Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Meine Sicht auf AD(H)S


Hallo liebe User dieses Forums,

ich bin studierter Biologe, mit dem Hauptfach Neurobiologie und nun, wo es auf meine Doktorarbeit zugeht, sehe ich mich mit Aufmerksamkeitsproblemen konfrontiert, die ich wohl schon immer hatte, die jedoch nie so ein großes Problem darstellten, dass ich mich in meiner Lebensqualität eingeschränkt fühlte. Nun, wo ich mich vor größere Herausforderungen gestellt sehe muss ich einsehen, dass ich Schwierigkeiten habe, auf die ich anscheinend auch keinen bewussten Einfluss ausüben kann. Dies war der Grund, wieso ich zum Arzt ging und eine Überweisung zu einem Psychiater erhielt, der sich mit der Thematik ADHS beschäftigt.

Nun, da ich vom Fach bin und das entsprechende Wissen besitze, die Datenlage einzuschätzen sehe ich mich nun dazu verpflichtet, mich über dieses Krankheitsbild besser zu informieren, bevor ich eine eventuell einschneidende medikamentöse Behandlung über mich ergehen lasse. Ich muss ganz klar sagen, dass aus Sicht von jemandem wie mir, der medizinische Sachverhalte ähnlich gut nachvollziehen kann wie ein Arzt auch eine gewisse Skepsis gegenüber diesen Dingen besteht. Vor allem dann, wenn ich bemerke, dass sich die gegenwärtige Diagnostik sehr stark auf Fragebögen, Verhaltensbeobachtungen und eher selten auch auf konkrete psychometrische Tests beschränkt. Da kann ich die Kritik hier im Forum sehr gut nachvollziehen, denn sagen wir mal so, die Ärzte kochen meist auch nur mit Wasser und ich will den Anteil der Fehldiagnostik garnicht erst erfahren.

Hier geht es meinem Eindruck nach jedoch um wesentlich grundlegendere Dinge - die Frage, ob ADHS als reales Krankheitsbild tatsächlich existent ist. Man akzeptiert grundsätzlich ungefragt, was die moderne Medizin als Krankheit beschreibt sowie die angebotenen Behandlungsmöglichkeiten. Und gerade WEIL ich einen Einblick in die Interessen der Pharmaindustrie habe kann auch ich Bedenken dahingehend durchaus nachvollziehen, dass die Pharmaindustrie Interessen in diesem Gebiet einbringen könnte, die im Kern nichts mit einer Hilfeabsicht zu tun haben.

So habe nun auch ich angefangen, mich näher in die Thematik einzuarbeiten. Und ich rede da nicht von Tertiärliteratur, populärwissenschaftlichen Büchern, geschrieben von irgendwelchen Ärzten, sondern ich rede von Primärliteratur und Sekundärliteratur, dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Dinge, wie sie außerhalb eines Universitätsnetzwerkes nicht so einfach zu bekommen sind und für den Laien schwer bis nicht verständlich. Ich will wissen was ich da habe bzw. evtl. nehmen werde und wie ich es einzuschätzen habe.

Man muss sagen, das Problem ergibt sich bereits in der Komplexität der Thematik. Das ist nichts, was man mal eben googelt und dann erhält man eine gute Umschreibung des gängigen Stands der Dinge. Dazu ist der gesamte Sachverhalt schlicht zu komplex und zu schwierig für jemanden zu verstehen, der kein Fachwissen besitzt. So komplex, dass auch die Fachwelt von einem umfangreichen Verständnis entfernt ist (was jedoch zu unterscheiden ist davon, garkein Verständnis zu besitzen, dem ist definitiv nicht so).

Ich möchte soweit gehen zu behaupten, dass quasi kein normaler Arzt dieses Verständnis besitzt. Es gibt auch hier quasi eine Regional-, Bundes- und internationale Liga, und die wenigsten von uns werden irgendjemandem aus den höheren Ligen begegnen (die behandeln nämlich meist nicht mehr selbst).

Für mich gilt es, im Endeffekt zwei Fragen zu beantworten:

1. Ist ADHS ein legitimes Krankheitsbild, welches Behandlung bedarf?

2. Ist die gängige Diagnostik ausreichend, eine Aussage zu treffen und die Behandlungsmethoden als sinnvoll zu bewerten?

Zu 1.:

Am Anfang möchte ich eine kleine Anmerkung machen. Ich bin Biologe. Deswegen sehe ich die Dinge vielleicht etwas "naturalsistischer" als andere. Soll im Konkreten heißen, dass der Begriff "Krankheit" für mich eine generelle, menschliche Definitionssache ist. Es gibt in der Natur kein krank und normal. Es gibt viele verschiedene Ausprägungen in allen denkbaren Weisen und manche funktionieren besser, andere eben nicht. Es gibt Krankheitserreger, die tödlich sind, genauso gibt es Abweichungen von dem Durchschnitt, die tödlich sind. Es sollte klar sein, dass eine Krankheit weder tödlich noch durch einen Krankheitserreger ausgelöst sein muss, um negativ für den Betroffenen zu sein. Die Übergänge sind fließend, irgendwo ist die Grauzone, wo man nicht mehr genau sagen kann, ob jetzt etwas eine so starke Einschränkung ist, dass es als Krankheit bezeichnet werden muss oder nicht. Deswegen ist das Wort Krankheit eine reine Definition, genauer eine Definition die durch die Weltgesundheitsorganisation im ICD10-Katalog geregelt ist. ADHS steht in diesem Katalog, ist somit definitionsgemäß eine Krankheit. Das ist die Definition, keine Wertung. Die Wertung, ob es behandlungsbedürftig ist oder nicht ist eine andere Diskussion und da muss man wohl am ehesten die Betroffenen fragen, was sie für Erfahrungen machen. Wenn die Behandlung hilft, die Lebensqualität zu verbessern ist es meiner Meinung nach egal, wie das definiert wird, dann wird den Menschen geholfen. Nur soviel zu meiner persönlichen Meinung zum Krankheitsbegriff.

Nun, ich will zum Hintergrund des Ganzen ein bisschen (mehr) was schreiben, ich habe mich nun ein wenig in die aktuelle Forschung (aktuell = Artikel vom 13.4.2011, ahead of print, noch unveröffentlicht aber im Netz verfügbar) eingelesen. Für Interessierte hier meine maßgebliche Quelle, der Artikel "Cingulate, Frontal, and Parietal Cortical Dysfunction in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder " aus dem Fachmagazin "Biological Psychiatry" zu finden unter http://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0006-3223(11)00079-5 für diejenigen mit einem Abbonnement der Zeitschrift. Es ist ein review-Artikel, also eine Zusammenfassung eines Sekundärautors über (in diesem Falle 111) verschiede Primerliteraturartikel um den Fachleuten einen Überblick in den gegenwärtigen Kenntnisstand zu gewähren ohne dass sie sich jeden einzeln anschauen müssen. Dieser Artikel, zusammen mit meinem eigenen Wissen, sowie den entsprechend dort angegebenen Quellen wird Quelle für meinen Text sein, ich bitte zu verzeihen, dass ich zu faul bin wissenschaftlich korrekt jegliche Behauptung mit Quellenangabe zu versehen, wer diese dennoch haben will darf sich gerne den Text kaufen und dort alles nachrecherchieren, ich werde hier nichts aus dem Blauen heraus behaupten.




Ich denke über die beschriebene Symptomatik der ADHS-Störung brauche ich hier nichts weiter zu schreiben, ich gehe davon aus, dass sie weitestgehend bekannt ist. Wenn im Text von ADHS Patienten die Rede ist, so sind Patienten gemeint, die mit gängiger Diagnostik nach Definition des ICD10/DSMIV Katalogs eine Aufmerksamkeitdefizitstörung aufweisen. Über die Qualität der Diagnose sagt das noch nichts aus, sie sind halt nur diagnostiziert.
Der von mir beschriebene Artikel befasst sich vor allem mit Erkenntnissen bezüglich des sogenannten cingulo-frontal-parietalen Netzwerkes (CFP) und seiner Bedeutung in der ADHS. Dies bildet auch nur einen kleinen Teil der komplexen Neurobiologie dahinter ab, sollte aber genügen Aufschlüsse über die oben gestellten Fragen zu gewinnen.
Beim CFP handelt es sich um eine Sammlung verschiedener Hirnregionen, die bei der Entstehung von Bewusstsein/Aufmerksamkeit eine Rolle spielen.

http://img706.imageshack.us/i/unbenanntgoo.jpg/

Der daMMC (rot) zum Beispiel besitzt eine Rolle in Aufmerksamkeit, bewusster Prozessierung von Informationen, Erkennung von Neuem, Auswahl von Reaktionen, Unterdrückung von Reaktionen, Fehlerdetektion und Motivaton. Seine grundlegende Aufgabe scheint eine rückmeldungsbasierte Entscheidungsfunktion zu sein. Er erhält Informationen aus unterschiedlichen Bereichen des Gehirns und verrechnet Belohnungsreaktionen sowie Bewegungsausführung miteinander. Er identifiziert motivatorisch wichtige Ziele und Aufgaben und spielt eine sehr zentralle Rolle in der effizienten Entscheidungsfindung und Ausführung.

Wenn die Neurobiologen über Gehirnareale solch eine Aussage treffen, dann beruht die nicht (ausschließlich) auf Erkenntnissen aus ADHS Patienten, sondern aus unzählig vielen Mensch- und Tierexperimenten mit verschiedensten bildgebenden und elektrischen Messverfahren mit speziell für diese untersuchten Funktionen zugeschnittenen Tests. Es wird nicht nur kontrolliert, wann was aktiv ist, sondern es ist aus vielen unterschiedlichen Experimenten bekannt, welche Sprache die Hirnareale miteinander sprechen (sprich, welche Neurotransmitter wo eine Rolle spielen – wie zB Dopamin oder Noradrenalin als kleines Beispiel) und mit Medikamenten deren Wirkungsweise auf diese „Sprachen“ genauestens bekannt ist werden bestimmte Sprachen stummgestellt um zu sehen, was in der Folge passiert. Die gegenwärtige Forschung ist im Detail sehr weit, im Gesamtverständnis sind wir auch recht nahe daran (oder sehr weit davon weg, bedenkt man, dass das Gehirn die komplexeste Struktur ist, die der Mensch kennt), ein grobes Verständnis davon zu bekommen wie bestimmte psychologische Funktionen auf Basis des Gehirns ablaufen.

ADHS-Patienten zeigen in mehreren bildgebenden Studien eine Unterfunktion dieses Areals bei speziell zugeschnittenen Testaufgaben im Vergleich zu gesunden Menschen. Sie zeigen außerdem eine verminderte Funktion in weiteren mit dem CFP assoziierten Arealen, die ähnliche Funktionen durchführen, so dem DLPFC, VLPFC, superioren Parietalkortes, Nucleus caudatus und dem Thalamus.

Weitere Strukturen wurden ebenfalls als beeinträchtigt beschrieben, so ein verringertes Volumen (kleiner als beim Gesunden) in zingulärem Kortex, und lateralem präfrontalem Kortex. Sowohl behandelte als auch unbehandelte ADHS-Patienten zeigten geringere Volumina des daMCC.
Behandlung mit Methylphenidat (Ritalin) erhöht die Aktivierung des daMCC im Vergleich zum Placebomedikament. Eine Behandlung damit scheint nach gewisser Zeit außerdem Veränderungen im biochemischen Gleichgewicht anderer Substanzen in diesem Areal zu bewirken. Methylphenidat wirkt auf die Dopamin und Noradrenalinkonzentration durch Hemmung der Rückaufnahme und somit steht mehr davon zur Verfügung.

Dopamin hat Einfluss auf die Aufmerksamkeit, das Bewusstsein, indem es Reize und Störeffekte gegeneinander filtert.
Methylphenidat erhöht auch die Dopaminkonzentration auf ähnliche Weise wie es dies mit dem Noradrenalin tut.
Generell geringere Dicke der Rinde wurde bei ADHS-Patienten auch festgestellt für den orbitofrontalen Kortex, inferioren präfrontalen Kortex und den posterioren Parietalkortex.
Frontotemporale physiologische Unterschiede betreffen die Leistung in Gedächtnistests bei ADHS-Patienten.
Zusätzlich ist anzumerken, dass interessanterweise psychosozialer Stress die Kommunikation der Gehirnareale untereinander ebenfalls negativ beeinflusst. Insofern könnte der Stress, den Patienten durch die Auswirkungen erfahren ebenfalls die Symptimatik weiter verschlimmern und zeigen, dass andere Ansätze wie zum Beispiel Meditationstechniken und andere stressreduzierende, psychische Maßnahmen durchaus auch einen medizinischen Sinn haben können.

DLFPC und VLFPC besitzen Aufgaben in der allgemeinen Wachsamkeit, selektiver und geteilter Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeitsverschiebung, Planung, ausführenden Funktionen und Ultrakurzzeitgedächtnis sowie Hemmung von Verhalten. Sie hemmen unangemessene motorische Aktivität.

Entwicklungsverzögerungen in der Dicke der Hirnrinde des DLPFCs wurden in ADHS-Patienten festgestellt.

Methylphenidat erhöht die Aktivierung von DLFPC und VLFPC.
Atomoxetin, ein relativ neues Medikament, welches hauptsächlich die Noradrenalinwirkung verstärkt, verbessert das Abschneiden und die VLFPC Aktivierung in spezifischen Tests in ADHS-Patienten im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Testpersonen mit einer bestimmten genetischen Variante des Dopamintransporters schnitten in Tests die auf die Funktionen des daMCC abzielten schlechter ab, als welche mit einer anderen Variante und die erste Variante war gehäuft in Verbindung mit ADHS zu finden. Dieser Transporter könnte ein Faktor sein, Betonung auf „könnte“ und „ein“. Wenn dann ist die Krankheit genauso wie die Symptomatik auf psychischer auch auf körperlicher Ebene hochkomplex und nicht auf ein Gen zurückzuführen. Es is eine weitere Variante eines Dopaminrezeptors bekannt, der ebenfalls in verbindung mit ADHS und schlechterem Abschneiden in spezifischen Aufgaben im Zusammenhang steht.



Zuletzt bearbeitet: 28.04.11 19:28 von di55e


Vielleicht haben manche garnicht bis hier gelesen. Es ist eben komplex, unglaublich komplex.

Aber Tatsache ist, die Antwort auf die erste Frage muss wohl lauten:

Ja, es gibt ein Krankheitsbild, das rechtfertigt, ADHS eine legitime Krankheit zu nennen. Ein Haufen Indizien zeigen nicht nur Verhaltens- sondern auch körperliche Unterschiede in den Patienten gegenüber Patienten, es ist demnach wohl nicht so, dass sie nur nie gelernt haben, es ist sicherlich auch so, dass sie es zu großen Teilen nicht optimal lernen konnten. Psychische UND körperliche Ursachen vermischen sich hier. Körperliche Ursachen verstärken psychische und somit wird das Problem für die Betroffenen nur noch schlimmer. Das heißt nicht, dass medikamentöse Behandlung der einzige Ausweg ist, es heißt aber, dass gängige Medikamente nachweislich Besserung erbringen und diese Wirkung keine Erfindung der Pharmaindustrie ist.

Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei?

In diesem Zusammenhang kann man das nicht genau sagen, die Menschen sind sicherlich nicht alleine Schuld daran, wie sie sind, bzw. ihr Umfeld. Aber – diese Faktoren ergänzen und verstärken sich gegenseitig, das Ergebnis ist ein Mischphänomen aus körperlichen und verhaltenstechnischen Ursachen. Wie so häufig lässt sich die Grenze zwischen Körper und Geist nicht klar ziehen, ich persönlich bin sowieso der Meinung, dass sie beides dasselbe sind. Aber das ist eine philosophische, keine wissenschaftliche Diskussion. Es ist sicherlich falsch den Menschen einen Vorwurf zu machen, weil sie so sind wie sie sind und ihnen selbst die Schuld an ihrem Verhalten zu geben. Diese Menschen haben es schwerer als andere, ihr Verhalten zu ändern, was nicht ausschließt dass sie es können und dass es sinnvoll sein kann mit Medikamenten nachzuhelfen. Die Hinweise auf körperliche Zusammenhänge und eine reale Existenz des Phänomens ADHS ist jedoch unabstreitbar, gemessen an den klinischen Daten.

Zu 2.:
Hier ist der Knackpunkt, ist jeder mit ADHS-Diagnose auch ein wirklicher ADHS-Patient? Ich persönlich denke, dass die Dunkelziffer sehr hoch liegt. Die hier in den Versuchen angewendeten Verfahren sind für die Allgemeindiagnostik nicht tragbar, so eine Aufnahme ist viel zu teuer als dass man sie für alle Patienten bezahlen könnte. Bleibt die Frage, ob die gängige Diagnostik ausreicht. Ich denke, es ist klar, dass die diagnostischen Verfahren dringender Verbesserung bedürfen um Fehldiagnosen auszuschließen. Jedoch ist es nunmal das Beste, was wir zur Zeit tun können, die Studien zeigen, dass die diagnostischen Instrumente nicht ganz falsch liegen können, wenn sich ein so klar unterschiedliches Bild zwischen diagnostizierten und Kontrollgruppen ergibt. Die Frage ist nur wie gut sind die diagnostischen Mittel wirklich und dazu habe ich bis jetzt noch nicht allzuviel gelesen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Fehldiagnoserate astronomisch hoch ausfällt, zumal auch viele Ärzte nicht genügend Erfahrung haben, die Krankheit zu diagnostizieren und es trotzdem tun werden. Ich bin froh, selbst an einen Arzt geraten zu sein, den ich für kompetent und nicht vorschnell urteilend halte. Nicht jedem ist es gegeben, das auch erkennen zu können. Insofern ist die Kritik auf dieser Seite teilweise wohl sehr berechtigt.

Andererseits aber auch nicht, da ein vollkommenes Abstreiten des Problems einfach nur Ignoranz gegenüber der Datenlage ist. Für viele der Patienten stellt die Medikamentierung eine große Erleichterung dar und diese ist für den Fall eines echten ADHS auch begründet. Die WHO liegt in meinen Augen schon richtig, das Krankheitsbild anzuerkennen.

Ich hatte ein wenig Bedenken, hier zu schreiben, weil es sich um ein sehr radikales Forum meiner Einschätzung nach handelt. Erfahrungsgemäß ist es nicht sinnvoll, eine differenzierte Meinung in von "Fanatikern" besiedelten Foren kundzutun, da jegliche vernünftige Argumentation aus ideologischen Gründen im Keim erstickt wird. Kurz gesagt - man braucht bei einem Holocaustleugner keine differenzierte Auseinandersetzung mit Geschichte zu erwarten und das Internet ist beliebig voll mit mehr oder weniger abgeschwächten Formen dieser Art des "Faktenideologismus". Nun, dennoch möchte ich hier meine Meinung kundtun, eventuell interessiert es ja jemanden, ich selbst sehe für mich eher den Vorteil, dass ich etwas lerne, denn wir lernen am besten indem wir anderen etwas beibringen.

Insofern freue ich mich über jeden, der das ernsthaft gelesen hat und sich wagt, damit vernünftig auseinanderzusetzen.




Zuletzt bearbeitet: 28.04.11 19:24 von di55e


Lieber di55e,
danke für Ihren differenzierten und langen Beitrag, der allerdings für uns hier nichts Neues bringt. Vor allem versäumen Sie die Antwort auf zwei Kernfragen:

1. Sind die bei ADHS festgestellten hirnorganischen Besonderheiten nicht nur Niederschläge spezifischer biografischer Erfahrungen (Stichwort: Neuroplastizität, zu der Sie rein garnichts schreiben)? Wenn ja, wären sie nicht Ursache, sondern Folge. Dann wäre ADHS nichts anderes als so etwas wie eine Neurose im psychoanalytischen Sinne bzw. eine psychogene Verhaltensstörung im Sinne der Lernpsychologie.

2. Sind die bei ADHS diagnostizierten psychischen und hirnorganischen Befunde spezifisch? Denn nur dann würde sich die Behauptung einer eigenständigen Störung/Krankheit rechtfertigen. Oder sind sie nicht vielmehr unspezifisch, multikausal und multiätiologisch? Dann gibt es so etwas wie ADHS eben nicht als eigene Störung, sondern bestenfalls als ein unspezifisches und willkürlich herausgegriffenes Symptomenbündel.



Die Studie "Primary cortical folding in the human newborn: an early marker of later functional development"

http://brain.oxfordjournals.org/content/131/8/2028.short

besagt zum Beispiel:

In the human brain, the morphology of cortical gyri and sulci is complex and variable among individuals, and it may reflect pathological functioning with specific abnormalities observed in certain developmental and neuropsychiatric disorders. Since cortical folding occurs early during brain development, these structural abnormalities might be present long before the appearance of functional symptoms.

[...]
we showed that these structural measurements of the brain at birth are predictors of infants’ outcome at term equivalent age, for MRI-based cerebral volumes and neurobehavioural development evaluated with the assessment of preterm infant's behaviour (APIB).


Fazit dieser Studie: Späteres Abschneiden in Tests, die auf Symptomatiken neuropsychiatrischer Fehlfunktionen abzielen lässt sich bereits im Mutterleib durch Beobachtung der Hirnentwicklung zu einem gewissen Teil vorraussagen, darunter auch ADHS. Genetische Faktoren sind nicht die einzigen, die hier eine Rolle spielen, so ist zum Beispiel Rauchen während der Schwangerschaft ein erheblicher Risikofaktor für die ADHS-Erkrankung, da es sich auf die Hirnentwicklung auswirkt. Man kann also demnach nicht sagen, dass die Krankheit rein auf einer erfahrungsbedingten Neuroplasitizität begründet ist, Einflüsse der Umwelt auf die Krankheitsentwicklung werden jedoch durchaus diskutiert.

Ich habe es schon einmal in einem anderen Beitrag geschrieben: Derart komplexe psychiatrische Phänomene lassen sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen, sondern eben auf eine genauso komplexe Basis an Ursachen wie es Ausprägungen gibt. Es gibt hier kein Schwarz oder Weiß, sondern eine Menge Abstufungen und die Bezeichnung "Krankheit" bleibt wie gesagt eine reine Definition, die durch die Symptome definiert wird. Das ist aber nicht nur in der Psychatrie so, sondern betrifft einen Großteil der physiologischen Krankheitsbilder ebenso.

Was viele zB nicht wissen: Was Medikamente angeht gibt es zur Wirkungsbeschreibung auch eine sogenannte "number needed to treat", eine statistische Zahl, die über den zu erwartenden Behandlungserfolg bei einer Krankheit Auskunft gibt - denn die meisten Krankheiten sind nicht bei allen Patienten in ihrer Ausprägung gleich. An der Tatsache, dass es diesen Fachbegriff gibt kann man schon absehen, dass es in komplexen Sachverhalten wie Krankheiten nicht immer nur eine Ursache für eine vergleichbare Symptomatik geben kann, auch wenn viele Faktoren hineinspielen, wie individuelle Verstoffwechselung von Medikamenten und Ähnlichem - es ist also kein Zeichen, dass die Klassifikation von ADS eine unzureichende Krankheitsbeschreibung darstellt, denn sie ist, wie jede andere Krankheit auch eine Sammlung von Symptomen die im Zusammenhang miteinander beobachtet werden, die daraufhin als solche klassifiziert werden und dann auf ihre Ursachen hin untersucht werden. Multifaktorielle Erkrankungen können die Forderung nach einer einzigen, klar agrenzbaren Ursache nicht erfüllen, dies macht das beobachtete Krankheitsbild jedoch noch längst nicht unzureichend als Beschreibung der Krankheit.

Und aus diesen Gründen ist auch der multifaktorielle Ursprung der Krankheit keine Basis zu fordern "die sollen sich einfach mal anders verhalten." Denn so einfach ist das nicht. Es sind klare Einschränkungen vorhanden die auch klar entwicklungsabhängige Einflüsse haben und die Verhaltensänderung, die für jemand anders eventuell sehr leicht zu erlernen ist, ist für einen ADHS-Patienten eine langjährige Sache. Das schließt natürlich nicht aus, dass die Fähigkeit zur Neuroplastizität und zum Erlernen neuen Verhaltens durchaus vorhanden ist. Leute, denen eine Hirnhälfte verloren ging können Funktionen in der anderen wiedererlernen. Hier würde jedoch niemand behaupten, dass dies ein Hinweis darauf sei, dass sie ein rein psychisches Problem hatten.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, welche Meinung dieses Forum jetzt genau im gros vertritt - ist es das vollständige Abstreiten physiologischer Einflussfaktoren auf die Krankheit? Dann muss man wohl sehr klar sagen: Dies ist nach der gegenwärtigen Datenlage falsch.

Wenn die Meinung jedoch ist, dass man keiner medikamentösen sondern lediglich einer psychotherapeutischen Behandlung bedarf, so muss ich dem eingeschränkt zustimmen: Die Medikamente können sicher unterstützen, nicht jedoch alleine heilen. Aus diesem Grunde ist die gegenwärtige Herangehensweise eine Kombinationstherapie aus verhaltenstherapeutischen und pharmakologischen Maßnahmen, wobei den pharmakologischen Maßnahmen wohl eher die Rolle der unterstützenden und stabilisierenden Maßnahme beizumessen ist. Die Veränderungen, die bleiben geschehen durch eine Änderung des Verhaltens - die aber durch Medikamente unterstützt wird. Insofern hat die momentane Herangehensweise schon ihre Rechtfertigung in meinen Augen und ist nicht rein ein finanzielles Interesse der Pharmaindustrie. Außerdem halte ich die Situation gerade in Deutschland für weitestgehend angemessen - besonders Stimulantien wie das betäubungspflichtige Methylphenidat werden (einen verantwortungsvollen Arzt vorrausgesetzt) nicht so einfach ohne eine intensive Aufsicht, ständige Evaluation des Risiko/Nutzen-Verhältnisses und eine Meinung die auf gewisser Expertise in diesem Gebiet beruht verschrieben. So sollte es zumindest sein und das ist meines Wissens nach, was der Gesetzgeber vorsieht. Ob sich Ärzte daran halten, bzw damit umzugehen wissen ist dann ein Problem der Ärzteschaft, nicht der Diagnose an sich.


Zuletzt bearbeitet: 29.04.11 01:30 von di55e
Zurück zur Übersicht

WebMart Homepage Tools: Eigenes Forum kostenlos starten

Webdesign - Shop-System - Newsletter-System - Homepage-Verzeichnis