FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
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Thema: FREDERICK TAYLOR: „Die Mauer“


FREDERICK TAYLOR

Die Mauer – 13. August 1961 bis 9. November 1989
Siedler Verlag München 2009 (2. Auflage), Kapitel 14, S. 350ff


Textstelle

FLÜCHTLINGE, FLUCHTHELFER UND GRENZSOLDATEN

Es gab jedenfalls in den letzten Wochen des Jahres 1961 und auch 1962 von der Westseite mehrere solche Aktionen gegen die Mauer. Nach Sprengstoffanschlag im Juli 1962 am Potsdamer Platz waren die westlichen Behörden gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, um zu verhindern, dass bei solchen Vorfällen Menschen zu Schaden kamen. Solche Taten waren sehr wahrscheinlich das Werk der »GIRRMANN-Gruppe«, einer studentischen Fluchthilfe- und Subversionsorganisation im Umkreis der West-Berliner Freien Universität (FU). Obwohl ihre Aktivitäten kaum mehr als ein Zeichen des Protests waren, lösten sie bei den Kontrollsüchtigen in der DDR-Führung einige Panik aus. ULBRICHT wurden lange Berichte über solche Vorfälle vorgelegt.

Auch die S-Bahn, die weiterhin durch West-Berlin fuhr, aber vom Osten verwaltet wurde, war Ziel mehrerer kleiner Bombenanschläge, gewissermaßen als gewalttätige Ergänzung des Boykotts, mit dem die West-Berliner in den sechziger und siebziger Jahren die S-Bahn straften. Wirkliche Sorgen bereiteten den SED-Bossen jedoch die Flüchtlinge. Den Berlinern und der mit ihnen sympathisierenden Welt machten die Flüchtlinge indessen Mut, bewiesen sie doch, dass die Mauer nicht unüberwindlich war und dass es Hoffnung gab für die Millionen in der DDR gefangenen Menschen.

Heldentum und Tragik waren in jener Zeit nie weit voneinander entfernt. Hunderten von Menschen gelang die Flucht, aber Hunderte andere scheiterten, wurden anschließend verhaftet und häufig zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Bis zum Ende des Jahres 1961 bezahlten 13 Menschen den Fluchtversuch mit dem Leben.

Vier von ihnen starben zwischen August und Oktober bei dem Versuch, durch Fenster oder von Dächern in der Bernauer Straße in den Wesen zu gelangen. Nach dieser Phase wurden die an der Grenze stehenden Häuser systematisch geräumt und Fenster und Türen zugemauert. Sechs weitere Menschen überlebten den Versuch nicht, den Westen schwimmend zu erreichen, zwei im Teltowkanal, einer im Humboldthafen, zwei in der Spree und einer in der Havel zwischen Potsdam und West-Berlin. Drei von ihnen - darunter Günter LITFIN und Roland HOFF im August - wurden erschossen, drei andere überschätzten ihre Kräfte und ertranken. Das in der Havel zu Tode gekommene Opfer war ein 19-jähriger Bereitschaftspolizist, der an der Grenze zwischen Potsdam und Berlin Wachdienst hatte. Er war bei dem Versuch, durch den kalten Fluss nach Wannsee hinüberzuschwimmen, aus dem Wasser gefischt und in Arrest genommen worden. Zu diesem Zeitpunkt rang er jedoch bereits mit dem Tod, und er verstarb auf der Fahrt ins Krankenhaus an Erschöpfung und Wasser in der Lunge.

Udo DÜLLICK, ein 25-jähriger Ingenieur bei der Deutschen Reichsbahn, war entlassen worden, nachdem er in einem politischen Streit mit Kollegen regimefeindliche Ansichten geäußert hatte. Einige Tage später, am 5. Oktober 1961, versuchte er zwischen Friedrichshain im Osten und Kreuzberg im Westen durch die Spree zu schwimmen. Er wurde von einer Grenzpatrouille beschossen, aber nicht getroffen. Dennoch kollabierte er aufgrund von Überanstrengung, den starken Strömungen und vielleicht auch aus Angst. Seine Leiche wurde von West-Berliner Polizisten aus dem Wasser gezogen.

Da er keine Papiere bei sich hatte, blieb er tagelang ein »unbekanntes Opfer der Mauer«, bis sein Bruder, der in der Schweiz lebte, nach Westberlin kam und ihn identifizierte. Erst zu diesem Zeitpunkt bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen seiner Eltern in Ost-Berlin. Ihr Sohn wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme in West-Berlin beigesetzt.

Seine Eltern, gläubige Katholiken, durften in der Kapelle des Friedhofs von Rehfelde außerhalb von Berlin einen stillen Trauergottesdienst abhalten. Die Stasi hatte jedoch eine zynische Bedingung gestellt: Der Priester durfte weder die Ursache noch die Begleitumstände des Todes erwähnen. Solch erzwungenes Schweigen wurde bei Trauergottesdiensten für Maueropfer zur Regel.

Besonders ergreifend war der letzte Todesfall des Jahres 1961. Im vorangegangenen Jahr hatte sich der 21-jährige Ingo KRÜGER verlobt Dass er im Osten und seine Verlobte im Westen wohnte, war bis zum 13. August, als sie sich zufällig auf verschiedenen Seiten der Grenze befanden, nur eine Unannehmlichkeit gewesen. Glücklicherweise besaß seine Verlobte einen westdeutschen Pass, sodass sie ihn in Ost-Berlin besuchen konnte. Aber die Situation war unerträglich. Ingo KRÜGERs geheimes Kapital waren seine Fähigkeiten als Taucher. Er beschloss, sich einen Tauchanzug und ein Atemgerät zu borgen und unter Wasser in den Westen zu schwimmen. Neben seiner Verlobten weihte er auch mehrere Freunde in seinen Plan ein. Am 10. Dezember 1961, einem Sonntag, besuchte seine Verlobte ihn ein letztes Mal und fuhr dann in den Westen zurück, um in der kalten Winternacht auf ihn zu warten. Alles war vorbereitet.

Um elf Uhr abends gingen Ingo KRÜGER und drei seiner Freunde über den Schiffbauerdamm, der unterhalb des Bahnhofs Friedrichstraße an der Spree entlangführte. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, zog Ingo den Mantel aus, der den Tauchanzug verdeckt hatte, und stieg ins Wasser. Er hatte nicht vor, direkt von Ost nach West zu tauchen. Die Stelle, an der er sich in die Spree hinabließ, war ein gutes Stück von der Grenze entfernt. Vom Tauchanzug geschützt, wollte er mithilfe des Atemgeräts rund 500 Meter unter Wasser zurücklegen. Er würde, noch in Ost-Berlin, eine ganze Kurve der Spree hinter sich bringen und unter einer Brücke hindurchschwimmen, bevor er schließlich am Reichstagufer aus dem Wasser steigen konnte, nahe am alten deutschen Parlament und wenige Meter jenseits der Sektorengrenze. Auf diese Weise würde er der Aufmerksamkeit der Grenzwachen entgehen, die nur die grenznahen Ufer im Auge behielten. Es war ein kühner, aber, so schien es, kein irrwitziger Plan. KRÜGER war Sportler, ein ausgezeichneter Schwimmer, und er verfügte über die nötige Ausrüstung, und so wartete seine Verlobte, warm eingehüllt, um dem Dezemberwetter zu trotzen, voller Hoffnung am Reichstagufer auf seine Ankunft.



Etwa um 23.30 Uhr fand ein ostdeutsches Zollboot in der Nähe der Marschallbrücke, der letzten Brücke vor der Grenze, jedoch die Leiche eines jungen Mannes im Wasser. Ingo KRÜGERs Verlobte musste mit ansehen, wie in 200 Metern Entfernung im Licht von Scheinwerfern eine Leiche aus der Spree geborgen wurde. Kurz darauf verschwand das Zollboot wieder in der Dunkelheit. Die entsetzte junge Frau ahnte, was passiert war, hoffte aber weiter. Sie schrieb mehrmals an Ingo KRÜGERs Mutter. Vielleicht war die Leiche ja jemand anders gewesen, und er war zwar im Gefängnis, aber am Leben. Sie erhielt keine Antwort. Erst Anfang 1962 erfuhr sie, dass man die Mutter ihres Verlobten daran gehindert hatte, ihr zu schreiben. Frau KRÜGER hatte ihren Sohn am 12. Dezember identifiziert, knapp zwei Tage nach dem Fluchtversuch. Sein Körper wies keine Anzeichen von Verletzungen auf. Ihr Sohn hatte einfach unterschätzt, wie eisig die Spree im Dezember sein konnte, und seine eigene Widerstandsfähigkeit gegen die Kälte überschätzt.

Natürlich gab es auch spektakuläre Erfolge. So gelang mehreren Lastwagen der Durchbruch in den Westen, bevor im Spätherbst 1961 die Fahrzeugsperren verstärkt und die Sperrzonen ausgeweitet wurden. Am 5. Dezember fuhr der 27-jährige Lokomotivführer Harry DETERLING am Grenzbahnhof Albrechtshof einen fahrplanmäßigen Passagierzug mit voller Geschwindigkeit durch die Grenzsperren, die diese Strecke seit August blockierten, und setzte die Fahrt auf den noch vorhandenen Gleisen einige Hundert Meter fort, bis sich der Zug in Berlin-Spandau in Sicherheit befand. Von den 32 Menschen im Zug waren 24 in den Fluchtplan eingeweiht, darunter sieben Angehörige von DETERLINGs Familie sowie sein Heizer Hartmut LICHY. DETERLING hatte sie sorgfältig als Passagiere des »letzten Zuges in die Freiheit«, wie er ihn nannte, ausgewählt. Als der Zug die Grenzsperren durchbrach und ein Kugelhagel auf ihn niederging, hatten sich alle auf den Fußboden geworfen. Sieben Mitreisende, einschließlich des Schaffners, die nichts von DETERLINGs Vorhaben gewusst hatten, kehrten in den Osten zurück. Die letzte unabsichtliche Mitfahrerin, ein 17-jähriges junges Mädchen, das nun durch die Mauer von ihren Eltern getrennt war, entschied sich spontan dafür, im Westen zu bleiben.

Solche Fluchten gelangen durch Glück und sorgfältige Planung. Schon vor der umfassenden Befestigung der Mauer war es gefährlich, sich allein und auf geradem Weg der Grenze zu nähern. Laut Statistik wurden zwischen dem 13. August und 31. Dezember 1961 insgesamt 3041 Personen bei gescheiterten Fluchtversuchen festgenommen. Die meisten - 2221 (73 Prozent) - hatten zu Fuß zu fliehen versucht, weitere 335 (elf Prozent) mit der Eisenbahn, 244 (acht Prozent) mit motorisierten Fahrzeugen, 114 (vier Prozent) über die Ostsee, 96 (drei Prozent) schwimmend über Flüsse, Kanäle oder Seen sowie 31 (ein Prozent) durch diel Kanalisation. Konnte es angesichts dessen überraschen, dass rasch das Bedürfnis nach Expertenhilfe entstand und dass es für diese Hilfe eine große Nachfrage gab?

Fluchthilfeorganisationen gab es seit der ersten Stunde. Die ersten dieser Gruppen bildeten sich aus idealistischen Motiven heraus, als aktiver Protest gegen die Teilung Berlins, und die meisten rekrutierten sich aus der großen Studentenschaft in West-Berlin. Eine dieser Organisationen fand noch am Abend des 13. August 1961 im internationalen Studentenwohnheim Eichkamp der Freien Universität zusammen.

Wenn es eine soziale Gruppe gab, die für die Fluchthilfe geeignet war, dann die Studenten. Sie waren jung, für gewöhnlich fit und zumeist ohne Vollzeitjobs oder familiäre Verpflichtungen, und sie hatten Zugang zu einem umfangreichen, sogar weltweiten Netzwerk von Menschen mit gleicher Gesinnung und häufig großem Einfluss. Außerdem besaßen sie wertvolles Expertenwissen in Fremdsprachen, Ingenieurtechnik, Rechtslehre und so weiter. Das ursprüngliche Motiv der drei Gründungsmitglieder der FU-Gruppe - der Jurastudenten Detlef GIRRMANN und Dieter THIEME und des etwas später zu ihnen stoßenden Theologiestudenten Bodo KÖHLER - war die Solidarität zwischen Studenten. Vor dem 13. August stammte nämlich ein erheblicher Teil der Studenten der FU aus Ost-Berlin - rund 500. Die drei Verschwörer beschlossen, mit diesen »Oststudenten« Kontakt aufzunehmen und, wenn sie es wünschten, ihre Flucht in den Westen zu organisieren, damit Sie ihr Studium beenden konnten.

GIRRMANN und THIEME waren beide in den Dreißigern und damit selbst für deutsche Verhältnisse relativ alt für Studenten. Tatsächlich arbeiteten sie im Studentenwerk der FU, wo sie vor allem für die Unterstützung der Studenten aus dem Osten zuständig waren. Dadurch hatten sie Zugriff auf die Kartei der Stipendienanträge, die alle nötigen persönlichen Angaben enthielt, einschließlich Adressen und Passfotos. Da die Gründer als West-Berliner aber nach dem 23. August nicht mehr nach Ost-Berlin fahren konnten, brauchten sie Studenten mit westdeutschem oder ausländischem Pass, die die »Ehemaligen« aufspüren konnten. Diese Kontaktpersonen wurden »Läufer« genannt. Die erste Phase der Kontaktaufnahme zu im Osten festsitzenden Kommilitonen war riskant. Einer, der die Gefahr auf sich nahm, war Burkhart VEIGEL, ein Medizinstudent mit westdeutschem Pass. Er beschrieb später das übliche Vorgehen, nachdem man den »Ehemaligen« gefunden hatte:

»Das war natürlich nicht ungefährlich für den Läufer, aber auch für den potentiellen Flüchtling, denn wenn die >Stasi< [...] davon Wind bekam, wurden beide verhaftet und abgeurteilt, der eine als Fluchthelfer, der andere als Republik-Flüchtling. Deshalb musste jeder Läufer zu jedem >Ehemaligen< eine harmlose >Story< parat haben, weshalb er ihn besuchte, z. B. ob er die letzte Seminararbeit abholen solle oder ob er nicht doch zu der Besprechung mit dem Professor in den Westteil der Stadt kommen könne. Die Ersatzstory musste absolut glaubhaft sein, aber auch so harmlos, dass der Läufer höchstens als gutgläubiger Idiot dastand, nie als (im Ostjargon) Krimineller. Erst wenn sicher war, dass man keine ungebetenen Zuhörer hatte, erst wenn der Läufer sicher sein konnte, dass der >Ehemalige< >echt< war, d. h. kein Spitzel oder von der Stasi inzwischen >umgedreht<, erst dann konnte man darangehen, ganz vorsichtig über die Möglichkeit einer Flucht zu sprechen.«



Pläne und Instruktionen für die Flucht in den Westen wurden mit beinahe bürokratischer Gründlichkeit ausgearbeitet. Formulare wurden ausgefüllt, persönliche Angaben notiert. Weitere wichtige Informationen konnten den Universitätsakten entnommen werden. Beim Erstkontakt mit dem »Ehemaligen« wurden ein Passwort und einfache Codes vereinbart, um die Kontaktzeit und inkriminierende Gespräche auf ein Minimum zu beschränken. Laut VEIGEL erhielt der Flüchtling vor einem Treffen einen Telefonanruf von, sagen wir, »Onkel Josef«, der ihm eine bestimmte Radiosendung empfahl. Das bedeutete, dass man sich zum Zeitpunkt des Beginns der Sendung treffen würde. Oder der Anrufer fragte den Ehemaligen, ob er etwas frische Luft schnappen wolle, worauf der Flüchtling antworten musste: »Ja, aber leider bin ich etwas erkältet.«

Bei den Treffen kam es auf Pünktlichkeit an. Die »Läufer« waren angewiesen, nur wenige Minuten an einem Treffpunkt zu warten. In einer Diktatur wie der DDR fiel man rasch auf, wenn man sich als Fremder, zumal als einer, der westliche Kleidung trug, allzu lange an einem Ort aufhielt. Verspätete sich der Fluchtkandidat zu sehr, kehrte der Helfer in den Westen zurück, und ein neues Treffen wurde organisiert. Platzte das Treffen erneut, wurde der Kontakt abgebrochen.

Das beliebteste Fluchtmittel waren gefälschte Dokumente. Zumindest am Anfang konnte sich die »GIRRMANN-Gruppe« auf die Duldung und unter der Hand sogar auf die Unterstützung von West-Beriiner und westdeutschen Behörden stützen. Gleichwohl war nicht zu leugnen, dass diese Organisationen häufig an den Grenzen der Legalität handelten. Unter normalen Umständen hätte man ihre Aktionen als arglistige Täuschung und Fälschung bezeichnen müssen. Aber in den Wochen nach dem 13. August waren die Umstände in den Augen der West-Berliner und der Demokraten auf der ganzen Welt alles andere als »normal«.

Die »GIRRMANN-Gruppe« verfügte über weit verzweigte Auslandskontakte. Eine Möglichkeit, ausländische und westdeutsche Pässe zu beschaffen, bestand einfach darin, sie sich auszuleihen, zumal wenn der Besitzer dem Fluchtwilligen ähnlich sah. Außerdem stellten einzelne ausländische Diplomaten und Beamte, die mit der Tätigkeit der Gruppe sympathisierten, Blankopässe zur Verfügung. Die Beschaffung ausländischer Pässe wurde umso wichtiger, nachdem Ende September für Westdeutsche, die in den Osten reisen wollten, Ein- und Ausreisevisa obligatorisch geworden waren.

VEIGEL, der den Decknamen »Schwarzer« erhielt, fuhr nicht nur als »Läufer« nach Ost-Berlin, sondern reiste auch ins Ausland, um von dortigen Kontaktpersonen Blankopässe abzuholen. Eine solche Reise führte ihn nach Zürich, wo er sich mit Rolf BRACHER traf, dem Sohn eines Schweizer Generals, der seine Position genutzt hatte, um Schweizer Pässe zu beschaffen. BRACHER hatte nach der gescheiterten Revolution von 1956 Flüchtlingen aus dem sowjetisch kontrollierten Ungarn bereits den gleichen Dienst erwiesen.

Manchmal meldeten sich auch Hilfswillige aus eigenem Antrieb bei der Gruppe. VEIGEL hat von einem Mann erzählt, der eigens aus Belgien angereist war und nicht nur einen Koffer voller Pässe mitgebracht hatte, sondern auch den amtlichen Stempel seiner Heimatgemeinde, mit dem sie beglaubigt werden konnten. Überrascht waren VEIGEL und seine Freunde, dass es sich bei den Helfern, die ihnen diese wertvollen Dinge zur Verfügung stellten, teilweise um Menschen handelte, die 20 Jahre zuvor auf die gleiche Weise Flüchtlingen vor dem Naziregime geholfen hatten. ...

So gelangte die Gruppe in den Besitz von zwei- bis dreihundert Blankopässen. Am liebsten waren ihr Dokumente kleinerer europäischer Länder. Hätte sie britische, amerikanische oder französische Pässe benutzt, hätte sie möglicherweise die Besatzungsmächte gegenüber dem Osten in eine peinliche Situation gebracht. Die Gruppe hatte sich die Fertigkeilen, die man braucht, um Pässe zu »präparieren«, rasch angeeignet, aber solche Geschenke erleichterten ihr natürlich die Arbeit. Waren die Pässe in Ost-Berlin übergeben worden, mussten die Flüchtlinge ihre »Lebensläufe«, wie sie sich in den Passangaben niederschlugen, auswendig lernen. Außerdem brachte man ihnen einige alltägliche Wendungen in ihrer angeblichen Muttersprache bei, machte sie mit den Ausreiseformalitäten vertraut und bereitete sie auf eventuelle unangenehme Fragen von ostdeutschen Grenzbeamten vor.

In den ersten fünf Monaten nach dem 13. August funktionierte die »Passmethode« ausgezeichnet, aber sie wies nicht den einzigen Weg in den Westen. Es gab andere »Touren«, wie die Fluchtwege genannt wurden. Beispielsweise durch die Kanalisation. Schon vor dem 13. August waren die Abwasserkanäle häufig durch Gitter versperrt gewesen. Die Gitter waren in den fünfziger Jahren eingebaut worden, um kriminelle Banden aufzuhalten, die zwischen dem sowjetischen Sektor und den Westsektoren Zigaretten und andere Waren schmuggelten. Doch so massiv sie waren, sie hielten der Entschlossenheit der West-Berliner Studenten nicht stand, die mit Metallsägen anrückten und Löcher in sie hineinschnitten.

Die ersten Fluchthelfer, die diesen Weg benutzten, waren Anfang September 1961 einige Oberschüler, die wie die FU-Gruppe Freunden helfen wollten, die seit dem 13. August im Osten gefangen waren. Zum Beginn des neuen Schuljahrs sollten sie in West-Berlin sein. Auf sich allein gestellt, lernten die West-Berliner Schüler durch zahlreiche Versuche und Fehlschläge, woran man die richtigen Kanaldeckel erkannte. Anschließend suchten sie einen geeigneten Kanalisationstunnel, der direkt von Ost nach West führte. Auch für sie mussten Besitzer westdeutscher Pässe im Osten nachforschen. Sie fanden schließlich 50O Meter von der Grenze entfernt an einem Fabrikgelände, das nachts völlig menschenleer dalag, einen geeigneten Einstieg. Von dort führte ein Kanal unter der Grenze hindurch nach Kreuzberg, wo man 300 Meter weiter in einem verlassenen Gebiet an die Oberfläche steigen konnte. ...

Lieber Peter Geiger,

das Buch von F. TAYLOR habe ich in den Ferien gelesen und kann es nur weiterempfehlen.

Nochmals herzlichen Dank für dieses tolle Geburtstagsgeschenk!

Siehe auch hier: www.webmart.de



Siehe hierzu auch ältere SPIEGEL-Ausgaben von 2001/02 ...

- "Unternehmen Reisebüro"

- "Ein Koffer voller Blanko-Pässe"

- Das "Unternehmen Reisebüro" und die Folgen



Lieber Wolfgang,

schön, daß Dir das Buch von Frederick Taylor inhaltlich gefallen hat - natürlich hat er nicht in der DDR gelebt: das hätte auch jemand nicht freiwillig tun wollen. Sicher, vielleicht wären da noch manche Details von direkt Betroffenen für die Leserschaft ergänzend interessant. Aber somit bekommt auch ein englisches Lesepublikum einmal einen Eindruck von dieser grauenvollen Teilung Deutschlands...

Vielen Dank auch für die Links zu dem de Maizière-Gespräch - das werde ich mir noch anschauen. Auch wenn sich de Maizière nur ins Gespräch bringen will - eine solche Äußerung ist trotzdem der Hammer. Vor allem steht sie jetzt wieder einmal im öffentlichen Raum und sollte daher nicht unwidersprochen bleiben.

Ja, Ramelow ist auch ziemlich übel. Aber diese Leute nisten sich schon überall ein: in der taz online erscheinen schon immer mal wieder Werbeanzeigen für die Linke; einflußreiche Grünen-Politiker verharmlosen die Linke auch schon - ja, leider ist das der größte Triumph, den die SED zu verbuchen hat: die systematische Unterwanderung durch eine äußerst raffinierte Gehirnwäsche. Selbst vermeintliche Pazifisten hierzulande fallen auf diese Masche herein und vergessen dabei bzw. erkennen erst gar nicht, daß der Kommunismus gerade ihnen den Todesstoß versetzt hat: sie sind lediglich ein Randphänomen - es ist wie Carl von Ossietzky einst formulierte, das "sanfte Aroma der Lächerlichkeit", das der deutschen Friedensbewegung bis zum heutigen Tag anhaftet...

Aber auch im Ausland hat sich die weitläufigere Friedensbewegung vom Mythos der Kommunisten vereinnahmen lassen, wie man sehr genau bei dem britischen Historiker E. P. Thompson studieren kann, der 1985 in der Zeitschrift der britischen CND (Campaign for Nuclear Disarmament) über den VE-Day schrieb und darin auch die Sowjetunion lobte (als ob Stalin so viel anders als Hitler gewesen wäre!!) und den 2. Weltkrieg als den "guten Krieg" hinstellte, was ja auch das Establishment tut. Ja, so etwas diskreditiert eine Bewegung, weil man damit nicht grundsätzlich gegen Krieg ist.

Ich werde auch noch etwas über die Churchill-Verehrung des SPIEGEL schreiben, aber es kann noch etwas dauern...

Im Moment bin ich zum einen mit einem MS von meinem Mitstreiter Christoph Rosenthal beschäftigt, aber auch mit zwei sehr interessanten Gandhianern: Richard Gregg, ein amerikanischer Gandhi-Anhänger, der in den 1930er Jahren auch in der britischen Peace Pledge Union, der britischen Sektion der Internationale der Kriegsdienstgegner diskutiert wurde; zum anderen einem in den USA auch in dieser Zeit wirkenden indischen Gandhianer namens Krishnalal Shridharani. Die beiden Bücher habe ich antiquarisch jeweils aus GB und Neuseeland beziehen können.

In dem Vorwort zu dem Buch von Shridharani wird übrigens auch offen von der Kriegsschuldlüge (also der Behauptung, Deutschland sei am 1. Weltkrieg alleine schuld gewesen) gesprochen wird. Diese beiden Personen wurden auch 2005 bei der vom Versöhnungsbund organisierten Deutschland-Tournee eines US-Kriegsdienstverweigerers aus dem 2. Weltkrieg gesprochen - ich war ja damals in Münster bei der Veranstaltung...

Übrigens: Das Buch von Anne Applebaum, das ich zur Zeit auf meinen täglichen Fahrten von und zur Arbeit lese, gibt es auch auf Deutsch (und hat bei Amazon nur gute Kritiken erhalten):

http://www.amazon.de/Gulag-Anne-Applebaum/dp/3442153506/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1282937391&sr=1-1

Hierin wird auch deutlich, daß die sowjetischen Lager auch industriemäßig betrieben wurden und die Zwangsarbeiter ähnlich wie unter Hitler zu Tode gearbeitet wurden. Allerdings stellte ich an zwei Stellen bislang sexistische Tendenzen der Autorin fest, wo sie wie im konventionellen Denken eben üblich das Leiden von Männern im Vergleich mit dem von Frauen unter solchen unwürdigen Umständen leicht bagatellisiert - das wäre mein Kritikpunkt. Aber sonst ist das Buch sehr akribisch recherchiert und lesenswert....

So viel erst mal für heute.

Ein schönes Wochenende wünscht Dir

Peter

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