, auch Röntgenuntersuchungen in der Haftanstalt Bautzen I, bekannt als „Gelbes Elend”. Mir wurde eine sogenannte „Liegeerlaubnis” erteilt, d.h. ich durfte mich mit offizieller Erlaubnis der Anstaltsleitung auch tagsüber ins Bett legen. An der Aussenseite meiner Zellentür war ein Vermerk „Liegeerlaubnis” angebracht, neben jener roten Karte, die auf Isolierhaft hinwies.

Ohne arbeiten zu müssen erhielt ich, ganz entgegen der üblichen Haftgeflogenheiten, ein monatliches Einkaufskontingent von etwa zwanzig Mark. Schmerzmittel gegen Rückenschmerzen und Salbe auf Basis von Schlangengift zum Einreiben des Rückens und sogar gelegentlich ein heisses Sitzbad standen mir plötzlich zur Verfügung.

Etwa im Mai 1965 wurde ich zu einem Gespräch mit zwei Herren in Zivil gebracht - Stasi natürlich. Mit zugegen war auch „Seele“, der stellvertretende Anstaltsleiter. Einer der Stasileute verlangte von mir, zu erzählen, ob und wie ich meiner Meinung nach misshandelt worden sei und woher nach meiner Meinung die „Verletzung der Bandscheibe“ rührte. lch erzählte wahrheitsgemäss von den mir aufgezwungenen Arbeitsbedingungen und führte die Verletzung der Bandscheibe (es war das erste Mal, dass mir gegenüber von einer solchen Verletzung gesprochen wurde) auf die im Arrest erlittenen Schläge und/oder die Überbeanspruchung durch doppelte Zwangsarbeit, zurück.

Das Gespräch verlief in durchaus sachlicher Form. Der andere Stasimann sagte u.a., dass ich natürlich Strafantrag wegen Körperverletzung stellen konnte, mir jedoch darüber klar sein müsste, dass ich meine Behauptungen auch zu beweisen hätte, andernfalls daraus für mich sehr leicht ein „Bumerang“ werden könnte. Ich könnte natürlich auch wahrheitsgemäss zu Protokoll geben, dass ich schwer die Treppen heruntergestürzt sei. Wenn dies auf dem Weg zur Arbeit geschehen wäre, würde dies ein Arbeitsunfall sein, welcher auch versicherungstechnisch als solcher bewertet würde.

Während der ganzen, vielstündigen Unterhaltung hatte ich nur einen Gedanken: Was wollen die von mir? Warum diese plötzliche Freundlichkeit? Stimmen die Gerüchte, dass politisch Gefangene vorzeitig nach dem „Westen” entlassen werden? Ist Wilfried vielleicht schon zuhause und hat über mich berichtet? (Wilfried, Strafgefangener Nr. 200, war lange Zeit mit mir zusammen in Haft in einer gemeinsamen Zelle und plötzlich verschwunden). Ich fand nur eine Erklärung: Die haben Angst! Du kommst raus.

Dann erklärte ich, dass ich Strafantrag stellen wolle. „Seele” hatte die ganze Zeit geschwiegen. Nun sagte er, dass dies wohl eine Sache der Deutschen Volkspolizei sei. Die Stasimänner erhoben sich und verliessen den Raum. Als ich den Raum verlassen durfte, sagte „Seele” zu mir: „Ich hoffe für Sie, dass Sie jetzt keinen Fehler begangen haben.” Dann wurde ich zurück in meine Zelle gebracht.

Ich habe nie wieder etwas in dieser Sache gehört. In Isolierhaft verblieb ich, wie schon erwähnt, bis Anfang Juni 1965.



Zuletzt bearbeitet: 16.10.2009 23:37 von Administrator


208 RAUSTRETEN!

Es war etwa sechs Uhr morgens als ich aus meiner Einzelzelle herausgeholt wurde. Was kommt jetzt? Was haben die mit dir vor? Raustreten vor der Kaffeeausgabe, komisch!

„208 melden Sie sich unten am Gitter“. Es war der „Italiener“, so nannten wir ihn wegen seines südländischen Aussehens. Eigentlich kein schlechter Kerl. Hatte mir früher heimlich Medizin gebracht und, soweit ich weiss, niemals einen Gefangenen misshandelt.

Er spürte wohl meine Verunsicherung, meine Angst, was wohl nun kommen würde. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen“, sagte er und: „Für später vielleicht, erinnern Sie sich bitte daran, was ich Ihnen einmal gesagt habe“. Ich war wie vom Donner gerührt. Sollte es wirklich wahr werden? Würde ich tatsächlich rauskommen? Hoffnung und Zweifel.

Am Hauptgitter unten angekommen, wurde ich in eine Einzelzelle gebracht. Ich hörte, dass auch andere Zellen auf- und zugeschlossen wurden. Es vergingen etwa zwei Stunden, schätzte ich, dann wurde ich zur Effektenkammer gebracht, über eine Treppe, die gleiche über welche ich vor vier Jahren gegangen war, als ich meine privaten Sachen abgeben musste und Anstaltskleidung erhalten hatte. In der Effektenkammer sass ein Uniformierter den ich nie vorher gesehen hatte. Er händigte mir meine Privatkleidung und meine Uhr aus und ich musste mich umziehen. Meine Güte, war ich dünn geworden... die Hose! Da hätte ich sicher zweimal reingepasst.

Ich musste den Empfang unterschreiben und zurück ging es in die Zelle. Kurze Zeit später: „208 Raustreten!“ Ich wurde in einen Hof gebracht. Dort standen ein Gefangenentransporter, die „Grüne Minna“, und andere Leute. Wir mussten einsteigen und wurden in Transportzellen gesperrt mit mit Handschellen gefesselten Händen. Einmal, auf der Autobahn, hielten wir an, durften einzeln den Transporter verlassen, zum „Austreten“ wie es hiess. „Machen Sie keinen Blödsinn. Bei jedem Fluchtversuch wird geschossen“, sagte einer der Uniformierten. Dann löste er die Handschellen. Endlich konnte ich pinkeln. Die Handschellen wurden wieder angelegt und es kam das Kommando: Einsteigen! Gar nicht so einfach, mit gefesselten Händen. Weiter ging die Fahrt. Sie endete in Ostberlin. Später erfuhr ich es war das Stasi-Haupt-Quartier Magdalenenstrasse.

Wir stiegen aus und wurden auf verschiedene Einzelzellen verteilt. Es vergingen zwei Tage. Tage des Grübelns, der Ungewissheit, der Hoffnung und der Angst. Gegen mittag wurde ich abgeholt. Man brachte mich in ein recht grosses, komfortabel eingerichtetes Büro. Drinnen zwei Stasileute in Zivil. „Guten Tag Herr Knopf“, sagte einer noch bevor ich mich vorschriftgemäss als Strafgefangener Nr. 208... hatte melden können. „Bitte setzten Sie sich Herr Knopf“. Das war schon eine Überraschung. Meinen Namen hatte ich ja seit vier Jahren nicht mehr gehört.

„Sie wurden wegen Spionage zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt und haben nun vier Jahre verbüsst. - Wenn Sie entlassen würden und die Wahl hätten entweder in der DDR zu bleiben oder in die BRD zu gehen, wie würden Sie sich entscheiden?“ Rums! Das sass. Gedanken rasten durch meinen Kopf. Wenn die dich entlassen wollen, könnten sie es doch tun und würden dich nach Chemnitz entlassen ohne zu fragen. Warum die Frage nach dem „Westen“? Stimmte es, dass politische Häftlinge in den Westen entlassen wurden? Stimmte es, dass Wilfried tatsächlich in Westberlin ist? Dieser Gedanke gab den Ausschlag.

Ich sagte: „In die Bundesrepublik natürlich oder was haben Sie denn erwartet.“ - „Das war schon alles“, sagte einer und die Tür wurde geöffnet und ich zurück in die Zelle gebracht. Da sass ich nun. Hatte ich alles falsch gemacht? Ging es nun zurück nach Bautzen oder vielleicht sogar Schlimmeres? Hatte ich mir vielleicht tatsächlich „Nachschlag“ eingehandelt? Würden die mich auch in den Westen entlassen? Viele Fragen, keine Antwort.

Am nächsten Morgen wurde ich abgeholt. Durch viele Korridore und Treppen ging es nach oben. Ich kam in einen Raum an dessen Tür ein Schild: „HO Verkaufsstelle“ befestigt war. „Herr Knopf, (schon wieder Herr Knopf!), auf Ihrem Gefangenenkonto haben Sie 16 Mark und 50 Pfennige. Dafür dürfen Sie einkaufen bevor Sie auf Transport gehen.“ Das muss man sich vorstellen: Nach vier Jahren Zwangsarbeit, doppelte Arbeitsbelastung und „Sonderschichten“ nun 16.50 Mark. Und mein eingebrachtes Westgeld „verschwunden“. Mir aber war es egal. Die Hauptsache: RAUS!!!

Eine freundliche Verkäuferin verkaufte mir ein Handtuch, einen Waschlappen, Zahnpaste, Zahnbürste, ein Stück Seife - richtige, gutriechende Seife!, eine Packung Zigaretten (SALEM) und eine Packung Streichhölzer. Ich hatte zwei Pfennige zu wenig und wollte die Streichhölzer zurückgeben. „Lassen Sie mal“, sagte mein Begleiter und legte zwei Pfenninge auf den Verkaufstisch. Von der Verkäuferin erhielt ich eine Papiertüte. Dann verliessen wir die Verkaufstelle.

So wie wir gekommen waren, wollte ich nach links laufen. „Nein, nein Herr Knopf, hier gehts lang.“ Wir gingen nach rechts, Treppen nach unten und gelangten in einen Hof. Dort standen bereits viele Leute. Zumeist Männer, jedoch auch vier Frauen, ein Omnibus, ein Militärlastwagen, ein Wartburg und ein EMW. Zwei der Männer erkannte ich als Haftkameraden aus Bautzen, ohne jedoch je mit ihnen gesprochen zu haben. Ein kurzes Nicken des Erkennens und ein schüchternes Lächeln. Dann kam das Kommando: „Einsteigen!“

Drei Stasileute in grauen Anzügen verteilten uns anhand einer Liste auf die vorhandenen Sitze. Es folgte der Hinweis: „Sie gehen auf Transport, aber das sehen Sie ja selbst. Während der Fahrt gilt absolutes Sprechverbot. Sie wissen ja was passiert wenn Sie quatschen.“

Die Fahrt begann. Durch Ostberlin, dann auf die Autobahn. Vor uns ein Kübelwagen mit uniformierten und der Wartburg. Hinter uns der EMW. Die drei Stasileute hatten sich im Bus verteilt. Zwei hinten, einer vorn. Ich bemerkte auf allen Parkplätzen, an denen wir vorbeifuhren, Militärfahrzeuge und Bewaffnete. Nach etwa drei Stunden bogen wir auf einen Parkplatz ein. Wieder viel Militär. Wir durften aussteigen zum „Austreten“, wie es hiess, und erhielten die Warnung, es würde bei jedem Fluchtversuch sofort geschossen.

Dann kam ein Mercedes angefahren mit westberliner Kennzeichen. Wir mussten sofort wieder in den Bus einsteigen. Diesmal blieben die Stasileute im vorderen Teil des Busses. Ein Mann aus dem Mercedes kam in den Bus: „Mein Name ist Rechtsanwalt Dr. Stange aus Berlin. Im Auftrage der Bundesregierung werde ich Sie in die Bundesrepublik begleiten, wohin Sie jetzt gebracht werden.“



Zuletzt bearbeitet: 17.10.2009 12:28 von Administrator


ANKUNFT

Es ist spät. Im Bus ist es finster und nur vereinzelt hört man ein paar Gesprächsfetzen. Die lange Reise von Ostberlin, über die "Grüne Grenze" in den Westen, wohl doch mehr die Aufregungung der unerwarteten, wiedergewonnenen Freiheit, verlangen Tribut. Still sind sie, die meisten Teilnehmer der „Nacht- und Nebelaktion", wie sie einmal vom "Spiegel" genannt worden war.

Leise singen die Reifen ihr monotones Lied. Blaue Hinweisschilder tauchen auf im Scheinwerferlicht und verschwinden wieder. Lichtreflexe entgegenkommender Autos huschen über die Gesichter. - Alte Gesichter, junge Gesichter. Im Hintergrund weint eine Frau leise. Jemand spricht auf sie ein. Versucht sie zu trösten. Sie ist eine Heldin. Zweimal während vieler Jahre politischer Haft in Hoheneck war es ihr gelungen, auszubrechen. Man hatte sie immer wieder eingefangen. Was sie durchgemacht haben mag, kann sich kaum vorstellen, wer nicht selbst ostdeutscher politischer Gefangener des Terrors war.

Weiter geht die Reise. Städtenamen, mir nur bekannt aus alten Geschichten. Stätten der Verheissung, Synonyme der Freiheit. Dann erreichen wir Giessen. Die Fahrt geht durch die Stadt. Blitzende Autos, saubere Strassen und Neonlicht. Alle sind wieder hellwach. Gleich sind wir da!

Dann das Lager. Ein Tor öffnet sich und wir sind im Bundesnotaufnahmelager Giessen. Wir steigen aus. Viele etwas steifbeinig nach der langen Fahrt. Ein Angestellter führt uns in einen grossen Raum. Nüchterne Speisesaalathmosphäre und Geschäftigkeit. Was hatte ich erwartet? Ein Schild: "Herzlich Willkommen?" Einen Empfang voller menschlicher Wärme? Händeschütteln? Ich weiss es nicht. Jedoch etwas ganz Besonderes! Waren wir denn nicht gerade dem Terror entronnen? Wir sind doch etwas Besonderes. Oder nicht? Stattdessen: „Bitte setzen Sie sich. Sie erhalten gleich eine warme Mahlzeit und ein paar Informationen darüber, was Sie in den nächsten Tagen zutun haben." Kein Wort der Begrüssung. Ich fühle Enttäuschung und bin unsagbar müde.

Das Essen rühre ich kaum an. Die Erläuterungen nehme ich kaum wahr. Alles ist so unwirklich. Letzte Nacht noch im Knast und heute an einem gedecktem Tisch. Wir erhalten eine kleine Karte aus weissem Karton. Dazu ein Formular, genannt Laufzettel . Ein paar Betreuer geleiten uns in die Unterkünfte.

Metallgitterbetten, doppelstöckig, fast wie im Knast. Nur die Gitter fehlen vor dem Fenster. Blauweiss karierte Bettwäsche, ein Beutel mit Toilettenartikeln und graue Wolldecken auf den Betten. Ein Bett ist bereits belegt. Die anderen noch frei. Ich habe keine Kraft mehr. Vollbekleidet lege ich mich auf eines der Betten und schlafe ein. Mein letzter Gedanke:

Ich bin in Freiheit!


Liebe Freunde und Kameraden,

danke für Eure Geduld beim Lesen.
Falls noch Fragen sind, bitte melden.

Klaus W. Knopf
Ex 208 Bautzen-II 1961~1965 (Freikauf)



Zuletzt bearbeitet: 17.10.2009 17:24 von Administrator


Lieber Herr Knopf,

ich danke Ihnen fuer diesen ausfuehrlichen wie einmaligen und erschuetternden Zeitzeugenbericht ganz herzlich.

Ihre detaillierten Schilderungen lassen nicht nur die erbaermliche Fratze des Kommunismus waehrend der Aera ULBRICHT erkennen. Sie lassen vor allem den Anteil all jener Menschen transparent werden, die entscheidend zum Fall der Mauer beigetragen und damit am Untergang des „real existierenden Sozialismus“ mitgewirkt haben; die fuer ihren Idealismus nicht blosz Beruf und Familie auf’s Spiel setzten, sondern auch Gesundheit oder sogar ihr Leben.

Wir brauchen solche ehrlichen Berichte von Zeitzeugen wie Ihnen, lieber Herr Knopf, denn letztlich sind sie auch geeignet, die „Heldentaten“ der sogenannten Buergerrechtler der Friedlichen Revolution auf ein halbwegs ertraegliches Masz zu relativieren.

Mit freundlichen Grueszen

Ihr
Wolfgang Mayer.

Fuer Nachfragen die E-Mail-Adresse des Autoren: zs1qo@global.co.za

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