FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
Seiten: 1 2 3 Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Kulturpolitische Mosaiksteinchen à la DDR


Lieber Kamerad Plaetzsch , herzlichen Dank für diese wertvolle Ergänzung . Ich wußte selbst nicht daß es für die Galerie Henning eine Gedenkseite gibt.

Aber da fällt mir noch eine andere Begebenheit ein :
Im Jahre 1959 besuchte meine Schulklasse die Kunsthochschule auf der Burg Giebichenstein in Halle . Damals war ja moderne Kunst in jeder Form in der DDR verpönt . Der damals leitende Professor führte uns durch alle Räume und Ateliers. Überall strenge Nüchternheit . Als wir in das Atelier der " Plastiker " kamen glaubten wir uns einen Moment lang im Westen . Da standen Plastiken in modernster Formgebung herum und wurden von Kunststudenten bearbeitet.Da wir ja als 14-und 15Jährige schon viel über westliche abstrakte Kunst und deren schlechten Charakter gehört und gelesen hatten blickten wir bei diesem Anblick natürlich ganz erstaunt und deutlich interessiert um uns . Das bemerkten sowohl unser Klassenlehrer als auch der Professor sofort. Mit geradezu um Entschuldigung bittender Miene erklärte der Professor unserem Klassenlehrer :" Wir wollen hier keinesfalls abstrakte Kunst praktizieren aber wir müssen
solche Beispiele haben um unseren Studenten gewisse künstlerische Gesetzmäßigkeiten zu verdeutlichen
". Viel später kam mir die Vermutung daß diese Worte nur eine Ausrede waren und daß es auf dieser Kunsthochschule einen heimlichen Zirkel für moderne Kunst gegeben haben muß.


Zuletzt bearbeitet: 06.05.2015 12:56 von B_Stichler


Der Verleumdungs-Artikel gegen die Galerie Henning vom Februar 1958 fand im Halleschen Monatsheft Mai 1958 noch ein kleines Echo:





Zuletzt bearbeitet: 26.12.2015 13:03 von Administrator


Eine schöpferische und ideologiefreie Kunst war den Kommunisten nicht geheuer. Für sie war Kunst eindeutig Mittel zum Zweck. Und Kunst durfte auch nur so anspruchsvoll sein, wie sie von den einfach gestrickten Kulturfunktionären der DDR gerade noch verstanden wurde.

Der nachstehende Artikel aus dem Halleschen Monatsheft vom September 1958 wirft folgende Frage auf:
Handelt es sich hierbei noch um einen normalen und allgemeinen Aufruf oder bereits um einen mit den üblichen Verpflichtungen verbundenen Parteiauftrag?







Zuletzt bearbeitet: 26.12.2015 13:03 von Administrator




Diese Verse lassen eindeutig erkennen:

Der rote Größenwahn stand dem braunen in keiner Weise nach!


Zuletzt bearbeitet: 10.08.2015 09:26 von Administrator


GERD NATSCHINSKI VERSTORBEN Bei einem Menschen im 86. Lebensjahr gehört das zum Lauf der Natur. Als ich diese Nachricht las, kam mir sofort ein anderer Name in den Sinn: Herms Niel (Hermann Nielebrock).
Der Eine diente dem braunen Faschismus, der Jüngere dem roten. Alle von der Kulturpolitik der DDR-Betroffenen werden vermutlich wie ich aus absolut verständlichen Gründen tiefste Trauer empfinden.

Nachsatz:
Natschinski-Junior Thomas stellte Ende der 60er in absoluter Systemtreue die Frage "Sag mir wo Du stehst"! Die Antwort darauf wurde 1989 mit derartiger Eindeutigkeit erteilt, dass ich diese (dumme) Frage danach nie wieder gehört habe. Auch die ideologisch-kulturelle Macht der Natschinski`s war gebrochen, und das war und ist gut so!!!


Zuletzt bearbeitet: 10.08.2015 15:13 von Administrator


Gaststättenkultur

Auch die Gastronomie darf beim hier anstehenden Themenkomplex nicht übergangen werden. Auf der einen Seite gab es in der damaligen DDR diese in den Städten weit verbreiteten Arbeiterkneipen mit ihrer ganz besonderen Atmosphäre, die für den Unkundigen mit Worten kaum zu beschreiben ist . Das muss man erlebt haben . Als 17 jährige Jungen waren wir für 5 DDR-Mark voll. Zehn Bier a 40 Pf. und dazu zwei Schnäpse a 50 Pf. genügten uns. Der Umgangston in diesen Kneipen war rauh aber herzlich und es gab keine Standesunterschiede. Ärgerlich war lediglich , dass um Mitternacht geschlossen wurde.
Auf der anderen Seite gab es die Restaurants, Cafe`s und Klubhäuser , die vom
VEB-HO-Gaststätten betrieben wurden. Dort machte man auf Niveau , obwohl real keines vorhanden war. Das Personal gab sich spießig und das Angebot an Speisen und Getränken rechtfertigte keinesfalls das spießige Verhalten des Personales. Aber man musste ja sozialistische Gaststättenkultur repräsentieren , auch wenn es absolut nichts zu repräsentieren gab , auch wenn die Gäste mitunter im Schnelldurchlauf abgefüttert wurden weil mangels Kapazität schon die nächsten Gäste auf einen Platz warteten. Das Bedienungspersonal war in weiten Teilen von einer Raubritter-Mentalität beseelt und fühlte sich oftmals als etwas Besseres. Nach dem 3. Oktober 1990 jedoch gab es für viele dieser Vertreter eine kalte Ernüchterung mit oftmals unangenehmen Folgen . Ganz speziell im damaligen Berlin . In den Westberliner Lokalitäten begann nach dem Mauerfall Ostberliner Gaststättenpersonal zu arbeiten . Die Westberliner Gastronomie – mit der HO-Mentalität nicht vertraut – war in dem Glauben , zu günstigen Bedingungen gutes Fachpersonal bekommen zu haben . Die kalte Dusche ließ nicht lange auf sich warten. Statt , wie im Westen üblich , großzügig den Gästen gegenüberzutreten konnten diese Typen ihre HO-Manieren nicht ablegen . Wie in der DDR wurden die Gläser bis unter den Eichstrich gefüllt während es in Westberlin bisher üblich war , leicht über den Eichstrich zu gehen . Wünsche der Gäste , die dem HO-Kellner ungewohnt waren , wurden abfällig ignoriert. Beim Kassieren wurde versucht zu betrügen. Solche Methoden fielen sehr bald auf und die Stammgäste stellten daraufhin die Wirtsleute vor die Wahl , diese HO-Kraft sofort zu entlassen oder aber auf langjährige Stammgäste verzichten zu müssen . Und schon war der größte Teil dieser Leute mit sozialistischem Gaststätten-Niveau wieder arbeitslos , was ihnen von Herzen zu gönnen war.



B_Stichler:
Wie in der DDR wurden die Gläser bis unter den Eichstrich gefüllt


Ich habe als Student in einem großen Klubhaus gekellnert. Das Ehepaar am Büfett hielt stets die Hand vor das Glas, mit dem der Schnaps abgemessen wurde, weil es zu wenig einschänkte. Dafür wurden die Schnapsflaschen nach Ausguß des letzten Tropfens waagerecht gelegt, um auch noch den allerletzten Tropfen zu nutzen. Wenn die Gäste sich beschwerten, dass sich das Bier unter dem Eichstrich befand, bekamen wir zu hören: "Tragt das Bier schneller aus, damit der Schaum noch hoch ist." Es galt das Motto: "Der Gast ist König, wir sind Kaiser." Und überall die Schilder "Sie werden plaziert" - oft bei jeder Menge freier Tische. Von der Qualität der Speisen ganz zu schweigen.



Der Deutschlandfunk brachte heute ein sehr hörenswertes Feature über das 11. Plenum des ZK der SED 1965:

__________________________________________________

Geschichte eines Tribunals - Das 11. Plenum des ZK der SED 1965

"Unsere Deutsche Demokratische Republik ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe für Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte." Mit diesen Worten eröffnet Erich Honecker, damals im Politbüro Sekretär für Sicherheitsfragen und Kronprinz Walter Ulbrichts, im Dezember 1965 eine kulturpolitische Inquisition, die die Literatur-, Theater-, Film- und Musiklandschaft der DDR für Jahre verwüsten wird.

Von Marcus Heumann

Nach dem Mauerbau 1961 hatten die Kulturschaffenden der DDR auf ein offeneres Klima im Innern gehofft. Und tatsächlich mehren sich nach dem 6. Parteitag 1963, auf dem Ulbricht eine tiefgreifende Reform der ineffizienten Planwirtschaft anstößt, die Anzeichen für eine innenpolitische Liberalisierung - bis sich die Hardliner der Partei beim 11. Plenum des Zentralkomitees aus der Deckung wagen: Bücher, Filme, Theaterstücke und Lieder werden seziert und die "ideologische Verwilderung" der Urheber "entlarvt".

Im Zentrum der Kritik stehen Wolf Biermann, Robert Havemann, Stefan Heym, Heiner Müller und Volker Braun - mitsamt jeder Spielart "westlicher Unkultur". Die Zeit des kulturellen Aufbruchs ist vorüber: Theaterstücke, Bücher und Beatbands werden reihenweise verboten, 12 von 14 Filmen der DEFA-Jahresproduktion 1965 landen in den Archivkellern, Regisseure erhalten Berufsverbot - und die Reformer in der SED werden kalt gestellt.

© deutschlandfunk.de - mit Links zum Manuskripttext

Link zum Nachhören


Zuletzt bearbeitet: 26.12.2015 12:54 von Klaus_Plaetzsch


Während der 50er und 60er Jahre bildeten sich ja viele Jugend-Bands , die dem Rock n Roll und dem Beat zugetan waren . Und die großen Hits dieser Musik waren in der Masse in englischer Sprache verfasst.An den Grundschulen der DDR wurde jedoch Englisch nicht gelehrt sondern Russisch. Also verfielen viele jugendliche Musiker in eine Form von Vocalistic , die als Ersatz für originale englische Sprachkenntnisse herhalten musste . Ob dieser Tatsache mussten die jungen Musiker Unmengen von ideologisch motivierter Kritik über sich ergehen lassen weil sie mit ihrer speziellen Vocalistic ihre Sympathie zum Klassenfeind offenbarten. Man predigte uns damals unermüdlich , dass die russische Sprache die Sprache der Zukunft wäre , weil ja der Kapitalismus im Untergang begriffen sei. Man meinte damals ernsthaft - und wollte uns dies auch ständig eintrichtern - dass sich die russische Sprache weltweit durchsetzen würde . Und in der Tat - sie hat es auch . Zumindest in MAFIA-Kreisen !!!



[URL]




[/URL]

Auszüge aus dem sehr kompetenten Buch von Wiebke Janssen , Seite 46 und 47.
Wie man erkennen kann hatte Norden ja wirkliche Lichtblicke . Aber die unteren Chargen der FDJ-Führung waren nicht intelligent genug um die Worte Nordens überhaupt richtig zu verstehen .
Ich erinnere mich noch sehr gut an die vielen Prophezeiungen gegen Ende der 50er, aus uns würden Verbrecher werden . Heute , wo sich unsere Generation bereits auf der Zielgeraden des Lebens befindet , sehe ich die Sache eher umgekehrt . Wer innerhalb eines Menschenlebens zweimal hinter einer verbrecherischen Fahne hergelaufen ist - wobei das zweite Mal auf freiwilliger Basis beruhte - käme einem solchen Vorwurf wohl deutlich näher.


Zuletzt bearbeitet: 30.05.2017 07:26 von B_Stichler


Hier ein Auszug aus Seite 177 :



Wer die damalige Zeit bewusst miterlebt hat dem ist die Realität sicher völlig anders in Erinnerung .

Seiten: 1 2 3 Zurück zur Übersicht