FLUCHT und AUSREISE Diskussionsforum
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Thema: Grenzhund ein echter Kumpel!!


Ich mag Hunde, mutige Menschen, und meine kleine Stadt.
Diese Verbundenheit wurde durch einen Vorfall, der sich 1989 an der Grenze des Wanfrieder Stadteils Heldra im Nordosten Hessens zur DDR ereignete, noch tiefer. Nachfolgend die dazugehörige Geschichte.


"Der Hund war echt super – ein echter Kumpel!"
Eine Fluchtgeschichte

Die Unterabteilung "Grenzsicherheit" war zuständig für die Abwehrarbeit in der Nationalen Volksarmee und den Grenztruppen. Diese Abteilung meldete am Nachmittag des 3. März 1989 der Bezirksverwaltung (BV) Erfurt per Fernschreiben ein Vorkommnis im Grenzabschnitt der 4. Grenzkompanie Großburschla:

"[…] Am 03.03.89 um 07.04 Uhr erfolgte eine Dauerauslösung des GSSZ II [Grenzsicherungs- und Signalzaun] im Feld 156, 150 m südostwärts der Grenzsäule 1402, 2000 m nordwestlich der Ortschaft Schnellmannnshausen, Kreis Eisenach im Grenzabschnitt 32, Grenzzug B, Grenzpunkt 177 – 178.

Durch den eingesetzten Alarmgruppenposten um 07.05 Uhr zur Überprüfung der oben genannten Dauerauslösung wurde um 07.19 Uhr festgestellt, dass ein LKW, Typ LIAZ mit Sattelauflieger vom Kraftverkehr Eisenach […] unmittelbar vor dem GSSZ II abgestellt war. Auf dem Auflieger ist ein behelfsmäßiger Ausleger aufmontiert, welcher über den GSSZ II bis ca. 1 m freundwärts vor dem GZ I [Grenzzaun] ausgelegt war. Der Ausleger hat eine Gesamtlänge von 10,75 m. Mit diesem Ausleger wurde die Dauerauslösung des GSSZ II verursacht. […]"

Quelle: BStU, MfS, BV Erfurt, AOPK 1160/89, Seite 45


Was war passiert?

An diesem Tag fuhr Klaus-Peter M. [Name geändert] mit seinem Lkw morgens gegen 6.30 Uhr zunächst durch den Kontrollpunkt "Roter Kopf" der Volkspolizei und anschließend durch einen weiteren Kontrollpunkt der Grenztruppen - nach Vorlage der erforderlichen Passierscheine - ohne Probleme in Richtung Großburschla.

Etwa zwei Kilometer nordwestlich von Schnellmannshausen (Kreis Eisenach), an einer Stelle, an der die Straße unmittelbar am Grenzzaun verlief, stellte M. den LKW ab und kletterte auf den Sattelauflieger seines Fahrzeugs. Darauf hatte er eine Art ausfahrbaren Ausleger von über zehn Metern Länge montiert, der sich auf etwa 20 Meter ausfahren ließ. M. hatte diese Ausleger-Konstruktion in wochenlanger Arbeit selbst gebaut und schwenkte sie jetzt in Richtung des doppelten Grenzzauns.

Um beide Zäune überwinden zu können, musste M. den Ausleger ausfahren. Dabei verfing sich dieser aber im so genannten "Y-Abweiser" des Grenzzauns II. Der Ausleger blieb stecken und löste beim Berühren des Zaunes Alarm aus. Mit einer auf dem Ausleger montierten so genannten Laufkatze konnte M. nun lediglich den ersten Zaun überwinden. Dann sprang er in den Zwischenraum der beiden Zäune. Mit dem dort freilaufenden Wachhund der Grenztruppen hatte M. keine Probleme. Die Staatssicherheit vermutete in ihrem Untersuchungsbericht, dass M. den Hund mit der Laufkatze schlug, was zu dessen "Handlungsunfähigkeit" führte. M. selbst bestritt später in einem Brief an seine Exfrau in der DDR diesen Vorfall. M. schrieb:

"[…] Ich habe gehört, dass sich drüben die Leute die bescheuertsten Geschichten erzählen. Man sagt, ich hätte z.B. den Hund an der Grenze getötet. Wenn Dich die Kinder danach fragen, so sage Ihnen bitte, dass das nicht der Fall war. Der Hund war echt super – ein echter Kumpel!! […]"


Seiner Meinung nach griff der Hund ihn nicht an, da dieser den Geruch der Hündin von M’s Mutter witterte. Außerdem sei er mit Hunden aufgewachsen und könne mit ihnen umgehen.

Um schließlich noch über den zweiten Zaun zu kommen, entfernte M. das Dach der Hundehütte, lehnte es an den 2,50 Meter hohen Grenzzaun und kletterte hinüber. Anschließend lief er über den Geländestreifen, der noch zur DDR gehörte, in Richtung Bundesrepublik und war in Sicherheit.

Als an diesem Tag die "Untersuchungsergebnisse zum ungesetzlichen Grenzübertritt" über den Fernschreiber der Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt liefen, berichtete auch der "Deutschlandfunk" darüber. Dieser meldete, dass im Bereich des Grenzkommandos Kassel einem 34-jährigen Berufskraftfahrer die Flucht aus der DDR gelungen sei – mit Hilfe einer selbstgebauten Leiter.

Quelle: Website des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Hier können Sie auch Bilddokumente der Stasi zum Fluchtfahrzeug und Fluchtort ansehen.

http://www.bstu.bund.de/DE/InDerRegion/Erfurt/Regionalgeschichten/hund-echter-kumpel_flucht.html?nn=1802088

Rolf Günther





Artikel über die Nachbardörfer Großburschla (Osten - Thüringen) und Heldra (Westen - Hessen), in deren Nähe die Flucht über die Hundelaufanlage zwischen den zwei Grenzzäunen stattfand.

50 Jahre Mauerbau
Die Vorposten

Jahrhundertelang waren Großburschla und Heldra einfach nur zwei Nachbardörfer, das eine in Thüringen, das andere in Hessen. Bis eine Grenze durchs Land gezogen wurde.

Wachturm. Das Wort, das nach Angst klingt, steht gelb eingraviert auf einem Wanderwegweiser. Ein Ziel für Spaziergänger. Mehr ist in Großburschla nicht übrig geblieben von der Grenze, die den Ort jahrzehntelang von drei Seiten umgab. Denn Großburschla lag politisch im Osten, in Thüringen. Geografisch gesehen aber im Westen.

Hans-Joachim Aulich, erster Nachwende-Bürgermeister des Fachwerkdorfs, hat hier fast sein ganzes Leben verbracht. An den 13. August 1961, als in Berlin der Mauerbau begann, kann er sich noch gut erinnern. Über das Westfernsehen, das selbst im Sperrgebiet an der Grenze verbotenerweise empfangen wurde, kam die Nachricht in Großburschla an. Und stieß, sagt der 67-Jährige, bei den Bewohnern auf Abgeklärtheit. „Da ist nur gesagt worden: Das ist jetzt dasselbe wie bei uns.“ Seit 1952 nämlich waren die Menschen in Großburschla schon von ihrem Bahnhof abgeschnitten. Der war einst jenseits der alten Grenze zwischen dem Königreich Preußen und Kurhessen errichtet worden. Und an dieser wild mäandernden Linie aus dem Jahr 1837 hatten sich die Alliierten bei der Festlegung der Besatzungszonen orientiert. Großburschla wurde zur sowjetischen Enklave in der amerikanischen Zone. Die Folgen waren kurios: Ehe 1952 eine neue Zufahrtsstraße über DDR-Gebiet gebaut wurde, führte der einzige Weg nach Großburschla durch den Westen – über eine „neutrale Straße“ durch das Dörfchen Heldra in Hessen. Dem ging es unter umgekehrten Vorzeichen wie dem Nachbarort Großburschla: Auf drei Seiten war Heldra vom Territorium der neuen Arbeiter- und Bauernmacht umringt. Ein westlicher Vorposten im Osten. „Wo immer man sich hinbewegt hat, war Grenze“, sagt Hubert Steube, 66. „Der Zaun war Alltag.“

Schon als Kind lebte Steube in Heldra. Er hat beobachtet, wie die deutsch-deutsche Grenze vom Stacheldrahtzaun zum immer ausgefeilteren System aus Türmen und Todesstreifen, Beobachtungsbunkern und Betonwällen wurde. Den Tag des Mauerbaus in Berlin hat auch er nicht vergessen: „Es war Kirmes, da kam’s im Radio.“ Die ganze Kirmesgesellschaft sei daraufhin an die Demarkationslinie gezogen, mit der Blaskapelle voran: „Sie hat ‚Freiheit die ich meine’ gespielt“, erzählt Steube. „Das haben zwar nur wenige gehört, aber symbolisch hat es Bedeutung gehabt.“

Auch wenn die Grenze am Tag darauf noch immer so aussah wie zuvor, war der Zaun wieder ein Stück unüberwindlicher geworden: Bislang konnten die Heldraer ihre Nachbarn in Großburschla noch besuchen. Einen Antrag mussten sie dafür stellen und, statt wenige hundert Meter zu Fuß zu gehen, eine Tagesreise über den nächsten Grenzübergang in Kauf nehmen. Nach dem Mauerbau wurde das nur noch bei Todesfällen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen allernächster Verwandter gestattet. Wenn überhaupt.

Was den West-Bürger Steube noch heute aufbringt, ist seinem Ost-Nachbarn Aulich nur ein Schulterzucken wert. Es sei doch irgendwie logisch gewesen: „Wenn man schon die Bürger des eigenen Landes nicht hierhin lässt, kann man doch auch den Klassenfeind nicht reinlassen.“ Mit leiser Ironie sagt er das, doch ohne zu klagen. Es war halt so. Er hat sich trotzdem wohlgefühlt in diesem seltsamen Ort an der Grenze – eingezäunt nicht nur gen Westen, sondern auch zum Rest der DDR. Der Sonntagsspaziergang durfte nur bis zum nahen Waldrand führen, bis zu den Schildern, die das Weitergehen verboten. „Ende des Naherholungsgebiets“ stand darauf.

Passierscheine und ständige Ausweiskontrollen, die nächtliche Ausgangssperre, der Stiefeltritt der Grenzer auf dem holprigen Straßenpflaster – das alles sei normal für ihn gewesen, sagt Aulich, er kannte es nicht anders: „Die Erbse in der Schote denkt, die ganze Welt ist grün.“ Mit neun Jahren ist er als Heimatvertriebener aus Schlesien nach Großburschla gekommen und geblieben, bis heute. Er wurde einer der 1400 Menschen, die hier ein Leben im Käfig führten. An der örtlichen Polytechnischen Oberschule lehrte er Geografie, ohne eine Vorstellung vom Land jenseits der Grenze zu haben. Die Karten, die er im Unterricht verwenden musste, zeigt er gern: Die Bundesrepublik war darauf einfach leer. Keine Straßen, keine Orte waren eingezeichnet, nicht einmal der Bahnhof von Großburschla. Wenn Aulich von damals erzählt, verliert er kaum ein böses Wort. Nicht über den SED-Bürgermeister, nicht über den Kompaniechef, nicht über die Grenzer, von denen sich viele nach dem Ende ihres Militärdienstes in Großburschla niederließen und zu angesehenen Mitgliedern der Dorfgemeinschaft wurden. Er spricht lieber vom Zusammenhalt der Menschen im Sperrgebiet. Oder von den vielen gelungenen, teilweise spektakulären Fluchtversuchen – per Leiter, per Kran oder schwimmend durchs Wasser der Werra.

Die alltäglichen Schikanen, die Ängste klingen nur beiläufig an. Die Angst etwa, dass bei unbotmäßigem Verhalten plötzlich „der Möbelwagen vor der Tür stehen“ könnte: 37 Menschen wurden nach 1961 aus Großburschla zwangsausgesiedelt, weil sie als Störenfriede der antifaschistisch-demokratischen Ordnung galten. Und die immer wiederkehrende Sorge, wenn der halbwüchsige Sohn nachts nicht nach Hause kam. Der Gedanke, dass er betrunken versucht haben könnte, die Grenze zu überwinden. Mit allen Konsequenzen. „Das“, sagt Aulich, „ging vielen Eltern so.“

Quelle: Frankfurter Rundschau, 10.08.2011, Autor Joachim F. Tornau

http://www.fr.de/panorama/50-jahre-mauerbau-die-vorposten-a-1229064