FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: MEIN FRÄNKISCHES TAGEBUCH (29)


Mein fränkisches Tagebuch (29)

REPUBLIKFLUCHTÜBER NEUFUNDLAND UND WOLFGANG LEONHARD IN FREUDENBERG

Im 500. Jahr der Reformation habe ich in meinem Bücherregal eine Anthologie entdeckt (
Was protestantisch ist. Große Texte aus 500 Jahren2008). Herausgeber dieser Dokumentation ist der Wittenberger Theologe und Pfarrer Friedrich Schorlemmer (1944), der 1993 mit demFriedenspreis des Deutschen Buchhandels“ ausgezeichnet wurde.

Das Buch ist in 14 Kapitel unterteilt und enthält im ersten Kapitel „Die Reformation geht weiter“ auch zwei Texte von Friedrich Schorlemmer. Anscheinend ist ihm die Verleihung des Friedenspreises zu Kopfe gestiegen, weshalb man in diesem Buch seinen Namen neben denen von Hegel, Marx, Bonhoeffer, Kant, Schiller, Goethe und Kierkegaard findet. Wie kann man so eitel sein und sich in die Phalanx dieser Geistesgrößen einreihen: Friedrich Schorlemmer und Immanuel Kant?
    __
    Friedrich Schorlemmer
Vor drei, vier Wochen rief mich zweimal Peter Sodann an. Er sammelt ja immer noch weggeworfene und entsorgte DDR-Bücher und hat zu diesem Zweck in Staucha bei Meißen (er stammt von dort!) die „Peter-Sodann-Bibliothek“ gegründet. Er rief an, weil ich wissen wollte, ob er den Reportagenband über Eisenhüttenstadt „Wo der Regenbogen steigt“ (1970) des Ostberliner Arbeiterschriftstellers Karl Mundstock (1915-2008) besitzt. Dieser Band ist, nachdem nur wenige Exemplare in den Handel gelangten, eingestampft worden. Offensichtlich wurden die Zustände an der „ökonomischen Basis“ zu drastisch geschildert; das Politbüro hatte nämlich ein ganz anderes Bild von der „Arbeiterklasse“.

Dieser Karl Mundstock ist ein für die DDR-Literatur interessanter Mann. Bis 1939 war er mehrmals im „Dritten Reich“ verhaftet, wurde dann zur „Wehrmacht“ eingezogen und in Finnland eingesetzt. Als 1957/59 für eine kurze Phase ungeschminkt über den Zweiten Weltkrieg geschrieben werden durfte (bekanntestes Buch war Harry Thürks Roman „Die Stunde der toten Augen“ von 1957), veröffentlichte er die Bücher „Bis zum letzten Mann“ (1957), „Die Stunde des Dietrich Conradi“ (1958) und „Sonne in der Mitternacht“ (1959). Ich erinnere mich, dass ich ihn, nachdem sein letztes Buch „Meine tausend Jahre Jugend“ (2005) erschienen war (er war gerade 90 Jahre alt geworden!) in Berlin angerufen habe. Er war hocherfreut, dass sich einer seiner erinnerte, noch dazu einer aus dem Westen, und hätte mir sicher bereitwillig Auskunft gegeben, wenn ich ihn besucht hätte. Jetzt habe ich beim Aufräumen den Erzählungsband „Tod an der Grenze“ (5. Auflage, Halle 1969) gefunden, worin auch die Erzählungen „Sonne in der Mitternacht“ und „Das Ende vom Lied“ enthalten sind. Auf dem Buchumschlag kann man lesen: „Letztere hat Mundstock für diesen Band neu bearbeitet.“ Das heißt für mich, er hat alle anstößigen Stellen, die der Zensur damals (1958) missfallen haben, gestrichen und elf Jahre später eine langweilige Geschichte daraus gemacht!
    ©gstatic.com
    Karl Mundstock
Peter Sodann hat also angerufen; ich hatte ihn im Februar 1962 durch die Wand in der Stasi-Untersuchungshaft in der Leipziger Beethovenstraße kennen gelernt. Er war damals Leiter des Studentenkabaretts „Rat der Spötter“ und rechnete mit zehn Jahren, was er mir, durch die Wand klopfend, erzählte. Außer ihm saßen noch fünf weitere Mitglieder des Kabaretts, die aber alle nicht verurteilt, sondern im Juni 1962 unter Auflagen freigelassen wurden. Zwei der „Spötter“ haben Bücher darüber geschrieben: Ernst Röhl „Rat der Spötter“ (2002) und Peter Sodann „Keine halben Sachen“ (2008). Ernst Röhl (1937-2015), der zuletzt unter dem Titel „Flattersatz“ eine ständige Kolumne im ND hatte, berichtet in seinem Buch, dass einer der Spötter, Peter Seidel, Jahre nach dem Prozess, aber offensichtlich lange vor dem Mauerfall, in Leipzig auf der Straße den Bezirksstaatsanwalt Albert Holzmüller (der auch mich im Januar 1962 vor dem Bezirksgericht angeklagt hatte!) getroffen hätte. Albert Holzmüller hätte sich nach Peter Seidels Befinden erkundigt, und der hätte zurückgefragt, wie es denn ihm so ginge. Da hätte er erfahren, dass der harte Kämpfer für den Sozialismus aus dem Justizdienst entlassen worden wäre, weil sein Sohn „in die BRD abgehauen“ wäre, also „Republikflucht“ begangen hätte. Ernst Röhl kommentierte das: „So setzt das Leben seine Pointen.“

Das ist auch dem DDR-Wirtschaftswissenschaftler Otto Reinhold (1925-2016) so ergangen, dessen Tochter auf dem Weg nach Kuba abhanden kam. Wer nach Kuba fliegen durfte, war vorher auf Herz und Nieren überprüft worden, ob er die DDR auch würdig im Ausland vertreten könne. Die DDR-Flugzeuge musste damals in Gander auf der kanadischen Insel Neufundland zwischenlanden, um aufzutanken.




Während dieses Vorgangs des Auftankens mussten die Passagiere das Flugzeug verlassen und in einem Warteraum Platz nehmen. Dort warteten aber auch andere Passagiere, es war ein Kommen und Gehen, und immer verschwanden bei solchen Zwischenlandungen zwei oder drei DDR-Bürger, die großzügig auf ihre Weiterreise nach Kuba verzichteten. Das gefiel der DDR-Regierung überhaupt nicht, sie intervenierte bei der kanadischen Regierung in Ottawa und verlangten einen separaten Warteraum für DDR-Transitreisende, die dort von der Flugzeugbesatzung bewacht werden sollten. Dies lehnte die kanadische Regierung mit dem Argument, dass Kanada ein freies Land sei und sich auf dem Flughafengelände jeder frei bewegen könne, ab. Und so nutzten weiterhin Fluchtwillige aus dem SED-Staat dieses Schlupfloch in den freien Westen!

Beim Aufräumen fiel mir ein ungemein wichtiges Buch in die Hand, sozusagen das Hauptwerk des Regensburger Politologen Jens Hacker (1933-2000) mit dem schlagwortartigen Titel „Deutsche Irrtümer“ (1992) und dem Untertitel „Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen“ (616 Seiten). Trotz seines Umfangs liest sich dieses Buch, das drei Jahre nach dem Mauerfall kaum beachtet wurde, wie ein Kriminalroman. Ich kannte ihn aus der DDR-Forschung und schätzte ihn wegen seiner scharfsinnigen Analysen. Leider ist er viel zu früh gestorben, er wäre uns bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte unentbehrlich gewesen. Jens Hackers Buch ist in elf Kapitel gegliedert, besonders aufschlussreich sind die Kapitel „Die öffentliche Diskussion“ mit dem Exkurs „Schulbücher“.
Besondere Erwähnung erfährt in diesem Exkurs mein langjähriger Freund Detlef Kühn, der von 1972 bis 1991 Präsident des GESAMTDEUTSCHEN INSTITUTS in der Bonner Kaiserstraße war. Damals gab es das Gerücht, er wäre der einzige Mitarbeiter seines Instituts gewesen, der noch an die Wiedervereinigung Deutschland geglaubt hätte.

Weiterhin wichtig sind das siebte Kapitel „Die öffentliche Diskussion“ und das neunte Kapitel „Publizistische Fehlurteile über die DDR“. Im zehnten Kapitel „Verdienste und Defizite der SBZ-/DDR-Forschung und vergleichenden Deutschland-Forschung“ wird mit der „systemimmanenten DDR-Forschung“ abgerechnet, wie sie von Peter Christian Ludz (1931-1979) entwickelt worden war. Dieses Verfahren sah vor, sich bei der Bewertung der DDR-Gesellschaft „am Selbstverständnis der SED/DDR zu orientieren“, das hieß: „die DDR-Realitäten an den theoretischen Postulaten des von der SED propagierten Marxismus-Leninismus“ zu messen. Das hieß: Dem DDR-Forscher war untersagt, die DDR-Gesellschaft an der westdeutschen Demokratie und ihren Werten zu messen, weil die SED-Clique das ohnehin ablehnte. Verstanden habe ich diese Argumentation nie. In meiner Rezension der zweiten Auflage des „DDR-Handbuchs“ (1985), nunmehr in zwei Bänden, in der Tageszeitung DIE WELT habe ich diese Defizite deutlich angesprochen. Peter Christian Ludz, der sich mit 48 Jahren in München das Leben nahm, habe ich zweimal getroffen: Im Wintersemester 1959/60 saß ich in der Freien Universität Berlin in seinem Seminar „Ethik des dialektischen Materialismus“, und im Herbst 1976 traf ich ihn in Bad Sooden-Allendorf auf einer DDR-Tagung. Er lud mich damals zur Mitarbeit am ersten Band des „DDR-Handbuchs“ (1979) ein. Als er dann von meiner DDR-Haft erfuhr, hörte ich nichts mehr von ihm.

Vom 6. bis 8. September 1985 veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer Gustav-Heinemann-Akademie in Freudenberg/Siegerland eine Wochenendtagung zum Thema „Einheit oder Freiheit? Zum 40. Jahrestag der Gründung der SED“, an der ich als ehemaliger Stipendiat teilnahm. Der 40. Jahrestag der SED-Gründung wäre zwar erst sieben Monate später gewesen, am 21./22. April 1986, aber die Namen der Referenten und Zeitzeugen wie Wolfgang Leonhard, Heinz Brandt, Richard Löwenthal und Hermann Weber war doch zu verlockend, so dass ich teilnahm. Eines der beiden Einleitungsreferate hielt der von sowjetrussischer Erfahrung gesättigte Wolfgang Leonhard (1921-2014), den ich aus Mainz kannte, wo er 1971 Gastprofessor gewesen war. Kennengelernt hatte ich ihn schon 1965, als er in Mainz einen Vortrag gehalten und mir ein Interview gegeben hatte. In Freudenberg sprach er über die „Gruppe Ulbricht“, deren Mitglied er 1945 gewesen war, bevor er im März 1949 nach Jugoslawien floh. In den letzten Sätzen seines Vortrags warnte er die SPD, die sich in jenen Jahren bis zum Mauerfall in innigen Umarmungen mit der SED gefiel. Er sprach davon, dass es „erneut Bestrebungen“ aus Ostberlin gäbe, „politische Kräfte in der Bundesrepublik, vor allem Sozialdemokraten, zu umwerben.“ Diese SED-Leute verhielten sich „höflich, bescheiden, verständnisvoll, tolerant; sie vermittelten den Eindruck, ehrlich von dem Wunsch nach Zusammenarbeit durchdrungen zu sein“. Die Warnung an die SED-Führung war offen sichtlich!
    ©gstatic.com
Nach dem zweiten Vortrag ging es zum Abendbrot in den ersten Stock. Auf mehreren Tischen war üppiges Essen aufgebaut. Wolfgang Leonhard, in dessen Seminar meine jüngste Schwester gesessen hatte und den sie gelegentlich zu seinem Hotel in Mainz begleitet hatte, ging vor mir von Tisch zu Tisch und lud sich Essen auf den Teller. Plötzlich drehte er sich um, sah mich an und sagte: „Hatten Sie nicht eine Schwester?“

Dr. Jörg B. Bilke





Dr. Bilke schreibt zu Jens Hacker u.a.:

...beim Aufräumen fiel mir ein ungemein wichtiges Buch in die Hand, sozusagen das Hauptwerk des Regensburger Politologen Jens Hacker (1933-2000) mit dem schlagwortartigen Titel „Deutsche Irrtümer“ (1992) und dem Untertitel „Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen“ (616 Seiten). Trotz seines Umfangs liest sich dieses Buch, das drei Jahre nach dem Mauerfall kaum beachtet wurde, wie ein Kriminalroman.


Lieber Jörg, liebe Leser,
so sehr gefüllt sind meine Bücherregale sicher nicht, wie bei Kamerad und Freund Dr. Bilke. Vielleicht weht mich der Wind mal in seine Hütte. Dann gucke ich mal...
Aber auch bei mir, der nur etwa 100 Bücher über SED, Stasi, gescheiterte Aufarbeitung etc. besitzt, steht auch
"Deutsche Irrtümer" (Erstausgabe 1992) ganz vorn:



Hier noch als Information die wichtigsten Worte aus dem Klappentext:

Die Wiedervereinigung Deutschlands, heute schon fast wieder als Selbstverständlichkeit verbucht, galt vielen noch gestern als Lebenslüge der geteilten Nation. Kein Wunder also, daß der Kollaps der DDR im Herbst 1989 die westdeutsche Gesellschaft völlig überraschte.
Der Politikwissenschaftler und Völkerrechtler Jens Hacker zeigt, in welchem Maße - mit wenigen Ausnahmen • Parteien, Verbände, Publizistik und Wissenschaft der alten Bundesrepublik schon in den sechziger, verstärkt jedoch in den siebziger und achtziger Jahren die deutsche Teilung als unumstößlich erachtet und die wahren Zustände in der DDR ignoriert, geschönt oder verkannt haben. Eine ebenso aufschlußreiche wie ernüchternde Bilanz.


»Wer das vorausgesagt hätte, wäre als Phantast bezeichnet worden«

- so lautete einer der Standardsätze im Jahr der deutschen Einheit. Und in der Tat: Die dramatische Entwicklung jener Monate schien unvorstellbar und hat alle - Politik, Wirtschaft, Publizistik und Wissenschaft - überrascht. Aber war sie wirklich unvorhersehbar? Gab es wirklich keine Anzeichen für die bevorstehende Krise, aufgrund deren zumindest die Experten auf den spektakulären Kollaps der DDR hätten vorbereitet sein müssen?
Der Politikwissenschaftler Jens Hacker zieht eine kritische Bilanz der bundesrepublikanischen Deutschlandpolitik von 1949 bis 1989 und zeigt auf, in welchem Maße nicht nur die politischen Parteien, sondern auch Wissenschaft, Medien und Verbände ein schiefes Bild der DDR-Wirklichkeit gezeichnet und vermittelt haben. Und dies nicht erst seit der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel nach 1969, sondern schon in den beiden Jahrzehnten zuvor und auch noch nach der »Wende« von 1982. Die entscheidenden gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen hatten sich mit dem territorialen und politischen Status quo in Europa und damit auch mit der Teilung Deutschlands weitgehend abgefunden. Darüber hinaus wurden der politische und ökonomische Zustand der DDR, die dortige Stimmung und der Grad des Freiheitsbewußtseins ihrer Bürger in mitunter eklatanter Weise falsch eingeschätzt. Warum dies so war, untersucht Hacker in dem vorliegenden Buch. Dabei setzt er sich ausführlich mit den Veröffentlichungen und Verlautbarungen von Parteien, Kirchen, Verbänden und wissenschaftlichen Institutionen, aber auch mit den Wandlungen im Deutschland-Bild namhafter Politiker wie Franz Josef Strauß, Willy Brandt oder Egon Bahr auseinander.

Der Autor

Jens Hacker, geboren 1933 in Kiel, Studium der Rechtswissenschaft, der Politischen Wissenschaft und Geschichte in München, Kiel und Köln. Promotion zum Dr. jur. an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Habilitation im Fach Politische Wissenschaft ebendort. Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Deutschlandforschung. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundeszentrale für politische Bildung. Professor Hacker, durch zahlreiche Publikationen über die deutsche Frage ausgewiesen, lehrte Politische Wissenschaft an der Universität Regensburg.
Jens Hacker ist leider zu früh verstorben.

Er hatte schon frühzeitig erkannt, dass mit den alten und neuen Politikern (ohne Sondergesetze) die Aufarbeitung von 40 Jahre SED-Diktatur scheitern wird.
Und richtig, heute geht es den DDR-Systemträgern besser denn je, hohe Renten, Pensionen und Nachzahlungen vom Klassenfeind.
Im Gegenzug stritten sich die etablierten Parteien bis 2007, ehe unter "Bedingungen" den tausenden inhaftierten politischen Häftlingen der Zone eine "Zuwendung" gezahlt wurde. Der ehemalige Klassenfeind macht da keine Abstriche, so wie es die letzte frei gewählte Volkskammer für alle "verdienstvollen Systemträger" gefordert hatte... Rechtsstaat ?

Übrigens stehen in meinem Bücherregal auch noch ganz vorn die Bücher von:

Prof. Klaus Schroeder, Dietmar Riemann, Roman Grafe, Dr. Hubertus Knabe, Dietrich Koch, Thomas Schaufuß, Dr. Wolfgang Mayer, Waltraud Krüger, Ellen Thiemann, Jürgen Fuchs, Peter und Bernd Eisenfeld usw.

Fritz Schaarschmidt



Zuletzt bearbeitet: 23.07.2017 17:22 von F_Schaarschmidt