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Thema: Reformationstag 2017 Gedenken oder Erinnern


Reformationstag 2017
Gedenken oder Erinnern?


Der Reformator Martin Luther (1483-1546) hat den christlichen Antijudaismus verstärkt und zugespitzt. Deswegen haben Juden beim öffentlichen „Gedenken“ an Luther während des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017 nichts zu suchen. Das schreibt der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist Prof. Micha Brumlik in der Jüdischen Allgemeinen (Berlin) vom 29. Oktober 2015. Der Begriff „Gedenken“ bedeute, die „Opfer der Geschichte“ ins Gedächtnis zu rufen. Zu diesen Opfern zähle Luther nicht: „Umgekehrt wurden Juden zu Opfern seines theologischen und politischen Judenhasses.“ Aus Sicht von Brumlik wäre es eine andere Situation, wenn es statt ums Gedenken um das „kritische Erinnern“ ginge.

Eine derart vielfältige, tiefgehende und kritische Reaktion auf den im deutsch-lutherischen Nationalprotestantismus fest verwurzelten Antijudaismus/Antisemitismus, der letztlich zurückzuführen ist auf Luthers antijudaistische Schriften von 1543, hätte die evangelische Kirche wohl kaum erwartet, als sie im Jahre 2008 die Lutherdekade ausrief und mit einem Playmobil Luther mit Federkiel und Bibel in der Hand für das 500. Reformationsjubiläum am 31.10.2017 warb.

In einer Fülle kritischer Publikationen in Büchern und Zeitschriften wurde die sogenannte „dunkle Seite“ des Reformators Martin Luther beschrieben. Zeitungen wie DIE ZEIT, die FAZ, die WELT, Cicero, die taz und viele andere berichteten ausführlich und kundig über Luthers Antijudaismus und seine Folgen für die weitere Entwicklung Deutschlands und die dunkelsten Seiten seiner Geschichte.

Zwar ist es einerseits bemerkenswert, wie deutlich die EKD und die unterschiedlichen evangelischen Landeskirchen sich durch Beschlüsse ihrer Synoden zwischenzeitlich von dieser Judenfeindschaft ihres Religionsstifters distanziert haben, genauso bemerkenswert ist es aber andererseits, wie wenig davon bei den Mitgliedern oder, anders ausgedrückt, in der evangelischen Volkskirche angekommen ist.

Folgerichtig müsste nämlich jetzt der nächste Schritt folgen: Die religiöse muss zur gesellschaftsgeschichtlichen und damit zur politischen Selbstreflexion und Selbstkritik erweitert werden und die Verzahnung von „deutsch“ und „protestantisch“, von „national“ und „religiös“ von "rassistisch" und "militaristisch" muss aufgearbeitet werden. Dazu müsste sich der Protestantismus paradoxerweise wieder politisieren. Denn eine solche Aufarbeitung könnte die protestantische „Schuldgeschichte“ nur schreiben, wenn sie sich im Kern der Sache, im Verhältnis von Religion und Politik, und nicht bloß in einzelnen politischen Fragen positioniert. Das aber scheut der Protestantismus inzwischen wie der Teufel das Weihwasser. Vielleicht, weil es das Drama des deutschen Protestantismus war, zwischen Weltabgewandtheit und der Unterstützung der jeweiligen deutsch-nationalen weltlichen Macht von den Fürsten und Grafen, den Kaisern und den Nationalsozialisten durch die Jahrhunderte hindurch zu schwanken.

Die Antwort auf die hochpolitischen Luther- bzw. Reformationsjubiläen der Jahre 1883, 1917, 1933 und 2017 wäre also nicht theologische Abstinenz von Politik. Die evangelische Theologie müsste vielmehr klären, was die Grundlage einer Politik ist, die sich nicht durch Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus und Antiislamismus und religiöse Feindschaft anderen Religionen gegenüber sich ihrer selbst vergewissert. Angesichts der fundamentalsten Krise der europäischen Einigung wie der demokratischen Kultur seit 1945, angesichts der populistischen Erosion liberaler wie konservativer Milieus wäre das eine protestantische, öffentliche Theologie des Pluralismus, der Demokratie, der Gewaltenteilung, des Rechtsstaatsprinzips, des Sozialstaatsprinzips, des Einsatzes für die Menschenwürde, der Erhaltung der Schöpfung und des Friedens zur rechten Zeit.

Siehe auch:
www.freies-forum-wmk.de

Stichworte „Protestantismus“ „Martin Luther“ „Antisemitismus“ „nationaler Protestantismus“ in die Suchfunktion eingeben.



Zuletzt bearbeitet: 29.10.17 12:43 von Michael_Kraemer


...das mag ja alles richtig sein, nur mit der sprachlichen Akademisierung der Diskussion erreicht man kaum ein Kirchenmitglied.
Dankbar dürfen wir Luther sein für seinen Mumm auf dem Wormser Reichstag und seine Bibelübersetzung.





Um es weniger akademisch und in der Diktion Luthers auszudrücken:

Martin Luther hatte den ein oder anderen Furz im Kopf und das Schreckliche daran ist, er hat ihn auch noch herausgelassen!

Aufgabe der evangelischen Kirche und hier insbesondere der Kirchenhistoriker wäre es heute, den unsäglichen Antijudaismus/Antisemitismus Luthers und dessen geschichtliche Auswirkungen nach 1543 auf die kirchliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands genauer zu untersuchen. Das ist indessen weitgehend unterblieben, oder doch sehr einseitig, aus Sicht des lutherischen Protestantismus und Luther weitgehend verherrlichend, geschehen. Eine kritische Betrachtung seiner sehr "dunklen Seiten" hat erst in jüngster Zeit in der sogenannten Lutherdekade von 2008 bis 2017 auf breiterer Front eingesetzt.


Zuletzt bearbeitet: 29.10.17 08:32 von Michael_Kraemer


Interessant wäre auch eine Untersuchung darüber, wie sehr die auf Luthers Äußerungen zum Verhältnis Reich Gottes und Welt beruhende "Zwei-Reiche-Lehre" und seine Berufung der Landesfürsten zu sogenannten "Notbischöfen" zur Obrigkeitshörigkeit der Deutschen über Jahrhunderte hinweg beigetragen hat.

Siehe z.B. folgendes Interview zu dem Buch von Karsten Krampitz mit dem Titel "Jedermann sei Untertan".

Evangelische Kirche in Nationalsozialismus und der DDR
Quelle: Humanistischer Pressedienst September 2017
Karsten Krampitz hat sich in seinem aktuellen Buch mit der Geschichte der evangelischen Kirche in Deutschland auseinandergesetzt. Der hpd sprach mit dem Autor über die Entwicklung der evangelischen Kirche seit der Novemberrevolution, über ihre Nähe zum NS-Regime und die Situation in der DDR.
hpd: Lässt sich die Geschichte des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert in Perioden einteilen?
Karsten Krampitz: Am besten an Hand der sich wandelnden Lutherbilder: Aus dem Bibelretter der Reformationszeit ("sola scriptura") wurde im Kaiserreich der Vater aller Deutschen, der Gründer der Nation und im Ersten Weltkrieg dann der Vaterlandsretter – neben Hindenburg, dem Sieger von Tannenberg. In der Nazizeit galt Luther dann als Retter vor dem Judentum, neben Hitler.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte dann die frömmelnde Rückbesinnung auf Luthers Rechtfertigungslehre, wenn man so will, die "Apfelbäumchen-Phase", die bis heute anhält: Luther als Trostspender. "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge…". Das Lutherbild in der DDR wäre dann noch mal ein eigenes Thema. Hier wurden Reformation und Bauernkrieg zusammen gedacht als frühbürgerliche Revolution.
Warum ist die Revolution von 1918/19 so ein großer Einschnitt für die evangelische Kirche?
Die evangelische Kirche in Deutschland, wie wir sie heute kennen, existiert ja erst seit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Ich meine als eigenständige Organisation, frei vom landesherrlichen Kirchenregiment. Bis dahin war sie eine Staatskirche.
In der Reformation hatte Luther die Landesfürsten als Notbischöfe eingesetzt – so blieb es dann 400 Jahre. Im deutschen Raum war jeder Landesfürst immer auch Summus Episcopus, also Oberhaupt seiner evangelischen Landeskirche; selbst wenn er, wie in Bayern, Katholik war.
In der Obhut irdischer Obrigkeit führten die Pfarrer ein relativ sorgenfreies Leben. Die Gehälter wurden pünktlich gezahlt. Im Gegenzug kümmerten sie sich darum, dass die Landeskinder ordentlich getauft, verheiratet und bestattet wurden. Vor allem aber lieferte die Kirche die Legitimation für die Herrschaft der Monarchen: Ein König von Gottes Gnaden bedurfte keiner demokratischen Wahlen.
Die Novemberrevolution war dann der große Bruch: Plötzlich standen die evangelischen Landeskirchen ohne Führung da. Pfarrer und Superintendenten fürchteten um ihre Einkünfte, ihre Stellung. Was sollte jetzt werden? Aus dem Religionsunterricht an den Schulen? Oder aus den jährlichen Staatsleistungen? Das gemeine Volk war nun der Souverän und bestimmte die Regierung. Eben diese brauchte die Kirche nicht mehr, jedenfalls nicht für ihre Legitimation. Mehr noch: Die Sozialdemokratie strebte sogar eine Trennung von Staat und Kirche an!



Zuletzt bearbeitet: 29.10.17 10:06 von Michael_Kraemer


Verglichen mit der katholischen Bevölkerung lässt sich für die Protestanten eine deutlich größere Nähe zum Nationalsozialismus feststellen. Woran lag das?
Am Nationalprotestantismus, der die evangelische Kirche dominierte. Der Katholizismus war mit dem Papst in Rom eher international aufgestellt. Nicht so die evangelische Kirche: Nationalsozialismus und Protestantismus haben lange Zeit aus demselben Brunnen geschöpft, ihre Kraft gezogen aus der völkisch überladenen Idee von der göttlichen Sendung der Deutschen. Schon im Kaiserreich hatte die evangelische Theologie die Großidee von der Nation bei sich integriert. Später predigte die evangelische Kirche auch noch den Unsinn von der Rasse als Teil göttlicher Schöpfungsordnung und half damit dem völkischen Nationalismus, seinen Herrschaftsanspruch geschichtstheologisch zu untermauern. Ein Angebot, vom dem auch die Nazis Gebrauch machten.
"Anders als es die Legende berichtet, war die Bekennende Kirche keine Widerstandsorganisation."
Gab es in der evangelischen Kirche nach 1945 einen grundlegenden Umbruch?
Eine Stunde Null hat es ’45 in der evangelischen Kirche nicht gegeben. Die nationalprotestantische Bindung hielt noch bis Ende der Sechzigerjahre; der Traditionsbruch folgte erst in Folge der Achtundsechziger, der Frauenbewegung und anderer emanzipatorischer Einflüsse.
Ebenso kann von einer Entnazifizierung keine Rede sein; die Kirche, die so lange zu Unrecht und Mord geschwiegen hatte, stritt nach dem Krieg für die Rehabilitation früherer NSDAP-Mitglieder und forderte die Freilassung verurteilter Kriegsverbrecher.
An die Siegermächte ging 1949 ein "Wort der EKD zur Kriegsgefangenen- und Internierten-Frage", in dem es hieß: "Lasst ab von dem Sonderrecht gegen die Besiegten! Beendet die Auslieferung von Kriegsgefangenen für Kriegsverbrecherprozesse!"
Ende der 1960er-Jahre zerfiel die evangelische Kirche in zwei Dachverbände, die EKD in der BRD und den BEK in der DDR. Was bedeutete diese Spaltung für die Protestanten?
Dass sie einander freigeben konnten und doch zusammenblieben; es war ja kein Schisma, nur eine organisatorische Trennung. Die Landeskirchen in Ost und West haben sich am Ende durch das ständige aufeinander Rücksichtnehmen nur noch gegenseitig blockiert. Die DDR-Kirchen mussten gegenüber dem SED-Staat irgendwie in die Offensive kommen. Mit dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR ist ihnen das auch gelungen.
Was war der grundlegende Unterschied zwischen der "Kirche im Sozialismus" und der Kirche im Kapitalismus?
Wenn eine Kirche drei Viertel ihrer Mitglieder verliert und gleichzeitig an politischem Gewicht, an gesellschaftlichem Einfluss stetig dazu gewinnt, ist das schon ein Phänomen. So etwas gab es nur in der DDR.
Der wohl markanteste Unterschied aber war – und ist in den östlichen Bundesländern bis heute – das deutliche Auseinanderklaffen von staatsbürgerlicher Zugehörigkeit und Kirchenmitgliedschaft, die nicht die Regel, sondern die Ausnahme war.
Zudem hegte in der DDR der Staat keine pädagogisch-moralischen Erwartungen an die Kirche und gab sich jede Mühe, im gesellschaftlichen Leben keine "Lücke" zu hinterlassen, die die Kirche dann hätte schließen können. Wie die Geschichte der DDR jedoch gezeigt hat, sollte die "Kirche im Sozialismus" genau das tun, etwa in der offenen Jugendarbeit.
Für mich war das Verhältnis der Kirchen zu Krieg und Militär immer ein wichtiges Thema. Gerade hier habe ich den Eindruck, dass die evangelische Kirche ein Doppelgesicht zeigt: Die friedensethischen Beiträge der letzten 50 Jahre werden konterkariert durch die Militärseelsorge, die letztlich die Interessen von Staat und Militär verfolgt. Sehen Sie hier einen Wandel in der evangelischen Kirche?
Das sind so die Widersprüche, die die Kirche mit sich herumträgt. Ein Christ hat in einer Armee eigentlich nichts zu suchen, dennoch hat die evangelische Kirche in ihrer Geschichte jedem deutschen Waffengang ihren Segen erteilt – und sogar dazu aufgerufen!
Der Militärseelsorge-Vertrag ist ein Relikt des Kalten Krieges: Dass die Pfarrer Teil der militärischen Hierarchie sind. Offenbar wird die Kirche den nicht los, jedenfalls nicht aus eigener Kraft.
Der bekannte Chemnitzer Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel, ein Aktivist der alten DDR-Friedensbewegung, sagte vor Jahren verbittert: "Das Trauerspiel besteht darin, dass ausgerechnet ein Tippen an eine so durch und durch fragwürdige Angelegenheit wie den unseligen Militärseelsorgevertrag das ganze christlich-abendländische Staat-Kirche-Kartenhaus zum Einsturz bringen könnte." – Warum eigentlich nicht?
Wenn Sie einen Blick auf die Erinnerungspolitik der EKD werfen, wie ließe sich die beschreiben?
Geschichte, wie sie sich tatsächlich zugetragen hat, ist immer komplizierter und widersprüchlicher als unser Wille zur Erinnerung. Die EKD versucht nun seit jeher, die Kirchenbasis mit der Geschichte auszusöhnen; Protestanten in Deutschland sollen sich in ihrer "historischen Haut" wohlfühlen. Hieran zeigt sich, dass die Kirchengeschichte als theologische Disziplin eben doch ihre geistigen Grenzen hat.
Das gilt nicht für alle Kirchenhistoriker. An den theologischen Fakultäten geht man aber grundsätzlich davon aus, dass jede menschliche Geschichte immer auch die Geschichte Gottes mit dem Menschen ist. Unter einem solchen Postulat lässt sich beispielsweise die Amtshilfe der evangelischen Kirche bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden nur schwer erzählen. Stattdessen feiert man in der EKD die Geschichte vom Kirchenkampf, der bereits 1937 beendet war. Anders als es die Legende berichtet, war die Bekennende Kirche keine Widerstandsorganisation. Bonhoeffer hat sich nicht ohne Grund dem Verschwörerkreis des 20. Juli angeschlossen.
Buchhinweis:
Karsten Krampitz; Jedermann sei Untertan.
http://www.alibri-buecher.de/Buecher/Geschichte/Karsten-Krampitz-Jedermann-sei-untertan::608.html


Zuletzt bearbeitet: 29.10.17 09:29 von Michael_Kraemer


Jawohl, diese Sprache wird verstanden. Der zweite Satz geradezu körperlich nachvollziehbar.
So erreicht man nicht nur Akademiker, und die Aussagen verpuffen nicht. Sie regen eher zum Nachdenken an.



Mein erstes Semester als Arbeiter*innenkind: Was zur Hölle ist ein Dessertlöffel?

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Die Angst der Machteliten vor dem Volk

Gülle und Grundwasser

Bodensee-Werratalsee

Zusammenfassung Werratalsee

Agitation und Propaganda



das ist ein Wüstenlöffel, man kennt das doch Dessertstorm her. Vielleicht ein Spezialöffel von den Amis für die Wüste?

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