DISKUSSION OHNE ZENSUR
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Thema: Helden des Ehrenamts...


https://www.lokalkompass.de/gelsenkirchen/politik/armes-deutschland-d805434.html

Armes Deutschland!

Kommentar von Bettina Peipe, Stadtverordnete, zum Artikel "Engagement macht Gelsenkirchener Schüler zu Helden", erschienen am Dienstag, den 14.11.2017 im Lokalteil der WAZ Gelsenkirchen
Die Militarisierung schreitet anscheinend auch in der Alltagssprache immer weiter voran. Da werden neuerdings Helden der Ehrenamtsarbeit gekürt und Heldenpässe an Jugendliche verteilt. Ich hatte gehofft, diesen Heldendreck, mit dem man ganze Generationen von Jugendlichen das Hirn verkleistert hat und sie in blutigen Kriegen verheizt hat, nicht mehr hören zu müssen, auch nicht in der Alltagssprache.

Aber spätestens seit dem ersten rot-grünen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und dem unsäglichen gegelten Prachtexemplar Guttenberg ist scheint‘s vieles wieder sagbar.

Wenn heute wieder 17jährige über die Jobcenter rekrutiert werden dürfen und im Fernsehen wieder ungestraft Kriegspropaganda betrieben werden darf, einschließlich Werbefilmen für deutsche Rüstungsgüter und „die Truppe“, die in angeblichen „humanitären Einsätzen“- das Neusprech-Wort für Krieg- angeblich die Menschenrechte verteidigt, dann ist es weit gekommen in diesem Land.

Das inflationäre amerikanische Heldengeschwafel, das ich im Übrigen schon immer zum Speien fand, schwappt momentan recht penetrant über den Atlantik.

Statt die Hirne der Jugendlichen und Kinder mit derartigem Militaristensprech zu verblasen, empfehle ich, lieber mit ihnen über den ausufernden Ehrenamtsbegriff zu diskutieren, der eine Ausgeburt der neoliberalen Bertelsmann Stiftung ist und der nur dem Zweck dient, den Sozialstaat immer weiter zurückzudrängen.

Diese völlig überbordende Ehrenamtskultur ist der Ausfluss einer neoliberalen Gesellschaftsvorstellung à la Mohn und Konsorten, einschließlich des Lobgesangs auf Stiftungen, Sponsoring und Tafeln!

„Immer mehr Ausbildungsbetriebe schauen genau darauf!“

Ja, warum denn nur? Vielleicht, weil die kleinen Nützlichkeitsknechte so schon ihre Bereitschaft dokumentiert haben, sich brav auch ohne Lohn ausbeuten zu lassen, und unbezahlte Mehrarbeit zu leisten- zugerichtet für den marktradikalen Arbeitsmarkt, in der marktkonformen Demokratie à la Merkel.

Eine der Schülerinnen wollte an Bedürftige Essen austeilen. Man darf annehmen, bei einer der aus dem Boden sprießenden fast 1000 Tafeln in diesem Land, wo Leute anstehen müssen, weil sie von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können, weil ihre Armutsrente nicht bis zum Monatsende langt und weil der zu knapp bemessene Hartz IV Satz, nicht mal mehr das Existenzminimum sichert, geschweige denn das sozio-kulturelle Minimum. Schlimm genug, dass sich eines der reichsten Länder der Erde wieder Suppenküchen leistet, dass aber auch immer mehr Bürger für diese Zwecke instrumentalisiert werden, ist bedenklich. Das Mädchen wurde übrigens abgewiesen mit der Begründung, man habe schon genug Helfer.

Ja, vermutlich genug vom Jobcenter zwangsrekrutierte 1€ -Jobber, auf dass die Armutsindustrie sprieße und blühe.

„Doch dahinter steckt mehr, als nur die Vermittlung von Engagierten ab der 9.Klasse an Stellen, an denen ihre Hilfe dringend benötigt wird....“

Ja, warum wird denn die Hilfe so dringend benötigt? Vielleicht, weil immer mehr Stellen abgebaut werden, weil in Pflegeeinrichtungen mindestens 100 000 Arbeitskräfte fehlen, weil aus purer Profitgier Arbeitsplätze bei gut florierenden Betrieben ins Ausland verlagert werden und die hier Arbeitenden in schönstem neoliberalen Neusprech „freigesetzt werden“

„Mit G8 und dem Wegfall des Zivildienstes schaffen es junge Menschen heute oft nicht mehr, sich zu engagieren.“

Ja, warum denn nicht? Weil sie durch verantwortungslose Politclowns in eine Bildungswüste geschickt werden, in der Schulen verrotten und unausgegorene Ideen von neoliberalen Think Tanks ohne Zögern in „Bildungspolitik“ umgesetzt werden, ohne sie zu hinterfragen.

Ja, über all diese bedenklichen Entwicklungen könnte man mit intelligenten, engagierten Jugendlichen diskutieren, ja man müsste es sogar! Stattdessen verteilt man lieber Heldenpässe und fügt sich drein in das neoliberale Konzept. Man betet das marktradikale Mantra nach, welches da lautet: „Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten“, welches den Sozialstaat sogar durch neoliberale Apologeten wie Mario Draghi für tot erklären lässt und welches darauf besteht, ein Staat müsse wie ein Konzern geführt werden, ohne Rücksicht auf Verluste.

"Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." So befand einst Bertold Brecht.

Gemessen daran, gehen wir finsteren Zeiten entgegen und kaum jemand, weder die Medien noch die sogenannte „kritische Öffentlichkeit“, kritisiert das oder stellt diese Ideologie auch nur in Frage.

Eine gut funktionierende solidarische Gesellschaft braucht keine Helden; sie braucht kritische denkende Menschen, die Spaß an ihrer Arbeit haben und hin und wieder auch das berühmte „Carpe diem!“ leben. Davon sind wir gerade jetzt Lichtjahre entfernt.

Armes Deutschland!!

Link zum Artikel: https://www.waz.de/staedte/gelsenkirchen/engagemen...




Zuletzt bearbeitet: 19.11.17 15:53 von Michael_Kraemer


Zur Erinnerung:

Von Wiebke Priehn, Hamburg

Die Gemeinnützigkeitsfalle:

Um Macht und Reichtum zu mehren und dafür die Entdemokratisierung und Entsolidarisierung der Gesellschaft weiter voranzutreiben, arbeiten die Geld- und Machteliten daran, nicht nur potentiell profitable öffentliche Bereiche in gewinnabwerfende private Unternehmen zu überführen. Auch der nicht unmittelbar profitable Bereich soll in Form von „gemeinnützigen“ (steuerbefreiten) Unternehmen (Stiftungen, gGmbHs...) in private Hände übergehen und demokratischer Kontrolle entzogen werden. Während für die Reichen die Steuern gesenkt werden, wird beklagt, der Staat habe kein Geld mehr, seinen Aufgaben in den Bereichen Soziales, Bildung, Wissenschaft, Kunst, Kultur, internationale Verständigung... nachzukommen. Als Lösung wird propagiert, Wohlhabende könnten mit ihrem Geld gemeinnützige Stiftungen gründen, um diese Aufgaben an Stelle des Staates zu erfüllen. Dies sei als „bürgerschaftliches Engagement“ im Übrigen staatlicher Umverteilung und Leistung vorzuziehen. Es verwirkliche die im Grundgesetz festgeschriebene Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Damit die Reichen hierfür einen Anreiz haben, soll so ein Engagement steuerlich weiter begünstigt werden, wodurch der Staat noch weniger Geld zur Verfügung hat. Als weiterer Anreiz soll gesellschaftliche Anerkennung dienen, die durch entsprechende PR-Maßnahmen und öffentliche Anerkennung durch die Politik erzeugt werden soll.

Sehr schön dargestellt hat Wolfgang Lieb das Problem in Bezug auf Bertelsmann in dem Aufsatz „Souffleure der Macht“:

Auszug:
“Der anonyme Wohlfahrtsstaat hat ausgedient, an seine Stelle tritt der soziale Staat, der vom bürgerschaftlichen Engagement und vom solidarischen Verhalten aller lebt. Dass möglichst viele verantwortungsvoll ihr Können in den Dienst der Gemeinschaft stellen, das macht diesen Staat auf Dauer lebensfähig“, das schrieb Liz Mohn gerade gestern (5.12.06) in einem Gastkommentar zum Tag des Ehrenamtes in der Financial Times Deutschland (FTD). Ist es die innere Distanzierung der Redaktion oder eher Stolz, wenn die FTD in einer Unterzeile darauf hinweist: „Das Unternehmen Bertelsmann ist über den Verlag Gruner + Jahr an der FTD beteiligt.“

Und wie wir gerade die letzten Tage lesen konnten, will Finanzminister Steinbrück dieses zivilgesellschaftliche Engagement in Zukunft noch stärker steuerlich privilegieren.
Die Rollenverteilung der gesellschaftlichen Gruppen bei ihrem „Dienst an der Gemeinschaft“ ergibt sich dabei ziemlich naturwüchsig daraus, was eben der einzelne mit seinem bürgerschaftlichen Engagement zu leisten vermag. Diejenigen, die nicht so viel Geld und Vermögen haben, machen Sozialarbeit, also Altenpflege oder Übungsleiter im Sportverein, die Vermögenden vergeben Forschungsaufträge oder Stiftungslehrstühle oder sie stiften gleich ganze Denkfabriken und prägen damit den Gang der Wissenschaft oder den gesellschaftlichen Diskurs und bestimmen so die gesellschaftliche und die politische Weiterentwicklung.
So hat sich eine private institutionelle Macht des Reichtums herausgebildet, die streng hierarchisch organisiert ihren Einfluss über das gesamte politische System ausdehnt und die Machtverteilung zwischen Parteien, Parlamenten und Exekutive unterwandert und gleichzeitig die öffentliche Meinung prägt.
Diese „zivilgesellschaftliche“ Macht stützt sich ausschließlich auf Reichtum und Vermögen. Darauf, dass eben zum Beispiel der Bertelsmann-Konzern und seine Stiftung mehr Geld hat als jede andere private und staatliche Institution, Expertisen und Gutachten erstellen zu lassen, Kongresse zu veranstalten, Forschungsaufträge zu erteilen, um die Mission ihres Stifters zu verbreiten. Demokratisch legitimierte Macht im Staate wird so mehr und mehr durch Wirtschaftsmacht zurückgedrängt, ja sogar teilweise schon ersetzt.
Dieser Weg in diese Art von Zivilgesellschaft befördert nicht nur die ohnehin bestehende extreme materielle Ungleichheit zwischen Arm und Reich, sondern dieser Weg schließt anders als das im Modell des Mehrheitsprinzip in der Demokratie vorgesehen ist - vor allem die große Mehrheit der weniger wohlhabenden Bevölkerung mehr und mehr von der politischen Teilhabe und der Gestaltung ihrer gesellschaftlichen Zukunft aus.
Aus Souffleuren der Macht werden die tatsächlichen Machthaber.

(Zitat Ende)

Diese Problematik (die gezielte, von breiten bürgerlichen Kreisen strategisch lobbyistisch unterstützte Ersetzung des demokratischen Sozialstaats durch einen privaten Gemeinnützigkeitssektor, Reiche ziehen den Armen und dem Staat unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit das Geld aus der Tasche) ist bisher noch nicht direkt Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung geworden. Kritische Literatur ist gibt es nur in Bezug auf das US-amerikanische Stiftungswesen, nicht jedoch bezogen auf die aktuelle Entwicklung in Deutschland/Europa.

Wiebke Priehn




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