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Thema: Man darf sich vor fremden Kulturen fürchten...


"Man darf sich vor einer fremden Kultur fürchten"
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-11/kulturelle-integration-leitkultur-werte-olaf-zimmermann-deutscher-kulturrat-interview

Die "Leitkultur" ist tot, sagt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Kulturrats. Über Werte müsse man dennoch streiten – besonders gegenüber dem Islam und der AfD.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über Leitkultur reden, ein Reizbegriff von Rechts wie von Links. Was halten Sie davon?

Olaf Zimmermann: Er ist verbrannt, weil er politisch missbraucht worden ist. Man sollte ihn nicht mehr verwenden. Der damalige Unions-Fraktionschef Friedrich Merz hat ihn vor zwanzig Jahren zu einem Kampfausdruck gemacht. Egal, mit welchen Inhalten man den Begriff jetzt füllt, er löst nur noch Emotionen und keine Diskussionen aus. Die Debatte an sich ist jedoch wichtig. Was hält uns als Gesellschaft noch zusammen? Gibt es einen gemeinsamen Wertekanon? Was meinen wir mit kultureller Integration? Darüber müssen wir sprechen und streiten.

ZEIT ONLINE: Die Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz meint, eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache sei nicht identifizierbar. Noch-Innenminister Thomas de Maizière dagegen findet, zur deutschen Leitkultur gehöre, sich die Hand zu geben, das Gesicht nicht zu verschleiern sowie das Leistungsprinzip.

Zimmermann: Beides sind Extrempositionen. Natürlich verbinden uns mehr als nur die Sprache und weit mehr als sich die Hand zu schütteln, was ja auch Menschen anderer Völker machen. Wir haben als Deutscher Kulturrat deshalb versucht, mit der Initiative Kulturelle Integration selbst einen Vorschlag für eine positive Deutung zu machen – eine Klammer, die uns zusammenhält. Das fängt damit an, dass wir uns Regeln setzen. Die Grundlage ist das Grundgesetz, in dem in den ersten Artikeln vor allem die Freiheitsrechte beschrieben sind. Die gelten für alle, die in diesem Land leben.

ZEIT ONLINE: Aber wieso brauchen wir dann noch eine verbindende Kultur?

Zimmermann: Recht und Gesetze reichen nicht aus, und es geht auch um mehr als nur soziale Regeln. Uns sind bestimmte Werte, Tugenden, Verhaltensweisen wichtig. Zum Beispiel, dass und wie wir miteinander kommunizieren. Bis hin zu der Frage, was machen wir mit unserer Geschichte? Führt die alle Menschen zusammen, die hier leben? Auch diejenigen, die hinzukommen, übernehmen ein Stück Verantwortung für die deutsche Geschichte. Genauso wie wir aus der Geschichte Tabus ableiten, zum Beispiel, dass wir nicht antisemitisch sein wollen.

ZEIT ONLINE: Müssen wir deshalb auch sensibel sein bei muslimischen Antisemitismus?

Zimmermann: Absolut. Wenn jemand aus einem arabischen Land hierherkommt, egal, mit welchem Schutzstatus, kann er nicht sagen, in seiner Heimat gehöre Antisemitismus zu den kulturellen Werten und das bringe er mit nach Deutschland. Da gibt es klare Grenzen.

ZEIT ONLINE: Und wie ist das mit dem Antiislamismus?

Zimmermann: Zu den Lehren aus unserer Geschichte und damit zu unserer Kultur gehört auch, andere Völker und Kulturen nicht abzuwerten. Das gilt selbstverständlich auch für die muslimische Kultur und Religion. Religiöse Toleranz ist einer der zentralen Pfeiler unseres Zusammenlebens. Jeder darf seine Religion leben – privat wie öffentlich. Wir sind ja kein laizistischer Staat wie Frankreich. Deshalb haben Muslime auch ein Recht darauf, Moscheen zu bauen, sichtbar wie Kirchen oder Synagogen. Das ist kein Gnadenakt, sondern leitet sich aus unserem Grundgesetz ab.


Zuletzt bearbeitet: 28.12.17 18:02 von Michael_Kraemer


ZEIT ONLINE: Ist es dennoch angebracht, davon zu sprechen, dass unsere deutsche und europäische Kultur christlich-jüdisch geprägt ist? Oder ist das schon eine Abwertung des Islam?

Zimmermann: Selbstverständlich ist unsere Kultur in Europa stark von der christlichen Religion beeinflusst. Auch von der jüdischen. Aber die haben unsere Vorfahren auszulöschen versucht. Auch das gehört zur Wahrheit. Diese Prägung muss man nicht verschweigen, trotz aller Entchristianisierung. Durch die Migration wächst der Einfluss des Islam. Das ist in unserer religionsoffenen Verfassung nicht nur möglich, sondern erwünscht. Jeder kann glauben, was er möchte. Oder auch nicht.

ZEIT ONLINE: Aber davon abgesehen: Was macht das Deutsche aus?

Zimmermann: Die deutsche Kultur steht nicht allein. Sie ist Teil der europäischen Kultur. Auch die amerikanische Kultur gehört, wenn man so will, dazu. Sie wurde ja von europäischen Auswanderern begründet. Neben der christlichen Prägung ist die Aufklärung ein zentraler Bestandteil. Da wurden in der harten Auseinandersetzung mit der Kirche Werte festgelegt, die heute noch von großer Bedeutung sind, zum Beispiel Individualität. Jeder Mensch, jeder Einzelne hat ein besonderen Wert, er ist nicht nur Teil einer sozialen Gruppe.

ZEIT ONLINE: Das gehört aber schon zum christlichen Menschenbild.

Zimmermann: Das Neue ist seit der Reformation, dass der Mensch sich nicht mehr die Gnade Gottes erarbeiten muss. Aber er trägt Verantwortung für sein Handeln. Das geht bis zum Raubbau an der Natur. Wer ganz individuell ist, kennt im Prinzip keine Grenzen mehr. In einer konformistischen Gesellschaft ohne Freiheitsrechte könnte man den Naturverbrauch einfach begrenzen. Das geht bei uns nicht. Eine freiheitliche Gesellschaft geht Risiken ein.

ZEIT ONLINE: Die muslimische Kultur kennt wesentlich weniger Freiheitsrechte des Einzelnen.

Zimmermann: Ja, und deshalb ist es auch falsch, so zu tun, als gäbe es keine Differenzen zwischen der christlichen und der muslimischen Kultur. Umso wichtiger ist es, gemeinsame Regeln auszuhandeln.

ZEIT ONLINE: Muss der Islam auch noch durch eine Aufklärung gehen?

Zimmermann: Einige fordern das. Wenn man sich das genauer anschaut, bedeutet das aber, dass wir unsere Maßstäbe absolut setzen und von den Muslimen verlangen, sich dem anzupassen. Da verstehe ich Muslime, wenn sie das als neo-kolonialistisch empfinden.

ZEIT ONLINE: Der Konflikt entsteht dadurch, dass Menschen, die hierherkommen, unter Berufung auf unsere Freiheit verlangen, ihre muslimische Kultur in ihrem Verständnis hier leben zu können, obwohl die wenig Freiheit und Individualität kennt. Müssen wir das akzeptieren?

Zimmermann: Jeder in diesem Land hat das Recht, die Grundbedingungen zu nutzen, die wir festgelegt haben. Die Grenze ist dort, wo Menschen versuchen, fundamentale Werte auszuhebeln, die wir uns gegeben haben. Die Gleichberechtigung der Frau zum Beispiel.



ZEIT ONLINE: Auch die Freiheit für andere Religionen?

Zimmermann: Selbstverständlich! Wer Freiheit für seine Religion verlangt, darf Andersgläubige oder nichtreligiöse Menschen nicht abwerten oder gar bekämpfen. Zur Religionsfreiheit gehört, dass man aus einer Religion aussteigen oder konvertieren kann ...

ZEIT ONLINE: … was der Islam nicht vorsieht.

Zimmermann: Auch bei Christen muss ein Abfall vom Glauben vorliegen, um nicht mehr Christ zu sein. Aber man kann sehr einfach mit einem Antrag bei Amtsgericht aus der evangelischen und katholischen Kirche austreten, ohne verfolgt oder gar umgebracht zu werden. Wir Christen sind da heute liberaler als viele Muslime. Allerdings sollten wir in diesen Fragen demütig in unsere jüngste Vergangenheit zurückblicken. Als ich eingeschult wurde, zog in mein kleines protestantisches Dorf im Taunus eine italienische Familie. Empört war die Dorfbevölkerung aber nicht darüber, dass sie keine Deutsche waren, sondern dass sie katholisch waren. Das war für die Menschen dort vor fünfzig Jahren ein Kulturschock, so wie heute für viele Christen, wenn Muslime ihren Glauben hier leben wollen. Zum Glück hat sich im Zusammenleben der Kulturen und Religionen in diesem Land seitdem eine Menge zum Positiven verändert.

ZEIT ONLINE: Geht es also vielleicht gar nicht so sehr um die unterschiedlichen Kulturen von Einheimischen und Migranten, sondern darum, was uns in diesem Land überhaupt noch zusammenhält, die Bayern und Mecklenburger, Ost- und Westdeutschen, Kosmopoliten und Heimatfreunde, Stadt und Land, Ältere und Jüngere, Gläubige und Nichtgläubige?

"Wir haben eine starke Elitenarroganz"

Zimmermann: So ist es. Die Debatte wird häufig aus der Sicht einer urbanen Oberschicht geführt, in der Politik, in den Medien, auch von Künstlern. Die Elite geht davon aus, dass sich alle Menschen so bewegen und verhalten wie sie selbst. Dass jeder Englisch spricht, weltläufig ist, sich an fremde Kulturen gewöhnt hat. Deshalb ist sie so schockiert, wenn sich in Form von Pegida oder der AfD Widerstand bildet. Viele Menschen kennen sich in der Welt nicht so aus. Sie können oder wollen nicht mobil sein. Sie sind ängstlicher gegenüber Fremden. Das Fremde ängstigt uns Menschen immer.

ZEIT ONLINE: Jeden?

Zimmermann: Das gehört zu uns Menschen. Wir sind ja Tiere von unserer Abstammung her. Und jedes Tier fürchtet sich erst einmal vor dem Unbekannten. Denn Furcht macht aufmerksam. Und mehr Aufmerksamkeit kann das Überleben sichern.

ZEIT ONLINE: Skepsis gegenüber Fremden und fremden Kulturen, nicht Fremdenfeindlichkeit oder Fremdenhass, ist also nichts Böses?



Zimmermann: Es ist nichts Verwerfliches, sich vor fremden Kulturen und Einflüssen zu ängstigen und sich unsicher zu fühlen, wenn Fremde mit ihren Kulturen hierherziehen. Kulturen grenzen sich immer von anderen ab. Jeder darf auch sagen, dass er seine Kultur besser findet. Schon allein, weil er daran gewohnt ist. Man darf nur anderen Kulturen nicht die Existenzberechtigung und die Entfaltungsmöglichkeiten absprechen.

ZEIT ONLINE: Darf man auch stolz sein auf die deutsche Kultur?

Zimmermann: Selbstverständlich. Man sollte es sogar.

ZEIT ONLINE: Auch auf die deutsche Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und Effizienz?

Zimmermann: Wenn ich Menschen im Ausland treffe, schätzen sie gerade das an uns Deutschen. Die protestantische Ethik, die sich auch im Arbeitseifer äußert, ist eine der deutlichsten Ausdrucksformen unserer Kultur. Bei uns gehört Arbeit zum Menschsein dazu. Das ist schlimm für die, die keine Arbeit haben oder nicht arbeiten können. Andere Länder staunen manchmal über unser Herumhetzen und Schuften. Aber auch für die Entwicklung in Deutschland, in Europa und darüber hinaus war und ist diese sehr deutsche Einstellung zur Arbeit elementar.

ZEIT ONLINE: Macht sie uns als Deutsche und als Menschen aus, die hier arbeiten und leben?

"Arbeit ist der zentrale Hebel der Integration"

Zimmermann: Ja, das ist ein entscheidender Punkt, wenn es darum geht, was uns zusammenhält. Deshalb kann Integration nur gelingen, wenn wir die Zuwanderer in Arbeit bringen. Nur dann gehören sie zu unserer Gesellschaft. Wenn wir sie jahrelang in Unterkünften isolieren und ihnen verbieten zu arbeiten, sorgen wir nur dafür, dass sie in diesem Land nie ankommen. Integration in Arbeit ist der zentrale Hebel der Integration.

ZEIT ONLINE: Auch kulturell?

Zimmermann: Ja. Man kann die Deutschen und die deutsche Kultur nicht verstehen, wenn man nicht weiß, wie wir arbeiten. Und wenn man nicht selbst hier mitschuften darf.

ZEIT ONLINE: Dabei geht es auch um Würde. Zur Menschenwürde gehört, für sich und seine Familie sorgen zu können. Oder?

Zimmermann: Absolut. Das war der richtige Grundgedanke der sozialdemokratischen Agenda 2010: Menschen zu helfen, damit sie sich selbst helfen können und nicht länger vom Staat und der Gemeinschaft abhängen. Das gilt genauso für Migranten. Wenn wir sie aus den Heimen herausholen und arbeiten lassen, geben wird ihnen nicht nur Würde, sondern auch Freiheit – ein weiterer zentraler Wert unserer Kultur. Auch materielle Freiheit. Und wir bauen nebenbei das Gefühl bei Einheimischen ab, die Migranten würden ihnen alle nur auf der Tasche liegen.

ZEIT ONLINE: War die Vorstellung der deutschen Kultur nicht ursprünglich etwas Inklusives? Deutschland als Nationalstaat gibt es ja erst seit 146 Jahren.

Zimmermann: Deutsch zu sein, wird zu oft mit der Nationalfrage und der Staatsbürgerschaft verbunden. Das ist in der Tat ein großes Missverständnis. Goethe sprach von der deutschen Weltkultur. Nicht aus Hybris, sondern als Angebot an alle Menschen. Deutsch im umfassenden Sinn meint heute nicht nur die, die einen deutschen Pass haben, sondern alle, die in Deutschland leben.

ZEIT ONLINE: Aber die Neudazugekommenen bringen natürlich auch ihre eigene Kultur mit.

Zimmermann: Das ist doch bei uns Einheimischen nicht anders! Ich stamme aus dem Taunus, habe lange im Rheinland gelebt und bin jetzt seit zwanzig Jahren in Berlin. Dennoch habe ich immer noch eine besondere emotionale Bindung an meine Heimatregion. Das gilt natürlich auch für Menschen mit türkischen, syrischen oder afghanischen Wurzeln. Die werden immer auch Teil ihrer alten Heimat oder der ihrer Eltern und Großeltern bleiben. Niemand sollte versuchen, ihnen das zu entreißen. Trotzdem gibt es etwas Umfassenderes, das uns zusammenhält und zusammenhalten muss.

ZEIT ONLINE: Macht uns Deutsche auch aus, dass viele bis heute mit dem Nationalen, gar mit Nationalstolz Schwierigkeiten haben?

Zimmermann: Wir sind aufgrund unserer Geschichte sehr kritisch gegenüber jedem nationalen Überschwang. Das ist eine sehr positive deutsche Tugend. Deshalb darf es auch nie einen Schlussstrich unter unsere Geschichte geben.

ZEIT ONLINE: Diese Debatte gibt es aber nicht mit Zuwanderern, sondern mit Einheimischen, die wie der AfD-Extremist Höcke die Holocaust-Gedenkstätte für ein "Denkmal der Schande" halten.

Zimmermann: Kulturelle Integration ist eine Aufgabe nicht nur für Migranten, sondern für alle Menschen in diesem Land. Deshalb müssen auch Anhänger der AfD und von Pegida wieder das Gefühl bekommen, dass sie dazugehören. Nicht nur die Neubürger in unserem Land müssen unsere Werte kennenlernen, sondern auch viele Alteingesessene.

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