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Thema: ELLEN THIEMANN: „Wo sind die Toten von Hoheneck?“


Ellen Thiemann

WO SIND DIE TOTEN VON HOHENECK?

Ellen Thiemann ist eine von uns! Als ehemalige Insassin des berüchtigten Frauenzuchthauses Hoheneck im erzgebirgischen Stollberg weiß sie nur zu gut, wovon sie schreibt, wenn sie unerbittlich über DDR-Verhältnisse aufklärt.

Sie wurde 1937 in der sächsischen Hauptstadt Dresden geboren und heiratete 1960 den damaligen Fußballspieler des „Sportclubs Dynamo Berlin“ (Stasi-Verein) und späteren Sportjournalisten Klaus Thiemann. Als am 29. Dezember 1972 ihre geplante Flucht nach Westberlin scheiterte, nahm sie alle Schuld auf sich, um die Familie zu schützen, und wurde am 22. Mai 1973 wegen „Republikflucht“ zu drei Jahren und fünf Monaten Zuchthaus verurteilt. Sie wurde nach Hoheneck gebracht, wo sie mit Schicksalen von Mitgefangenen konfrontiert wurde, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Am 29. Mai 1975 wurdesie nach Ostberlin entlassen und konnte nach der Scheidung mit ihrem Sohn am 19. Dezember 1975 den SED-Staat verlassen. Über ihre Erlebnisse vor, während und nach der Haft hat sie 1984 das Buch veröffentlicht „Stell dich mit den Schergen gut. Erinnerungen an die DDR“, das inzwischen mehrmals in erweiterten Ausgaben erschienen ist.

Schon beim Schreiben ihres ersten Buches in Köln, wo sie Wohnung und Arbeit gefunden hatte, beschlich sie das ungute Gefühl, dass ihr Ehemann, von dem sie am 8. Juli 1975 geschieden worden war, schon vor ihrer Verhaftung Zuträger, also „inoffizieller Mitarbeiter“, der „Staatssicherheit“ gewesen sein könnte. Sie hatte noch in Ostberlin Aufzeichnungen von ihm gefunden, die diese Befürchtung nahelegten. Als nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 die Akten zugänglich wurden, kam auf niederschmetternde Weise dafür die Bestätigung!

Trotz der innerlich längst vollzogenen Trennung von Klaus Thiemann war sie entsetzt über die tiefe Verstrickung ihres Ex-Mannes in die kriminellen Machenschaften der „Staatssicherheit“. Wie sie feststellen konnte, wurde sie schon Monate vor dem Fluchtversuch vom 29. Dezember 1972 von der „Staatssicherheit“ auf Schritt und Tritt überwacht, wobei dem Führungsoffizier selbst noch die unwichtigsten Kleinigkeiten überbracht wurden. In ihrem zweiten und umfangreichsten Buch „Der Feind an meiner Seite“ (2005) hat Ellen Thiemann das Doppelleben ihres Ex-Mannes umfassend aufgeklärt.

Mit ihrem dritten Buch „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ (2013) kehrte sie zum Themenkreis des ersten von 1984 zurück, das sie aus der Erinnerung an eine düstere Zeit geschrieben hatte. Damals, fünf Jahre vor dem Einsturz der Berliner Mauer, erschienen westdeutschen Lesern, sofern sie das alles überhaupt wissen wollten, aufklärende Erlebnisberichte aus dem DDR-Gulag oft überzeichnet, subjektiv überhöht oder grundsätzlich unglaubwürdig. Als ich 1965 mein Hörspiel „Verhaftet in Leipzig“ mehreren Sendern angeboten hatte, fragte „Radio Bremen“ bei mir an, ob denn das auch alles stimmte, was ich da geschrieben hätte. Ellen Thiemann und anderen DDR-Häftlingen wie Eva Müthel („Für dich blüht kein Baum“, 1957) und Walter Kempowski („Im Block“, 1969) wird es kaum anders gegangen sein. Seit 1992 aber sind in der Berliner Gauck-Behörde und ihren Filialen in den ehemaligen Bezirkshauptstädten die Akten von „Staatssicherheit“ und „Volkspolizei“ zugänglich. Wer diese Akten eingesehen hat, musste feststellen: Es war alles noch viel schlimmer, als wir es damals ahnen konnten!

Deshalb ist Ellen Thiemann seit 1990 immer wieder in die erzgebirgische Kleinstadt Stollberg gefahren; schon für den 11. Mai 1990 hatte sie einen Besuchstermin für Hoheneck bekommen, wo sie von denselben Offizieren, die ihre Vergangenheit angeblich nicht kannten, empfangen und beflissen durch die Anstalt geführt wurde, die dort schon 1973/75 ihren Dienst verrichtet hatten. Elf Tage später, am 22. Mai, hatte sie eine Lesung in einer Stollberger Buchhandlung, die wegen des großen Andrangs von 150 Zuhörern in einen Kirchenraum verlegt werden musste. Solche Erlebnisse motivieren, die Geschichte des „dunklen Ortes“ (so der Titel eines Buches über Hoheneck) näher zu erforschen. Was die Autorin mit ihrem dritten Buch vorlegt, ist das Ergebnis jahrelangen und unermüdlichen Recherchierens über ein berüchtigtes DDR-Zuchthaus, über das jenseits der innerdeutschen Grenze fast nichts bekannt war!

Ellen Thiemann hat ihr Buch, dessen Geleitwort Bundestagspräsident Norbert Lammert verfasst hat, in fünf Abschnitte gegliedert, wobei sie im zweiten „Gefangen auf Hoheneck“, noch einmal, verständlicherweise, auf ihre Geschichte eingeht. Jetzt aber, zwei Jahrzehnte nach Mauerfall und Aktenöffnung, ist das ein völlig neues Erzählen, weil der Autorin nun die Hintergründe dessen, was ihr vor und in Hoheneck zugestoßen ist, bekannt sind. Sie hat ja nicht, wir alle nicht, wie der Arbeiterführer und Reichstagsabgeordnete August Bebel (1840-1913) in ehrenvoller Festungshaft 1872/74 auf Schloss Hubertusburg bei Oschatz in Sachsen gesessen, wo er zwei Jahre lang ununterbrochen lesen und sich weiterbilden konnte, um danach gestärkt den „Klassenkampf“ fortzuführen! Bei politischen DDR-Häftlingen war das ganz anders: Ellen Thiemann war eingesperrt mit „Kindsmörderinnen, Totschlägerinnen, ehemaligen KZ-Aufseherinnen, Wirtschafts- und Kleinkriminellen“. Und dazwischen auf den Zellen, die offiziell „Verwahrräume“ hießen, hausten überall die „Staatsverbrecher“, die es offiziell nicht gab und die in einem Rechtsstaat niemals verhaftet und verurteilt worden wären. Sie waren nach Hoheneck gebracht worden wegen so merkwürdiger „Delikte“ wie „Republikflucht“ oder „staatsfeindliche Hetze“ oder „Staatsverleumdung.“





Ellen Thiemann entdeckte, dass es in der Haftanstalt ein Netz von Stasi-Informanten gegeben hatte, sowohl unter der Wachmannschaft wie auch unter den Häftlingen, die sich davon Vorteile wie Haftvergünstigungen oder vorzeitige Entlassung versprachen. Nur durch Zufall stieß sie darauf, dass eine ehemalige Schließerin in Hoheneck 1985/89, die im Zivilberuf Textilverkäuferin gewesen war, nach dem Mauerfall auf der Karriereleiter nach oben gerutscht war: Sie arbeitet heute im Sächsischen Justizministerium in Dresden! Die einstigen „Volkspolizisten“ im Wachdienst der DDR-Zuchthäuser mögen noch so unmenschlich aufgetreten sein, Gefangene misshandelt oder für Wochen in stockdunkle Arrestzellen gesteckt haben: Der Freistaat Sachsen gewährt ihnen bis heute Straffreiheit und Unterschlupf im Staatdienst!

Je weiter man beim Lesen in diesem Buch vordringt, desto bestürzender sind die Erkenntnisse, die Ellen Thiemann über die medizinische „Versorgung“ im DDR-Strafvollzug ausbreitet. Man kann die Scheußlichkeiten nicht annähernd aufzählen, mit denen sie bei ihrer journalistischen Arbeit, die Zeit, Geld und Überwindung kostete, konfrontiert wurde.

Im dritten Kapitel „Ausgeliefert“ berichtet sie über den systematischen Missbrauch bei der Verabreichung von Psychopharmaka und Sedativa durch medizinisch ungeschultes Personal an kranke und wehrlose Gefangene. Sie machte Stasi-Ärzte wie Dr. Herbert Vogel ausfindig, der sie einst in Berlin-Hohenschönhausen als Röntgenarzt behandelte und der nach 1989 als Obermedizinalrat in Bernau bei Berlin eine Privatklink betrieb, als wäre nichts geschehen, und den sie anzeigte. Auch den untergetauchten Hohenecker Chefarzt Oberstleutnant Dr. Peter Janata, dem sie einst ausgeliefert war, konnte sie entdecken, da er 1990/91 bei den Ermittlungen gegen den MfS-Minister und Doppelmörder Erich Mielke (1907-2000) als wohlwollender Gutachter fungierte. Ellen Thiemann berichtet von Selbstmorden verzweifelter Hoheneckerinnen und von Margot Honeckers teuflischem System der Zwangsadoptionen, massenweise „legal“ vollzogen an den Kindern von „Staatsfeinden“. Nicht einmal für dieses Kapitalverbrechen musste sich die Ex-Ministerin, die seit Jahrzehnten in Chile eine üppige Rente aus Deutschland bezieht, vor Gericht verantworten.

Dieses Buch kann man nicht wie einen Roman in einem Zug durchlesen, besonders dann nicht, wenn man von drei „bisher unbekannten Schicksalen“ in Hoheneck erfährt, die Ellen Thiemann ermittelt hat. Die Dresdner Frisöse Elke Junge beispielsweise saß wegen eines Fluchtversuchs bei der Stasi in Untersuchungshaft und wäre von ihrem Vernehmer fast umgebracht worden, als er ihren Kopf gegen die Betonwand schleuderte und dadurch einen Schädelbruch verursachte, der nie behandelt wurde. In Hoheneck wurde sie von der „Erzieherin“ Margarete Suttinger (Spitzname „Einsfünfzig mit Hut“) zwei Tage und eine Nacht in einer Wasserzelle gesperrt, aus der sie „völlig durchnässt, zitternd, frierend und vor Kälte ganz steif“ ausgeschlossen wurde. Als sie im Sommer 1974 freigekauft worden war, bekam sie mit 36 Jahren eine Erwerbsunfähigkeitsrente zugesprochen.

Die ehemaligen SED-Kader und verwandtes Gelichter, die diese blutige Diktatur 1949 installiert hatten, haben den Mauerfall 1989 schadlos überstanden und höhere Renten eingeklagt. Es geht ihnen heute glänzend im „Kapitalismus“, den sie einst gnadenlos bekämpften. Nie sind sie, höchstens in Einzelfällen, wegen ihrer Verbrechen vor Gericht gestellt worden wie der „bedauernswerte“ Ex-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz, der wegen der Mauermorde verurteilt wurde und knapp vier Jahre als Freigänger in Berlin-Plötzensee einsaß, also nur die Nächte in einer Gefängniszelle verbrachte, worüber er sich bis heute bitter beklagt.

Seitenlang kann man bei Ellen Thiemann nachlesen, wie angenehm die Ex-Kader heute ihr süßes Leben gestalten und wie sie jenen Tag herbeisehnen, an dem sie wieder in ihre alten Machtpositionen eingesetzt werden. Ich konnte das am 29. August im Hotel Thüringen in Suhl selbst erleben, wo eine Gruppe von 60 Stalinisten von alten Zeiten schwärmte, die wieder kämen, irgendwann.

Vorher freilich kommt die biologische Lösung für diese Leute von vorgestern! Und sicher dürfte sein, dass die DDR-Verhältnisse 1949/89 in wenigen Jahrzehnten auch so gründlich erforscht werden wie das „Dritte Reich“ 1933/45.

Jörg Bernhard Bilke




Zuletzt bearbeitet: 06.11.2013 09:34 von Administrator


Norbert Lammert schrieb das

Geleitwort

»Ich dachte, jetzt bin ich in der Hölle«, hat Ellen Thiemann einmal über ihre Zeit im Frauengefängnis Hoheneck gesagt. Von 1973 bis 1975 war sie dort inhaftiert. Das ihr zur Last gelegte »Verbrechen«: der Plan, aus der DDR zu fliehen. Dafür bekam sie wie so viele andere Frauen, die sich nicht länger unterdrücken lassen wollten, zu spüren, was ein diktatorischer Staat seinen Bürgern antun kann. Die Erinnerung an das Erlittene quält viele von ihnen bis heute.

Ellen Thiemann hat es sich seit ihrer Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland 1975 zur Lebensaufgabe gemacht, an das, was in Hoheneck geschehen ist, zu erinnern. Zunächst hat sie ihre eigene Geschichte aufgeschrieben: den gescheiterten Fluchtversuch, wie sie nach Hoheneck gebracht und dort drangsaliert, gedemütigt und gefoltert wurde. Sie hat damals die Kraft gefunden, darüber zu sprechen, und damit auch den Frauen eine Stimme gegeben, die noch immer in Hoheneck eingesperrt waren, als ihr erstes Buch 1984 veröffentlicht wurde.

Auch heute sind Bücher wie dieses wichtig, damit das Unrecht, das den Stasi-Opfern widerfahren ist, nicht in Vergessenheit gerät. Diese Gefahr besteht nämlich durchaus und sie nimmt mit wachsendem zeitlichen Abstand zu. Mehr als 20 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR schwindet bei vielen – vor allem bei denen, die nach 1989 geboren wurden – das Bewusstsein dafür, dass die DDR ihre Bürger unterdrückt hat.

Gerade erst hat eine aktuelle Studie der Freien Universität Berlin das erschreckende Ergebnis zutage gefördert, dass 30 Prozent der befragten Acht- bis Zehntklässler die DDR nicht für eine Diktatur halten. Allein diese Zahl ist ein Indiz dafür, wie notwendig es ist, denjenigen zuzuhören, die unter der DDR-Diktatur gelitten haben.

Ellen Thiemann gehört zu ihnen, und ich wünsche ihrem Buch deshalb sehr viele aufmerksame Leser.

Prof. Dr. Norbert Lammert,
Präsident des Deutschen Bundestages

gefunden bei:
http://www.herbig.net/uploads/tx_ttipcshop/media/Hoheneck.pdf



Heute, 19 Uhr in Hildburghausen (Kreisvolkshochschule):

Lesung und Gespräch:


U.a. mit Ausschnitten des Films "Ein Tag zählt wie ein Jahr" von Kristin Derfler und Dietmar Klein über das DDR-Frauengefängnis in Hoheneck.

Mit Zeitzeugin und Journalistin Ellen Thiemann

Moderation: Hans-Joachim Föller

Eine Veranstaltung des Bildungswerkes Erfurt der Konrad-Adenauer-Stiftung.



Ellen Thiemann

„WO SIND DIE TOTEN VON HOHENECK?“
Ellen Thiemann ist eine von uns! Als ehemalige Insassin des berüchtigten Frauenzuchthauses Hoheneck im erzgebirgischen Stollberg weiß sie nur zu gut, wovon sie schreibt, wenn sie unerbittlich über DDR-Verhältnisse aufklärt.

Sie wurde 1937 in der sächsischen Hauptstadt Dresden geboren und heiratete 1960 den damaligen Fußballspieler des „Sportclubs Dynamo Berlin“ (Stasi-Verein) und späteren Sportjournalisten Klaus Thiemann. Als am 29. Dezember 1972 ihre geplante Flucht nach Westberlin scheiterte, nahm sie alle Schuld auf sich, um die Familie zu schützen, und wurde am 22. Mai 1973 wegen „Republikflucht“ zu drei Jahren und fünf Monaten Zuchthaus verurteilt. Sie wurde nach Hoheneck gebracht...


Die einstigen „Volkspolizisten“ im Wachdienst der DDR-Zuchthäuser mögen noch so unmenschlich aufgetreten sein, Gefangene misshandelt oder für Wochen in stockdunkle Arrestzellen gesteckt haben: Der Freistaat Sachsen gewährt ihnen bis heute Straffreiheit und Unterschlupf im Staatdienst!

Je weiter man beim Lesen in diesem Buch vordringt, desto bestürzender sind die Erkenntnisse, die Ellen Thiemann über die medizinische „Versorgung“ im DDR-Strafvollzug ausbreitet. Man kann die Scheußlichkeiten nicht annähernd aufzählen, mit denen sie bei ihrer journalistischen Arbeit, die Zeit, Geld und Überwindung kostete, konfrontiert wurde.

Die ehemaligen SED-Kader und verwandte Gelichter, die diese blutige Diktatur 1949 installiert hatten, haben den Mauerfall 1989 schadlos überstanden und höhere Renten eingeklagt. Es geht ihnen heute glänzend im „Kapitalismus“, den sie einst gnadenlos bekämpften. Nie sind sie, höchstens in Einzelfällen, wegen ihrer Verbrechen vor Gericht gestellt worden...

Danke, lieber Dr. Bilke für Ihre Bewertung des neuen Buches von Frau Thiemann.
Dieses Buch muss man sofort kaufen und lesen !
Offene Worte, die nachdenklich machen...
Immer wieder !
Leben wir in einem demokratischen RECHTSSTAAT ?

fragt sich
F.Schaarschmidt



Mich hat das Geleitwort von Prof. Dr. Norbert Lammert zu der unten eingefügten Mail angeregt.

Hier meine E-Mail:

----- Original Message -----
From: Gundhardt Lässig
To: norbert.lammert@bundestag.de
Sent: Tuesday, November 05, 2013 10:05 AM
Subject: Fw: ELLEN THIEMANN: Wo sind die Toten von Hoheneck?

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Lammert,

mit großer Freude habe ich heute auf der Internetseite www.flucht-und-ausreise.de von Dr. Wolfgang Mayer Ihr Geleitwort zum Roman von Ellen Thiemann gelesen. Ein deutlicher Fingerzeig dafür, dass das Thema "Flucht aus der DDR" nicht in Vergessenheit geraten darf.

Danke dafür.
Nur stimmen hier Ihre Aussagen mit der Wirklichkeit im heute und hier überein ? ?
Nein, das muß ich sehr deutlich sagen. Warum das so ist, beweist die Handlungsweise der aktuellen Regierung im Fall des Rentenbetrugs an den DDR-Flüchtlingen.

Ich selbst bin seit vielen Jahren mit Ihnen in Kontakt und das, was da als Ergebnis von Ihnen und Ihrem Büro kam, ist mehr als beschämend. Ich werde von Ihnen, aber nicht nur von Ihnen, sondern auch von der Bundesregierung und den CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten vertröstet und hingehalten und das über mehr als 10 Jahre.

Inzwischen habe ich es in dieser Zeit durch den Instanzenweg (Sozialgericht, Landessozialgericht, Bundessozialgericht) bis zum Bundesverfassungsgericht geschafft. Ich bin der erste DDR-Flüchtling, dem das gelungen ist und ich werde von dem namhaften und renommierten Verfassungsrechtler Prof. Dr. Rüdiger Zuck, Anwaltskanzlei Stuttgart vertreten.
http://www.kanzlei-zuck.de

Sehr geehrter Herr Prof. Lammert, will die Bundesregierung wiederum auf eine Entscheidung vom Bundesverfassungsgericht warten, wie in so vielen Fällen in den letzten Jahren ? Das verfassungswidrige Handeln seit 1992/93 ist eine Schande für das wiedervereinte Deutschland und steht der aktuellen Handlungsweise der Politiker diametral entgegen. Und Sie wissen das ! Am kommenden 09. November kann man wieder die Statements und hohlen Politikphrasen zum Tag des Mauerfalls hören. Ich jedenfalls kann es nicht mehr hören und mit mir sind das mehr als 300.000 Betroffene, ihre Familien, ihre Freunde, Bekannte und Sympathisanten.

Vielleicht finden Sie nach den vielen Jahren nach dem Schweigen und Hinhalten auf meine Briefe und Gespräche mit Ihrem Büro endlich einen Weg, eine Minderheit in diesem Land zu unterstützen. In diesem Zusammenhang habe ich Ihre deutlichen Worte in Sachen Minderheit zu Ihrer Wahl als Bundestagspräsident noch im Ohr.

Also, bitte setzen Sie sich mit Ihrer Autorität für eine diskriminierte Minderheit (DDR-Flüchtlinge) im wiedervereinten Deutschland ein.


Der beigefügte Link führt Sie zur Homepage von Dr. Wolfgang Mayer und befaßt sich mit dem Buch von Ellen Thiemann:

http://xeu.de/f955616448187

In der Hoffnung von Ihnen zu hören verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

Gundhardt Lässig




Freies Wort, 11.11.2013





Hoheneck: Gericht verbietet Buch-Auslieferung

Exklusiv-Interview anl. der Leipziger Buchmesse mit Brigitte Fleissner-Mikorey und Ellen Thiemann

Köln, 15.03.2014/cw-st – Die 10. Zivilkammer des Landgerichts Karlsruhe urteilte am 31.01.2014 gegen die bekannte ehemalige Hoheneckerin Ellen Thiemann (lt. Pressestelle Az.: 10 O 407/13). Auf Antrag von Dagmar G., die fünf Monate in Hoheneck inhaftiert war, wurden Thiemann und dem Verlag HERBIG/München untersagt, im letzten Buch der Autorin „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ der Beitrag „Dagmar Janetzky: Erst Psychopillen, dann in Gitterkäfig gesperrt“, Seiten 210–214, (weiter) „zu veröffentlichen und/oder verbreiten zu lassen.“

Insider sind überrascht und irritiert. Seit Jahrzehnten arbeitet Thiemann an der öffentlichkeitswirksamen Aufarbeitung der Geschehnisse in Hoheneck, dem einstigen DDR-Frauenzuchthaus im Erzgebirge. Zunächst als Ressortleiterin im Kölner Express in vielen Reportagen und Serien, dann in mehreren Büchern. Zuletzt im Frühjahr 2013 unter dem Titel: „Wo sind die Toten von Hoheneck?“. In dem Buch schildert Thiemann (von 1973–1975 in Hoheneck) weitere Schicksale von Frauen, die aus politischen Gründen in Hoheneck inhaftiert waren oder dort ums Leben kamen.

Über das Urteil und die Konsequenzen sprachen wir anlässlich der Leipziger Buchmesse exklusiv mit der Verlegerin Brigitte Fleissner-Mikorey und der Autorin Ellen Thiemann. Das Gespräch führten Tatjana Sterneberg, selbst ehem. Hoheneckerin (1974-1976) und Carl-Wolfgang Holzapfel.

HB: Das Landgericht Karlsruhe hat gegen den Verlag und die Autorin entschieden. Warum? Und: Wie kam es zu diesem Rechtsstreit?

Fleissner-Mikorey: Dies ist für uns letztlich nicht nachvollziehbar. Unstreitig ist, dass die Klägerin mit Frau Thiemann Kontakt aufgenommen hat und ihr über einen längeren Zeitraum immer wieder Material und Dokumente zur Verfügung gestellt hat. Es war ihr Wunsch mit ihrer Geschichte im geplanten Buch vertreten zu sein.

ET: Wie ich erst später erfuhr, hatte mich die Klägerin übers Internet bereits seit 2009 gesucht. Im November 2011 erreichte sie mich über die Zeitzeugenbörse Berlin-Hohenschönhausen. Schon beim ersten Telefonat klagte sie, niemand wolle ihr die Psychofolter durch die Stasi glauben. Sie drängte darauf, mich so schnell wie möglich zu treffen. Schließlich vereinbarten wir uns für Anfang Dezember 2011 in Köln. Weil sie mein erstes Buch „Stell dich mit den Schergen gut“ lobend anführte, erzählte ich ihr, dass ich nach „Der Feind an meiner Seite“ gerade ein drittes Enthüllungsbuch über Hoheneck in Vorbereitung habe.

HB: Obwohl Ihre Konzeption für das neue Buch bereits dem Verlag vorlag, haben Sie dann überraschend dem Schicksal der Klägerin vier Seiten eingeräumt, die nun ausgerechnet durch das Urteil verboten wurden. Warum klagt diese Frau als „Diktatur-Opfer“ ausgerechnet gegen Sie, die ihr doch geholfen hat, ihre Geschichte bekannt zu machen?

Die Klägerin wollte unbedingt in meinem Buch erscheinen

ET: Beim Kennenlernen redete sie viele Stunden auf mich ein, erzählte mir unglaubliche Dinge aus der Haft-Psychiatrie. Dabei übergab sie mir umfangreiches Material aus ihrer Stasi-Akte, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Absicht hatte, sie ins neue Buch zu integrieren. Durch ihre Erzählungen tat sie mir unheimlich leid, ich wollte ihr helfen, weil sie immer wieder betonte, dass ihr keiner die furchtbaren Erlebnisse glauben wolle.

HB: Wieso hat das Gericht nicht anerkannt, dass die Klägerin selbst darauf drängte, in das Buch zu gelangen?

Fleissner-Mikorey: Kurz vor Drucklegung meinte die Klägerin, dass ihre Geschichte nicht umfangreich genug dargestellt sei. Das Gericht sah in der umfangreichen email-Korrespondenz die Vereinbarung eines Einwilligungsvorbehalts.

ET: Ich hatte sogar die umfangreiche grüne Mappe, die mir die Klägerin nach Köln mitgebracht hatte, vor Gericht dabei. Als ich diese vorlegte, reagierte sie verdutzt und behauptete später in einem Schriftsatz ans Gericht, dass ihr diese Mappe gar nicht gehöre! In diesen Unterlagen waren wichtige Dokumente und Beurteilungen von Stasi-Arzt Dr. Jürgen Rogge alias IM „Georg Husfeld“. Einige Zitate von ihm hatte sie gelb angestrichen, diese sollte ich unbedingt verwenden. Vor Gericht behauptete sie dann sogar, ich hätte mir die Zitate selbst ausgedacht, eine Farce! Wegen der jetzigen Klägerin musste ich aus Platzgründen ein anderes Schicksal herausnehmen, was ich heute überaus bedauere.

HB: Die Klägerin soll im Prozess auch beanstandet haben, dass Sie einen gewissen Herrn F. auf den vier Buchseiten nicht genannt hätten. (Siehe auch: http://www.welt.de/welt_print/kultur/article8472125/Die-Stasi-der-Tod-und-die-Ungewissheit.html).
Ich konnte Dichtung und Wahrheit in so kurzer Zeit nicht beurteilen

ET: Von diesem Herrn F. hatte sie mir einige Ungeheuerlichkeiten aus ihrem Privatleben erzählt. Im Internet recherchierte ich intensiv über ihn und erfuhr, dass er IM war und als Auftragsmörder des MfS galt – er hatte 1980 den Fluchthelfer Bernd Moldenhauer auf einem Autobahnrastplatz erdrosselt. Laut Pressemeldungen war F. 1981 deswegen zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Ich war entsetzt, dass die Klägerin mir vor Gericht vorwarf, diesen Mann, der außerdem VOS-Funktionär war, nicht erwähnt zu haben. Bewusst hatte ich alle bloßstellenden Interna weggelassen. Statt mir dafür dankbar zu sein, griff sie mich deswegen im Gerichtssaal an. Auch ihre Erzählungen über den Fluchtpartner Michael S. waren mir zu delikat für eine Veröffentlichung. Mit meinem Buch wollte ich schließlich die Schicksale der Opfer von Hoheneck in den Mittelpunkt stellen und keine „Partnerschaftsprobleme“ erörtern. Außerdem war es mir zu riskant, ungeprüft knallharte Anschuldigungen zu übernehmen.

HB: Erstaunlicherweise ging die Klägerin gegen die Veröffentlichung ihres selbst gewählten Namens vor?

Fleissner-Mikorey: Ja – ursprünglich wollte Frau Ellen Thiemann den Namen anonymisieren, Frau Dagmar G. bat ausdrücklich um Verwendung des Namens aus erster Ehe.

ET: Dass sie unter ihrem Vornamen und dem Namen aus ihrer ersten Ehe in meinem Buch erscheinen wollte, habe ich schriftlich von ihr. Sinnigerweise ist dieser Nachname auch der von der Geliebten meines Exmannes, die während meiner Inhaftierung in meine Wohnung eingezogen war. Die Klägerin behauptete, nicht verwandt mit ihr zu sein, und so kam ich ihrem ausdrücklichen Wunsch nach. Ein Pseudonym oder Abkürzung ihres Namens hatte sie strikt abgelehnt.


Zuletzt bearbeitet: 19.03.2014 19:55 von Administrator


Fortsetzung Interview

HB: Ein komplettes Auslieferungsverbot kommt ja einer Vernichtung dieses vielfach gelobten Buches gleich. Wegen vier Buchseiten, die sehr einfühlsam die Erlebnisse einer DDR-Verfolgten wiedergeben, so eine Klage zu inszenieren, ist das nicht irreal? Hätte die Klägerin nicht einen eigenen Beitrag liefern können?

ET: Ich hatte ihr das sogar angeboten. Sie sollte selbst zwei bis drei Seiten schreiben, weil ihre Angaben mitunter von vorliegenden Unterlagen abwichen. Aber nicht einmal dieses Angebot, das als Beweis vorlag, hat das Gericht als absolut unübliches Zugeständnis meinerseits gewertet, sondern ihr den erfundenen „Autorisierungsvorbehalt“ bedauerlicherweise geglaubt.
HB: Könnte es sein, dass die Klägerin durch Sie eine vor allem dramatische Darstellung ihrer Vita erlangen wollte?

Eine nachträgliche Kränkung der überlebenden und toten Opfer von Hoheneck

ET: Das ist durchaus möglich. Die Klägerin hatte im November 2011 ihre Bereitschaft, als Zeitzeugin für die Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen zu agieren, direkt wieder aufgekündigt, ehe sie überhaupt begonnen hatte. Sie fand sich im Zeitzeugentext, der im Internet abrufbar ist, bezüglich des Stasi-Psychoterrors nicht ausreichend gewürdigt.

HB: Wie kann es angehen, dass eine Person, die selbst offenbar die elementarsten Regeln verletzt, ausgerechnet Sie verklagt, weil sie angeblich „anonym“ bleiben wolle?

ET: Da bin ich überfragt. Heute so, morgen so. Anfangs klagte sie gegen mich, weil sie 5000 Euro von mir haben wollte. Vor Gericht erklärte sie, dass sie gar kein Geld wolle. Auf Nachhaken des Richters, was sie denn dann wolle, antwortete sie: „Ich will meine Würde zurück.“ Und so ist es auch mit der plötzlich geforderten Anonymität. Obwohl sie mir im November 2011 schrieb, ich solle sie „coachen“, weil sie nun auch als Zeitzeugin auftreten wolle, forderte sie auf einmal Anonymität ein. Und das, obwohl sie über andere Mitinhaftierte im Internet im Jahr 2013 bei voller Namensnennung diskriminierende Interna preisgab. Von einer anderen Mitinhaftierten hatte sie mir sogar geheime BStU-Akten per Post zugesandt, was absolut verboten ist. Kurz vor Drucklegung teilte mir die Klägerin dann plötzlich in einer Mail mit, dass sie mir keine Freigabe für ihre Geschichte erteile, weil sie ins Kloster gehen wolle, um ihr eigenes Buch zu schreiben, von dem sie bereits 79 Seiten fertig habe. Völlig fassungslos über diese Unverschämtheit, verständigte ich neben der Lektorin des Verlages einen bekannten Medienanwalt. Nach seinem Rat, dass ich die Geschichte veröffentlichen könne und nicht einmal durch ein Pseudonym anonymisieren müsse, wie ich es vorhatte, haben wir den Beitrag stark gekürzt auf vier Buchseiten veröffentlicht. Auf Grund der zahlreichen Beweise, die ich glücklicherweise alle aufgehoben hatte, rechnete ich mit einer Klageabweisung durch den Richter.

HB: Sie sollen seitens der Klägerin unverschämte Beleidigungen vor Gericht hingenommen haben. Warum haben Sie sich nicht gewehrt?

ET: Ich habe mich strikt an die Anweisungen meines Anwaltes gehalten. Allerdings hätte ich erwartet, dass bei solchen Beleidigungen wie „Frau Thiemann ist nicht für Demokratie, sondern im Gegenteil“ sowie der Behauptung, dass ich nach den „Methoden der Desinformation arbeiten“ würde, wobei sie mit einer Stasi-Richtlinie herumwedelte, entweder der Richter oder mein Anwalt die Klägerin mal zur Ordnung hätten rufen müssen. Das wäre bei meinem Hintergrund mit jahrzehntelangem Kampf um die historische Wahrheit das Mindeste gewesen, was ich erhofft hätte. Das war enttäuschend. Letztendlich wurde durch diese Darstellung auch meine Lebensleistung in den Schmutz gezogen, ausgerechnet von einer Person, die mich über acht Monate lang buchstäblich ausgenutzt hat. Aus dem Buch geht ja auch hervor, dass alte Seilschaften mich vor Gericht zerrten, weil sie die Wahrheit nicht vertrugen. Das war 1993 die stellvertretende Anstaltsleiterin Petra Dotzauer, die vor dem Hamburger Landgericht verlor. Und das war 2008 das IM-Ehepaar „Bob“ und „Petra“, die wegen Klarnamennennung gegen zahlreiche Journalisten und Filmemacher vorgingen. Erst durch die Standhaftigkeit von Professor Helmut Müller-Enbergs zogen sie ihre Anzeige Anfang 2013 zurück, wodurch er der gesamten Medienbranche einen großen Dienst erwiesen hatte. Auch mir.

HB: Fühlen Sie sich ganz gezielt benutzt? Steckt hinter dem Ganzen womöglich eine bestimmte Strategie?

ET: Das kann ich nur vermuten. Ich wollte dieser Frau helfen und wurde dafür gnadenlos ausgenutzt. Durch dieses unbegreifliche Verhalten musste ich meinen Verlag zweimal um eine Verlängerung der Abgabefrist des Manuskriptes bitten. Schließlich habe ich mit diesem Buch keinen Abenteuer-Roman oder Reisebericht verfasst. Ich habe bis an die Grenzen meiner Belastbarkeit die Rapportbücher vom Frauenzuchthaus Hoheneck über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren ausgewertet und unglaubliche Vorkommnisse enthüllt sowie fast zwanzig Stasi-Spitzel unter dem Personal und den Häftlingen ermittelt.

HB: Was passiert jetzt mit der nicht ausgelieferten Auflage? Ein komplettes Auslieferungsverbot kommt ja, neben dem wirtschaftlichen Schaden für den Verlag, einer Vernichtung dieses vielfach gelobten Buches gleich. Wegen vier Buchseiten, die sehr einfühlsam die Erlebnisse einer DDR-Verfolgten wiedergeben, so eine Klage zu inszenieren, ist das nicht bizarr?

Fleissner-Mikorey: Bizarr ist ein zu schwaches Wort dafür. Es ist tatsächlich Schaden entstanden. Das Buch selbst wird allerdings in Kürze in einer geänderten Auflage neu erscheinen, die auch auf diese merkwürdigen Vorkommnisse Bezug nehmen wird.

ET: Die Restauflage darf mit dem Beitrag über diese Frau nicht mehr an den Handel ausgeliefert werden. Normalerweise wäre ich in Berufung gegangen, musste aber aus finanziellen Gründen auf dieses Recht verzichten. Nun möchten wir, dass deren Name so schnell wie möglich aus dem Buch verschwindet. Für mich als Autorin, aber auch für die überlebenden und toten Opfer von Hoheneck bedeutet das Ganze darüber hinaus eine unerhörte Zumutung und Kränkung.

HB: Frau Fleissner-Mikorey, Frau Thiemann, wir bedanken uns für das Gespräch.

© 2014 – Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-3020778

http://17juni1953.wordpress.com/2014/03/15/ellen-thiemann-gericht-verbietet-buch-auslieferung/




cwh:
Fortsetzung Interview

HB: Ein komplettes Auslieferungsverbot kommt ja einer Vernichtung dieses vielfach gelobten Buches gleich. Wegen vier Buchseiten, die sehr einfühlsam die Erlebnisse einer DDR-Verfolgten wiedergeben, so eine Klage zu inszenieren, ist das nicht irreal? Hätte die Klägerin nicht einen eigenen Beitrag liefern können?

ET: Ich hatte ihr das sogar angeboten. Sie sollte selbst zwei bis drei Seiten schreiben, weil ihre Angaben mitunter von vorliegenden Unterlagen abwichen. Aber nicht einmal dieses Angebot, das als Beweis vorlag, hat das Gericht als absolut unübliches Zugeständnis meinerseits gewertet, sondern ihr den erfundenen „Autorisierungsvorbehalt“ bedauerlicherweise geglaubt.

HB: Könnte es sein, dass die Klägerin durch Sie eine vor allem dramatische Darstellung ihrer Vita erlangen wollte?

Eine nachträgliche Kränkung der überlebenden und toten Opfer von Hoheneck

ET: Das ist durchaus möglich. Die Klägerin hatte im November 2011 ihre Bereitschaft, als Zeitzeugin für die Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen zu agieren, direkt wieder aufgekündigt, ehe sie überhaupt begonnen hatte. Sie fand sich im Zeitzeugentext, der im Internet abrufbar ist, bezüglich des Stasi-Psychoterrors nicht ausreichend gewürdigt.

HB: Wie kann es angehen, dass eine Person, die selbst offenbar die elementarsten Regeln verletzt, ausgerechnet Sie verklagt, weil sie angeblich „anonym“ bleiben wolle?

ET: Da bin ich überfragt. Heute so, morgen so. Anfangs klagte sie gegen mich, weil sie 5000 Euro von mir haben wollte. Vor Gericht erklärte sie, dass sie gar kein Geld wolle. Auf Nachhaken des Richters, was sie denn dann wolle, antwortete sie: „Ich will meine Würde zurück.“ Und so ist es auch mit der plötzlich geforderten Anonymität. Obwohl sie mir im November 2011 schrieb, ich solle sie „coachen“, weil sie nun auch als Zeitzeugin auftreten wolle, forderte sie auf einmal Anonymität ein. Und das, obwohl sie über andere Mitinhaftierte im Internet im Jahr 2013 bei voller Namensnennung diskriminierende Interna preisgab. Von einer anderen Mitinhaftierten hatte sie mir sogar geheime BStU-Akten per Post zugesandt, was absolut verboten ist. Kurz vor Drucklegung teilte mir die Klägerin dann plötzlich in einer Mail mit, dass sie mir keine Freigabe für ihre Geschichte erteile, weil sie ins Kloster gehen wolle, um ihr eigenes Buch zu schreiben, von dem sie bereits 79 Seiten fertig habe. Völlig fassungslos über diese Unverschämtheit, verständigte ich neben der Lektorin des Verlages einen bekannten Medienanwalt. Nach seinem Rat, dass ich die Geschichte veröffentlichen könne und nicht einmal durch ein Pseudonym anonymisieren müsse, wie ich es vorhatte, haben wir den Beitrag stark gekürzt auf vier Buchseiten veröffentlicht. Auf Grund der zahlreichen Beweise, die ich glücklicherweise alle aufgehoben hatte, rechnete ich mit einer Klageabweisung durch den Richter.

HB: Sie sollen seitens der Klägerin unverschämte Beleidigungen vor Gericht hingenommen haben. Warum haben Sie sich nicht gewehrt?

ET: Ich habe mich strikt an die Anweisungen meines Anwaltes gehalten. Allerdings hätte ich erwartet, dass bei solchen Beleidigungen wie „Frau Thiemann ist nicht für Demokratie, sondern im Gegenteil“ sowie der Behauptung, dass ich nach den „Methoden der Desinformation arbeiten“ würde, wobei sie mit einer Stasi-Richtlinie herumwedelte, entweder der Richter oder mein Anwalt die Klägerin mal zur Ordnung hätten rufen müssen. Das wäre bei meinem Hintergrund mit jahrzehntelangem Kampf um die historische Wahrheit das Mindeste gewesen, was ich erhofft hätte. Das war enttäuschend. Letztendlich wurde durch diese Darstellung auch meine Lebensleistung in den Schmutz gezogen, ausgerechnet von einer Person, die mich über acht Monate lang buchstäblich ausgenutzt hat. Aus dem Buch geht ja auch hervor, dass alte Seilschaften mich vor Gericht zerrten, weil sie die Wahrheit nicht vertrugen. Das war 1993 die stellvertretende Anstaltsleiterin Petra Dotzauer, die vor dem Hamburger Landgericht verlor. Und das war 2008 das IM-Ehepaar „Bob“ und „Petra“, die wegen Klarnamennennung gegen zahlreiche Journalisten und Filmemacher vorgingen. Erst durch die Standhaftigkeit von Professor Helmut Müller-Enbergs zogen sie ihre Anzeige Anfang 2013 zurück, wodurch er der gesamten Medienbranche einen großen Dienst erwiesen hatte. Auch mir.

HB: Fühlen Sie sich ganz gezielt benutzt? Steckt hinter dem Ganzen womöglich eine bestimmte Strategie?

ET: Das kann ich nur vermuten. Ich wollte dieser Frau helfen und wurde dafür gnadenlos ausgenutzt. Durch dieses unbegreifliche Verhalten musste ich meinen Verlag zweimal um eine Verlängerung der Abgabefrist des Manuskriptes bitten. Schließlich habe ich mit diesem Buch keinen Abenteuer-Roman oder Reisebericht verfasst. Ich habe bis an die Grenzen meiner Belastbarkeit die Rapportbücher vom Frauenzuchthaus Hoheneck über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren ausgewertet und unglaubliche Vorkommnisse enthüllt sowie fast zwanzig Stasi-Spitzel unter dem Personal und den Häftlingen ermittelt.

HB: Was passiert jetzt mit der nicht ausgelieferten Auflage? Ein komplettes Auslieferungsverbot kommt ja, neben dem wirtschaftlichen Schaden für den Verlag, einer Vernichtung dieses vielfach gelobten Buches gleich. Wegen vier Buchseiten, die sehr einfühlsam die Erlebnisse einer DDR-Verfolgten wiedergeben, so eine Klage zu inszenieren, ist das nicht bizarr?

Fleissner-Mikorey: Bizarr ist ein zu schwaches Wort dafür. Es ist tatsächlich Schaden entstanden. Das Buch selbst wird allerdings in Kürze in einer geänderten Auflage neu erscheinen, die auch auf diese merkwürdigen Vorkommnisse Bezug nehmen wird.

ET: Die Restauflage darf mit dem Beitrag über diese Frau nicht mehr an den Handel ausgeliefert werden. Normalerweise wäre ich in Berufung gegangen, musste aber aus finanziellen Gründen auf dieses Recht verzichten. Nun möchten wir, dass deren Name so schnell wie möglich aus dem Buch verschwindet. Für mich als Autorin, aber auch für die überlebenden und toten Opfer von Hoheneck bedeutet das Ganze darüber hinaus eine unerhörte Zumutung und Kränkung.

HB: Frau Fleissner-Mikorey, Frau Thiemann, wir bedanken uns für das Gespräch.

© 2014 – Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-3020778

http://17juni1953.wordpress.com/2014/03/15/ellen-thiemann-gericht-verbietet-buch-auslieferung/




Das Buch von Frau Thiemann zu verbieten, ist ein Unding. Um mich da näher hineinzufinden, wäre es hilfreich, den Text des Urteils zu haben.



Das Buch " von ELLEN THIEMANN:

„Wo sind die Toten von Hoheneck?“

kann ich jedem, der sich über die dunkelsten Seiten der D"D"R - SED Diktatur informieren will, ausdrücklich empfehlen.

Mich würde ebenfalls das Urteil interessieren. Die betreffenden 4 Seiten habe ich nochmals in Ruhe gelesen. Mir ist nicht erklärlich, was es daran auszusetzen gibt.

Weiterhin ist für mich nicht nachvollziehbar,welchen Sinn die geforderte Erwähnung des Stasispitzels und Mörders Aribert Freders in dem Beitrag - "erst Psychopillen, dann in Gitterkäfig gesperrt" haben soll ?





Bernd Mäge:

Die betreffenden 4 Seiten habe ich nochmals in Ruhe gelesen. Mir ist nicht erklärlich, was es daran auszusetzen gibt.“





Quelle:
THIEMANN, Ellen: „Wo sind die Toten von Hoheneck?“, S. 210 ff



Auf den genauen Inhalt der 4 Seiten kommt es nicht an. Die Klägerin will nicht, dass sie veröffentlicht werden. Sie hat das Gericht vermutlich davon überzeugt, dass die Seiten nicht ohne ihre Zustimmung veröffentlicht werden dürfen. Das habe sie mit der Beklagten so vereinbart. Sicher ist die Klägerin etwas komisch. Aber sie will es eben nicht anders. Da hilft nichts.



Dr_Dietrich_Koch:
.....Sie hat das Gericht vermutlich davon überzeugt, dass die Seiten nicht ohne ihre Zustimmung veröffentlicht werden dürfen. Das habe sie mit der Beklagten so vereinbart.....


Fleissner-Mikorey: ....Unstreitig ist, dass die Klägerin mit Frau Thiemann Kontakt aufgenommen hat und ihr über einen längeren Zeitraum immer wieder Material und Dokumente zur Verfügung gestellt hat. Es war ihr Wunsch mit ihrer Geschichte im geplanten Buch vertreten zu sein.


ET. ....Kurz vor Drucklegung teilte mir die Klägerin dann plötzlich in einer Mail mit, dass sie mir keine Freigabe für ihre Geschichte erteile, weil sie ins Kloster gehen wolle, um ihr eigenes Buch zu schreiben, von dem sie bereits 79 Seiten fertig habe.....


Übrigens berichtete Frau Dagmar Janetzky schon 2003 öffentlich über ihr Schicksal:



Dr_Dietrich_Koch: Das Buch von Frau Thiemann zu verbieten, ist ein Unding.


Auch ein mündlicher Vertrag kann rechtsbeständig sein.



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