FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
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Thema: Kulturpolitische Mosaiksteinchen à la DDR


Ergänzung :

" Nunni " ( Hans Siegesmund aus Berlin-Bohnsdorf ) spielte nicht nur gekonnt Gitarre sondern auch ein exzellentes Saxophon .





Morgen ist 1. Mai , da fällt mir was ein zur Marschmusik der Demonstrationszüge in der DDR . Es gab damals einen Witz , der ein bezeichnendes Licht auf die heuchlerischen Mitläufer warf.

1. Mai in der DDR: Der Demonstrationszug formiert sich . Ganz vorn die Kapelle der Kampfgruppe , dahinter die Bannerträger. Es geht los und der Weg bis zur Tribüne ist ziemlich weit . Die Sonne brennt heiß und die Bannerträger werden langsam schlapp. Sie haben die Fahnenstange auf der Schulter zu liegen und das Fahnentuch schleift hinten auf der Straße . Als sie nun kurz vor der Tribüne angekommen sind ruft vom Bordstein her ein VoPo : " Die Fahne hoch "! Da dreht sich der Kapellmeister um und sagt : " Jungs , Noten weg ,
d a s Lied können wir auswendig " !






Losung an einer Friedhofsmauer




Du hast den Farbfilm vergessen

Weil wir gerade Urlaubszeit haben sei es mir gestattet , hierzu eigene Überlegungen anzustellen :

Die DDR war doch ständig darauf bedacht , keinerlei Schwäche des eigenen Sythems öffentlich einzugestehen. Erst recht nicht weltöffentlich denn die DDR hatte Weltniveau ! Wenn nun ein vergessener Farbfilm schon Thema eines Schagers sein kann dann bedeutet das doch nichts Anderes als daß ein Farbfilm in der damaligen DDR etwas Besonderes war. In der nichtkommunistischen Welt ging man zum nächsten Geschäft oder Kiosk und kaufte einen neuen Farbfilm . In der DDR war die Ermangelung eines Farbfilmes ein Ereignis , welches den ungetrübten Urlaubsgenuß spürbar schmälerte . Die Tatsache aber , daß man in der DDR nicht einfach einen neuen Farbfilm kaufen konnte ist doch ein klarer Beweis wirtschaftlich-industrieller Schwäche. Und eine solche Schwäche via Medien so offen zu thematisieren daß auch der Klassenfeind davon Kenntnis bekommt und sich darüber kaputtlacht weil er die Zusammenhänge kennt , erstaunt mich . Hat die Stasi , haben die Kulturfunktionäre hier geschlafen ? Was steckt wirklich dahinter , wollten die Macher dieses Schlagers auf unverdächtige Weise mal die Unzulänglichkeiten sozialistischer Planwirtschaft anprangern ? Oder war es wirklich nur allgemeine Gedankenlosigkeit ? Auf alle Fälle war und ist dieser Schlager eine Blamage für die Genossen und diese Blamage habe ich meinerseits genossen .





B_Stichler:
Und eine solche Schwäche via Medien so offen zu thematisieren daß auch der Klassenfeind davon Kenntnis bekommt und sich darüber kaputtlacht weil er die Zusammenhänge kennt , erstaunt mich .


Einer weiten Verbreitung des "Farbfilms" im Westen stand schon das allgemeine Desinteresse der Bundis an zeitgenössischer Ostmusik im Weg. Und dass in dem Lied eine Versorgungslücke thematisiert wird, darauf bin auch ich bis heute nicht gekommen. Der Autor der ZEIT, der einen langen Artikel geschrieben hat, jedenfalls auch nicht.



Der Schlager ist laut Wikipedia 1974 entstanden . Ab März 1975 war ich im Westen und da war allgemeine Farbfotografie bereits eine absolute Selbstverständlichkeit. Man verlangte im Geschäft keinen Farbfilm mehr sondern einfach nur einen Film . Wenn man jedoch s/w fotografieren wollte dann mußte man schon in ein Fachgeschäft gehen um einen s/w-Film zu bekommen .
Dem Autor des betreffenden Artikels möchte ich zugute halten daß er die DDR-Interna zu wenig kannte. Ich selbst wurde damals mal von jüngeren westdeutschen Arbeitskollegen gefragt warum man um einen Farbfilm extra einen Schlager macht. Die Berliner wußten ja Bescheid .



.....Mitte der siebziger Jahre geriet das Fotochemische Kombinat an einen absoluten Krisentiefpunkt. Wegen stark verschlissener Produktionsanlagen und fehlender Kapazitäten für neue Filmsorten konnte die Filmfabrik ihr Plansoll kaum noch erfüllen. Zudem fiel das Wolfener Filmsortiment technologisch immer weiter zurück. Problematisch war vor allem, dass Wolfener Farbfilme sich nicht in den Entwicklungsbädern von Eastman Kodak verarbeiten ließen, die sich in den internationalen Fotolabors als Standard durchgesetzt hatten.....
Quelle


das nannte sich - Weltniveau


Bildquelle





bernd:

das nannte sich - Weltniveau

... in den Wald hineingerufen: wo? wo? wo?



Kultur besteht ja nicht nur aus Musik . Auch der Film im Kino oder im Fernsehen erfüllte einen bestimmten Zweck.
Während man bei der UFA mit Unterhaltungsfilmen von Kriegsgeschehen ablenken wollte legte die DEFA ihr Hauptgewicht auf Arbeitsfilme . Unter Ulbricht nahm das mitunter sogar grotesk-lächerliche Formen an . Wer in diesen Filmen eine Hauptrolle spielte wurde danach von weiten Teilen der DDR-Bevölkerung nicht mehr als seriöser Schauspieler sondern als Witzfigur angesehen . Man kann also durchaus feststellen , daß Schauspieler in beiden deutschen Diktaturen nicht nur Darsteller sondern auch Werkzeuge waren . Teils gezwungen , teils aber absolut bereitwillig. Es mutet mitunter seltsam an , wenn ehemalige Wasserträger des Sozialismus nach 1990 auf dem Bildschirm plötzlich als überzeugte Demokraten erscheinen , teilweise mit erwiesener Stasi-Vergangenheit.



Weil wir hier vom Farbfilm zur Ostsee gekommen sind :
Die DDR veranstaltete bis in die 70er Jahre hinein eine sogenannte Ostsee-Woche,an der Besucher aus allen Ostsee-Anrainerstaaten teilnahmen . Und hier muß es irgendwo im zuständigen Ministerium Leute gegeben haben die erkannt hatten daß man internationalem Publikum keine DDR-Tanzmusik anbieten kann . Und somit erlangte das Ostsee-Tanzorchester unter Helmut Opel eine in der DDR damals einmalige Sonderstellung , die selbst Orchester wie
Walter Eichenberg , Günter Gollasch oder Fips Fleischer nie erlangten . Helmut Opel unterlag nicht dem 60/40 - Diktat sondern hatte freie Hand bei der Programmgestaltung.
Während der kalten Jahreszeit tourte das Orchester durch die DDR und kümmerte sich auch da nicht um 60/40. Für uns damals in den 60ern war ein Tanzabend mit Helmut Opel immer wie ein Tag Hafturlaub.

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Für Fachleute und Interessenten:
Bei t-online war vor Tagen zu lesen daß Manfred Krug über ein musikalisches Comeback nachdenkt . Für DDR-Begriffe war er ja regelrecht modern , aber im internationalen Maßstab waren seine DDR-Aufnahmen mit den Jazz-Optimisten alles Andere als konkurrenzfähig. Wenn Comeback , wogegen nichts einzuwenden ist , dann aber bitte ohne DDR-Sound.
Blues muß nach Blues klingen :



Video: in memoriam The Colorados Halle/Saale



Kleine Episode am Rande:
Kurz nach der Wende wurde Manfred Krug mal von Fernsehjournalisten nach seinen weiteren Plänen und möglichen Filmrollen befragt. Dabei sagte Krug wörtlich: "
Ich würde niemals in einem Kriegsfilm mitspielen "
!

Aber , aber , Gefrieter Hartung , wer wird denn hier so unverschämt lügen !

In dem DEFA-Film Meine Stunde Null spielte Krug einen deutschen Gefreiten der seine eigenen Kameraden in eine sowjetische Falle lockt und ihnen somit einen Freifahrtschein nach Sibirien verschafft.

Wo war da Ihr pazifistischer Standpunkt , Herr Krug ?



KRUG spielte auch in dem Kriegsfilm "Fünf Patronenhülsen" mit.

KRUG hat aber noch ganz andere Sachen auf dem Kerbholz. So schrieb er das Drehbuch für "Der Kinnhaken" - und für sich die Hauptrolle.

Manfred Jelenski schrieb in der Berliner Zeitung vom 4. Dezember 1962:

„Ein Kinnhaken hat bereits bei Beginn dieses Films voll getroffen. Es ist jener Schlag, den unser Staat am 13. August 1961 den Möchtegern-Kriegern in Westberlin und Bonn und ihrem Anhang versetzte.“

Für den film-dienst war "Der Kinnhaken" „ein wenig überzeugender, schnell realisierter Stoff zum Thema Mauerbau, der unter Vergröberungen und schlechten Dialogen leidet“

© Wikipedia

Zu erwähnen ist noch die aggressive Werbung KRUGs für die Telekom-Aktie, die besonders beim zweiten Börsengang völlig überteuert war und vielen Neuanlegern am Aktienmarkt herbe Verluste bescherte.




Zuletzt bearbeitet: 23.03.2015 20:07 von Klaus_Plaetzsch


Neben Musik, Film und Foto sollte auch die Malerei nicht unerwähnt bleiben.

Es gab damals in Halle eine Galerie mit Tradition und Niveau die versuchte, sich dem damaligen Zeitgeist und besonders dem sowjetischen Primitivismus zu verweigern. Das war natürlich ein Dorn im Auge jener sozialistischen Realisten vom Schlage eines Willi Sitte. Und so startete man eine der üblichen Verunglimpfungskampagnen gegen die Galerie Henning und machte sie platt.

Nachstehend ein entsprechender Artikel aus dem Halleschen Monatsheft vom Februar 1958:




Zuletzt bearbeitet: 05.05.2015 13:24 von Administrator


"Mikrobenheere" der Nachahmer von Мойше Хацкелевич Шагалов, Georges Braque, Fernand Léger - tolle Formulierung.

Es existiert eine Art Gedenkseite: Galerie Henning.

Mit dem Bau der Mauer war Eduard Henning die Möglichkeit genommen, den regen Austausch mit den Freunden in der Pariser Kunst- und Grafikwelt aufrecht zu erhalten.In Folge dessen wurde die Schließung der Galerie im Dezember 1961 erzwungen. Für Eduard Henning war dies ein schwerer Schlag von dem er sich nicht wieder erholte, in Depressionen verfiel und am 21. Juni 1962 in den Freitod ging. Christel Henning beantragte die Fortführung der Galerie, die jedoch vom Rat der Stadt Halle abgelehnt wurde mit der Begründung, dass es kein gesellschaftliches Bedürfnis zur Aufrechterhaltung der Kunstgalerie in der Stadt gäbe.


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