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Thema: die pharmaindustrie schläft nicht...


Hallo Matthias,
die Mitteilung über Priapismus (anhaltende Erektion) bei Jugendlichen bei Absetzen von das Dopamin-System beeinflussenden Psychostimulantien sind zwar Einzelfälle, aber sie geben dennoch zu Besorgnis Anlass.

Ich könnte mir den zu Grunde liegenden neuronalen Vorgang folgendermaßen vorstellen:

Wie HÜTHER darstellt, ist bei Patienten mit sogenannten ADHS-Symptomen das dopaminerge System im limbischen System (tief innen im Zentralhirn) überaktiv (was die immer wieder festgestellte Unteraktivität in Bereichen des Frontalhirns ja nicht ausschließt).

Der "ADHS"-Patient befindet sich sozusagen ständig "an der Zimmerdecke", sein dopaminerges System arbeitet auf Hochtouren, übermäßige Mengen von Dopamin werden hier fortwährend ausgeschüttet.

Wenn er nun mit Psychostimulantien behandelt wird, übernimmt die "Pille" die Dopamin-Regulierung, indem sein eigenes überstarkes System sich ausschaltet und eine Herabregulierung des Systems auf ein niedrigeres Level erfolgt.

Wird die "Pille" nun abgesetzt, setzt das eigene überstarke dopaminerge System plötzlich wieder mit voller Wucht ein - und dies könnte möglicherweise die Ursache für den erwähnten Priapismus sein.

Bei Normalpersonen mit normalem dopaminergen System haben Psychostimulantien nun gerade die entgegengesetzte Wirkung: Sie verstärken die Dopaminausschüttung und somit auch das sexuelle Arousal und die sexuelle Performance. Von Menschen, die z.B. Kokain schnupfen, wird diese sexuell stimulierende Wirkung ja immer wieder berichtet. Auch bei Verliebten wurde ja die Erhöhung der Dopamin-Ausschüttung und vice versa die Erniedrigung der Serotonin-Ausschüttung berichtet (Universität Pisa-Florenz).

Kassandra



hallo kassandra,

Du schreibst:

Bei Normalpersonen mit normalem dopaminergen System haben Psychostimulantien nun gerade die entgegengesetzte Wirkung


also doch ein annormales dopaminerges system?

gruss
bertram



Hallo Bertram,
"entgegengesetzt" bezieht sich auf das vorher Gesagte.
Ich habe ja auch dann noch erläutert, wie Psychostims bei "Normalpersonen" wirken.
Alles klar?

Viele Grüße
Kassandra



Hallo bertram,

also doch ein annormales dopaminerges system?


Ich verstehe das so: Es deutet einiges darauf hin, dass Kinder sich im Lauf der ersten Lebensjahre ein überentwickeltes dopaminerges System erwerben können, und zwar als Antwort auf die Auseinandersetzung mit einer zu stressigen Umwelt.

Auch vom exzessiven Computerspielen kriegen Kinder ein anderes Gehirn als "normal".

Es ist also nicht angeboren.

Gruß
Clara





HALLO;
HABE NUR PROBLEME MIT DEM "DOPAMINERGEN SYSTEM". DAS KLINGT FIXIERT, STATISCH. MÖCHTE VERMUTEN DASS MAN EINFACH DAVON AUSGEHT (RÜCKSCHLÜSSE).
DENN - SONST WÄREN WIR JA WIEDER BEI DER "HIRN-ANOMALIE"

gruss
bertram



Hallo bertram,

HABE NUR PROBLEME MIT DEM "DOPAMINERGEN SYSTEM". DAS KLINGT FIXIERT, STATISCH.


Bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt dein Problem betrifft:

Im Gehirn ist so gut wie nichts statisch, alles ist dauernd "am sich anpassen" an die Umweltanforderungen, auch das dopaminerge System ist flexibel.

Je nach Standpunkt ist ein überentwickeltes dop. Syst. auch "normal", wenn es beispielsweise entstand, um bei Dauerbelastung mental und physisch immer in den Startlöchern zu sein.

Fällt der Stress weg, kann es sich langfristig auch wieder zurückentwickeln.

Alles fließt!

Gruß
Clara






klar, clara, so ist es!

bertram



...und es entwickelt sich auch zurück (wie so vieles) mit steigendem Lebensalter...

Kassandra



Hallo zusammen,

es git zwei ganz wichtige Untersuchungen zur Plastizität der Hirnphysiologie (die ich auch in meinem Buch zitiere):

1.Paquette, Vincent et al. (2003). Change the mind and you change the brain: effects of cognitive-behavioral therapy on the neural correlates of spider phobia. Neuroimage 18 (2), 401-409.

2.Perry, Bruce D., Pollard, Ronnie A., Blakley, Toi L., Baker, William L. & Vigilante, Domenico (1998). Kindheitstraumata, Neurobiologie der Anpassung und "gebrauchsabhängige" Entwicklung des Gehirns: Wie "Zustände" zu "Eigenschaften" werden. Analytische Kinder- und Jugendpsychotherapie 3, 277-307. Orig. 1993: Childhood Trauma, the Neurobiology of Adaption, and "usedependent" development of the Brain: How "States" become "Traits". Infant Health Journal 16 (4).

In der letzteren Untersuchung wird genau die phänomenologische Theorie bestätigt, nach der Personen quasi "inkarnierte Situationen" darstellen, d.h. die Geschichte ihres Erlebens sich buchstäblich "einverleiben", dies als kontinuierliches Fließgleichgewicht vorgestellt, mit einer sehr hohen Flexibilität der Strukturen. Manch einer hatte ja z.B. einige Yogis für verrückt erklärt, die behaupteten: "Wenn wir meditieren, werden wir intelligenter." Und nun erweist es sich als schlüssig, eben: "change the mind and you change the brain".
Und vor allem: der umgekehrte Weg (change the brain and you change the mind als pharmakologische Veränderung) ist der barbarischere (wenn vielleicht auch gelegentlich nicht vermeidbare). Jede Psychotherapie beginnt aber beim Respekt vor der Lebensgeschichte der Person und bei ihrer eigenen Sinngebung und ihrem Verständnis. Einseitige Pharmakotherapie verleugnet die Geschichte allzu häufig, beim "ADHS" oft mit dem schlicht dummdreisten und unwissenschaftlichen Hinweis auf eine "Stoffwechselstörung", "genetische Determination" oder "Unheilbarkeit".

Zur Enthistorisierung von Patienten s.a.:
Jantzen, Wolfgang & Lanwer-Koppelin, Willehad (Hrsg.) (1996). Diagnostik als Rehistorisierung. Berlin: Spiess/Edition Marhold.

Viele Grüße

Matthias




und sie schläft wirklich nicht; es gibt jetzt ein online-spiel von LILLY:

http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=061127039

GRUSS
BERTRAM

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