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Thema: Alltagsberichte Erfahrungen von Aussteigern


Hallo Kassandra, danke für Ihr fachliches und interessantes Wissen innerhalb des Forums. Trotzdem würde ich mir sehr wünschen, wenn durch dieses Forum mehr Nachdenkende und Kritiker emuntert werden noch mehr dagegen zu tun, dass nicht leichtfertig Medikamente verabreicht werden. Ich informiere mich auch in anderen Foren und bin erschreckt, wie viele Eltern und andere Personen täglich die Gabe von Ritalin, Risperdal u.s.w. als das "Geschenk" erleben und darüber öffentlich schreiben. Es gibt so viele Eltern, die aufgrund des großen Feldes der Befürworter, vor allem aus dem medizinischen Bereich, erhlich und in jedem Fall an eine positive Wirkung glauben. Wo sind die Eltern, die andere Erfahrungen gesammelt haben!? Ich kenne aus meiner Arbeit viele, die froh sind, dass ihre Kinder auch ohne Medikamente am Schulalltag erfolgreich teilnehmen.
Ist es Angst oder sind es die Angriffe, denen man als Kritiker ausgesetzt ist. Jeder, der nur den leisesten Zweifel hegt, wird massiv angegriffen. Für jemanden, der im Berufsleben täglich mit dieser Problematik konfrontiert wird, ist es äußerst belastend, eine kritische Denkweise aufrecht zu erhalten.Ich arbeite täglich mit hyperaktiven Kindern, leite eine Schule für erziehungsschwierige und lernbehinderte Kinder / Jugendliche und habe einen ständigen Kampf mit Ärzten, Psychologen, Heimen und Jugendämtern auszufechten, weil wir an unserer Einrichtung bereit sind, Schüler ohne Medikamente zu beschulen. Ich werde als leichtfertig und verantwortungslos angemahnt und ob ich die Verantwortung übernehmen würde, wenn etwas passiert. Dieser Druck von außen ist eine ungeheure Belastung. Ich möchte ermutigen, auch als Nichtwissenschaftler hier mehr über das alltägliche Leben mit diesen Kindern zu diskutieren. Das fachliche Hintergrundwissen, nochmals Danke Kassandra, kann uns doch nur bestärken, auch in diesem Forum noch aktiver zu werden.




Hallo Trude,
erstmal Kompliment für Dein Durchhaltevermögen!

Einge Nachfragen:
Du schreibst:
"Ich werde als leichtfertig und verantwortungslos angemahnt und ob ich die Verantwortung übernehmen würde, wenn etwas passiert."


Was ist damit gemeint? Was soll "passieren", wenn jemand KEIN Ritalin etc. nimmt? Hier geht es doch nicht um Insulin etc. (da wäre es gefährlich, das Medikament wegzulassen).
Wieso machen die Jugendämter Druck? Dort sitzen i.d.R. Sozialpädagogen, denen die Ritalinverschreibehysterie sowieso suspekt ist.

????

Gruss
Bertram




Hallo Trude,
ich denke auch, dass Ärzte und Apotheker im Hinblick auf eine Medikation von Kindern mit Psychopharmaka eher vorsichtig sind.

Deshalb wohl werden auch "Ritalin-Verschreib-Ärzte" so oft gesucht wie die Stecknadel im Heuhaufen.

Anders sieht es oft mit Eltern aus. Viele Mütter klammern sich an ihrer Ritalin-Ideologie fest wie ein Ertrinkender am Strohhalm. Das kann man in Elternforen täglich nachlesen.
Oder wie einer, der im Keller pfeift, weil er Angst hat. Im Grunde ahnen diese Eltern schon, dass Psychopharmaka mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sind, aber sie wollen es wohl gar nicht wahr haben.

Schlimm ist meiner Meinung nach, dass man den Eltern nicht reinen Wein einschenkt und die Gefahren von Psychopharmaka klar und vor allem vollständig benennt.

Stattdessen wird beschwichtigt, verharmlost, die halbe Wahrheit gesagt usw.

Zudem ist es natürlich nicht einfach, ein impulsives, aufmerksamkeitsgestörtes, lernbehindertes und hyperaktives Kind ohne Psychopharmaka zu "behandeln". Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dazu eine enorme Geduld und ein enormes Stehvermögen notwendig ist.

Kaum denkst du, das Kind hat einen Fortschritt gemacht - dann musst du am nächsten oder übernächsten Tag erschüttert feststellen, dass alles wieder ist wie am Anfang.

Aber Schritt für Schritt, ganz langsam gibt es Verbesserungen. Auch ohne Ritalin.

Kassandra





Bertram
Einge Nachfragen:
Du schreibst:
"Ich werde als leichtfertig und verantwortungslos angemahnt und ob ich die Verantwortung übernehmen würde, wenn etwas passiert."


Die meisten Kinder und Jugendliche, mit denen ich arbeite und die als ADHS ler eingestuft werden (und da liegt das Problem), waren und sind in bestimmten Situationen aggressiv. Solange das Kind Medikamente nimmt, höre ich z.B.: "Es hätte noch schlimmer kommen können." Haben Eltern jedoch darauf bestanden, dass es auch z.B. ohne Ritalin gehen sollte, dann wird es auf die fehlende Medikation geschoben. Dadurch wird den Eltern ein schlechtes Gewissen eingeredet.
Ich könnte mit vielen Beispielen aufwarten. Ich kümmere mich gerade um einen Jungen, der regelrecht bettelte, ihm eine Chance ohne Risperdal einzuräumen. Seine Mutter wird unter Druck gesetzt, wenn sie dem zustimmt, dann muss er das Heim verlassen. Sie hat es durchgezogen. Jetzt hat sie nicht mal das Jugendamt mehr auf ihrer Seite, weil die sich am Arztbericht halten, und der stützt sich auf die Heimaussagen. Ich kann nur sagen, dass der Junge sich seit Monaten an unserer Schule sehr lernwillig und sozial angepasst verhält. Seit Oktober nimmt er nichts mehr ein. Das Problem ist, dass es auch an der neuen Heimeinrichtung Schwierigkeiten mit ihm gibt. Von Anfang an wollte man ihn dort, wegen seiner Vergangenheit, nicht haben. Nun bin ich tatsächlich soweit gegangen und habe dem Jungen erklärt, dass er nur eine Chance hat, wenn er in der neuen Einrichtung alles gegen ihn gerichtete erträgt und sich so ruhig wie möglich verhält. Ist das nicht verrückt!? Soweit kommt man, wenn es nicht genug "Mitstreiter und Einfühlende" gibt. Ich kenne ihn jetz drei Jahre und bin erstaunt, wie ein einst als geistigbehinderter mit autistischen Zügen eingestufter Junge einen so starken Willen hat. Ich bin Diagnostiker und kann mit meinem Fachwissen sagen, dass er von seinem Vermögen her normal intelligent ist, keine autistischen Züge hat und sich so auch in unserer Einrichtung verhält. Heute fahre ich 300 km, um mit der Mutter zu beraten, was wir noch machen können. Wegen der vielen Vorwürfe, die sie erhält, fängt sie an zu zweifeln. Die Ursachen liegen aus meiner Sicht in einer starken, sehr frühen Bindungsstörung zwischen Mutter und Sohn (Vater kennt er nicht), in den unzähligen Aufenthalten in Psychiatrie und Heimen. Mal sehen. Dem Jungen muss man eigentlich nur Durchhaltevermögen wünschen!



Hi Trude und Kassandra,

unser Sohn musste nach Weihnachten nach gerade mal drei Monaten im Gymnasium direkt auf die Hauptschule wechseln, weil er erhebliche Lern- und Verhaltensprobleme hatte. (Soll heißen: Er hatte von Anfang an miserable Noten, ist damit gehänselt worden und aht dann obendrein Kinder beleidigt und den Unterricht gestört.) Die Schule hatte ihn als - leider zu Recht - als hyperaktiv eingestuft und hätte ihn nur behalten, wenn wir ihn stationär untergebracht hätten.

Jetzt ist er in der Hauptschule und schluckt selbstverständlich Ritalin. Wie könnte man ihm irgendeine Hilfe verweigern, damit sich eine Katastrophe dieses Ausmaßes nicht wiederholt? Ich als Mutter kann dem Kind doch kein Umfeld schaffen, dass ihn wenigstens ein paar Moante lang in Krisensituationen so annimmt wie er ist. Außerdem kann es natürlich wirklich passieren, dass ein Kind in Not zu einer Gefahr für andere wird. Wenn wirklich etwas passiert, geht es sofort nicht mehr ums Ritalin, sondern um einen monatelangen Klinikaufenthalt. Das will sich und den Kindern aus guten Gründen kaum jemand antun.

Natürlich gibt es Eltern, die eine ADS-Diagnose als entlastend empfinden. Aber warum sollten Eltern, die keine Medikamente geben wollen die Probleme ihrer Kinder überhaupt ADS nennen? Wo sollen Eltern, die schlechte Erfahrungen gemnacht haben oder Eltern, die ihren Kindern gerne zunächst mehr Zeit für andere Therapien eingeräumt hätten, überhaupt zu Wort kommen? Ich persönlich kenne viele Eltern schwieriger Kinder, die auf eine ADS_Diagnose und -behandlung verzichten. Das sind durchaus verantwortungsvolle Eltern, die ihren Kindern jede andere Hilfe zuteil werden lassen. Wo sollen die denn öffentlich auftauchen? In eine ADS_Selbsthilfegruppe gingen sie - ebenso wie die Eltern, die nicht mit Ritalin zurechtgekommen sind, wohl nur einmal.





Hallo,

alles hat zwei Seiten.

Natürlich ist es nicht ideal, dass ein Kind nur mit Ritalin und Co sich vernünftig konzentrieren bzw. kontrollieren kann.

Aber gerade in Allgemeinbildenden Schulen ist man selten willens sich mit etwas schwierigeren Kindern abzugeben.

Aber sollte ich deshalb meine Tochter, die gerade an der Realschule ein Zeugnis mit 4 mal 2 er und 5 mal 3er (die vier in Sport lassen wir mal außer Acht), einer 2 in Mitarbeit und einer 3 in Betragen auf eine Sonderschule schicken?

Welche Chancen hat sie denn dann bitte schön? - So wie es in der heutigen Welt aussieht, hat sie dann gar keine Chancen. Dann könnte sie schon mal üben, einen Antrag ALH II auszufüllen.

Außerdem muss es schon sehr weit kommen, bis ein Kind an eine Sonderschule für Verhaltensauffällige gehen muss.

Das gaben bisher bei uns alle Lehrer zu, dass sie halt nur etwas "anders" sei und man mit solchen Kindern nichts zu schaffen haben will, dafür sei man nicht ausgebildet. Sonderschule sei auch nicht der rechte Ort, da würde es schlimmer für sie, da sie sehr klug sei.

Was also tun mit einem Kind, das zwischen den Stühlen steht.

Was tun mit einem Kind, das es nicht ertragen kann, wenn man es piesackt, hänselt und mobbt? Ein Kind das sein Temperament und sich selbst nur schwer kontrollieren kann, allerdings nicht aggressiv wird, außer man bedroht es körperlich.

Lehrer helfen solchen Kindern nur selten, wir Eltern stehen dann hilflos da und wissen nicht, was noch zu raten sei.

Wir haben wegen Mobbings sogar die Schule gewechselt,weil Lehrer wegsahen von den Nöten eines Kindes, ein Kind das sehr leicht erregbar ist und dann schon einmal schreit, diskutiert, schimpft und sein Recht fordert.

Ein Kind, das schon immer wegen seines Verhaltens alleine war und keine Freunde hat.

Mein Kind besucht brav die Therapien, um diverse Defizite (z.B. Krankengymnastik, sie geht in VT) aufzuarbeiten, wir arbeiten mit den Therapeuten zusammen ect...

Aber wir mussten die Schulaufsicht bemühen, damit ein Konrektor sich herablässt, ein Kind in Nöten nicht abzuschieben. Er wollte an seiner Schule keine Kinder, die schon sehr viele Hilfen erhalten hatten. Also sind Eltern nicht erwünscht, die sich um das wohl bemühen.

Die Schulaufsicht hat es auch geschafft, dass sich die Klassenlehrerin in regelmäßigenn Abständen mit der Therapeutin (eine sehr Gute, die das Kind an seine Grenzen führt und es dazu bringt, an seinen Problemen zu arbeiten)

Wir haben sogar das Jugenamt mit ins Boot geholt, die uns als Eltern eine wahnsinniges Engagement und hohen Einsatz bescheinigen.

Das war dem Konrektor nicht sehr recht, denn mit der Sozialarbeiterin hat "seine" Schule normalerweise nichts tun. Welch eine Arroganz. Aber der Herr geht zu Ende des Schuljahres in den Ruhestand mit fast 66 Jahren.

Es ist leicht, immer auf uns bösen Eltern einzuhauen, aber ich habe die Pflicht, die beste Schulbildung für mein Kind zu ermöglichen.

Dies ist sicher nicht die Sonderschule V, da ginge ein Kind wie meine Tochter unter und würde noch mehr gequält.

Aber natürlich ist es gut, wenn man Eltern es ermöglicht, ihr Kind ohne Medikamente zu unterrichten. Dies sollte aber auch an allen Schulen möglich sein.

Nur wird man selten z.B. an Realschulen Lehrer finden, die dies wagen. Da ist es einfacher, die Kinder abzuschieben.

Doris





Hallo Trude,
jaja, das Jugendamt läuft in der Regel dackelbrav der ärztlichen Stellungnahme hinterher...

Ritalin/MPH: Eigentlich ist Störung des Sozialverhaltens und Aggressivität KEINE Indikation für dieses Medikament. Das sehen auch die (meisten) Ärzte so.

Gruss u. viel Glück weiterhin!!!




Hallo Trude,
in dem Fall, den du geschildert hast, sind deiner Meinung frühe Bindungsstörungen die wesentliche Ursache.

Zuerst kann ich aus meiner Erfahrung bestätigien, dass bei ADS-Kindern in der Regel immer etwas im Elternhaus schief gelaufen ist und schief läuft.
Es ist verständlich, dass die Eltern nicht gern darüber sprechen und das Problem lieber beim Kind oder beim Lehrer ansiedeln.

Andererseits vermag ich oft nicht zu unterscheiden, wo nun die Henne und wo das Ei liegt. Anders gesagt: Sind die Bindungsstörungen die Ursache für das "ADHS"-Verhalten oder ist umgekehrt die "ADHS"-Erkrankung in der Familie Ursache für die Bindungsstörung.

Ich denke, dass es sich um eine Mischung mit jeweils unterschiedlichen Anteilen handelt.

Wenn das "ADHS"-Kind nun schon älter geworden ist, ist es in einem Teufelskreis gefangen, aus dem eine Rettung außerordentlich schwierig ist.

Ich sehe ein, dass in besonders schlimmen Fällen eine zeitlich begrenzte Medikation als Einstiegshilfe in eine Psychotherapie nötig sein kann. Wenn dann alle zusammenhelfen - Therapeut, Eltern, Lehrer, Freunde usw. - und das Kind auch mitmacht, dann ist dem Kind zu helfen.

Oftmals wird aber leider nur Ritalin gegeben und das wars dann auch. Das Kind wird mit seinen Problemen allein gelassen wie zuvor.

Kassandra



Hallo Kassandra,

ich finde es persönlich auch nicht ok, wenn nur ein Medikament gegeben wird.

Leider lesen die meisten Eltern nicht den Beipackzettel oder trauen sich auch nicht zu fragen, was da für ein Behandlungskonzept gemeint ist.

Oft machen auch Ärzte leider die Eltern nicht auf begleitende Therapien aufmerksam oder gehen auf solche Wünsche auch nicht ein. Das ist eine Schande.

Selbst wenn behandelnder Arzt und Eltern eine Therapie wollen, dann muss man erst einmal einen Platz finden.

Wer z.B. in unserem Ort Kassenpatient ist, hat das Pech, dass ein Therapeut für Kinder und Jugendliche vor Ort ist, dessen Arbeitsplan voll ist bis zur Schmerzgrenze. Wartezeiten von vielen Monaten sind hier die Regel.

Die EZB bietet zwar auch Hilfe, aber kann dies nicht auch noch auffangen.

Zudem ist gerade im ländlichem Raum ein recht großes Einzugsgebiet.

Für Privatpatienten gibt es in unserer Stadt eine Ärztin, zum einen Psychiaterin, aber auch Therapeutin für Kinder - und Jugendliche und Familientherapeutin. Also alles in allem eine sehr gute Mischung.

Außerdem eine sehr kompetente und umsichtige Frau, die ohne Probleme mit den Lehrern spricht, sie berät und auch dem Kind eine Stütze ist.

So viel Glück hat man nicht immer.

Schlimm ist allerdings, dass man eine Zusammenarbeit aller wichtigen Bezugspersonen und dazu zählen auch die Lehrer oft nur sehr schwer möglich ist.

Da wird das Jugendamt nicht gerne gesehen, eine Therapeutin wird misstrauisch beäugt und die Forderung von Eltern, dass alle an einem Strang ziehen zum Wohle des Kindes wird zuerst einmal abgelehnt.

Diese Mauern in den Köpfen muss man auf allen Seiten einreißen.

Es ist doch nichts schlimmes dabei, wenn ein Kind therapeutische Hilfe erhält. Es ist auch nichts schlimmes dabei, mit den Lehrern zusammenzuarbeiten. Dazu müssen aber alle Seiten fair sein und nicht engagierte Eltern angreifen. Wobei mir allerdings sehr bewusst ist, wie oft Lehrer leider auf Eltern stoßen, die nicht sehen, dass sie und die Kinder Hilfe brauchen.

Die Hürden, Kinder abzuschieben, aufzugeben und ins Abseits von Sondereinrichtung zu geben, müssen allerdings erheblich höher gelegt werden.

Dazu müssten aber mehr Fachleute, sprich Psychologen, Sozialarbeiter und Erzieher den Lehrern in allen Schulformen an die Hand gegeben werden.

Eines darf man aber auch nie vergessen: Es gibt nicht nur eine Ursache, dass ich dies Meinung vertrete, ist wohl bekannt.

Wie soll z.B. ein Kind lernen sich zu organisieren, sich zu kontrollieren, wenn die Eltern selbst damit Probleme haben? Eltern mit eigenen Problemen müssen auch sich helfen lassen.

Aber selbst wenn so etwas in die Wege geleitet wurde und im Elternhaus zu Erfolgen führt, kann die Umwelt, die Schule ect... nicht geändert werden.

Aber es bringt wirklich etwas, wenn man sich helfen lässt. Zumal Schwierigkeiten bei einem Elternteil auch das andere Teil belasten und überfordern. Wenn dann noch ein Kind nicht der "Norm" entspricht....

Es ist also nicht einfach, aber der täglich Einsatz lohnt sich.

Doris



Hi Doris,

du hast ja völlig recht: Es ist schlimm, wenn ein Kind beim ersten ernsthaften Problem als krank stigmatisiert und schlimmstenfalls in Sondereinrichtungen abgeschoben wird. Und selbstverständlich ist es verständlich ubnd richtig, wenn Eltern alles Erdenkliche - einschließlich einer Behandlung mit Psychopharma - tun, um das Kind in einer Regelschule zu halten. Andere Maßnahmen brauchen nun einmal zeit, sind oft auch mit Wartezeiten verbunden und die Herrschaften in Shculen, Kindergärten oder Horten haben es schon lange nicht mehr nötig sovierl zeit einzuräumen.

Nur: Es ist doch weder gottgegeben noch naturnotwendig Eltern derart unter Zugzwang zu setzen! Immerhin sind verhaltensauffällige Kinder oder Kinder mit Lernproblemen sehr lange im Regelsystem beschult worden, obwohl kein Mensch daran dachte ihre wirklichen oder vermeintlichen Gehirnkrankheiten mit Psychopharmaka zu behandeln. Theoretisch müsste die steile Zunahme von ADS_Diagnosen mit eienr ebenso rapiden Abnahme von Sonderschülern an L- und E-Schulen verbunden sein. Das ist aber nicht der Fall.

Natürlich ist es für Lehrer - und für manche Eltern - bequem die "Schuld" allein beim Kind und dessen schicksalhaft gestörtem Hirnstoffwechsel zu suchen. Da geht es nicht einmal nur um ADHS, aber gerade diese Diagnose ist so unsepzfisch, dass sie als eierlegende Wollmilchsau so gut wie jede Abweichung erklärt. Das ist eine Zeitgeisterscheinung, die sich auch mit dem Zeitgeist wieder ändert. Bis dahin müssen wir Eltern eben schauen, dass unsere Kinder einerseits - notfalls mit irgendwelchem Zeugs - im System bleiben und andererseits echte Hilfe bekommen mit sich klarzukommen und nichtnur Symptome zu bekämpfen. Für uns ist das auch ein permanenter Eiertanz.





Liebe Trude,
es ist wirklich nur das schlechte Gewissen, das ADHS-Eltern und so manche Fachleute so angriffslustig und nervös macht, wenn ihnen jemand entgegentritt und auf Erfolge ohne Medikamente verweist. Ich kann davon ganze Opern singen! Wer verhaltensgestörte Kinder ausschließlich, vorschnell und ohne ernsthafte Alternativprüfung mit Psychopharmaka behandelt, hat ganz einfach und völlig zu Recht ein schlechtes Gewissen. Er weiß im Grunde selbst, dass er es sich zu leicht machen will.

Und das macht ihn dünnhäutig. Um sich zu entlasten, geht er dann zum Angriff über und will dem Anderen auch ein schlechtes Gewissen machen.

Davon darf man sich nicht einschüchtern lassen. Denn bereits der gesunde Alltagsverstand sagt ja jedem, dass es auf jeden Fall besser für ein Kind ist, ohne starke Psychopharmaka auszukommen, solange es auch ohne geht. Und dass es bei den weitaus meisten dieser Kinder geht, darauf muss man sich dann natürlich auch einlassen, auch wenn es einigen Aufwand und viel Zuwendung erfordert. Wenn ich Eltern frage, ob sie auf Ritalin verzichten würden, wenn es auch ohne ginge, sagen ALLE mit Augenaufschlag seufzend ja. Wenn ich ihnen dann aber erkläre, was sie dafür am Familienleben ändern müssten, schwindet die Bereitschaft bei einigen leider merklich.

Ich möchte Ihnen raten (falls Sie nicht schon so vorgehen), ein regionales Netzwerk mit den Ärzten, niedergelassenen Kindertherapeuten und Ihrer Erziehungsberatungssttelle zu gründen, in dem ein gemeinsames Vorgehen für "ADHS" vereinbart wird und in dem der Schwerpunkt auf der Psychotherapie liegen muss (was begleitende, zeitlich begrenzte und streng indizierte Medikation nicht ausschließt). Die meisten Ärzte und Kindertherapeuten betrachten das eh als Selbstverständlichkeit. Für einige Eltern ist ein solches Netzwerk, in dem Schule und Therapeuten zusammenwirken, ein wichtiger Rahmen, in dem sie nicht mehr ausschließlich mit Medikation argumentieren können. Und für Sie als Schule ist das Netzwerk eine hilfreiche Unterstützung.






Kleiner Hinweis dazu von mir: Ich arbeite gerade an einem Leitfaden für ein solches regionales Netzwerk, wie es Herr Schmidt anspricht. Ich werde es in den nächsten Tagen auf der website veröffentlichen und zur Diskussion stellen.



Hallo Trude

Ich schreib hier ja äußerst selten, bin ja auch nicht vom Fach, aber dein Beitrag hat mich mal wieder dazu animiert (im positiven Sinne) in die Tasten zu "hauen".

Ich finde dieses hier von dir:
Ich arbeite täglich mit hyperaktiven Kindern, leite eine Schule für erziehungsschwierige und lernbehinderte Kinder / Jugendliche und habe einen ständigen Kampf mit Ärzten, Psychologen, Heimen und Jugendämtern auszufechten, weil wir an unserer Einrichtung bereit sind, Schüler ohne Medikamente zu beschulen.


Total klasse und bewundernswert, schade dass es nicht mehr solcher Menschen wie dich gibt.
Hätte es so eine Schule in unserer Nähe gegeben, würde meine Tochter nie im Leben Medikamente von "mir" bekommen haben.

Aber so blieb mir leider kaum eine andere Möglichkeit, ich sah damals zumindest keine.
Meine Tochter war sehr "agressiv", kaum eine Woche in der Schule, hatte sie bereits von 2 Kindern die Brille kaputt gemacht, alle fürchteten sich vor ihr, hätten wir keine Medikamente gegeben, wäre sie ganz schnell von der Schule geflogen.

"Heute" hat sich meine Tochter besser unter Kontrolle.
Ob dies von 2 Jahren Amphetaminsaft kam oder sich auch so entwickelt hätte.........ich weiß es nicht, das wird wohl niemand wirklich sagen können.
erhlich und in jedem Fall an eine positive Wirkung glauben. Wo sind die Eltern, die andere Erfahrungen gesammelt haben!?


Ich kann nun nicht gerade behaupten, dass wir schlechte Erfahrungen mit dem Saft gemacht haben, aber ein ungutes Gefühl hatte ich immer.

Ich schreibe in der Vergangenheitsform, da meine Tochter seit letztes Jahr April (in etwa) keine Medikamente mehr bekommt.(Hatte ich in diesem Forum, auch schon mal beim Thema "Auslaßversuch" geschrieben)
Es kommen seither wieder vermehrt Beschwerden aus der Schule, auch eine Klassenkonferenz(kurz nach dem absetzen) haben wir schon hinter uns.

Ich habe dann unsere Schulpsychologin eingeschaltet und das war gut so, denn alleine wäre ich jetzt schon wieder am Boden zerstört, aber so hatte ich jemanden an meiner Seite.

Auch bin ich mit meiner Tochter zu einer Heilpraktikerin gegangen, leider hat die anfängliche gute Wirkung schnell nachgelassen und so habe ich es wieder aufgegeben.

Meine Tochter hat noch ein halbes Jahr in ihrer Grundschule vor sich und danach haben wir vor sie in eine Privatschule zu geben, denn in einer normalen staatlichen Regelschule wird sie sicher "untergehen", zumal ich jetzt nach 4 Jahren die Bestätigung vom Arzt im sozialpädiatrischen Zentrum bekommen habe, dass meine Tochter Teilleistungsstörungen, hauptsächlich im Bereich Rechnen hat.

Was mich daran besonders wütend macht, ist dass dies schon längst hätte erkannt werden können, aufgrund eines IQ-Tests der bereits 2 Jahre vorher in der Uniklinik gemacht wurde.

Meine Tochter hat Wahrnehmungsstörungen, mir wurde damals gesagt, das käme aufgrund des ADS, wenn dies wirklich stimmen würde, warum haben sich dann diese Störungen nicht unter der Medikation gebessert?
Seitdem meine Tochter nun keine Medikamente bekommt, muss ich zugeben das sich ihre Konzentration wirklich verschlechtert hat, aber dennoch bin ich nicht bereit aufzugeben und wieder Medikamente zu geben.

Mal schauen wie es in der neuen Schule wird, sie haben dort große Erfahrungen mit Kindern, die Teilleistungsschwächen haben, ich hoffe das wir den medikamentenfreien Weg weiter gehen können.
Liebe Grüße Ami





Hi Ami,

ich wünsch euch alles Gute und ich wäre froh, wenn wir auch wieder soweit wären.

Trifft man dich manchmal bei gypsi und Susi im chat? Ich würde mich freuen, mal wieder von euch zu hören.



Ich grüße Alle,
und danke für das Interesse. Wie ich bereits mitteilte, bin ich bei dem Jungen, seiner Mutter und auch den Großeltern gewesen. Es war hart, was ich erlebte: 5 Stunden Eskalation zwischen Mutter und Sohn. Der Junge konnte weder die Hände seiner Mutter nehmen, noch sie ansehen. Die Mutter selber empfand Abneigung gegenüber zuviel Nähe. Ich glaube jeder kann sich ein Kind in dieser Lage vorstellen, wie annormal es sich als Kleinkind entwickelt, wenn seine Mutter es nicht annehmen kann. Auf diese Bindungsstörung reagierte der Junge für das Umfeld unangepasst und für ihn folgte als 7 Jähriger Psychiatrie, Heime u.s.w.. In diesem Fall hat das nichts mit ADHS, geistiger Behinderung und Autismus zu tun. In diesem und ähnlichen Fällen spreche ich von Fehldiagnosen mit fafalen Folgen. Ich könnte über diese Begegnung Seiten schreiben. Das würde diesen Rahmen sprengen. Die Liebe floß wieder, doch es war erst möglich, als die Mutter mit ihrer eigenen Mutter für sich Dinge klären konnte. Eine tiefe, fast 20 Jahre, bestehende Haßliebe stand zwischen ihnen, die dann über den Jungen ausgetragen wurde. Es war "irre schön" zu erleben, dass Mutter und Tochter sich erstmals (!)gegenüber saßen, die Hände reichten und sich ansahen. Viele Tränen flossen und dann die Liebe. Jetzt war endlich die Mama fähig, ihren eigenen Sohn bewusst und liebevoll in den Arm zu nehmen. Und das nach 15 Jahren! Was hier schnell zu lesen ist, hat Stunden gedauert. Das Allerschönste war, zu erleben, wie der Junge erstmals feststellte, wie schön seine Mama ist.

Noch einige Bemerkungen zu den Postings:
- Sonderschulen erhalten oft eine Abwertung. Wir haben inzwischen eine Warteliste und bei uns lernen auch Realschüler. Vordergründig sollte nicht die Schulart stehen, sondern, wie man den Erfordernissen eines Kindes gerecht werden kann, damit es gerne in die Schule geht und, dass es entsprechend seiner Fähigkeiten die Bildung erhält, die ihm zusteht.
- Ich begrüße eine Vernetzung aller an der Erziehung der Kinder Beteiligten und arbeite daran! Es gibt jedoch persönliche Befindlichkeiten, die immer wieder vordergründig stehen und die die eigentliche Problematik in den Hintergrund (hier das Kind) stellen. So las ich gerade in einem ADHS Forum, dass Lehrern vorgeworfen wird, dass sie in die medizinische Hoheit eingreifen, weil sie die Gabe von Ritalin infage stellen. Es darf keine pauschalen Zuschreibungen geben! Das trifft auf alle beteiligten Berufsgruppen und Eltern zu! Es wird zur Zeit zu oft in Befürwortern und Gegnern, in welchen Fällen es gerechtfertigt ist, Medikamente zu verabreichen.
-Ich sehe eine Gefahr, wenn eigentliche Ursachen, durch die Gabe von Medikamente, aus bem Blick geraten.
T.

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