FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
Seiten: 1 2 3 Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Kulturpolitische Mosaiksteinchen à la DDR


Kulturpolitische Mosaiksteinchen à la DDR

Vor über 30 Jahren kam ich im Halleschen Bahnhofsrestaurant mit einem etwa gleichaltrigen Mann ins Gespräch. Er stammte aus Erfurt und war auf der Durchreise. In Ausnutzung längerer Wartezeit beim Umsteigen war er schon etwas angesäuselt und sehr redselig. Natürlich kamen wir auch auf die Musik zu sprechen. Von ihm erfuhr ich, daß es in Erfurt eine Band gab, die sich "The Polaris" nannte. Diese Band habe auf staatliche Anordnung ihren Namen ändern müssen, weil es ja auch einen amerikanischen Raketentyp "Polaris" gab. Also nannte sich diese Band "The Polars".



Doch auch hier fanden die hochgebildeten Kulturfunktionäre der DDR immer noch ein Haar in der Suppe: Sie störten sich am Wörtchen "The". Allerdings mußten sie sich von den Bandmitgliedern erklären lassen, daß es sich hierbei eben nicht um den englischen Artikel "The" handle, sondern um die Abkürzung für "Thüringisches Heimat-Ensemble". (Ha-Ha-Ha)

Aber auch wir als "Colorados" in Halle waren mitunter vom Schalk gepackt. So konnten wir es uns manchmal nicht verkneifen, den Text der "Caprifischer" zu vorgerückter Stunde etwas zu modifizieren. Wir sangen dann wörtlich: "Wenn bei Capri die rote Flotte im Meer versinkt ..." - Niemand hat uns verraten!

Bei einem Auftritt meiner Band anläßlich eines Gartenfestes 1963 in Halle hatte ich folgendes Erlebnis: Im Publikum - vorrangig Mittelalter - saß ein Ehepaar welches mir persönlich sehr gut bekannt war. Er war jedoch ein 300prozentiger Denunziant, Kampfgruppenkommandeur und Werkmeister im RAW-Halle. Zu vorgerückter Stunde wünschte sich dessen Frau von uns ein Lied aus ihrer Jugendzeit, also der Hitlerzeit. Wir spielten das, denn es war ein unverfänglicher, allgemein beliebter Schlager. Niemand nahm Anstoß, außer dem 300prozentigen Ehemann dieser Frau. Der nämlich schimpfte laut hörbar, weil sie sich diesen Schlager aus den 40ern gewünscht hatte, und rief (es sollte jedoch zynisch-vorwurfsvoll sein): "Bravo! Heil Hitler! Heil Hitler!" Obwohl dieser Ausruf nun tatsächlich zynisch gedacht war, sprangen sofort einige andere 300prozentige Gäste auf und schleppten unseren überzeugten Genossen aus dem Saal. Und trotz daß nun sein "Heil Hitler ..." vorwurfsvoll-zynisch gemeint war, ließ sich das Gericht nicht darauf ein. Er kam in den Knast, flog aus der SED und der Kampfgruppe und wurde zum Hilfsarbeiter degradiert. Der 300prozentige Genosse war plötzlich Opfer seines eigenen Regimes geworden, was ich ihm von Herzen gönnte.

Als Musiker spielten wir auch auf Erntefesten. Zu Beginn, am Nachmittag, hielt der Parteisekretär der LPG eine zündende Rede gegen den westdeutschen Kapitalismus und Militarismus. Gegen 22 Uhr beim Tanz kam der gleiche Parteisekretär zu uns an die Bühne und sagte: "Jungs, spielt doch mal Alte Kameraden." Wir taten es und er war's zufrieden, um bereits am nächsten Tage wieder engagiert gegen den westdeutschen Militarismus zu kämpfen.

Wie das Leben eben so spielt ...

Bernd Stichler


Zuletzt bearbeitet: 12.11.2012 00:15 von Administrator


Ich kann Bernd nur zustimmen.So war das damals. Mitte der 60er gab es eine Menge Gruppen, die - fast ausnahmslos in der Beatles-Besetzung: Schlagzeug und 3 Gitarren - nach beschriebener "Einstufung" in mehr oder weniger guter Qualität, aber mit dem Herzen, spielten. Fast alle fielen der maroden Ideologie über kurz oder lang zum Opfer. Daß die Herren und Damen Kulturfunktionäre von nichts eine Ahnung hatten,will ich mal an einem meiner vielen auch kuriosen Erlebnisse schildern. Wir durften bei den Genossen Soldaten in der Kaserne spielen, mußten aber alle Titel vorher einreichen. Den Titel "On the road again" von Bob Dylan wollte einer der Herren übersetzt haben.Ich habe ihm erzählt, das Lied (Song wollte er nicht hören)hieße "Wieder auf der Straße" und handele von der kapitalistischen Ausbeutung und der Arbeitslosigkeit. Der Mann war begeistert und meinte: "Dieser Sänger muß unbedingt in die DDR kommen."
KD




Diese ganze DDR-Kulturpolitik war doch zumindest bezüglich der Tanzmusik verlogen. Ausserdem klang die überhaupt nicht modern sondern eher wie Zillertaler Blasmusik. Aber ehrlich waren diese Kulturbonzen nicht. Der Rock n Roll hatte schwarzen Ursprung und die SED-Bonzen
und die kleinen Funktionäre beschimpften den Rock n Roll ziemlich gehässig als " Negermusik ". Gleichzeit schimpften diese Dümmlinge aber auch auf Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in Südafrika und in den USA. Das war doch ein offener Widerspruch. Nur gut daß diese Zeit vorbei ist



Ab den 60ern gastierte die Chris Barber Jazzband gelegentlich in Halle. Der Andrang war stets enorm und die Begeisterung groß. Im Publikum saßen wirkliche Kenner der Materie und wenn Karl-Heinz Drechsel seine Moderation machte dann konnte er dem Fachpublikum kaum etwas Neues erzählen denn die Fans wußten meist besser Bescheid als Drechsel selbst. Bei einem solchen Gastspiel in Halle hatte Chris Barber plötzlich eine Tuba in der Hand und erklärte dem Publikum daß dies ein Geschenk der Konzert-und Gastspieldirektion wäre. Dabei betrachtete er das Instrument von allen Seiten und sagte : " Markneukirchen ". Sofort entstand im Saal große Heiterkeit und die Band war sicherlich etwas überrascht von dem Gelächter des Publikums. Diese Weltklasse-Musiker konnten ja nicht wissen was " Markneukirchen " innerhalb der DDR für Qualität ablieferte. Das lachende Publikum seinerseits dachte etwa sinngemäß :" Wie kann man nur einem Weltstar wie Chris Barber ein Instrument mit DDR-Qualität schenken ". So geschehen 1965 im Steintor-Variete Halle.




Es gab wohl noch mehr nicht lustige, ja sogar auch tötlich "Mosaikstückchen".
In Erfurt gab und gibt es mittlerweile auch wieder eine Heavy Metal-Band namens "Macbeth".

Im Erfurter "Stadtgarten" kam es 1986 zu dem letzten spektakulären Konzert. Die FDJ-Stadtleitung war Mitorganisator. Bier floss in Strömen. Man war auch mit Worten gewaltig mutig.
Aber Stasi und Kriminalpolizei waren zugegen.
Der weitere Weg der Truppe war damit "gesichert".
Spielverbot, Schulden usw. folgten.

Dem Sänger Dedlef Wittenburg wurde erfolgreich eine kriminelle Tat untergeschoben. Haft folgte 1988 und nach dem Zusammenbruch der DDR seine vorzeitige Entlassung.

Die Organisatoren, Kriminalisten, Stasis und Spitzel, wurden mehrheitlich erfolgreich "eingegliedert" und Detlef Wittenburg -"erfolgreich" als kriminell gebranntmarkt- hat sich noch im Dezember 1989 im Erfurter Steigerwald erhängt.

Auch ein "Mosaikstein"!

PS.: Man sollte auch heute noch erst recht unter Alkohol diese Firma nicht unterschätzen!

gpl



Danke , gpl , für diesen Beitrag . Es gab tatsächlich nicht nur Kurioses bezüglich der DDR-Kulturpolitik sondern leider auch viel Schlimmes. Mein bereits mit 46 Jahren verstorbener Freund und Drummer der Colorados mußte das ebenfalls erfahren. Wie man hier im Forum nachlesen kann wurde ich ja 1961 wegen des Besitzes von amerikanischen Schallplatten verurteilt.
Mein Freund hatte sich diese Schallplatten auf Tonband aufgenommen und sich dadurch 6 Monate Jugendhaus Gräfentonna eingehandelt. Aber nicht etwa wegen der Musik schlechthin sondern vor der Musik , am Anfang des Bandes, war noch eine Ansage von Radio Luxemburg zu hören und das hat ihm diese Strafe ohne Bewährung eingebracht.





Eigentlich bin ich froh, nicht von so schlimmen Dingen berichten zu müssen. Aber im Grunde genommen sind meine "kuriosen" Erlebnisse mehr als traurig. Dummheit kann eine schwere, ansteckende Krankheit sein.
Es muß in den Spätsechzigern gewesen sein: Die Beatles verweigerten einen Auftritt im Süden der USA, weil Schwarzen der Eintritt verwehrt wurde. Bei einigen halleschen Kulturfunktionären wurden die Pilzköpfe quasi über Nacht zu Helden, zu "sozialistischen Vorreitern im Reich des Imperialismus". Unsere Band sollte das Wochenende darauf in einem Jugendklub spielen. Der Klubleiter instruierte uns, "alle Beatelstitel zu spielen, die ihr könnt". Das es sich um ein "Politikum" handelte, sollten wir im FDJ-Hemd auftreten, was wir ablehnten. Wir hatten in diesem Jugendklub fortan Besuchsverbot auch als Gäste.
KD





Es war 1967 oder 1968 , da gastierte Ricky Shayne im Kessel-Buntes. Damals stand sein Titel " Mamy Blue "
gerade hoch im Kurs. Ricky Shayne wollte , wie das in freien Gesellschaften üblich war , auch das Publikum mit einbinden und etwas improvisieren. Er sprach seinen Wunsch ins Mikrophon und fragte die Regie : " Geht das " ?
Es erfolgte keine Antwort. Er probierte es trotzdem und weder der begleitende Jürgen-Erbe Chor noch das Orchester Walter Eichenberg reagierten. Sie zogen stur ihre Nummer durch. Abgesehen davon daß dieses Verhalten eine Beleidigung des internationalen Künstlers darstellte offenbarte sich für den halbwegs fachkundigen Zuschauer mal weltweit erkennbar eine altbekannte DDR-typische Tatsache , die Unfähigkeit der DDR-Tanzmusiker der damaligen Zeit: Der Jürgen-Erbe Chor war zwar musikalisch nicht besonders talentiert , dafür sicher politisch zuverlässig, ebenso das Orchester Walter Eichenberg.
Bei solch " talentierten " Berufsmusikern der alten DDR-Garde hatten wir immer das Gefühl , die wollten eigentlich ursprünglich Maurer lernen aber da war keine Lehrstelle frei und da sind sie Musiker geworden.





Die DDR-Sehnsucht nach dem Süden

Rockwärts: die ostdeutsche Band "Lift"

Von Frank Schroeder

Im sächsischen Dresden sorgte 1969 die Band "Lift" für Furore. Deren zweites Album, die "Meeresfahrt", galt als kleine Ost-Sensation - und handelte zweideutig von Sehnsüchten, die in der DDR nicht gerne gesehen wurden.
Als wäre es gestern erst gewesen. Ich habe noch das Jahres-Best-Of des heimlich gehörten Westsenders - NDR 2 - im Ohr: Bei "Boney M." tat ein schwarzer Tänzer so, als würde er singen. Maffay hauchte "So bis duhuhu". Die "Gebrüder Blattschuss" soffen sich durch "Kreuzberger Nächte" - Kreuzberg? Ja, wo sollte das denn sein? Und dann kommt eines Abends ein Kumpel mit einer neuen Schallplatte. "Lift" - "Meeresfahrt".

Aber wovon sangen die da? Von der harmlosen Frage eines Kindes, wohin denn im kalten Winter die Vögel wohl fliegen mochten. Von der harmlosen Antwort des Vaters: nach Süden. Sie wollen immer die Sonne sehen. Süden? Sonne? Jenseits der DDR etwa?

Nach Süden, nach Süden wollte ich fliegen,
das war mein allerschönster Traum.
Hinter den Hügeln wuchsen mir Flügel,
um vor dem Winter abzuhauhn -
abzuhauhn.


Um abzuhauhn. Welch Unwort im Osten. Nach Süden fliegen. Was für ein lyrisches Bild in meinem eingemauerten Ländle. Was für eine Sensation, dass die sowas singen durften. War etwa die Zensur abgeschafft? Nein. Gerade erst hatte sich der DDR-Schriftstellerverband von neun unliebsamen Mitgliedern getrennt, darunter Rolf Schneider und Stefan Heym. Dennoch: Nach Süden wollte ich fliegen. Und so zernuschelt, wie Henry Pacholski das sang, verstanden alle, was sie verstehen wollten: Nach Süden, nach Süden - wollte ich "fliehen", statt "fliegen". Heimlich.

Und heimlich in der Nacht
hab ich mich aufgemacht,
wollte nach Süden gehn,
um immer die Sonne zu sehn.


Und überhaupt. Was war das für Musik? Jenseits des gängigen Quintenzirkels. Quer durch die Tonarten. Zehn Minuten lang. Und die "Meeresfahrt" sogar eine gute Viertelstunde.

Und auch hier die gleiche Frage: Wir fahrn übers Meer. Welches Meer? Meinten die etwa die Ostsee? Auf die niemand fahren durfte, der aus der DDR kam?

Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n wir fahren,
wir fahr'n, fahr'n übers Meer.
Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n der Sehnsucht hinterher.


Die Platte lief ohne Unterlass. Schon wegen der Sehnsucht nach offenem Meer. Der Traum, abzuhaun, drehte auf dem Plattenspieler Endlosrunden.
Ein paar Tage später: Dagmar Berghoff verkündet in der "Tagesschau": Zwei ostdeutschen Familien ist die spektakuläre Flucht in den Westen mit einem selbstgebauten Heißluftballon geglückt. Von Thüringen nach Bayern. Nach Süden, nach Süden, wollte ich fliegen.

Und wir wollten mehr. Mehr Lieder von "Lift", mehr Titel mit außerordentlichen Längen. Mehr Musik mit diesen eindeutig zweideutigen Texten. Aber "Lift" gehen nicht ins Studio, sondern auf Tournee. Durch Polen. Auf der Heimfahrt sind sie total übermüdet. Keyboarder Michael Heubach fährt. In einer Kleinstadt will er überholen und stößt frontal mit einem LKW zusammen. Bassist Gerhard Zacher und Sänger Henry Pacholski sterben. Pacholski, von dem auch die meisten Texte der Band stammten. Der Schock sitzt tief.
Ein halbes Jahr nach dem Unfall hat die neu formatierte Band eine Idee: Rudimente von Musik, Textfetzen. Am Abend mancher Tage. Da stimmt die Welt nicht mehr. Sie fragen einen alten Freund der Band, Joachim Krause, der auch früher schon ein paar gute Texte für "Lift" geschrieben hatte. Aber Krause ist noch immer geschockt, fast depressiv. Schließlich schreibt er.

Am Abend mancher Tage, da stimmt die Welt nicht mehr.
Irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.
Und man kann das nicht begreifen,
will nichts mehr sehn und doch muss man weitergehn.

Texter Joachim Krause und "Lift" gelingt damit ihr größter Hit, die Nummer 1 in der DDR des Jahres 1980. Aber genau genommen ist das Kapitel "Lift" damit beendet, auch wenn die Band immer noch aktiv ist. Und Texter Joachim Krause? Nach der Aufarbeitung des Todes seiner Freunde mit "Am Abend mancher Tage" hat er nie wieder einen Rocktext geschrieben.
Deutschlandfunk




Lieber Kamerad, danke für diesen Beitrag. Da hast Du bei mir gerade eine Erinnerung ausgelöst an die DDR-Version von " el condor pasa ". Dort ist folgende Textpassage : " Und fällt im Herbst der erste Schnee ,wünscht ich mir ich wär ein Schwan. Dann flög ich in ein fernes Land , ein Land das sonnig ist und warm...."

Aber noch ein anderes Beispiel : " Heimat deine Sterne ", dieses Lied war in der DDR nicht erlaubt weil es angeblich zu sehr NS-belasten war. Nun lebten aber sowohl in West als auch in Ost Männer, die einige Jahre zuvor gemeinsam im Dreck gelegen haben , gemeinsam die Knochen hingehalten haben und im Schützengraben am Wehrmachtsempfänger diesem Lied nachlauschten. Und weil man dieses Lied im Osten nicht öffentlich spielen durfte sang Fred Frohberg 1956 " Die Sterne der Heimat". Merkste wat ?



Frank Schroeder:
Was für ein lyrisches Bild in meinem eingemauerten Ländle.


Die DDR ein "Ländle" wie Baden-Württemberg - ach wie süß.



Noch ein Beispiel bei dem man nachdenklich werden könnte :
1962 brachte Bärbel Wachholz den Schlager " Damals " heraus. Wörtlich heißt es da . " Damals war alles so schön ...." Wenn also im Jahre 1962 jemand meint daß
" damas " alles so schön war dann könnten spitzfindige Leute eine ganz bestimmte Aussage dahinter vermuten. Da hat wohl die Zensur nicht richtig aufgepaßt, oder ?



Mangelware E-Gitarre

VON SILVIA ZÖLLER


Jugendliche wollen die hallesche Musikszene der DDR beleuchten. Die M.Jones Band spielte etwa in den 80ern in den halleschen Clubs vor Tausenden Fans. Fast wären sie in Berlin mit BAP aufgetreten.


Die M. Jones Band (hier eine Aufnahme im Schloss Merseburg) gehörte zu den  
Helden der halleschen Rock- und Popszene der 80er Jahre: Lutz Möhwald, Matt 
hias Keppler, Martin Jones, Sander Lueken (v.l). Bei der Schülerakademie wo 
llen Jugendliche die Geschichte der DDR-Musikszene erforschen.   (BILD: ARC 
HIV/MARTIN JONES)


Karat, Puhdys, Silly - das waren die Stars der Musikszene der DDR. Während man über sie jede Menge weiß, sind die halleschen Rock-, Pop- und Bluesbands der 60er, 70er, 80er und 90er Jahre bislang noch nicht so sehr in den Fokus der Historiker gerückt. Das soll sich nun ändern: Jugendliche wollen die hallesche Szene bei der diesjährigen Schülerakademie beleuchten.

Einer, der jede Menge aus dem Nähkästchen erzählen kann, ist Martin Jones. Der heute 57-Jährige war in den 80er Jahren Frontmann der halleschen M.Jones Band, die vor mehreren Tausend Menschen auf der Peißnitz, im Turm, im Steintor oder auf dem Marktplatz gespielt hat. Bei der geplatzten Tournee der Kölner Band „BAP“ hätten sie 1984 zusammen mit Wolfgang Niedecken im Berliner Palast der Republik spielen sollen. Kurz vor dem Auftritt sagten BAP alle Konzerte wegen Differenzen mit den staatlichen Behörden ab. Martin Jones und Band waren damals im gleichen Hotel unter den Linden untergebracht.

„Die Konzerte damals - unsere und die von anderen - waren immer brechend voll, die Leute gierten nach Musik, nach etwas Ausgefallenem“, so der Brite, der im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Halle kam - Jones Senior war 1959 eine Dozentenstelle an der Uni Halle angeboten worden.

In der musikbegeisterten Familie („Mein älterer Bruder hatte Schellack-Platten von Elvis!“) war ziemlich klar , dass Martin Jones und eine Gitarre recht früh ihren Weg kreuzten. „Als Lehrling bin ich mit meiner Band Abraxas jedes Wochenende durch den Saalkreis getourt“, erinnert er sich an die 70er Jahre. Durch den Saalkreis? Genau, denn die etablierten Platzhirsche wie FAM, Fazit oder Rengerring spielten damals in den angesagten halleschen Clubs wie dem Turm oder bei den Faschingsveranstaltungen der Uni-Fakultäten und ließen sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Gespielt wurden die Rockhits von Bands wie Santana oder Iron Butterfly - neben den vom Staat vorgeschriebenen 60 Prozent deutschen Titeln.

„Erst mit den Weltfestspielen der Jugend 1973 in Berlin änderte sich das“, erinnert sich der Profimusiker. Rockmusik made in GDR, also Eigenkompositionen, wurden gefördert - natürlich auch, so Jones, um die Musiker besser staatlich kontrollieren zu können.

Aber nicht nur die Zensur der Texte, sondern auch die Probleme mit der Beschaffung von Instrumenten und Verstärkern, die nur sehr schwer zu bekommen waren, machte der Szene damals Sorgen. „Da hat sich mancher Diplomat eine goldene Nase verdient“, weiß Jones. Aufruhr, Protest, Kritik am Staat - das gab es bei der M.Jones Band wenn überhaupt nur zwischen den Zeilen: „Wir waren nicht politisch. Und auch die Mehrzahl der Bands hier waren keine Revoluzzer“, sagt er.
Quelle




https://www.youtube.com/watch?v=4kcZ31IProg

Es sind leider aufgrund des zeitlichen Abstandes die damaligen Bandaufnahmen der "Colorados " aus Halle längst verblaßt aber ich habe mal versucht , den damaligen Sound etwas zu rekonstruieren .





Eine absolut zur Spitze gehörende Gruppe war das Franke-Echo Quintett.

Diese hervorragenden Musiker beherrschten jeder nicht nur mehrere Instrumente sondern sie bedienten auch ein breites musikalisches Spektrum , welches sich nicht nur allein auf Beat beschränkte. Auch diese Gruppe hatte unter sozialistischen Repressalien zu leiden. Nach dem berüchtigten 11. Plenum im Dezember 1965 war auch das Franke-Echo Quintett nicht mehr zu Schallplattenaufnahmen zugelassen . Jene SED-Betonköpfe , die damals lebenslange Auftrittsverbote über talentierte Musiker verhängten , sind inzwischen vermodert und niemand trauert denen nach.
Leider haben sich diese Gruppen größtenteils nach dem Zusammanbruch der DDR nicht wieder alter Formation zusammengefunden , was zu bedauern ist. Ich hatte Gelegen heit , nach der Wende mit " Nunni " ( oben Bildmitte ) als DUO musizieren zu können . Wenn man sich als Fachmann mal vor Augen hält , was für taube Nüsse uns damals als Schlagerinterpreten mitunter vorgesetzt wurden, kann man diese damalige Zeit aus heutiger Sicht durchaus als " Haftverschärfung " empfinden .

Seiten: 1 2 3 Zurück zur Übersicht