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Thema: PROPST HEINO FALCKE 1984 zur DDR-Ausreisewelle |
MIT GOTT SCHRITT HALTEN
Von Heino Falcke
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Liebe Brüder und Schwestern,
In den letzten Wochen war viel von einer „Ausreisewelle“ die Rede. Das beschäftigt viele in unseren Gemeinden, und auch so mancher, der gar nicht ausreisen will, hört in sich die Frage: Warum bleibe ich eigentlich in der DDR? Auch wenn es mit der Ausreisewelle bald vorbei sein sollte, diese Frage bleibt und will beantwortet sein, wenn es nicht zu einer Welle der inneren Emigration kommen soll.
Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Ausreiseanträgen, die wir alle gut verstehen und nur unterstützen können: Familienzusammenführungen, Krankheiten, die Spezialbehandlungen erfordern, schwere Konflikte mit der politisch-ideologischen Macht usw.
Aber ist die Ausreise aus der DDR denn überhaupt zu problematisieren? Ist es heute nicht das Normalste von der Welt, daß ein Mensch, eine Familie von einem Land in das andere umzieht, zumal wenn es nur aus dem einen Deutschland in das andere geht? Mobilität kennzeichnet das Leben in der modernen Welt, Freizügigkeit gehört zu den Menschenrechten. Liegt das Problem einer Übersiedlung in die BRD nicht einzig darin, daß es unser Staat zum Problem macht?
Die geschlossene und schwerbewachte Grenze ist in der Tat einer der wundesten Punkte unseres Staates. Vielen seiner Bürger gibt sie das Gefühl des Eingesperrtseins, das für manche zum Motiv für den Ausreiseantrag wird. Ich weiß keinen Grund, diese so beschaffene Grenze zu rechtfertigen. Wir können sie nur als ein Faktum hinnehmen. Dafür, daß wir das tun sollten, gibt es allerdings politische Gründe, die vor allem mit der Erhaltung des Friedens in Mitteleuropa zu tun haben. Dies ist aber natürlich kein Argument gegen einen Ausreiseantrag.
Auch mit einer theologischen Problematisierung der Ausreiseanträge müssen wir kritisch und genau sein. Daß die meisten von uns hier aufgewachsen oder doch hier zu Hause sind, hier ihre „Heimat“ haben, und daß wir ais Christen darin die Fügung des Schöpfers und keinen sinnlosen Zufall sehen: ist das ein theologischer Grund, der uns an dieses Land bindet? Wir könnten mit diesem Argument in eine bedenkliche Nähe zu der pseudotheologischen Verklärung der Heimat geraten, wie sie uns bei den Vertriebenenverbänden begegnet.
Die ältesten heilsgeschichtlichen Überlieferungen der Bibel stammen aus der Nomadenzeit, und der Schöpfungssegen Gottes war für sie ein mitwandernder Segen. Dann wurde Israel seßhaft in dem von Gott verheißenen, geschenkten und wiedergeschenkten Land. Für Israel ist das Land Unterpfand des Heils. Für uns Christen aber kann kein Land zum „Heiligen Land“ werden. In Christus gilt das Heil Gottes allen Völkern, und er sendet seine Jünger zu ihnen. „Nachfolge“ wird zur Leitmetapher christlichen Lebens, und sie ist heute in einer Welt zu leben, die nach der bäuerlichen und urbanen Kultur der Seßhaftigkeit durch Technik, Industrie und Kommunikationsmedien in eine neue Mobilität und Fluktuation überführt wurde.
Wichern-Verlag Berlin 1986, S. 82 ff
Freilich gehört es zu unserem Schöpfungsglauben, daß wir auch in allem, was uns am Ort und in der Zeit unseres Aufwachsens zugewachsen ist, Gottes Hand im Spiel sehen. Die Prägung, die wir durch Eltern, Geschwister, Freunde und Umwelt empfingen, die Auseinandersetzungen, in denen wir unseren Standort fanden, der Ausbildungsweg und dann die berufliche und familiäre Seßhaftwerdung, diese ganze biographische Geschichte gehört zum Wichtigsten unseres Lebens, das wir nicht von uns abtrennen können. Schon der kurze Überblick über die Stadien der biblischen Überlieferung zeigt aber, daß die Gottesgabe der Heimat nicht als solche schon bedeutet, daß ich dort bleiben soll statt auszuziehen und anderswo mit dem mir zugewachsenen „Pfund“ zu wuchern und durchaus auch mein Glück zu machen.
Wo also liegt das Problem bei den Ausreiseanträgen?
Wir dürfen uns diese Frage darum nicht Seicht machen, weil die im Lande Bleibenden dazu neigen, die Ausreisenden festhalten zu wollen. Ihr Weggang macht uns ja ärmer, und er rührt vielleicht auch eine Sehnsucht in uns auf, die wir gar nicht so leicht unter Kontrolle bekommen, So müssen wir unsere eigenen Argumente kritisch prüfen. Auf keinen Fall können wir ja die Diskriminierung der „Antragsteller“ mitmachen, wie sie in unserer Umwelt bisweilen geschieht!
Soweit ich sehe, hätten wir in unseren Gesprächen mit Ausreisewilligen (das könnten ja auch Selbstgespräche sein!) vor allem drei Fragenkreise anzusprechen:
1. Ist die Übersiedlung in den Westen wirklich der Ausweg aus den wirklichen Problemen, die ihr habt?
2. Wenn ihr an die Menschen denkt, die ihr hier zurücklaßt, sind sie nicht auch eure Nächsten, denen ihr Nächste sein und bleiben sollt?
3. Wenn euch die politischen Verhältnisse kein sinnvolles Leben zu erlauben scheinen, sollen wir nicht auch unser Land und unser Leben in ihm trotz aller Enttäuschungen unter Gottes Herrschaft und Verheißung sehen?
Zu 1. Mehrfach habe ich beobachtet, und andere haben diese Beobachtung bestätigt, daß die Motivation für den Ausreiseantrag nicht in der gesellschaftlich-politischen Situation lag, die man verlassen will, sondern in persönlich-familiären Problemen, die man mitnimmt.
Gewiß wirken Schwierigkeiten, die man in Staat, Berufsleben und Bildungswesen hat, oft problemverschärfend, aber sind sie wirklich die Ursache? Verdecken sie vielleicht eher den Kern der persönlichen Probleme? Könnte der Übersiedlungswunsch in der Illusion gründen, man könne mit dem Land auch die persönlichen Probleme zurücklassen, und ist diese Illusion nicht darum gefährlich, weil sie die notwendige Aufarbeitung dieser Probleme verhindert? Oft ist der Ausreiseantrag der letzte Schritt einer langen Konfliktgeschichte, in der viel früher hätte Rat gesucht und Hilfe angeboten werden sollen.
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Zu 2. Bedenken wir genügend, wieviel für unser Leben das Geflecht menschlicher Beziehungen bedeutet, in das wir biographisch hineingewachsen sind? Manchmal habe ich den Eindruck, daß diese mitmenschliche Lebenswirklichkeit durch das Leiden an den Verhältnissen und durch den Wunsch nach besserer Selbstverwirklichung in den Hintergrund gedrängt wird.
Bei Menschen im Konflikt kann es zu einer Blickverengung auf den Konfliktstoff und die Befreiung von ihm kommen. Fixiert auf den Konfliktstoff sagen sie: „Ich kann hier nicht mehr leben!“, und sie nehmen die Lebensangebote, die vor allem in dem Geflecht mitmenschlicher Beziehungen liegen, nicht wahr.
Bedenken die Ausreisewilligen genügend, welche Lücke sie in diesem Geflecht hinterlassen und wie ihr Weggang andere entmutigt? Wie ein Durchstehen der Schwierigkeiten hier, wie tapferer Widerstand gegen Opportunismus und wie ein wenig Mut zum Verzichten andere stärken und aufrechterhalten könnte? Ob sich die aus politischen Gründen Ausreisenden nicht ernster fragen müßten, wieviel Zurückbleibende durch ihre Emigration in die innere Emigration abtreiben?
Das alles gilt in besonderer Weise von Christen und Mitchristen und natürlich von Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern, die durch ihren Auftrag an die Gemeinde hier gewiesen und gebunden sind. Ich denke, daß ich zu diesem letzten Punkt nicht ausführlicher werden muß.
Der Apostel Paulus spricht von der Befreiung aus traditionellen Ordnungen und Abhängigkeitsverhältnissen. „In Christus“ sei weder Mann noch Frau, weder Herr noch Sklave (Galater 3,28). Trotz dieser Emanzipation in Christus empfiehlt er Frauen und Sklaven, im Blick auf die politischen Ordnungen den Christen überhaupt, in den untergeordneten Verhältnissen zu bleiben (1. Korinther 7,20 f; Römer 13, 1 ff; Galater 5,13 f). Dabei mag auch ein Schuß Konservativismus oder die Naherwartung des wiederkommenden Herrn eine Rolle gespielt haben.
Leitend dabei war aber der Gedanke, daß der Ort in der Gesellschaft als Berufung zum Dienst am Mitmenschen in der Liebe angenommen werden soll. Wir haben in Christus das Recht zur Emanzipation, aber der Gebrauch dieses Rechtes soll von der Liebe zum Nächsten geleitet und auch begrenzt sein.
Vor dem Ausreiseantrag sollte daher die Erwägung stehen, ob das Geflecht mitmenschlicher Beziehungen, in dem wir leben, nicht der „Ort der Berufung“ ist, an dem uns Gottes Ruf zur Praktizierung unserer Freiheit in der Liebe festhält. Sollten wir wirklich eine andere Freiheit suchen? Politische Verhältnisse können uns diese Freiheit weder gewähren noch nehmen.
Zu 3. Nicht wenige Antragsteller tun diesen Schritt, weil sie bei ihrer politischen und/oder christlichen Überzeugung für sich und ihre Familie hier keine Zukunftschancen sehen, und weil sie keine Hoffnung mehr haben, daß sich der Sozialismus ändert oder sie ihn durch ihr politisches Engagement ändern könnten. Einige von ihnen können von Enttäuschungserfahrungen berichten, die schwer zu überwinden sind und uns ratlos machen. Gerade in letzter Zeit sind Hoffnungen, daß es mit Frieden und Entspannung und der ökologischen Verantwortung vorangeht, schwer enttäuscht worden. Gerade politisch bewußt und verantwortlich lebende Menschen, die daran leiden, daß unser Staat hinter den drei Hauptaufgaben unserer Zeit - Überwindung des Abschreckungssystems, globale Gerechtigkeit, Naturbewahrung - weit zurückbleibt, können oft nur schwer zum Bleiben ermutigt werden.
Braucht unsere Gesellschaft aber nicht besonders dringend diese Menschen, die an den Verhältnissen leiden, sich an ihnen reiben und damit ihre Schäden bewußt machen? Wenn es eine Hoffnung auf Besserung gibt, dann doch nur so, daß wir Konflikte durchstehen und nicht aus ihnen fliehen. Zur Konfliktbereitschaft gehört freilich, daß wir uns nicht auf totale Konfrontation festlegen, sondern auf praktikable Schritte und auf fruchtbare Kompromisse um des Nächstbesseren willen einlassen. Oft habe ich das Gefühl, im Protest erstarrten Menschen gegenüberzusitzen, und es gälte, den Protest beweglich, gangbar, aktiv und wenn irgend möglich kooperativ zu machen.
Die Grundfrage freilich bleibt: Gibt es denn Hoffnung? Hierzu kann ich nur die Glaubenswahrheit wiederholen, die wir schon oft gehört und gepredigt haben, und die ich vor zwölf Jahren mit der Wendung vom „verbesserlichen Sozialismus“ deutlich machen wollte: Wir dürfen auch unser Land unter der Herrschaft des Schöpfers, Versöhners und Vollenders sehen und darum als veränderbare Größe in der offenen Geschichte, die Gott mit uns hat. Gerade als Christen sollten wir sehr lange überlegen, ob wir aus dieser Geschichte und also aus dem Versuch, Christsein in der sozialistischen Gesellschaft zu leben, aussteigen wollen. Zwei Generationen sind noch keine Zeit für solch einen Versuch, den Gott uns erstmalig in der deutschen Geschichte zumutet, und den nicht nur viele in der wehweiten Ökumene, sondern sicher auch die Engel im Himmel mit Spannung beobachten! „Werft euer Vertrauen nicht weg“, heißt es im Hebräerbrief, der an Christen der zweiten Generation gerichtet war.
Könnte es sein, daß unsere Hoffnung für unsere Gesellschaft einen längeren Atem braucht und offener werden muß für verschiedene Möglichkeiten? Ein Pfarrbruder meinte kürzlich, die Weisheit der Sprüche, daß alles seine Zeit habe, könne doch auch bedeuten: Verändern hat seine Zeit, und Warten hat seine Zeit.
Weiter sollten wir bedenken, daß die Wandlungen, die uns die drei Hauptaufgaben unserer Zeit abverlangen, nicht nur die politisch-ökonomischen Makrostrukturen betreffen, denen gegenüber wir uns oft ohnmächtig fühlen, sondern mit gleichem Gewicht unsere Lebensweise. Da wäre sehr viel möglich und zu tun im persönlichen, familiären und gemeindlichen Leben, was dann auch gesellschaftlich-politisch relevant werden kann. „Das weiche Wasser bricht den Stein“, singen sie gerade im Westen, wo der Spielraum eigenständiger Veränderungsaktivitäten soviel größer zu sein scheint!
Ich hoffe, daß Sie mit diesen Erwägungen etwas anfangen können. Wenn Sie es nicht brauchen – um so besser!
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passionszeit und grüße Sie als
Ihr Heino Falcke
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©TA
Propst i.R. Heino Falcke
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HINTERGRUND
MIT ANGST GEGEN DIE AUSREISEWELLE
Wie die DDR-Führung versucht, die Bürger im Lande zu behalten
Joachim NAWROCKI in „Die Zeit“ v. 27.4.1984
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FALCKE: Braucht unsere Gesellschaft aber nicht besonders dringend diese Menschen, die an den Verhältnissen leiden, sich an ihnen reiben und damit ihre Schäden bewußt machen?
Erst die Fluchtwelle vom Sommer 1989 und die Reaktion HONECKERS ("Wir weinen denen keine Träne nach.") hat der DDR-Bevölkerung den Mut der Verzweiflung verliehen sich zu erheben.
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Hallo Wolfgang,
der ZEIT-Artikel ist gut.
Ich zitiere mal (auch wg. diverser heutiger Darstellungen aus der Familie Falcke):
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Ich habe in der DDR nicht gearbeitet, ich werde auch hier nicht arbeiten
Hat das wirklich ein junges Mädchen geantwortet? Es erinnert mich eher an einen anderen "Künstler" mit begrenzten grafischen Fähigkeiten und Pferdeschwanz.
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Ala: ... Es erinnert mich eher an einen anderen "Künstler" mit begrenzten grafischen Fähigkeiten und Pferdeschwanz.
Hallo Alex,
ist irgendwie beruhigend, dass die Rechtsschutzversicherung von Familie Pferdeschwanz wegen Schadenshäufigkeit gekündigt haben soll, wie mir der Anwalt der beiden versicherte.
Ihre Familien-Rechtsschutzversicherung deckt nun nicht mehr diese Myriaden von Klagen (die Pferdeschwanz regelmäßig verliert).
Die Prozesse gehen übrigens nicht nur gegen uns ehemalige politische Gefangene.
Zur Zeit streitet sich Familie Pferdeschwanz noch mit dem Technischen Hilfswerk um eine Entlohnung von etwa 120,- €.
Die Pferdeschwanz nicht zahlen will. Was möglicherweise dann Auswirkungen auf das nächste rauschende Sommerfest von Familie Pferdeschwanz haben wird. Wegen der Logistik und so.
Wobei: mit diesem Prozess, so sagte mir der Anwalt der beiden, habe Pferdeschwanz nicht ihn selbst, sondern ein anderen Kollegen in der Kanzlei beauftragt.
Weiß
der
BoWa
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FALCKE
Die Grundfrage freilich bleibt: Gibt es denn Hoffnung? Hierzu kann ich nur die Glaubenswahrheit wiederholen, die wir schon oft gehört und gepredigt haben, und die ich vor zwölf Jahren mit der Wendung vom „verbesserlichen Sozialismus“ deutlich machen wollte: Wir dürfen auch unser Land unter der Herrschaft des Schöpfers, Versöhners und Vollenders sehen und darum als veränderbare Größe in der offenen Geschichte, die Gott mit uns hat. Gerade als Christen sollten wir sehr lange überlegen, ob wir aus dieser Geschichte und also aus dem Versuch, Christsein in der sozialistischen Gesellschaft zu leben, aussteigen wollen. Zwei Generationen sind noch keine Zeit für solch einen Versuch, den Gott uns erstmalig in der deutschen Geschichte zumutet, und den nicht nur viele in der wehweiten Ökumene, sondern sicher auch die Engel im Himmel mit Spannung beobachten! „Werft euer Vertrauen nicht weg“, heißt es im Hebräerbrief, der an Christen der zweiten Generation gerichtet war.
Dazu Wolf BIERMANN
"Ich brauchte dann doch noch mal einen Anlauf, um zu begreifen, dass die Hoffnung auf dieses Paradies, egal ob man es Kommunismus nennt, oder Käsetorte, selbst schon in die Irre führt. Und in die Irre heißt in die Hölle."
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