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Thema: JOHANNES HOFFMANN zum 80. Geburtstag


Noch in Schlesien geboren

JOHANNES HOFFMANN ZUM 80. GEBURTSTAG


Wer in den fünfziger Jahren die Aufstellungen von Fußballmannschaften im Ruhrgebiet studierte, war immer wieder erstaunt darüber, dass manche der dort aufgeführten Spieler polnische Nachnamen hatten. So gab es in der deutschen Nationalmannschaft, die am 4. Juli 1954 im Fußball-Weltmeisterschaftsfinale drei Tore gegen Ungarn schoss, einen Anton Turek (1919-1984). Und nach dem Sieg rückten zwei neue Spieler in die Nationalmannschaft vor: der Düsseldorfer Erich Juskowiak (1926-1883) und der Wuppertaler Horst Szymaniak (1934-2009). Das alles konnten man sich vage damit erklären, dass mit der Aufteilung Polens zwischen Russland, Österreich-Ungarn und Preußen im 18. Jahrhundert polnische Gebiete von erheblichem Umfang ins Königreich Preußen eingegliedert worden waren und damit 1871 auch ins Deutsche Kaiserreich, deren Bewohner dann ins Ruhrgebiet einwanderten, wo es Arbeit gab.

Wer genauer informiert sein wollte, der griff zu den beiden umfangreichen (458 und 500 Seiten) Bänden eines „Lexikons der Familiennamen polnischer Herkunft im Ruhrgebiet“, das 2006 und 2010 bei der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund erschienen ist. Herausgeber waren Kazimierz Rymut (1935-2006), Direktor des „Instituts für polnische Sprache“ in Krakau, und Johannes Hoffmann, Leiter der Dortmunder „Arbeitsstelle Ostmitteleuropa“, der am 9. August seinen 80. Geburtstag feiern konnte. Beide Wissenschaftler haben 30.000 Familiennamen mit polnischen Wurzeln ermittelt, der erste Band wird eingeleitet mit einem Abriss der Geschichte polnischer Einwanderer ins Ruhrgebiet 1870 bis 1945.

Dass Johannes Hoffmann Schlesier ist, war bei dieser Themenwahl ganz sicher von Bedeutung. Er wurde am 9. August 1937 in der oberschlesischen Stadt Bad Ziegenhals geboren, die 1939 fast 10.000 Einwohner hatte. Sein Vater Alfred Hoffmann war Sargfabrikant. Die Familie floh, als die Front 1945 näher rückte, unter Führung des Großvaters über die nahe Grenze nach Mähren, auf sudetendeutsches Gebiet, und kehrte von dort, nach Einstellung der Kampfhandlungen, nach Schlesien zurück, wo sie noch fast ein Jahr in der alten Heimat verbrachte. Eine Woche vor Ostern 1946 aber wurden die Hoffmanns aus Bad Ziegenhals vertrieben und fanden ein neues Zuhause im Münsterland, in der Britischen Besatzungszone. Alfred Hoffmann wurde 1946 aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen.

In Dortmund, im Bundesland Nordrhein-Westfalen, besuchte Johannes Hoffmann von 1949 an das Staatliche Humanistische Gymnasium und bestand dort Ostern 1958 das Abitur. Danach ging er zur Bundeswehr und leistete seinen Wehrdienst ab, ehe er von 1959 bis 1966 die Fächer Geschichte, Latein, Geografie, Philosophie und Pädagogik studierte, zunächst in Freiburg/Breisgau, dann an der Freien Universität Berlin und in Münster. Bei dieser Fächerverbindung konnte sein Berufsziel nur sein, als Lehrer an Höheren Schulen zu unterrichten, was er auch bis 1972 als Studienrat und Oberstudienrat getan hat. Dann aber übernahm er 1973 als wissenschaftlicher Leiter die „Forschungsstelle Ostmitteleuropa“ an der Universität Dortmund, die 1952, damals unter dem Namen „Ostdeutsche Forschungsstelle“, gegründet worden war. Dort konnte er eine breitgefächerte Tätigkeit entfalten und, zuletzt als Akademischer Oberrat, bis zum Eintritt in den Ruhestand 2002 eine Reihe wissenschaftlicher Projekte begründen und befördern.

Die wissenschaftliche Leistung, die Johannes Hoffmann während seiner 29 Jahre an der Universität Dortmund erbracht hat, ist bewundernswert! Da er auch die polnische Sprache beherrscht, was bei seinem Fachgebiet unabdingbar ist, sind ihm Forschungsergebnisse zugänglich, die anderen verschlossen sind. Allein die Anzahl der wissenschaftlichen Werke, für die er als Herausgeber verantwortlich war, erschlägt den Betrachter: So sind in den vier Buchreihen nicht weniger als 123 Titel erschienen! Es ist ihm weiterhin gelungen in Ostmitteleuropa, besonders in Polen, neue Mitarbeiter ausfindig zu machen und sie für die Bearbeitung bestimmter Themen zu gewinnen; das gelang ihm dann auch nach der Revolution in Mitteldeutschland 1989 mit DDR-Historikern wie Manfred Wille in Magdeburg und Wolfgang Meinicke in Ostberlin. Besonders ertragreich war dabei die Kooperation mit Manfred Wille, der übrigens schon im April 1990 zu ersten DDR-Tagung über Flucht und Vertreibung eingeladen hatte; ihm sind die drei Dokumentensammlungen (insgesamt 1441 Seiten) „Die Vertriebenen in der SBZ/DDR“ (1996, 1999, 2003) zu verdanken, die einen seltenen Einblick gewähren in die SED-Restriktionspolitik gegenüber den „Umsiedlern“.




    Sie hatten alles verloren: Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands
Ein weiterer Höhepunkt in der Editionspolitik Johannes Hoffmanns war das bis heute einmalige Standardwerk „Der ungeheure Verlust. Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Belletristik der Nachkriegszeit“ (1988) des deutsch-amerikanischen Germanisten Louis Ferdinand Helbig, das 1996 in der dritten Auflage erschien. Dieses Buch wie auch die vorausgegangene Aufsatzsammlung „Sie hatten alles verloren: Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands“ (1993), herausgegeben von Manfred Wille, Johannes Hoffmann und Wolfgang Meinicke, erschienen im Wiesbadener Harrassowitz-Verlag, der eine lange Tradition (gegründet 1872 in Leipzig) als Wissenschaftsverlag vorzuweisen hat.

Beim Stöbern im Publikationsverzeichnis der Forschungsstelle findet man auch Bücher, die ganz seltenen Themen gewidmet sind, wie das von Hans Pörnbacher „Joseph Freiherr von Eichendorff als Beamter“ (1963). Der im oberschlesischen Lubowitz geborene Dichter (1788-1857) wurde mit seiner Lyrik weltberühmt, seinen Lebensunterhalt aber verdiente er als preußischer Beamter 1816 bis 1844 in Danzig, Königsberg und Berlin. Unter dem Titel „Erlebte Geschichte zwischen Pregel und Rhein“ (1980) hat der Königsberger Journalist Wilhelm Matull (1903-1985) seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, die Johannes Hoffmann veröffentlicht hat. Kaum jemand weiß heute noch, dass er auch Verfasser eines Buches über „Ostpreußens Arbeiterbewegung“ (1970) ist. Genannt werden soll auch Ernst-August Brenneisens Autobiografie „Stationen eines Lebens. Ein ostpreußischer Bauer erzählt“ (1992), weil sie uns Einblicke gibt in einen längst entschwundene Welt.
Um ein derart gewaltiges Buchprogramm realisieren zu können, muss man, wie Johannes Hoffmann, ein großer Anreger sein, der Fachleute anspricht, sie stärkt, wenn sie aufgeben wollen, ihnen Zuspruch und Ratschläge gibt. Es ist ein weiter Weg von der ersten Anregung bis zum fertigen Manuskript und zum gedruckten Buch. Das alles geleistet zu haben über Jahrzehnte, ist das große Verdienst Johannes Hoffmanns.

Jörg Bernhard Bilke
10. August 2017
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Literatur: „Schlesischer Kulturspiegel“ Nr. 3/2012, S. 42