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Thema: Werra-Meißner-Kreis: Nazis und evangelische Kirche


Klaus Döll
Klaus Döll, seit 1997 im Ruhestand, war 34 Jahre Pfarrer im Kirchenkreis Eschwege. Er tat seinen Dienst im Kirchspiel Niddawitzhausen.In der 1969 erschienen "Geschichte der Stadt Eschwege" verfaßte er den Artikel "Zur Kirchengeschichte Eschweges".In diesem Zusammenhang stellte ihm der damalige Dekan Eschweges umfangreiches Material über die Zeit im 3. Reich zur Verfügung, das aber aus Platzgründen nicht in den Artikel "Zur Kirchengeschichte Eschweges" einfließen konnte. Um dem Vergessen zu wehren, entstand ganz im Sinne Clermonts die vorliegende Studie. Sie wird freilich hier unter einem gegenüber der Erstveröffentlichung in den Eschweger Geschichtsblättern etwas verändertem Titel vorgelegt.

Studie zum Streit zwischen Kreuz und Hakenkreuz im Kirchenkreis Eschwege
Kreispfarrer Rudolf Clermont schrieb ein Jahr nach seiner Pensionierung zum 1. Mai 1937 unter dem Datum vom 28.Mai 1938 in der Chronik der Neustädter Kirche zu Eschwege u.a.:
"Über die seit 1933 eingetretene Wandlung jetzt schon zu berichten, wird sich nicht empfehlen; dazu sind die Angelegenheiten, die das kirchliche Leben betreffen, noch zu sehr im Fluß. Übrigens haben die Eschweger Kirchengemeinden in der Zeit seit 1933 bis zu meinem Abgang = 1.Mai 1937, keine besonderen Ereignisse oder Erschütterungen zu verzeichnen gehabt. Im ganzen ist es in der Stadt Eschwege ruhig zugegangen. Auch Spaltungen sind bis dahin nicht eingetreten.- Anders dagegen steht es im Kirchenkreis Eschwege. Hier wäre viel zu berichten über Röhrda und Datterode, wo die Versammlung der "Deutschen Christen" mit all ihren Folgen stattfand zur Zeit, als Pfr. Theys "Landesbischof" war, ferner über Reichensachsen, dessen Pfarrer ins Gefängnis nach Eschwege gebracht wurde. Die Unruhen in Schwebda wären zu schildern zur Zeit von Pfarrer Wittekindt und nach seiner Versetzung. Die Pfarreiübergabe von Wanfried bei Versetzung von Pfarrer Rose mit ihren dramatischen Einzelheiten darf der Nachwelt nicht vorenthalten werden, auch nicht die Auseinandersetzung zwischen Kirchenvorstand und Pfarrer Herwig in Niddawitzhausen, sodann die Auflehnung des Vikars Herwig in Datterode gegen das Landeskirchenamt, das mit seiner Entlassung endete.- Auch des Gegenkreispfarrers Uffelmann in Grebendorf wäre zu gedenken, der, noch nicht lange früh verstorbene, mir immer bedauernswert erschien und sich wohl in den kirchlichen Kämpfen aufgerieben hat.- Aber das sind alles Dinge, die den Kirchenkreis, nicht die Neustädter Gemeinde angehen.-...."

Die Studie kommt der Forderung Clermonts nach und stellt kommentierend dar, was nach dem Willen Clermonts "der Nachwelt nicht vorenthalten werden darf".
Die beigefügten Anhänge, die so selbst in größeren Werken zur Sache kaum zu finden sind, dienen der weiteren Erhellung der damaligen kirchlichen und poltischen Situation.

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Aus den Eschweger Geschichtsblättern, Heft 6, „Das Jahr 1933 in Eschwege“
„ Das Wochenende 18./19.11.1933 stand auch in Eschwege im Zeichen der Lutherfeiern. Die offiziellen Feiern begannen am Samstagabend mit einem Lampionzug sämtlicher Schulen.
Die Einspannung des Reformators in die nationalsozialistische Propaganda kam in der Rede von Studiendirektor Dr. Ehrentreich zum Ausdruck: „ Heute wird der Luthergeist im Hitlergeist wieder lebendig…und heute erleben wir es, wie der Führer im Glauben an seine Sendung das Volk wieder emporhebt aus dem Sumpfe des Materialismus zu der Gottesidee des deutschen Christentums“.
Der Sonntag stand im Zeichen von je zwei Gottesdiensten in den beiden Eschweger Kirchen.
Kreispfarrer Clermont führte unter anderem aus: „Ohne die Vorarbeit Luthers hätten wir heute auch nicht das Dritte Reich. Auch Hitler steht auf den Schultern Luthers, der als ein rechter Deutscher uns die Wege zu wahrem deutschen Christentum gewiesen hat. (Eschweger Tageblatt vom 20.11.1933).

Später (1934/35) scheint Rudolf Clermont sich gegen die Einvernahme der evangelischen Kirche durch die Nationalsozialisten ausgesprochen zu haben und sich der bekennenden Kirche zugewandt zu haben.

Mehr zum Streit zwischen einstweiliger und kommissarischer Kirchenleitung der zwangsvereinigten evangelischen Landeskirchen von Hessen-Kassel und Waldeck können Sie hier lesen.




Zuletzt bearbeitet: 22.08.15 08:06 von Michael_Kraemer


Aus den Eschweger Geschichtsblättern, Heft 6, zum Streit zwischen Kreuz und Hakenkreuz in der Evangelischen Kirchengemeinde in Wanfried:

„ Der Kirchenstreit in Wanfried

Im August 1935 wurde das Kirchspiel Wanfried vakant. Der bisherige Stelleninhaber, Pfarrer Friedrich Rose, hatte zum 15.08.1935 eine Pfarrstelle in Großenritte angenommen. Kreispfarrer Clermont (Eschwege) erhielt am 05. August 1935 von der „Einstweiligen Kirchenleitung“ den Auftrag, die Pfarrei an den Hilfspfarrer Müller, Allendorf, zu übergeben, der Wanfried ab dem 01. August versehen sollte. Zu diesem Zeitpunkt waren offenbar die kirchenpolitischen Verhältnisse in Wanfried klar: Die Gemeinde unterstand der legalen „Einstwiligen Kirchenleitung“ (Der Bekennenden Kirche). So berief der Kreispfarrer (Clermont, Eschwege) in Wanfried eine Kirchenvorstandssitzung zum 06.08.1935 ein, auf der die Pfarrübergabe stattfinden sollte. Das jedoch war nicht möglich. Die Gründe dafür nennt die Verhandlungsniederschrift, aus der wir zitieren:

``…Die Sitzung hatte kein Ergebnis. Beim Eintritt in die Verhandlungen erklärte der stellvertretende Vorsitzende Fritz Rehbein: Wir lehnen eine Übergabe an den Kreispfarrer Clermont ab. Der Ortsgruppenleiter (der NSDAP) Walter hat uns auf die Parteidisziplin hingewiesen und gedroht, jedes Parteimitglied vor das Parteigericht zu stellen, das es wagen würde, dem Kreispfarrer Clermont (Bekennende Kirche) die Pfarrei zu übergeben und sich nicht dem kommissarischen Kreispfarrer Uffelmann (Grebendorf; Deutsche Christen) zu unterstellen. Es wurde dem Kreispfarrer anheimgegeben, sich mit dem (NSDAP) Kreisleiter auseinanderzusetzen. Sämtliche Kirchenvorstandmitglieder verließen das Zimmer, sodass ein Verhandeln nicht mehr möglich war. Die Übergabe konnte deshalb nicht stattfinden. Kreispfarrer Clermont und Pfarrer Rose hatten nicht unterlassen, ihren entschiedenen Widerspruch gegen den parteipolitischen Eingriff zu äußern…``

Wir hatten bei der Besprechung des Kirchenstreits in Schwebda-Frieda darauf aufmerksam gemacht:
Bei der letzten Kirchenvorstandswahl 1933 waren die Kirchenvorstände mit solchen Mitgliedern überfremdet worden, deren Loyalität nicht bei der Kirche, sondern bei der Partei (NSDAP) lag. Die Konsequenzen dieses Sachverhalts sehen wir bei der Pfarreiübergabe in Wanfried.

Natürlich musste Clermont über die fehlgeschlagene Sitzung an die Kirchenleitung berichten. Das tat er am 07.08.1935 In diesem Bericht werden die Hintergründe noch einwenig deutlicher.

Clermont berichtet:

``…Die Mitglieder des Kirchenvorstands, die Parteigenossen (der NSDAP) sind erschienen erst gegen ½ 9 Uhr. Von ihrer Seite wurde erklärt, der Ortsgruppenleiter (der NSDAP) Walter habe sie vor der Kirchenvorstandssitzung zu sich gefordert und hierbei gesagt, der Führer habe den Reichsbischof (Müller der Deutschen Christen) eingesetzt und dieser wiederum die kommissarische Kirchenregierung (der Deutschen Christen) in Kassel, und wer als Parteigenosse sich nicht der kommissarischen Kirchenleitung anschließe, handle gegen den Befehl des Führers. Wer für die E.K.L.
(Einstweilige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche) stimme, werde aus der Partei ausgeschlossen…``

Clermont bat in diesem Bericht die Kirchenleitung, auch bei den „dafür in Frage kommenden Stellen“ in Kassel Einspruch zu erheben. Ebenfalls am 07.08.1935 legte Clermont auch beim Kreisleiter (der NSDAP) telefonisch Beschwerde ein. Der verwies ihn an seinen Stellvertreter, fügte aber hinzu, er, der Kreisleiter, „griffe nicht in den Kirchenstreit, auch nicht persönlich, ein.“ Das kann nach Lage der Dinge nur heißen: „Ich persönlich halte mich aus diesen Dingen heraus. Also werde ich auch dem Parteigenossen Walter keinen Vorwurf machen.“

Die einstweilige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche in Kassel rügte bei der Staatspolizei in Kassel das Verhalten des Ortsgruppenleiters der NSDAP in Wanfried, Walter, heftig. Und forderte dazu auf, parteipolitische Beeinflussungen kirchenpolitischer Belange zu unterlassen. Ob die Staatspolizei auf diese Rüge reagierte, ist nicht bekannt.





Zuletzt bearbeitet: 06.04.15 08:27 von Michael_Kraemer


Evangelische Kirche im Kirchenkreis Eschwege schreckte vor Arisierung jüdischen Eigentums nicht zurück

An dem Haus An den Anlagen 14a (in Eschwege) wurde eine Gedenktafel angebracht, die an die besondere Geschichte dieses Hauses, in dem heute das Kirchenkreisamt für die Kirchenkreise Eschwege und Witzenhausen (ehemals Kirchliches Rentamt) sowie die Evangelische Familienbildungsstätte ihren Sitz haben, erinnern soll. Pfr. i.R. Heinrich Mihr war vor einiger Zeit auf die lange Zeit vergessene Geschichte dieses Hauses gestoßen, das 1889 von Sanitätsrat Dr. Moritz Stern als Fachwerkbau im Gründerzeitstil erbaut wurde. Bis zum Jahr 1911 betrieb der Erbauer in diesem Haus, in dem er mit seiner Familie auch wohnte, eine Arztpraxis, die im selben Jahr sein Sohn Dr. Carl Stern übernahm.
Im März 1933 gab Dr. Carl Stern die Praxis auf. Auf Grund von Anfeindungen Eschweger Nationalsozialisten gegen jüdische Mitbürger waren für ihn ein geregelter Praxisbetrieb sowie ein normales Familienleben nicht mehr möglich. Zusammen mit seiner Familie verzog er nach Hamburg. Falsche Anschuldigungen aus Eschwege veranlassten ihn dort im Februar 1935 zum Freitod.
Im September 1937, also genau vor 75 Jahren, kaufte der Gesamtverband der Evangelischen Kirchengemeinden in Eschwege dieses Haus von den Nachfahren des Dr. Moritz Stern zu einem Preis von 30.000 Reichsmark. Dieser Kauf geschah im Zuge der vom Nationalsozialismus begünstigten Übernahme jüdischen Eigentums durch nicht-jüdische Personen oder Einrichtungen.
Unter der Federführung des bisherigen Vorsitzenden des Eschweger Gesamtverbandes, Pfr. Stephan Bretschneider, wurde nun in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Eschwege die Gedenktafel entworfen und heute schließlich angebracht. Bei der Anbringung anwesend waren neben den bereits Genannten auch Irma Bender (Leiterin der Ev. Familienbildungsstätte), Andreas Koch (Leiter des Kirchenkreisamtes), Dekan Dr. Arnold sowie Pfr. Christoph Dühr, der zum 1.9. den Vorsitz im Gesamtverband Eschwege übernommen hat.

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Zuletzt bearbeitet: 11.04.13 06:58 von Michael_Kraemer


Die Eschweger Geschichtsblätter, vom Eschweger Geschichtsverein herausgegeben, sollten mit Vorsicht interpretiert werden.
Eine wirklich neutrale Bewertung, wie sie von richtigen Historikern zu erwarten wäre, kann ich nicht erkennen.
Im Gegenteil, wenn ich als Resümee im Kirchenstreit "Deutsche Kirche" - "Bekennende Kirche" im "Kirchspiel Frieda/Schwebda" lese: "Es muss gesagt werden, dass in dieser Zeit niemand in der Ausübung seiner kirchlichen Pflichten und Rechte durch Organe der Partei ernsthaft behindert worden ist", dann sagt das doch eindeutig aus, auf welchem Auge der Eschweger Geschichtsverein blind ist.
Wenn in Schwebda eine Straße "Von-Keudell-Ring" - nach Beratung der Gemeinde Meinhard durch den Eschweger Geschichtsverein - nach einer Edelfamilie (mit 3 Kriegsverbrechern und einem Steigbügelhalter von Adolf Hitler)- und der man in den Chroniken und Kirchenbüchern unserer Nachbargemeinden "500 Jahre Feudalherrschaft" bescheinigt,
benannt wird, spricht das doch Bände.

Die Angst der Machteliten vor dem Volk

Gülle und Grundwasser

Bodensee-Werratalsee

Zusammenfassung Werratalsee

Agitation und Propaganda


Zuletzt bearbeitet: 15.03.13 05:45 von Horst_Speck


Horst_Speck:
Die Eschweger Geschichtsblätter, vom Eschweger Geschichtsverein herausgegeben, sollten mit Vorsicht interpretiert werden.


Dem ist zuzustimmen.

Entscheident ist:

Im Werra-Meißner-Kreis, in Eschwege und in Wanfried sind die alten Nazi-Strukturen, die verantwortlich handelnden Personen und Institutionen zu benennen und ihr Einfluss auf die Entwicklung in der Zeit der frühen Bundesrepublik und im Werra-Meißner-Kreis in den 50iger, 60iger Jahren bis in die heutige Zeit hinein zu untersuchen und darzustellen. Die etablierten Institutionen, Parteien, Kirche, Bauernverband und Verwaltung werden diese Aufklärungsarbeit nicht leisten. Dazu waren sie alle viel zu sehr -unter anderem durch personelle Kontinuität- in die Fehlentwicklungen der Nazizeit verstrickt.



Zuletzt bearbeitet: 15.03.13 08:41 von Michael_Kraemer


Informationen über Pfarrer Erich Eisenberg (Deutsche Christen), der in der Zeit von 1935 bis zum 01. Mai 1945 Pfarrer der evangelischen Kirchengemeine in Wanfried war, erhält man
Hier: http://www.heimatverein-datterode.de/de/unser-dorf/die-kirche/die-geschichte-der-kirchengemeinde-und-ihrer-pfarrer?start=2


Zum 1. 8. 1930 werden die beiden Pfarrstellen (Röhrda und Datterode) dem Pfarrer Erich Eisenberg mit dem Dienstsitz in Datterode übertragen und das freie Pfarrhaus in Röhrda an den Gendarmeriemeister Krause vermietet. Pfarrer Eisenberg stammt aus einer alten kurhessischen Pfarrerfamilie, war als Pfarrerssohn in Renda geboren und ein Urenkel des ehemaligen Datteröder Pfarrers Karl Eisenberg. Seine Tätigkeit übt er zunächst in herkömmlicher Weise mit jugendlichem Schwung und guten Ideen aus. So gelingt es ihm, die Sonntagsschule der landeskirchlichen Gemeinschaft in den Kindergottesdienst zu integrieren. Das ist deswegen bemerkenswert, weil die Gemeinschaft durch die Wirksamkeit des Lehrers Bachmann und den Einsatz von Pfarrer Battenberg starken Zuspruch erfahren hatte. Seinem Vorschlag, sich auch im Bereich der Bibelstunde zu vereinen und diese abwechselnd mit dem Prediger Hartung zu leiten, vermochte die Gemeinschaft indes nicht zuzustimmen. Erstmalig beginnt er mit Jugendarbeit und richtet im Pfarrhaus einen Jugendraum ein. Durch seine Initiative entsteht ein Kirchenchor, dessen Leitung von dem Organisten und früheren Lehrer Scherp übernommen wird. Um bei den winterlichen Gottesdiensten nicht mehr, wie seit Jahrhunderten, frieren zu müssen, wird auf Anregung Eisenbergs und Beschluss des Kirchenvorstandes ein Spezialheizungsofen in der Kirche installiert.

Nach der „Machtübernahme“ am 30. Januar 1933 greift die nationalsozialistische Staatsführung in das Leben der Kirche ein. Auf Anordnung des Staatskommissars für Kirchenfragen, Jäger, wird auch in Datterode der bisherige Kirchenvorstand aufgelöst, zwischenzeitlich ein aus zwei Personen bestehender Kirchenvorstand eingesetzt und in der allgemeinen Kirchenwahl vom 23. Juli einstimmig (es gab nur eine einzige Liste) ein neuer Kirchenvorstand gewählt. Entgegen der nationalsozialistischen Erwartung werden alle sechs Mitglieder, die schon vor dem Eingriff dem Gremium angehörten, wiedergewählt. Trotzdem wird im Unterschied zu den Nachbarkirchspielen, vorangetrieben durch Pfarrer Eisenberg, bereits im Juli 1933 in Datterode eine Gemeindegruppe der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ gegründet. Diese schon seit 1932 bestehende Organisation glaubte an eine Verbindung von Christentum und Nationalsozialismus und arbeitete konsequent auf eine national- und rassebewusste, alle jüdischen Einflüsse abstreifende und nach dem Führerprinzip geleitete Deutsche Reichskirche hin. Der Zeitungsbericht über die Gründungsversammlung, die wegen des größeren Saales in Röhrda stattfand, auf der Pfarrer Uffelmann, Grebendorf, die Hauptrede hielt und eine wirkliche Verbindung zwischen Volk und Kirche, Volkstum und Christentum, Führertum frei von allen parlamentarischen und demokratischen Ideen forderte, schloss mit folgendem Satz: „Mit dem Treuegelöbnis für den Führer der NS-Bewegung, den Volkskanzler Adolf Hitler und dem Gesang des Horst Wessel Liedes fand die Kundgebung der Glaubensbewegung Deutsche Christen in Röhrda ihren Abschluß“. Ob die Gemeindegruppe der „Deutschen Christen“, die von oben gefördert, aber nur über eine sehr kleine Basis verfügte, zu Versammlungen oder den damals so beliebten Schulungen zusammenkam, lässt sich nicht mehr ermitteln. Schriftlich festgehalten ist lediglich, dass an einem Sonntag im Jahre 1934 in der überfüllten Turnhalle ein „Evangelischer Volkstag“ stattfand. Vorausgegangen waren am Vormittag zwei Gottesdienste in Datterode und Röhrda. Prediger und Sprecher, so die Bezeichnung in jener Zeit, waren Pfarrer Veerhoff, der Leiter der kommissarischen Kirchenleitung von Kurhessen-Waldeck, und der radikale Nationalsozialist Pfarrer Grebe. Der Gemeindegruppe war indes nur ein sehr kurzes Leben beschieden. Der Verfasser weiß aus vielen mit den Mitgliedern des Kirchenvorstandes im Jahre 1936 geführten Gesprächen, dass ihnen im Grunde gar nicht klar gewesen ist, auf was sie sich mit ihrer Hinwendung zu den Deutschen Christen eingelassen und wie sehr sie es bedauert haben, nicht den Mut zu einem Nein gehabt zu haben. Nur noch eine einzige Versammlung fand in der „Halle“ in Röhrda unter fast ausschließlicher Beteiligung auswärtiger „Deutscher Christen“ statt. Die Kundgebung, wie sie genannt wurde, war ursprünglich für Eschwege geplant, konnte aber wegen des Widerstandes aller Pfarrer des Kirchenkreises, bis auf zwei, in der Kreisstadt nicht gehalten werden. Inzwischen konstituierten sich in Kassel zwei Kirchenleitungen, die der Bekennenden Kirche verbundene einstweilige Kirchenleitung und die deutsch-christliche kommissarische Regierung. Letzterer unterstellten sich Pfarrer Eisenberg und Pfarrer Uffelmann, während alle anderen Planer der einstweiligen Kirchenleitung ihr Vertrauen schenkten. Zum 1.11.1935 wird Pfarrer Eisenberg nach Wanfried versetzt, nachdem er vom dortigen Kirchenvorstand zu einer Bewerbung aufgefordert worden war. Zwischen den Gemeinden Datterode und Röhrda kommt es zu Misshelligkeiten mit den beiden Kirchenleitungen über die Beschäftigung des Vikars Herwig. Dieser wird schließlich rechtswidrig ohne bestandenes zweites Theologisches Examen durch den Leiter der kommissarischen Kirchenregierung, Pfarrer Veerhoff, unter Assistenz der Pfarrer Eisenberg und Herwig, seines Vaters, an einem Wochentag (Kirmesmontag) in der Kirche von Datterode ordiniert, muss aber am Ende doch das Kirchspiel verlassen und findet in dem benachbarten, unter „deutsch-christlicher“ Leitung stehenden Kirchenkreis Eisenach eine Pfarrstelle.



Zuletzt bearbeitet: 03.09.13 08:31 von Michael_Kraemer


Die Machtergreifung der Deutschen Christen

Eine Reaktion der evangelischen Landeskirche auf die Machtergreifung Hitlers war die Entscheidung, die 29 bisher selbstständigen Landeskirchen zu einer zentralistisch geführten Reichskirche zusammenzufassen. Ein Verfassungsausschuss wurde gebildet, bestehend aus dem Präsidenten des Evangelischen Oberkirchenrats Berlin, Kappler, für die Unierte Kirche, dem lutherischen Landesbischof von Hannover, Marahrens, und dem reformierten Pfarrer Hermann Hesse, von denen keiner zu den Deutschen Christen gehörte.
Ungefragt nahm auch der Bevollmächtigte des "Führers" für die Evangelische Kirche, Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, an den Beratungen teil. Dieses Gremium formulierte im Mai 1933 die Grundsätze der zukünftigen Reichskirchenverfassung:

"Unser heißgeliebtes deutsches Vaterland hat durch Gottes Fügung eine gewaltige Erhebung erlebt. In dieser Wende der Geschichte hören wir als evangelische Christen den Ruf Gottes zur Einkehr und Umkehr, den Ruf auch zu einer einigen Deutschen Kirche."

Obwohl die neue Reichskirchenverfassung noch gar nicht verabschiedet war, drängten die Landeskirchenführer auf die Wahl eines Reichsbischofs. Wider Erwarten wurde am 27. Mai 1933 nicht der DC-Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, sondern Friedrich von Bodelschwingh, Leiter der Betheler Anstalten, zum Reichsbischof gewählt. Die Wahl Bodelschwinghs stieß aber auf Ablehnung der Deutschen Christen und der Hitlerregierung. Beide suchten einen Anlass, ihn sobald wie möglich wieder zu entmachten. Am 24. Juni 1933 wurde ein Staatskommissar mit unbeschränkten Vollmachten für die Evangelische Kirche in Preußen eingesetzt. August Jäger, der Leiter der Kirchenabteilung im preußischen Kultusministerium.

Mit seiner ersten Verordnung löste Jäger sämtliche gewählten kirchlichen Organe auf und ernannte einen neuen Oberkirchenrat, in dem ausschließlich DC-Mitglieder saßen. Gleichzeitig ordnete er an, dass in allen Gemeinden Dankgottesdienste für die von ihm durchgeführte "Neuordnung der Kirche" stattzufinden hätten.

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