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Thema: Die Stasi hat Geburtstag und feiert Auferstehung


Die Stasi lebt weiter,
solange ihre Methoden nicht verstanden sind ...



Am 8. Februar 1950 wurde die Stasi gegründet, kurz nach Gründung der DDR. Aufgelöst wurde sie 1990. Doch das war nicht ihr Ende. Sie lebt weiter. Ihre Methoden haben sich nun auch im vereinten Deutschland etabliert.


Veröffentlicht: 08.02.2018 - 08:54 Uhr | Kategorien: Nachrichten

Es ist ein Geburtstag der besonderen Art. Kein Grund zum Feiern. Es gibt aber auch keinen Grund anzunehmen, dass die Stasi inzwischen Geschichte ist. Die Stasi wird so lange nicht überwunden sein, solange nicht verstanden wird, worin ihr schreckliches Wirken eigentlich bestand.

Unmittelbar nach Kriegsende waren die Härten und Grausamkeiten des Krieges noch allgegenwärtig. Mit der Sowjetarmee war auch die Geheimpolizei NKGB in die Sowjetische Besatzungszone gekommen. Sie verhaftete im großen Stil deutsche Zivilisten, die sie für Nazis hielt und errichtete gefürchtete Internierungslager. Es traf bald auch Demokraten aller Richtungen, also Personen, die keine Nazis waren, die sich aber gegen den Kurs zur Übertragung des sowjetischen Systems auf Deutschland stellten.

Die SED-Führung war stark daran interessiert, sich eine eigene Machtbasis zu schaffen, und drängte schon seit 1948 darauf, eine eigenständige Geheimpolizei einzurichten, um unliebsame Personen zu verhaften und von Strafgerichten wegen angeblicher Spionage oder Sabotage zu langjährigen Haftstrafen, in vielen Fällen auch zum Tode verurteilen zu lassen.

Bis 1955 wirkten daran auch sowjetische Militärtribunale mit mehreren tausend Urteilen mit. Die Verfolgung traf sogar Angehörige der neuen SED-Führung und Minister der ersten DDR-Regierung. Die härteste Phase dieser Verfolgung reichte von der 2. Parteikonferenz im Juli 1952 bis zum Tod von Josef Stalin im März 1953. Eine kurze Geschichte kann man u.a. hier nachlesen.

Die Härte zeigte Wirkung. Die Grausamkeit war der Bevölkerung wohl bekannt. Die Drohung lauerte stets im Hintergrund. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Staat, ein offener Dialog, eine demokratische Kultur, eine freie Entfaltung intellektueller Kräfte war damit unmöglich geworden. Sie wurde im Keim erstickt.

Die Stasi war nicht nur eine Zensurbehörde, die sich damit begnügte, kritische Veröffentlichungen zu unterbinden. Die Stasi war eine Terror-Organisation, die gezielt einzelne Personen bekämpfte. Sie hatte dazu einen ganzen Katalog von so genannten zersetzenden Maßnahmen entwickelt, die bis hin zu körperlichen Angriffen reichten. Die Geschichte ihres brutalen Wirkens ist bis jetzt noch nicht geschrieben.

Sie konnten das Denken nicht angreifen, also griffen sie die Denkenden an. Menschen mit eigenen Gedanken wurden isoliert, ihre Korrespondenzen wurden überwacht und gefälscht, so dass sie verzweifeln mussten. Die Isolierung ging so weit, dass Gefangene nicht einmal mehr Blickkontakt haben durften.

Die Stasi-Methoden haben überlebt und sind im vereinten Deutschland unter Merkel wieder auferstanden. Merkels Umgang mit dem Fall Thilo Sarrazin kann dabei als Sündenfall gesehen werden: Die Auseinandersetzung mit seinen Gedanken wurde durch einen Angriff auf seine Person ersetzt. Er verlor seine Arbeitsstelle bei der Bundesbank. So sind die Stasi-Methoden: Ein Kritiker soll kein normales Berufsleben mehr haben können, er wird zur Unperson.

Die vielen inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi waren damals genauso wenig qualifiziert, ihre folgenschweren Beurteilungen abzugeben, wie es die unterbezahlten Zuarbeiter sind, die heute im Dienste des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes massenhaft Löschungen vornehmen. Was für Kriterien sollen sie denn anlegen? Dieselben Kriterien, die schon bei der Stasi galten: Es gilt die Kontaktschuld. Wer hat wen getroffen? Wer hat mit wem gesprochen? Wer hatte mit wem Umgang? Die Feinde des Systems werden dabei in erster Linie als Bazillenträger gesehen, erst in zweiter Linie als Menschen. Sie gelten als ansteckend. Sie werden behandelt, als wären sie ein Virus.

Damit wird jedweder Zusammenhalt zersetzt, jedes Vertrauen untergraben. Misstrauen und Missgunst prägen die Stimmung. Es schlägt die Stunde der feigen Denunzianten, die keine Verantwortung übernehmen müssen für die Schäden, die ihre Beschuldigungen anrichten – Schäden bei den einzelnen Opfern, Schäden am gesellschaftlichen Klima. Wer die Stasi noch kennengelernt hat, hat in letzter Zeit immer wieder Aha-Erlebnisse. Wir haben neuerdings wieder, wie es Thilo Schneider geistreich genannt hat, eine Meinungsklima-Katastrophe.

Die Stasi ist nicht tot.












05. Februar 2018 00:31 Uhr

Heute ist ein Wendepunkt in der deutschen Geschichte
Die Berliner Mauer ist nun genauso lang weg, wie sie stand. Was bedeutet das für unser Erinnern?





Der Zeitzeuge und einstige DDR-Häftling, Hans-Joachim Lietsche, klärt heute Schüler in der Gedenkstätte Hohenschönhausen über die Geschichte auf.

Foto: Fischer, dpa



Am Checkpoint Charlie in Berlin wird die Geschichte immer teurer.
Ein Foto mit einem falschen US-Soldaten und Flagge kostet mittlerweile drei Euro pro Person.
Den früheren Grenzkontrollpunkt an der Friedrichstraße passierten einst Diplomaten, heute stehen dort Laiendarsteller vor einem nachgebauten Haus.
Drumherum: Touristen und was von der Mauer übrig blieb. Am heutigen Montag ist die Mauer nun genauso lange weg, wie sie da war.
Zwei gleich lange Abschnitte deutscher Geschichte:
28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage.
m 13. August 1961 erst mit Stacheldraht und später mit immer mehr Beton hochgezogen, am 9. November 1989 friedlich überwunden.
Die meisten Bundesbürger können sich noch genau an die Zeit der Teilung aus eigenem Erleben erinnern. So auch Hans-Joachim Lietsche, der auf seine Besuchergruppe wartet.

Der 57-Jährige will den danach geborenen Schülern erklären, wie die DDR-Staatssicherheit Menschen wie ihn einsperrte, weil sie nicht auf Linie waren. „30 Jahre hab’ ich meine Haft verdrängt“, sagt der gelernte Bau- und Kunstglaser. Wo er jetzt steht, war früher die Untersuchungshaftanstalt der Stasi.

Heute ist die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen der einzige Ort, an dem der Frührentner über damals reden kann, über die Zelle ohne Fenster, die Isolation und Angst.
Paragraf 220, "Herabwürdigung staatlicher Organe", sei sein Vergehen gewesen, neun Monate Haft.

Er habe eine Staatsanwältin als „blöde Kuh“ beschimpft. Gesucht habe er die Frau nie: „Ich habe keinen Sinn für Rache.“
Von dem Betonwall, der einst das Leben der Berliner trennte, stehen heute noch Reste.
Für die junge Generation ist Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff nach eigenen Worten fast ein Geschichtslehrer.
„Wenn ich junge Menschen durch Berlin führe, stellen die ganz andere Fragen.
Daran erkennt man, dass die Mauer für die Geschichte ist.“
Die erste Frage: Wie lange hat es gedauert, die Grenze zu bauen? „Die meisten denken, es waren die Russen und nicht die Deutschen“, sagt Müller-Tenckhoff.
„Man muss dann weit ausholen und die grundsätzliche Nachkriegsgeschichte mit den Alliierten erläutern.“
SED-Chef Walter Ulbricht ging als „Mauerbauer“ in die Geschichte ein.

Noch kurz vorher täuschte er die Weltöffentlichkeit: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

„Das Zeiterleben ist individuell sehr unterschiedlich“, sagt der Psychologe Klaus Seifried.
Er hat 26 Jahre als Schulpsychologe gearbeitet. „Junge Leute können sich das Leben vor 30 oder 40 Jahren kaum vorstellen.“
Wenn er Besuch habe und mit jungen Menschen zur Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße gehe, sei das für sie ähnlich fern wie der Zweite Weltkrieg.
Das sei dann so, als wenn seine Eltern von der Zeit vor oder während des Krieges erzählt hätten.
„Die sinnliche Erfahrung fehlt.“
Wenn den älteren Deutschen die Zeit mit Mauer länger vorkommt als der Abschnitt seit dem Mauerfall, kann das laut Seifried auch am subjektiven Empfinden und dem heutigen Tempo liegen.
Internet, Smartphones, Globalisierung, Mobilität – all das hat den Alltag beschleunigt.

„Wenn wir uns erinnern, nehmen wir die Zeit dann als kürzer wahr, wenn viel passiert, wenn sich viel verändert“, sagt Seifried.

Und manche Menschen in Ostdeutschland fühlten sich noch heute benachteiligt. Sie verweisen auf niedrigere Renten, sterbende Dörfer, abgewanderte Fachkräfte. Es gibt eine „Ostalgie“, obwohl der Lebensstandard seit 1989 gestiegen, die Arbeitslosigkeit wieder gesunken ist und Kommunen herausgeputzt wurden.

„Menschen neigen dazu, dass sie positive Dinge erinnern und negative vergessen oder relativieren.
Bestimmte Dinge werden verklärt – sowohl in Ost als auch West“, sagt der Psychologe Seifried.

Jutta Schütz und Julia Kilian, dpa


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