DISKUSSION OHNE ZENSUR
Freies Forum Werra Meissner

Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Nach der Wahl einmal innehalten


Heute Morgen platzte meiner Schwägerin der Kragen. Sie ist als Hebamme in Berlin tätig, war auch schon wegen Überarbeitung eine Zeit lang behandlungsbedürftig. Nicht nur in dem Beruf, sondern eher bei entsprechender Auslastung ist man wohl nicht so auf dem Laufenden, was die Politik angeht, und hat auch schlicht keinen Nerv dafür. Den Austausch gestern im Familienchat verfolgte sie nur passiv und reichte am späten Abend noch einige Mnemes rein, wie ein Zitat eines Tweets vom März 2016:

Am Ballermann aus Eimern saufen, den Strand vollkotzen und zuhause #AfD wählen, weil sich Ausländer bei uns nicht benehmen können.

Oder dieser Spruch, ebenfalls aus dem zeitlichen Rahmen:

Aus Protest AfD zu wählen, weil ihm die Politik nicht gefällt, ist, wie in der Kneipe aus dem Klo zu trinken, weil das Bier nicht schmeckt.

Heute Morgen, ob nun nach der Nachtschicht oder vor ihrer Frühschicht, machte sie ihrem Ärger Luft:

Die AfD ist in Sachsen jetzt die stärkste Kraft, das muss man sich mal vorstellen! Noch vor der CDU...

Gut so. Der Guardian zeigt einen Screenshot der Hochrechnungen zur Bundestagswahl und stellt die AfD mit einem braunen Balken dar.

Sowas widerliches dürfte nicht mal zur Wahl stehen. Und jetzt regen sich alle auf und diskutieren. Jetzt ist es zu spät. Sie sind schon dabei. Das ist nur noch krank!

Ich kann sie ganz gut verstehen, denke ich, höre mir ja schließlich das Ganze auch schon lange an. Wie kann ich dabei nur so ruhig bleiben? Meine Reaktion auf die Wahl von Trump: "Das war denkbar." - Nicht dass ich es mir hätte vorstellen können, aber ausgeschlossen, dass er Präsident werden könnte, war es für mich nicht. Ich sage mal, wenn man stets ein Bild vom Hintergrund im Kopf hat, - und ich sammle sehr viele Meinungsbilder ein und worauf sie fußen, dann gibt es kaum noch etwas, was Aufregung in Form von Wut und Zorn triggern könnte. Es geht vielmehr um objektiv feststellbare Ursachen.

Für mich war das Ergebnis der AfD absehbar. Die Einflußmöglichkeiten, die ich gehabt habe, habe ich auch weitgehend genutzt. In einem Fall muss ich zugeben, ist es mir vor der Wahl nicht ein drittes Mal gelungen jemand bestimmtes wiederum zu überzeugen, dass das Kreuz ihm dort nichts bringt. Der Protestwille wurde einfach immer wieder 'behördlich' bei ihm angefeuert. Ich habe ihr also geantwortet:

Die Sonntagsfrage zeigte das Ergebnis schon seit Wochen an, auch die steigende Tendenz deutete sich darin an. Dieses Skandalisieren und Eschauffieren ist in meinen Augen auch aufgesetzt und gespielt.
Ich muss sagen, - was mir auch im Gespräch der Spitzenkandidaten am Wahlabend auffiel, - es scheint, als würden viele der AfD damit noch auf den Leim gehen. Die AfD braucht eine gespaltene Gesellschaft. Sie wird auf den Erhalt der Plätze im Bundestag setzen. Die Frage ist, ob das alle entsprechend mitmachen, denn die Partei ist auch innerlich gespalten.

Daraufhin hat sie sich unmittelbar gefangen. Dachte ich, im ersten Moment, aber habe ich das Folgende ausgelöst?

Okay. Warum braucht sie eine gespaltene Gesellschaft? Ja, die AfD ist wohl sogar 'ne bessere Nazi-Partei als die NSDAP. Damals als die NSDAP in den Bundestag kam, hat sie die Demokratie nicht mehr zugelassen. Die AfD lässt diese sogar noch zu.

Klar, das gibt schon ziemlich zu denken. Aber sie hat eine entscheidende Frage gestellt.

Die AfD polarisiert doch die ganze Zeit. Dabei setzt sie auf Ausgrenzung. Der Volksbegriff ist das beste Beispiel. Dafür sind viele Menschen, mitunter verständlicherweise, anfällig. Das Volk und die Ausländer. 'Ethnokratie' oder Demokratie (ethnos oder demos). Setzt sich das deutsche Volk aus Menschen einer bestimmten ethnischen Abstammung zusammen oder haben wir eine Bevölkerung, in der die deutsche Sprache das entscheidende Leitbild ist, was die Völker der unterschiedlichen Nationen auf dem Boden des heutigen Deutschland einst verbunden hat und für uns schließlich zu einer Demokratie führte. Das ist selbst in der Partei widersprüchlich und ich sehe die Ursachen dafür, dass man damit Stimmen bekommt vorwiegend in der sozialen Spaltung in unserem Land, wo sich viele Ausgegrenzten nicht vertreten sehen. Hinzukommt der neoliberale Kurs, zu dem die Wirtschaft die vermeintliche Moral stiftet. Zur genaueren Vorstellung kann man auch die USA zum Vergleich heranziehen. Das ist im Grunde der zweite Widerspruch. Zusammen sind das meiner Ansicht nach die wesentlichen Ambivalenzen, die durch unterschiedliche Vertreter in der AfD forciert werden durch Parolen, ohne dass sie sich untereinander einig wären.

Wie soll ich das nun auf deine Frage zurückführen. Nun, es ist verwunderlich, dass sie es überhaupt zu einem gemeinsamen Programm geschafft haben. Sie fischen wie gezeigt in vielen Gewässern. Zur Darstellung der Standpunkte reicht obiges. Sie überspitzen das bis zur Selbstaufgabe und Selbstverleugnung. Das ist eine üble 'Rattenfänger'-Manier, könnte man sagen. Sowohl Protest als auch Überzeugungen wurden bedient. Die Frage ist, ob es ihnen weiterhin gelingt, und da zählen die Lehren, die gezogen werden. Die SPD in die Opposition. Das ist schonmal gut. Da wird man ihre Arbeit auch einmal wieder im Ganzen betrachten können. Aber das größte Feindbild ist Merkel und der Meuthen sprach am Abend wieder von 'Rechtsbrüchen'. Die Kanzlerin ist dazu bereit, einen Untersuchungsausschuss einzurichten. Ihr bleibt angesichts der Situation auch nichts anderes übrig. Damit bin ich einverstanden. Ich habe selbst alle Mühe gehabt, mir die Sachlage zu erklären und habe es selbst schon versucht in die Medien zu bringen, denn die öffentliche Auseinandersetzung war allenfalls schwach, eher eine Plattform für die AfD.

Das zog eben bei den Wählern, die frustriert im Angesicht von Angela Merkel sind. Und sie konnten diese Form der rechten Rhetorik nun bald zwei Jahre hinweg durchreiten. Man sollte die psychologische Grundlage für die Bewegung, die es über Pegida und AfD gewissermaßen bis in den Bundestag geschafft hat, endlich mal für voll nehmen, damit man ihr Herr und die AfD überflüssig wird. Das Schlußwort überlasse ich meiner Schwägerin. Sie zitierte letztlich Erich Kästner:

An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.


Nachtrag#1: Tippfehler beseitigt, "Rattenfänger" beinahe noch zu "Bauernfänger" euphemisiert, aber fand aus dem Blickwinkel der AfD lässt es sich so darstellen, deshalb jetzt in Anführung.
Nachtrag#2: Inhaltlicher Fehler beim Thema Schichtarbeit korrigiert.



Zuletzt bearbeitet: 25.09.17 21:59 von davux


Willkommen im Freien Forum Werra Meissner
Homepage des Freien Forums Werra Meißner: http://www.fwg-wmk.de
Die Meldeseite für Bürger: http://petzerbutton.de