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Thema: HARALD BAIER: Flucht als DDR-Grenzer in den Westen |
24.5.2012
Flucht über den Todesstreifen vor 50 Jahren
HARALD BAIER KAM 1962 ALS DDR-GRENZER IN DEN WESTEN
PEGNITZ - Vor genau 50 Jahren gelang Harald BAIER die Flucht aus der ehemaligen DDR in den Westen. Er war dafür gezielt Grenzsoldat geworden. Aber der Neuanfang in der BRD war in den ersten Jahren sehr schwierig. Seine Erinnerungen flossen jetzt ins Internetportal „Gedächtnis der Nation“, das Zeitzeugen des ganzen letzten Jahrhunderts in Interviewfilmen vorstellt.
©Knauber
Harald Baier ist glücklich in Pegnitz, fährt aber auch gern zum
Klassentreffen nach Ilmenau. 20 der 30 Ehemaligen sagten bisher zu
Vor Wochen flatterte Harald BAIER, 68, ein Brief ins Haus. Er kam von Mitschülern seines Abiturjahrgangs in der DDR. Sie luden ein zu einem Wiedersehen nach 50 Jahren. Harald BAIER fährt am 9. Juni hin, unbedingt, weil er so lange keinen Kontakt hatte. Denn er verließ die Klasse ein Jahr vor dem Abschluss, um seine Flucht vorzubereiten.
Harald BAIER, 1943 im Sudetenland geboren, kam 1945 mit den vertriebenen Eltern nach Thüringen. Aber seine Grundschuljahre verbrachte er nicht nur in Pennewitz bei Ilmenau, sondern auch in einer „Pionier-Republik“ am Werbellinsee nördlich von Berlin. Zwei Monate lang wurde er dort erzogen. Aus vielen Schulen waren die Besten ausgewählt worden, um SED-Nachwuchs zu bilden. „Aber komischerweise hat dieser paramilitärische Druck bei mir das Gegenteil ausgelöst. Mich hat es abgestoßen.“
Zurück in der Oberschule von Ilmenau, stand deshalb für Harald BAIER fest: Nach dem Abitur setzt er sich in Berlin in die S-Bahn und fährt in den Westen. „Das war bekannt, dass das ging. In mir hatte sich der Gedanke festgesetzt: Ich will raus.“
Der Bau der Mauer im August 1961 beendete diesen Traum. „Da hab ich mich durchgerungen: Ich geh freiwillig zur Grenzpolizei, dann kenn ich mich an der Grenze aus und flüchte.“ Sein erster Plan war die Marine, aber hier wurde er wegen eines Sehfehlers abgelehnt.
Ausgegrenzt
Harald BAIER hatte Glück, dass er jetzt im September 1961, kurz vor seinem 18. Geburtstag, wegen der Kubakrise für ein Vierteljahr in die Grundausbildung des NVA-Kommandos „Grenze“ kommen konnte. Belastend war aber, dass er niemandem von seinem Vorhaben erzählen durfte, auch nicht der Familie.
Freunde, die er beim Weihnachtsbesuch in der Kneipe traf, schnitten ihn als plötzlichen Erz-Kommunisten kalt und stumm. Seine Großmutter erkannte ihn in der Uniform nicht mehr, als er klingelte: „Sie wünschen?“
„Ich musste das alles mit mir allein abmachen. Ich wusste auch: ich komme nie mehr zurück. Ich sehe niemanden von meiner Familie wieder.“
Riskante Suche
Harald BAIER kam danach direkt an die Grenze und tastete jetzt die anderen Soldaten ab: Wer wollte noch fliehen? „Das war ein Risiko. Es hätte fatale Folgen haben können.“ Aber er stieß auf Georg SCHRÖDER. Beide erkundeten bis März 1962 alle Grenzabschnitte und wussten: Im Mai sind sie wieder auf jenem Mittelabschnitt, der noch nicht vermint ist. „Vermint wurde von Pionieren aus dem Hinterland, damit kein Grenzer wusste, wo die Minen liegen. Das war genau ausgedacht.“
Blitzschnell über Zaun
Am 24. Mai hatten er und Georg SCHRÖDER Nachtschicht. Harald BAIER war Postenführer. Sie sollten Signalgeräte aufbauen, warfen aber alles in einen Graben. Schnell war ein nur meterhoher Zaun überstiegen. Vor Freude, dass sie es geschafft hatten, knallten sie aus ihrem Leuchtpatronencolt in die Luft, was nur ging. „Nur mal zum schau’n, was passiert.“
Der Grenzalarm wurde ausgelöst - aber zu spät. Sie konnten unbehelligt von Gompertshausen bei Königshofen nach Alsleben laufen. Um 21.30 Uhr trafen sie auf dem Dorfplatz ein. „Da saßen alte Leute unter der Linde auf der Bank und sagten: ,Wieder zwei abg’haut!‘“
Der Bürgermeister telefonierte mit dem Grenzschutz. Es folgte eine Nacht in einem Keller, der schon oft flüchtenden Grenzsoldaten gedient hatte, dann die Einkleidung: „Mit Hut! Das sah bescheuert aus. Wir haben sie in die Saale geschmissen.“
Die US-Army verhörte sie in Nürnberg und Frankfurt. „Aber die haben alles gewusst. Da ging’s nur noch um Details.“ Schließlich waren die beiden in einem Notaufnahmelager für 5000 Menschen in Gießen. „Aber da haben nur noch zwölf Manschkerl wie wir gesessen.“ Harald BAIER konnte jetzt zu Verwandten nach Wunsiedel fahren. So verlor er die Spur von Georg SCHRÖDER. Er hat ihn bis heute nicht mehr gefunden.
Weil die Wunsiedeler Verwandten gerade in den Urlaub wollten, war Harald BAIER 14 Tage allein: „Da ist mir mit ganzer Wucht bewusst geworden, was es bedeutet, allein hier zu leben.“
„Es war Chaos“
Sein Versuch, in Nürnberg das Abitur nachzumachen, scheiterte an den Schwierigkeiten. Man vermittelte ihm ein Praktikum in einer Lackfabrik mit dem Ziel „Chemie-Ingenieur“. Aber weil er mit rauen Jungs im Jugendheim wohnte, macht er mit ihnen viel blau und wurde entlassen. „Es war Chaos.“
Die nächste Stelle an einem DB-Fahrkartenschalter hielt Harald BAIER nicht aus. „Ich hab deshalb die Klamotten hingeschmissen und mich jahrelang durchgemogelt. Aber irgendwann war ich 25 und dachte mir: ,Du bist ein Vollidiot. Du hast die Zeit verschenkt, verblödelt.‘“
Reumütig kehrte Harald BAIER zur Lackfabrik zurück, bekam eine harte zweite Chance, wurde „Alt-Lehrling“ und war später Abteilungsleiter im Innendienst, dann im Außendienst. Seine Ehe führte ihn später nach Pegnitz.
Irgendwann las er im Stern, dass Fernsehhistoriker Guido KNOPP Zeitzeugen-Interviews sucht. Schon war er für einen „Jahrhundertbus“ gebucht, der an einem Novembertag 2011 in Bayreuth hielt und seine Geschichte aufnahm.
Bereits kurz nach der Wende, im Januar 1990, war Harald BAIER wieder in seiner Heimat gewesen: „Nach 28 Jahren. Vorher war es zu riskant.“
Quelle
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