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Thema: Ausgegrenzte DDR-Opfer in Jena


AUSGEGRENZTE DDR-OPFER

Das Denkmal an der Jenaer Gerbergasse


Die Einweihung des Denkmals für die SED-Opfer am 17. Juni 2010 in Jena hat eine unglückliche Vorgeschichte, die schon sieben Jahre früher begonnen hat! Damals hatte, zum 50. Jahrestag des Volksaufstands, in der Aula der Friedrich-Schiller-Universität am Fürstengraben in Jena eine wissenschaftliche Tagung mit Zeitzeugen stattgefunden, an welcher nicht nur des am 18. Juni erschossenen Schlossers Alfred Diener (1927-1953) gedacht worden war, sondern auch des anwesenden Streikführers Walter Scheler (1923-2008), der 2003 zum Ehrenbürger ernannt werden sollte. Auch unser einstiger Mithäftling Karl Heinz Johannsmeier, bis 1955 Feinmechaniker beim VEB Zeiss in Jena, war unter den Gästen gewesen, beim Empfang durch den Oberbürgermeister am Abend des 17. Juni stand er neben mir. Fünf Jahre zuvor war sein Buch erschienen „Neun Leben sind nicht genug. Mein Weg vom Stasi-Häftling zum Erfolgsunternehmer in Silicon Valley“ (1998), worin er von seinen drei Jahren Zuchthaus in Torgau und Waldheim berichtet hat und von seinem beispiellosen Aufstieg zum Millionär in den Vereinigten Staaten.

Karl Heinz Johannsmeier ist 1926 geboren und fuhr 1955, das war damals noch möglich, mit dem Motorrad von Jena nach Frankfurt am Main, wobei er auf dem Rückweg unglücklicherweise zum „Schwindelkurs“ eingetauschte Westmark mitführte. Er wurde verhaftet und von der „Staatssicherheit“ zur Mitarbeit erpresst. Zum Schein war er darauf eingegangen, bereitete, während seine Braut schon in Westberlin angekommen war, seine „Republikflucht“ vor und kaufte dummerweise vorher in der Ostberliner Stalin-Allee ein Fernglas der Firma Zeiss, wobei er seinen DDR-Ausweis vorlegen musste. Er wurde verhaftet, zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt und 1958 entlassen. Zwei Jahre nach seiner Flucht aus dem SED-Staat wanderte er, inzwischen 34 Jahre alt, in die Vereinigten Staaten aus.

Jahrzehnte später, im Dezember 2001, erhielt der inzwischen reich gewordene Jenaer in Kalifornien einen Brief aus Deutschland, für ihn läge eine Haftentschädigung von 18600 Mark bereit, eine Summe, welcher er nicht bedurfte und die er zur Errichtung eines Denkmals „Den Opfern der kommunistischen Diktatur“ in seiner thüringischen Heimatstadt Jena bestimmte. Dazu freilich sollte es nie kommen, denn der spendenfreudige Exhäftling im amerikanischen Ausland hatte nicht mit den politischen Wirrköpfen im Jenaer Stadtrat gerechnet. Die nun, allen voran Prof. Dr. Volkhard Knigge (1954), seit 1994 Leiter der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar, zerredeten das Projekt und warfen, man kann es in Briefen an die „Ostthüringer Zeitung“ nachlesen, Karl Heinz Johannsmeier allen Ernstes vor, durch den Kauf eines Fernglases 1955 „kriminell“ geworden zu sein („Optikschmuggel“), worauf der 2004 sein Angebot zurückzog.

Nachdem einige Jahre ins Land gegangen und das großzügige Angebot des nach Kalifornien ausgewanderten Jenaers fast vergessen war, schrieb die Stadt Jena einen Wettbewerb für einen Denkmalsentwurf aus, den die Weimarer Künstlerin Sybille Mania gewann. Dieses in Beton gegossene Denkmal für die Opfer der Gewaltherrschaft in Mitteldeutschland 1945/89, das aus 270 braunen, grauen, roten, schwarzen Kartons mit Stasi-Akten besteht, wurde am 17. Juni 2010 eingeweiht. Es steht auf einer Wiese vor dem inzwischen abgerissenen Gebäude, in dem bis 1989/90 die Kreisdienststelle des „Ministeriums für Staatssicherheit“ untergebracht war. Die Anschrift „Gerbergasse 18“ ist inzwischen auf die Zeitschrift der „Geschichtswerkstatt Jena“ übergegangen.

Unter den Rednern am noch verhüllten Denkmal waren am Vormittag des 17. Juni auch Volkhard Knigge, der 1992/94 an der Universität Jena Assistent des Linkshistorikers Lutz Niethammer (der neuerdings der Geschichtswerkstatt „Antikommunismus“ vorwirft!) gewesen war, und der die von der Stadt Jena eingeleitete Diskussion mit den Bürgern über den Denkmalsentwurf „mehr als vorbildlich“ nannte (was immer das sein mag!) und unser Mithäftling Roland Jahn, 1953 in Jena geboren, ein unerschrockener Bürgerrechtler, der am 8. Juni 1983 von der „Staatssicherheit“ im Interzonenzug Berlin/München angekettet und dadurch nach Bayern zwangsausgesiedelt worden war, wonach ihm die fränkische Universitätsstadt Erlangen, Jenas Partnerstadt seit 1987, jedes Gespräch verweigert hatte. Das lag auf derselben Ebene wie die Begegnung zwischen den beiden miteinander befreundeten Exilschriftstellern Leonhard Frank (1882-1961) und Alfred Kantorowicz (1899-1979) im Herbst 1957 in München. Während der DDR-Sympathisant Leonhard Frank von den üppigen Tantiemen lebte, die er aus Ostberlin für die Veröffentlichung seiner Gesammelten Werke überwiesen bekam, hatte Alfred Kantorowicz mit dem Kommunismus gebrochen und war am 20. August 1957 nach Westberlin geflohen, um der Verhaftung zu entgehen, worauf ihm Leonhard Frank wenige Wochen später in München den Handschlag verweigerte!

Roland Jahns Name als politisch denkender und handelnder Mensch ist mit vollem Recht auf diesem Denkmal verzeichnet wie der des Jenaer Facharbeiters Matthias Domaschk (1957-1981), der am 12. April 1981 im Untersuchungsgefängnis der „Staatssicherheit“ in der Bezirksstadt Gera umgebracht worden war. Unbedingt zu nennen waren auch der Schriftsteller Jürgen Fuchs (1950-1999), der in Jena Psychologie studiert hatte und als Freund des „Liedermachers“ Wolf Biermann am 19. November 1976 in Ostberlin verhaftet worden war; oder der des Leipziger Druckerlehrlings Baldur Haase, 1939 im Sudetenland geboren und heute in Jena lebend, der 1958 auf der Wartburg bei Eisenach einen westdeutschen Arbeiter aus dem Ruhrgebiet kennen gelernt hatte, der ihm George Orwells kommunismuskritischen Roman „1984“ aus dem Jahr 1949 zugeschickt hatte. Dafür war er mit mehr als drei Jahren Zuchthaus in Waldheim bestraft worden. In seinem Erlebnisbericht „Briefe, die ins Zuchthaus führten“ (2003) hat er davon berichtet.



Das alles sind ehrenwerte Leute, derer man gedenken sollte, weil sie, wie der Zeissianer Walter Scheler, Jahre ihres Lebens für den Einsatz gegen die SED-Diktatur opferten. Freilich vermisst man dann auch einige Namen, wenn man die Liste derer studiert, die auf dem Denkmal genannt sind. Die Träger dieser getilgten oder von vornherein und mit Bedacht nicht aufgeführten Namen sind aber in gleicher Weise politisch verfolgt und in Zuchthäuser weggesperrt worden, die aber offensichtlich nicht mehr in die politische Landschaft des Jahres 2010 passen.

Das Beispiel des Jenaer Philosophieprofessors Günter Albrecht Zehm ist hier besonders bezeichnend. Er ist 1933 in Crimmitschau/Sachsen geboren und war 1952/56 Student bei Ernst Bloch (1885-1977) in Leipzig. Nachdem seinem akademischem Lehrer 1957 die Lehrbefugnis entzogen worden war, wurde Günter Zehm als Assistent an die Universität Jena zwangsversetzt und dort am 5. Juni 1957 verhaftet. Nach dreieinhalb Jahren aus dem Zuchthaus Waldheim/Sachsen entlassen, floh er, noch vor dem Mauerbau 1961, nach Westberlin, wurde Kulturredakteur bei der Springer-Zeitung „Die Welt“ und 1993 Philosophieprofessor in Jena. Sein eiserner, durch nichts zu erschütternder Antikommunismus hat nun dafür gesorgt, dass sein Name auf dem Denkmal nicht erscheinen darf. Andere Oppositionelle, die mit Jena überhaupt nichts zu tun haben wie Rudolf Bahro (1935-1999), Oskar Brüsewitz (1929-1976), Robert Havemann (1910-1982) und Walter Janka (1914-1994), auch sie alle ehrenwerte Leute, sind sehr wohl verzeichnet.

Nun fragt man sich, wie diese Opferliste, auf der absichtlich einige Namen nicht aufgenommen worden waren, entstanden ist. In einem von Henning Pietzsch, dem Leiter der „Geschichtswerkstatt“, in der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ veröffentlichten Artikel kann man nachlesen, dass Jörg Vogel vom Kulturausschuss der Stadt Jena behauptet hat, „eine Arbeitsgruppe hätte sich mehrfach zu jenen Daten beraten“. Gemeint sind die auf dem Denkmal verschwiegenen Namen. Henning Pietzsch („einseitige Wahrnehmungen“) bestritt diesen Vorgang und erklärte: „Eine Arbeitsgruppe, an der die Geschichtswerkstatt direkt beteiligt war, gab es nicht, lediglich zwei Gesprächstermine mit den Künstlern in den Räumen der Geschichtswerkstatt. Unsere kritischen Hinweise zu Daten und Personen wurden in der Folge nicht berücksichtigt.“ Hier sei, so Henning Pietzsch, bei der Beschriftung des Denkmals der „Weg des geringsten Widerstandes“ beschritten worden: „Abgesehen davon, dass lebende Zeitzeugen namentlich benannt und damit herausgestellt werden, andere noch lebende Zeitzeugen dagegen nicht benannt werden… Eine befriedigende Antwort über die Auswahlkriterien wird es wohl nicht geben.“ Oberbürgermeister Albrecht Schröter wiederum, um Vermittlung und Frieden in seiner Stadt bemüht, meinte nichtssagend: „Ein Denkmal, dass keine Diskussionen auslöst, wäre kein gutes Denkmal.“

Nachmittags im „Volkshaus“ sprachen die Zeitzeugen Helmut Schlönvoigt, Klaus und Siegfried Hobrack. Wenn man deren Schicksale kennt (Klaus Hobrack wurde auf Betreiben seines Onkels, der in der SED-Kreisleitung saß, verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er am 17. Juni die Glocken der Stadtkirche geläutet hatte!) kann man über den Jenaer Opferstreit nur den Kopf schütteln!

Dr. Jörg Bernhard Bilke



Coburg, 11. Juli 2010
joerg.bilke@gmx.de

Sehr geehrter Herr Dr. Vogel,

ich bin am 17. Juni in Jena gewesen, um an der Einweihung des Denkmals für die SED-Opfer teilzunehmen. Jetzt bekam ich das neue Heft 57 der „Gerbergasse 18“, wo Dr. Henning Pietzsch über die Veranstaltung berichtet.

Da er Sie zitiert, möchte ich Sie direkt ansprechen. Er schreibt, Sie hätten in einem OTZ-Interview am 17. Juni 2010 erklärt, eine „Arbeitsgruppe hätte sich mehrfach zu jenen Daten beraten“, womit die Namen, die auf dem Denkmal verzeichnet werden sollten, gemeint waren.

Nun kommentiert Dr. Henning Pietzsch Ihren Satz so: „Eine Arbeitsgruppe, an der die Geschichtswerkstatt direkt beteiligt war, gab es nicht… Unsere kritischen Hinweise zu Daten und Personen wurden in der Folge nicht berücksichtigt.“

Welche Version des Vorgangs ist nun die richtige, Ihre oder die von Dr. Henning Pietzsch? Sollte es sich tatsächlich so verhalten haben, dass Sie und der Kulturausschuss der Stadt Jena ehemalige DDR-Häftlinge mit Jena-Bezug aus der Liste derer gestrichen haben, deren Namen auf dem Denkmal erscheinen sollten? Mir fallen da einige Namen ein wie Prof. Dr. Günter Zehm, 1933 in Crimmitschau/Sachsen geboren, der 1957 als Schüler Ernst Blochs Assistent im Fach Philosophie an der Universität Jena war, dann verhaftet und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, oder Hans Noll, 1954 in Berlin geboren, der Sohn des DDR-Schriftstellers Dieter Noll, der heute als „Chaim Noll“ in Israel lebt; er hat in Jena Mathematik studiert, bevor er wegen Wehrdienstverweigerung in einer psychiatrischen Anstalt verschwand.

Bitte, zerstreuen Sie meine Bedenken! Klären Sie mich darüber auf, dass Sie, 20 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin, keine DDR-Häftlinge nach dem Kriterium sortieren, wer würdig und wer unwürdig ist, auf dem Denkmal genannt zu werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Jörg B. Bilke




Siehe auch hier: www.webmart.de

und hier: "Die Zeit" v. 26. Juni 2003


Zuletzt bearbeitet: 18.01.2011 22:20 von Administrator


Dr_Bilke:
AUSGEGRENZTE DDR-OPFER

Karl Heinz Johannsmeier ... bereitete ... seine „Republikflucht“ vor und kaufte dummerweise vorher in der Ostberliner Stalin-Allee ein Fernglas der Firma Zeiss, wobei er seinen DDR-Ausweis vorlegen musste. Er wurde verhaftet, zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.
Prof. Dr. Volkhard Knigge (1954), seit 1994 Leiter der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar, man kann es in Briefen an die „Ostthüringer Zeitung“ nachlesen, (warf) Karl Heinz Johannsmeier allen Ernstes vor, durch den Kauf eines Fernglases 1955 „kriminell“ geworden zu sein („Optikschmuggel“).


Lieber Dr. Bilke,

ist ein schwieriges Thema.
Einen Schmuggel eines geschäftstüchtigen Herrn Johannsmeier zu bestrafen, steht jedem Staat zu. Sechs Jahre Haft für den versuchten Schmuggel eines Fernglases, da stehen die angeordneten Rechtsfolgen allerdings in grobem Missverhältnis zu der zu Grunde liegenden Tat ( § 1 Abs I Nr. 2 StrRehaG ).

schwieriges Thema...

Der Vorsitzende der UOKG war nach Presseangaben 15 Jahre alt, als er zum zweiten Mal beim Versuch verhaftet wurde, seinen Eltern gen Westen zu entlaufen ...
Gilt das Recht, sein Vaterland zu verlassen wirklich auch für Minderjährige ?
Und auch gegen den Willen ihrer Eltern ?
Was bekommt eigentlich heute ein Fünfzehnjähriger, wenn er zum zweiten Mal beim Versuch erwischt wird, sich an Bord eines Überseedampfers zu schleichen ? Bei der großen Fahrt ins Glück ?

Ein schwieriges Thema...

findet

Bodo Walther


Zuletzt bearbeitet: 18.07.2010 15:16 von BoWa


Dr_Bilke:


AUSGEGRENZTE DDR-OPFER

(„Optikschmuggel“).


P.S.: Lieber Dr. Bilke,

Schmuggel ist wahrscheinlich abgeleitet von dem gemeingermanischen Verb smeugan (Altnordisch smjúga) = „in ein Loch kriechen“. Andere Quellen führen es auf das früher in Westflandern gebräuchliche Substantiv smook (Nebel) zurück.

Schmuggel ist allgemein heute eingeordnet als ein Steuerdelikt:

Schmuggler umgehen den Ein- oder Ausfuhrzoll, eine Steuerart, die beim Überführen einer Ware über eine Grenze fällig wird.

Ausfuhrzölle erheben zum Beispiel rohstoffexportierende Staaten für das Ausführen von Gas, Öl, Kohle, Gold, Kupfer, Eisen etc.
Manche rohstoffexportierende Staaten haben gar keine anderen Steuereinnahmen.

Einfuhrzölle erheben z.B. Schwellenländer, um Importartikel so zu verteuern, dass die einheimische Industrie gegen diese Artikel eine Wettbewerbschance hat. China z.B. hat mit Einfuhrzöllen auf ausländische Kraftfahrzeuge mittlerweile eine auch ohne Zölle konkurrenzfähige Automobilindustrie aufgebaut.

In der EU umgehen Zigarettenschmuggler mit der Einfuhr der Stangen die Tabaksteuer.

Es gibt übrigens nur noch ein Land in Europa, das zur Steuerhinterziehung dem Bürger ein gewisses Recht zuerkennt, seine Steuern zu behalten. Das ist die Schweiz. Aber das wird gerade auf Linie gebracht ....

Im Moskauer Imperium, das wissen Sie sicher, gab es weder Ein- noch Ausfuhrsteuern, sondern das Leninsche Prinzip des AußenhandelsMONOPOLS des Staates. Deshalb hatte jeder RGW-Staat auch sein Außenhandels-Ministerium. Das heißt, nur der Staat DDR selbst durfte Waren ein- oder ausführen.

Das war sicher auch in irgend einem Devisen- oder Außenhandelsgesetz festgelegt. Verurteilungen mit dem Vorwurf des Verstoßes hiergegen sind nichts, hinter dem § 1 Abs. I Nr. 1 StrRehaG per se eine politische Verfolgung vermutet. Wohl aber, das schrieb ich schon, können die angeordneten Rechtsfolgen in grobem Missverhältnis zu der zu Grunde liegenden Tat stehen ( § 1 Abs I Nr. 2 StrRehaG ).

findet

Ihr

Bodo Walther


Zuletzt bearbeitet: 18.07.2010 16:26 von BoWa


BoWa:

ist ein schwieriges Thema.
Einen Schmuggel eines geschäftstüchtigen Herrn Johannsmeier zu bestrafen, steht jedem Staat zu. Sechs Jahre Haft für den versuchten Schmuggel eines Fernglases, da.[/URL]


Wenn ich dies richtig verstehe, bereitete Herr Johannsmeier seine Flucht aus der SED Diktatur vor. Für diese Flucht benötigte er ein Fernglas. Ich geh mal davon aus, daß Herr Johannsmeier nach einer vollendeten Flucht den anstehenden Zollbetrag für das Fernglas an die zuständigen D"D"R Zollbehörden überwiesen hätte.
Leider gelang diese Flucht nicht. Ihm daraufhin ein Zollvergehen vorzuwerfen ist demnach schon abartig.

Den einschlägig bekannten Behörden des SED Unrechtsstaates machte es aber immer wieder klammheimlich Freude, Flüchtlingen Zollvergehen
( Familienschmuck ), oder schwere Bewaffnung
( Taschenmesser ) zu unterstellen.
Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß manchmal beschlagnahmte Gegenstände später in Antiquitätengeschäften der Bundesrepublik Deutschland und Berlin ( West ) käuflich zu erwerben waren.




bernd:
Wenn ich dies richtig verstehe, bereitete Herr Johannsmeier seine Flucht aus der SED Diktatur vor. Für diese Flucht benötigte er ein Fernglas.


Lieber Bernd Mäge,

Herr Johannsmeier war 1955 auf dem Weg, um von Ostberlin nach Westberlin von einer Strassenseite auf die andere zu bzw. von eines Strassenbahnstation zur nächsten zu wechseln.
Dafür brauchte man kein Fernglas.
Dafür brauchte man nicht einmal eine Brille.
Mein Opa machte das im Gegenteil 1955 immer mit seiner Blindenbinde mit den drei Punkten und einem weißen Krückstock.

Ihr

Bodo Walther



BoWa:]
Mein Opa machte das im Gegenteil 1955 immer mit seiner Blindenbinde mit den drei Punkten und einem weißen Krückstock.


Hatte Ihr Opa auch Fluchtgedanken ??? War er auch vor seiner Flucht in die Fänge der Stasi geraten ?
Wurde er auch von der Stasi erpresst ???
Also ich bleib bei der Vermutung, das Fernglas brauchte er, um zB. eine Kreuzung, oder den Straßenzug zu beobachten, den er in Richtung Westberlin überqueren wollte.
Auch vor 1961 gab es genug Stasi Spitzel, die das Geschehen in Ostwestberlin beobachteten, und die auf Grund der Vorgeschichte von Johannsmeier vielleicht sogar ein Bild von ihm in der Tasche hatten.

Aber wie schon gesagt, in Unrechtsstaaten wird alles
im Sinne des Unrechtstaates gedreht.


Zuletzt bearbeitet: 20.07.2010 10:41 von bernd


BoWa:

Gilt das Recht, sein Vaterland zu verlassen wirklich auch für Minderjährige ?
Und auch gegen den Willen ihrer Eltern ?
Was bekommt eigentlich heute ein Fünfzehnjähriger, wenn er zum zweiten Mal beim Versuch erwischt wird, sich an Bord eines Überseedampfers zu schleichen ?
Bodo Walther


Naja, vielleicht war er mit 15 Jahren soweit, zu erkennen, daß die D"D"R nur ein kleiner Teil seines Vaterlandes war.
Meine Frage würde in diesem Zusammenhang lauten, haben kommunistische Fanatiker das Recht einen Jugendlichen, nur weil er vielleicht zu seiner Oma nach Bayern wollte, oder es einfach zu Hause nicht ausgehalten hat, für 2 Jahre einzusperren ???

Im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, daß unsere Justiz einen jugendlichen "blinden Passagier" mal ganz schnell in einen Kerker verschwinden läßt. Auch dann nicht, wenn er es 2 x versucht....



bernd:
Hatte Ihr Opa auch Fluchtgedanken ??? War er auch vor seiner Flucht in die Fänge der Stasi geraten ?


Lieber Bernd Mäge,

mein Großvater war ein Kriegskrüppel aus dem WK I.
1916, irgendwo hinter Vilnius, hatte ihm ein Granatsplitter die Schädeldecke aufgerissen und seitdem war er blind.
Damals, 1917/18 begann die deutsche Versorgungsverwaltung in größerem Umfang mit Hunden als Blindenführer zu experimentieren. Wir haben ein Bild von Großvater aus 1919 mit einem der ersten Blindenhunde aus dieser Zeit dem Kriegsblindenbund zur freien Verfügung überlassen.
Nun geistert es auch durchs Internet:

Nutzlose Fresser, Alte und Krüppel, das wissen Sie, durften (fast) jederzeit das Arbeiter- und Bauernparadies verlassen.

Kurz vor dem Mauerbau und im noch offenen Berlin hat Großvater noch seiner Tochter nach Westberlin geholfen.
Als die Volkpolizei die S-Bahnen auf alle jungen Nicht-Berliner Menschen durchkämmte, machte Großvater also auf hilflos und blind. Schrie Großvater Zeter und Mordio.
Er sei blind, blind, blind, ...
Er müsse nach Westberlin zur Schwester ...
... wo ist nur seine Tochter, die ihn führen muss.
Er ist hilflos und blind, blind, blind, blind,...
... hilflos ... Zeter und Mordio.
Die Volkspolizisten halfen den beiden dann noch auf dem Weg zum Grenzübergang.

1963, zwei Jahre nach Bau der Mauer, ist Großvater mit Großmutter dann selbst von Weißenfels nach Baden-Württemberg umgezogen. Er war dann schon 66, Rentner sowieso und wie gesagt:

Nutzlose Fresser, Alte und Krüppel, das wissen Sie, durften mit Unterbrechung in der zeit von 1961 bis 1963 jederzeit das Arbeiter- und Bauernparadies verlassen.

Ihr

Bodo Walther

P.S.:

Im Ersten Weltkrieg auf einem Schlachtfeld in Litauen wurde mein Großvater übrigens Kriegskrüppel mit dem Ziel der Errichtung eines europäischen Wirtschaftsraums unter deutscher Vorherrschaft. Vom Altlantik bis an die Grenzen Russlands. Eines Russlands übrigens, zu dem Weißrussland und die Ukraine nicht gehören sollten, sondern eben zum europäischen Wirtschaftsraum. Estland, Lettland und Litauen sowieso und Polen ja erst recht.
Einen europäischen Wirtschaftsraums mit einer einzigen, einheitlichen Währung, verwaltet von einer Zentralbank in Frankfurt am Main wollte Kaiser Wilhelm erkämpfen, als die Reichswehr 1914 gen Brüssel zog.

Das kommt mir gerade so in den Sinn, wenn ich lese, dass Frau Merkel eine Europäische Staaten-Insolvenz-Ordnung will. Das mit der Staaten-Insolvenz soll so gehen: Wenn ein Staat, also Griechenland oder Litauen überschuldet ist, dann wird das Insolvenz (=Konkurs-) Verfahren eingeleitet. Die Regierung und das Parlament dieses Staates, z.B. also Griechenland oder Litauen werden entmachtet und den Staatshaushalt stellt dann ein von der europäischen Union entsandter Konkursverwalter auf. Das könnte ein gerade nicht gewählter und damit ehemaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen sein. Oder jemand, der aus der Bürgerrrechtsbewegung der DDR stammt wie Joachim Gauck. Oder sonst eine verdienstvolle und erfahrene politische Persönlichkeit.

Der olle Kaiser Wilhelm II glaubte ja, dass er andere Völker ohne seine Reichswehr gar nicht würde bevormunden können.


Wer allerdings glaubt, aus einer DDR-Bürgerrechtsbewegung zu kommen wie Frau Merkel und glaubt, schon die Mauer allein durch die Kraft des Wortes niedergerissen und die Russen aus Berlin vertrieben zu haben ...
Alles ohne US-amerikanische Pershing-Raketen und ohne einen einzigen US-Soldaten in Berlin ...
Also, wer so was glaubt, der glaubt möglicherweise, dass es auch in Zukunft solch wundersame Dinge geben könne.

Mal im Ernst: Griechenland ist ein Land, in dem Moskau, Belgrad und Tirana bis 1949 (!!!) kommunistische Partisanen unterstützte.
Bis britische und US-Soldaten eine bürgerliche, westliche Ordnung durchsetzten.
1.300 griechische Partisanenkinder nahm die DDR nach 1949 auf.

Davon können wir eine Neuauflage erleben, wenn alles schief läuft.

Ich für meinen Teil glaube, dass es diesen europäischen Wirtschaftsraum mit einer einzigen, einheitlichen Währung, verwaltet von einer Zentralbank in Frankfurt am Main, um so einen Preis gar nicht geben muss.



Zuletzt bearbeitet: 20.07.2010 23:00 von BoWa


bernd:
Im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, daß unsere Justiz einen jugendlichen "blinden Passagier" mal ganz schnell in einen Kerker verschwinden läßt. Auch dann nicht, wenn er es 2 x versucht....


Gewiss kann ich mir das auch nicht vorstellen, lieber Bernd Mäge.
Wie ich mir auch nicht vorstellen kann, dass unsere Justiz jemanden zu 6 Jahren Haft verurteilt, weil er ein Fernglas oder zehn Stangen Zigaretten über die Grenze schmuggeln will. Da würden die angeordneten Rechtsfolgen in grobem Missverhältnis zu der zu Grunde liegenden Tat stehen ( § 1 Abs I Nr. 2 Strafrechtliches Rehabilitierungsgesetz ).

Allerdings sind Minderjährige als Musterbeispiel im Streit für die Reisefreiheit ebenso ungeeignet wie Schmuggler.



BoWa:

1963, zwei Jahre nach Bau der Mauer, ist Großvater mit Großmutter dann selbst von Weißenfels nach Baden-Württemberg umgezogen. Er war dann schon 66, Rentner sowieso ....


Wahnsinnsgeschichte !! Ich hoffe, daß Ihr Großvater noch viele gute Jahre in Baden-Württemberg hatte.



BoWa, 20.07.2010:

... wenn ich lese, dass Frau Merkel eine Europäische Staaten-Insolvenz-Ordnung will. Das mit der Staaten-Insolvenz soll so gehen: Wenn ein Staat, also Griechenland ... überschuldet ist, dann wird das Insolvenz (=Konkurs-) Verfahren eingeleitet. Die Regierung und das Parlament dieses Staates, z.B. also Griechenland ... werden entmachtet und den Staatshaushalt stellt dann ein von der europäischen Union entsandter Konkursverwalter auf. Das könnte ein gerade nicht gewählter und damit ehemaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen sein. Oder jemand, der aus der Bürgerrrechtsbewegung der DDR stammt wie Joachim Gauck. Oder sonst eine verdienstvolle und erfahrene politische Persönlichkeit.


Inzwischen, 16 Monate später, hat Dirk Niebel, Bundesentwicklungshilfeminister auch seine Kompetenz angeboten:







Mittlerweile sind weitere 20 Monate vergangen und nun macht auch Wolfgang Schäuble deutsche Hilfe für Griechenland davon abhängig,

dass Griechenland einige deutsche Finanzbeamte, die Schäuble offenbar anders nicht los wird, als "Aufbauhelfer" übernimmt.


Also so was Ähnliches, wie das nach 1990 innerdeutsch gelaufen ist: Als westdeutsche Behörden ihre jeweils übersschüssigen Beamten als "Aufbauhelfer" nach Osten entsandten.

Der olle Entwicklungsexperte Hermann Neubacher steht ja nun für Entwicklungshilfe nicht mehr zur Verfügung. Also ich meine den Neubacher, der nicht nur für Niebels Ministerium 1954 bis 1956 im Kaiserreich Äthiopien als "Berater und Verwaltungskommissar der Stadt Addis Abeba" eingesetzt war. Neubacher hatte seine ersten Erfahrungen ja schon gemacht als am 15. Oktober 1942 eingesetzter „Sonderbeauftragter des Reiches für wirtschaftliche und finanzielle Fragen in Griechenland“.

Während die BILD-Zeitung sich wundert über die griechischen wütenden Proteste gegen meine Lieblings-Agitprop-Sekretärin der FDJ ....

...wundere ich mich erstmal über meine Lieblings-Agitprop-Sekretärin selbst.

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