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Thema: Epigenetik: Erfahrungen verändern Gene


Hallo bertram,
ein guter link auf eine gute Darstellung! Ich schlage den Mods vor, daraus einen Beitrag für die Webseite zu machen.



hallo,

paßt im weitesten sinne auch zu diesem thread:

LEBENSSTIL SCHLÄGT GENE
http://www.netdoktor.de/News/Herzgesundheit-Lebensstil-s-1133955.html

gruss
bertram



Hall bertram,
die Autoren drücken sich dabei noch ziemlich milde aus. In Wahrheit tragen Gene nur ca. 5% zu Herzinfarkt bei, also 95% sind andere (Umwelt-)faktoren. Das zeigt den bisher völlig unterschätzten Umwelteinfluss auf Krankheiten und unsere Gene.



hi,
und die "gen-front" wartet mit (neuen?) erkenntnissen/studien auf:

http://www.netdoktor.de/News/ADHS-Zappelphilipp-Gen-entd-1134817.html

gruss
bertram



Alle paar Monate kommt einer mit der neuesten genetischen Ursache um die Ecke. Das wird langsam langweilig. Erst vor Kurzem hatten wir ja das hier:
Nonsense



Ich schalte mich mal als zweiter Biologe ein.

Es behauptet doch niemand ernstzunehmendes, dass die Gene unser Leben bestimmen. Sie beeinflussen unser Leben. Und jemand der naturwissenschaftlich denkt kennt den Unterschied der beiden Begriffe auch. Unsere Gene bestimmen unser Geschlecht und beeinflussen viele Krankheiten. Wie stark das ist kann man in den allermeisten Dingen allerhöchstens in jedem Einzellfall aufs Neue mit statistischen Aussagen beschreiben, nicht mit Ja oder Nein Aussagen. Genauso wie Rauchen nicht Krebs macht, sondern die Wahrscheinlichkeit beeinflusst an Lungenkrebs zu erkranken. Die Epigenetik entkräftig weder eine rein deterministische Philosphie, noch ging man jemals davon aus, dass alles in den Genen unabänderlich festgelegt ist. Epigenetik ist aus fachlicher Sicht hochinteressant, weil sie zeigt wie komplex die ganze Materie ist aber sie trifft keine allgemeingültige Aussage wie das manche hier zu denken scheinen. Unsere Welt ist eben nicht schwarz und weiß. Manche hätten es gerne so einfach. So ist es nicht. Gene und Erfahrungen ergänzen sich. Und sie beeinflussen sich. Im Falle der ADHS ist es so, dass weder eine rein genetische noch eine rein verhaltenspsychologische Störung vorliegt. Es ist eine Mischung. So wie bei vielen Dingen.




Zuletzt bearbeitet: 28.04.11 20:46 von di55e


ADHS ist es so, dass weder eine rein genetische noch eine rein verhaltenspsychologische Störung vorliegt. Es ist eine Mischung. So wie bei vielen Dingen.

Das ist doch trivial. Wichtiger ist doch die Frage, warum die Verhaltenspsychologie als Ursache von ADHS in der Wissenschaft so heftig ignoriert wird zugunsten einer völlig einseitigen biologistisch-genetischen Sicht. Leider bist du auch ein Vertreter dieser schlimmen Einseitigkeit.



Es stimmt doch garnicht, dass die Verhaltenspsychologie ignoriert wird und auf eine rein pharmakologische Therapie gesetzt wird. Zitat aus einem Fachartikel:

RESULTS: Greater levels of environmental adversity were associated with a greater risk for ADHD and other comorbidity in both genders in a dose-dependent fashion. However, learning disability and global functioning were modified by gender, with more detrimental effects observed in boys than in girls. Low social class, maternal psychopathology, and family conflict were significantly associated with psychopathology and functional impairment in the probands, with control for gender, parental ADHD, proband ADHD status, and maternal smoking during pregnancy. CONCLUSIONS: Psychosocial adversity in general and low social class, maternal psychopathology, and family conflict in particular increased the risk for ADHD and associated morbidity independently of gender and other risk factors, but gender modified the risk for adverse cognitive and interpersonal outcomes; boys were more vulnerable to the disorder than girls. Because of the difficulties in separating the effects of genetics from environment, these results must be interpreted as provisional until confirmation from twin and adoption studies.


Dies spiegelt sich auch darin wieder, was die Bundesärztekammer zB für die ADHS-Therapie im Erwachsenenalter vorsieht:

Aus der Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter leitet sich noch keine Behandlungsnotwendigkeit bzw. eine bestimmte Art der Behandlung ab. Die Entscheidung für eine Behandlung bzw. die Wahl einer spezifischen Behandlung ist abhängig vom Ausprägungsgrad einer ADHS, von den psychischen und sozialen Beeinträchtigungen sowie der Relevanz der Symptome im Kontext vorhandener Ressourcen.

Es wird empfohlen, eine Behandlung spätestens dann zu beginnen, wenn in einem Lebensbereich ausgeprägte Störungen oder in mehreren Lebensbereichen leichte Störungen oder krankheitswertige psychische Beeinträchtigungen bestehen, die eindeutig auf eine ADHS zurückgeführt werden können.

Hierzu sollte deswegen vor Behandlungsbeginn erfasst werden:

Hauptsymptomatik und Grad der Beeinträchtigung durch diese
Überprüfung der verschiedenen Funktionsebenen "Ausbildung oder Beruf, Alltag, emotionale Anpassungsfähigkeit, familiäre Beziehungen, Sozialverhalten".

Bei komorbiden Störungen richtet sich die Therapie immer auch auf die komorbide Störung und nach den o.g. Kriterien auf die ADHS.

Aufklärung des Patienten, seines Partners und / oder anderer wichtiger Bezugspersonen über das Krankheitsbild und Beratung zu beruflicher Situation und Verhaltensregeln sind unabhängig von einer spezifischen Therapie immer notwendig.

Spezifische Behandlungsoptionen sind pharmakologische Therapien und psychotherapeutische Verfahren.
Die Stimulanzienbehandlung mit Methylphenidat ist auch im Erwachsenenalter die Therapie der ersten Wahl. Die Verschreibung von MPH unterliegt bekanntlich der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung. In Deutschland sind Stimulanzien für die Indikation ADHS im Erwachsenenalter nicht zugelassen, werden aber im Rahmen eines individuellen Heilversuches verordnet.
[...]

Das mögliche Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial von MPH wurde immer wieder diskutiert; bei korrekter Indikationsstellung und sachgerechter Anwendung scheint kein erhöhtes Missbrauchs- oder Abhängigkeitsrisiko zu bestehen. Bei komorbider Suchterkrankung wird eher zum Einsatz von Pharmaka vom Nicht-Stimulanzien-Typ geraten.
[...]
Alternative medikamentöse Strategien umfassen den Einsatz von Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmern bzw. Antidepressiva mit dualem Wirkprinzip (Substanzen wie Venlafaxin als ein kombinierter Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie auch Bupropion als ein kombinierter Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (185)); sie gelten als Therapie der zweiten Wahl. In den USA ist Atomoxetin in der Indikation ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zugelassen.
[...]

Hinsichtlich der Anwendung psychotherapeutischer Verfahren wird in Anlehnung an die Erfahrungen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie empfohlen, störungsspezifisch vorzugehen. Die Psychotherapie sollte mit einer Pharmakotherapie kombiniert werden, da erfahrungsgemäß einige Symptome (z. B. Aufmerksamkeit, emotionale Instabilität) eher der Pharmakotherapie und andere eher einer Psychotherapie (z. B. Organisationsverhalten, Verhalten in Beziehungen) zugänglich sind.


Die moderne Medizin bzw. Psychatrie lehnt den verhaltenspsychologischen Ansatz in keiner Weise ab!

Auch interessant - was passiert, wenn adoptierte Kinder untersucht werden?

Adoptive and Biological Families of Children and Adolescents With ADHD.

Author/s: Susan Sprich
Issue: Nov, 2000

ABSTRACT

Objective: Using an adoption study design, the authors addressed the issue of genetics in attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD).

Method: This study examined the rates of ADHD and associated disorders in the first-degree adoptive relatives of 25 adopted probands with ADHD and compared them with those of the first-degree biological relatives of 101 nonadopted probands with ADHD and 50 nonadopted, non-ADHD control probands.

Results: Six percent of the adoptive parents of adopted ADHD probands had ADHD compared with 18% of the biological parents of nonadopted ADHD probands and 3% of the biological parents of the control probands.

Conclusion: Results of this study lend support to the hypothesis that ADHD has a genetic component. J. Am. Acad. Child Adolesc. Psychiatry, 2000, 39(11):1432-1437. Key Words: adoption, attention-deficit hyperactivity disorder, family study.



Zuletzt bearbeitet: 29.04.11 01:53 von di55e


Es stimmt doch garnicht, dass die Verhaltenspsychologie ignoriert wird und auf eine rein pharmakologische Therapie gesetzt wird.

Bitte meine Aussage nicht verdrehen! Ich sprach von der Wissenschaft, der Forschung. Und da geht es durchaus extrem biologistisch zu, genau wie bei Dir auch. Wenn dem nicht so ist, dann kannst Du uns sicher ein paar Studien zur Frage nennen, welche biografischen Einflüsse und Erfahrungen im Leben eines Menchen ADHS auslösen.
Ich bin gespannt!



Eine findest du ja schon oben.

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1651-2227.2007.00430.x/full


Summary
Although a substantial fraction of the aetiology of ADHD is due to genes, the studies reviewed in this article show that many environmental risk factors and potential gene–environment interactions also increase the risk for the disorder. Although dietary factors have not been shown to increase the risk for ADHD, exposure to substances, such as lead, cigarette smoke, alcohol and PCBs has been shown to increase risk across several studies, and foetal exposure has been established as a critical period for increasing that risk. Pregnancy and delivery complications leading to hypoxia have also been implicated in many studies as has low birth weight. Psychosocial adversity in the home environment and low social class also appear to play a role in the aetiology of the disorder. In contrast, viewing television has not been shown to be a significant risk factor for ADHD



http://archpsyc.ama-assn.org/cgi/content/abstract/52/6/464


Background
This study investigated whether familyenvironment risk factors are associated with attentiondeficit hyperactivity disorder (ADHD). Compelling work by Rutter and coworkers revealed that it was the aggregate of adversity factors (severe marital discord, low social class, large family size, paternal criminality, maternal mental disorder, and foster care placement) rather than the presence of any single factor that led to impaired development. Based on the work of Rutter, we hypothesized a positive association between indicators of adversity and the diagnosis of ADHD and ADHD-associated impairments.

Methods
We studied 140 ADHD and 120 normal control probands. Subjects were non-Hispanic white boys between the ages of 6 and 17 years. Rutter's indicators of adversity were used to predict ADHD-related psychopathology as well as impaired cognitive and psychosocial functioning.

Results
The odds ratio for the diagnosis of ADHD increased as the number of Rutter's adversity indicators increased. Higher scores on Rutter's adversity index predicted ADHD-related psychopathology (depression, anxiety, and conduct disorder), learning disabilities, cognitive impairment, and psychosocial dysfunction.

Conclusions
A positive association appears to exist between adversity indicators and the risk for ADHD as well as for its associated psychiatric, cognitive, and psychosocial impairments. These findings support the work of Rutter and stress the importance of adverse family-environment variables as risk factors for children with ADHD.


http://archpsyc.ama-assn.org/cgi/content/abstract/52/6/464

Psychosocial adversity

Perhaps the most compelling example of the delineation of psychosocial risk factors for childhood mental disorders comes from Rutter’s now classic studies of the Isle of Wight and the inner borough of London (Rutter et al 1975). These studies examined the prevalence of mental disorders in children living in two very different geographical areas. This research revealed six risk factors within the family environment that correlated significantly with childhood mental disturbances: a) severe marital discord; b) low social class; c) large family size; d) paternal criminality; e) maternal mental disorder; and f) foster placement. This work found that it was the aggregate of adversity factors, rather than the presence of any single one, that impaired development. Biederman et al (1995a) found a positive association between Rutter’s index of adversity and ADHD, measures of ADHD-associated psychopathology, impaired cognition, and psychosocial dysfunction.

Other cross-sectional and longitudinal studies have identified variables such as marital distress, family dysfunction, and low social class as risk factors for psychopathology and dysfunction in children. For example, the Ontario Child Health Study showed that family dysfunction and low income predicted persistence and onset of one or more psychiatric disorders over a 4-year follow-up period (Offord et al 1992). Some studies implicate low maternal education, low social class, and single parenthood as important adversity factors for ADHD (Barkley 1990). These studies suggest that the mothers of ADHD children have more negative communication patterns, more conflict with their child, and a greater intensity of anger than do control mothers.

Biederman et al (1995b) showed that chronic conflict, decreased family cohesion, and exposure to parental psychopathology, particularly maternal psychopathology, were more common in ADHD families compared with control families. Moreover, increased levels of family-environment adversity predicted impaired psychosocial functioning. Measures indexing chronic family conflict had a more pernicious impact on the exposed child than those indexing exposure to parental psychopathology.

Notably, although many studies provide strong evidence for the importance of psychosocial adversity for ADHD, these factors tend to emerge as universal predictors of children’s adaptive functioning and emotional health, not predictors that are specific to ADHD. Thus, they can be conceptualized as nonspecific triggers of an underlying predisposition or as modifiers of the course of illness.

Although intriguing, these studies implicating psychosocial causes must be interpreted cautiously. Measures of adversity such as low social class, family conflict, and paternal criminality may be effects of the same genes that cause ADHD rather than independent causes of the disorder. Indeed, many twin studies of putative measures of the environment have shown them to have a substantial genetic component (Plomin and Bergman 1991).


(Anmerkung: Hier hast du Recht, der Autor stellt in Frage, ob die Familienprobleme Resultat der gemeinsamen Gene sind oder ob sie tatsächlich die Krankheit beeinflussen - ein begründeter Einwand wie ich finde)

http://www.sciencedirect.com/science?_ob=ArticleURL&_udi=B6T4S-3V8KT5V-T&_user=929460&_coverDate=11%2F15%2F1998&_rdoc=1&_fmt=high&_orig=gateway&_origin=gateway&_sort=d&_docanchor=&view=c&_searchStrId=1735005222&_rerunOrigin=scholar.google&_acct=C000048339&_version=1&_urlVersion=0&_userid=929460&md5=0a5d90aec347bc91afbf0e0757d98571&searchtype=a



Zuletzt bearbeitet: 29.04.11 12:05 von di55e
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