DISKUSSION OHNE ZENSUR
Freies Forum Werra Meissner

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Thema: Erste zarte Anfänge der Aufarbeitung der NS-Zeit


Ein erster zarter Anfang für die Aufarbeitung der NS-Zeit in der evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck und in der evangelischen Kirchengemeinde in Wanfried ist gemacht.

Unter der Überschrift "Die EKKW im Nationalsozialismus" berichtet Pfarrerin Rosemarie Kremmer über die Entwicklungen im Nationalsozialismus auf Ebene der fusionierten Landeskirchen in Hessen-Kassel und Waldeck (Jetzt: Kurhessen-Waldeck) sowie auf Gemeindeebene in Wanfried.

Siehe hier:

http://stadtkirche-wanfried.de/die-ekkw-im-nationalsozialismus/

Der jetzt unter dem o.a. LINK zu lesende Text ist neu. Der ursprünglich unter dem o.a. LINK zu lesende Text von Frau Pfarrerin Rosemarie Kremmer war inhaltsgleich mit dem Text, der bereits anlässlich der Ausstellung "1200 Jahre Christentum in unserer Region" die zeitgleich mit dem Jubiläum 1200 Jahre Ersterwähnung der Stadt Wanfried im Jahre 2013 in der evangelischen Kirche gezeigt wurde.

Leider werden die Entwicklungen innerhalb der evangelischen Kirchengemeinde in Wanfried nur in Ansätzen angesprochen und die verantwortlich handelnden Personen im Kirchenvorstand und auf der Ebene der Kommunalpolitik, die der NSDAP angehörten und der NS-Ideologie auch in Wanfried und darüber hinaus in den Jahren von 1933 bis 1945 zum Durchbruch verhelfen wollten und verholfen haben, bleiben dabei unerwähnt.

Das aber ist notwendig, um zu einer ernsthaften Aufarbeitung der damaligen Verhältnisse, und der Motive ihrer Akteure beizutragen, und um zu der immer wieder verschwiegenen Erkenntnis zu gelangen, dass der Nationalsozialismus bürgerlich war, und er in der Stadt Wanfried kein Import von außerhalb, kein Fremdkörper war, er vielmehr aus dem Kern der alten Bauern- und Bürgerfamilien Wanfrieds, aus dem Gewerbe- und Verwaltungsbürgertum sowie den Aktivitäten und Predigten des DC-Pastors Erich Eisenberg und den Publikationen des Pädagogen und Brombeermann-Heimatdichters Wilhelm Pippart kam.
Es wäre aber viel zu kurz gegriffen, nur diese beiden Personen
als verantwortlich Handelnde im Sinne der Nazi-Ideologie zu benennen. Sie gehörten nicht zu den sogenannten "alten Kämpfern", die weit vor der Machtergreifung 1933 in die NSDAP eingetreten waren, wie z.B. Fritz Walter, Karl Vetter, Dr. Hangen, Gottlob Gries, Arthur Kalden, Wilhelm Kalden, Elmar von Eschwege und Rudolf von Keudel.

Die Ehrentafel der Mitglieder der NSDAP-Wanfried aus dem Jahre 1933 finden Sie hier: http://www.kanonenbahnmuseum.de/index.php?id=173&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=1545&cHash=2df3f5a214c0f16be85f2d1ff98f0d47
Bitte nach unten scrollen!

Das Unterlassen der Aufarbeitung der Nazizeit und der Benennung ihrer Akteure durch die evangelische Kirchengemeinde aber auch durch die verantwortlichen Politiker in der Stadt Wanfried ist umso unverständlicher, als sowohl in dem Buch von Pfarrer Klaus Döll mit dem Titel "Evangelische Kirche im Dritten Reich; Studie zum Streit zwischen Kreuz und Hakenkreuz...", als auch in den Eschweger Geschichtsblättern, Heft 6, zu dieser Thematik bereits tiefgründigere historische Untersuchungen vorliegen.

Siehe zu diesem Thema auch den Beitrag "Nichtaufarbeitung der NS-Zeit in Wanfried" hier:

http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2614366&r=threadview&t=4059211&pg=1

Kein Wort der evangelischen Pfarrerin zu der Frage, warum zwei Jahre später nach der Übernahme der Pastorenstelle in Wanfried im November 1935 durch den DC-Pfarrer Eisenberg die endgültige Beseitigung jüdischen Lebens in Wanfried im November 1937 erfolgte. Warum konnte die Zerstörung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus in Wanfried, mit eigener Synagoge, jüdischer Schule und jüdischem Friedhof inmitten einer Gemeinde, die sich überwiegend zum evangelischen Christentum bekannte, eigentlich geschehen? Dieser bleibenden brennenden Frage nachzugehen, bleibt Aufgabe der evangelischen Kirchengemeinde auch heute. Die Judenfeindschaft, die bei den Protestanten auch durch Luther genährt worden ist, und in der NS-Zeit durch führende Vertreter der Deutschen Christen (Bischof Martin Sasse aus Eisenach; er war ebenfalls Mitarbeiter des Entjudungsinstitutes) wieder aufgegriffen worden ist, ist deshalb gerade heute 500 Jahre nach der Reformation und 70 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges und 80 Jahre nach Berufung eines DC-Pfarrers nach Wanfried, erneut zu untersuchen, wobei der Aspekt, inwieweit dadurch eine Solidarität mit den Juden -auch vor Ort in Wanfried- verhindert worden ist, von besonderer Bedeutung sein dürfte.




Zuletzt bearbeitet: 04.01.16 07:08 von Michael_Kraemer


Verbindungen zwischen Pfarrer Rudolf Stelzner, Eisenach, und Wanfried

Zwischenzeitlich habe ich im Kirchenarchiv der Thüringischen Landeskirche in Eisenach weitere Recherchen angestellt. Dabei stieß ich auf den Volksschullehrer, Pfarrverweser und späteren Pfarrer Rudolf Stelzner, geb. 24.07.1898 in Werdau, gestorben 03.12.1972 in Potsdam. Seine Personalakte, bestehend aus zwei Bänden, trägt das Aktenzeichen G 1977 und G 1978 Kt. 273.

Stelzner war seit April 1933 Mitglied der NSDAP, seit Juli 1933 Mitglied der SA.
Am 19.03.1939 richtete Rudolf Stelzner an den Landeskirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche in Eisenach ein Gesuch, wonach er beabsichtige aus dem Lehrerberuf in Sachsen auszuscheiden und als Pfarrer in den Dienst der evangelischen Thüringischen Landeskirche
einzutreten. Dabei wies er besonders darauf hin, dass er seit dem 01.10.1933 Mitglied der Deutschen Christen sei (Sachsennummer 1772). In seiner Bewerbung führt er weiter aus: „Auch als Redner der Landesgemeinde Sachsen -vor allem im Wahlkampf- hoffte ich mit bescheidenen Kräften der DC-Sache dienen zu können. Ich hoffe sehnlichst, recht bald eine günstige Nachricht zu bekommen und bin zu persönlicher Vorstellung, Aussprache und weiteren Auskünften gern bereit. Über meine politische Zuverlässigkeit und Führung als Pg. (Anmerkung des Verfassers: Parteigenosse) bitte ich Auskunft beim zuständigen Kreisleiter der NSDAP in Rochlitz/ Sa (Anmerkung des Verfassers: Sachsen) einholen zu wollen. Heil Hitler ! Rudolf Stelzner“ (Band I. Seite 4 der Personalakte Rudolf Stelzner).

Erstaunlich ist, dass es sich bei dieser Bewerbung nicht etwa um eine Bewerbung für den Staatsdienst in der NS-Diktatur handelt, oder gar um eine Bewerbung für eine Stelle in der NS-Parteiorganisation, nein, es geht um eine Bewerbung für eine Pfarrerstelle in der evangelischen Landeskirche in Thüringen und das, obgleich Rudolf Stelzner von seiner Ausbildung her gar nicht die Voraussetzungen für eine Einstellung als Pfarrer erfüllt.

In einem Schreiben vom 23.04.1939 schreibt Rudolf Stelzner unter dem Briefkopf der „Deutschen Christen Nationalkirchliche Einigung e.V. ; Der Kassenwart der Marktgemeinde Mittweida“ an den
„Landeskirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche Eisenach/Thüringen z.Hd. von Kamerad Stüber“: „Lieber Kamerad Stüber! Am 17. März 1939 habe ich auf Ersuchen von Kamerad Dr. Brauer, der mir im Einvernehmen mit den Kameraden Leffler und Leutheuser schrieb, ein Gesuch zur Übertragung einer Pfarrstelle innerhalb der Thüringer evangelischen Kirche an den Landeskirchenrat gesandt. Ich habe Kamerad Dr. Brauer, dem ich das Bewerbungsschreiben mit der Bitte um Weiterleitung übermittelte, mir bis zum 25. März freundlicherweise mitteilen zu wollen, ob grundsätzlich und bis zu welchem späteren Zeitpunkt mit der Erfüllung meines Gesuchs zu rechnen sei, weil mein Dienstvorgesetzter ….Rektor Möbius, zu seinen Stunden- und Klassenverteilungsarbeiten dies gern wissen wollte.“ Stelzner bitte also den Kameraden Stüber noch einmal ihm doch bitte zeitnah mitzuteilen, wann es mit der Einstellung in den evangelischen Kirchendienst in Thüringen etwas wird und weist -“durch die Blume“- noch einmal darauf hin, dass das doch nun mit allen wichtigen einflussreichen Kameraden, die den Deutschen Christen angehören, abgestimmt sei.



Zuletzt bearbeitet: 20.08.15 14:54 von Michael_Kraemer


Nachdem Rudolf Stelzner schließlich am 16.08.1939 in den Kirchendienst der Thüringer evangelischen Landeskirche als Pfarrverweser (Verwaltungsbeamter) eingestellt wurde, nachdem er seinen Antrag als Pfarrer eingestellt zu werden, zurückgenommen hatte, wurde ihm mit Wirkung vom 16.07.1940 erlaubt, die Dienstbezeichnung Pfarrer zu führen und am 29.12.1942 wurde Rudolf Stelzner, nach bestandener Predigerseminarprüfung zum Pfarrer der Thüringer evangelischen Landeskirche ordiniert.

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass sämtliche von Rudolf Stelzner in seinem Brief vom 23.04.1939 genannten „Kameraden“, Dr. Brauer, Leffler sowie Leutheuser, und Stüber und natürlich auch Rudolf Stelzner selbst, führende Mitglieder der Deutschen Christen der radikalen Thüringer Richtung waren.

Gründer und Leiter der Deutschen Christen in Thüringen waren Siegfried Leffler und Julius Leutheuser, zwei befreundete Pfarrer in Thüringen. Die Bewegung wurde 1932 auf das ganze Reich ausgedehnt.

Siegfried Leffler wurde Leiter des am 04. April 1939 von 11 evangelischen Landeskirchen geründeten und am 05. Mai 1939 auf der Wartburg mit einem Festakt eröffneten „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben des deutschen Volkes“, kurz „Entjudungsinstitut“. (Vergleiche: Franz Karl Nieder, Eine Theologie des Judenhasses; Das Eisenacher Entjudungsinstitut und die „entjudete“ Bibel, Seite 1, Seite 3
http://franz-karl-nieder.de/download/Theologie_des_Judenhasses.pdf)

Dr. Erwin Brauer, Eisenach, war Kassierer des Instituts. (Vergleiche Prolingheuer, Das kirchliche „Entjudungsinstitut“ 1939 bis 1945 in der Lutherstadt Eisenach.“ Seite 11 oben:
http://www.kirchengeschichten-im-ns.de/Das%20_Entjudungsinstitut_.pdf;

Und auch Rudolf Stelzner, Eisenach, damals noch Pfarrverweser, war Mitarbeiter des am 04.April 1939 in Eisenach gegründeten sogenannten Entjudungsinstitutes, wie die bei Prolingheuer veröffentlichte Mitarbeiterliste belegt, (Vergleiche: http://www.kirchengeschichten-im-ns.de/Das%20_Entjudungsinstitut_.pdf; Seite 14 rechte Spalte, 19. von unten).


Zuletzt bearbeitet: 04.01.16 20:07 von Michael_Kraemer


Die „Deutschen Christen“
waren eine rassistische, antisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus. Im Mai 1921 wurde in Berlin der „Bund für deutsche Kirche“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, die evangelische „Kirche aus ihrer jüdischen Umklammerung zu befreien und ein deutsch-heimatlich durchtränktes Christentum zu schaffen“. Zum Programm gehörten:
- Der Ausschluss aller getauften Juden aus der evangelischen Kirche,
- die „Entjudung“ der kirchlichen Botschaft durch Abkehr vom Alten Testament;
- die „Reinhaltung der germanischen Rasse“.

Das Eisenacher Entjudungsinstitut
Am 4. April 1939 haben elf evangelische Landeskirchen die Gründung eines "Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben des deutschen Volkes“ beschlossen. Schon am 6. Mai 1939, ein halbes Jahr nach den Novemberpogromen 1938, wurde dann das Institut mit einem Festakt auf der Wartburg bei Eisenach feierlich eröffnet. Sitz des Institutes war Eisenach, Bornstraße 11.

Siegfried Leffler, Gründungsmitglied der „Deutschen Christen“, wurde Leiter, Walter Grundmann wissenschaftlicher Leiter des Institutes. In seinem Vortrag mit dem Titel: „Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche“, der noch im gleichen Jahr im Verlag Deutsche Christen in Weimar veröffentlicht
wurde, skizziert Grundmann die Arbeitsschwerpunkte des Institutes. Vor allem soll eine „entjudete Volksbibel“ erarbeitet und herausgegeben werden. Das Alte Testament sollte völlig abgeschafft werden. Außerdem sollten 192
Bischöfe, Konsistorialräte, Professoren, Doktoren, Pastoren, Religionspädagogen, Kunstschaffende und Regierungsbeamte in zehn Arbeitskreisen und an 16 Forschungs-aufträgen oder Einzelarbeiten bei der „Entjudung von Theologie und Kirche“ mitwirken. Nicht alle davon kamen aber zustande.



Zuletzt bearbeitet: 23.08.15 07:42 von Michael_Kraemer


Verbindungen Rudolf Stelzners nach Wanfried

Welche Verbindungen gibt es nun zwischen dem DC-Pfarrer und Mitarbeiter des Eisenacher Entjudungsinstituts Rudolf Stelzner und Wanfried?

Aus der Personalakte des Rudolf Stelzner ergibt sich, dass er zumindest im Jahre 1943 als DC-Pfarrer aus Thüringen auch für die Betreuung der den Deutschen Christen angehörenden Mitglieder im Kirchenkreis Eschwege verantwortlich war (Vergleiche die Personalakte des Rudolf Stelzner des Landeskirchenrats der Thüringer Evangelischen Kirche, Az. G 1977 Kt. 273 Band II, Seite 28 unten. Dort heißt es im Zusammenhang mit der Begründung für seine Entlassung aus dem Dienst der Thüringer evangelischen Landeskirche im Februar des Jahres 1946 wörtlich: „Der Einspruchsführer ist auch als deutsch-christlicher Störer des kirchlichen Friedens in Bezirke[n] des Landeskirchenamts Kassel ferner in Vacha und Eschwege eingesetzt worden.“

In der Personalakte des Rudolf Stelzner des Landeskirchenrats der Thüringer Evangelischen Kirche, Az. G 1977 Kt. 273 Band I, Seite 102, findet sich folgender Eintrag:
„Begräbnisfeier gehalten am 1./III.1943 in Wanfried Rudolf Stelzner Eisenach“. Auf den nächsten 8 Seiten folgt dann der Text der Begräbnisfeier. Auf Blatt 7 heißt es: „Gott rief heim unseren Weggenossen, den Erbhofbauer[n] Friedrich Walter, geboren am 13.August 1866 in Wanfried gestorben am 26. Februar 1943 in Wanfried“.

Es handelt sich hier um die Beerdigung des Vaters des damaligen Ortsgruppenleiters der NSDAP in Wanfried, Fritz Walter.
Die Beerdigungsfeier, gestaltet durch den DC-Pfarrer Rudolf Stelzner aus Eisenach und Mitarbeiter des Eisenacher Entjudungsinstitutes, endet mit den Worten: „Der Allmächtige segne euer Tagewerk und Schaffen ! Er segne unseren Führer, Volk und Land !“

Mit Verfügung des Landeskirchenamtes der Thüringer evangelischen Kirche vom 01.02.1946, die auf einem zuvor ergangenen Beschluss der Spruchstelle beruhte, wurde Pfarrer Rudolf Stelzner unter Aberkennung der Amtsbezeichnung „Pfarrer“ aus dem Dienst der Thüringer evangelischen Kirche entlassen, „da er seine Berufung in das Pfarramt lediglich der Zugehörigkeit zur Partei und zur Bewegung der Deutschen Christen, für die er sich propagandistisch eingesetzt hat, verdankt und § 3 des Reinigungsgesetzes ihm nicht zur Seite steht.“

In der Begründung des auf seinen Einspruch hin am 24.04.1946 ergangenen, seinen Einspruch zurückweisenden Beschluss, heißt es dann unter anderem: „ Der Einspruch konnte keinen Erfolg haben...Daß er selbst sich sehr wohl darüber im klaren ist, daß seine Übernahme in den kirchlichen Dienst nur wegen seiner deutsch-christlichen Einstellung erfolgte, beweisen Formulierungen in seinen Anträgen aus dem Jahre 1941, in denen er ausführt, daß seine Übernahme `ausschließlich im Interesse des Deutschen Christentums` erfolgte. Als Schulungsleiter des Volksdienstes und als späterer deutsch-christlicher Pfarrer hat der Einspruchsführer mit Anteil an der deutsch-christlichen säkularen Verflechtung des Christentums. Seine Aufgabe war es, im Volksdienst dem religiös verbrämten Nationalsozialismus in der deutsch-christlichen Form Gestalt und Wirksamkeit zu geben.“

Interessant ist auch, dass der ehemalige Pfarrer Rudolf Stelzner- nachdem man ihm zunächst die Amtsbezeichnung Pfarrer aberkannte, er seine Anstellung in der Thüringer evangelischen Kirche verlor, und damit in nicht unerhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, ihm später wieder erlaubte, die Bezeichung „Pfarrer i.R.“ zu führen. Außerdem ist bemerkenswert, dass Pfarrer i.R. Stelzner 16 Jahre lang von 1951 bis zum 01.03.1967 Mitarbeiter des Radios der DDR war, zuletzt als Leiter des Ressorts für Kirchenfragen im staatlichen Rundfunkkommitee in Berlin.

Besonders lesenswert ist auch die Laudatio, die der Landesbischof der Thüringer evangelischen Kirche zum Ausscheiden von Pfarrer i.R. Stelzner am 10.02.1967 zur Veröffentlichung in der Zeitschrift „Glaube und Heimat“ dem evangelischen Sonntagsblatt für Thüringen an den „lieben Herrn Amtsbruder Pfarrer Otto Rudolf Stelzner“ richtete.

Ein wörtliche Wiedergabe dieser Laudatio bleibt einem späteren Beitrag vorbehalten.






Zuletzt bearbeitet: 22.08.15 08:01 von Michael_Kraemer


Deutsche Christen im Kirchenkreis Eschwege

Am 14.10.1944 sandte Rudolf Stelzner einen Brief aus Aue an Oberlandeskirchenrat Dr. Bauer, Eisenach, über die DC-Mitglieder im Kirchenkreis Eschwege. Danach gehörten den Deutschen Christen an:
In Eschwege 55 Personen
in Grebendorf 109 Personen
in Reichensachsen 51 Personen
in Hoheneiche 12 Personen
in Wanfried 10 Personen
in Aue 7 Personen
in Neurode 1 Person
in Nentershausen 1 Person und
in Motzenrode ebenfalls 1 Person.
Insgesamt gab es danach im Kirchenkreis Eschwege 247 Mitglieder der Deutschen Christen Thüringer Richtung.

Grebendorf wies deshalb eine so hohe Anzahl an deutschen Christen auf, weil der DC-Gegen-Kreispfarrer Uffelmann in Grebendorf tätig war. Uffelmann verstarb allerdings bereits im Frühjahr 1937. Legitimer Kreispfarrer der einstweiligen Kirchenleitung war seinerzeit Rudolf Clermont.

In Eschwege versammelten sich die „Deutschen Christen“ seit Herbst 1938 in der Kapelle des städtischen Altersheims vor dem Brückentor, weil sie – abgesehen von Grebendorf und Wanfried - keinen Zugang zu den evangelischen Kirchen im Kirchenkreis Eschwege hatten . Die Kapelle gehörte der Hospitalstiftung St. Elisabeth, die von der Stadt verwaltet wurde. Die Gemeinde der deutschen Christen aus Eschwege und Grebendorf wurde zunächst von dem Wanfrieder Pfarrer Erich Eisenberg geleitet. Eisenberg leitete die Gemeinde bis zu seiner Einberufung zum Militärdienst im Jahr 1941. Vom Landeskirchenausschuss in Kassel wurde 1943 der Eisenacher Pfarrer Rudolf Stelzner mit der Betreuung der deutsch-christlichen Minderheiten im Kirchenkreis Eschwege beauftragt. Stelzner war von 1939 zunächst als Pfarrverwalter, dann von 1940 bis 1943 als Pfarrer in Eisenach tätig. Von 1943 bis 1944 war er mit Vertretungsdiensten in verschiedenen Thüringer Gemeinden und zusätzlich mit dem Dienst im Kirchenkreis Eschwege beauftragt. Vgl. Thüringer Pfarrerbuch Band 10 (Thüringer evangelische Kirche 1921 ‐ 1948 und Evangelisch‐Lutherische Kirche in Thüringen 1948 ‐ 2008, Entwurf), zusammengestellt von Friedrich Meinhof, Heiligenstadt 2015, S.42 und 135. Fundort: http://www.landeskirchenarchiv-eisenach.de/attachment/1e161e582c4a46c61e511e1ba98c90ac7252c0f2c0f/1e4f57221fc5f7af57211e48a346be29a8319a819a8/pfarrstellenlisten(entwurf,gesamteelkth).pdf.

Rudolf Stelzner taucht in der Mitarbeiterliste des „Entjudungsinstituts“ auf, aber es ist bis jetzt nicht klar, welche Rolle er in diesem Institut genau gespielt hat.


Zuletzt bearbeitet: 01.01.16 16:02 von Michael_Kraemer


DC-Pfarrer Rudolf Stelzner war in Eisenach langjähriger Mitarbeiter des evangelischen Volksdienstes.

Der „Volksdienst“, eine kirchliche Schulungsabteilung zur politischen Orientierung der Kirchenmitglieder, behandelte die „völkische Frage“, etwa 1925 in Neudietendorf (Vergleiche:Thüringer Kirchenblatt 1925 B Nr. 1, S. 2). Beim Missionsfest des Evangelisch-lutherischen Missionsvereins Gotha 1926 vertrat der Missionar Pfarrer Reichardt öffentlich seine rassistischen Thesen, nur das Christentum könne die „minderwertige Rasse“ der Inder retten(Vergleiche: Thüringer Kirchenblatt 1925 B Nr. 9, S. 91).

Dr. Wilhelm Bauer war als Leiter des Thüringer Predigerseminars in Eisenach Ausbilder des DC Pfarrers Rudolf Stelzner und als Leiter des evangelischen Volksdienstes der Thüringer evangelischen Kirche langjähriger unmittelbarer Vorgesetzter von Rudolf Stelzner (Vergleiche Personalakte des R. Stelzner, Az: G 1977 Bd.I. Seite 44-46; Schreiben vom 04. Juli 1940 des Dr. Bauer an Dr.Volk, Kirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche).

Bauer studierte nach Ablegung der Abiturprüfung Pädagogik und Philosophie. Nach einigen Jahren Lehrerdienst wurde er zum Studienrat ernannt. Er legte eine Dissertation zu einem Thema der Philosophie vor und wurde zum Doktor der Philosophie promoviert. Anfang der 1930er Jahre trat er in den Dienst der Thüringer Evangelischen Kirche und wurde Direktor der Kirchlichen Nachrichten- und Pressestelle in Eisenach. In dem von ihm 1935 herausgegebenen Buch „Feierstunden Deutscher Christen“ kamen neben Bibelzitaten auch Autoren wie Adolf Hitler zu Wort. Zugleich betätigte er sich als Schriftleiter der Zeitschrift „Deutsche Frömmigkeit“, in der die Positionen der Deutschen Christen vertreten wurden. In einer ihrer Ausgaben bekundete er: „Wir sind Nationalsozialisten. Der Nationalsozialismus bedeutet uns die Wiederaufrichtung einer wahrhaften Volksordnung auf dem Grunde der ewigen Gesetze unseres Blutes und unserer Heimaterde.“ Im Jahre 1939 erklärte er seine Mitarbeit am Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben.

Zu Beginn der 1940er Jahre wurde Dr. Bauer stellvertretender Studienleiter des Thüringer Predigerseminars. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus lebte Bauer in der Bundesrepublik Deutschland, publizierte dort weiter und starb in einem Ort des Freistaats Bayern. (Vergleiche: https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Bauer_%28Kirchenrat%29

Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Leiter des Entjudungsinstitutes, Dr. Walter Grundmann gab Dr. Bauer im Jahre 1940 das Schulbuch "Der Religionsunterricht in der deutschen Schule. Ausgeführte Lehrpläne für die Volks-Mittel- und höhere Schule, Frankfurt/Main, Moritz Diesterweg Verlag, heraus.

Eine Übersicht die Akten des Kirchenarchivs der Thüringer Landeskirche in Eisenach, Dr. Walter Grundmann betreffend,
findet man hier:


http://www.archive-in-thueringen.de/finding_aids/index.php?path=0;28024;45619




Zuletzt bearbeitet: 22.08.15 13:53 von Michael_Kraemer


Den im nachfolgenden Beitrag wiedergegebenen Text mit der Überschrift "Die EKKW im Nationalsozialismus", findet man jetzt auf der Internetseite der evangelischen Stadtkirche in Wanfried.

Dieser Text wurde im Sommer 2015, nachdem ich die Verbindungen zwischen dem DC-Parrer Rudolf Stelzner aus Eisenach nach Wanfried hier im Forum veröffentlicht hatte, auf die Webside der evangelischen Stadtkirche Wanfried eingestellt. Davor hatte der Text einen anderen Wortlaut, in dem keinerlei Bezug der evangelischen Kirche zu Pfarrer Stelzner erwähnt worden war.

Auch in dem neuen Text wird in keiner Weise dargestellt, dass Pfarrer Rudolf Stelzner ein vehementer Vertreter der Ideologie der Deutschen Christen war, die deckungsgleich war mit der rassistischen und antisemitischen Ideologie des Nationalsozialismus.

Auch die Tatsache, dass Rudolf Stelzner Mitarbeiter des Entjudungsinstituts in Eisenach war, und dass er aufgrund einer Vereinbarung zwischen der Thüringischen Evangelischen Kirche, Eisenach, und der Evangelischen Kirche Kurhessen Waldeck im Kirchenkreis Eschwege die Gruppe der "Deutschen Christen" im Kirchenkreis Eschwege betreute, wird in dem Beitrag auf der Webside der evangelischen Kirchengemeinde Wanfried mit keinem Wort erwähnt.

Und selbstverständlich wird nichts darüber berichtet, dass es offensichtlich zwischen der Familie des Ortsgruppenleiters der NSDAP, Fritz Walter, und Pfarrer Stelzner, als einem Vertreter der Deutschen Christen der besonders radikalen Thüringer Ausrichtung, engste Kontakte gab. Dieser Schluss ist zulässig, da Stelzner am 01. März 1943 die Begräbnisfeier des Vaters des Ortsgruppenleiters der NSDAP, Fritz Walter, des Erbhofbauern der Mittelmühle, Friedrich Walter, gest. am 26.02.1943, in Wanfried, hielt.



Zuletzt bearbeitet: 01.01.16 16:18 von Michael_Kraemer


Die EKKW im Nationalsozialismus
Quelle: http://stadtkirche-wanfried.de/die-ekkw-im-nationalsozialismus/

von Rosemarie Kremmer

Mit dem Ende des I. Weltkriegs im Jahr 1918 endet das 400jährige Bündnis von Thron und Altar. Die Gültigkeit bisheriger Kirchenverfassungen erlischt ebenso wie die kirchlichen Rechte der regierenden Fürstenhäuser. Zwischen Aufgabe des günstigen Schutzes und Gewinn neuer Freiheit, steht die Kirche zur Zeit der Weimarer Republik vor der Aufgabe, sich einen neuen geistlichen und theologischen Standort zu erarbeiten und die kirchliche Selbstverwaltung einzuführen.

1923 wird unsere Kurhessische Kirche in drei Sprengel und 26 Kirchenkreise eingeteilt. An ihrer Spitze steht ein Landesoberpfarrer. Die Landeskirchentage sind Träger der Kirchengewalt. Die Gemeinden werden von gewählten Kirchenvorständen geleitet. Die saubere Trennung von Staat und Kirche wird in der am 1. Juni 1924 in Kraft tretenden Kirchenverfassung der „Ev. Landeskirche in Hessen-Kassel“ vollzogen. Die Kirche wird auferbaut durch demokratische Wahlen auf allen Ebenen (Gemeinde-Kirchenkreis-Landeskirche), wodurch allerdings auch gefährliche kirchenpolitische Strömungen auf legalem Wege Einfluss gewinnen:
Im Zusammenhang mit der weltweiten Wirtschaftskrise nehmen auch in der Kirche Radikalisierungen am linken und rechten Flügel zu. Die Kirche steht im Kreuzfeuer der Meinungen, Überzeugungen und Ängste: Die einen treten aus, die anderen stellen sich mit den erstarkenden Nationalsozialisten auf den Standpunkt eines angeblich „positiven Christentums“ und sehnen sich nach der Wiederkehr der „Ehe von Thron und Altar“, andere sehen mit Schrecken, wie die christliche Lehre verfälscht wird…

Anfang 1933 kommt es zur staatlichen Machtübernahme durch die NSDAP unter Adolf Hitler. Diese Partei fördert die Kirchenpartei der Deutschen Christen (DC), welche Christentum und germanische Mythologie miteinander verbinden und die Bibel „von allem Jüdischen bereinigen“ will.
In Hessen-Kassel bildet sich ein Aktionsausschuss, dessen Mitglieder im folgenden Kirchenkampf gegen den nationalsozialistischen Staat führende Rollen einnehmen. Unter dem Vorsitz von Karl Bernhard Ritter bildet sich der kurhessische Pfarrernotbund, der sich als Teil der Bekennenden Kirche (BK) unter Prof. Hans von Soden zu Marburg versteht.

Für die Kirchenwahlen im Herbst 1933 soll eine Ausgewogenheit von Deutschen Christen und Bekennender Kirche im Landeskirchentag angestrebt werden. Am 13. August 1933 wird der Landeskirchentag gewählt: 60 % seiner Mitglieder gehören vereinbarungsgemäß den Deutschen Christen an.
Der Landeskirchentag am 12. September 1933 beschließt die Einsetzung einer „Einstweiligen Kirchenleitung“ (EKL), der alle Befugnisse des Landeskirchentages übertragen werden und die bis Ende des Jahres eine bischöfliche Verfassung der hessischen Kirche vorbereitet. Der staatliche Kirchenkommissar Jäger stimmt der Nominierung von D. Merzyn zum künftigen Bischof zu, wenn die EKL im Umkehrschluss der Eingliederung der kurhessischen Kirche in die geplante Reichskirche zustimme.
1934 kommen plötzlich Einwände aus Berlin, der Landeskirchentag wird für den 12. Juni 1934 überstürzt zusammengerufen. Rasch und ohne Aussprache, geschweige denn Beschlussvorlagen, soll über das Bischofsamt, die Angliederung der waldeckschen Kirche an die kurhessische und die Eingliederung der Landeskirche in die Reichskirche beschlossen werden. Der Tagesordnungspunkt „ Anschluss von Waldeck“ wird in der Sitzung vorgezogen, damit die neuen (und unrechtmäßig sofort vereidigten) DC-Mitglieder aus Waldeck die Abstimmungsergebnisse zu Ungunsten der Mitglieder der BK mitbestimmen können. Es kommt zu Tumulten und schlussendlich zum Abbruch der Sitzung, die wegen des Vorgehens und der Stimmung den Namen „Räubersynode“ bekommt. Diese Räubersynode markiert den Anfang des kurhessischen Kirchenkampfs.

Am 10. Juli 1934 wird neben der „einstweiligen Kirchenleitung“ (EKL) eine „kommissarische Kirchenregierung“ (komKR) installiert, die ausschließlich aus Mitgliedern der Deutschen Christen besteht. Da diese kommissarische Kirchenregierung aber insgesamt wenig Anerkennung in der Landeskirche genießt und die einstweilige Kirchenleitung auch weiterhin arbeitet, wird 1935 ein Landeskirchen-Ausschuss (LK Au) eingesetzt, der sowohl aus Mitgliedern der DC als auch der BK besteht. Dadurch kehrt eine gewisse Ruhe in die Leitung der Landeskirche ein. Es ist eine Besonderheit, dass eine Landeskirche in dieser Zeit von einem Ausschuss geleitet wird, in dem Mitglieder beider Richtungen die Geschicke lenken.
Wegen der Zerstörung des Landeskirchenamtes am Renthof 5 in Kassel durch die Bombardierungen im Oktober 1943, wird das Landeskirchenamt bis zum Kriegsende nach Bad Sooden-Allendorf verlegt.
Mit Kriegsende und dem Zusammenbruch des Reiches war die rechtliche Lage der Kirche so ungeklärt, dass im September 1945 die „Notsynode“ zu Treysa einberufen wird, um den Übergang zu einem neuen Rechtszustand zu schaffen.

Die Kirchengemeinde Wanfried im Nationalsozialismus

Seit dem 13. Oktober 1930 amtiert in Wanfried der Pfarrer Friedrich Rose. M.E. kann er als gemäßigter Kritiker des Nationalsozialismus eingestuft werden. In seiner Wanfrieder Amtszeit lädt er immer wieder zu aufklärenden Abenden im Gemeindesaal oder in der Kirche ein, bei denen es um Themen wie „Christentum und germanische Religion“ oder „Deutsche Glaubensbewegung und christliches Bekenntnis“ geht. Er schreibt zu einem dieser Abende: „Nach großen Schwierigkeiten wurde der Abend in der Kirche gehalten, wo an die 400 Menschen erschienen waren. Der Abend hat viel zur Aufklärung beigetragen“.

Am 13. Dezember 1933 berät der Kirchenvorstand (KV) über die „gegen Pfr. Rose erhobenen Vorwürfe“. Kreispfarrer Clermont sieht allerdings keinen Grund, disziplinarisch gegen Pfr. Rose vorzugehen. Am 18. Dezember 1933 spricht ihm der Kirchenvorstand darum das Vertrauen wieder aus. In derselben Sitzung werden die Mitglieder des KV auf die Verfassung der (von den Nationalsozialisten gewollten) Reichskirche vereidigt.
Der Gemeindesaal wird dem BDM zur Verfügung gestellt – man hilft sich. In seiner Sitzung vom 21.2.1934 beschließt der KV, den kirchlichen Jungmädchenverein in den BDM einzugliedern – dafür aber um die Genehmigung zweimal monatlicher, religiöser Abende im BDM anzufragen. Pfr. Rose schreibt dazu: „Der Kirchenvorstand hat unverständlicher Weise den seit 30 Jahren bestehenden Jungmädchenverein nicht gleichgeschaltet (dem Bund deutscher Mädchen), sondern ganz aufgelöst. Es finden nur noch religiöse Abende für junge Mädchen statt…Der Verein war durch das Verbot der „Doppelmitgliedschaft“, das durch Baldur von Schirach herausgegeben wurde, eingegangen


Zuletzt bearbeitet: 01.01.16 16:07 von Michael_Kraemer


Sitzung vom 24.11.1934: Der Wanfrieder Kirchenvorstand unterstellt sich der Leitung der „einstweiligen Kirchenleitung“ (EKL). Im Mai 1935 werden zwei KV-Sitzungen abgehalten, in denen Pfr. Rose über die aktuelle Lage im kurhessischen Kirchenstreit berichtet.
Am 9. August 1935 kommt es dann zu einer Art „Räubersitzung“ in Wanfried: Pfr. Rose ist nicht zugegen, den Vorsitz übernimmt sein Stellvertreter. Zehn Kirchenvorsteher sind anwesend und beschließen: „(1) Der Kirchenvorstand stellt sich hinter die kommissarische Kirchenregierung in Kassel und erkennt als seinen Kreispfarrer nur den Pfarrer Uffelmann (DC) in Grebendorf an. Gleichzeitig bittet der KV für die Dauer der Vakanz den Pfarrer Eisenberg (DC) in Datterode zum Spezialvikar zu bestimmen. (2) Der Beschluss vom 24.11.34, nach dem sich der KV hinter die einstweilige Kirchenregierung in Kassel gestellt hatte, wurde heute einstimmig aufgehoben. (3) Der KV beschließt einstimmig, den Pfarrer Eisenberg aus Datterode zu bitten, Nachfolger des Pfarrers Rose zu werden.“
Zum 15. August 1935 wird Pfr. Rose nach Großenritte versetzt.
Erich Eisenberg (11.7.1903-3.1.1996) hatte 1930 schon ein halbes Jahr Hilfsdienst in Wanfried gemacht (?). Seit 1.5.1933 war er Mitglied der NSDAP, seit 1934 in der NSV und bei den DC. (KD 1940-44, bis 1946 franz. Kriegsgefangenschaft, EK II).

Schon zur nächsten Sitzung am 3. September 1935 sind Pfr. Eisenberg und Pfr. Uffelmann anwesend. Die Ernennung von Pfr. Eisenberg wird mit einstimmigem Beschluss an die KomKR weitergeleitet. Verhandlungen mit dem eigentlich zuständigen Kreispfarrer Clermont werden abgelehnt, solange dieser den Forderungen des KV nicht zustimmt und sich bei einem Mitglied nicht für eine vorangegangene Beleidigung entschuldigt. Den Verzögerungen in der Pfarreiübergabe soll ein Ende gemacht werden, indem die Pfarreiübergabe nicht durch Kreispfr. Clermont, sondern durch ein Mitglied des KV vorgenommen wird.
Aus dem Protokoll vom 5. März 1937: „Die anwesenden Kirchenvorstandsmitglieder billigen einstimmig die kirchenpolitische Haltung des Vorsitzenden. Für die vom Führer angesetzten Wahlen zur Generalsynode wird der Kirchenvorstand den Weg der Kirchenbewegung „Deutsche Christen“ (nationalkirchliche Bewegung) gehen“.

Ab dem 23.2.1941 werden die Sitzungen vertretungsweise von dem eigentlich bereits pensionierten Pfr. Hochhuth aus Altenburschla geleitet, Pfr. Eisenberg ist im Kriegsdienst.
Ab Februar 1944 werden die Wanfrieder von Pfr. Ernst Höhmann, der seit 1.12.43 die Stelle Altenburschla innehat, mitversorgt. Die KV-Sitzungen werden von ihm mit Schriftlesung und Gebet eröffnet.
11. November 1944: Der Kirchenvorstand lehnt den Antrag des DC-Pfarrers Stelzner ab, ihm alle sechs Wochen die Möglichkeit zu geben, in Wanfried (DC)-Gottesdienste zu halten. Der KV beschließt: „wir sind einstimmig der Ansicht, dass in der Gemeinde kein Bedürfnis nach einer Änderung des gegenwärtigen Zustandes vorhanden ist“. Da Pfr. Stelzner einen neuen Antrag stellt, gibt der KV in der Sitzung vom 8. Januar 1945 nach „unter der Bedingung, dass Pfr. Stelzner Gebete, Predigt und Segen mit Amen beschließt!“ (statt mit „Heil Hitler“).

Neuordnung nach dem Krieg:

In der nächsten Sitzung -sie findet erst am 28. Mai 1945, also nach Kriegsende, statt- wird der Gemeinde der für die Übergangszeit mit der Versehung beauftragte Pfarrer Magnus Riebeling (vormals BK) vorgestellt. Seine Beauftragung geht bis September 1946. Er setzt einen deutlichen Schwerpunkt auf die religiöse Erziehung der Kinder und Jugendlichen (200 Kinder in neun Wochenstunden zzgl. der 80 Konfirmanden). Ein christlicher Kindergarten soll in Wanfried errichtet werden. Auch Gemeindeabende sollen dem Aufbau eines neuen, alten Christentums dienen. Kontakte zu „schwarzen Kriegspfarrern“ in Wanfried werden aufgenommen – den „farbigen amerikanischen“ Soldaten soll die Kirche für ihre Gottesdienste zur Verfügung gestellt werden.
Am 1. Oktober 1946 wird die Pfarrstelle Wanfried mit Pfr. Oswald Krause besetzt, der bis 1955 die Neuordnung der Gemeinde durch Bildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im volksmissionarischen Sinne voranbringt. In seine Dienstzeit fallen auch der Neubau der Friedhofskapelle (1949), die Inbetriebnahme des neuen, modernen Taufsteins und der Beginn des Kindergartenbaus (1955).


Zuletzt bearbeitet: 01.01.16 13:22 von Michael_Kraemer


Zur Problematik der Nichtaufarbeitung der NS-Zeit in Wanfried
vergleiche auch meinen Beitrag hier im Forum:

http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2614366&r=threadview&t=4059211&pg=1






In einer Kirchenvorstandssitzung vom 09. August 1935 der evangelischen Kirchengemeinde Wanfried, die man aus heutiger Sicht als historisch bezeichnen muss,

„stellte sich der Kirchenvorstand der evangelischen Kirche in Wanfried einstimmig“ auf Druck des Ortsgruppenleiters der NSDAP in Wanfried, Fritz Walter, auf die der NSDAP angehörenden Kirchenvorstandsmitglieder, „hinter die kommissarische Kirchenregierung in Kassel und erkennt als seinen Kreispfarrer nur den Pfarrer Uffelmann in Grebendorf an. Gleichzeitig bittet der Kirchenvorstand für die Dauer der Vakanz den Pfarrer Eisenberg in Datterode zum Spezialvikar zu bestimmen. Der Beschluss vom 24.11.1934, nach dem sich der Kichenvorstand hinter die einstweilige Kirchenregierung in Kassel gestellt hatte, wurde heute einstimmig aufgehoben. Der Kirchenvorstand beschließt weiterhin einstimmig, den Pfarrer Eisenberg aus Datterode zu bitten, Nachfolger des Pfarrers Rose zu werden.“

Dieser Kirchenvorstandssitzung vom 09. August 1935 -die sich im August 2015 zum 80igsten Male jährte- gingen heftige Auseinandersetzungen des damals amtierenden Kreispfarrers Clermont aus Eschwege mit den Vertretern der NSDAP auf Kreisebene bis nach Kassel voraus. Der Streit um die Besetzung der Pastorenstelle in Wanfried als Nachfolger des Pfarrers Rose war Teil der heftigen Auseinandersetzungen zwischen der (legalen) einstweiligen Kirchenleitung in Kassel und der kommissarischen Kirchenleitung, den Vertretern der Gruppe der sogenannten Deutschen Christen, die eine Gleichschaltung des kirchlichen evangelischen Lebens mit der national-sozialistischen Ideologie anstrebten (Vergl. hierzu Klaus Döll, Evangelische Kirche im Dritten Reich; Studie zum Streit zwischen Kreuz und Hakenkreuz..., 2. Auflage, Seite 47 ff.).


Teilnehmer der oben genannten Kirchenvorstandssitzung, die ohne den Wanfrieder Pfarrer Rose und ohne den Kirchenkreispfarrer Clermont stattfand waren:

Als Vorsitzender des Kirchenvorstands:

Fritz Rehbein Normalerweise stellvertretender
Vorsitzender des Kirchenvorstands.
Vorsitzender war jeweils der amtierende
Pfarrer. Rehbein war damals leitender
Mitarbeiter des E-Werkes von Scharfenberg
in Wanfried).

Als Mitglieder des Kirchenvorstands:

Wilhelm Israel In 1938 umbenannt in Wilhelm Kalden;
Mitglied der NSDAP; "Betriebsführer" der
Fa. Peter Israel in Wanfried.

Dr. Peters Lehrer in Wanfried.

Georg Schreiber Er war damals Mitglied der
Stadtverordnetenversammlung der Stadt
Wanfried und Mitglied der NSDAP.

... Buhr

... Stück

K. Wetzestein Auch er war Mitglied der NSDAP.

... Nobbe

... Hollstein

G. Schröder Auch er war Mitglied der NSDAP.

Arthur Israel Im Jahre 1938 umbenannt in Kalden, war
ebenfalls Kirchenvorstandsmitglied, nahm
an dieser Sitzung am 09.08.1935 aber
nicht teil. Er war ebenfalls NSDAP-
Mitglied und seinerzeit neben Wilhelm
Israel ebenfalls "Betriebsführer" der
Fa. Peter Israel Wanfried.




Zuletzt bearbeitet: 02.01.16 09:59 von Michael_Kraemer


Nachdem es in der Kirchenvorstandssitzung am 09.08.1935 auf Druck des Ortsgruppenleiters der NSDAP Wanfried, Fritz Walter, gelungen war, den Deutsch-Christlichen Pfarrer Eisenberg nach Wanfried als Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde zu holen, beschließt der Kirchenvorstand in einer der nachfolgenden Kirchenvorstandssitzungen bereits am 20. Oktober 1935 unter Vorsitz von Pfarrer Eisenberg einstimmig:

"Es besteht der Wunsch, den Ortsgruppenleiter Walter zum Mitglied des Kirchenvorstands zu ernennen."

Teilnehmer dieser Kirchenvorstandssitzung waren:

Pfr. Eisenberg als Vorsitzender

Als Kirchenvorstandsmitglieder:

Nobbe
Hollstein
Dr. Peters
Schröder
Wetzestein
Herwig
Rehbein

Später wurde der Ortsgruppenleiter Fritz Walter als Kirchenvorstandsmitglied kooptiert.

Allerdings war er nur für einen begrenzten Zeitraum von einigen Monaten Mitglied des Kirchenvorstands; danach schied er auf eigenen Wunsch wieder aus. Die Gründe für seine zeitweilige Mitgliedschaft lassen sich aus den Inhalten der Protokolle der Kirchenvorstandssitzungen während der Zeit seiner Mitgliedschaft erschließen.





Zuletzt bearbeitet: 02.01.16 10:05 von Michael_Kraemer


Aus Eisenach im benachbarten Thüringen wehte ein nationalsozialistischer Geist auch aus dem kirchlichen Raum hinüber nach Nordhessen und nach Wanfried.

Georgenkirche in Eisenach
Ausradierte Bibelsprüche in der Nazizeit

Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/georgenkirche-in-eisenach-ausradierte-bibelsprueche-in-der.886.de.html?dram:article_id=331044

Nazitreue deutsche Christen trugen ihren Kampf gegen das Judentum bis in die Kirchen und machten auch vor Bachs Taufkirche in Eisenach nicht halt. Mit dem Entjudungsinstitut wurden in der Georgenkirche Verse aus der hebräischen Bibel getilgt und mit neutestamentlichen Sprüchen übermalt. Die ausradierten Stellen sollen nun wieder sichtbar werden.

Von Carsten Dippel

Die Georgenkirche in Eisenach. Luther predigt zur Reformationszeit, Bach wird hier einst getauft. Seitdem hat die Kirche auf dem Marktplatz im thüringischen Eisenach für evangelische Christen eine herausragende Bedeutung. Als die Kirche jüngst umfangreich saniert wurde, traten jedoch alte Akten zutage, die eine ganz andere Geschichte offenbarten. Die Geschichte, wie Bibelworte in Nazi-Deutschland weichen mussten. Bibelworte, die bis dahin im ganzen Kirchenraum zu lesen waren.

"1940 hat man eine Liste zusammengestellt von diesen Bibelworten, die verschwinden sollten und hat auch neue Bibelworte ausgesucht, allesamt aus dem Neuen Testament und zum Teil auch in einer etwas eigentümlichen Übersetzung. Ein Beispiel ist das, was das dort vorne steht: 'Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark.' So kennen wir die Lutherübersetzung und hier steht aber: 'Wachet, steht im Glauben, seid männlich und seid stark.'"

Alttestamentliche Bibelsprüche übermalt

Biblische Bilder und Texte schmückten die Emporen der Georgenkirche seit dem 17. Jahrhundert. Es sollen, so schätzt Pfarrer Stephan Köhler, bis zu 60 Verse gewesen sein. Im 19. Jahrhundert wurden sie teilweise entfernt, in den 1920er-Jahren wieder angebracht. Bis zum Jahr 1940. Da wurden Sprüche aus der hebräischen Bibel einfach mit Versen aus dem Neuen Testament übermalt.

"Die ausgeschiedenen Sprüche, die haben einen ganz anderen Klang. Jetzt mal ganz unabhängig davon, wo sie herkommen aus welchem Teil der Bibel, wird für mich da sehr deutlich, dass das ein ganz freundlicher Gott ist, von dem da die Rede ist. Und wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass von den 19 Bibelworten 12 weichen mussten, dann hat man auch ein Gefühl dafür, wie viel von der eigentlichen Substanz verloren gehen muss, wenn man in dieser Weise mit der Bibel umgeht."


Zuletzt bearbeitet: 03.01.16 14:29 von Michael_Kraemer


Jesus als 'Arier'

Durch Eisenach wehte wie vielerorts der Geist einer völkisch-national gesinnten Christenheit. Im Wahn, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu leugnen, gingen manche soweit, Jesus zum Arier zu erklären. Thüringen war unter Landesbischof Martin Sasse fest in der Hand der Deutschen Christen. Eisenach mit seinen zahlreichen kirchlichen Institutionen wurde zur Hochburg der mit den Nationalsozialisten paktierenden Protestanten. Im April 1939 gründeten sie dort ein Institut, das es sich zur Aufgabe machte, den, wie es hieß, jüdischen Einfluss in der Kirche zu beseitigen. An der Spitze dieses sogenannten Entjudungsinstituts stand Walter Grundmann. Ein junger, ehrgeiziger Theologe, so Michael Haspel, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringens:

"Grundmann hat versucht, Jesus im Gegensatz zum Judentum darzustellen und das Judentum abzuwerten. Das war sein Hauptanliegen. Walter Grundmann war politisch überzeugter Nationalsozialist. Walter Grundmann hat versucht, nationalsozialistische Ideologie in die Kirche zu tragen und er hat eine Theologie vertreten, die militant antisemitisch ist und damit dem Antisemitismus des Nationalsozialismus zugespielt hat."

Das Entjudungsinstitut in Eisenach wurde von 13 Landeskirchen getragen. Bischöfe zählten zu seinen Mitgliedern, Oberkirchenräte, Pfarrer. Wer letztlich für die Aktion in der Georgenkirche verantwortlich war, lässt sich bislang nicht genau sagen. Bibelsprüche wurden seinerzeit auch in anderen Kirchen entfernt, jedoch war Bachs Taufkirche ein besonders prominenter Ort für diese antijüdische Demonstration. Dass bis zum zufälligen Aktenfund niemand etwas von der Übermalung der Bibelsprüche wusste, ist symptomatisch für den Umgang mit der unbequemen Vergangenheit. Viele Weggefährten aus den Tagen des Kampfes gegen das Judentum fanden nach dem Krieg wieder Anstellung im kirchlichen Dienst. Enge personelle Verflechtungen, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen. Walter Grundmann wurde 1954 Rektor des Eisenacher Katechetenseminars. Er war damit erneut verantwortlich für die theologische Ausbildung.

"Ich muss nur sagen, wir waren alle von ihm begeistert. Es war ein ganz hervorragender Dozent."

Georg Harpain absolvierte Ende der 50er Jahre eine Ausbildung zum Diakon in Eisenach.
"Er hat, was das Neue Testament betraf, nach seinen Büchern, die ja dann auch paar Jahre später rauskamen, nach diesen Büchern hat er uns das Neue Testament gelehrt und da hat man also nichts mehr gemerkt aus diesen Zeiten im Dritten Reich, von diesem Entjudungsinstitut, was es hier in Eisenach gegeben haben soll, damals: soll. Wir wussten davon nichts. Uns wurde auch nichts in dieser Richtung gesagt."

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