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Thema: BERTOLT BRECHT und der 17. JUNI 1953


Aufstand der Arbeiter gegen dieArbeiterregierung?

BERTOLT BRECHT UND DER 17. JUNI 1953


Dieses Buch über die acht Ostberliner Jahre 1948/56 des „Stückeschreibers“ Bertolt Brecht (1898-1956) war längst fällig, konnte aber erst nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 geschrieben werden, als Archive, Akten der „Staatssicherheit“ und Nachlässe zugänglich wurden. Verfasser dieses Buches ist der 1926 in Leipzig geborene Literaturwissenschaftler Werner Hecht (1926), der bei Hans Mayer (1907-2001) studiert hat und 1959 von Helene Weigel (1900-71) ans „Berliner Ensemble“ verpflichtet worden ist. Er war 1985/2000 Mitherausgeber der 32bändigen Werkausgabe im Suhrkamp-Verlag und ist Autor der Bücher „Brecht-Chronik“ (1997) und „Leben Brechts in schwierigen Zeiten“ (2007).

©aufbau-verlag.de
Werner Hecht

Das neunte Kapitel dieses höchst spannenden Buches, das den Titel trägt „Keine Lösung. Der 17. Juni 1953“, ist das aufschlussreichste, was das Verhältnis des bis zu seinem Tode 1956 parteilosen Kommunisten Bertolt Brecht zum praktizierten Kommunismus Walter Ulbrichts (1893-1973) angeht. Diese Verhältnis war zwiespältig und voller Widersprüche, zumal der im Oktober 1948 aus Zürich eingereiste Dramatiker nie DDR-Bürger war, sondern 1950 die österreichische Staatsbürgerschaft annahm, seine Werke beim Suhrkamp-Verlag in Frankfurt/Main erscheinen und seine Westtantiemen auf Schweizer Banken überweisen ließ. Selbst die ein Jahr vor seinem Tod erschienene „Kriegsfibel“ (1955) war strenger Zensur unterworfen: Sie wurde als Ausdruck des „reinsten Pazifismus“ verunglimpft und durfte nur in gereinigter Fassung und minimaler Auflage erscheinen! Die vollständige Ausgabe erschien 1994.

Am Spätnachmittag des 16. Juni 1953 erfuhr Bertolt Brecht in Berlin-Weißensee vom Streik der Ostberliner Bauarbeiter. Am Abend dann trat der verängstigte SED-Vorsitzende Walter Ulbricht im Berliner Friedrichstadtpalast auf und erklärte: „Die Partei hat die Verbindung zu den Massen verloren!“ Daraufhin nannte Bertolt Brecht den Streik eine „selbstverschuldete Notwendigkeit“ und forderte im Gespräch mit seinem Mitarbeiter Manfred Wekwerth (1929) als Lösung des Konflikts: „Die Streikenden bewaffnen!“

Seine Mitarbeiterin Käthe Rülicke (1922-92) schrieb mehr als fünf Jahre später, am 13. Dezember 1958, ihre Erinnerungen an den Tagesablauf Bertolt Brechts am 16./17. Juni 1953 nieder und übergab das Manuskript Hans Bunge, dem Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs 1956/62. Dieser vertrauliche Bericht aber wurde von Helene Weigel, der Witwe, weggeschlossen und war niemandem zugänglich. Der Niederschrift Käthe Rülickes zufolge gingen sie, Bertolt Brecht und sein Freund Jacob Walcher (1887-1970), ein 1951 aus der SED ausgeschlossener Kommunist, am frühen Morgen des 17. Juni durch Ostberlin. Der Generalstreik war ausgerufen, und Brecht soll „tief bestürzt“ gewesen sein, dass Arbeiter gegen die Arbeiterregierung streikten!

Eine Stunde später schrieb er drei Briefe: an den Sowjetbotschafter Wladimir Semjonow (1911-92), an Ministerpräsident Otto Grotewohl (1894-1964) und an Walter Ulbricht. Von diesem dritten Brief ist am 21. Juni, als der Aufstand niedergeschlagen war, in der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ lediglich der letzte Satz veröffentlicht worden, der Bertolt Brechts Einschätzung des 17. Juni in ein völlig falsches Licht rückte: „ Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszudrücken.“ Was der Absender aber im zweiten Satz seines Briefes kritisch angemerkt hatte, dass er jetzt eine „große Aussprache über das Tempo des sozialistischen Aufbaus“ erwarte, war unterschlagen worden. Das nämlich hätte zu einer „Fehlerdiskussion“ zwischen DDR-Bevölkerung und Staatspartei geführt, die unbedingt zu vermeiden war, bei Strafe des Untergangs!

Um 13.00 Uhr am 17. Juni wurde von der Besatzungsmacht der Ausnahmezustand verhängt. Die SED-Führung hatte längst beschlossen, dass der Arbeiteraufstand keiner war, sondern ein von Westberlin aus gesteuerter „konterrevolutionärer Putschversuch“. Nicht die SED war schuld, sondern der „Klassenfeind“ jenseits der innerdeutschen Grenze!

Empört darüber, dass der Schlusssatz seines Briefes, der einen völlig falschen Eindruck vermittelte, von der Redaktion des „Neuen Deutschland“ in die Reihe der Ergebenheitsbekundungen an SED-Führung und DDR-Regierung eingerückt worden war, veröffentlichte Bertolt Brecht einen zweiten Text in der SED-Zeitung, worin er von „berechtigter Unzufriedenheit“ der Arbeiter sprach und noch einmal die „dringlich große Aussprache über die allseitig gemachten Fehler“ anmahnte. Ein Versuch, mit Walter Ulbricht über den Aufstand zu sprechen, misslang.

In Westdeutschland löste die angebliche Unterwerfung des „Stückeschreibers“ unter die Deutungshoheit der Partei „große Verwirrung“ und einen „Sturm der Entrüstung“ aus. Jetzt galt Bertolt Brecht als Parteigänger Walter Ulbrichts, dessen Dramen von den Theaterspielplänen abgesetzt wurden. Im Brief an seinen westdeutschen Verleger Peter Suhrkamp vom 1. Juli 1953 schrieb er, die Arbeiter wären „zu Recht verbittert“ gewesen. Suhrkamp wagte nicht, diesen Brief, wie es der dringliche Wunsch seines Verfassers gewesen war, zu veröffentlichen.

Der Dichter zog sich, im Juli/August 1953 in sein Sommerhaus in Buckow/Märkische Schweiz zurück und arbeitete an einer Gedichtsammlung, die er „Buckower Elegien“ nannte und die erst 1964 erscheinen konnte. Dort fand man das Gedicht „Die Lösung“, worin der Regierung angesichts ihrer Unfähigkeit vorgeschlagen wurde, „das Volk aufzulösen und ein anderes zu wählen.“ Ein Tagebucheintrag Bertolt Brechts vom 20. August 1953 begann mit dem Satz: „Der 17. Juni hat die ganze Existenz verfremdet.“

Jörg Bernhard Bilke



Dr_Bilke:
Aufstand der Arbeiter gegen dieArbeiterregierung?

BERTOLT BRECHT UND DER 17. JUNI 1953


... Daraufhin nannte Bertolt Brecht den Streik eine „selbstverschuldete Notwendigkeit“ und forderte im Gespräch mit seinem Mitarbeiter Manfred Wekwerth (1929) als Lösung des Konflikts: „Die Streikenden bewaffnen!“ ...

Der Generalstreik war ausgerufen, und Brecht soll „tief bestürzt“ gewesen sein, dass Arbeiter gegen die Arbeiterregierung streikten!


Vielen Dank für diese informative Rezension rechtzeitig vor dem Jahrestag des Volksaufstandes!

Allerdings liegt mir da die Schilderung von Wolf Biermann buchstäblich im Magen. Der einst ausgewiesene Barde berichtete auf einer Veranstaltung im ehem. "Haus der Ministerien", dem heutigen Bundesfinanzministerium, im letzten Jahr, Brecht habe mit "KuBa", dem 1. Sekretär des Schriftstellerverbandes, den Aufstand verfolgt. Und als die ersten sowjetischen Panzer auffuhren, habe Brecht die roten Soldaten durch heftiges Schwenken seiner Mütze über dem Kopf "freudig begrüßt."

Kann es sein, dass auch Brecht die wahre Bedeutung des Aufstandes erst später erkannte und entsprechende Interpretationen anfügte? Er wäre nicht alleine gewesen. Auch der verstorbene Erich Loest kam erst spät zu seinen Einsichten, sprach noch 1983 in der Süddeutschen Zeitung vom Putsch "Westberliner Agenten."

Hier scheint eine gewisse Methodik nachweisbar: Auch
später, nach 1989, erkannten führende Politiker den Zeitgeist und sprachen solche hehren Sätze wie: "Es wächst zusammen, was zusammen gehört."

Zuvor war von der Lebenslüge der Deutschen (im Hinblick auf die - von Ewiggestrigen geforderte - Wiedervereinigung)die Rede gewesen...

Es braucht wohl noch mehr Abstand zum Geschehen, um frühe und spätere Äußerungen der damaligen Zeitzeugen
richtig einordnen zu können.



Dr_Bilke:
Jetzt galt Bertolt Brecht als Parteigänger Walter Ulbrichts, dessen Dramen von den Theaterspielplänen abgesetzt wurden.


Oberspießer ULBRICHT hat zwar Dramen verursacht, aber keine verfasst.

BRECHT erinnerte sich an das Frühjahr 1933 so:

"Die ,Rote Fahne' schrieb noch, 'Der Sozialismus siegt', da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz."

Die Kunst BRECHTS kann ich nicht beurteilen, da ich mich solchem Agitprop sters verweigert habe. Menschlich jedenfalls war er - typisch links - ein widerlicher Kerl.





BEMERKUNGEN

zu Klaus Plätzschs Urteil über Bertolt Brecht


Als ich im Februar 1958 mit meiner Abiturklasse nach Berlin fuhr, wie es damals üblich war, hatten wir als Führer durch die Freie Universität einen aus der DDR geflohenen Studenten der Bertolt Brecht als "Charakterlumpen" bezeichnete. Sein Lavieren während und nach dem Aufstand des 17. Juni lässt ein solches Urteil durchaus als gerechtfertigt erscheinen. Objektiv betrachtet, hat er die aufständischen Arbeiter verraten und ihrem Schicksal überlassen. Ich selbst habe noch 1962 im Zuchthaus Waldheim Arbeiter getroffen, die wegen ihrer Beteiligung am Aufstand zu langen Haftstrafen verurteilt waren.

Die Beweggründe Bertolt Brechts waren vermutlich die, dass er sein "Theater am Schiffbauerdamm" nicht verlieren wollte. Das wäre ihm unweigerlich weggenommen worden, wenn er sich auf Seite der aufständischen Arbeiter gestellt hätte. Er muss aber sehr erzürnt darüber gewesen sein, dass der vollständige Text des Briefes an Walter Ulbricht, der die Forderung nach einer Fehlerdiskussion enthielt, nicht veröffentlicht wurde. Deshalb hat er eine Neufassung dieses Briefes an seinen Verleger Peter Suhrkamp in Frankfurt/Main geschickt mit der Bitte, ihn im Westen zu veröffentlichen. Der aber hat das unterlassen, weil er um das Ansehen seines Autors besorgt war und einen Rückgang der Auflagenzahlen der Werke Bertolt Brechts fürchtete.
    Johann Heinrich (Peter) Suhrkamp (1891-1959)

Drei Jahre nach dem Aufstand, im Sommer 1956, ist Bertolt Brecht mit 58 Jahren gestorben. Was er über den Ungarnaufstand im Herbst 1956 gesagt hätte, wissen wir nicht. Für Anna Seghers war er in ihrer Erzählung "Brot und Salz" (1958) die "Konterrevolution", für Hans Mayer dagegen eine echte "Revolution".

Bertolt Brechts Stücke sind nach 1953 auf Jahre hinaus von den westdeutschen Bühnen abgesetzt worden, wegen des Briefes an Walter Ulbricht. Es gibt aber neben dem Politiker Brecht auch noch den Lyriker und den Dramatiker. Seine Gedichte zählen zweifellos, nicht alle, aber viele, zur Weltliteratur. Das gilt auch für ein halbes Dutzend seiner Stücke wie den "Galileo Galilei", die "Mutter Courage" und den "Puntila". Seine Werke hier auf "Agitprop" reduzieren zu wollen, ist blanke Unkenntnis. Zugegeben, er hat auch "Agitprop" geliefert wie die Gedichte "Der anachronistische Zug" und der "Herrnburger Bericht" und das Stück "Die Maßnahme", aber das ist heute vergessen.

Meinen Sie denn, lieber Herr Plätzsch, der hochangesehene SUHRKAMP-Verlag füllte 32 Bände seiner Bertolt-Brecht-Ausgabe mit Agitpropliteratur?

Jörg Bernhard Bilke

Coburg, 12. Juni 2014


Zuletzt bearbeitet: 13.06.2014 17:10 von Dr_Bilke


Dr_Bilke:

Meinen Sie denn, lieber Herr Plätzsch, der hochangesehene SUHRKAMP-Verlag füllte 32 Bände seiner Bertolt-Brecht-Ausgabe mit Agitpropliteratur?


Ich hatte natürlich polemisch übetrieben. Aber selbst Brechts berühmtestes Werk, die "Dreigroschenoper", wirkt heute wie Agitprop. Ich lehne aber auch den Mensch ab. BRECHT hat seine zahlreichen Liebschaften, wie die zu Elisabeth Hauptmann, Helene Weigel, Margarete Steffin oder Ruth Berlau rücksichtslos ausgebeutet.



Brecht und Weigel nahmen 1950 die Staatsbürgerschaft
Österreichs an, waren nie "DDR- Bürger. Das hat man uns in der " DDR"nie wissen lassen. In den Staaten war B.B. während seines Exils überhaupt nicht gelitten, sein Schaffen blieb den Yankees fremd, geschuldet vielleicht des Mc Carthys Verfolgungswahns. Kommunist, so gab er in des USA an, sei er nie gewesen. Richtig Stellung bezogen hat Brecht, im Gegensatz zu Tucholsky, Zweig und den beiden Manns eigentlich nicht. Ich habe Brecht zwar immer mit Interesse gelesen, und tue es immer noch, aber ich habe bei Brecht den Beigeschmack des prinzipienlosen Leisetreters, den die geschichtlichen Zeitläufe in Kunst und Literatur dann und wann hervorbringen. Künstler sind auch halt nur Menschen...




Schaumburg:
ich habe bei Brecht den Beigeschmack


Ein anderer Ansatzpunkt wäre der Widerspruch zwischen dem witzigen, souveränen, geistreichen Brecht und dem schlecht rasierten, ungewaschenen und stinkenden Griesgram, als der er immer wieder auftaucht. Ein Womanizer mit Tabakkrümeln in den Mundwinkeln.

© Deutschlandradio Kultur



Dr_Bilke:
Daraufhin nannte Bertolt Brecht den Streik eine „selbstverschuldete Notwendigkeit“ und forderte im Gespräch mit seinem Mitarbeiter Manfred Wekwerth (1929) als Lösung des Konflikts: „Die Streikenden bewaffnen!“




"Ich darf neben Brecht sitzen!"

Kommunist und Opportunist: Manfred Wekwerth stieg am Berliner Ensemble vom Assistenten Bertolt Brechts zum Intendanten auf. Stasi-Spitzel war er auch. Zum Tod eines deutschen Theatermachers.




Mit einer List, die seines künftigen Meisters Brecht würdig war, fing alles an. Der 1929 in Köthen geborene Manfred Wekwerth, Lehrer und Gründer einer Laienspielgruppe, hatte wenige Jahre nach dem Krieg Bertolt Brechts "Die Gewehre der Frau Carrar" inszeniert. Er behauptete in der Zeitung, dass der Autor bei der Premiere anwesend sein würde.

Brecht nahm es mit Humor und schickte Busse, die die Truppe ins Berliner Ensemble (BE) fuhren. Nach der Vorstellung fragte Brecht den jungen Köthener, ob er Assistent am BE werden wolle.

Und so wachte der im Frühjahr 1951 eines Morgens als Teilnehmer an einem der aufregendsten Theaterexperimente des 20. Jahrhunderts auf. Der "Witz der Dialektik", der "Genuss als Stärkung des Lebenswillens", der "Reiz des Politischen" – Brechts schaffensfrohe Theorie wurde für Wekwerth konkrete Lebensrealität. Ebenso der Spaß an der kollektiven Arbeitsweise. "Allerdings mochte ich das Kollektiv am meisten", gestand er, "wenn ich sein Leiter war. Nicht, weil ich jemanden unter mir haben wollte, sondern möglichst keinen über mir."

Nach Brechts Tod legte er sich mit Helene Weigel an

Fast genau zwanzig Jahre nach Brechts Tod, im Jahre 1977, wurde Manfred Wekwerth selbst Intendant des Berliner Ensembles. In den Jahren, die seiner Intendanz vorangingen, hatte er als Regisseur von sich reden gemacht, seine "Coriolan"-Inszenierung 1964 am Berliner Ensemble wurde gefeiert.

Aber Wekwerth war keiner, der in der Brecht-Verehrung erstarrte. Das wurde vor allem deutlich, als er nach dem Tode seines Lehrers daran ging, eine Konzeption für das Berliner Ensemble zu entwerfen, die es vor der Gefahr bewahren sollte, Brecht-Museum zu werden. Er stieß auf vehemente Kritik von Helene Weigel, die dem ehemaligen Assistenten Brechts daraufhin verbot, die Stücke ihres Mannes zu inszenieren.

Der Marxist Wekwerth, der seine Utopien nie verleugnete, ging ins Ausland, nach Zürich und London, wo er den damals unbekannten Anthony Hopkins als Coriolan besetzte und Laurence Olivier kennenlernte. In den Siebzigerjahren war Wekwerths Shakespeare-Inszenierung von "Leben und Tod König Richards III." mit Hilmar Thate in der Titelrolle am Deutschen Theater eine Sensation.

Der Hardliner Wekwerth arbeitete ab 1965 für die Stasi

Wekwerth, zu DDR-Zeiten Präsident der Akademie der Künste und Mitglied des ZK der SED, hatte nach dem Fall der Mauer mit Vorwürfen zu kämpfen, wurde zu Recht als Hardliner und Opportunist bezeichnet. Wie sich herausstellte, hatte der gebürtige Köthener seit 1965 als "Geheimer Informant" (die Bezeichnung "Inoffizieller Mitarbeiter" kam erst nach 1968 in Gebrauch) für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet. Denen, die ihn dafür attackierten, rief er zu, sie hätten "einen Grad von Dogmatismus, der selbst in den Niederungen der DDR seinesgleichen" gesucht hätte.

Vergessen wurde jedoch, was Heiner Müller Wekwerth bescheinigte, nämlich, dass er gegen "politische Idiotien" protestiert hatte. Tatsächlich nutzte der Intendant und Präsident Wekwerth seine Macht auch dazu, Leuten – sonderlich beispielsweise dem Autor Volker Braun – zu helfen, die anderswo wegen Abweichung von der Linie geschasst worden waren.

In Theaterkreisen hieß er "Natron der Weise"

Als 1992 seine Zeit am BE endete, vergrub sich Wekwerth nicht. Er inszenierte in Meiningen, in Halle. Zog mit dem Berliner "Theater des Ostens" durchs Land, äußerst erfolgreich unter anderem mit der Brecht-Revue "Denn wie man sich bettet, so liegt man oder Was kostet die Welt". Peter Zadek sagte nach der Wende euphorisch über Wekwerth, er sei einer von den Männern, die dreißig Jahre lang Theatergeschichte geschrieben hätten.

Von welcher Art diese Schreibung war, lässt sich aus zwei Tatsachen ableiten. Erstens: Wekwerth litt lebenslang unter einem nervösen Magen, auch, weil er allen Ärger mit seinem Ehrgeiz in sich hineinfraß – und exzessiv Natrontabletten schluckte. (In Theaterkreisen hieß er "Natron der Weise".) Zweitens: Wekwerth war der geborene Musterschüler. (Tagebucheintrag vom 4. Juni 1951: "Ich darf neben Brecht sitzen und bin der erste, den er nach Meinungen fragt.").

Das machte ihn zum guten Regisseur, der sein (Brecht-)Handwerk aus dem Effeff beherrschte, letztlich aber doch nie über das Epigonentum herauskam. Wekwerth zitierte – nach 1990 – gern die Sentenz von Lenin, wonach der Kommunismus nur von den Kommunisten selber verhindert werden könne. Manfred Wekwerth ist am 16. Juli im Alter von 84 Jahren gestorben.

© welt.de 17.07.14





*„Brecht war eine Legitimation, warum man für die DDR sein konnte. Weil Brecht da war, musste man dableiben.

Heiner Müller,
Katastrophenliebhaber


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