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Thema: WIE JÖRG DRIESELMANN KÄMPFT


„Der Spiegel“ v. 31.5.2010

Gedenken

MIELKES VERLASSENE STADT


Von Wiebke HOLLERSEN

Das alte Stasi-Hauptquartier in Berlin-Lichtenberg verfällt, die meisten Gebäude stehen leer. Jetzt streiten Bürgerrechtler, der Bund und Lokalpolitiker über die Zukunft des Geländes - und den richtigen Umgang mit der DDR-Vergangenheit.

Vielleicht kommt ja sogar die Polizei, sagt Jörg DRIESELMANN, und er klingt, als wäre das für ihn nicht mal die schlechteste Lösung. Wenn die Polizei sie rausholen würde, die Besetzer von MIELKEs Büro, nach 20 Jahren.

Er wippt auf der alten Couch, die in seinem Besprechungsraum in Berlin-Lichtenberg steht. DRIESELMANN ist nervös. Er schaut zum Fenster, auf die vergilbten Gardinen, "alles noch echt DDR", sagt er, so wie die Lichtschalter und das Linoleum. DRIESELMANN ist 53, ein hagerer Mann mit grauem Bart. Als Jugendlicher saß er in Erfurt in einem Stasi-Gefängnis. Seit der Wende ist der Dienstsitz von Erich MIELKE, Chef des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), sein Museum.

Aber nun soll er hier raus, mitsamt den Ausstellungsstücken. "Unverzüglich, spätestens bis zum 31.05.2010", soll er den Bau verlassen, "beräumt von Ihren persönlichen Gegenständen", so steht es in einem Brief, den DRIESELMANN und sein Verein, die "Antistalinistische Aktion" (Astak), bekommen haben.

Die Bundesrepublik Deutschland will MIELKEs Bürogebäude übernehmen, das Haus 1 im Stasi-Hauptquartier. Sie will es sanieren und zu einer nationalen Gedenkstätte machen.

Was soll aus dem MfS-Hauptquartier werden?

Deshalb ringen Bürgerrechtler und die Kulturleute im Bundeskanzleramt jetzt um jedes Detail. Und um die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte. Die Beamten sorgen sich um Wasserschäden und Brandschutz. Sie drohen, Haus 1 komplett zu schließen, falls es nicht zur Sanierung kommt. Und die Bürgerrechtler haben Angst um Lichtschalter und Linoleum, alles soll nach der Renovierung so aussehen wie früher, bloß kein modernes, glattes Museum.

Was soll aus dem MfS-Hauptquartier werden? Wie viel davon soll noch an die Geschichte erinnern? Wer soll das machen? Und was wird aus den vielen Stasi-Gebäuden, von denen die meisten leer stehen und verfallen? 20 Jahre nachdem Bürger im Januar 1990 das Gelände stürmten, geht es um Vergangenheit und Zukunft der alten Überwachungszentrale. Der Bund will das Gedenken an den SED-Staat und seinen Unrechtsapparat nicht länger Privatinitiativen überlassen. Die Bürgerrechtler möchten sich ihr Lebenswerk nicht so einfach von der Bundesrepublik wegnehmen lassen. Und die Lokalpolitiker von Berlin-Lichtenberg wollen endlich das Image vom Stasi-Bezirk loswerden.

Magdalenenstraße, Normannenstraße, Ruschestraße. Wer diese Straßennamen hörte in Ost-Berlin, der dachte: Stasi. Zwischen diesen Straßen liegen die wichtigsten Gebäude, in der Mitte Haus 1 mit dem Ministerbüro. Die Hauptverwaltung Aufklärung von Markus WOLF saß in Haus 15. Am anderen Ende Haus 18, das Versorgungs- und Vergnügungszentrum der Stasi-Leute mit Speisesälen, Kaufhalle und Reisebüro.

Die gefühlte Entfernung ist riesengroß

Das Hauptquartier bestand aus mehr als 20 Bürogebäuden für die Führung um MIELKE und WOLF, drum herum waren noch einmal 13 Häuser angesiedelt. Insgesamt bis zu 7000 hauptamtliche Mitarbeiter haben hier die Überwachung der ganzen DDR verwaltet.

Nach der Wende zog die Deutsche Bahn in den Plattenbau von WOLFs Auslandsabteilung, die Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen lagert in den Häusern 7 bis 11 ihre Akten, in Haus 2, wo die Spionageabwehr saß, ist eine Außenstelle des Finanzamts, ein Ärztehaus gibt es noch. Doch jetzt zieht der größte Anlieger, die Bahn, wieder aus, andere sind schon fort, an vielen Häusern platzt die Fassade, neue Mieter sind nicht in Sicht.

Was tun? Das ist die Frage für Jörg DRIESELMANN, den Bürgerrechtler, für Helge HEIDEMEYER, der Beamter in der Birthler-Behörde ist und den Bund vertritt. Und für Andreas GEISEL, den Baustadtrat von Lichtenberg.

In Berlin-Mitte sitzt Helge HEIDEMEYER im Restaurant Borchardt. Er trägt einen dunklen Anzug, er ist freundlich und vorsichtig, wie ein Diplomat, der über ein schwieriges Gebiet im Fernen Osten redet. Es geht um die alte Stasi-Zentrale, keine halbe Stunde würde man dorthin mit der U-Bahn brauchen, aber die gefühlte Entfernung ist riesengroß.

Offizielles "Gedenkstättenkonzept" beschlossen

HEIDEMEYER leitet die Abteilung Bildung und Forschung der Birthler-Behörde, sein Amt soll nach der Sanierung die neue Gedenkstätte in MIELKEs Haus aufbauen. "Haus 1 soll der Ort für die Darstellung des Themas Repression in der SED-Diktatur werden", sagt er. Es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass Bundesregierung und Bundestag dazu ein offizielles "Gedenkstättenkonzept" beschlossen haben und Bundeskulturstaatsminister Bernd NEUMANN zuständig ist. HEIDEMEYER ist gewissermaßen für den ganzen Staat in das Restaurant gekommen.

Es gibt in Berlin das Mauermuseum am Checkpoint Charlie und ein buntes "DDR-Museum" und "Trabi-Safaris" in der Innenstadt, alles von Privatleuten betrieben, eine Art DDR-Themenpark für Hauptstadttouristen. Der Bund möchte nicht, dass allein Unternehmer und Vereine das Geschichtsbild prägen, deshalb das Gedenkstättenkonzept. "Kein anderer Ort in Deutschland symbolisiert in vergleichbarer Weise den lautlosen Terror des MfS", heißt es darin über das Haus 1, und daraus leitet HEIDEMEYER seinen Auftrag ab.

Aber er will auch nicht DRIESELMANNs Gegner sein in dieser Sache. Niemand möchte das sein. Er sagt, dass es "eine große Chance" sei, mit dem Verein von DRIESELMANN gemeinsam etwas zu planen. Er redet von "interaktiven Elementen", die Birthler-Behörde hat eine Ausstellung, die in Haus 1 passen würde, auch ein großes Bildungsangebot. Leider wolle die Antistalinistische Aktion im Moment nicht mit der Behörde planen.

DRIESELMANN auf seiner Couch in Lichtenberg lacht heiser, wenn er das hört. Ein Anhängsel sollen sie werden, ein weiteres Ausstellungsstück möglicherweise: die letzten Bürgerrechtler.

Ein Dokumentations- und Bildungszentrum, zusammen mit den Beamten der Birthler-Behörde? "Wäre ein Aufarbeitungskombinat", sagt er, "eine staatliche Behörde sollte man nicht durch eine andere ersetzen."


Museumschef Jörg DRIESELMANN und sein Verein "Anti-Stalinistische Aktion" hüten die Liegenschaften seit vielen Jahren.
Nun soll er ausziehen und das Feld den Behörden überlassen, die das Areal sanieren und eine offizielle Gedenkstätte errichten wollen.





Mit der DDR hat sich DRIESELMANN schon früh angelegt. Mit 18 Jahren kam er ins Gefängnis, später wurde er von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebte nicht mehr in der DDR, aber er blieb ein DDR-Dissident, gleich nach dem Ende der Diktatur kam er zurück.

Vielleicht fällt es ihm deshalb so schwer, sich aus der Rolle des Oppositionellen zu lösen. Am liebsten wäre ihm, es bliebe alles, wie es ist. Er würde einfach gern weiter sein Museum leiten, mit den 34 Leuten vom Verein, nicht mit der Behörde - und weiter Besuchergruppen durchs Haus führen, auf seine Art. DRIESELMANN hat keine moderne Museumstechnik, aber er kann Geschichten erzählen. Die "interaktiven Elemente" im Museum sind die Führungen von ihm und seinen Mitarbeitern.

"Eine Stadt muss doch auch wieder leben"

Und das hat bislang gereicht. 2009 sind 100.000 Besucher in sein Museum gekommen. Von Jahr zu Jahr sind die Zahlen gestiegen, vor allem seit 2006, da lief "Das Leben der Anderen" im Kino. Einige Szenen aus dem Stasi-Film wurden in der MIELKE-Etage gedreht.

DRIESELMANN hat sich gesträubt gegen den Bund und sein "Gedenkstättenkonzept", er hat wütende Briefe geschrieben, Forderungen gestellt, den Auszug zum 31. Mai verweigert. Doch die Beamten aus dem Kanzleramt verweisen kühl auf den Bundestagsbeschluss. Ab Juni bekommt sein Museum keine öffentlichen Gelder mehr, zwei Drittel des Etats sind dann weg.

Allzu lange hat sich kaum etwas bewegt im Streit DRIESELMANNs gegen die Bundesrepublik, während das Gelände rund um Haus 1 verkommt und den Bezirk Lichtenberg belastet.

"Eine Stadt muss doch auch wieder leben", sagt Andreas GEISEL. Er steht neben der Imbissbude gegenüber dem Museum, das hier ist sein Bezirk. Er ist Stadtrat seit 15 Jahren, ein SPD-Mann in Jeans und blauem Jackett, in Lichtenberg aufgewachsen, zuständig für Bau, für die Zukunft also, nicht die Vergangenheit. Er will, dass sein Viertel endlich den alten Ruf loswird, das Image "Stasi / Neonazis / Plattenbau", wie er selbst sagt.

Leerstand führe zu Verfall und Vandalismus

Der Bezirk habe sich sonst gut entwickelt, die meisten Platten seien saniert, es gebe viel Grün, viele Familien, sagt er. Dann schaut er auf die Stasi-Gebäude um sich herum: 101.000 Quadratmeter Bürofläche, die Hälfte davon schon heute leer, demnächst steige die Quote wohl auf 90 Prozent. So kann es nicht weitergehen, sagt GEISEL, Leerstand führe zu Verfall und Vandalismus, "das strahlt auf die Umgebung aus".

GEISEL hat schon viele Vorschläge gehört. Studenten der Technischen Universität Cottbus haben gerade Pläne für das Gelände entworfen, sie wollen Wohnungen aus den Büros machen oder einen Park anlegen. Es waren auch schon mal Künstlerateliers oder Probenräume für Bands im Gespräch. GEISEL zuckt mit den Schultern, "so viele Künstler oder Bands müssen Sie erst mal finden".

Der Bau-Stadtrat hätte sich eher eine große Behörde in den Bürohäusern vorstellen können. Zum Beispiel den Bundesnachrichtendienst (BND) als Nachmieter der Stasi, eine tollkühne bis trotzige Idee und vor allem völlig chancenlos. Der BND baut jetzt für insgesamt 1,5 Milliarden Euro eine Zentrale in Berlin-Mitte.

Deshalb soll nun ganz neu gedacht werden. GEISEL will das Gelände zum Sanierungsgebiet machen, wenn alles gutgeht und der Berliner Senat zustimmt, könnte es noch diesen Sommer klappen. Als Erstes soll es dann einen internationalen Architekturwettbewerb geben.

Einfach weg mit der ganzen unnützen Stasi-Stadt

GEISEL möchte den Ergebnissen nicht vorgreifen. Zumal sich die von Leerstand geplagte Hauptstadt mit Investoren derzeit schwertut. Der Stadtrat könnte sich deshalb auch vorstellen, dass man ganze Häuser abreißt, dass bald nichts mehr so aussieht wie früher. Einfach weg mit der ganzen unnützen Stasi-Stadt.

Nur Haus 1 wird ganz sicher bleiben, das Museum mit dem MIELKE-Büro, es steht unter Denkmalschutz. DRIESELMANN und die Bundesregierung müssen eine Einigung finden, die Zeit drängt, das Dach ist undicht, im Keller steht schon Wasser. Außerdem ist gerade Geld für die Sanierung vorhanden, elf Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket zur Stützung der deutschen Volkswirtschaft. Die Bauarbeiten müssen schnell beginnen, sonst bekommt ein anderes Projekt das Geld.

Die Beamten von Kulturstaatsminister Neumann versuchen nun eine Annäherung. In einem neuen "Grobkonzept" schlagen sie DRIESELMANN vor, dass sein Verein und die Birthler-Behörde je eine Etage im Haus 1 bekommen und der Verein weiter die MIELKE-Etage betreut. Außerdem sollen beide Seiten "in Einstimmigkeit" ein neues Gesamtkonzept erarbeiten. Es sieht wie ein vergleichsweise gutes Angebot aus.

Aber DRIESELMANN, der alte Bürgerrechtler, hadert noch. Er will jetzt die Baupläne sehen, er will mitbestimmen über die Sanierung, "bis ins Detail", sagt er. Es fällt ihm einfach schwer, der Staatsmacht zu vertrauen.


Blick vom Dach der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße: Dort, in Haus 18, spielten sich im Januar 1990 historische Szenen ab. Aufgebrachte DDR-Bürger drangen in das Gebäude ein und verwüsteten die Einrichtung der Spitzel-Unterkunft. (Fotos: DPA)

*) Der Spiegel



„Berliner Morgenpost“ v. 4.8.2010

Ausstellung

STASI-MUSEUM IN LICHTENBERG WIEDER GEÖFFNET

Der Umzug ist problemlos verlaufen: Nach nur vier Tagen Schließzeit ist das Stasi-Museum ab heute elf Uhr wieder geöffnet. Der eigentliche Sitz des von der Antistalinistische Aktion e.V. (Astak) betriebenen Museums, das Haus 1 in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit, wird instand gesetzt.


Deshalb musste die jährlich von vielen Zehntausenden Interessierten besuchte Ausstellung umziehen. Sie ist ab heute im Haus 22 auf dem Stasi-Gelände zu finden, genau gegenüber dem einstigen Ministersitz.

"Wir sind sehr froh, die frühere Generalskantine der Stasi als Übergangsquartier nutzen zu können", sagte Bernd LIPPMANN, Vorsitzender des Trägervereins, der Berliner Morgenpost: "Nicht ohne Grund nennt man dieses Haus bis zum heutigen Tag 'Feldherrenhügel'." Damit bleibe das Stasi-Museum am historischen Ort in einem geschichtsträchtigen Haus, nur hundert Meter von seinem Stammsitz entfernt.

Dem Umzug, für den auch der historische Schreibtisch des Ministers für Staatssicherheit, Erich MIELKE, aus seinem originalgetreu erhaltenen Büro umgelagert wurde, waren heftige Auseinandersetzungen vorausgegangen. Die Behörde für die Stasi-Unterlagen mit Chefin Marianne BIRTHLER wollte sich das bislang unabhängige Haus 1 einverleiben. Der Geschäftsführer des Liegenschaftsfonds Berlin versuchte, wie berichtet, mit fragwürdigen Tricks den Verein Astak hinauszukomplimentieren. Das verhinderte allerdings Lichtenbergs Baustadtrat Andreas GEISEL (SPD).

Weil die Birthler-Behörde derzeit nur eine provisorische Ausstellung zur Stasi-Tätigkeit an der Zimmerstraße nahe dem Checkpoint Charlie in Kreuzberg zeigen kann, haben sich die Astak-Mitarbeiter besonders beeilt: "Wir wollten Berlin nicht ohne Ausstellung über die Stasi lassen. Deshalb haben wir all unsere Kräfte zusammengenommen und unsere Ausstellung in nur vier Tagen am neuen Standort wieder aufgebaut", sagte LIPPMANN. Die Interimsausstellung im Haus 22 soll in den kommenden Monaten bei laufendem Betrieb aktualisiert und um bisher nie gezeigte Exponate erweitert werden.

Mittelfristig sollen sowohl das Dokumentationszentrum der Stasi-Unterlagen-Behörde, die ab 2011 nicht mehr vom Marianne BIRTHLER geleitet werden wird, als auch das unabhängige Stasi-Museum der Astak im instand gesetzten Haus 1 ihren Standort finden. Ob das historische Gebäude, das seit seiner Errichtung 1960 noch nie renoviert wurde, den authentischen Charakter behält oder "kaputt saniert" wird, wie ein Astak-Mitarbeiter fürchtet, ist derzeit noch offen.

Stasi-Museum Berlin, Ruschestraße 103, Lichtenberg. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend/Sonntag und an Feiertagen 14-18 Uhr.

*) Berliner Morgenpost



Persönlich sehe ich hier zwei Punkte, die den authentischen Charakter von Haus 1 zerstören könnten.
Einmal wäre das eine " Kaputtsanierung " mit dem Ergebnis, daß von der bedrohlichen Atmosphäre dieses Hauses nichts mehr übrigbleibt. Nichtmal der typische Geruch des Linoleums, der vielen von uns für immer ins Gedächtnis gebrannt ist. Außerdem wissen wir aus eigener Erfahrung daß dort, wo der Staat die Regie übernimmt, meist eine politische Weichspülung stattfindet. All das aber darf nicht sein wenn man jüngeren Generationen einen authentischen Eindruck vermitteln will.



12.1.2012

MfS-Zentrale wird Gedenkstätte

DIENSTSITZ MIELKES SANIERT / JAHN: Campus der Demokratie


mk. BERLIN, 11. Januar. Kulturstaatsminister Bernd NEUMANN und der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland JAHN, haben am Mittwoch den früheren Dienstsitz des Ministers für Staatssicherheit Erich MIELKE denkmalgerecht saniert seinen Nutzern übergeben. Mit elf Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm II wurde das marode Haus, in dem der Staatssicherheitsdienst der DDR (MfS) verwaltet wurde, für die Nutzung als Dokumentations- und Bildungszentrum instand gesetzt. In den zwei Jahrzehnten seit der friedlichen Revolution hat der Verein Astak (Antistalinistische Aktion) das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich gehalten. Die Attraktion des Hauses sind die Dienst- und Arbeitsräume MIELKEs; im kommenden Jahr soll eine Ausstellung über die Arbeit des MfS fertiggestellt werden, welche die Astak und die Behörde für die Stasi-Unterlagen gemeinsam erarbeiten werden. Das Archiv der Behörde, die Hinterlassenschaft des MfS, befindet sich auf demselben Gelände in Berlin-Lichtenberg. NEUMANN zeigte sich zufrieden damit, dass das Gedenkstättenkonzept des Bundes ein tragfähiges Konzept auch für das „Haus 1“, das die Vereine und Verbände der Bürgerrechtsbewegung nun wieder beziehen können, erbracht habe. JAHN sprach von einem „Campus der Demokratie“, der auf dem Gelände des MfS entstehen könnte.

Quelle



8.6.2012

Opfer, Täter und Verwandte

DER PERSÖNLICHE UMGANG MIT DER DDR-VERGANGENHEIT


Von Blanka WEBER und Susanne ARLT

Mehr als 20 Jahre nach ihrem Ende ist die DDR noch im Leben vieler ehemaliger Bürger gegenwärtig. Nun fahnden verstärkt die Kinder und Enkelkinder von Opfern und Tätern nach den Verstrickungen ihrer Verwandten - und damit auch nach Brüchen im eigenen Leben.

"Beim Ministerium für Staatssicherheit klickten die Handschellen, und dann war man weg, und die ganz klare Botschaft war: Irgendwie kriegen wir dich zum Reden!"

Jörg DRIESELMANN sitzt in Cargohose und bunt gestreiftem Pulli vor Schülern einer Thüringer Regelschule. Der 56-Jährige ist als Zeitzeuge geladen, um über Täter und Opfer der DDR zu reden. Wie viele Opfer es gibt, kann er nicht sagen. 43.000 Menschen beziehen heute schätzungsweise Opferrente. Doch ist das Thema damit erledigt? Jörg DRIESELMANN ist oft in Schulen unterwegs, steht Rede und Antwort.

"Meine Eltern sind beide Mitglieder in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gewesen."

18 Jahre war er, als er am 13. August 1974 mit einem Plakat zur Arbeit ging, um auf die Maueropfer an der deutsch-deutschen Grenze nach 1961 aufmerksam zu machen. 33.974 Menschen hatten die DDR damals schon verlassen, 164 wurden auf der Flucht getötet, das wusste Jörg DRIESELMANN damals. Es waren Zahlen, die er am Abend zuvor in einer Radiosendung des Senders RIAS gehört und auf sein Plakat gepinselt hatte. Bereits am Nachmittag war er in Haft. Ein Kollege hatte ihn denunziert: Ein Jahr Untersuchungshaft folgte im roten Backsteingebäude der Erfurter Andreasstraße. Jörg DRIESELMANN erzählt aus seinem Haftalltag:

"N'Anwalt kannst du sehen. Aber - der ist einer von uns. Botschaft. Und wenn du mit dem Anwalt redest, dann redest du mit dem immer noch über das Wetter oder private Angelegenheiten. Aber nicht über das Ermittlungsverfahren. Mit dem Anwalt durfte ich erst reden nach Abschluss des Ermittlungsverfahrens und Fertigstellung der Anklageschrift, wenn alle Messen gesungen waren."

Die 16-Jährigen sitzen um ihn herum, kennen seine Akten, haben Briefe gelesen, Fotos gesehen und sich mit seinem Leben - speziell in der Haft - auseinandergesetzt.

"Und da dachten wir, dass die Beziehung nur durch die ganzen Verhöre gekommen sind und dass da nicht Sympathie aufgekommen ist und zu dem Oberstleutnant wenig Sympathie und zu Doris - war Liebe - aber auch angespannt, während Sie in der Haft waren. Stimmt das so überein?"

Jörg DRIESELMANN nickt. Doris, sagt er, ja, es war eine Schlüsselperson in seinem Leben. Auch sie wird wegen ihm verhaftet und versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Stasi erpresst ihn:

"Und plötzlich gerate ich ganz extrem unter Druck. Und von da an habe ich denen alles gesagt, was sie von mir hören wollten. Alles. Also auch vieles, was nichts mit Wahrheit und Wirklichkeit zu tun hatte!"

Knapp ein Jahr später wird er verurteilt, kommt in die Haftanstalt Cottbus und wird wiederum ein Jahr später freigekauft:

"Die Frage ist, wie ich heute damit umgehe, damals so eine Scheiße erzählt zu haben! Ich glaube mir ist es wichtig festzustellen, dass ich in dieser U-Haft-Situation, ich muss dort nicht Held sein. Ich fühle mich nicht schlecht deshalb, weil ich diesem Druck nachgegeben habe. Ich habe mich nicht wirklich in diese Drucksituation gebracht, und die Verantwortlichkeit liegt beim Ministerium für Staatssicherheit und nicht bei mir."

Es sind klare Worte eines Menschen, der Abstand gewonnen hat durch ein neues Leben jenseits der - wie er heute sagt - sozialistischen Menschengemeinschaft. Wenn er heute mit Schülern redet, so trifft er auf Fragen und große Offenheit. DRIESELMANN redet über alles, seine Zelle, den Haftalltag, das heimliche Morsealphabet irgendwo versteckt, und den Willen, nicht aufzugeben. Seine Botschaft: Nehmt euer Leben in die Hand, passt auf und lernt aus der Geschichte:

"Ich habe die Herrschaft der SED, wie soll ich das sagen, an ihren schmutzigsten Stellen gesehen."

Wenn er älteren Lehrern gegenüber sitzt, zum Beispiel beim Plausch vor einer gemeinsamen Unterrichtsstunde, dann sei das manchmal schon beklemmend, für ihn - aber auch fürs Gegenüber - wenn man einer Generation angehöre, bemerkt er. Nicht alle können über dieses Gefühl so offen reden wie Lehrer Hartmut GERLACH:

"Das ist auf jeden Fall komisch, das ist auch eine Erinnerung an unsere Zeit. Ich war ja damals auch Lehrer in der DDR. Ich würde mir wünschen, dass Schüler noch mehr eine Frage stellen: Wie war denn das bei Ihnen? Das machen sie nicht, das wäre für mich auch eine Herausforderung. Aber das ist schon eine interessante Erinnerung."


Saalfeld in Ostthüringen.

"Sie können da alle fragen, rings rumgehen und fragen: Wer ist der ROTH? Da sagen die: Das ist der Stasi-ROTH! Das sag' ich selber!"


Stasi-ROTH ist Bernd ROTH, 62 Jahre alt, schwarze Jeans, schwarzes Jackett und schwarzes Base Cap. Groß, kräftig, offener Blick.

"Wenn ich ein Haus verkaufe in Saalfeld, und ich mache einen ersten Kontakt als Makler, da kriegen die Leute sofort von mir im Anfangsgespräch gesagt. Sie wissen aber, worauf Sie sich hier einlassen? Vor Ihnen sitzt der Stasi-ROTH! Ja, haben wir schon gehört. Ist okay!"

Er ist keiner, der in Internet-Blogs oder internen Foren ehemaliger Stasi-Mitarbeiter die eigene Vergangenheit beschönigt. Er sagt: Hier bin ich, fragt mich, ich antworte:

"Und da gibt's eben viele, die sagen: Aha, Hmm. Ich sage, wenn Sie nicht mögen, dann steh' ich jetzt wieder auf und geh."

Das Thema ist sein Thema. Bis heute. Geboren 1951. Mit 16 Jahren zum ersten Mal angesprochen von einem Stasi-Kontaktmann. Ein Jahr später wurde er inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Die Karriere ging straff weiter: Unterleutnant, Leutnant, Oberleutnant, Hauptmann. Zuletzt war er Major - bis 1990: Dem Jahr seiner Entlassung aus dem Dienst des MfS, des Ministeriums für Staatssicherheit:

"Wir haben zum Schluss Vorgesetzte gehabt, die haben wir selber schon abgewählt innerlich, die waren von unserem Standpunkt her schon gar nicht mehr vertretbar. Denken Sie, ich habe 1989 noch geglaubt, dass der MIELKE in Berlin noch ein vertretbarer Mann wäre?"


Erich MIELKE - Chef der Staatssicherheit - hatte zuletzt 189.000 inoffizielle und 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter in seiner Behörde. Bernd ROTH war einer davon. Sie haben gut verdient ...

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