FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
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Thema: Flucht aus dem Zuchthaus Cottbus


Hallo Allerseits!
Ich bin selbst von Ende 1982 bis Anfang 1984 in Cottbus gewesen. Den EB 10 mit URI als Erzieher und die Sprela-B-Schicht ist mir noch in lebhafter Erinnerung.
Mich interessiert, ob es mal irgendjemand versucht hat, aus diesem Unrechtszentrum abzuhauen, bzw. zu flüchten, oder ob irgendetwas zum Thema bekannt ist.
Über Antworten würde ich mich freuen
Übrigens:
Einige Zeit vor mir stürzte ja mal ein Teil der KnastMauer ein,- da lachten Alle drüber, aber niemand haute ab,- klar, warum auch... .
Ich weiß, es klingt irgendwie absurd,- aus dem kleinen Knast in den großen Knast abzuhauen, aber ich kann mir auch denken, daß es durchaus vorkommen konnte, daß einem dieses Unrechtssystem so dermaßen gestunken hat, daß er nur eins wollte,-
raus... !
Grüße an Euch Alle von
Sylvio Fischer



Hallo, KF

ich war von ´78 bis ´79 in Cottbus.
Von einer Flucht über die Mauern oder Ähnlichem ist mir Nichts bekannt.
Ich erinnere mich aber an Kratzspuren in der Toilette der Stanzerei, die von den Füßen eines Selbstmörders an der Wand verblieben waren.
Auch Werner Greifendorf flüchtete, in dem er sich mit gesammelten brennbaren Flüssigkeiten übergoss und beim "Freihofgang" anzündete.
Als man ihn wegtransportierte, rief er nach seiner Mamma.
Er starb dennoch an seinen Verbrennungen.
Unsere nachfolgende "Arbeitsverweigerung" wurde nicht bestraft.
Selbst RT war erstaunlich milde.

Gerd-Peter Leube
Erfurt



leu:
Hallo, KF

ich war von ´78 bis ´79 in Cottbus.
Von einer Flucht über die Mauern oder Ähnlichem ist mir Nichts bekannt.


Wir schrieben darüber (über die Flucht) hier ...



Ein nichtalltägliches deutsches Trauerspiel

Von Dietrich Strothmann

Diese Geschichte ist nicht schnell erzählt. Denn es ist eine deutsche Geschichte, das Stück eines deutsch-deutschen Dramas. Es ist auch keine Geschichte, wie sie sich zwischen Deutschland und Deutschland häufig zuträgt, täglich. sozusagen. Es ist eine besondere Geschichte aus einem besonderen Land.
Sie beginnt im Grunde mit einer Zeile aus einem Gedicht des exilierten DDR-Schriftstellers Rainer Kunze, der einmal über das „Pfarrhaus“ in seiner damaligen Republik schrieb: „Wer da bedrängt ist, findet Mauern, ein Dach und muß nicht beten.“

Sie endet, vorläufig, mit der Anzeige des Mitte September in die Bundesrepublik entlassenen DDR-Strafgefangenen Wolfgang Defort bei der „Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter gegen drei Geistliche. Sein Vorwurf: Sie hätten ihn, als er sie. auf der Flucht um Hilfe gebeten habe, an die Volkspolizei verraten, unter Bruch des Beichtgeheimnisses.

Das ist ein schwerer Vorwurf. Ist es auch ein ungeheuerliches Vergehen? Das ganze – Deforts Flucht, seine Bitte um Barmherzigkeit, seine erneute Verhaftung – trug sich im Januar 1975 zu. Erst dieser Tage aber, nach Deforts Entlassung in die Bundesrepublik, ist derFall publik geworden, auch in der DDR – durch Deforts Pressemitteilungen, seinen anklagenden Brief an Bischof Helmut Claß, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, und durch eine Rechtfertigungserklärung der DDR-Kirchenleitung.

>>> Im Tigerkäfigl

Der 35jährige Radio-Ingenieur Wolfgang Defort, der früher einmal bei der Kriminalpolizei gearbeitet haben und dessen Schwester im Sold des Staatssicherheitsdienstes stehen soll, war am 23. Juli 1973 vom 1. Strafsenat von Groß-Berlin wegen „Republikflucht“ und „staatsfeindlicher Hetze“ zu drei Jahren, acht Monaten Haft verurteilt worden. Zuletzt war er im Zuchthaus von Cottbus, litt – wie er berichtete – unsägliche Qualen im „Tigerkäfig“, einer Kellerzelle. Am Morgen des 13. Januar 1975 gelang ihm die Flucht aus dem als ausbruchsicher geltenden Gefängnis. In einem Möbelwagen vertauschte er erst die Kleider, ging dann zu Fuß weiter durch die Sümpfe, Kälte und Nässe, klopfte schließlich gegen 17.30 Uhr an die Pfarrhaustür im Dorf Forst-Eulo bei Guben an der Neiße, nahe der polnischen Grenze.

Der Flüchtling erzählt ihm seine Geschichte, bittet ihn nicht nur um trockene Sachen, sondern auch um Beihilfe zur Weiterflucht Richtung Berlin-Bundesrepublik. In der Zwischenzeit versammelt sich im Pfarrhaus der Jugendkreis. Über dem Dorf kreist ein Hubschrauber der Volkspolizei, die Grenzwachen und Straßenkontrollen werden verstärkt, Häuser durchgekämmt. Eine Großfahndung läuft. Die Polizei ist Defort auf der Spur.
Es war zu diesem Zeitpunkt nur die Frau des Pastors Rannenberg und der Kirchenälteste im Haus. Eine Stunde später traf der Pastor selber auf Defort. Und da begann die heillose Verstrickung:

Rannenberg, der befürchten muß, daß viele Unbeteiligte (seine Frau, der Kirchenälteste, die Jugendlichen) in eine schier ausweglose Lage mit hineingezogen werden, weiß sich anders nicht zu helfen: Er zieht erst Pfarrer Radeke zu Rate, der sich später mit seinem Kollegen Herche von der Nachbargemeinde Forst-Nossdorf berät. Beide haben früher ebenfalls in Gefängnissen gesessen – Radeke 16 Monate wegen „staatsfeindlicher Hetze“, Herche sieben Monate wegen „Kanzelmißbrauch“.

Quelle





Hallo Silvio,

ich war von Sep. 81 bis Juli 83 auf EB2.
Dezember 81 war der Solidarnosc Streik. Im ersten bzw. zweiten Quartal 1982 gelang es zwei politischen aus der Krankenstation auszubrechen und anschliessend über ein Regenrohr Innenseite Knastmauer, auszubrechen. Sie waren zwei Tage unterwegs, danach gab es Nachschlag und Verlegung in einen anderes Zuchthaus.

Bernd, Erfurt



Hallo Bernd,

15. oder 17.06.1982 während eines laufenden Fußball-WM-Spiels fand der Ausbruch der 2 statt. Start war die 2. Kranken-Zelle. Ein Zellen-Innengitter und das Fenstergitter mussten dabei überwunden werden. Im Freihof für den Arrest (hinter der Küche) angekommen noch über ein Tor. An der Asservaten-Kammer das Regenabfallrohr hochgeklettert, während die Nachschicht brav auf den Einlass für Ihr Mittagessen wartete und der Beamte der zu uns gelaufen kam, um uns an der Flucht zu hindern. Auf dem Dach angekommen und dann noch ein beherzter Sprung auf die Mauer und draußen waren wir.

Der Eine war nur politisch (ich) und den Anderen habe ich mit der Flucht zum politischen Flüchtling gemacht. Der andere saß nämlich 4 Jahre für Scheckbetrug ein und ich hatte zu dem Zeitpunkt meine Erst-strafe mit 1 Jahr und 2 Monaten gerade angetreten.

Die Flucht dauerte für meinen Begleiter 2,5 Tage, dann wurde er auf dem Fahrrad fahrend erwischt. Wir hatten uns an der Autobahn getrennt. Nach 5 Tagen Flucht wurde mir bewusst, das ich meine Familie in Gefahr bringe, wenn ich bei ihnen Hilfe gesucht hätte. Ich stellte mich also selbst - meinem Wunsch die DDR zu verlassen hatte ich mit der Flucht deutlich zum Ausdruck gebracht.

Man verurteilte mich für die Flucht zu 3 Jahren 6 oder 8 Monate - egal. Danach wurde ich über Naumburg/Torgau nach Bautzen verlegt. Am 06.01.1984 kam ich nach Chemnitz und am 02.02.1984 stieg ich aus dem Bus in Gießen.

Mein Mit-Flüchtender bekam nochmal 4 Jahre und paar Monate, die er bis zum Schluss in Brandenburg absitzen musste.



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