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Thema: Neue Lanzeitforschungen zu Ritalin


Neue Studien an Tieren enthüllen mögliche Langzeiteffekte von Methylphenidat. Eine Zusammunfassung von Dr. Volkow und Dr. Insel von NIDA (USA), Dezember 2003:

Die 1. Studie, erstellt von Dr. Cindy Brandon und Kollegen an der Finch University of Health Sciences/The Chicago Medical School zeigt, dass die Dopamin-Zellen von Ratten durch niedrige Gaben von Methylphenidat verändert wurden. Es zeigte sich dadurch eine höhere Sensitivität für den Belohnungseffekt von Kokain (der bekanntlich in gesteigerter Begierde, Motivation etc. besteht).

Die 2. Studie, erstellt von Dr. William Carlezon, Jr., und Kollegen an der Harvard Medical School and McLean Hospital in Belmont, Massachusetts, zeigt, dass eine zweimal täglich erfolgende Injektion von Methylphenidat den gegenteiligen Effekt hatte: Die Sensitivität gegenüber Kokain stumpfte ab, und es zeigten sich auch Zeichen von Depression.

Die 3. Studie, erstellt von Dr. Carlos Bolaños und Kollegen an der University of Texas Southwestern Medical Center in Dallas, zeigt, dass langzeitige Gaben von Methylphenidat eine Abstumpfung gegenüber natürlichen Belohnungen, wie Zucker oder Sex nach sich zogen, des weiteren eine höhere Sensitivität gegenüber stressvollen Situationen. Die mit Methylphenidat langzeitig behandelten Versuchstiere zeigten auch erhöhtes Angst-typisches Verhalten und erhöhte Blutspiegel von Stresshormonen.

Dr. Volkow und Dr. Insel betonen abschließend, dass auf Grund dieser Ergebnisse Langzeituntersuchungen über die Wirkung von Methylphenidat auf den Menschen dringend geboten sind.

Originalquelle: http://www.nih.gov/news/pr/dec2003/nida-08.htm
Übersetzung der wichtigsten Ergebnisse von mir.

Kassandra




Hallo Kassandra,
Ihr posting ist sehr beachtenswert! Schon geringe Dosen von Methylphenidat verändern das Gehirn. Die Forderung von Volkow, dass nun endlich sorgfältige Langzeitstudien angestellt werden müssen, ist längst überfällig, interessiert aber offensichtlich Offizielle und Betroffene wenig (die Pharmaindustrie am wenigsten). Es ist wie mit dem Rauchen: Die Menschen wissen genau um seine Schädlichkeit, tun es aber dennoch unvermindert. Der Unterschied liegt hier allerdings darin, dass man erst ab 16 rauchen darf, kleine Kinder aber nicht darüber entscheiden dürfen, ob sie Ritalin schlucken müssen oder nicht. Die Eltern sind in der vollen Verantwortung



Diese Langzeitforschungen sind dringend erforderlich, schon aus folgenden Gründen:

In der neurobiologischen Forschung zu ADS wird meist herausgestellt, dass mit der Einnahme von Methylphenidat das Vorderhirn (der Präfrontale Cortex) besser funktioniert, weil der Dopaminfluss in dieser Region erhöht wird. Das klingt zuerst einmal recht gut.

Was aber nicht gesagt wird: Psychostimulanzien wirken nicht nur aktivierend auf das Vorderhirn ein, sondern sie verändern auch viele andere Gehirnbereiche.

Das beginnt im Tegmentum, geht über den Nucleus Accumbens in das gesamte limbische System (vor allem Hippocampus, Amygdala, kocus coeruleus).

Psychostimulantien haben aber nicht nur einen stimulierenden Effekt, sondern verringern vermutlich auch den Metabolismus in vielen Gehirnarealen, was zu kognitiven Funktionsdefekten führen kann.

Ein Beispiel: Das bei Einnahme von Psychostimulantien oftmals berichtete stereotpye Verhalten (z.B. Haarezupfen, Nägelbeißen) könnte auf den Einfluss der Droge auf den Caudate Nucleus zurückzuführen sein.

Aber auch das Hormonsystem (das endokrine System) des Organismus scheint von Psychostimulantien verändert zu werden: Über den Hypothalamus und die Hypophyse wird die HPA-Achse aktiviert, was zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen (z.B. Cortisol) aus den Nebennieren führt. Damit wird die Balance im Organismus (Sympathikus - Parasympathikus) verändert. Im Tierversuch wurde unter anderem auch genau dies festgestellt.

Auch die im Tierversuch bemerkten Ängste und Depressionen als Langzeitwirkungen von Psychostimulantien müssten zur Beunruhigung Anlass geben.

Kassandra





Gute Arbeit, werte Kassandra!
Es wäre überaus interessant, einmal alle Forschungen über die Nebenwirkungen von Ritalin & Co. in einer Zusammenschau zu haben, evtl. auf einer homepage. Die verstreuten Hinweise sind über eine Suchmaschine nur schwer oder garnicht zu finden.
Oder gibt es so etwas u. ich habe es noch nicht entdeckt? Für Hinweise wäre ich dankbar.

Gruss von Bertram



PS bzw. noch etwas:
Der aktuelle Vioxx-Skandal zeigt die Schwachstellen des Systems auf. Parallelen zur Methylphenidat-Medikation dürften auf der Hand liegen. Wenn ich Prophet wäre (u. hiermit versuch ich's mal als solcher), würde ich sagen, dass uns demnächst ähnliches mit Methylphenidat blüht. Aber vielleicht doch nicht, denn wer macht hier schon Langzeitstudien wie bei Vioxx? Es soll nur keiner sagen: "Davon haben wir nichts gewußt". Aber als Prophet sage ich: Genau das werden (fast) alle sagen.
Einige Fingerzeige sind Z.B. die Hinweise auf evtl. Herzrisiken bei Methylphenidat, des weiteren: Warum machen viele Ärzte ein Leberscreening, während der Verschreibung, wenn hier doch keine Komplikationen bekannt sind? Weiss das jemand?

Hier der Vioxx-Text:

Vioxx®-Rückzug: Zulassungsverfahren sollte verbessert werden

Berlin/Köln (dpa) - Angesichts der weltweiten Marktrücknahme des Rheuma- und Schmerzmittels Vioxx fordern Mediziner ein besseres Zulassungsverfahren für Medikamente und mehr Informationen für Ärzte. «Bislang muss nur die Wirksamkeit nachgewiesen werden, aber nicht, dass es langfristig einem anderen Medikament überlegen ist», sagte der Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Prof. Heiner Berthold, in Berlin am Montag in einem dpa-Gespräch. «Vor der Zulassung gibt es zu wenig Vergleiche mit bereits existierenden Therapien, diese werden nach dem gültigen Recht aber auch gar nicht gefordert.» Zum Zeitpunkt der Zulassung 1999 war das Risiko der Nebenwirkungen von Vioxx laut Berhold noch nicht bekannt. «Rheuma- und Schmerzmittel werden vor der Zulassung nur über einen Zeitraum von Wochen oder Monaten hinweg geprüft», erläuterte Berthold. Bei Vioxx hatten sich Nebenwirkungen wie Herzinfarkt und Schlaganfälle nach Herstellerangaben aber erst nach einer Einnahmezeit von 1,5 Jahren im Vergleich zur Kontrollgruppe verdoppelt. Das Unternehmen hatte bereits bei der Marktrücknahme am 30. September darauf verwiesen, dass die Zahl der Todesfälle durch diese Leiden im Vergleich zu einem Scheinmedikament (Placebo) nicht erhöht gewesen sei. Seit 1999 haben nach Herstellerangaben etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland Vioxx eingenommen, viele aber nur wenige Tage. Zum Zeitpunkt der Marktrücknahme hätten schätzungsweise 120 000 Menschen das Mittel erhalten, sagte ein Sprecher der Unternehmensgruppe MSD, die zum US-Pharmakonzern Merck & Co. gehört. Im Fall von Vioxx hat das Unternehmen nach Ansicht von Berthold zu spät auf die Hinweise über die Herzkreislauf-Erkrankungen reagiert. «Dass Vioxx ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte, Schlagfanfälle und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat, ist nicht neu», betonte Berthold. «Die Arzneimittelkommission hat entsprechende Studien gefordert, die wurden aber nicht gemacht.» Der Leiter des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit, Peter Sawicki, forderte bessere Informationen für Ärzte: «Es muss ein Zwang für die Pharmakonzerne geben, richtig zu informieren - vollständig und korrekt.» Er kritisierte, dass Pharmareferenten derzeit eine zentrale Rolle in den einzelnen Arztpraxen spielten. Auch sollte sich die Pharmaindustrie künftig aus der Fortbildung für Ärzte zurückziehen, forderte Sawicki. «Das ist Aufgabe der Ärztekammern.» Zudem müssten Daten aus den verschiedenen Studien über einzelne Präparate der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Quelle: http://www2.netdoktor.de/nachrichten/index.asp?id=115560&D=12&M=10&Y=2004



Hier findet man bei Peter Lehmann eine Leseprobe zu den Nebenwirkungen von Ritalin:http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/kinder/ritalin.htm.

Auch in den Büchern von Breggin wird sehr ausführlich hierzu referiert.



In diesem Zusammenhang sei auch noch mal an den früheren Beitrag von Diller erinnert:
Lawrence Diller, M.D.:
Ärzte im Dunkeln gelassen http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik25.htm





Hi Beggar!
Riesendank, fantastische und überaus gruselige Fundstelle! Ich werde sie verbreiten...

Aber - wie kommt man an die Fundstellen, die im Text angegeben sind, z.B. hier:
"An Hormonstörungen nannte man Appetitverlust und Gewichtsabnahme 177;250;373;622:594;1277:191f.;1674"

Die Ziffern beziehen sich doch sicher auf ein Literaturverzeichnis???

Danke nochmal!



Hallo Bertram!
Während man zu Kokain, Nikotin usw. sehr detaillierte Beschreibungen zu den Auswirkungen auf verschiedenste Hirnbereiche findet, muss für Methylphenidat (Ritalin) in dieser Hinsicht leider eine Fehlanzeige erfolgen.

Ich habe deshalb versucht, aus vergleichbaren Darstellungen - z. B. zur Wirkung von Kokain - einige Vermutungen hinsichtlich der Zielgebiete der von Ritalin bewirkten Dopamin-Ausschüttung zu formulieren.

Forschungen habe ich dazu noch nicht gefunden - man hält sich hier wohl aus mir unbekannten Gründen zurück.

Nur eine kleine zusätzliche Überlegung: Man weiß ja, dass Dopamin-Agonisten wie z. B. Kokain die Sexualität steigern können. Auch Nikotin-Genuss führt zu einer stärkeren Konzentration von Dopamin und wirkt somit ebenfalls auf die Sexualität.

Diese Erkenntnis, dass Dopamin den sex-drive stärkt, machte man sich neuerdings auch insofern zunutze, als man das Präparat Uprima auf den Markt brachte, um impotenten Männern eine Erektion zu ermöglichen. Das Präparat imitiert Dopamin und wirkt auf die Dopamin-Rezeptoren im Hypothalamus, der seinerseits über die Nervenleitungen ein erektionsförderndes Signal weiterleitet.

Was ich damit sagen will: Methylphenidat könnte auch auf das Sexualleben der Patienten eingreifen - vielleicht zuerst steigernd, auf lange Sicht aber abtötend (Anhedonie) - ähnlich wie Kokain.

Diese Auswirkungen sind aber alle am Menschen nicht erforscht - so kann man nur Vermutungen anstellen.

Der Hinweis "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker" klingt in dieser Hinsicht wie Hohn.

Viele Grüße
Kassandra



Die Ziffern in der Leseprobe von Peter Lehmann sind nicht verlinkt und beziehen sich auf die Angaben im Buch. Es ist hier ja leider nur eine Leseprobe.



Zahlreiche männliche ADS-Patienten in den USA, die das dort häufig verschriebene Psychostimulans ADDERALL einnehmen, klagen über starke Schmerzen an den Hoden ("testicular pain").
Psychostimulantien scheinen also tatsächlich auf das Drüsensystem des Körpers massiven Einfluss zu haben.
Auch hierzu wären Langzeit-Untersuchungen dringend erforderlich, meint
Kassandra



Es kommt tatsächlich hie und da mal vor, dass Patienten eine Nebenwirkung in ihrem Sexualleben haben. Diese Patienten werden dann aber immer auf etwas anderes umgestellt, also weg von Ritalin und hin zu zB Buspar (o.ä.)




Bertram:
PS bzw. noch etwas:
Warum machen viele Ärzte ein Leberscreening, während der Verschreibung, wenn hier doch keine Komplikationen bekannt sind? Weiss das jemand?


Weil man durch den Bluttest erfährt, wie die Leber damit zurechtkommt ein Medikament abzubauen.

Irgendwo wird ein Medikament ja abgebaut, meist in der Leber - so wie auch andere Dinge.
Grundsätzlich ist jeglicher Medikamentenkonsum (sei es nun eine Anti-Baby-Pille oder was auch immer) dann in gewisser Weise an manchen leberwerten zu sehen.





Hi Gast005,
ich habe inzw. selbst heraus gefunden warum.
Das Adhs-Präparat PEMOLIN machte Leberprobleme, deshalb wurde man vorsichtig.
Ein Link dazu: http://www.adhs.ch/add/pemolin.htm
oder auch(!):
"An Medikamenten werden bei Kindern wie Erwachsenen die Stimmulantien Methylphenidat 20 -50 mg und Pemolin 30- 70 mg eingesetzt. Problem ist hier, daß diese Medikamente bei dieser Indikation in Deutschland bisher nicht zugelassen sind und unter das BTM fallen. Die Behandlung gestaltet sich hier in den USA bei Kindern wie Erwachsenen wesentlich einfacher. Dort sind auch die Ängste vor diesen Medikamenten geringer. Das Risiko einer Abhängigkeit oder Toleranz scheint nach der Literatur bei korrekter Diagnose sehr gering. Die Medikamente haben als "Aufputschmittel" , die diese speziellen Patienten aber beruhigen, allerdings ein durchaus erhebliches Nebenwirkungsrisiko, die Behandlung bedarf auf jeden Fall einer fachärztlichen Überwachung. (Pemolin kann manchmal tödliche Leberschäden machen, Methylphenidat kann psychiatrische und neurologische Erkrankungen auslösen, außerdem Bluthochdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen)"

aus:http://www.neuro24.de/hyperkinet.htm

MFG
Bertram



Ich möchte die Aufmerksamkeit noch einmal auf die von mir eingangs zitierten Untersuchungen zur Wirkung von Methylphenidat richten.
Ein wichtiges Ergebnis ist, dass sowohl geringe als auch hohe Gaben von Methylphenidat eine Veränderung im Gehirn bewirken.
Dabei muss man zwei Fälle unterscheiden:
1. Geringe Gaben von Methylphenidat. Diese erhöhen offensichtlich die Sensibilität der beteiligten Nerven für Stimulantien, wie z. B. Kokain. Damit könnte eine Motivation für Drogenmissbrauch installiert werden.
2. Hohe Gaben von Methylphenidat (und direkte Injektion der Droge). Hier tritt der auch von Drogenmissbrauch her bekannte Effekt der Abstumpfung ein, der zu einer immer größeren Abhängigkeit von der Droge führt.

Im Falle des medikamentösen Einsatzes von Methylphenidat wird man daher zweckmäßigerweise möglichst geringe Gaben verschreiben. Darüber hinaus sorgt die orale Einnahme für ein langsames Anfluten des Medikamentes, wodurch keine größere Medikamententoleranz entsteht.
Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass geringe Gaben eine erhöhte Sensibilität gegenüber anderen Drogen entstehen lassen.

Der Hinweis von Preiser auf das Zigarettenrauchen trifft meiner Meinung nach genau. Auch die Raucher erzielen durch den Nikotingenuss eine momentan höhere Vigilanz (Wachsamkeit), Aufmerksamkeit und Konzentration, wie häufig berichtet wird. Dies ist wie bei Methylphenidat auf die Anfeuerung des dopaminergen Systems zurückzuführen. Dennoch sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben, welche enormen Langzeitschäden durch Rauchen hervorgerufen werden. Man kann es auf jeder Zigarettenpackung in Fettdruck nachlesen.

Der häufig vorgebrachte Hinweis auf einen Opa, der täglich seine Zigarre geraucht hat und trotzdem 90 Jahre alt wurde, ist längst als billige Ausrede für leichtsinniges Verhalten entlarvt.

Kassandra


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