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Thema: MEIN FRÄNKISCHES TAGEBUCH (28)


Mein fränkisches Tagebuch (28)

HASEN FÜR ERICH MIELKE, MARXISTISCHE SPRÜCHE IN JENA

Alle vier Wochen haben wir Klassentreffen von der Volksschule, die ich 1943/47 in Rodach besuchte. Wir treffen uns von 17 bis 19 Uhr und haben uns immer eine Menge zu erzählen.


Einer von uns war der vor Jahren an Krebs verstorbene Dr. Paul Gerhard Völker, der als Altgermanist an verschiedenen Universitäten tätig war, zuletzt in München. Politisch war er links ausgerichtet und hatte es so gründlich mit dem bayerischen Kultusminister verdorben, dass er keine Professur bekam. Als ich ihn im Sommer 1971 in München besuchte, ich war auf dem Rückweg von Wien nach Mainz, hatten politische Freunde von ihm gerade eine Bank überfallen, um die „Revolution“ zu finanzieren. Offensichtlich fand er das gut, was mich befremdete. Jetzt, am 24. Januar 2017, wurde ich nach Bad Rodach mitgenommen und stieg am Marktplatz aus, um seinen Onkel zu besuchen, den Bruder seiner Mutter, die 1945 an Krebs gestorben war. Er ist Landwirt und bewirtschaftet mit 91 Jahren noch immer seinen Bauernhof. Ich habe ihn in den letzten Jahren mehrmals getroffen; er kennt mich noch als kleinen Jungen, als mein Freund Peter, der Arztsohn, und ich mit ihm aufs Feld gefahren sind.

Als ich die Wohnung betrat, saß seine Frau am Ofen und er auf dem Sofa am Fenster. Beide wirkten erschöpft, vermutlich hatten sie gerade das Vieh gefüttert. Er erzählte gleich vom Krieg, was ich irgendwie angeregt hatte. Er wäre, erklärte er leicht verschämt, zur Waffen-SS gekommen, als er 17 Jahre alt war. Er sollte mit seiner Truppe den Warschauer Aufstand von 1944 niederschlagen, wäre aber vorher erkrankt und nach Strehlen in Schlesien ins Lazarett gekommen. Von dort aus wurde er zum „Endsieg“ nach Stuhlweißenburg in Ungarn gebracht und dann nach Budweis in Böhmen. Sie sollten gegen die anrückende „Rote Armee“ eingesetzt werden, gerieten aber in amerikanische Gefangenschaft, schon im Juni 1945 wäre er wieder in Rodach gewesen. Als ich mich verabschiedete, meinte er, er hätte nur einen kleinen Teil dessen erzählt, was er erlebt hätte. Ich versprach, bald wieder zu kommen.

Nach der Feier zu meinem 80. Geburtstag am 11. Februar hatte ich kaum Zeit, mich bei meinen Gästen für ihr Kommen zu bedanken. Ich hatte zwei völlig neue Vorträge über Alfred Kantorowicz (1899-1979), den ich kannte, und über Johannes Bobrowski (1917-1945) zum 100. Geburtstag am 9. April vorzubereiten. Es war ein mühevolles Unterfangen, zwei Vorträge nebeneinander vorzubereiten. Den ersten Vortrag von vieren hielt ich am Vormittag des 16. März im HEILIGENHOF in Bad Kissingen vor einer Gruppe vertriebener Sudetendeutscher. Ich war am Vorabend angereist; es war eine lustige Truppe, eine Teilnehmerin war aus Schweden gekommen, wo Hunderte von Sudetendeutschen nach dem Krieg Zuflucht gefunden hatten, andere waren aus Böhmen und Mähren gekommen, sie waren nach dem Mauerfall 1989 in ihre Heimatorte zurückgekehrt; eine war Lehrerin in Teutschenthal bei Halle gewesen; einer war der frühere Bürgermeister von Baunach bei Nürnberg. Das läuft immer ähnlich ab bei diesen Vorträgen: Studienleiter Gustav Binder stellt mich vor und erwähnt meine DDR-Haft. Da kommen schon Zurufe aus dem Publikum, das müsse ich erzählen. Und wenn dann die Diskussion nach meinem Vortrag nicht zu lang ist, dann bleibt meistens noch Zeit für Waldheim!

    DER HEILIGENHOF
    ©siebenbuerger.de
Der zweite Vortrag war am 18. März im KULTURZENTRUM OSTPREUSSEN in Ellingen im Landkreis Weißenburg bei Nürnberg. Dort bin ich auch schon gewesen, als ich noch in Bonn in Amt und Würden war. Die Anreise von Coburg dauert anderthalb Stunden bis zum Deutschordensschloss in Ellingen. Der DEUTSCHE ORDEN hat den späteren Ordensstaat Preußen im 13./14. Jahrhundert kolonisiert und missioniert, war aber auch anderswo im HEILIGEN RÖMISCHEN REICH DEUTSCHER NATION aktiv. Meine Zuhörer dort, als ich über den ostpreußischen Schriftsteller Johannes Bobrowski sprach, waren eine kleine Gruppe von Ostpreußen und mehreren Nachkriegsgeborene. Ich ärgerte mich schon zu Beginn darüber, dass ich nicht, wie es im Programm stand, um 13.15 Uhr beginnen durfte, sondern erst 13.30 Uhr. Als ich dann zu sprechen begann, war es 13.45 Uhr. Als ich nach einer Stunde zur Diskussion übergehen wollte, hieß es, dafür wäre jetzt keine Zeit mehr. Als ich während des Vortrags Namen anschreiben wollte, war der Filzstift eingetrocknet. Als ich die Erzählung „Rainfarn“, vom Autor selbst gelesen, einspielen wollte, war nur ein Plattenspieler aufgestellt worden, aber kein Lautsprecher. Wir durften nicht einmal atmen, wenn wir etwas verstehen wollten. Das alles war ärgerlich!



Erfreulicher war mein Auftritt im GERHART-HAUPTMANN-HAUS in Düsseldorf am 21. März. Meine Frau und ich waren mit dem Auto von Coburg angereist, sechs bis sieben Stunden, sodass ich ziemlich erschöpft um 19 Uhr ans Podium trat. Wider Erwarten waren an die 30 Zuhörer gekommen, als ich über Alfred Kantorowicz sprach, den ich im Dezember 1965, als er im Auditorium Maximum der Universität Mainz gesprochen hatte, kennen gelernt hatte. Später hatte ich ihn wiedergetroffen auf den Tagungen über deutsche Exilliteratur in Stockholm 1969 und Kopenhagen 1972, als ich 1975/77 in Lüneburg an der OST-AKADEMIE arbeitete, hatte ich ihn einmal in Hamburg besucht. Seine Flucht im Sommer 1957 von Ostberlin nach Westberlin hatte seinen Namen bekannt gemacht: Hier hatte einer, der 1936/38 im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte und 1950 an der Ostberliner Humboldt-Universität zum Professor ernannt worden war, mit dem Kommunismus gebrochen; aus freier Entscheidung und im Bewusstsein der Folgen in Westdeutschland.

Er war zum „Renegaten“ geworden. Von dem in München lebenden Schriftsteller Leonhard Frank (1882-1961), der beim Ostberliner Aufbau-Verlag hohe Auflagen hatte, wurde ihm nach der Flucht der Handschlag verweigert. Die beiden umfangreichen Bände seines „Deutschen Tagebuchs“ 1959 und 1961 sind eine Fundgrube zur Literaturpolitik unter Walter Ulbricht. Ich erinnere mich noch, wie er sich bei der Kopenhagener Tagung 1972, in der ersten Reihe sitzend, zu Wort meldete und mit zitternder Stimme die Desiderata der DDR-Exilforschung aufzählte. Die anwesende DDR-Delegation von Germanisten und Historikern, unter ihnen der ehemalige Emigrant Wieland Herzfelde (1896-1988), war verärgert. Es wurde erzählt, sie hätte alle abreisen wollen. Prof. Dr. Wolfgang Kießling/Ostberlin trat ans Podium und schimpfte auf Alfred Kantorowicz, der seine Studenten 1957 verlassen hätte. Er ist aber vor drohender Verhaftung geflohen und wäre deshalb seinen Studenten auch nicht erhalten geblieben!
Obwohl meine Zuhörer vom Thema wenig verstanden, stellten sie wacker ihre Fragen, die ich wacker beantwortete. Gegen 22 Uhr gingen wir ins Gästezimmer im fünften Stock zum Schlafen und frühstückten am nächsten Morgen in der Innenstadt.

Der vierte und letzte Vortrag am 6. April war wiederum Johannes Bobrowski gewidmet und fand wiederum im GERHART-HAUPTMANN-HAUS statt. Auch hier gab es Schwierigkeiten mit dem Plattenspieler, den nur der Hausmeister bedienen konnte, der aber schon Feierabend hatte. Es war entsetzlich, dass man mit der Technik nicht umgehen konnte! Ich war aber jetzt allein und mit dem Zug gekommen, war also ausgeruht, als ich ans Pult trat. Obwohl ich dreimal umsteigen musste (in Bamberg, Würzburg und Kassel), kam ich pünktlich an und erreichte am 7. April auf der Heimfahrt auch pünktlich Coburg. Mich wunderte sehr, dass meine Züge pünktlich fuhren. Sonst haben sie alle Verspätung, was aber dadurch wieder ausgeglichen wird, dass auch der Anschlusszug Verspätung hat.

In Düsseldorf ging ich nach dem Vortrag zum Hauptbahnhof, der nicht weit entfernt liegt, um mir etwas zu essen zu besorgen. Es wimmelte von Menschen dort, wobei man Angst hatte, von Ausländern belästigt zu werden, die einen anrempelten und dann aggressiv wurden. Als wir am 18. März von Ellingen nach Nürnberg gefahren waren, war die Zufahrt zum Hof versperrt, wo wir unser Auto parken wollten. Die Einfahrt war von rechts und links zugeparkt. Aus der Kneipe gegenüber kam dann ein dunkelhaariger und finster blickender Ausländer, der mir schon von Weitem drohend zurief: „Was willst du?“ Schon das jagte mir einen Schauer über den Rücken!

In Coburg gibt es einen Arzt, der aus Magdeburg stammt und in Jena Medizin studiert hat. Ich hatte von ihm erfahren und besuchte seine Sprechstunde. Er hatte in der NVA bei einer Einheit gedient, die darauf spezialisiert war, bei Staatsjagden hohen Herren vom Politbüro und ihren Gästen das Wild zuzutreiben. Die Hasen für Erich Mielke mussten sie sogar an Pflöcken und Bäumen anbinden, weil die Hände des Ministers für Staatssicherheit schon so sehr zitterten, dass er laufende Hasen nicht traf. Weiterhin erzählte mir der Arzt, dass er als Medizinstudent auch Vorlesungen in Marxismus-Leninismus besuchen musste. Auch am 10. November 1989, am Morgen nach dem Mauerfall, wäre eine ML-Vorlesung angesagt gewesen. Der Dozent wusste nichts vom Mauerfall und wollte unbedingt seine marxistischen Sprüche loswerden! Als ihn die Studenten auslachten, verschwand er!

Peter Engelbrecht (1959) ist Redakteur beim NORDBAYERISCHEN KURIER in Bayreuth und erforscht die MfS-Aktivitäten in Oberfranken. Dafür hat er im Staatsarchiv Coburg rund 1000 Seiten interner Akten des Bundesgrenzschutzes, der Bayerischen Grenzpolizei und des Bundeskriminalamts gelesen. Das Buch hat 144 Seiten, der eigentliche Text aber nur 73. Die 55 Seiten des Bildteils sind Aufnahmen der innerdeutschen Grenze, Bilder von Erich Mielke und Markus Wolf fehlen. Oft wird nur wiedergegeben, was in den Akten steht, ohne Pointe. Alles in allem: Enttäuschend!

Am Samstag, 22. April, war ich zu einem Häftlingstreffen nach Erlangen eingeladen. Pfarrer Dr. Michael Krug, der das initiiert hatte, und zwei weitere Häftlinge mit ihren Frauen waren gekommen. Einer war Jahrgang 1929, bei dem konnten wir mit unseren paar Jahren nicht mitreden: Er hatte als SMT-Verurteilter 25 Jahre bekommen und achteinhalb abgesessen. Er war zuletzt in Bautzen I, im „Gelben Elend“, und kannte von dort die beiden Brüder Walter (1929-2007) und Robert Kempowski (1923-2011). Bei solchen Schicksalen kann man nur verstummen! JBB