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Thema: ADHS gibt es nicht


Auf der sehr emphlenswerten website von Dr. Schmid (wurde hier schon mal kürzlich vorgestellt) findet sich ein hochinteressanter Artikel aus der FAZ über ADHS:
http://www.adhs-schweiz.ch/adhs/zeitgeschehen_adhs.htm



Aus diesem sehr lesenswerten Artikel der FAZ entnehme ich, dass Gehirnforscher in den USA jetzt bei sogenannten ADS-lern eine Verkleinerung des Hippocampus um ca. 7 Prozent festgestellt haben.
Vor einigen Jahren hat Dr. Swanson auf Grund von Gehirnscans festgestellt, dass bei ADS-lern Verkleinerungen in fast allen Gehirnteilen um 5-10 Prozent vorliegen, vor allem im Corpus Callosum, in den Basalganglien, in den Frontallappen und im Kleinhirnwurm.
Solche primitiven Größenmessungen sind einfach lächerlich.
Wenn es nur nach der Größe ginge, dann hätten alle Frauen ADS, weil sie ein um ca. 10 Prozent kleineres Gehirn als Männer besitzen.
Wenn es nur nach der Größe ginge, dann wären große Menschenaffen wesentlich intelligenter, denn sie besitzen ein fast so großes Gehirn wie Menschen.
Entscheidend ist hier wohl nicht die Größe, sondern die Leistung des Gesamtsystems des Zentralen Nervensystems, welches im übrigen nicht statisch ist, sondern sich fortwährend verändert (Neuroplastizität).
Fazit: Die Gehirnforschung steckt wirklich noch auf der untersten Stufe einer sehr hoch in den Himmel reichenden Treppe.
Kassandra



Error: richtig ist Vergrößerung des Hippocampus (nicht wie ich irrtümlich geschrieben habe, Verkleinerung).
K.



Hallo Kassandra,

die Gehirnforschung wird auch auf dieser Stufe stehen bleiben, wenn sie meint, dem "Bewusstsein" auf der Spur zu sein. Man findet dort nichts als Neuronen und nochmals Neuronen. Das ist wie mit der eigenen Nase: das Bewusstsein liegt immer direkt vor einem und nicht im Gehirn eines Anderen. Und eine "Größenmessung" ist in der Tat lachhaft. Selbst wenn man eine Korrelation neurophysiologischer Tatsachen mit irgendwelchen Verhaltens- oder Erlebensmerkmalen annimmt (was ich tue), dann wäre die Feststellung einer Gehirnauffälligkeit bei Menschen mit bestimmten auffallenden Verhaltensweisen als empirisches Zusatzwissen interessant, nicht aber, um irgendetwas vom Verhalten der Person zu verstehen. Prinzipiell ist zu jedem beliebigen Lebenszustand ein korrelierendes neurochemisches Profil eines Menschen denkbar. Ich könnte z.B. finden, dass sich bei Verliebten ein bestimmter Neurotransmitter oder ein Hormon irgendwo anhäuft (neben 30.000 anderen Dingen!) - hat man damit "das Verliebtsein" verstanden? Im Gegenteil, man hat es in dem Moment eliminiert, wo man behauptet, "Verliebtsein sei nichts als eine Neurotransmitterschwankung", in dem Moment hat man sein eigenes handwerkliches Kultur-Objekt verdinglicht und verabsolutiert und wieder ein Stück der verstehenden Kultur zerstört und mit technokratisch-erklärender Kultur ersetzt (wobei Erklärungen immer zu manipulativen Zwecken gesucht werden, und gerade nicht, um Verständnis zu erlangen). Deshalb heißt der naive Realismus mancher Hirnforscher und Naturwissenschaftler auch "eliminativer Reduktionismus", eine moderne Form der Barbarei, wenn man mich fragt. Eine Korrelationsfeststellung wäre auch - neben ihrer empirischen Zusatzinformation - schlicht tautologisch: das ist etwa so als würde ich feststellen, dass starke Männer statistisch signifikant überdurchschnittlich oft große Muskeln haben - ist das ein Beweis für deren "genetisch-biologische" Verursachung? Nein, natürlich nicht, dicke Muskelpakete sind genau so einverleibte Lebensbedingungen (häufiges Training) wie jedes andere Resultat permanenten oder wiederholten Verhaltens. Aber wie schon gesagt: Viele Hirnforscher und ähnliche Detailarbeiter sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht, d.h. sie sind blind für das Offensichtliche, Opfer einer "Narziss-Narkose" (McLuhan) für den kulturellen Charakter ihrer Tätigkeit, die sie für "absolut" nehmen. Sie merken nicht mehr, dass sie ihrer Vorstellung von einem "Eigentlichen" hinterherforschen, das nicht dort ist, wo sie suchen - so wie Kinder, die eine Puppe aufbrechen, um deren "Eigentliches" zu finden - aber die Puppe ist bloß zerstört, übrig bleibt nichts als ein Haufen Müll und das Kind weint. Und auf diese Weise will man sinnhaftes Verhalten von Menschen verstehen? Die Probleme von Kindern in schwierigen Lebenslagen? Oder womöglich das Wunder des Bewusstseins "entschlüsseln"? Naja.

Viele Grüße

Matthias

P.S.: Um Missverständnissen und unnötigen Diskussionen vorzubeugen - ich habe nix gegen empirische Forschung oder Hirnforschung, solange die Kirche im Dorf bleibt, und die Biologen und Mediziner sich auf ihr Handwerk beschränken, aber nicht noch Experten für sinnhaftes Verhalten von Menschen sein wollen. Das ist ein restaurativer Trend, der die Verhältnisse um die vorletzte Jahrhundertwende wiederholt, wo Psychoanalyse und Gestalttherapie die Psychophysiologen längst überfällig ablösten. Damals waren die akademische Psychologie und später auch Teile der Psychiatrie fortschrittlicher als heute, wo es heißt: zurück zur Biologie! Ich kann nur den Kopf schütteln, auch hier zeigt sich, dass Wissenschaft heute vor allem Technokratie, Geschäft und Politik ist.





Hallo Matthias,
in Anlehnung an ein Wort von Hugo von Hofmannsthal könnte man auch sagen:
Manche Gehirnforscher gleichen Affen, die immer hinter den Spiegel langen, als ob dort etwas zu finden wäre.
Viele Grüße
Kassandra



Lesenswert:

http://www.main-rheiner.de/region/objekt.php3?artikel_id=2622322



Hallo Beppo,

danke für den Hinweis, wunderbar!

Matthias



Matthias:
Ich könnte z.B. finden, dass sich bei Verliebten ein bestimmter Neurotransmitter oder ein Hormon irgendwo anhäuft (neben 30.000 anderen Dingen!) - hat man damit "das Verliebtsein" verstanden?


Ich muss deine Texte oft ein paarmal lesen und brauche manches Mal ein Lexikon dazu weil du so wissenschaftlich schreibst und sehr viele Fremdworte benutzt! Aber ich glaube ich verstehe meist was du meinst und ich glaube auch du hast sehr viel Ahnung von vielen Dingen.

Ich habe lange nachgedacht aber das Beispiel mit dem Verliebtsein verstehe ich noch nicht, auch schon das Beispiel mit den Tränen. Ich bin ja auch keines Falls überzeugt davon dass ADS nur durch die Biologie im Gehirn entstehen kann, also ohne andere Ursachen die mit reinspielen, aber bei mir ist das so ein Gefühl aus dem Bauch, wissen kann man es nicht sicher. Aber den vergleich mit der Liebe und den Artikel über das Tränen-syndrom finde ich auch nicht so besonders. Wenn die ADS Leute Recht haben, dann muss man doch den Fall für den Vergleich nehmen dass jemand zum Beispiel andauernd heult, es aber gar keinen Grund gibt weil überhaupt nichts schlimmes passiert ist. Wenn man das Weinen dadurch erklärt weil einer aus der Familie verstorben ist, dann stimmt dass natürlich aber es passt das Argument aus dem Artikel nicht gegen ADS, nämlich weil beim Vergleich zu ADS die richtige Frage heissen muss ob die Ursache aus der Biologie kommt, wenn man gar keine gründe für die Trauer findet. Dass behaupten doch die ADSbeführworter weil sie sagen das Verhalten bei ADS Symthomen hat nicht immer einen Grund in dem Leben des Betroffenden, sondern manches Mal kommt es NUR aus der Biologie und durch die Gene, und sogar wenn in seinem Leben und in seiner Familie Alles in Ordnung ist kann der ADS kranke gar nicht anders. Dieses braucht ja nicht stimmen, aber mit dem Tränenfall und dem Verliebtsein kann man ADS als Biologische Ursache nicht wiederlegen finde ich. Meine Meinung.

Hypiechonder





Hallo Hypiechonder,

ich kann leider nur kurz antworten:
es geht nicht darum, ob "situative Gründe" oder aber "rein Biologisches" irgendein Verhalten auslösen. Es geht darum, dass es diese Alternative überhaupt nicht gibt, sondern dass alles Verhalten immer eine Bedeutung im Leben des Betreffenden hat, also sinnhaft und kontextuell ist. Es gibt immer einen Grund für jedes Verhalten, auch sogenanntes "grundloses Weinen" gibt es nicht. Oft ist der Kontext, der zu einem Verhalten gehört nur einfach aus dem Blick oder der bewussten Erinnerung verschwunden. Der Körper ist bis in die letzten Fasern hinein im wahrsten Sinne des Wortes immer die Verkörperung und Ausdruck des Erlebens und der ganzen Existenz der Person. Das "Biologische" ist nur ein kleiner Teilausschnitt aus dem ungeteilten Ganzen, etwa so wie ein Skelett auch kein ganzer Mensch ist. Nimm an, jemand umarmt Dich: die biologische Beschreibung aller dazugehörigen Muskelbewegungen würde die Bedeutung dieser Geste völlig auslöschen, es ist im Gegenteil andersherum: alle Muskeln folgen dem beabsichtigten Sinn ganz spontan, und der Zusammenhang bestimmt die Bedeutung: wenn es Dein Vater ist ist es was anderes als wenn es Deine Freundin tut. Auch ein etwas merkwürdiger Mensch, der z.B. alle Bäume im Park umarmen würde, würde nicht wie ein biologischer Mechanismus ohne Subjekt handeln: auch das hat eine Bedeutung. Und so handelt kein sogenanntes "ADHS-Kind" (eine scheußliche Bezeichnung, oder?) wie eine willenlose "biologische Hülle" oder ein "kaputtes Gehirn auf zwei Beinen", sondern die Unruhe ist Ausdruck eines ganz bestimmten Verhältnisses zu sich selbst, den Anderen und der Welt. Eine sehr gute Methode, viele Menschen zu verstehen ist es, sich immer zu fragen: wie muss man sich fühlen, um sich so zu verhalten? Es gibt also zu jedem Verhalten, das man beobachtet immer die "Innenseite", und die ist prinzipiell für jeden irgendwie nachvollziehbar. Und weil jeder Mensch das Ergebnis seiner Geschichte ist, kann man sich auch fragen: was muss man erlebt haben oder dauernd erleben, um sich so zu verhalten?
Die Behauptung eines "genetisch vererbten kranken Gehirns" für unruhige oder unkonzentrierte Kinder ist primitiv und dumm und längst sogar von biologischen Erkenntnissen über den Zusammenhang von Erfahrungen und der Ausbildung von neuronalen Strukturen überholt. Die meisten, die diese dumme Behauptung begeistert aufnehmen, haben Angst davor, sich mit den Lebenserfahrungen der Kinder auseinander setzen, weil das mühsam und langwierig zu werden droht und außerdem vielleicht auch bedeutet, dass man selbst dabei ins Spiel kommt. Die "Biologie" ist nur ein plumpes Ablenkungsmanöver.

Viele Grüße

Matthias




Hallo Matthias,
Ja gut, hab ich mich vielleicht geirrt,ich hatte den Eindruck du willst mit den Tränen beweisen dass es biologisches ADS gar nicht geben kann. Denn dass es kein Weinen ohne Trauer gibt steht wahrscheinlich medizinisch fest, nehme ich mal an darüber wird gar nicht diskutiert. Nur dass es kein biologisches ADS, also ohne Gründe im Leben gibt ist doch sehr starkumstritten und darum geht es hier doch. Dass heisst wenn du beides vergleichen würdest für einen Beweis dass es kein ADS gibt würdest du ja schon vorausetzen dass genau wie bei den Tränen schon feststeht dass es kein eigenes ADS gibt, und dann beisst sich die katze leider in den Schwanz. Klar, wenn es wirklich kein ADS gibt und das schon bewiesen worden ist dann stimmt der vergleich mit den Tränen wieder, aber nur dann.

Wenn du also nur krittisieren wolltest dass die Leute immer gleich RitalinPillen verschrieben kriegen, trotzdem feststeht dass sie kein biologischesADS haben können (weils dass gar nicht gibt) sondern nur ganz normale Probleme, weil sie in der Familie falsch behandelt worden sind,stimme ich dir gerne zu.

Hypiechonder
(*kicher* weil du beim Umarmen von meiner Freundin gesprochen hattest: ich habe zwar eine freundin aber wir schmusen nicht "so", ich bin nämlich selber eine Frau und nicht.... du weisst schon *kicher*)




Mich gibt´s auch noch, hallo zusammen und auch von mir weiter alles Gute!

Hier mein 2007-Einstand:
http://www.zentrum-der-gesundheit.de/adhs.html



Hallo hypiechonder,
man muss nicht beweisen, dass es keine biologische (medizinische-morphologische-funktionelle-physiologische etc.) Ursache für ADHS gibt. Man muss stattdessen beweisen, dass es sie gibt, wenn man so etwas behauptet.

Und diesen Beweis gibt es nicht. Wer also weiterhin behauptet, es gäbe eine solche Ursache für ADHS, kann es ganz einfach wissenschaftlich nicht belegen.



Hallo Hypichonder(in),
deine Aussage, dass wahrscheinlich medizinisch feststeht, dass es kein Weinen ohne Trauer gibt, kann nicht unwidersprochen bleiben:

Es gibt Tränen aus Trauer,

aber auch das Gegenteil: Freudentränen,

es gibt Tränen der Rührung (wenn du z.B. eine ergreifende Szene in einem Film siehst),

es gibt falsche Tränen (Krokodilstränen),

und es gibt Tränen aus Berechnung (vor allem Mädchen lassen gern Tränen fließen, wenn sie damit rechnen, dass der andere dann ihren Wünschen nachgibt)

usw. usw.

Du siehst also: Tränen sind ein SYMPTOM, das auf die unterschiedlichsten Ursachen zurückgeführt werden kann.

Genauso ist es auch mit den "ADS"-Symptomen.

Viele Grüße
Kassandra

PS: Satiriker meinen allerdings, dass die an einer kirchlichen Trauung teilnehmenden weiblichen Gäste nicht deshalb weinen, weil sie von diesem Augenblick des Glückes überwältigt sind, sondern weil sie dabei an die trübe Zeit nach ihrer eigenen Hochzeit denken. Ich glaube an diese Version aber nicht.



Nachtrag zu den Ursachen von Tränen, diesmal aber nicht psychologische, sondern Umweltfaktoren:

Dir kommen die Tränen beim Zwiebelschneiden (außer du schneidest sie unter Wasser),

dir kommen die Tränen wenn dir eine Mücke ins Auge geflogen ist,

dir kommen die Tränen, wenn dir beim Schifahren der eisige Wind ins Gesicht weht (außer du trägst eine Schibrille),

um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Mir gefällt der satirische Beitrag von Matthias sehr gut, weil er am Vergleich mit der von ihm erfundenen nur symptom-orientierten "Tränen-Krankheit" genau die ebenfalls erfundene und nur symptom-basierte Diagnose ADS aufs Korn nimmt und sie als unmögliche Diagnose entlarvt.

Kassandra



An Kassandra:
Matthias hatte den Fall mit der Trauer bechrieben, daher habe ich das so wiederholt. Krockodilstränen sind doch nur so eine Redensart, aber klar gibt es auch Tränen aus Freude und Rührung und gespielte Tränen und von der Umwelt. Aber das ist doch nicht der Punkt bei der Diskussion. Wenn man ADS und Tränen vergleichen will und damit etwas beweisen möchte kommt es nur darauf an ob es für die Tränen einen Grund gibt (egal welcher ob Trauer oder Freude oder sonstwas) oder ob sie einfach so von selbst kommen weil im Gehirn etwas nicht so funktioniert wie die Biologie es normaler Weise programmiert hat. Also dann nehme in meinem Posting halt statt "dass es kein Weinen ohne Trauer gibt" jetzt "dass es kein Weinen ohne irgendeinen Grund gibt", dann wird wieder klar worauf es mir ankommt. Aber ich glaube jetzt ja sowieso nicht mehr dass Matthias ausgerechnet mit den Tränen beweisen wollte dass es ADS nicht geben kann, das hoffe ich jeden Falls.

An alpha:
Das ist wieder eine andere Frage wer wem was beweisen muss. Das kommt drauf an. Auch wenn ein nur von der Biologie und den Genen kommendes ADS nicht bewiesen ist (ist aber wie gesagt meiner Meinung nach noch nicht entgültig geklärt) hat man damit aber umgekehrt auch noch nicht bewiesen, dass es das NICHT gibt oder es gar nicht geben KANN. Also kommt es doch drauf an ob jemand für seine Argumente sich darauf beruft dass es definitiev kein ADS als Krankheit gibt (DASS müsste er dann schon selbst beweisen) oder ob er nur meint „kann sein, kann auch nicht sein, ich weiss es nicht, aber ich finde es unwahrscheinlich und ich glaube es erst wenn es von der Medizin hieb und stich fest bewiesen ist“ (das ist mein standpunkt zum Thema von ADS). Das ist finde ich ein riesen Unterschied! Dass die Erde eine Kugel ist war ja auch schon lange vorher wahr, als die Astrologen die es schon wussten und Recht hatten es bloss noch nicht beweisen konnten, aber alle anderen klugen Wissenschaftler haben sie nur ausgelacht. Also man muss schon aufpassen, dass Argument „ADS ist nicht bewiesen“ reicht mir persönlich nicht umzu behaupten dass es ausgeschlossen ist.

Hypiechonder


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