Seiten: 1 2 3 4 ... Ende Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: die pharmaindustrie schläft nicht...


Hallo bertram,

HABE NUR PROBLEME MIT DEM "DOPAMINERGEN SYSTEM". DAS KLINGT FIXIERT, STATISCH.


Bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt dein Problem betrifft:

Im Gehirn ist so gut wie nichts statisch, alles ist dauernd "am sich anpassen" an die Umweltanforderungen, auch das dopaminerge System ist flexibel.

Je nach Standpunkt ist ein überentwickeltes dop. Syst. auch "normal", wenn es beispielsweise entstand, um bei Dauerbelastung mental und physisch immer in den Startlöchern zu sein.

Fällt der Stress weg, kann es sich langfristig auch wieder zurückentwickeln.

Alles fließt!

Gruß
Clara






klar, clara, so ist es!

bertram



...und es entwickelt sich auch zurück (wie so vieles) mit steigendem Lebensalter...

Kassandra



Hallo zusammen,

es git zwei ganz wichtige Untersuchungen zur Plastizität der Hirnphysiologie (die ich auch in meinem Buch zitiere):

1.Paquette, Vincent et al. (2003). Change the mind and you change the brain: effects of cognitive-behavioral therapy on the neural correlates of spider phobia. Neuroimage 18 (2), 401-409.

2.Perry, Bruce D., Pollard, Ronnie A., Blakley, Toi L., Baker, William L. & Vigilante, Domenico (1998). Kindheitstraumata, Neurobiologie der Anpassung und "gebrauchsabhängige" Entwicklung des Gehirns: Wie "Zustände" zu "Eigenschaften" werden. Analytische Kinder- und Jugendpsychotherapie 3, 277-307. Orig. 1993: Childhood Trauma, the Neurobiology of Adaption, and "usedependent" development of the Brain: How "States" become "Traits". Infant Health Journal 16 (4).

In der letzteren Untersuchung wird genau die phänomenologische Theorie bestätigt, nach der Personen quasi "inkarnierte Situationen" darstellen, d.h. die Geschichte ihres Erlebens sich buchstäblich "einverleiben", dies als kontinuierliches Fließgleichgewicht vorgestellt, mit einer sehr hohen Flexibilität der Strukturen. Manch einer hatte ja z.B. einige Yogis für verrückt erklärt, die behaupteten: "Wenn wir meditieren, werden wir intelligenter." Und nun erweist es sich als schlüssig, eben: "change the mind and you change the brain".
Und vor allem: der umgekehrte Weg (change the brain and you change the mind als pharmakologische Veränderung) ist der barbarischere (wenn vielleicht auch gelegentlich nicht vermeidbare). Jede Psychotherapie beginnt aber beim Respekt vor der Lebensgeschichte der Person und bei ihrer eigenen Sinngebung und ihrem Verständnis. Einseitige Pharmakotherapie verleugnet die Geschichte allzu häufig, beim "ADHS" oft mit dem schlicht dummdreisten und unwissenschaftlichen Hinweis auf eine "Stoffwechselstörung", "genetische Determination" oder "Unheilbarkeit".

Zur Enthistorisierung von Patienten s.a.:
Jantzen, Wolfgang & Lanwer-Koppelin, Willehad (Hrsg.) (1996). Diagnostik als Rehistorisierung. Berlin: Spiess/Edition Marhold.

Viele Grüße

Matthias




und sie schläft wirklich nicht; es gibt jetzt ein online-spiel von LILLY:

http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=061127039

GRUSS
BERTRAM



Hallo Matthias,
worauf Du hinweist, ist nur allzu wahr - aber nicht sehr beliebt, da es eine Menge Mühe und Arbeit bedeutet.

Der psychotherapeutische Ansatz "change your mind, change your brain" wird für die meisten Menschen am unmittelbarsten einsehbar, wenn eine Persönlichkeitsstörung vorliegt.

Wenn ein Kind missachtet, vernachlässigt oder gar geschlagen oder sexuell missbraucht wurde, dann wird man den daraus erfolgten psychischen Störungen mit einer "Pille" nicht abhelfen können. Ganz im Gegenteil: Wird eine solche Störung sofort medikamentiert, können zwar Symptome abklingen, aber die gestörte Psychodynamik kann damit verdeckt werden und die Störung folglich weder erkannt noch geheilt werden.

Kassandra





Kleine Ergänzung für die, die "in die Tiefe" gehen wollen:

http://www.systemisch.net/gedankenregister/hks-systemisch.htm

Lang, aber gut zu lesen, undogmatisch und sehr erhellend.

Sirrus



das wollte ich Euch doch mal zeigen, auch wenn es nicht genau ADHS-spezifisch ist:
liebe grüsse
globulus

Ärzteschaft kritisiert Informationspraxis der Pharma-Industrie
29.12.2006 20:14

München (dpa) - Die Ärzte kritisieren die Informationspraxis der Pharma-Industrie für Medikamente. «Zu vielen Medikamenten existieren kaum unabhängige Informationen - sogar in der Fachöffentlichkeit kursieren zu viele Halbwahrheiten», sagte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, dem Nachrichtenmagazin «Focus». Unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Verschreibungsfehler seien inzwischen die Ursachen für jede fünfte Klinikeinweisung.

«Neue Mittel werden flächendeckend vertrieben und verschrieben, obwohl man, etwa bei Krebstherapeutika, zum Zeitpunkt der Zulassung viel zu wenig weiß, wem sie wirklich nützen und wie sicher sie mittel- und langfristig sind», sagte Ludwig. Das Informationsmonopol der Pharmaindustrie müsse aufgebrochen werden. Die Industrie wende für Marketing und Vertrieb viel mehr auf als für Forschung und Entwicklung.

(Der Beitrag lag dpa im Wortlaut vor.)




Drum heißt es ja auch:

"Zu Risiken und Nebenwirkungen vergessen Sie die Packungsbeilage und erschlagen Sie Ihren Arzt oder Apotheker."

Kassandra



HI GLOBULUS UND IHR ANDEREN!
HIER EIN INTERESSANTES STERN-FORUM ZUM THEMA ÄRGER MIT DER PHARMAINDUSTRIE:

http://www.stern.de/blog/42_pharmablog

FUNDGRUBE!

GRUSS
BERTRAM



PS:
UND HIER NOCH DER ARTIKEL ÜBER GEWISSE TRICKSEREIEN MIT "ANWENDUNGSBEOBACHTUNGEN" IM GROSSEN STIL:

http://wap.stern.de/op/stern/de/ct/content/wirtschaft/581173/2





hi,
wie beeinflussbar die ärzteschaft von der pharmaindustrie ist, zeigt dieser artikel:

Nachrichten · Medizin
Studie: Wie Pharmareferenten das Verordnungsverhalten beeinflussen
Dienstag, 24. April 2007

San Francisco - Die meisten Ärzte empfangen Besuche von Pharmareferenten, doch die wenigsten würden sich wohl eingestehen, dass dies ihr Verordnungsverhalten verändert. Wie effektiv diese Form des Pharmamarketings dagegen in Wirklichkeit sein kann, zeigt eine Studie in PLoS Medicine (2007; 4: e134).

Das Antiepileptikum Gabapentin war Mitte bis Ende der 90er-Jahre in den USA nur zur Begleitbehandlung partieller Epilepsien und nur bis zu einer Dosis von 1800 mg/die zugelassen. In der klinischen Forschung wurde der Wirkstoff jedoch noch bei einer Reihe weiterer und häufigerer Erkrankungen diskutiert, darunter bei Migräne, Schmerzen und psychiatrischen Erkrankungen. Es bestand deshalb für den Hersteller ein wirtschaftlicher Anreiz, die Ärzte auf diese Off-label-Indikationen hinzuweisen. Dies ist in den USA gesetzlich verboten.

Später verklagte ein ehemaliger Angestellter die Firma, sich über dieses Verbot hinweggesetzt zu haben. Der Streit endete 2004 in einem außergerichtlichen Vergleich in Höhe von 430 Millionen US-Dollar. Nach US-Recht konnte die Gruppe um Lisa Bero, eine Expertin für Pharmamarketing, Einsicht in die Prozessakten nehmen. Dort fand sich auch die Studie eines Marktforschungsinstituts, das der Hersteller beauftragt hatte, um den Erfolg der Pharmareferenten zu überprüfen.

Die Firma konnte mit ihrer „sales force“ hoch zufrieden sein. Nach den Referentenbesuchen äußerten 36 Prozent der Ärzte die Absicht, dass sie das Medikament in Zukunft häufiger verschreiben werden. Stimulierend hat sich nach Ansicht von Erstautor Michael Steinman von der Veteranenklinik in San Francisco ausgewirkt, dass die Pharmareferenten bei 39 Prozent der Besuche Medikamentenmuster an die Ärzte abgaben. In 38 Prozent der Besuche hatten die Pharmareferenten wenigstens einen Off-label-Einsatz zum Hauptthema des Besuchs gemacht, was nach US-Recht verboten ist, selbst wenn die Initiative vom Arzt ausgegangen sein sollte. Das geht aus den Unterlagen allerdings nicht hervor.

Interessant ist die Erkenntnis, dass auch kurze Besuche Wirkung zeigten. Den Referenten abzuwimmeln, verhindert nicht unbedingt, dass das Medikament, für das dieser Werbung macht, zum Gesprächsthema in der Praxis wird.

In einem Policy-Artikel verrät eine ehemalige Pharmareferentin (einer anderen Firma), wie man am besten mit Ärzten umgeht, die keine Zeit haben (PLoS 2007; 4: e134). Der Weg führt dann über das Personal. Dieses stehe zwar meistens auf der Seite der Ärzte, aber kleine Geschenke würden eine erstaunliche Wirkung erzielen, schreibt Adriane Fugh-Berman. Dies gelte vor allem, wenn die Arzthelferin dann mit den Patienten über das neue Medikament spreche. Das Personal sei auch eine gute Quelle, um Informationen über das Verordnungsverhalten der Ärzte zu erhalten, um dann bei den seltenen Kontakten zum Arzt diesen gezielter in ein Gespräch zu verwickeln. © rme/aerzteblatt.de


gruss
bertram



Hyperaktive Kinder im Pillenrausch

Der Verbrauch des Betäubungsmittels Methylphenidat, das zumeist hyperaktiven Grundschülern verabreicht wird, hat sich abermals dramatisch erhöht. Das geht aus der neuesten, noch unveröffentlichten Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hervor: Wurden 1993 noch 34 Kilogramm verbraucht, waren es im vergangenen Jahr 1221 Kilogramm - eine Steigerung um 3591 Prozent.

Methylphenidat ist ein Psychopharmakon und in Produkten wie Ritalin, Medikinet oder Concerta enthalten. Es wird zunehmend Kindern verschrieben, denen Ärzte die umstrittene Diagnose "Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom" (ADS und auch ADHS) bescheinigen. Annette Streeck-Fischer, Chefärztin für Kinder-und Jugendpsychiatrie im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Tiefenbrunn, warnt: "Etliche Kinder werden sechs bis acht Jahre lang mit Methylphenidat behandelt und erhalten niemals eine psychotherapeutische Begleittherapie."

In den vergangenen Jahren sind weitere Methylphenidat-Produkte auf den Markt gekommen. Die Pillenschwemme geht offenbar auf systematisches Marketing unter Kinderärzten zurück. Der aktuelle "Arzneiverordnungs-Report" warnt "vor der Verordnung überhöhter Dosen sowie laxer lndikationsstellung". Aufklärungsbedürftig seien "häufiger aufgetretene optische Halluzinationen, plötzliche Todesfälle und nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignisse".

Quelle: DER SPIEGEL 22/2007, S. 136




Hallo Beppo,
nur kurz zu den „plötzlichen Todesfällen und nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignissen." Bei Amphetamin-Konsumenten ist nach einer Studie, nachlesbar hier: (Quelle: «Archives of General Psychiatry», Vol. 64, S. 495-502) mit einem verfünffachten Hirnschlagrisiko zu rechnen.

Deutsche Fassung hier: http://www.sprechzimmer.ch/sprechzimmer/Kinder_Teenager/Wie_wirken_Amphetamine_und_Kokain_auf_das_Hirn.php
Fazit des ganzen: „Amphetaminkonsum verfünffachte das Risiko für einen hämorrhagischen Schlaganfall, beeinflusste die Wahrscheinlichkeit eines ischämischen Hirnschlags aber nicht. Kokain verdoppelte dagegen das Risiko für beide Arten von Schlaganfällen, wie die Zeitschrift «Archives of General Psychiatry» berichtet. Die stimulierenden Drogen erhöhen den Blutdruck und können zudem zu einer Verengung der Blutgefäße beitragen. Die Forscher beunruhigt vor allem, dass der Konsum von Amphetaminen in den USA in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen ist.“

Warum beunruhigen solche Erkenntnisse nicht die Eltern ??

Grüße
Mitlesende





Warum beunruhigen solche Erkenntnisse nicht die Eltern ??

Weil der "Stoff" vom Arzt verordnet wurde. Der genießt schließlich Vertrauen. Und weil das ganz viele so machen. Dann kann es doch nicht verkehrt sein...

Und zu guter Letzt wird das Kind damit umgänglicher und kommt in der Schule besser mit. Wenn das nicht schlagende Argumente sind!

Seiten: 1 2 3 4 ... Ende Zurück zur Übersicht


Zum Café Holunder: