FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: ALFRED KANTOROWICZ und der Spanische Bürgerkrieg


ALFRED KANTOROWICZ UND DER SPANISCHE BÜRGERKRIEG

Die beiden Fassungen des Kriegstagebuchs


Im Sommer 1956, zwei Jahrzehnte nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs am 17. Juli 1936, fand in Ostberlin, der Hauptstadt des SED-Staates, eine merkwürdige Ehrung statt: Neben Hunderten von überlebenden Spanienkämpfern, die wegen ihres tapferen Einsatzes 1936/39 auf republikanischer Seite ausgezeichnet werden sollten, wurden auch Kommunisten geehrt, die nachweislich keinen einzigen Tag ihres Lebens an der Bürgerkriegsfront in Spanien verbracht hatten! Darunter waren beispielsweise der „Spanienkämpfer“ Walter Ulbricht (1893-1973), der im französischen Exil gelebt hatte und 1938 nach Moskau emigriert war, der „Spanienkämpfer“ Stephan Hermlin (1915-1997), der von Palästina, wohin er aus Deutschland geflohen war, nach Spanien aufgebrochen, aber nie dort angekommen war, sondern ängstlich in Paris den Ausgang des Bürgerkriegs abgewartet hatte, und der „Spanienkämpfer“ Erich Mielke (1907-2000), später DDR-Minister für Staatssicherheit 1957/89, der immerhin als „Hauptmann“ bei den „Internationalen Brigaden“ registriert gewesen war, aber nicht an der Front gekämpft, sondern hinter der Front Anarchisten und Trotzkisten liquidiert hatte!

Das alles kann man nachlesen im zweiten Band des „Deutschen Tagebuchs“ (1961) des Ostberliner Literaturprofessors Alfred Kantorowicz (1899-1979), der 1936/38 in Spanien gekämpft, aber zwei Jahrzehnte später, im Sommer 1957, mit dem Kommunismus gebrochen hatte und nach Westberlin geflohen war.


Alfred Kantorowicz - ©gestioncultura.cervantes.es

Der Spanische Bürgerkrieg, der 1939 mit einer verheerenden Niederlage für die republikanische Seite beendet worden war, war kein Forschungsobjekt für die DDR-Geschichtsschreibung, obwohl 5000 Deutsche, vornehmlich Kommunisten und Sozialisten, in den „Internationalen Brigaden“ gekämpft hatten. Hunderte von ihnen, die danach ins Exil gegangen waren, lebten, wie Walter Janka (1914-1994), Leiter des Aufbau-Verlags 1953/56, nach 1949 im SED-Staat und bezogen hohe Versorgungsrenten und andere Vergünstigungen. Wer in Spanien gekämpft oder, nach DDR-Lesart, sein Leben im „Klassenkampf“ gegen den „Faschismus“ eingesetzt hatte, war zeitlebens ein angesehener Mann, der noch im Rentenalter als Zeitzeuge gefragt war.

Aber dass der Beitrag deutscher Kommunisten zum Spanischen Bürgerkrieg, anders als die gescheiterten Revolutionen von 1848/49 und 1918/19, kaum wissenschaftliche Aufarbeitung fanden, hat seine Gründe: Niederlagen feierte man nicht! Und von den unbestechlichen Zeugen dieser Niederlage, die einer staatlich verordneten Heroisierung hätten widersprechen können, lebten 1959 noch 350 im SED-Staat.

Deshalb dürfte es kaum verwundern, dass das Kriegsgeschehen in Spanien 1936/39 in DDR-Geschichtsbüchern weitgehend ausgeblendet wurde. Im kümmerlich geratenen „Abriss der Spanienliteratur“ (1960), der der literarischen Aufarbeitung des Bürgerkriegs gewidmet war, wurden vornehmlich zwei Autoren behandelt, die heute längst vergessen sind: Bodo Uhse (1904-1963) und Eduard Claudius (1911-1976)! Ihre beiden Spanien-Romane „Leutnant Bertram“ (1944) und „Grüne Oliven und nackte Berge“ (1945) wurden kaum gelesen und waren, anders als Anna Seghers` Widerstandsbuch „Das siebte Kreuz“ (1942), unbrauchbar für die Literaturagitation im Deutschunterricht an DDR-Schulen.

Aber auch die Autoren, die als Kriegsteilnehmer authentische Berichte geliefert hatten wie Ludwig Renn (1889-1979), Alfred Kantorowicz (1899-1979) und Willi Bredel (1901-1964), waren politischen Pressionen ausgesetzt, weshalb ihre Werke nur gekürzt und verstümmelt erscheinen konnten. Am glimpflichsten kam noch Willi Bredel davon, der der Hamburger „Arbeiterklasse“ entstammte und 1933 im Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel gesessen hatte.

Als braver Parteisoldat, der in seinem Roman „Begegnung am Ebro“ (1939) aus „parteilicher Sicht“ über die Kämpfe berichtet und sich jeglicher Kritik an der Kriegsführung der „Internationalen Brigaden“ enthalten hatte, blieb er mit seinem Spanien-Buch, das auch 1977 in die Gesammelten Werke aufgenommen wurde, unbehelligt, zumal er als Politkommissar des Thälmann-Bataillons auch das „schädliche Wirken“ der Anarchisten und Trotzkisten schilderte. Anders erging es Ludwig Renn, dessen Buch „Der spanische Krieg“ (1955) weitaus kritischer ausgefallen war und deshalb auch nur in gekürzter Fassung erscheinen konnte. Die vollständige Ausgabe wurde erst 2006 in Berlin veröffentlicht.

Der Berliner Jurist, Journalist und Redakteur Alfred Kantorowicz war 1931 der KPD beigetreten und 1933 nach Paris emigriert, wo er schon 1928/29 als Kulturkorrespondent der „Vossischen Zeitung“ gelebt hatte. Drei Jahre später zog er als Freiwilliger in den Spanischen Bürgerkrieg und kehrte 1938 nach Frankreich zurück, nach dem Kriegsausbruch im September 1939 konnte er im Juni 1940 aus Marseille im unbesetzten Frankreich in die Vereinigten Staaten fliehen. Anderen kommunistischen Emigranten wie Anna Seghers beispielsweise wurde dort das Asyl verweigert, weshalb sie nach Mexiko ausweichen mussten. Sein „Spanisches Tagebuch“, das er im Exil in Südfrankreich nach Aufzeichnungen während des Bürgerkriegs geschrieben hatte, erschien 1948 im Ostberliner Aufbau-Verlag; damals schon in gekürzter und verstümmelter Fassung. Warum die SED-Zensoren schon mit dieser ersten Fassung nicht zufrieden waren, das teilte uns der Verfasser im Vorwort zur zweiten Fassung mit, die in erweitertem Umfang 1966, zum 30. Jahrestag des Bürgerkriegs, in Köln erschien.



In einem Beschluss des Politbüros, dem höchsten Machtzentrum des SED-Staats, waren 1951 alle Kritikpunkte genannt, die dazu führten, dass das Buch nicht nur nicht in die 1945 gegründete „Bibliothek Fortschrittlicher Deutscher Schriftsteller“ aufgenommen wurde, sondern auch die zweite Auflage, die mitten in der Auslieferung war, eingestellt wurde:
„Es ist voller Schwächen und nicht das Spanienbuch, was wir brauchen. Das Buch…ist aber zweifellos vom Gesichtswinkel der Intellektuellen aus geschrieben. Es lässt den Parteistandpunkt vermissen. Sowohl die Rolle der spanischen Kommunistischen Partei als auch der entscheidende Anteil der deutschen Kommunisten am spanischen Befreiungskampf bleiben nahezu unberücksichtigt.“

Zu dieser für den Autor unerträglichen „Mängelliste“, die auf blanker Unkenntnis des Buches beruhte, reagierte Alfred Kantorowicz mit berechtigtem Zorn. Der Brief mit den Vorwürfen einer „politisch verantwortlichen Stelle“, der ihm am 15. Dezember 1951 von Willi Bredel, dem Herausgeber der Bibliothek, zugestellt worden war, wurde erst acht Wochen später, am 12. Februar 1952, von ihm beantwortet.

    ©abebooks.com
Wir erfahren aber auch in diesem Vorwort, wie das Manuskript entstanden und über den Krieg gerettet wurde. So hätte der Verfasser „aus der amorphen Masse der Notizen“ ein Manuskript von „rund 800 Schreibmaschinenseiten“ gefertigt, von denen er „einen Durchschlag vor der zweiten Internierung im Hause meines Freundes Lion Feuchtwanger“ deponiert hätte. Sie gelangten im Gepäck des Schriftstellers auf der Flucht von Marseille 1941 ins kalifornische Exil, von wo sie dem Autor, der inzwischen in New York lebte, zugeschickt wurden. Eine zweite Kopie war von französischen Freunden in einer Ölhaut vergraben worden und konnten so dem Zugriff der GESTAPO entzogen werden, auch diese Kopie wurde dem Autor nach Kriegsende wieder zugestellt.

Zu dieser oben erwähnten „Mängelliste“ nahm Alfred Kantorowicz ausführlich Stellung und widerlegte die „Vorwürfe“, ohne freilich von der „politisch verantwortlichen Stelle“, von der sie erhoben worden waren, jemals einer Antwort gewürdigt zu werden.

Wenn man heute beide Ausgaben, die von 1948 und die von 1966, miteinander vergleicht, dann erkennt man, warum das die Literatur überwachende Politbüro auf einer „rudimentären Veröffentlichung“ (Alfred Kantorowicz) bestanden hat. Bei einer vollständigen Veröffentlichung des Textes wäre aller Voraussicht nach eine kaum mehr einzudämmende Diskussion über das, was in Spanien wirklich geschehen ist, ausgebrochen. So berichtet er in einem Pariser Tagebucheintrag vom 1. Mai 1938, von einer Sitzung des „Bundes der Spanienkämpfer“:
„Da waren etwa zwanzig deutsche Invaliden versammelt, Verwundete, Armlose, Beinlose, Schüttler, alle bedrückt, hungrig, fertig mit den Nerven. Da sitzen diese armen Jungen mit ihren zerschossenen Knochen und müssen sich (von einem selbstzufriedenen Parteibeamten) das erste einer Reihe von Referaten über den Trotzkismus anhören.“

Und noch ein anders Thema schnitt Alfred Kantorowicz in der Vollfassung seines Tagebuchs an, wovon er während des Bürgerkriegs nichts gewusst, allenfalls geahnt hatte: Die Verfolgung und Ermordung von Anarchisten und Trotzkisten hinter der Front! Über solche Greueltaten konnte er später in den Büchern „Mein Katalonien“ (1938) des Trotzkisten George Orwell (1903-1950) und „Das große Beispiel“ (1940) des Kommunisten Gustav Regler (1898-1963) nachlesen. Demnach gab es ein „schwimmendes Konzentrationslager“ auf einem Schiff im Hafen von Barcelona, auf dem Folterungen und Erschießungen vorgenommen wurden, und in Albacete, dem Zentrum des Verwaltungsapparates der „Internationalen Brigaden“, einen Folterkeller, der auf Befehl Walter Ulbrichts eingerichtet worden war. Beide Autoren sind durch das Erlebnis der Spanischen Bürgerkriegs, über den noch keineswegs das letzte Wort gesprochen ist, zu Abtrünnigen des Weltkommunismus geworden.

Jörg Bernhard Bilke



In der Neuen Zürcher Zeitung vom 1. 7. 16 erschien ein Artikel über einen Schweizer, der am Spanienkrieg teilnahm:

In Erinnerungen von Kampfgenossen erscheint Brunner als unerschrockener, vierschrötiger Draufgänger, den es im Kugelhagel kaum im Schützengraben hält. Der deutsche Spanienkämpfer und spätere DDR-Schriftsteller Alfred Kantorowicz beschreibt ihn in seinem «Spanischen Tagebuch» als muskelbepackte, tätowierte Wildsau, sanguinisch, polternd und dauerfluchend («Ist das ein Angriff, gopfertami? Ein Saustall ist das»).




Zwischen allen Fronten

DIE FLUCHT DES ALFRED KANTOROWICZ 1957


Das Aufsehen damals war ungeheuerlich: Noch nie hatte ein führender Kommunist, selbst wenn er in Ungnade gefallen war, den SED-Staat verlassen und war zum „Klassenfeind“ nach Westberlin übergelaufen! Alfred Kantorowicz, KPD-Mitglied seit 1931, Spanienkämpfer 1937/38, deutscher Emigrant in Frankreich und den Vereinigten Staaten und seit 1950 Professor an der Ostberliner Humboldt-Universität, hatte im Sommer 1957 mit dem SED-Regime gebrochen und am 20. August, von Verhaftung bedroht, die Sektorengrenze als politischer Flüchtling überschritten (siehe Leitartikel oben).

Zwei Tage später, am 22. August, gab er im „Sender Freies Berlin“ eine Erklärung ab, die an seine „Freunde, Gefährten, Landsleute in der Zone“ gerichtet war. Die Schimpfworte, die ihm, dem „Verräter der Arbeiterklasse“, jetzt nachgerufen wurden, sollten sein Ansehen beschädigen und seine Eingliederung in die westdeutsche Gesellschaft erschweren. So schrieb der DDR-Schriftstellerverband, allen voran die angesehene und berühmte Anna Seghers, im „Neuen Deutschland“: „Sich auf Heinrich Mann berufend, gesellt er sich zu denen, die den großen Schriftsteller aus dem Lande trieben und sein Andenken heute noch mit Hass verfolgen.“ (25. August). In derselben Zeitung schrieb eine Gruppe junger Literaturmarxisten: „Wir wissen, dass es in den Zeiten härtesten Klassenkampfes stets Intellektuelle gab, die zu schwanken begannen und zum Feind überliefen. Die Geschichte der Arbeiterklasse lehrt uns jedoch, dass Verräter die progressive Entwicklung niemals aufhalten können.“ (30. August). Die damals noch in Prag lebende Leonie Mann (1916-1986), Heinrich Manns Tochter, distanzierte sich in der Wochenzeitung „Sonntag“ (1.September) vom Freund und Förderer ihres Vaters. Im gleichen Blatt erklärte Chefredakteur Bernt von Kügelgen (1914-2002): „Es muss festgestellt werden, dass Kantorowicz nicht eine einzige wissenschaftliche, theoretische Arbeit publiziert hat.“ In der folgenden Ausgabe des „Sonntag“ warf ihm Karl Eduard von Schnitzler vor: „Was weißt Du überhaupt von unseren Arbeitern? ... Du bist ein Literaturwissenschaftler; aber was weißt Du von politischer Ökonomie, vom ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus? ... Dem von Dir verlassenen Staat aber, der von Dir geschmähten Partei, der von Dir geleugneten Idee des Sozialismus gehören Gegenwart und Zukunft.“ (8. September); und Kulturminister Johannes R. Becher warf sich im „Neuen Deutschland“ vor, ihn nicht rechtzeitig aus dem Vorstand des DDR-Schriftstellerverbands entfernt zu haben. (26. Oktober)

Der Wechsel der politischen Fronten, im Alter von 58 Jahren und mitten im Kalten Krieg, war zweifellos eine mutige Tat, die aber fast fünf Jahre lang, bis zu seinem Umzug 1962 von München nach Hamburg, in Westdeutschland nicht anerkannt wurde, weil man Alfred Kantorowicz vorwarf, im Spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite gekämpft und nach 1945 dem SED-Staat gedient zu haben. In seiner Erklärung, abgegeben am Spätnachmittag des 22. September 1957 im „Sender Freies Berlin“ und einen Tag später nachgedruckt im Berliner „Tagesspiegel“ unter dem Titel „Warum ich mit dem Ulbricht-Regime gebrochen habe“, zählte er auf, was er alles mit der Flucht aufgegeben hatte: Die Professur an der Humboldt-Universität mit dem Lehrauftrag für Neueste Deutsche Literatur, die Arbeit als Direktor des „Heinrich-Mann-Archivs“ an der „Deutschen Akademie der Künste“, wo er den aus Kalifornien 1950 überstellten Nachlass zu sichten und zu ordnen hatte, die Edition der Heinrich-Mann-Ausgabe und seine eigene Arbeitsbibliothek mit 8.000 Bänden. Was vielleicht noch schwerer wog, war der jähe Abschied von „Freunden und Kampfgefährten“ aus dem Widerstand, aus dem Exil und aus dem Spanischen Bürgerkrieg: „Sie alle werden nun gezwungen sein, mir nachzuspeien, mich zu verleumden, mich einen Verräter, einen Renegaten... zu schimpfen, nur weil ich mit dieser Notwendigkeit meiner Absage an das Ulbricht-Regime mir selber treu zu bleiben versuche.“

Die Abrechnung mit dem angeblich sozialistischen Staat, für dessen Entstehung in Deutschland er seit 1931 unter Einsatz seines Lebens gekämpft hatte, wurde mit dem klaren und unbestechlichen Blick des abtrünnigen, tief enttäuschten Kommunisten vorgenommen. Die Flucht vom 20. August 1957 war nur der letzte, nicht widerrufbare Schritt im politischen Leben eines marxistischen Intellektuellen, der abgeschworen hatte und der sich nun einreihte in die wachsende Schar der Exkommunisten. In Horst Krügers Dokumentation „Das Ende einer Utopie“ (1963) hat er diesen Abfall von der DDR-Spielart des Marxismus-Leninismus noch einmal begründet.
Geholfen bei dieser inneren Distanzierung, die schließlich zur Flucht führte, hat ihm dabei das Schicksal seiner Zeitschrift „Ost und West. Beiträge zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit“ 1947/49, die schon im Titel die Orientierung auf Ausgleich, Entspannung, Vermittlung zwischen den Fronten erkennen ließ, darin Peter Huchels Periodikum „Sinn und Form“ bis Dezember 1962 vergleichbar, und die ohne Vorankündigung liquidiert wurde, weil sie in dieser Ausrichtung offensichtlich nicht mehr in die politische Landschaft passte.

Auch von weiteren Erschütterungen blieb sein kommunistisches, im Exil erhärtetes Weltbild nicht verschont. In seiner Erklärung nannte er die Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 und die „gerade für viele alte Kommunisten... herzabdrückende und nervenaufreibende ungarische Tragödie“ vom Herbst 1956 und die unmittelbar danach einsetzende „neue Terrorwelle, besonders gegen die Intellektuellen“, womit die Verhaftung und Verurteilung antistalinistischer Oppositionsgruppen um Wolfgang Harich und Erich Loest in Berlin, Halle und Leipzig gemeint waren.



Abschließend hieß es dann in dieser Erklärung:
„Nein, ich konnte nicht mehr die Augen verschließen vor dem fast mythischen Phänomen, dass, während wir gläubig für Freiheit und Recht und gegen die faschistische Barbarei gekämpft hatten, Faschismus und Barbarei hinter uns wieder auferstanden waren in Wort und Tat und Geist in den Amtsstuben der Apparatschiks“.*

Diese Erklärung eines prominenten Altkommunisten, der nicht erst 1946 der Partei beigetreten war, musste, sofern sie zwischen Rennsteig und Rostock mitgehört werden konnte, wie ein Donnerschlag gewirkt haben. Indirekt zeugten davon die in allen DDR-Zeitungen veröffentlichten Distanzierungen von dem über Nacht geflohenen „Verräter“, der nun aus der „Frontstadt Westberlin“ gegen seine einstigen Genossen „hetzte“, und die damit verbundenen Ergebenheits- und Unterwerfungsgesten gegenüber Staat und Partei. Auch die ungarische Oktoberrevolution hatte die Ostberliner Funktionärskaste, die ähnliche Unruhen wie 1953 befürchtete, in Angst und Schrecken versetzt. In seiner Rede vom 23.10.1957 vor der SED-Kulturkonferenz forderte Alexander Abusch (1902-1982), damals Staatssekretär im Kulturministerium, die „Schriftsteller und Kritiker“ ultimativ dazu auf, „noch tiefere Lehren aus den Vorgängen und Erfahrungen seit dem Herbst des vorigen Jahres zu ziehen.“ Im nächsten Satz kam er dann auf den „Klassenfeind“ Alfred Kantorowicz zu sprechen: „Nur in einer Atmosphäre ungenügender geistiger Auseinandersetzungen und eines nicht kämpferischen Auftretens für unsere gemeinsame Sache des Marxismus-Leninismus konnte es auch möglich werden, dass ein solch schuftiger und zugleich jammervoller Verräter wie Kantorowicz, der sich lange vorher in seiner republikfeindlichen Gesinnung... enthüllt hatte, noch während der ungarischen Ereignisse und später sein verräterisches Werk, bis zu seiner Abberufung durch seine Auftraggeber, vollenden konnte.“

Und es gab schließlich noch eine Institution, die leidenschaftlich am weiteren Lebensweg des Flüchtlings im „kapitalistischen Ausland“ interessiert war: Das „Ministerium für Staatssicherheit“ in Berlin-Lichtenberg! Dort wurde der abtrünnige Professor als „Operativer Vorgang Renegat“ bearbeitet, wobei mindestens zwei ehemalige Studenten auf ihn angesetzt wurden: Ursula Püschel (1930) und Dieter Schlenstedt (1932-2012). Alfred Kantorowicz war damals Ursula Püschels Doktorvater, wegen dessen „Republikflucht“ ihre geplante Dissertation über Erich Weinert nicht abgeschlossen werden konnte; erst 1965 konnte sie mit einer Arbeit über Bettina von Arnim promoviert werden. Sie erhielt im August 1960, drei Jahre nach der Flucht ihres Doktorvaters, unter dem Decknamen „Dichter“ den Auftrag, Kontakt mit Kantorowicz in München aufzunehmen. Ob dieser Auftrag ausgeführt wurde und welche Ergebnisse er brachte, ist nicht bekannt. Auch die Verpflichtung Schlenstedts brachte kaum Ergebnisse. Er wurde im Januar 1960 angesprochen und unterschrieb am 1. Juni 1960 eine Verpflichtungserklärung. Erhalten ist lediglich der Entwurf eines Briefes, geschrieben im Auftrag des Ministeriums, an Kantorowicz in München, der am 8. Juli 1960 seinem ehemaligen Studenten auch geantwortet haben soll. Auch hier sind weitere Ergebnisse der konspirativen Arbeit nicht bekannt.

Die ersten vier Jahre in München, nach der zweiten Emigration 1957, verliefen für Alfred Kantorowicz unerfreulich. Die Behörden des Freistaates Bayern verweigerten ihm die Anerkennung als politischer Flüchtling, rechte Gruppen polemisierten gegen ihn, weil er Kommunist gewesen war, linke mit starken DDR-Sympathien, weil er kein Kommunist mehr sein wollte. Der in München lebende Schriftsteller Leonhard Frank (1882-1961), dessen Romane und Erzählungen nur im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienen, nicht aber in Westdeutschland, der 1955 mit dem DDR-Nationalpreis I. Klasse und 1957 mit der Ehrendoktorwürde der Berliner Humboldt-Universität ausgezeichnet worden war, verweigerte Kantorowicz, den er seit Jahrzehnten kannte, bei einer zufälligen Begegnung den Handschlag!

In Hamburg, wo er seit 1962 lebte, wurde ihm endlich die öffentliche Anerkennung zuteil, die ihm zustand: Am 1. Dezember 1966 wurde ihm, nach mehr als neun Jahren, vom Bundesverwaltungsgericht der Flüchtlingsstatus zuerkannt; im Jahr seines 70. Geburtstags (12. August 1969) erhielt er den Thomas-Dehler-Preis des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen in Bonn; zugleich erschien eine Festschrift, worin seine Leistungen gewürdigt wurden, unter dem bezeichnenden Titel „Wache im Niemandsland“.

Was bleibt von Alfred Kantorowicz und seinem Werk als Schriftsteller und Publizist? Einmal ist dieses Werk unverzichtbar für die Erforschung des deutschen Beitrags im Spanischen Bürgerkrieg 1936/39. Sein „Spanisches Tagebuch“ (1948), zehn Jahre nach der Niederschrift erschienen, ist eine dem kommunistischen Geschichtsverständnis nach 1945 angepasste Version des tatsächlich Erlebten, was ein Vergleich mit dem umfangreicheren „Spanischen Kriegstagebuch“ (1979) aufzeigt.

Auch sein autobiografisches Buch „Exil in Frankreich“ (1971) bietet mit seinen Details aus dem Emigrantenleben deutscher Kommunisten weit mehr an Information als in einem DDR-Verlag jemals hätte erscheinen können. Erinnerlich ist noch sein mutiges Auftreten auf der zweiten Tagung zur deutschen Exilliteratur im Sommer 1972 in Kopenhagen, wo er nachwies, wie verkürzt, verfälschend und abwertend die Exilleistungen deutscher Kommunisten, wenn sie „Renegaten“ geworden waren wie Ernst Bloch (1885-1977), durch die DDR-Geschichtsschreibung dargestellt würden, was fast zur Abreise der vierköpfigen DDR-Delegation geführt hätte. Und da ist das bisher kaum ausgeschöpfte „Deutsche Tagebuch“ in zwei umfangreichen Bänden von 1959/61. Diese 1424 Seiten bieten eine solche Fülle an Informationen über die frühe DDR-Literatur, dass man sie getrost mit den 2006 in Leipzig veröffentlichten Briefen (632 Seiten) Hans Mayers (1907-2001) vergleichen kann.

Jörg B. Bilke



*) „Das Ostpreußenblatt“, Jg.8, Nr. 35 v. 31.8.1957, Seite 1f;
vgl. hierzu auch: „Neuer Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung e.V.“, Juni 2008, Seite 15ff


Ursula Püschel


vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unter dem Decknamen „Dichter“ auf ihren Doktorvater angesetzt:




Zurück zur Übersicht