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Thema: MEIN FRÄNKISCHES TAGEBUCH (30)


Mein fränkisches Tagebuch (30)

GABRIELE HENKEL, ELVIS PRESLEY UND HERZOG CASIMIR

Am 14. August 2017, las ich in der NEUEN PRESSE eine Meldung über Gabriele Henkel (85), die unter dem Titel „Die Zeit ist ein Augenblick“ ihre Autobiografie veröffentlicht hat. Da erinnerte ich mich daran, dass ich dieser Dame 1972 in Düsseldorf einmal begegnet bin. Sie war mit dem Waschmittelproduzenten Konrad Henkel (1915-1999) verheiratet, der 17 Jahre älter war als sie. In ihrem Buch berichtete sie über alle Liebesabenteuer, die sie während ihrer Ehe eingegangen war. Ich war wenige Tage vor meinem Abflug nach Bloomington/Indiana, wo ich acht Monate an der Indiana University unterrichten sollte, von Mainz nach Düsseldorf gefahren, wo an der Universität eine Tagung über Heinrich Heine (1797-1856) zum 175. Geburtstag stattfand. Ich sah sie zuerst bei einem Vortrag des berühmten Germanisten Benno von Wiese (1903-1987) über Heinrich Heine und Eduard Mörike. Der Vortrag lief schon zehn Minuten, als sie hastig hereinstürmte, in der ersten Reihe Platz nahm, dem Referenten aber nicht zuhörte, sondern aufgeregt in ihrer Handtasche kramte, die dann zu Boden fiel, wobei Lippenstifte, Nagellackdosen, Parfümfläschchen und sonstiger Krimskrams über den Boden rollten. Es war ein peinlicher Augenblick!
    ©randomhouse.de
    Gabriele Henkel
Am nächsten Tag, einem Samstag, so erfuhr ich, waren die Referenten der Tagung nach Hösel in die Villa Henkel eingeladen, darunter auch Prof. Dr. Jost Hermand (1930) aus Madison/Wisconsin, den ich kannte. Er war ein linker Germanist und lehnte es ab, zu diesen „neureichen“ Henkels eingeladen zu werden und überließ mir seine Einladungskarte. Während die anderen Gäste mit dem Bus abgeholt wurden, fuhr ich mit dem Auto zur Villa Henkel, die vom Parkplatz aus zu Fuß über einen Weg zu erreichen war, der links und rechts mit Windlichtern gesäumt war.

Im Vorraum des Hauses empfingen mich zwei Italienerinnen, die die Garderobe bedienten. Ich musste meine Einladungskarte vorweisen („Ach, Professor Hermand“!) und wurde zu einem Tisch geführt, an dem schon drei Leute saßen, zwei Damen und ein Herr. Eine der Damen war eine Professorin der Universität Bielefeld, die mich als „Kollegen Hermand“ ansprach und mich wissen ließ, sie hätte alle meine Bücher gelesen. Kurz darauf erhob sich Konrad Henkel und begrüßte die Gäste: „Gabriele und ich geben heute ein Fest zu Ehren Heinrich Heines!“ Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Heinrich Heine, Jude und Kritiker des Bürgertums, der aus Preußen 1831 nach Paris vertrieben worden war, wird von den Waschmittelmillionären Henkel in Hösel gefeiert. Die Brötchen, die zum üppigen Abendessen serviert wurden, hätte man, so Konrad Henkel, in Heinrich Heines Geburtshaus in der Bolkerstraße 53 in Düsseldorf besorgt, wo heute eine Bäckerei ihren Sitz hätte. Wir waren entzückt!

Nach dem Essen ging ich durch die Räume und traf den linken Germanisten Rutger Booß, geboren 1944 in Riga/Lettland, von dem ich wusste, dass er seit 28. Januar 1972 mit Berufsverbot belegt war. Er hatte in Germanistik das erste und zweite Staatsexamen abgelegt, wurde aber 1972 nicht als Lehrer in den Höheren Schuldienst übernommen, weil er DKP-Mitglied war (1990 ausgetreten); er ist dann 1974 an der Universität Düsseldorf mit einer Arbeit über „Ansichten der Revolution. Paris-Berichte deutscher Schriftsteller nach der Juli-Revolution von 1830“ promoviert worden. Aber das alles wusste ich damals noch nicht, außer dem gegen ihn verhängten Berufsverbot, das in der Linkspresse polemisch kommentiert worden war. Ich sprach ihn an, warum er auf der Party Gabriele Henkels eingeladen worden wäre. Da sagte er lachend: „Kommunisten gehen hier ein und aus!“ Im nächsten Zimmer fand ich Gabriele Henkel, neben Fritz R. Raddatz auf dem Sofa sitzend, und an der Bar traf ich Werner Höfer (1913-1997), den Moderator des „Internationalen Frühschoppens“ vom WESTDEUTSCHEN RUNDFUNK in Köln, der seine beiden Sekretärinnen abknutschte. Irgendwann sprach ich auch Gabriele Henkel an und erklärte ihr, warum ich statt Jost Hermands gekommen wäre. Ich sagte ihr, Jost Hermand hätte noch ein Gespräch mit seinem einstigen Doktorvater Friedrich Sengle (1909-1994) führen müssen und hätte deshalb nicht kommen können. In diesem Augenblick ging die Tür zum nächsten Zimmer auf, und Friedrich Sengle trat herein. Mein Glück war, dass Gabriele Henkel die Leute überhaupt nicht kannte, die sie eingeladen hatte. Ich schrieb darüber im BERLINER EXTRADIENST, den ich abonniert hatte und fürchtete keine Nachteile für mich, da ich ohnehin auf dem Sprung in die Vereinigten Staaten war. Herausgeber des zweimal in der Woche erscheinenden Blättchens war Carl Guggomos (1932-1988), der 1993, fünf Jahre nach seinem frühen Tod, als „Inoffizieller Mitarbeiter“ der „Staatssicherheit“ entlarvt wurde.
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Vor 40 Jahren, am 16. August 1977, starb Elvis Presley im Alter von 42 Jahren. Einen Tag später brachte die Tageszeitung DIE WELT in Bonn, bei der ich damals als Kulturredakteur arbeitete, einen Nachruf des Musikkritikers Reginald Rudorf, der mit folgendem Satz begann: „Die teuerste Hüfte der Welt wackelt nicht mehr.“ In der Redaktionskonferenz um 10 Uhr wurde dieser Satz heftig kritisiert.
    ©gala.de




Die tägliche Konferenz dauerte mitunter eine ganze Stunde; danach stürmten die Redakteure nicht etwa an ihre Schreibtische, wie ich zunächst vermutete, sondern in die Kantine, um zu frühstücken: Kaffee, Brötchen, Wurst und Käse, weichgekochte Eier. Erst gegen Mittag begann die Arbeit, denn die Meldungen, die man zu bearbeiten hatte, kamen erst um diese Zeit. In der Kantine bedienten hübsche Frauen mittleren Alters, meist verheiratet. Als ich nach einem halben Jahr aus der Redaktion ausgeschieden war, traf ich eine der blonden Kantinefrauen in der Bonner Innenstadt. Ich fragte sie, ob sie bei mir in der Wohnung in Bonn-Plittersdorf einen Kaffee trinken wolle, sie stimmte sofort zu. Zum Kaffeetrinken kamen wir überhaupt nicht mehr, sie legte sich sofort aufs Bett und zog ihren Schlüpfer aus. Wie schrecklich einfach das alles war!

Übrigens: Reginald Rudorf (1929-2008) war Thomasschüler in Leipzig gewesen, später Dozent für marxistische Ästhetik in Halle und Leipzig. Da er sich brennend für den Jazz interessierte, den er als „proletarische Musik“ der amerikanischen Negersklaven, beim Baumwollpflücken entstanden, in der DDR heimisch zu machen versuchte, hielt er auch nebenberuflich Vorträge über diese Musik und wurde 1956 von SED-Funktionären („Aktion Arbeiterfaust“) krankenhausreif geprügelt, wobei er sich in die Wohnung des Literaturprofessors Hans Mayer (Tschaikowskistraße 23) flüchtete. Im Jahr darauf wurde er verhaftet und wegen „Konterrevolution“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilte, die er in Waldheim verbrachte. Nach der Haftentlassung 1959 floh er nach Westberlin und lebte später im unterfränkischen Alzenau bei Aschaffenburg, wo ich ihn einmal besuchte. Sein erstes Buch „Jazz in der Zone“ (1964) habe ich 1965 klopfenden Herzens gelesen. Ich war selbst gerade aus Waldheim entlassen worden, fuhr mit dem Auto kreuz und quer durchs Land, um Freunde zu besuchen und hielt manchmal auf der Autobahn an, um in diesem spannenden Buch weiterzulesen.
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Der Juli 2017 in Coburg war für mich voller aufwühlender Erlebnisse: Es begann mit dem jährlichen Stiftungsfest am Gymnasium Casimirianum, meiner alten Schule, die ich acht Jahre lang, von 1947 bis 1955, besucht hatte. Die Bekränzung des Herzogs Casimir, der 1605 die Schule gegründet hatte, verlief am 21. Juli 2017 ganz anders als zu meiner Zeit. Der Herzog Casimir (1564-1633) von Sachsen-Coburg ist als steinerne Figur in Höhe des ersten Stocks an der Schule angebracht und blickt von dort auf die Morizkirche.
    ©wikipedia
    Figur des Herzogs am Casimirianum
Bei der Bekränzung stand immer eine Feuerwehrleiter an der Schule, die bis zum Herzog hinaufreichte. Zunächst hielt der Secundus der Abiturklasse eine Rede, unten an einem Pult mit Mikrofon stehend. Danach stieg der Primus auf die Leiter, ihm folgten der Tertius, der Quartus, der Quintus. Der Primus sprach in lateinischen Hexametern, also in gebundener Rede. Wenn er stecken blieb, wurde ihm der Text aus einem Fenster des Gymnasiums zugeflüstert. Danach wurden ihm von unten drei Gläser lauwarmen Bieres hinaufgereicht, die er austrank und nach jedem Glas ausrief: Das Gymnasium Casimirianum vivat, crescat, floreat in aeternum! Die Gläser zerschmetterte er, indem er sie aufs Pflaster hinunterwarf. Das alles war einmal!

Am 21. Juli standen meiner Klassenkameraden von 1955 wie immer am Portal der Morizkirche und johlten mir zu, als ich ankam. Die Rede am Podium hielt 2017 ein 17jähriger Schüler, der erst nächstes Jahr das Abitur ablegt.
    ©wikipedia
    Morizkirche in Coburg
Nach dem Absingen der Casimirianer-Lieder gingen wir in ein Restaurant in der Innenstadt, während ich dachte, hoffentlich dauert das nicht bis Mitternacht! Aber da wir alle um die 80 Jahre alt sind, gingen die ersten schon gegen 22 Uhr. Bevor das Essen kam, las ich noch aus meinem Aufsatz von 2011 „Der steinerne Herzog“ vor, der damals im Jahresbericht des Casimirianums erschienen war. Am Samstag, 22. Juli, besuchten meine Klassenkameraden die Ausstellung „Ritter, Bauern, Lutheraner“ auf der Veste Coburg, abends trafen wir uns noch einmal im GOLDENEN KREUZ am Marktplatz. Alle sind ziemlich alt geworden, aber alle waren bis auf einen, der nicht mehr reisen konnte, gekommen. Einer, der Parkinson hatte und auf Krücken ging, hatte mich sprechen wollen. Ich vertröstete ihn auf 2022, wenn wir uns wieder treffen wollen; da meinte er, so lange wollte er eigentlich nicht mehr leben!

Am 29. Juli war ich bei einem Rodacher Klassenkameraden von der Volksschule zum 80. Geburtstag eingeladen. Da traf ich Rodacher, die ich jahrelang nicht gesehen hatte. Auch hier häufen sich die 80. Geburtstag, die wir alle miteinander feiern, obwohl wir uns ohnehin alle vier Wochen treffen.

Am Mittwoch, 11. August, wurde im MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNK noch einmal der Film über das Zuchthaus Waldheim gezeigt, wo ich und Hartmut Brix aus Leipzig interviewt worden waren. Zwei Tage später bekam ich eine Mail von einer Frau im Landkreis Zwickau, die den Film gesehen hatte und begierig war, von uns mehr zu erfahren über die Zustände dort, da ihr Vater in Waldheim von 1963 bis 1967 eingesessen hätte. Er hätte aber nie davon erzählen wollen und hätte sich 1990 das Leben genommen.

Dr. Jörg Bernhard Bilke
Coburg, 15. August 2017