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Thema: ADS-Diagnosen |
In die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden sollten Aussagen von Prof.Dr. G. Hüther, Neurobiologe, Leiter der Abteilung für Neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen.
Schwerpunkte seiner gegenwärtigen Tätigkeit: Einfluss psychosozialer Faktoren und psychopharmakologischer Behandlungen auf die Hirnentwicklung, Auswirkungen von Angst und Stress und Bedeutung emotionaler Bindungen.
Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und populärwissenschaftliche Darstellungen.
Zum Beispiel: „Die Bedeutung emotionaler Sicherheit für die Entwicklung des kindlichen Gehirns“. Darin: „Jedes Kind braucht ein Spektrum unterschiedlichster Herausforderungen, um die in seinem Gehirn angelegten Verschaltungen auszubauen, weiterzuentwickeln und zu festigen“. Zitat Ende.
Fehlen diese Herausforderungen, indem das Kind hört, das es das/etwas nicht kann, weil es doch ADS hat, folgt:
Hüther: “Für das Lernverhalten der Kinder bedeutet dies ein Rückgang an Motivation, Verstehen, Behalten, Erinnern, Erkennen von Zusammenhängen“ Zitat Ende
Wie kommen nun Eltern dazu, wegen diesen "Symptomen" ihre Kinder zu den Ärzten zu bringen, die sie nach Tests verschiedenster Art pathologisieren ?
Die Ansicht der behandelnden Kinderärztin meiner Tochter hierzu werde ich morgen erfahren.
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Hallo Volker,
Prof. Hüther ist eine sehr gute Adresse!
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Hallo,
zum Thema Diagnose ein paar weise Worte (leider nicht von mir selbst erfunden):
Diagnosen sind Schlagzeilen zu Geschichten, die Klienten und Fachleute wie z. B. Lehrkräfte oder Kindergartenerzieherinnen erzählen (Spitczok von Brisinski, 2001b).
Nicht vergessen werden darf, dass es sich bei Diagnosen psychischer Störungen nach ICD-10 oder DSM-IV nicht um Tatsachen, sondern um Konstrukte handelt. In der Einführung zur deutschen Ausgabe des DSM-IV (APA, 1996) heißt es dazu ausdrücklich: "Dabei verführt die Scheinsicherheit einer operationalen Definition, die ja vielfach nichts anderes als das Resultat eines politisch determinierten Konsensusprozesses ist, dazu, den mit einem psychopathologischen Begriff gemeinten, oft komplexen Sachverhalt als Realität zu akzeptieren und nicht mehr genauer zu überprüfen."
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Professor Hüther hat meine volle Sympathie, wenn er sich leidenschaftlich dafür eintritt, dass Eltern sich um ihre Kinder kümmern sollen, sie nicht vernachlässigen, herabsetzen, missbrauchen usw.
Professor Hüther hat aber auch Spekulationen angestellt, die bisher von niemandem auf dieser Welt bestätigt wurden. So z. B., dass bei ADS ein Zuviel an Dopamin vorläge. Nach neueren Untersuchungen ist eher das Gegenteil der Fall, nämlich ein Dopaminmangel und eine Unterfunktion des dopaminergen Systems.
Insofern stehe ich ihm auch distanziert gegenüber.
Kassandra
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Hallo Kassandra,
welche "neueren Untersuchungen" meinst du? Soweit ich weiß, gab es zuerst die Dopaminmangelhypothese. Erst dann stellte Hüther seine Hypothese vor.
Jemandem Unwissenschaftlichkeit unterstellen, nur weil er nicht mit den anderen im Chor singt? Ohne mich... Es waren schon oft die Querdenker, die am Ende richtig lagen.
Gast_2
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Hallo Gast 2,
die Antwort ist ganz einfach: Alle Studien, sowohl ältere als neuere bis zu diesem Tag, nehmen einen Dopamin-Mangel bei ADS an.
Hüthers gegenteilige Annahme, die er im Jahre 1992 äußerte, ist soweit ich sehe bis heute von niemandem bestätigt worden.
Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang wäre:
Weshalb benötigen Erwachsene mit ADS eine weitaus geringere Menge an Ritalin (oft genügen 5 mg zwei mal täglich) als Kinder und Jugendliche mit ADS (die oftmals zwei mal 20 mg täglich oder mehr verschrieben bekommen)?
Ist dies darin zu begründen, dass das Nervensystem der Erwachsenen sich besser stabilisiert hat und der Katecholamin-Mangel von daher nicht mehr so stark ist?
Vielleicht weiß jemand eine Antwort.
Viele Grüße
Kassandra
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Berichtigung eines Tippfehlers: Hüther hat diese Ansicht nicht 1992, sondern 2002 geäußert.
K.
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Volker:
Schwerpunkte seiner gegenwärtigen Tätigkeit: Einfluss psychosozialer Faktoren und psychopharmakologischer Behandlungen auf die Hirnentwicklung, Auswirkungen von Angst und Stress und Bedeutung emotionaler Bindungen.
Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und populärwissenschaftliche Darstellungen.
Ich hatte mir schon öfter überlegt, ob das, das bei mir ADS genannt wird, Folge des dramatisch gestörten Gehirns in meiner frühen Kindheit sein könnte.
Das Gehirn eines Kindes entwickelt sich ja über längere Zeit hin, alles wichtige wird in den ersten Lebensjahren im Gehirn "vernetzt" und "ausgebaut"
Ich war damals - im Alter von 2,5 Jahren (nach einem Unfall mit schwerer Gehirnerschütterung) einige Wochen im Krankenhaus, wo mich keiner besuchen durfte (war damals üblich, weil sie weinende Kinder nach dem Nachhausegehen der Eltern vermeiden wollten)
Man hatte mich also im Alter von 2,5 Jahren einige Wochen von allen meinen Bezugspersonen getrennt und ich wußte auch nicht, warum ich plötzlich weggesperrt wurde (nachdem ich wieder nach Hause kam, wollte ich zB meinen Opa nicht mehr sehen, da ich dachte, er wäre schuld, dass ich ins Krankenhaus kam)
Frage dazu:
Wie kann also jemand, dessen Gehirn sich total ungünstig entwickelt hatte (wegen dieser Erfahrungen in jener Zeit, in der sich das Gehirn fürs weitere Leben organisiert, vernetzt und verdrahted) wieder "heilen"???
Kann Psychotherapie alleine ein Gehirn "umbauen", damit es gesund funktioniert??
(kann ich mir nicht vorstellen - es gibt auch keinerlei STudien, die besagen, dass sich unter Psychotherapie tiefgreifende Hirnfunktionen veränderten)
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Hallo Volker,
natürlich verändern Erfahrungen (auch Psychotherapie) die Gehirnchemie u. die Gehirnstruktur. Belege dafür:
Taxifahrer haben einen größeren Hippocampus
LONDON - Kann man durch Lernen sein Gehirn verändern? Taxifahrer an der Themse können offensichtlich. Jahrelanges Einprägen von Straßennamen, Einbahnstraßen und Sehenswürdigkeiten ließ ihnen den hinteren Teil des Hippocampus schwellen, eine Hirnregion, die Wissenschaftler mit dem räumlichen Gedächtnis in Verbindung bringen. Dafür verlor der vordere Teil dieses Hirnareals an Volumen, so dass sich die Gesamtgröße des Gehirnes nicht veränderte. Das ist ein sehr ungewöhnlicher Befund, wie Jan-Hinrich Schröder vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung gegenüber Medical Tribune Online sagte. Man wisse zwar, dass Lernen die Verschaltungen im Gehirn verbessere, aber das sei normalerweise nicht mit einer Gewichtszunahme verbunden.
Quelle: http://www.medical-tribune.de/GMS/nachrichten/Taxifahrer
Und vor allem Nobelpreisträger Kandel:
Wenn Menschen miteinander sprechen, kommunizierten die Gehirne miteinander und erzeugten dort beim Gesprächspartner anatomische Veränderungen, hatte er in einem Interview schon früher erklärt. Seine Forschung ziele auf den Nachweis ab, dass Psychotherapie diese molekularen Vorgänge nachhaltig beeinflussen kann.
Quelle: http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/diverses/11002/
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Sorry, meine Antwort bezieht sich natürlich auf die Worte von Gast005:
"Kann Psychotherapie alleine ein Gehirn "umbauen", damit es gesund funktioniert??
(kann ich mir nicht vorstellen - es gibt auch keinerlei STudien, die besagen, dass sich unter Psychotherapie tiefgreifende Hirnfunktionen veränderten)"
nicht auf Volker. Phuu, schwere ADS-Symptomatik...
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Hallo Kassandra,
Hüthers gegenteilige Annahme, die er im Jahre 2002 äußerte, ist soweit ich sehe bis heute von niemandem bestätigt worden.
Das stimmt, gilt aber genauso für die "Mangeltheorie". Oder auf welche neueren Studien stützen Sie sich?
Bei Hüthers Überlegungen handelt es sich keineswegs um "Spekulationen". Auch er geht bekanntlich von der recht gut belegten Erkenntnis aus (z.B. Dougherty 1999), dass bei "ADHSlern" eine deutliche Dichtezunahme der Dopamintransporter gefunden wird, kommt aber zu einer anderen Erklärung. Die "Mangeltheoretiker" haben daraus ja die schlichte (und auch noch nicht belegte) Annahme abgeleitet, dass zuviel Dopamin zurücktransportiert wird und somit extrazellulär zu wenig Dopmanin im Hirn verfügbar sei (Dopaminmangel).
Hüther gibt aber zu bedenken, dass diese erhöhte Transporterdichte auch Ausdruck einer erhöhten dopaminergen Innervationsdichte in den Zielgebieten dopaminerger Projektionen sein kann. In diesen Zielgebieten würden dann auch jeweils verstärkt dopaminerge Präsynapsen ihr Dopamin freisetzen (Dopaminüberschuss).
Man konnte das bisher deshalb noch nicht nachweisen, weil PET- und SPECT-Messungen in diesen Zielgebieten noch nicht funktionieren.
Seine Annahme, dass die erhöhte Transporterdichte im Striatum von "ADHSlern" Ausdruck einer verstärkten Ausprägung des gesamten dopaminergen Projektionsbaumes und einer erhöhten dopaminergen Präsynapsen-Ausbildung in den Zielgebieten ist, belegt Hüther auch durch neurochemische Studien von Wegerer (1999) und Moll (2000 u. 2001) sowie mit Tierstudien (Winterfeld 1998).
Ich finde die "Mangeltheorie" überholt, weil nicht belegt und zu schlicht gestrickt. Es ist alles wohl komplizierter. Zukünftige Forschung wird weiterhelfen. Wahrscheinlich ist aber alles dann ja doch wieder noch mal anders...
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Hallo Gast005,
Kann Psychotherapie alleine ein Gehirn "umbauen", damit es gesund funktioniert??
(kann ich mir nicht vorstellen - es gibt auch keinerlei STudien, die besagen, dass sich unter Psychotherapie tiefgreifende Hirnfunktionen veränderten)
Ich möchte dich auf meinen seinerzeitigen kleinen Beitrag hinweisen: "Psychosomatik, Psychotherapie und Gehirn"
http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik5.htm
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Hallo Bertram,
Ihre Zitate finde ich sehr bemerkenswert:
Diagnosen sind Schlagzeilen zu Geschichten, die Klienten und Fachleute wie z. B. Lehrkräfte oder Kindergartenerzieherinnen erzählen (Spitczok von Brisinski, 2001b).
Nicht vergessen werden darf, dass es sich bei Diagnosen psychischer Störungen nach ICD-10 oder DSM-IV nicht um Tatsachen, sondern um Konstrukte handelt. In der Einführung zur deutschen Ausgabe des DSM-IV (APA, 1996) heißt es dazu ausdrücklich: "Dabei verführt die Scheinsicherheit einer operationalen Definition, die ja vielfach nichts anderes als das Resultat eines politisch determinierten Konsensusprozesses ist, dazu, den mit einem psychopathologischen Begriff gemeinten, oft komplexen Sachverhalt als Realität zu akzeptieren und nicht mehr genauer zu überprüfen."
In den Anfängen von Café Holunder wurde ich gerade von Leuten, die es eigentlich besser wissen sollten, immer besonders beschimpft, wenn ich vom "Konstrukt ADHS" sprach. Dass dies aber im schulmedizinischen ICD-Katalog genau so angemerkt wird, wusste wohl von denen keiner. Na ja... Die Leute hielten (und halten) ADHS eben für eine Realität wie gerade die Spaghetti auf meinem Teller... Schlimm ist nur, dass auch Eltern -und vor allem die betroffenen Kinder- das Ganze für eine Realität halten, so, als hätten sie sowas wie einen Tumor oder eine Stromstörung im Kopf. Das macht mich immer wieder sehr wütend.
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Hallo Volker,
Wie kommen nun Eltern dazu, wegen diesen "Symptomen" ihre Kinder zu den Ärzten zu bringen, die sie nach Tests verschiedenster Art pathologisieren ?
Das ist eine sehr berechtigte Frage! Meine ganz schlichte Antwort als in über 30 Jahren erfahrener Diplompsychologe, Familientherapeut und staatlich approbierter Psychologischer Psychotherapeut lautet:
Es wird ihnen leider von vielen schlechten Fachleuten eingeredet.
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Hallo Herr Schmidt,
ja, ich spreche vom Konstrukt ADHS, schließlich haben wir bereits im Studium gelernt, dass Diagnosen Konstrukte sind; aber das scheint in Vergessenheit zu geraten. Unabhängig davon bin ich als eingefleischter NLP'ler einfach überzeugter Konstruktivist und so gut es geht lösungsfocussiert. Und ein Konstruktivist wittert nun mal nahezu überall (menschlich kreierte) Konstrukte :-).
Und eine Lösungsfocussierung ist nunmal eine Diagnose nicht, sie wird oft genug das Problem chronifizieren...
Gruss von Bertram
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