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Thema: ANDREAS BLEY (BStU Gera) gestorben


"Ostthüringer Zeitung" v. 4.3.2011

Stiller Mann der ersten Stunde:

GERAER CHEF DER STASI-BEHÖRDE GESTORBEN

Die Stasi-Unterlagenbehörde in Gera verliert mit dem Tod von Andreas BLEY einen ungewöhnlichen Leiter.


Gera. Endlich stand er vor dem Ziel, das er so hartnäckig verfolgt hatte: dem Thema DDR-Geschichte, dem Thema Diktatur einen gebührenden Platz im Schulunterricht freizuschlagen. Lehrer und Schulämter hatte Andreas BLEY, der Leiter der Geraer Außenstelle für die Stasi-Unterlagen, auf seine Seite gezogen, um gemeinsam Ideen für Schulstunden, Lehrpläne und Fortbildungsmaterial zu erarbeiten. Am Donnerstag unterzeichnete BLEY hierzu die Vereinbarung mit den Behörden. "Das war der Höhepunkt seiner Arbeit", sagte eine Mitarbeiterin. Wenige Stunden später brach der 59-Jährige in Gera auf der Straße zusammen und verstarb.

"Die Nachricht vom überraschenden Tod von Andreas BLEY erfüllt mich und meine Kollegen mit tiefer Trauer", sagte gestern Marianne BIRTHLER, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. "Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen. Mit Andreas BLEY verlieren wir jemanden, der sich für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie engagierte und jahrzehntelang beharrlich über die SED-Diktatur aufklärte."

Mit Bestürzung reagierten gestern auch Weggefährten in Gera auf die Nachricht. Roland GEIPEL, Oberpfarrer i.R., hatte den jungen Mann 1978 bei einem Konzert mit der Liedermacherin Bettina WEGNER kennengelernt. Fortan gestalteten sie gemeinsam in der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Lusan außergewöhnliche Krippenspiele, "deren politische Schärfe an die Grenze des Machbaren ging". "Ich habe Andreas BLEY stets als kreativ, zielgerichtet und engagiert erlebt, als Mann mit einem hohen intellektuellen Anspruch", so GEIPEL.

Die Arbeit hatte den gebürtige Zwickauer nach dem Maschinenbaustudium nach Gera geführt. Er arbeitete beim Werkzeughersteller Wema Union, später als Energetiker im VEB Obst- und Gemüsekonserven Gera. Bis 1990, da kehrte er dem Werk den Rücken, um bei der Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit Gera dabei zu sein. BLEY war besonnener Akteur, ein stiller, beharrlicher Mann der ersten Stunde. Er wurde Mitglied im Bürgerkomitee, wirkte seit Herbst 1990 in der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen mit, leitete seit 1994 die Außenstelle Gera.

Ein typischer Behördenleiter war der feingliedrige Mann, der auch immer ein bisschen Künstler war, dennoch nie. Wie Vertraute wissen, war es für ihn ein Balanceakt und ständiges Austarieren zwischen dem engen Korsett des Behördenalltags einerseits und den eigenen kreativen Ansprüchen und Neigungen anderseits. BLEY reiste unermüdlich mit Vorträgen durch die Bundesrepublik und organisierte Ausstellungen zum Stasi-Spitzel-Apparat. Und immer wieder versuchte er, der Jugend DDR-Geschichte zu vermitteln. Er war ein Hartnäckiger der sanften Art. Da durfte auch mal über Stasi-Apparatschiks gelacht werden, weil auch ein entlarvendes Lachen für BLEY zur Aufarbeitung gehörte.

Seiner künstlerischen Ader folgend, hatte Andreas BLEY in Gera die Schassen-Galerie mit ins Leben gerufen, fotografierte und führte Interviews mit Zeitzeugen wie den Wismut-Kumpeln der Region. Das war sein Ausgleich.

Andreas BLEY wäre im Juli sechzig Jahre alt geworden. In dem Monat wollte er auch sein Amt niederlegen. Die Verabschiedung war bereits geplant. Doch dieser Abschied kam viel zu früh.

Katrin WIESNER

*) OTZ



5.6.2012

STASI-UNTERLAGENBEHÖRDE IN GERA WEITER UNBESETZT

Die Außenstelle der Geraer Stasi-Unterlagenbehörde ist weiter unbesetzt. Wie Roland JAHN, Bundesbeauftragter für die Stasi-Akten, gestern in Gera sagte, sei die Sache zwar entschieden, aber durch einen Rechtsstreit aufgehalten. Ein unterlegener Bewerber klagt gegen die Entscheidung, das Verfahren ist noch nicht entschieden. Das sei bedauerlich, denn dadurch ist die Geraer Außenstelle
"gehandicapt".

Von Katja SCHMIDTKE

Gera. Für Roland JAHN ist der Amthordurchgang nicht neu. Er kennt das Haus als Gedenkstätte: Er hat hier Vorträge gehalten. Er kennt es auch als Stasi-Gefängnis: Er war hier eingesperrt. Bis nach fünf Monaten im Schwurgerichtssaal des angrenzenden Gerichts das Urteil wegen angeblicher Herabwürdigung staatlicher Symbole gesprochen wurde. Insofern weiß JAHN um die Wirkung, die Authentizität dieser Orte.

Heute als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen sagt er, dass Gedenk- und Begegnungsstätten wie der Amthordurchgang einen wichtigen Beitrag in der Aufarbeitung leisten. Sie sind nah dran an den Menschen, sie geben der Geschichte einen Platz, sie erzählen, wo die konspirativen Wohnungen waren und wie die Stasi ihre Arbeit für den Bezirk koordinierte.

Bei seinem Besuch gestern im Torhaus der Haftanstalt wird der gebürtige Jenenser nicht müde zu betonen, für wie wichtig er die Zusammenarbeit zwischen solchen Vereinen und seiner Behörde hält. Alle zwölf Außenstellen kooperieren mit Bürgervereinen. "So sollte es auch in Zukunft sein, durch die Bereitstellung von Akten oder Referenten", sagt JAHN. So ließen sich Kräfte bündeln. Das fügt sich ins Bild seiner Ankündigung, die Behörde zu einem Dienstleister für die Gesellschaft auszubauen. Gefragt nach Zukunft und Verbleib der Akten über 2019 hinaus, bleibt er unkonkret. "Man muss bereit sein über alles zu reden, aber man muss fragen, was Sinn macht. Wie kann Aufarbeitung mit wenigen Mitteln gut geleistet werden?" Er plädiert für die Arbeit vor Ort, sie sei bürgernah und damit wirksam.

Das will auch die Geraer Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde unterstützen. Die nächste gemeinsame Veranstaltung behandelt am 14. Juni, um 19.30 Uhr, das Schul- und Bildungswesen der DDR.

Quelle