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Thema: MATTHIAS-DOMASCHK-MORD: Was weiß Horst H. Köhler?


1981 – MORD AN MATTHIAS DOMASCHK

WAS WEIß DER STASI-OFFIZIER HORST HENNO KÖHLER?


14.8.2013, S. 3

SEIN LETZTER VERNEHMER

55 Stunden Schlafentzug, endlose Befragungen. Matthias DOMASCHK hat die Stasi-Haft nicht überlebt. Sein Tod ist 1981 eine Zäsur für die DDR-Opposition. Und seine Peiniger? Werden nie verurteilt. Einer steigt zum Chef einer Kreuzberger Markthalle auf – bis ihn doch die Vergangenheit einholt


Von Max Thomas MEHR

Herr K. will nicht reden. Für ein Interview – so teilt er schriftlich mit – „steht er nicht zur Verfügung“.

Horst K.: erst vier Jahre IM. Dann von 1972 bis 1989 der Führungsoffizier zahlreicher inoffizieller Mitarbeiter, hauptamtlicher Mitarbeiter der Staatssicherheit, Kreisdirektion Jena, später Berlin.

Horst K.: spezialisiert auf die kirchliche junge Gemeinde, spezialisiert darauf, Oppositionellen das moralische Rückgrat zu brechen, sie zur Kooperation mit der Staatsmacht zu überreden oder ihnen die Ausweise wegnehmen zu lassen oder sie festzusetzen in Stasi-Haft.

Und nun also: Horst K., „Center-Manager“ der Marheineke-Markthalle. Der ehemalige Staatsdiener der DDR soll im grün-alternativen Kreuzberger Szeneviertel dem kapitalistischen Marktgeschehen zum Aufschwung verhelfen.

Das hat niemand gewusst, denn Horst K. hat es an seinem neuen Arbeitsplatz auch niemandem erzählt.

Ein bisschen seltsam fanden ihn viele Händler ja schon immer, diesen Herrn mit weißem Haar und ergrautem Schnauzer: Er sei nie greifbar gewesen, man habe ihm nicht wirklich vertrauen können. Nur wenige wollen mit Namen zitiert werden. Ein mächtiger Mann in der Markthalle, so scheint es, einer, der seine Macht darauf baute, die Händler gegeneinander auszuspielen: „Na ja, das sage ich nur Ihnen“, sagt er dem einen, um ihm gegenüber dann andere in der Halle schlechtzumachen. Gespräche führte K. möglichst nur unter vier Augen. Er drohte den Händlern auch mal gerne: „Mir entgeht hier gar nichts in dieser Halle.“ So erzählt es Christel JOKISCH vom Stand „Marktpur“.

Doch ist das die richtige Art, die Marheineke-Halle zum Erfolg zu führen? Zwar scharen sich hier am Wochenende einheimische Genießer und touristische Flaneure, die Halle findet sich in jedem Berlin-Führer, dennoch sind einige Stände noch immer unvermietet.

Der Eigentümer: das ist die Berliner Großmarkt GmbH. Und die ist eine hundertprozentige Tochter der Stadt. Den Aufsichtsratsvorsitz stellt die Senatsverwaltung für Wirtschaft. Die Senatorin, Cornelia YZER, möchte nicht über Horst K. reden. Schriftlich lässt die Senatsverwaltung stattdessen verlauten: Die Vergabe des Center Managements liege in der „operativen Eigenverantwortung der BGM Geschäftsführung“. Auch die sieht sich nicht in der Verantwortung. Man habe eine Firma mit dem Management der Halle betreut, und die wiederum habe Horst K. beauftragt.

Der Mann sei ein Ex-Stasi? Ach. Das habe man nicht gewusst.

Man hätte es aber wissen können – denn er muss ja seine Arbeitsbiografie irgendwie dargelegt haben, bevor er den Job bekommen hat. 17 Jahre Stasi, hauptamtlich, lassen sich da kaum verstecken. Horst K. ist nicht irgendwer gewesen.

Es ist Freitagabend, der 10. April 1981. Peter RÖSCH und sein Freund Matthias DOMASCHK sind mit dem Zug von Jena aus unterwegs nach Berlin. Sie sind müde. Am Abend zuvor waren sie noch bei einem Rockkonzert. Die Nacht war kurz. Sie haben im Zug ein bisschen geschlafen. In Jüterbog werden sie unsanft geweckt. Es ist 21 Uhr 45. Die Trapo, die Transportpolizei, holt die beiden jungen langhaarigen Männer, die zur Jungen Gemeinde in Jena Stadtmitte gehören, aus dem Zug. Was sie nicht wissen, im Hintergrund läuft schon seit Tagen eine geheime Stasi-Operation gegen sie. Deckname „Kampfkurs X“. Die „Maßnahmen“ gegen Peter RÖSCH und Matthias DOMASCHK wurden mitgeplant von: Hauptmann Horst K. Es sollte, so schreibt es die Stasi später in ihrem Eilbericht „Flugzeug“, verhindert werden, dass Personen wie Matthias DOMASCHK und Peter RÖSCH in die Hauptstadt reisen. Denn in Berlin läuft zur selben Zeit der X. Parteitag der SED. Da sollen die beiden das Jubelbild, das die SED rund um ihre Parteitage gern in die Welt trägt, nicht stören. Dabei wollen sie nur zu einer Party. Zu einer Wohnungseinweihung von Freunden in Prenzlauer Berg.

©R.-Havemann-Gesellschaft
Initialzündung. Matthias Domaschk und seine Freundin Renate geraten 1976 nach der Biermann-Ausbürgerung in den Fokus der Stasi


Peter RÖSCH und Matthias DOMASCHK werden in Jüterbog vernommen. In Knebelketten geht es zur Polizeistation. An Schlaf ist nicht zu denken. Am Samstag werden sie von einem Barkas, einem Gefangenentransporter, abgeholt. Doch die „Rückführung“, wie es im Stasi-Jargon heißt, verzögert sich, weil der erste, aus Thüringen losgeschickte Transporter unterwegs kaputtgeht. Peter RÖSCH und Matthias DOMASCHK wissen noch immer nicht, warum sie festgehalten werden. Als sie endlich losfahren, sagt ihnen keiner, wohin die Reise geht. Sie endet im Untersuchungsgefängnis Gera. Dort werden sie in nebeneinander liegenden Zellen eingesperrt. Peter RÖSCH, den die Freunde „Blase“ nennen, bekommt noch einen Tritt in den Hintern, weil er einen kaputten Fuß hat und nicht so schnell laufen kann. Es ist das letzte Mal, dass er Matthias DOMASCHK sieht. K. ist, so haben polizeiliche Ermittlungen nach der Wende ergeben, seit jenem Samstagabend, dem 11. April 1981, auch im Stasi-Gefängnis anwesend. K. hat Zeit. Bald 36 Stunden hat Matz, wie seine Freunde ihn nennen, nicht mehr geschlafen. Doch nun beginnen die Verhöre erneut.

In den Protokollen der Staatssicherheit liest sich das so: Beginn der Vernehmung: 23.05/ Ende: 03.00. Beginn: 03.30/ Ende: 06.00.Beginn:06.30/Ende:12.15.Insgesamt 55 Stunden sind es am Ende, die DOMASCHK nicht geschlafen hat.



Schreie aus der Nachbarzelle, und er denkt, es sei die Freundin

Immer wieder dieselben Fragen: Fragen nach Kontakten zu tschechischen Dissidenten, etwa zu Petr UHL von der Charta 77, Fragen zu Solidarnosc, der polnischen freien Gewerkschaftsbewegung, Fragen zu den Unterschriften unter der Protestresolution, die nach der BIERMANN-Ausbürgerung im Herbst 1976 in der DDR die Runde macht. Matthias DOMASCHK hat sie auch unterschrieben, darf deshalb sein Abitur nicht machen. Charta 77, BIERMANN, Solidarnosc: Mit solchen Kontakten wurde man zum Staatsfeind, zehn bis 15 Jahre Knast konnte es dafür geben. Das Protokoll der Verhöre ist zehneinhalb Seiten dünn, locker mit je 30 Zeilen beschrieben. Für fast zwölfeinhalb Stunden Vernehmungen.

Erst dann übernimmt K. persönlich. Das Protokoll seiner Vernehmung des 23-Jährigen liegt nicht vor. Vielleicht hat es nie existiert, vielleicht wurde es vernichtet, vielleicht wird es irgendwann aus Schnipselsäcken wieder zusammengesetzt. Dass K. aber am Sonntag, dem 12. April 1981, um 12.45 Uhr die Zelle von Matthias DOMASCHK betritt und die anderen Vernehmer die Zelle verlassen, wurde später im Fernschreiben mit dem bezeichnenden Namen „Flugzeug“ vermerkt. Das Schreiben ging von der Staatssicherheit Gera an MIELKEs Ministerium. Ein Schreiben, das schnell nach Berlin musste, denn es ging um ein unliebsames „Vorkommnis“: Matthias DOMASCHK wurde, nur eine halbe Stunde nach dem Ende des Verhörs durch Horst K., tot in seiner Zelle aufgefunden – angeblich hat er sich an einem Heizungsrohr selbst erhängt. Nachprüfbar ist das alles heute nicht mehr, die Leiche wurde wenige Tage später verbrannt. Eine unabhängige Ermittlung der Todesursache gab es nicht.

Welche Rolle hat Horst K. bei diesem „Vorkommnis“ gespielt? Das ist bis heute nicht geklärt. In seiner Kaderakte ist jedenfalls drei Wochen nach dem Tod von Matthias DOMASCHK eine Prämie von 400 Mark unter dem Stichwort „Kampfkurs X“ verzeichnet.

Ein erstes Verfahren zur Klärung einer Mitschuld K.’s am Tod von Matthias DOMASCHK wurde 1994 aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Matthias DOMASCHKs Freunde berichten: Die Begegnung, die – wie auch immer – zum Tode führte, sei nicht das erste Zusammentreffen gewesen.

Schon am 20. November 1976, drei Tage nach der BIERMANN-Ausbürgerung, werden Matthias DOMASCHK und seine damals hochschwangere Freundin Renate GROß bei der Stasi in nebeneinander liegenden Zellen vernommen. Es geht auch da um ihre Unterschriften unter die Protestresolution gegen den Rausschmiss des Liedermachers. DOMASCHK schweigt. Eine zermürbende Vernehmung. Plötzlich hört er aus der Nachbarzelle Frauenschreie. Er denkt an Frühgeburt oder daran, dass die Staatssicherheit der Freundin etwas antut. Er bricht zusammen und redet. Später, nach der Entlassung, trifft er seine Freundin auf der Straße. Sie war schon kurz nach der Festnahme entlassen worden. Die Frauenschreie kamen vom Tonband.

Was bedeutete es für Matthias DOMASCHK, den Mann jetzt wiederzusehen, den er für solchen Betrug verantwortlich hielt. Niemand wird es erfahren.

Denn Horst K. ist nicht nur der letzte Vernehmer, er ist auch der letzte Zeuge.

DOMASCHK habe bei diesem Gespräch keinen übermüdeten Eindruck gemacht, sagt er später, nach 1989, bei einem Verhör der Polizei. Dabei hatte Matthias DOMASCHK seit 55 Stunden nicht mehr geschlafen. Er habe auch keinen Druck ausgeübt auf DOMASCHK, führt K. weiter aus. Die Verpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit habe DOMASCHK freiwillig unterschrieben.

Es gibt keine Zeugen. DOMASCHK und sein letzter Vernehmer waren allein in der Zelle. K. behauptet in seiner Vernehmung auch, er habe mit DOMASCHK vor jenem verhängnisvollen Verhör am 12. April 1981 nie etwas zu tun gehabt. Das kann nicht stimmen. Schon seit 1976 hat er sich von seinen IM’s Einschätzungen über DOMASCHK liefern lassen. Seitenweise. Schickte Passfotos von ihm an die MfS-Zentrale in Berlin. Das ist in den Akten belegt. Seine Freundin Renate GROß ist sich bis heute sicher, dass sie 1976 in der Zelle neben ihrem Freund von Horst K. vernommen worden ist.

2001 wurde ein Strafbefehl gegen K. rechtskräftig: 60 Tagessätze à 40 DM. Nicht der Tod wurde da verhandelt, sondern die Freiheitsberaubung.

Transportpolizei und Staatssicherheit hatten Peter RÖSCH und Matthias DOMASCHK länger als 24 Stunden ohne Haftbefehl festgehalten. Das war auch nach DDR-Recht strafbar.

K. und ein weiterer Vernehmer legen gegen die Strafbefehle erst einmal Widerspruch ein. So kommt es wenige Tage vor der Verjährung zu einer gespenstischen Verhandlung. Der letzte Vernehmer erscheint gar nicht erst vor Gericht, er macht in Österreich Urlaub und hofft wohl auf die kaum eine Woche später einsetzende Verjährungsfrist. Die Oppositionellen von einst sitzen dicht gedrängt im Zuschauerraum. Doch der Richter macht K., der sich durch einen ehemaligen Stasi-Offizier vor Gericht vertreten lässt, einen Strich durch die Rechnung und verhandelt in seiner Abwesenheit.

2400 D-Mark Strafe muss K. zahlen wegen Freiheitsberaubung. Der Tod des jungen Mannes ist bis heute unaufgeklärt. So steht es auf dem Ehrengrab, das die Stadt Jena für DOMASCHK errichtet hat. Und so steht es auch auf dem Schild der nach ihm benannten Straße in der Thüringer Universitätsstadt.

Auf eine Interviewanfrage antwortet K. nur knapp: „In diesem Zusammenhang gestatte ich mir den Hinweis, dass das Verfahren vor dem Amtsgericht Gera nur zustande kam, weil ich aus Überzeugung meiner Unschuld einem zuvor ergangenen richterlichen Strafbefehl widersprochen habe.“

Seine Unterschrift hat sich nicht geändert. Sie ist noch so wie in den Hunderten von Akten, die in der Stasi-Unterlagen-Behörde von ihm aufbewahrt werden. Selbst nach dem Tod bestimmt Stasi-Mann K. die Sprachregelung. Im korrekten Stasi-Deutsch erstellte er den Maßnahmeplan, wie mit dem„Vorkommnis“ umzugehen sei:

„Durch über verschiedene Ebenen bis zur Thüringer Kirchenleitung gesteuerte Informationen konnte inzwischen die Entwicklung in unserem Sinne positiv beeinflusst werden, alle verantwortlichen Mitarbeiter…akzeptierten die offizielle Darstellung des Suicid des DOMASCHK ...“

Was heißt das? Gibt es auch eine inoffizielle Version? Und wie sah die aus?



Die Entlassung erfolgtaus gegebenem Anlass

Roland JAHN ist Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Mit Matthias DOMASCHK ist er einst über den Jenaer Markt gezogen. Ihr gemeinsames Lied: „Wir sind geboren, um frei zu sein“: Ton Steine Scherben – im Osten.

Mord oder Selbstmord? Für Roland JAHN ist das nicht die entscheidende Frage: „Ein junger Mann von 23 Jahren wird von der Stasi festgenommen und eingesperrt, und am Ende kommt er nur tot aus dem Gefängnis. Das ist die Schuld der Stasi. Das ist auch die Verantwortung, die die Menschen tragen, die daran beteiligt waren. Und dieser Verantwortung müssen sie sich stellen, auch heute noch, nach so vielen Jahren.“

Der Tod von Matthias DOMASCHK in der Stasi-Zelle ist – nach der BIERMANN-Ausbürgerung – eine weitere Zäsur für die Oppositionsszene in der DDR. Vor allem aus Thüringen setzt eine regelrechte Ausreisewelle ein. Die DDR ist froh, auf diese Weise Protestpotenzial loszuwerden. Hunderte junger Leute wollen nur noch weg, viele von ihnen zieht es nach Kreuzberg, ziehen in die Gegend rund um den Görlitzer Park – Roland JAHN war einer von ihnen. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass K. offenbar seinen Opfern hinterhergezogen ist.

Es gibt sie selbst unter den Händlern in der Marheineke-Halle. Etwa Bereth HERZER, die Kräuterfrau, wegen ihrer rosa Himbeerbonbons beliebt bei allen Kindern.

Bereth HERZER kommt aus Jena. Natürlich kennt sie den Fall DOMASCHK. Ihre Mutter war Lehrerin in Jena. 1987 wurde sie aufgrund einer Denunziation der Staatssicherheit fristlos aus dem Schuldienst entlassen, weil sie auf einer Parteiwahlversammlung in der Oberschule kritische Gedichte über die Fahne und das Parteibuch hatte vortragen lassen wollen. Als sie erfährt, wer ihr Center-Manager ist, findet Bereth HERZER keine Worte. Unglaublich sei das. Unerhört. Wie könne es sein, fragt sie, dass so einer hier wieder hochgekommen sei, auch noch in einem Unternehmen, das der Stadt gehört.

Das Land hat sich keine allgemein gültige Regel zur Beschäftigung von Stasi-Mitarbeitern auferlegt. Im öffentlichen Dienst wird heute nur noch ab einer bestimmten Gehaltsklasse überprüft, in den landeseigenen Betrieben wurde eher weniger kontrolliert. Natürlich müssten auch Leute wie K. sich einleben können in der Nach-Wende-Gesellschaft. Aber müssen sie, ohne dass sie sich ihrer Verantwortung gestellt haben, wieder Macht über andere Menschen ausüben? Im Auftrag der Stadt Berlin?

Eine andere Händlerin kommentiert das so: Wenn K. sich mit seiner Geschichte auseinandergesetzt hätte, dann hätte er die Händler in der Markthalle nicht so behandelt, wie er sie in den letzten fünf Jahren behandelt hat.

Am Montag vergangener Woche zieht der Geschäftsführer der Berliner Großmarkt GmbH, Andreas FOIDL, die Konsequenz. Offenbar haben ihn die Recherchen des Tagesspiegels und des ARD-Politikmagazins „Fakt“ beunruhigt. In der Kreuzberger Markthalle lässt er eine etwas kryptische Mitteilung verteilen: „Wie den meisten von Ihnen bereits bekannt ist, wird Herr K. aus gegebenem Anlaß mit sofortiger Wirkung nicht mehr als Centermanager der Marheineke Markthalle tätig sein.“

Welcher Anlass der gegebene ist, das erklärt die BGM den Händlern nicht.







An einen Selbstmord Domaschks glaube ich nicht. Dass er eine IM-Verpflichtung unterschrieben hat, reicht nicht. Man hatte sich in der Jungen Gemeinde darüber unterhalten, was geschehen solle, falls mal einer schwach geworden ist. Sich zu dekonspirieren war die Antwort. Das wäre Domaschks Haltung gewesen. Die Verpflichtungserklärung war ganz neu; er war noch nicht dazu tätig geworden. Von einer Dekonspiration hatte er nichts zu befürchten, aber die Stasi.



Auch ich glaube nicht an einen Selbstmord. Ich kannte Matze, wir sind gemeinsam in einer Schulklasse gewesen und ich kannte ihn nur als einen lebensfrohen Menschen.
Außerdem saß ich 1979 in der gleichen MfS-U-Haft in Gera und ich glaube nicht, dass das ständige Beobachten der Inhaftierten, wie ich es erlebte, später gelockert wurde. Selbstmord war es, so meine Meinung und Erfahrung, nicht.



Danke, lieber Matthias Katze.

Bei dieser Gelegenheit darf auf Ihre Webseite www.stasiopfer.npage.de aufmerksam gemacht werden. Hier ein Auszug aus der Gefängnisakte:



Der Zeitzeuge Matthias KATZE ist Vorstandsmitglied der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V. (VOS).



© thueringen.de

...

Eppelmann bescheinigte bei der Geschichtsmesse in Suhl dem Linke-Politiker Ramelow, ein aufrichtiges Interesse an der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit seiner Partei zu haben. "Mir hat er den Eindruck vermittelt, dass ihm das ernst ist", sagte Eppelmann. Ramelow habe gleich zu Beginn seiner Amtszeit das Gespräch mit Opfervertretern gesucht und lasse den Tod des Thüringer Bürgerrechtlers Matthias Domaschk in Stasi-Haft neu untersuchen. "Wenn er bei dieser Dynamik bleibt und nicht massive Schwierigkeiten in seiner eigenen Partei bekommt, könnte das etwas bewegen", sagte Eppelmann. "Und das könnte auch der Linken insgesamt helfen."

...

© mdr.de 31.01.2015





Beschimpfung eines Toten

DIE JUNGE WELT VERLEUMDET MATTHIAS DOMASCHK


Am 9. April besuchte ich einen Freund in Jena, den ich 1962 im Zuchthaus Torgau an der Elbe kennen gelernt hatte. Nach zwei Stunden fuhren wir in die Innenstadt, wo meine Frau in der Goethe-Passage einkaufen wollte. Ich wartete im ersten Stock in einer Pizzeria und kaufte mir vorher die JUNGE WELT, gegen die das NEUE DEUTSCHLAND von 2016 ein bürgerlich-liberales Blatt ist.

Dort fand ich unter dem Titel Streit um Tod eine über zwei volle Zeitungsseiten ausgebreitete Schmähschrift von Robert Allertz (1951) über den 1981 im Geraer Untersuchungsgefängnis der „Staatssicherheit“ zu Tode gekommenen Jenaer Oppositionellen Matthias Domaschk.
    ©BStU
Robert Allertz, der durch sein Buch „Der Überläufer. Letztes Kapitel“ (2011) über Hansjoachim Tiedge (1937-2011) bekannt wurde, versucht hier mit hämischen Worten und merkwürdigen Unterstellungen zu beweisen, dass der junge Jenaer sich während der Untersuchungshaft per Unterschrift zur Mitarbeit bei der „Staatssicherheit“ verpflichtet und danach Selbstmord begangen hätte.

Dass der Verfasser mit Artikeln dem „Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS“ zuarbeitet, macht ihn nicht gerade vertrauenswürdiger. Vermutlich hat man ihn auserkoren, den Verdacht, der junge Jenaer könnte von Angehörigen der MfS-Bezirksverwaltung Gera in der Nacht zum 12. April 1981 umgebracht worden sein, auszuräumen. Aber selbst dann, wenn die Selbstmordthese stimmen sollte, wofür es bis heute keinen Beweis gibt, die Art und Weise, wie Robert Allertz über Matthias Domaschk schreibt, lässt darauf schließen, dass er auf Seiten der noch im Verborgenen agierenden „Staatssicherheit“ steht und sie freispricht, wo er nur kann.

Matthias Domaschk wurde am 12. Juni 1957 in Görlitz geboren und besuchte in Jena die Erweiterte Oberschule (EOS), wo er 1975 das Abitur ablegen wollte; gleichzeitig absolvierte er beim VEB Carl Zeiss in Jena eine Lehre als Feinmechaniker. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er vier Wochen vor den mündlichen Prüfungen vom Abitur ausgeschlossen, weshalb er nur noch seine Ausbildung als Facharbeiter abschließen, aber das angestrebte Studium der Geodäsie nicht antreten konnte. Die Universitätsstadt Jena war in den Jahren nach der Ausbürgerung des Ostberliner Liedermachers Wolf Biermann im Herbst 1976 eine der Hochburgen der Opposition gegen den SED-Staat, woran auch Pfarrer wie Walter Schilling (1930-2013) beteiligt waren.

Am 10. April 1981 fuhren Matthias Domaschk und Peter Rösch (1954), der 1982 nach Westberlin ausreisen durfte, in Begleitung zweier junger Frauen von Jena nach Ostberlin, wo sie an einer Feier im privaten Kreis teilnehmen wollten. Um 20.57 Uhr wurden sie von der Transportpolizei in Jüterbog bei Wittenberg aus dem Zug geholt und zur Vernehmung ins Volkspolizeikreisamt gebracht. Der Tatvorwurf lautete, sie hätten den X. SED-Parteitag in Ostberlin (11. bis 16. April 1981) stören wollen. Am nächsten Tag wurden die vier Jenaer ins Untersuchungsgefängnis der „Staatssicherheit“ in die Bezirkshauptstadt Gera gebracht und dort getrennt. In Einzelvernehmungen blieben die beiden Männer standhaft, die beiden Frauen wurden nach Jena entlassen. Am 12. April, einem Sonntag, sollten auch die beiden Männer entlassen und nach Jena gebracht werden, nachdem zuvor noch Matthias Domaschk eine handschriftliche Erklärung angegeben haben soll, dass er bereit wäre, als „inoffizieller Mitarbeiter“ für die „Staatssicherheit“ tätig zu werden. Zur Zeit der Abreise, um 14.15 Uhr, fand man ihn erhängt in Zelle 121 vor. Angeblich hat er aus seinem Hemd einen Strick geformt!

Die Aussagen der Geraer „Staatssicherheit“ Zum Todesfall Matthias Domaschk sind voller Widersprüche. In einem Artikel des SPIEGEL vom 14. Februar 1983, also knapp zwei Jahre nach dem Tod, kann man lesen, dass schon in der Nacht zum Sonntag, nicht erst am Sonntagnachmittag, zwei Ärzte des „Instituts für gerichtliche Medizin“ der Universität Jena, geholt worden waren, um den Tod zu begutachten: Prof. Dr. Christiane Kerde und ihr Stellvertreter, Oberarzt Dr. Manfred Disse. Obwohl beide Ärzte offensichtlich SED-hörig waren, weil sie schon 1978 im Fall des geflohenen Grenzsoldaten Werner Weinhold mit einem medizinischen Gutachten staatliche Vorgaben erfüllt hatten, erklärten sie nach eingehender Untersuchung der Leiche, dass die Würgemale am Hals des Toten nicht durch Erhängen mit einem Hemd verursacht worden sein könnten. Nach Rücksprache mit Geraer MfS-Offizieren änderten sie ihre Meinung und dokumentierten das gewünschte Ergebnis in ihrem Bericht. Im SPIEGEL hieß es: „War der schmächtige Domaschk der körperlichen und seelischen Belastung nicht mehr gewachsen und ist kollabiert? Oder vertuscht die Staatssicherheit einen Unglücksfall mit Todesfolge, der ihr bei rüden Verhörmethoden unterlaufen ist?“


Zuletzt bearbeitet: 22.04.2016 12:06 von Administrator


Inzwischen ist auch die interne Ermittlungsakte der Geraer Bezirksverwaltung gefunden worden, die 268 Seiten stark ist. Darüber schrieb der Journalist Sven Felix Kellerhoff am 12. April 2011, drei Jahrzehnte nach Matthias Domaschks Tod, in der WELT. Er kommt zum Ergebnis, dass der Leichnam „ohne Obduktion“ in der Geraer Untersuchungshaftanstalt eingeäschert worden wäre. Demnach wäre auf dem Jenaer Nordfriedhof am 16. April kein Sarg, sondern nur eine Urne beigesetzt worden, wobei 107 Trauergäste zugegen gewesen sein sollen. Aufschlussreicher ist ein anderer Absatz in diesem Artikel. So schrieb ein Geraer MfS-Offizier, dass zu den Aufgaben der Ermittlungsarbeit die „Erarbeitung einer einheitlichen Argumentation zum Vorkommnis“ gehörte, was nichts Anderes besagt als, dass alle Zeugenaussagen dem falschen Untersuchungsbericht der beiden Jenaer Ärzte untergeordnet werden sollten.

Der Todesfall „Matthias Domaschk“ ist noch lange nicht abgeschlossen. In Jena wurden nach dem Mauerfall 1989 eine Straße und in der Friedrich-Schiller-Universität ein Hörsaal nach ihm benannt. Nach Bildung der rot-rot-grünen Landesregierung in Erfurt am 5. Dezember 2014 regten Freunde und die einstige Lebensgefährtin Renate Ellmenreich (1950) sowie beider Tochter Julia bei Ministerpräsident Bodo Ramelow an, eine Arbeitsgruppe „Tod von Matthias Domaschk“ zu bilden, um das, was am 12. April 1981 in Gera geschehen ist, aufzuklären. Die Arbeitsgruppe hat sich am 5. März 2015 konstituiert und nach mehreren Sitzungen erste Ergebnisse vorgelegt. Am 16. April 2016 fand an der Grabstätte auf dem Jenaer Nordfriedhof eine Gedenkfeier statt.

Jörg Bernhard Bilke


    Podiumsdiskussion zum 35. Todestag von Matthias Domaschk: Roland Jahn (links), Chef der Bundesdbehörde für die Stasiunterlagen, Peter „Blase“ Rösch, Freund Domaschks und selbst als DDR-Oppositioneller verfolgt. ©Jens Voigt /OTZ




Stasi-Akten offenbar gefälscht

Domaschks Todesursache nach 36 Jahren weiter unklar

1981 kam der DDR-Oppositionelle Matthias Domaschk aus Jena in Stasi-Haft ums Leben. Die Stasi sprach von Selbstmord. Doch es gab Zweifel an dieser Version - Zweifel, die eine Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei zwar nicht bestätigen konnte, aber weiter aufrecht erhält. Denn: Die Stasi-Akten von damals sind offenbar gefälscht.

36 Jahre nach dem Tod des Jenaer DDR-Dissidenten Matthias Domaschk in Stasi-Haft bleiben die Todesumstände weiter unklar. Eine von Ministerpräsident Bodo Ramelow ins Leben gerufene Arbeitsgruppe kommt zwar zu dem Ergebnis, dass die Stasi damals die Akten zu dem Fall mit hoher Wahrscheinlichkeit gefälscht hat. Nach Angaben von Henning Pietzsch, Mitglied der Arbeitsgruppe und damaliger Freund von Domaschk, zeigen die Stasi-Akten, dass der darin dargestellte Ablauf der Ereignisse so nicht stattgefunden haben kann.

Die Arbeitsgruppe holte sich Rat beim Direktor des rechtsmedizinischen Instituts der Berliner Charité, Michael Tsokos. Er wertete die Fotos aus, die die Stasi von der Leiche von Domaschk gemacht hatte. Laut Tsokos geben die Fotos Hinweise darauf, dass Domaschk sich nicht - wie von der Stasi behauptet - erhängt hat. Die Strangulationsmerkmale an Domaschks Hals sprächen nicht für einen Suizid. Wie und wodurch Domaschk aber zu Tode kam, ist nach wie vor offen.

„Wir sind drauf angewiesen, dass Menschen uns helfen, die Wahrheit herauszufinden.“

Renate Ellmenreich, ehemalige Lebensgefährtin von Domaschk, forderte die heute noch lebenden Zeitzeugen - wie die Stasi-Offiziere - auf, ihr Schweigen zu brechen und die Wahrheit über den Tod ihres Freundes ans Licht zu bringen. Der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, kritisierte die Partei Die Linke. Sie habe sich hier als SED-Nachfolgeorganisation bis heute nicht ihrer Verantwortung gestellt.

Offizielle Stasi-Variante: Suizid durch Erhängen

Die Stasi hatte 1981 behauptet, dass sich Domaschk erhängt habe. Am 10. April des Jahres war Domaschk gemeinsam mit seinem Freund Peter Rösch, genannt Blase, zu einer Geburtstagsfeier nach Berlin aufgebrochen. Zeitgleich fand in der Hauptstadt der zehnte SED-Parteitag statt. Die Sicherheitskräfte vermuteten, dass Domaschk und Rösch eine Störaktion planten; beide gehörten zur Jenaer Opposition. In Jüterbog holten sie die beiden aus dem Zug und brachten sie auf Umwegen ins Stasi-Gefängnis nach Gera. Was dann im Einzelnen geschah, wirft bis heute Fragen auf. Unter dem Druck der Ermittler unterschrieb Domaschk eine Verpflichtungserklärung zur inoffiziellen Mitarbeit für die Stasi. Nach rund 48 Stunden Stasi-Gewahrsam durfte er nach Hause gehen. Während des Wartens auf den Rücktransport nach Jena jedoch erhängte er sich an einem Heizungsrohr. So die offizielle Lesart.

Anfangsverdacht: "Freiheitsberaubung mit Todesfolge"

Die politische Wende 1989 ermöglichte eine juristische Aufarbeitung des Falles. Die Familie und die einstige Lebensgefährtin Renate Ellmenreich, mit der Domaschk eine Tochter hat, stellten Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft sah einen Anfangsverdacht der "Freiheitsberaubung mit Todesfolge". Sie stützte sich auf die verbliebenen Akten der Staatssicherheit. Dort fanden sie den Obduktionsbericht, Berichte, Fotos des Toten und auch die handschriftliche Verpflichtungserklärung Domaschks. Die Ermittler hielten die These von der Verpflichtung als mögliches Motiv für einen Selbstmord für plausibel. So auch die Aussagen der einstigen Stasi-Mitarbeiter und Vernehmer Domaschks. 1994 stellte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen ein. Ein Prozess fand nicht statt.

Renate Ellmenreich gab sich damit nicht zufrieden. Über den Anwalt Wolfgang Loukidis beharrte sie auf vollständige Einsicht in die Justizakten und auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Dem wurde stattgegeben. Im zweiten Anlauf wurde jedoch der etwaige Verdacht eines Totschlags aufgegeben. Im Zentrum der Ermittlungen stand nun "nur noch" der Vorwurf einer Freiheitsberaubung. Domaschk war mehr als 24 Stunden "vorläufig festgenommen" worden – das widersprach selbst DDR-Recht, zumal Domaschk keine konkrete Straftat vorzuwerfen war. Und tatsächlich, nach jahrelangen Ermittlungen landete die Angelegenheit nun vor Gericht. Sechs einstige Stasi-Offiziere wurden zu Geldstrafen verurteilt. Unter ihnen Roland Peißker, der Vernehmer von Domaschk, einst Stasi-Leutnant. Er musste umgerechnet 1.000 Euro zahlen. Der Ex-Untersuchungsführer Dieter Strakerjahn bekam rund 1.200 Euro Strafe, der einstige Abteilungsleiter Horst Jürgen Seidel 2.000.

Ex-Stasi-Offiziere legen Einspruch gegen Geldstrafen ein

Nach dem Urteil legten zwei der einstigen Stasi-Offiziere Einspruch ein. Das war die Chance für einen erstmalig öffentlichen Prozess. Im September 2000 wurde die Sache Domaschk vor rund 50 Prozessbeobachtern erneut verhandelt. Renate Elmenreich trat neben der Staatsanwaltschaft als Nebenklägerin auf. Mit dem Argument, er habe nicht die gesamte Tatzeit über Dienst gehabt, konnte der einstige kommissarische Leiter der Stasi-Kreisdienststelle Jena, Herbert Würbach, das Gericht überzeugen. Würbach wurde von dem Verdacht der Beihilfe einer Freiheitsberaubung freigesprochen. Die Verurteilung des anderen Stasi-Offiziers, Horst Henno Köhler, wurde bestätigt. Mit diesem Prozess endete die juristische Aufarbeitung des Todesfalls Domaschks rund zehn Jahre nach der Wende.

Die Zweifel blieben. Vor allem bei Renate Ellmenreich. Sie besteht auf "das Menschenrecht", zu erfahren, was genau damals im Geraer Gefängnis geschah. Aus diesem Grund wandte sie sich an Bodo Ramelow nach dessen Wahl zum Thüringer Ministerpräsidenten. Der Linken-Politiker initiierte daraufhin eine Arbeitsgruppe, die das Schicksal Domaschks noch einmal unter die Lupe nehmen sollte. Im März 2015 nahm sie die Arbeit auf. Ihr gehören neben Elmenreich, der Landesbeauftrage für die Aufarbeitung der SED-Diktatur Christian Dietrich, Vertreter der Staatskanzlei, der Rechtsanwalt Wolfgang Loukidis und der Historiker Pietzsch an. Auch Peter Rösch, der einstige Mitbetroffene, gehörte bis zu seinem Tod im Mai dieses Jahres dazu.





AG Domaschk: Erste Bilanz deutet auf "Unfall" mit Todesfolge hin

Im April 2016 zog die Arbeitsgruppe erste Bilanz. Im Zwischenbericht heißt es: "Die Fakten deuten eher auf einen 'Unfall' mit Todesfolge und nachgestelltem Suizid oder auf eine 'ungewollte' Gewalthandlung durch MfS-Mitarbeiter hin". Der Historiker Pietzsch sagte, er gehe nicht davon aus, dass die Staatssicherheit den Tod Domaschks plante. Welchen Anlass sollte sie dazu gehabt haben? Jedoch sah Pietzsch Ungereimtheiten in den Unterlagen der Stasi. So, wie die Abläufe im Fall Domaschk geschildert wurden, können sie nicht stattgefunden haben, meinte er. Möglicherweise habe es doch einen Unfall gegeben, den die Stasi vertuschen wollte. Diese Widersprüche in den Akten hätte die Staatsanwaltschaft in den 90er Jahren aufdecken müssen.

Um sie zu klären führte die Arbeitsgruppe Gespräche mit weiteren Beteiligten. Auch ein Kriminaltechniker wurde dazu befragt. Wiederholt forderte die Arbeitsgruppe, dass die verantwortlichen Stasi-Offiziere aussagen. Der Stasi-Unterlagen-Beauftragte Roland Jahn schaltete sich ein: Die Beteiligten seien eingeladen zu sprechen. Das sei ein "Chance, eine Last von sich zu geben". Die beiden Gerichtsmediziner der Uni Jena, die Domaschk 1981 obduzierten, bestätigten die Todesursache des Erhängens. Auch wenn eine Fremdeinwirkung nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden könne – sie glaubten nicht daran.

In diesem Juni wäre Matthias Domaschk 60 Jahre alt geworden.

Quelle: http://www.mdr.de/thueringen/domaschk-tod-todesursache-zweifel-kein-suizid-100.html




ruwolf:


"Die Fakten deuten eher auf ... nachgestelltem Suizid oder auf eine 'ungewollte' Gewalthandlung durch MfS-Mitarbeiter hin".


Stellen Sie sich vor,
Herr Günter,

stellen Sie sich vor, Sie seien ein evangelischer Pastor, ein Erleuchteter des Herrn, ein GAAAAANZ Guter mit dem Namen Elmenreich (Bild unten,

gemeinsam mit weiteren Erleuchteten des Herrn.)


Stellen Sie sich vor, Sie hätten mal vor Jahren ein kleines labiles Mädchen namens Domaschk gevögelt und nun hätten Sie mit der ein Kind. Das war nie eingeplant. Aber nun mussten Sie das irgendwie händeln.

Und Sie hatten sich entschieden: Der Domaschk gaben Sie den Laufpass, die sei nix für Sie, glaubten Sie, Sie glaubten, Sie finden im Leben noch was Besseres. Und das Kind, glaubten Sie, würden Sie schon alleine groß ziehen. Und die Domaschk fing an zu heulen und erzählte Ihnen, dass sie unsetrblich in Sie verliebt sei. Sie seien der Einzige, der ihrem Leben noch Halt gebe. Sie, die Jungfrau Domaschk komme nicht klar ohne Sie. Und Sie sagten aber:

"Ein Kind werde ich durchkriegen.
Zweie nicht. Die nicht auch noch."


Und Sie gaben ihr den Laufpass.

Und dann ist die Domaschk tot. Gestorben in einer Einzelzelle bei er Stasi.

Werden Sie heute Gewissensbisse haben ?
Weil das nun mal wie die typische Gretchengeschichte aussieht ?
Wie würden Sie die Geschichte deuten WOLLEN ?

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Stellen Sie sich vor,
Herr Günter,

stellen Sie sich vor, Sie seien Leiter einer Stasi-Unterlagenbehörde und hießen Roland Jahn. Seit Jahren jagen Sie die PÖSEN Stasi-Spitzel. Ab und an kommt es dann schon mal vor, dass sich so ein enttarnter PÖSEwicht mal das Leben nimmt. Und dann tönt es aus diesem Dunstkreis:



Also stellen Sie sich vor,
Herr Günter,

stellen Sie sich vor, Sie seien Leiter einer Stasi-Unterlagenbehörde und hießen Roland Jahn. Und seit Ihrem Amtsantritt durchleuchten Sie nun ehemalige Stasihäftlinge auf PÖSEwichterei. Jeder Zehnte hatte ja in "seiner" Zelle bei der Stasi eine Verpflichtung als IM unterschrieben.

Stellen Sie sich vor, Sie seien Roland Jahn und zu Anträgen auf Opferrente hätten Sie

Im Jahr 2011
4.421 Stasihäftlinge durchleuchtet,

im Jahr 2012
3.681 Stasihäftlinge durchleuchtet,

im Jahr 2013
2.824 Stasihäftlinge durchleuchtet,

im Jahr 2014
2.717 Stasihäftlinge durchleuchtet,

im Jahr 2015
3.025 Stasihäftlinge durchleuchtet,

im Jahr 2016
2.194 Stasihäftlinge durchleuchtet.


Und nun stellen Sie sich vor,
Herr Günter,

Ihr alter Freund Matthias Domaschk hat auch nachts um zwei in der Finsternis "seiner" Stasi-Zelle so eine Verpflichtung unterschrieben. Und am nächsten Morgen war er tot.

Werden Sie heute diese ganze Stasi-Spitzel-Jagd hinterfragen ?

Weil das nun mal wieder in diese ganze Judas-Geschichte geschoben wird ? Also diese:

"Er brachte sich um.



Man könnte zufrieden sein."
?

Wie würden Sie, wenn Sie Roland Jahn wären, die Geschichte deuten WOLLEN ?





Lieber Herr Walther,

ich kann mir nicht vorstellen Pastor zu sein, da ich nicht an einen Gott glaube. „Gott schuf die Welt und dann als Höhepunkt den Menschen nach seinem Bilde. Gott freute sich über alles, was er geschaffen hatte. Es war sehr gut.“ Ich bin anderer Meinung als Gott, wenn er das wirklich alles geschaffen hat, dann ist es ihm gründlich misslungen. Oft beobachte ich die Stellvertreter Gottes auf Erden und das Verhalten vieler Menschen, betrachte die menschliche Gesellschaft, ihre Religionen und Ideologien in Vergangenheit und Gegenwart. Dann komme ich immer wieder zu der Einschätzung: es kann kein liebender, allmächtiger Gott existieren. Ich bin aber nur ein einfacher Mensch, der weiß, das er nichts weiß und jeder soll glauben, was er will.

Ich kann mir auch nicht vorstellen Leiter einer Stasi-Unterlagenbehörde zu sein. Es ist mir unmöglich, professionell über einen anderen zu urteilen, wenn ich nicht wenigstens einen Mond lang in seinen Mokassins laufen konnte. Außerdem bin ich nur ein einfacher Mensch, wollte mich nie in einer herausragenden Position engagieren, wenn eine Gesellschaft sich nicht gut und richtig anfühlt.

Ich meine, wenn ein Mensch dem Bösen - hier der Staatssicherheit - gegenübergestellt wurde, war das beängstigend. Kein Betroffener musste vor seinen Peinigern die Wahrheit hochhalten oder Gewissensbisse haben. Mein Vater sagte mir einmal: „Dem Bösen gegenüber bist du nicht zur Wahrheit verpflichtet“! Aber zwei Dinge weiß ich, am Ende muss die Wahrheit immer ans Licht und jeder ist für seine Handlungen verantwortlich. Ich respektiere, wenn ein Mensch unter dem Druck furchtbarer Stasiverhöre eine Verpflichtungserklärung als IM unterschrieben hat. Ich akzeptiere aber nicht, wenn er dieser dann unerbittlich nachkam. Ich respektiere, wenn ein Mensch eine sexuelle Beziehung eingeht. Ich akzeptiere aber nicht, das er seine Sexpartnerin dann einfach und unerbittlich wegwirft. Ich vertraue der Menschlichkeit, die heute immer weniger zählt und habe meine eigenen Richtlinien von Ehre und Moral. Daher fühle ich mich anderen Menschen und Mitgeschöpfen verbunden, aber nicht einer Ideologie, einer Religion oder dem Finanzamt.

Lieber Herr Walther, ich bin vor politischer Haft in der „DDR“-Diktatur, wie Sie das erleben mussten, verschont geblieben. Hätten die Schergen der Diktatur mir oder meinen Lieben unerträgliches angetan, würde mir mein Hirn sagen, überlass ihre Bestrafung dem Rechtsstaat. Mein Herz jedoch würde mir sagen: räch dich - und ich hätte mich gerächt! Ich bin aber nur ein einfacher Mensch, der weiß, vieles ist leichter gesagt als getan.

Mein Fazit: Nichts entschuldigt den Tod von Matthias Domaschk.

Rolf Günther



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