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Thema: Gabor Maté: ADS als Folge von Stress


Hallo an alle,
habt ihr schon mal von Gabor Maté gelesen? Er ist ein kanadischer Psychiater und Autor. Er ist ein ziemlich eigener Typ, aber eines kann man ihm nicht absprechen: Empathie.
So mein Eindruck nach dem oberflächlichem Anhören seiner Internetbeiträge. Interessant ist auch, wie er aus eigener Erfahrung spricht, da er bei sich und zwei seiner Kinder ein ADS sieht. Da ich ihn nie ausführlich las, hier nur kurz und ´ohne Gewehr´:

Maté geht davon aus, dass es ADS gibt.
Aber nicht als genetische bedingte, unheilbare Krankheit.
Sondern als Entwicklungsverzögerung, die durch Stress bedingt wurde und die unter günstigen Bedingungen heilt.
Somit wird ADS als diagnostizierbares Syndrom anerkannt - ohne zum alles erklärenden und die Zukunftsvorstellung prägenden Label zu werden.
ADS als Stressfolge lässt sich auch mit der Sichtweise verbinden, dass sich viele unterschiedliche Problematiken dahinter verbergen - familiäre Beziehungsprobleme, Rauchen während der SChwangerschaft, Schulunglück ... . Oder mit der Erfahrung, dass sich entsprechende Diagnosen in den USA in den letzten Jahren häuften.

Wie findet ihr das? Für mich bedenkenswert, ob vielleicht doch bei einigen Menschen eine bestimmte mentale/Verhaltens-Problematik vorliegt, die als Symptomenkomplex anerkannt werden sollte - wenn so viele Menschen es so erleben, dass sie oder ihr Kind davon betroffen sind. Aber Matés Erklärungen für die Problematik basieren auf einem an sozialen Beziehungen orientierten Menschenbild.

Hier ist der Link zu der Webseite, auf der Maté sein ADS-Buch bewirbt:
http://www.scatteredminds.com/
"Scattered" heißt "verstreut".
Es gibt auch ein par Internetauftritte von Maté, die ich sehr beeindruckend finde, sofern nicht seine Muskelschwäche das sprachliche Verständnis erschwert.





Hallo Katharina,
Maté ist mir gut bekannt. Dieser interessante Mann vertritt eine Auffassung zu ADHS, die sich weitgehend mit der unsrigen deckt. Ich glaube aber nicht daran, dass es ADHS als eigenständiges Störungsbild gibt, wie es Maté behauptet. Was er darstellt, ist ja eigentlich nichts anderes als das psychoanalytische Neurosenkonzept. Das erklärt ja auch die sog. Symptomatik gut genug, so dass man ADHS als eine "neue" Kategorie gar nicht braucht.
Es hängt alles damit zusammen, dass man im DSM und im ICD die Kategorie "Neurose" einfach abgeschafft hatte, weil man glaubte, man müsse empirischere und objektivere Kategorien schaffen, als sie die damalige Psychoanalyse vorhielt. Was ADHS anbelangt, ist diese Hoffnung nach reliablerer Kategorisierung allerdings voll in die Hose gegangen, finde ich.
Kleines Beispiel aus der klinischen Praxis: Ein Patient erzählt, dass er ADHSler sei, weil er sich innerlich stark unruhig fühle, sodass er sich oft nicht konzentrieren könne.
Bei tieferer Befragung stellt sich allerdings heraus, dass er unter seiner pädophilen Homosexualität leidet, die er ablehnt und unterdrückt. Als Folge dieser jahrzehntelangen inneren Konflikt- und Stresslage fühlt er sich ständig unruhig-angstvoll, was er durch äußere Hyperaktivität abreagieren will. Eine klassische Neurose also.
Heute sagt man dazu ADHS.



Heute sagt man dazu ADHS

Ja, aber das allein ist ja nicht das Problem. Wie man es nennt, ist zweitranging, aber welches Menschen- und Störungsbild damit verbunden ist: das ist das Problem. Der Patient, den Preiser beschreibt, wird heute rasch mit Methylphenidat gegen seine genetisch bedingte Hirnfunktionsstörung medikamentiert. Er jubelt derzeit, dass der Stoff inzwischen auch für Erwachsene zugelassen wurde.
Aber geholfen wird ihm nicht wirklich bei der Lösung seines innerpsychischen Konflikts.

Gabor Maté ist übrigens selber ein treffendes Beispiel für frühkindliche psychische Traumatisierung und ihre Folgen. Er ist als Kleinkind in Ungarn mit seiner Familie von den Nazis verfolgt worden, Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet. Er müsste die Folgen bei sich durchaus nicht so verleugnend ADHS nennen, frühkindliches Trauma würde es viel plastischer treffen. Und dass dann drei seiner Kinder angeblich auch ADHS haben, wirkt schon etwas sehr exaltiert. Oder soll man vermuten, es sei die Folge eigener unverarbeiteter Neurose?
Wenn man an ADHS glaubt, kann das schon mal passieren.



Hallo Preiser,
zu dem Patienten möchte ich etwas fragen: fällt die (nicht umgesetzte) pädophile Neigung unter die Neurosen? Oder spricht man hier von strukturellen Störungen, die eine schlechte Prognose haben, oder von einer Triebstruktur, die man genauso wenig ummodeln sollte wie LInkshändigkeit oder HOmosexualität?

Kann dem Patienten gute Psychotherapie eine Option bieten, über die pädophile Neigung hinauszuwachsen, ohne dass es sich dabei um eine Selbst-Verbiegung handelt? Wäre also ein Therapieziel denkbar, demzufolge eines Tages erwachsene Sexualpartner ersehnt werden ?





Aus meiner Erfahrung gibt es da "solche" und "solche". Bei einigen ist es neurotisch und psychotherapeutisch im Sinne einer persönlichen Reifung beeinflusbar. Bei anderen nicht, weil es strukturell tief verfestigt wirkt. Aber auch hier kann Psychotherapie dabei helfen, mit dieser Struktur sozialverträglich umzugehen. Überhaupt ist der Wille zur Veränderung des Patienten ausschlaggebend.



hallo,

ein professor sinniert über AD(H)S:

Klar sei, dass bei ADHS-Erkrankten die "Schwingungsfähigkeit des Herzschlags verloren geht" und das autonome Nervensystem durch zu viel Kreislaufstress außer Kontrolle gerate. Erklärungen, die die Veränderungen der Lebensverhältnisse einbeziehen, gebe es durchaus - für eine gute Therapie sei aber zunächst wissenschaftlich abzuklären, welche Rolle sie genau spielten. Die Bedeutung des Medienkonsums sei "wohl untergeordnet", entscheidender seien Bewegungsarmut und Ernährung. Dabei sei die Bedeutung des starken Anstiegs der Omega 3-Fettsäuren gegenüber den Omega 6- Fettsäuren zu bewerten und "vielleicht erweist sich da eine medikamentöse Therapie als möglich".


http://www.fnweb.de/regionales/me/bad_mergentheim/20110813_mmm0000002044993.html

gruss
bertram



Tja,
ich bin mal wieder verwirrt.
Ist das wissenschaftliche Sorgfalt, wenn er verlangt, dass man erst die Umweltauswirkungen genauer untersucht, bevor man entsprechende Therapien begründen kann, oder handelt es sich um eine Aufschiebe- und Verwirrtaktik?
Plant er womöglich schon, mögliche Sponsoren anzuschreiben, um eine Nicht-Pharma-gesteuerte Erforschung der Umweltauswirkungen zu finanzieren? ;-)

Gruß, Katharina




hi,
tja, darüber kann man nur trefflich spekulieren...

immerhin teilt er in parts unsere kritische sicht der dinge.

gruss
bertram



ADHS ist umweltbedingt: Armut und Diabetes als Ursachen:

Armut


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