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Thema: Luthers verhängnisvolle Judenfeindschaft


Luthers Judenfeindschaft hatte verhängnissvolle Auswirkungen
(Aus: Michael Heesemann; Martin Luther und die Juden - eine verhängnisvolle Feindschaft)

"Die Folgen von Luthers antisemitischen Fanatismus sind immens. Immerhin prägten sie für die nächsten 400 Jahre (ab 1543) das Judenbild des Protestantismus und damit von Millionen Gläubigen. Es ist wohl unbestreitbar, dass der Reformator über Generationen hinweg den Judenhass gesellschaftsfähig machte. Das evangelische Lutherbild, das den Wittenberger Querulanten bald zum einzigen Heiligen des Protestantismus, zum neuen Paulus und Propheten der Deutschen hochstilisierte und dabei jede kritische Reflektion zum Sakrileg erklärte, ließ keine Kritik an ihm und Distanzierung von ihm zu.

Auch praktische Folgen gab es. Hatten die deutschen Fürsten zunächst gezögert, auf Luthers Rat hin die Juden zu vertreiben, wuchs mit seinen Schriften der Druck auf sie. Das Kurfürstentum Sachsen erneuerte und verschärfte 1543 sein Durchreise- und Aufenthaltsverbot für Juden. 1543 vertrieb die Stadt Braunschweig, 1547 der Graf von Mansfeld, wie von Luther gefordert, „seine „Juden“. Luthers Mißtrauen gegenüber jüdischen Ärzten führten zur Verbannung jüdischer Mediziner von den Hochschulen der evangelischen Länder. Der Augsburger Religionsfrieden, das cuius regio, eius religio gab den Fürsten die Möglichkeit, ihre Gebiete religiös zu homogenisieren und hob den bisherigen Schutz der Juden durch den Kaiser auf. Sie konnten jetzt willkürlich vertrieben werden, ohne die Möglichkeit, an eine höhere Instanz zu appellieren. Zur Abwehr protestantischer Vorwürfe führten auch katholische Regionen die Kennzeichnung und Ghettoisierung der Juden, die zu Anfang des 16. Jahrhunderts längst überwunden schienen, wieder ein.

Noch im 19. Jahrhundert trug der luthersche Antijudaismus dazu bei, dass antisemitische Rassentheorien speziell im protestantischen Millieu schnell ihr Publikum fanden.

Als Beispiel möchte ich Heinrich von Treitschke (1834-96) nennen, einen der bekanntesten deutschen Historiker und politischen Publizisten des 19. Jahrhunderts, der 1879 den „Berliner Antisemitismusstreit“ auslöste. Von Treitschke entstammte einer protestantischen sächsischen Beamten- und Offiziersfamilie. Nach der Reichsgründung 1871 unterstützte er als Nationalliberaler Abgeordneter Bismarck. In Sozialdemokraten und Juden sah er die Gegner des Reiches. 1886 wurde er offiziell Hofhistoriograph des preußischen Staates. Objektive Geschichtsschreibung lehnte er ab; er wurde zum Inbegriff des politisierenden Historikers mit einer stark personenorientierten Perspektive („Männer machen Geschichte“ lautete das bekannteste Zitat aus seiner „Deutschen Geschichte“). Von Treitschke stammt aber auch der Satz „Die Juden sind unser Unglück“, der später zur Parole des NS-Hetzblattes „Der Stürmer“ wurde. Treitschke formulierte ihn in seiner Denkschrift „Unsere Aussichten“ (1879), die durch antisemitische Aussagen für Aufsehen sorgte. Darin behauptete er, diese Überzeugung entspreche dem breiten, parteiübergreifenden Konsens und werde von allen Zeitgenossen „wie aus einem Munde“ geteilt, aber aufgrund des „weichlichen“ und „philanthropischen“ Zeitgeistes und liberaler „Tabuisierung“ in der Presse nicht offen ausgesprochen.
Die Schrift, in der Treitschke die Zurückdrängung des gesellschaftlichen Einflusses der Juden fordert, führte zu dem erwähnten Berliner Antisemitismusstreit, der letztlich den Antisemitismus in Deutschland (wieder) gesellschaftsfähig machte.
Treischkes verhängnisvoller Satz aber geht auf Luther zurück, der 1543 schrieb: „Denn sie uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück in unserm Land sind“.[94] Auf Luther gehen auch die von Antisemiten häufig verwendeten Begriffe „Wirtsvolk“ für nichtjüdische und „Gastvolk“ für jüdische Deutsche zurück. Der nämlich schrieb: „Ebenso tun uns die Juden, unsere Gäste, auch; wir sind ihre Hauswirte.“


Zuletzt bearbeitet: 21.05.17 21:51 von Michael_Kraemer


Ab 1879 vertraten Antisemiten eine rassistische Lutherdeutung, die sie ausschließlich auf seine Spätschriften stützten. Islebiensis (Pseudonym) behauptete 1879, Luther habe 1543 erkannt, dass die „Judenfrage“ nicht mit der Taufe zu lösen sei, und daraus die Notwendigkeit ihrer Vertreibung gefolgert: „‚Hinaus mit ihnen‘ soll auch unser Ruf sein, den wir an alle echten Deutschen richten.“ Theodor Fritsch erklärte 1883: Der „deutsche Luther“ sei 1543 mit den „schärfsten Waffen“ gegen den „jüdischen Weltfeind“, die „ehrlosen Fremdlinge“, die weltweit kooperierende „Verbrecher-Genossenschaft“, die „Nation der Menschheitsverräter“ vorgegangen. Fritsch erklärte wie später Hitler Jesus zum Arier, der den Gott des AT besiegt habe. Der wichtigste Vordenker Hitlers, der Wagner-Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, sah Luther als nationalistischen Helden, der die deutsche Nation gegen das „verjudete“ Kirchensystem Roms geschaffen habe. Seine Theologie sah er als Schwachpunkt. Der Endkampf der erwählten göttlichen Arier bzw. Germanen gegen die teuflischen Juden stehe noch bevor und könne nur mit der Vernichtung der einen durch die anderen enden. Selbst der evangelische Pfarrer Eduard Lamparter, der den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ leitete, musste 1928 einräumen, Luther sei, wenn auch unfreiwillig, zum „Kronzeugen des Antisemitismus“ geworden.
„Die NSDAP verdankte ihren Sieg evangelischen Wählern“, stellte der Kriminologe und ehemalige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer (SPD) in seinem 2014 in der Zeitschrift „Cicero“ veröffentlichten Beitrag „Judenfeind Luther. Die dunkle Seite des Reformators“ völlig zutreffend fest. Pfeiffer weiter:
„Dies zeigt beispielhaft eine Analyse der Religionszugehörigkeit von 48 deutschen Autoren judenfeindlicher Texte, die in den Schriften von ­Graetz, Steinlein, Ginzel und Brumlik zitiert werden. Nur drei gehörten der katholischen Kirche an. Zu sechs weiteren ließ sich die Religion nicht ermitteln. 39 waren evangelisch, 18 von ihnen hatten evangelische Theologie studiert. Die Verbindung der evangelischen Kirche zum Antisemitismus dürfte einen wichtigen Beitrag dazu geleistet haben, dass die NSDAP bei den Reichstagswahlen vom Juli 1932 zum ersten Mal mit 37,2 Prozent stärkste Partei wurde. Wie der Wahlforscher Jürgen Falter ermittelt hat, verdankte sie ihren Sieg den evangelischen Wählern. Von ihnen hatte sich jeder Zweite für Hitler entschieden, von den Katholiken dagegen nur jeder Fünfte. Letzteres kann nicht überraschen. Die katholische Kirche hatte im Jahr 1930 ihren Mitgliedern verboten, der NSDAP beizutreten, und den Nationalsozialisten die Sakramente, zum Beispiel Taufe und Hochzeit, verweigert.“
Pfeiffers Fazit: „Martin Luthers Hass auf die Juden machten sich die Nationalsozialisten zunutze. Es waren mehr Protestanten als Katholiken, die Adolf Hitler zur Macht verhalfen. Die evangelische Kirche sollte im Rahmen des Reformationsjubiläums ihre eigene Geschichte selbstkritisch aufarbeiten.“
Eine historisch überprüfbare These. Immerhin sagte Adolf Hitler schon 1923 in einem Dialogbuch, das er mit seinem Lehrer Dietrich Eckart veröffentlichte: „Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.”



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