FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
Seiten: 1 2 Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: ZWANGSARBEIT im ZUCHTHAUS


kingfisher:

Hat hier Irgendjemand den Einigungsvertrag zur Hand?


http://www.gesetze-im-internet.de/einigvtr/



Hallo Allerseits!
Ich konnte letztens nicht das zu Endeschreiben, was mir vorschwebte, da ich vom Rechner weg mußte, um meinen Nachbarn "kurz" zu helfen.
Was ich noch anfügen wollte, ist Folgendes:
Ich rief mehrmals bei der Srela GmbH in Spremberg an, um in Erfahrung zu bringen, wsa denn das für Presstoffbuchsen waren, die wir zu zig-Tausenden an den Drehmaschinen bearbeiteten und wofür die denn verwendet wurden.
Zuerst war man am Telefon nett und zuborkommend, was sich dann aber ganz schnell in mega-abweisend mit gespielt-nettem Ton änderte, je öfter ich verbunden wurde.
Irgendwann lief es auf das "Sie müssen sich da irren, bei Sprela gab es solche Buchsen auch zu DDR-Zeiten nie!"
Also alles klar,- was wiollste da noch machen?
Da geht dann echt nix mehr,- Ende-Gelände!
Du sitzt mit Deiner Wut im Bauch da und bist erstmal damit beschäftigt, das viele Adrenalin im Blut wieder abzubauen. Was ich noch sagen wollte, ist, daß ich meine Haft-Zwangsarbeit bei Sprela in Cottbus vom dritten Auartal 1982 bis zum Januar 19984 nicht sehr mit der vieltausendfachen Zwangsarbeit im Dritten Reich vergleiche, denn ich seheda keine sehr großen Überschneidungen der Repressionen.
Klar, ich durfte zusammengenommen etwas übereinen Monat ungezähhlte Runden im Tigerkäfig drehen, aber geschlagen, oder Ähnliches wurde ich für meineArbeitsverweigerungen nie.
Okay. URI , mein "Erzieher im "EB" 10 brüllte mich öfters mal an um mich einzuschüchtern, aber das war es dann auch. Ich wußte, daß der auch ganz anders konnte, aber ich kam mit `nrem Sazu heißen Ohren wieder zurück.
Was mir gerade noch einfällt:
Sagt mal, kennt hier Jemand von Euch Irgendjemanden von meiner Sprela-Schicht? Ich war bei Sprela-B-Schicht. Ich suche noch den Einrichter von uns, mit dem ich sehr befreundet war und den ich leider komplett aus den Augen verloren habe. Er heißt Klaus-Peter Horstmann und kam aus Magdeburg, wo ich in der Umfassungsstraße 67 beim MfS in der dortihen UHA meine U-Haft absaß. Klaus-Peter Horstmann baute uns die neuen Vorrichtungen bei Sprela, in die die Presstoffbuchsen bei laufender Maschine eingeschoben wurden, mit einem Spannring, der auf die leicht konisch zulaufende rohrförmige Spannvorrichtung geschoben wurde, um nach dem Bearbeiten, Ausdrehen der Buchse, Anphasen, o.Ä. diesen Spannring vom Drei,- oder Vierbackenfutter der Drehmaschine weg zu bewegen, um die fertige Buchse bei laufender Maschine mit der Hand zu entnehmen, was schonmal ziemlich heiß werden konnte.
Wer von Euch hier war auch beii Sprela und kennt das eben von mir Beschriebene somit auch?
Na ja, immerhin bekamen wir täglich `nre große Pulle Milch, `ne Fettchhreme für die Hände und duschen durften wir täglich!
Wie fürsorglich doch dieses System sein konnte, denn es tat sein Möglichstes, um unsere Arbeitskraft dahingehend zu erhalten, daß wir auch schön die Norm schafften.
Aber wozu dann diese "Ernährung??? (!!! !!! !!!)
Seid gegrüßt von
Sylvio
P.S.:
Da ich halbseitig gelähmt bin, tippe ich nur mit einer Hand, wodurch sich leider dereine oder andere Tippfeeler einschleicht.
Hier bitte ich Euch um etwas Nachsicht, denn sonst bin ich unserer gemeinsamen Muttersprache echt gut mächtig.
Seid gegrüßt von
Sylvio
Ich




Sehr geehrte ehemalige politische Häftlinge der DDR,

es ist nun knapp ein Jahr her, dass unser Forschungsbericht über das System dem Zwangsarbeit in der SBZ/DDR erschienen ist. Seit dieser Zeit versuche ich, mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und der Presse die Fragen der öffentlichen Anerkennung des Unrechts, der Entschädigung und Beratung zu verhandeln. Kleine Fortschritte sind sicherlich erreicht. Doch, dass der Weg lang werden wird, war allen Beteiligten von vornherein deutlich. Wir haben keine mächtige Lobby, wir sind keine Zielgruppe bei den Wahlen, wir können keine großen Demonstrationen auf die Beine stellen.

Also stehen wir in der Warteschlange ziemlich weit hinten. Ich habe mich über viele Jahre für benachteiligte Menschen eingesetzt, also wusste ich, dass ich mich auch in dieser Frage auf einen langen Weg einlasse. Viele ehemalige Häftlinge sind in hohem Alter, andere tragen schwer an den Folgen von Haft und Zwangsarbeit. Wir werden die drängenden Fragen weiter auf den Tisch des Hauses von Politikern, Journalisten und Wirtschaftsleuten legen.

Lesen Sie den Zwischenbericht.
Weitere Informationen finden Sie auf www.ddr-zwangsarbeit.info

Eine wichtige Neuigkeit sollten Sie noch wissen: Unter der Telefonnummer 030 55 77 96 21 können Sie mich jeden Donnerstag zwischen 10 und 14 Uhr erreichen.

Mit einem freundlichen Gruß:
Christian Sachse

©rbb
Dr. Christian Sachse

Beauftragter der UOKG
zur Aufarbeitung der Zwangsarbeit in der SBZ/DDR
Tel. Büro: 030 55 77 96 21
Handy: 0178 1974 9 08
Info: www.ddr-zwangsarbeit.info
www.christian-sachse.de


Antwortadresse: cs@christian-sachse.de






Nach Zwangsarbeit-Studie mahnt Roland Jahn

Westdeutsche Unternehmen sollen Zwangsarbeitsopfern der DDR helfen



Von Markus Decker



Berlin.

Roland Jahn war sich in zwei Punkten ganz sicher. Zunächst betonte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, dass es nicht allein um die Aufarbeitung des Erbes der Staatssicherheit gehe. „Es geht um die SED-Diktatur“, sagte er. Zudem müsse ein Schlussstrich in jedem Fall vermieden werden.

Der 61-Jährige war zugegen, als Jan Philipp Wölbern vom Potsdamer Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung am Montag eine Studie über Zwangsarbeit in DDR-Gefängnisse vorlegte – unter besonderer Berücksichtigung der politischen Gefangenen. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), hatte sie in Auftrag gegeben. Es ist die vierte Studie dieser Art.

Ikea-Möbel wurden in Haftanstalten gefertigt

Eigentlich hat das Thema Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen eine lange Geschichte. So wurde schon lange vor dem Mauerfall bekannt, dass auch westdeutsche Firmen dort fertigen ließen. Im Frühjahr 2012 nahm sich ein schwedischer Fernsehsender der Sache erneut an. Er tat dies am Beispiel des Möbelgiganten Ikea. Ikea gab unter dem Druck der Berichterstattung eine Untersuchung in Auftrag, die die Berichte im Prinzip bestätigte. Demnach wurden Ikea-Möbel auch in realsozialistischen Haftanstalten gefertigt. Es folgten weitere Studien, eine aus Jahns Haus, erstellt von dem Forscher Tobias Wunschik, sowie eine der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG). Mit der gestrigen und vierten Studie ist das Bild sehr klar.

So weiß man, dass es von 1949 bis 1989 knapp 300.000 politische Gefangene in der DDR gegeben hat. In den 50er und 60er Jahren waren es besonders viele, in den 70er und 80er Jahren dann etwa 3000 bis 4000 pro Jahr. Anfangs waren sie quer über alle Haftanstalten verteilt. Nach und nach wurden sie konzentriert: in Naumburg, Hohenleuben, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Halle und Cottbus. Die politischen Häftlinge mussten wie andere auch arbeiten. Daran ist nach übereinstimmender Ansicht der gestern Anwesenden auch nichts Schlimmes. Ja, die Vereinten Nationen sehen ein Recht auf Arbeit für Häftlinge ausdrücklich vor.

Als kritisch mit Blick auf die politischen Häftlinge wurde benannt, dass diese ja zu Unrecht einsaßen und die Arbeitsbedingungen miserabel waren. So mussten sie krank machende Arbeiten verrichten und hatten oft zu wenig Schlaf. 44 Prozent der Betroffenen führen spätere Gesundheitsschäden auf ihre Haft zurück. Hinzu kam, dass die politischen in der Hierarchie der Häftlinge ganz unten rangierten und die Anstaltsleitungen Diskriminierungen durch Mithäftlinge keinen Einhalt geboten.

Das alles liegt jetzt 25 Jahre zurück und lässt sich naturgemäß nicht mehr ändern. Die Frage ist, was man tun kann, um das Schicksal der Betroffenen zu bessern.

Keine Entschädigung für Betroffene

Eine Entschädigung werde es sicher nicht mehr geben, sagte Christian Sachse von der UOKG. Allerdings könne er sich einen Fonds analog zum Heimkinderfonds vorstellen, aus dem Geschädigte Hilfe empfangen könnten. Jahn mahnte die westdeutschen Unternehmen. Immerhin seien 6000 von ihnen am innerdeutschen Handel beteiligt und 100 in die DDR-Zwangsarbeit als Nutznießer verwickelt gewesen. Davon habe bloß eine Handvoll in der Stasi-Unterlagenbehörde nachgefragt, um Genaueres zu erfahren. Deren Chef regte an, die Unternehmen könnten Opferverbände oder die Bundesstiftung Aufarbeitung finanziell unterstützen.

Die UOKG schließlich denkt darüber nach, in einem der ehemaligen Gefängnisse, nämlich in Naumburg, eine Gedenkstätte zu schaffen. Die Ostbeauftragte Gleicke unterstützt dies. „Naumburg wäre ein guter Standort“, sagte sie.

© mz-web.de 22.06.2015




14.11.2015

FEIER VON „DAS VOLK“ WIRD FÜR NORBERT WAGNER 1978 ZUM VERHÄNGNIS

Der falsche Ort war das Pressefest der SED-Bezirkszeitung
Das Volk am 28. Mai 1978 auf der Erfurter Iga. Die falsche Zeit war jener Moment, als der junge Norbert WAGNER einen Freund entdeckte, der ihm blutüberströmt entgegenkam. Wenig später wurde er verhaftet.


... Norbert WAGNER (l.) hatte in den 1970ern in Raßnitz eingesessen. Wolf-Dieter MEYER musste im Erfurter Pressen- und Scherenwerk Mitte der 60er Jahre als Tiefbauarbeiter Zwangsarbeit leisten. An diesem Samstag thematisieren sie das auf dem Petersberg in der Landeshauptstadt. ©Klaus-Dieter Simmen

Erfurt. Ein Bild ist Norbert WAGNER in lebhafter Erinnerung geblieben. Im Bus unterwegs vom Strafvollzug zur Arbeitsstätte fährt plötzlich ein zweiter Bus neben ihnen, einer aus dem Westen, wie sie schnell feststellen. Arbeiter aus der Bundesrepublik, die im Chemiedreieck der DDR ein neues Werk bauen. Das freilich wussten die Strafgefangenen damals nicht. Für sie war es eine Begegnung mit Menschen, die gleich in doppelter Hinsicht aus einer fremden Welt kamen. „Wir verständigten uns in der kurzen Zeit mit Händen und Füßen, schrieben Worte, wie etwa Gifthölle, an die Fensterscheibe. Die anderen bedeuteten uns, dass wir durchhalten sollten, irgendwie durchhalten“, sagt WAGNER.

Hinter dem Busfahrer stand ein Wachmann - mit Maschinenpistole bewaffnet. Beide trennte ein Netz von den übrigen Insassen. Der Wächter versuchte vergeblich, Ruhe in die aufgebrachte Meute zu bringen. Die feierte ausgelassen diese Begegnung. „Es war irre, da gab es Menschen, die sich für uns, unser Schicksal interessierten.“ Das habe ihnen allen für lange Zeit Lebensmut gegeben, erinnert sich Norbert WAGNER. Jetzt organisiert er eine Veranstaltung zum Thema Zwangsarbeit in der DDR.

Zwangsarbeit in erschreckendem Ausmaß

Und Lebensmut war wichtig in Raßnitz, jenem Strafgefangenenlager im Dreieck zwischen Leipzig, Merseburg und Halle. Als der 18-jährige Norbert WAGNER im Frühsommer 1978 nach einem kurzen Aufenthalt im Gelben Elend in Bautzen hier her kam, sah er sich sofort an Buchenwald erinnert: „Hunde liefen am Zaun entlang, es gab Wachtürme, einen Starkstromzaun, Baracken und es herrschte ein rüder, rauer Ton. Ich war schockiert. Solche Lager gab es in der DDR, die unablässig vom Frieden redete?“ Er sollte schon bald erfahren, dass es hier noch viel mehr gab, nämlich Zwangsarbeit in erschreckendem Ausmaß. Etwas also, das es auch nach den Gesetzen der DDR gar nicht hätte geben dürfen. „Schließlich war die DDR ja ein Rechtsstaat“, sagt WAGNER grinsend.

Die Welt des jungen Mannes bestand fortan aus zwölf Stunden Arbeit in der Chlorelektrolyse, sechs Tage in der Woche, und der restlichen Zeit, in der die Gefangenen den Launen der Wärter ausgesetzt waren. „Wir arbeiteten unter primitivsten Bedingungen, Arbeits- oder Gesundheitsschutz gab es nicht, abgesehen von ein paar Aktivkohlefiltern, die kaum etwas nutzten. Die Halle war abgeriegelt, das heißt, es fehlte an Frischluft. Und wenn Chlorgas austrat, was häufig passierte, waren die Zwangsarbeiter dem hilflos ausgeliefert“, erinnert sich WAGNER. Quecksilber, das für den chemischen Prozess benötigt wurde, war allgegenwärtig. „Die Kugeln schossen über den Boden. Einmal habe ich gesehen, dass sie auf dem Grund des Teebehälters lagen.“ Heute findet er es paradox, dass sie alle trotzdem lieber ins Bunawerk einfuhren als im Lager zu bleiben. „Dort waren die Bedingungen schlimm, ja, aber wir waren keiner Schikane ausgesetzt. Wir waren unter uns, in diese Hölle traute sich ja kaum einer. Und das Gift, nun ja, wir merkten ja nicht wirklich, wie unsere Körper Tag für Tag mehr verseucht wurden.“

Die Situation im Lager Raßnitz verschlimmerte sich für Norbert WAGNER, weil er immer wieder darüber nachgrübelte, warum ausgerechnet er in diese Welt verschleppt worden war. „Ich weiß, jeder im Knast ist unschuldig, das ist für die anderen eine Binsenweisheit. Ich hatte aber wirklich nichts verbrochen. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Der falsche Ort war das Pressefest der SED-Bezirkszeitung „Das Volk“ am 28. Mai 1978. Die falsche Zeit war jener Moment, als er einen Freund entdeckte, der ihm blutüberströmt entgegen kam. WAGNER, der noch gar nicht mitbekommen hatte, dass sich Jugendliche und Polizeieinheiten auf der Iga prügelten, schnappte sich den Freund und schleppte ihn in ein Sanitätszelt. Dort wurde er schon nach wenigen Augenblicken verhaftet. 24 Stunden später saß Norbert WAGNER vor der Haftrichterin, sechs Wochen später beantragte der Staatsanwalt für ihn eine sechswöchige Haftstrafe. Der Richter machte kurzerhand daraus sechs Monate.

    Das Orchester Lothar Stuckart aus Erfurt begeisterte an beiden Tagen die Pressefestgäste
Der „Spiegel“ schrieb 1978: Erneut sei es in der DDR zu heftigen Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen. Schauplatz der Auseinandersetzungen war das Pressefest des SED-Bezirksorgans „Das Volk“ auf dem Gelände der Internationalen Gartenbauausstellung (Iga). Zu denen, die deswegen bestraft wurden, gehörte Norbert WAGNER. Die Leser erfuhren nichts davon. ©Repro




40 DDR-Mark im Monat für einen Knochenjob

Längst ist sich der Erfurter sicher, dass er in den Knast musste, weil die Justizbehörden Gefangene liefern mussten, Gefangene, die von der DDR-Wirtschaft dringend gebraucht werden. „Das ist mir aufgegangen, je mehr ich mich mit meiner Geschichte auseinandergesetzt habe. Die Arbeitsbedingungen in der Chlorelektrolyse waren so miserabel, dass auf regulärem Weg keine Arbeitskräfte gefunden werden konnten. Selbst wenn die Bezahlung überdurchschnittlich war, niemand ist bereit, sich auf diese Weise hinzurichten.“ Keiner der Männer, die wegen ihres Aussehens Chlorleichen genannt wurden, wusste, für wen sie im Chemiewerk schufteten.

„Dass die Erzeugnisse von Höchst und BASF gekauft wurden und die DDR dafür harte Währung erhielt, während wir mit einem Hungerlohn abgespeist wurden, ahnten wir nicht einmal.“ WAGNER bekam für seinen Knochenjob rund 40 DDR-Mark im Monat, ausgezahlt in Wertgutscheinen, für die er im knasteigenen Laden einkaufen konnte. Zur Entlassung gab es noch einmal 100 DDR-Mark, damit war seine Leistung abgegolten. Arbeitsverweigerung angesichts der Zustände war unmöglich. „Dafür gab es harte Strafen, auch Prügel“, erinnert sich Norbert WAGNER.

Einige Wochen vor seiner Entlassung bekam der Erfurter eine Arbeit an der frischen Luft, in einer Baubrigade. Auch die Verpflegung änderte sich. „Wir sollten aufgepäppelt werden für die Zeit draußen.“ Das gelang nur sehr unvollkommen. Die Krautsuppe mit reichlich Fleisch, die die Mutter nach seiner Entlassung als erstes für ihn kochte, blieb nicht lange im Magen. Der Vater, der solche Symptome aus dem Krieg kannte, schleppte den Sohn kurzerhand in die Medizinische Akademie in Erfurt. Ein Professor erkannte die akute Quecksilbervergiftung und versprach: „Dich kriegen wir schon wieder hin, Junge.“ In Bad Berka diagnostizierten die Ärzte wenig später ein Lungenleiden. Weil es unmöglich war, dass die Verätzungen von Chemikalien stammten, kam in die Krankenakte von Norbert WAGNER der Eintrag, dass die Symptome Geflügelstaub verursacht hätte.

Phlegmatisch, aber Norbert WAGNER wollte leben

Aus der Haft kam der gerade mal 19-Jährige schwer krank zurück, aber nicht gebrochen, wie er immer wieder betont. „Natürlich war ich phlegmatisch, dazu haben die uns im Knast gemacht, aber ich wollte leben, ich war jung und hatte trotz allem meine Träume.“ Und er hatte überlebt. Die offizielle Statistik spricht von zwei Toten in der Chlorelektrolyse. Für WAGNER ist das Heuchelei. „All die anderen, die schon wenige Jahre nach ihrer Entlassung starben oder an den Spätfolgen, kommen darin doch gar nicht vor.“

Heute ist Norbert WAGNER aufgrund seiner körperlichen Verfassung verrentet. Quecksilbervergiftungen sind heimtückisch, und zu den Spätfolgen gehören Lähmungen, die spontan auftreten. Abseits steht der Mann aber trotz allem nicht. In der Lucas-Kirche in Erfurt ist er Küster. In der Außenstelle Erfurt des BStU* hält er regelmäßig Vorträge, berichtet über seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter in der DDR. Und er erzählt auch, dass er bis zu jenem Maitag 1978 fest daran glaubte, dass diesem Land die Zukunft gehörte. Der Vater arbeitete als Dozent für Philosophie an der Bezirksparteischule der SED, auch die Mutter war überzeugte Funktionärin. Sie hatten ihren Sohn zu einem gläubigen Sozialisten erzogen. Weil sie später, als er in den Augen der SED zum Feind wurde, zu ihrem Sohn hielten und die Anschuldigungen für Hirngespinste ansahen, verloren sie ihren Job. Jahrelang hatte Norbert WAGNER über all das geschwiegen, jetzt ist es für ihn auch Therapie, anderen aus seinem Leben zu erzählen.

Zum Thema: Ausbeutung in der DDR

Zwangsarbeit im Strafvollzug der DDR steht im Mittelpunkt eines Augenzeugengesprächs, das der Erfurter Norbert WAGNER gemeinsam mit der Außenstelle Erfurt der Behörde des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen (BStU) für den 14. November in der Dienststelle auf dem Petersberg organisiert hat. Dabei wird nicht nur WAGNER über seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter berichten. Er will ein Bild zeigen, das den Wandel der Zwangsarbeit in den DDR-Gefängnissen dokumentiert. Mit dabei sind Leidensgenossen: Wolf-Dieter MEYER aus Erfurt steht für die 1960er Jahre; Klaus VOIGT, der in den 1950er Jahren nach Workuta verschleppt wurde, erzählt seinen Lebensweg und Jörg FUHRMANN berichtet über die 1970er Jahre. Gezeigt wird auch ein knapp zehnminütiger Film über die Situation der Zwangsarbeiter in der DDR.

Quelle
______

* Diese Dienststelle wird seit einem Jahrzehnt von einem ehemaligen DDR-Funktionsträger geleitet /wm.





Ich verfolge seit ca. zwei Jahren auch den IT-Auftritt hier bei flucht-und-ausreise.de und beteilige mich an den Diskussionen und Beiträgen hier bei den von Wolfgang Mayer zu verantwortenden Seiten.

Als aktives Mitglied der I.E.D.F. e.V. fällt mir aber auf, das die Menschen, die unsägliches in den Stasi-Gefängnissen erdulden mussten, sich so gut wie gar nicht bei uns in der Interessengemeinschaft eingebracht haben wenn es um die Frage des Rentenraubes durch das Rentenüberleitungsgesetz geht.

Wie im Beitrag über Norbert Wagner zu lesen ist bekamen die Insassen 40 Mark der DDR als Lohn im Monat und das bei vielen über Jahre hinaus. Da konnte ja nicht einmal der monatliche Betrag von 600 Mark der DDR zusammenkommen, den die Deutsche Rentenversicherung Bund heute für Arbeitsjahre in der DDR bei Flüchtlingen und Freigekauften von vor 1989 als Berechnungsgrundlage hernimmt.

Wie ist bei diesen Menschen, die dieses politische Schicksal hatten, eigentlich die Rentensituation heute?

Bei meinem Besuch in der Gedenkstätte Bautzen im August ist mir klar geworden das es doch tausende waren die vom Regime der DDR eingesperrt waren in den vielen Gefängnissen auf deren Staatsgebiet damals.

Vielleicht findet sich jemand um darüber zu berichten -
es würde mich freuen auch darüber etwas zu erfahren.

Mit Grüßen - Klaus-Dieter Wohlgemuth



Hallo an alle, ich bin vor einigen Tagen auf dieses Forum gestoßen und habe ein wenig darin gestöbert. Ich habe als junger Mann von Januar 1978 bis Mai 1980 als Zivilangestellter von Pentacon Dresden in der Entgraterei im Zuchthaus Cottbus gearbeitet. Ich möchte mich als erstes hier bei allen ehemals politischen Gefangenen des Zuchthauses Cottbus entschuldigen, wenn ich persönlich jemals an den leidvollen Erfahrungen der Häftlinge eine Mitschuld tragen sollte. Gleichzeitig möchte ich aber auch sagen, daß ich zu keinem Zeitpunkt einen Häftling beim Wachpersonal, Erzieher oder sonstigen Stellen angeschwärzt habe. Im Gegenteil, ich habe unter Ihnen viele interessante Menschen, Ihre Schicksale und Beweggründe, kennen und schätzen gelernt. Durch manches Gespräch wurden mir die Augen geöffnet, bin ich reifer geworden und habe mich später dann selbst zur Flucht entschlossen. Viele von den hier im Forum beschriebenen Zuständen, was die Zwangsarbeit in der Entgraterei, der Dreherei und Stanzerei im Zuchthaus Cottbus betrifft, kann ich bestätigen. In einem Beitrag habe ich gelesen, das die Zivilmeister Prämien und Zuschläge bekommen hätten, wenn die Arbeitsnorm erfüllt wurde. Das habe ich persönlich so nicht erlebt. Es gab auch keine "Gefahrenzulage" wie in diesem Beitrag berichtet wurde. Richtig ist ( zumindest in der Zeit meiner Arbeit dort ) das die Angestellten von Pentacon Dresden im Zuchthaus Cottbus eine Lohngruppe höher bezahlt wurden, als im Stammwerk Dresden. Ansonsten gab es noch die normale Schichtzulage wie sie jeder Schichtarbeiter in anderen Betrieben auch erhalten hat. Abschließend möchte ich mich bei allen ehemaligen politischen Häftlingen aus dieser Zeit bedanken, das ich durch Sie in der damaligen Zeit, reifer, erfahrener und erwachsener geworden bin.
Andreas Knoll



Andreas_Knoll:
Hallo, ich habe als junger Mann 1978 -1980 als Zivilangestellter von Pentacon Dresden in der Entgraterei im Zuchthaus Cottbus gearbeitet. Ich möchte mich als erstes hier bei allen ehemals politischen Gefangenen vom Zuchthaus Cottbus entschuldigen...


Danke für diese Entschuldigung als Zivilangestellter von Pentacon Dresden aus der Entgraterei des Zuchthauses Cottbus! Das hat Größe. Ich war dort ein Jahr später und kam bald als langsam arbeitender Häftling in den Tigerkäfig, hatte aber in der Akkordarbeit der Entgraterei die Zivilmeister meist als lässige Typen erlebt. Anders als die oft ungebildeteren SV-Angehörigen. Also ihr wart eine Lohngruppe besser bezahlt als im Stammwerk Dresden und keine Prämien. Immerhin hatte die Stasi auch Zivilmeister überwacht, über zu nahe Gespräche mit den Häftlingen gejammert und musste immer wieder Zivilangestellte auswechseln. Viele Dokumente sind nicht erhalten, in der Hauptverwaltung Berlin fanden sich jedoch noch diese Zahlen:
Ende 1983 wurden von der Staatssicherheit 14 "Wer-ist-wer-Akten zu Betriebsangehörigen der AEB in der StVE Cottbus" kontrolliert. Überwacht wurden auch diese 101 Zivilen aus Sprela und Pentacon von der AR I/4 der K, die über recht faule Spitzel verfügte. Von den (1984) 540 Gefangenen waren 346 wegen politischer Taten verurteilt, fast alle (340) hatten die Ausreise aus der DDR beantragt. Quelle: Kontrollbericht an HA VII/2077
http://www.uokg.de/attachments/1984%20Stasi-Statistik%20zur%20polit%20Haft%20in%20Cottbus.pdf

Seiten: 1 2 Zurück zur Übersicht